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Full text of "Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung auf dem Gebiete des deutschen, griechischen und lateinischen"

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IJiifol     /^ 


HARVARD 
COLLEGE 
LIBRARY 


ZEITSCHRIFT 

Vergleichende 
SPRACHFORSCHUNG 

AUP  DEM  GEBIETE  DES 

DEUTSCHEN,   GRIECHISCHEN  UND 
LATEINISCHEN 

llERADSOEQEBEN 


2>r.  ABAXiBZiatT  XVBIT, 

PROrBSSOR  AM  CÖrjnSCHKir  OTMNASIUM  2U  BERUH. 


BAND  XVm. 


BERLIN, 

PKRD.  DOMMLBR'8  VERLAGSBUCHHANDLUNG 

(HASSWITZ  OND  OOSSHANN) 

1869. 


Tftifol   /S 


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I     LI  Kl 


Verzeichnis  der  bisherigen  mitarbeiter. 


Directar  dr.  Ahrens    in   Han- 

nover* 
Dr.  Andresen  in  Berlin. 
C.  Arendt   s.  z.  in  Peking. 
Pro£  AscoU  in  Mailand. 
Prof.  dr.  Th.  Aufreckt  in  Bdin- 

borg. 
Prof.    dr.   Ag.  Benanf   in  Ber- 

yn  t- 

Prof.  dr.  Tk.  Benfcff  in  Gottin- 
geiu 

Prof.  dr.  BickeU  in  Münster. 

Dr.  A.  Birhnger  in  Bonn. 

Staatarath  dr.  0.  e.  BoehiUngk 
z.  s.  in  Jena. 

Prof.  dr.  BoUensen  in  Witten- 
haasen  a.  d.  Werra. 

Prof.  dr.  F.  Bopp  in  Berlin  f- 

Prof.  mchel  BrM  in  Paris. 

Prot.  dr.  Ernst  Brüche  in  Wien. 

Dr.  Jo%.  Buden»  in  Pesth. 

Prof.  dr.  G.  Bühler  in  Pnna. 

Prof.  dr.  Sophius  Bugge  in  Chri- 
atiaoia. 

Dr.  W.  Ciemm  in  Oieisen. 

Prof.  Z>.  CamparetH  in  Pisa. 

Prof.  dr.  W,  Corssen  in  Berlin. 

Prof.  dr.  G.  Curtius  in  Leipzig. 

Dr.  Eerthold  Delbrück  in  Halle. 

Dr.Lor^fM  Diefenbach  in  Frank- 
furt a.  M. 

Dveetor  prof.  dr.  A.  Dietrich 
in  Erfturt 


Prof.  dr.  H.  Düntner  in  Cöln. 

Dr.  H.  Ebel  in  ScbneidemfihL 

Dr.  Gu$t,  Eschmann  in  Barg- 
steinfurt 

Aug.  Fick  in  Göttingen. 

Oberbibliothekar  prof.  dr.  E. 
Förstemann  in  Dresden. 

Dr.  Froehde  in  Liegnitz. 

Dr.  G.  Gerland  in  Magdeburg. 

Schnlrath  dr.  A.  Goebel  in  Kö- 
nigsberg i.  Pr. 

Heinr,  Gradl  in  Eger. 

Prof.  dr.  Grafsnuinn  in  Stettin. 

Hofratb  J.  Grimm  in  Berlin  f. 

Prof.  dr.  F.  Grohmann  in  Prag. 

Prof  dr.  M,  Hang  in  Manchen. 

Dr.  Ludwig  Hinel  in  Frauen- 
feld  (Cant.  Thargan). 

Hofratb  dr.  HoUtmann  in  Hei- 
delberg. 

Prof.  dr.  Ht^feld  in  Halle  f. 

J.  B,  Janku  in  Florenz. 

Prof.  dr.  Jülg  in  Innsbruck. 

G.  Jurmann  in  Wien. 

Prof.  dr.  H.  Kern  in  Leyden. 

Prof.  F.  Kielhom  in  Bombay. 

Justizr.  dr.  Th.  Kind  in  Leipzig  f. 

Prof.  dr.  Kirchhoff  in  Berlin. 

Dr.  Gustav  Kifsling  in  Bremen 

Dr.K.  V.  Knoblauch. 

Dr.  Reinhold  Köhler  in  Wei- 
mar. 

Prof.  dr.  A.  Kuhn  in  Berlin. 


Verzeichnis  der  bisherigeD  mitarbeiter. 


Gymnasiallehrer  dr.  Gustav  Le- 

gerloU  in  Soest. 
Dr.  F.  A.  Leo  in  Berlin. 
Prof.  dr.  H,  Leo  in  Elalle. 
Prof.  dr.  R,  Lepsius  in  Berlin. 
Prof.    dr.  M.  Lexer    in  Würz- 

barg. 
Prof.  F.  Liebrechi  in  Luttich. 
Prof.  dr.  C.  Lottner  in  Dublin. 
Prof.  dr.  A.  Ludwig  in  Prag. 
Dr.  W.  Mannhardt  in  Danzig. 
Dr.  H,  Martens  in  Bremen. 
Prof.  dr.  Mafsmann  in  Berlin. 
Dr.  Maurophrydes  aas  Kappa- 

docien  in  Athen  f. 
Prof.  dr.  Leo  Meyer  in  Dorpat. 
Prof.  dr.  Michaelis  in  Berlin. 
Fran%  MisteH  in  St.  Gallen. 
Prof.  dr.  Th.  Möbius  in  Kiel. 
Prof.  dr.  K.  MMenhoff  in  Berlin. 
Prof.  dr.  Max  Müller  in  Oxford. 
Prof.  dr.  Friedrich   Müller    in 

Wien. 
Prof.  dr.  Mussaßa  in  Wien. 
Dr.  Pauk  in  Münden. 
Dr.  Ign.  Fetter s  in  Leitroeritz. 
Dr.  FHedr,  Pfeiffer  in  Breslau. 
Prof.  dr.  A.  Fielet  in  Genf. 
Prof.  dr.  A.  F.  Pott  in  Halle. 
Prof.  dr.  Karl  Regel  in  Gotha. 
Dr.  Rieh,  Rödiger  in  Berlin. 
Dr.  Rossekt  in  Berlin  f. 


,    Prof.  dr.  R,  Roth  iu  Tubingen. 

Prof.  dr.  J.  Savelsbergin  Aachen. 
'  Prof.  dr.  A .  Schleicher  i n  Jena +. 
I    Dr.  Johannes  Schmidt  in  Bonn. 

Prof.  dr.  M,  Schmidt  in  Jena. 

Prof.  dr.  Schmidt'  Göbel  in  Lern- 
berg. 

Prof.  dr.  Schnitterin  Bllwangen. 
;    Dr.  G.  Schönberg. 
!    Dr.  Schröder  in  Merseburg  f. 
'    Dr.  Hugo  Schuchardt. 
I    Prof.  dr.  H.  Schweizer- Sidler 
\  in  Zürich. 

!    Rector  dr.  W,  Sonne  in  Wismar. 
I    Prof.  dr.  Spiegel  in  Erlangen. 

Prof.  dr.  H.  Steinthal  in  Berlin. 

Director  G.  SHer  in  Zerbst. 

Dr.  Strehlke  in  Danzig. 

Dr.  Techen  in  Wismar. 

Prof.  dr.  L,  Tobler  in  Bern. 

Prof.  dr.  W.  Treitt  in  Marburgf. 

K.  Walter  in  Freienwalde  a.  O  f. 

Prof.  dr.  A.  Weber  in  Berlin. 

Prof.  dr.  Hugo  Weber  in  Weimar. 

Prof.  dr.  Weinhold  in  Kiel. 

Prof.  dr.  Westphal. 

Dr.  mibrandl  in  Rostock. 

Fr,  Woeste  in  Iserlohn. 

Oberlehrer  dr.  Zeyl^  \n  Marien- 
Werder. 

Prof.  Zyro  in  Bern. 


Inhalt. 


Srite 
Beitiige  zur  lateinischen  Uatlefare  and  etymologie.    1.  Die  doppelte  te- 

nma.     Von   dr.  Carl  Pauli 1 

Zur  diakktforschung.     II.  Alemannisch.     Von   dr.  A.  Birlinger     .     .  40 

Die  verba  auf  -erare  -izon.     Von  Alfred  Ludwig 52 

Amor  und  Psyche  —  Zeus  und  Semele  —  Piirflravas  und  Ui'va9i.   Von 

Felix  Liebrecht 56 

Yil.  Clemm:   De  compositis  Graecis   quae   a  verbis  incipiunt     Ange- 
zeigt von  Rieh.  Rödiger 66 

F.  C.  August  Fick:  Wörterbuch  der  indogerm.  gmndsprache.     Ange- 
zeigt von  B.Delbrück 78 

Lachmann.     Von  K.  G.  Andresen 79 

Ueber  den  indogermanischen,  speoiell  den  vedischen  dativ.    Von  B.  Del- 
brück    81 

Jubere.     Von  Wilbrandt 106 

Il^nTa  —  flyo/Jaia.     Ein   beitrag  zur  Charakteristik  der  griechischen 

vnlgttrsprache.     Von   dr.  Theod.  Kind 118 

W.  D.  Whitney:    Language   and   the   study   of  language.     Angezeigt 

von  W.  Clemm 119 

Am^d^e  de  Caix  de  Saint-Ay mour:  La  langue  latine  dtudi^e  dans 

Tunit^  Indo-Europ^enne.     Angezeigt  von  W.  Corssen     .     .     .     .  125 
Gustave  Deville:   ^tude   sur  le   dialecte   tzaconien.     Angezeigt  von 

D.  Comparetti 182 

J.H.Oswald:  Das  grammatische  geschlecht  und  seine  bedeutung.   An- 
gezeigt von  Johannes  Schmidt 150 

Zar  kenntnifs  der  ältesten  runen.     Von  Th.  Möbius 158 

Schlittschuh  oder  schrittschuh.     Von  K.  6.  Andresen 168 

Eisenmengo-.     Von  demselben 159 

Lateinische  wortdeutimgen ;  1)  prope.  2)  fovea.  favissa.  Von  F.  Froehde  159 

Alt-,  mittel-,  neüurdeutach.     Von  £.  Förstemann 161 

Altoskische  sprachdenkmlUer  in  griechischer  schrift.    1 )  Grabschrift  von 

Sorrento.     2)  Grabschrift  von  Anzi.     Von  W.  Corssen      .     .     .187 

Ceres.     Von  Max  Müller 211 

Hephaistos.     Von  demselben 212 

Franz   Stark:   Die   kosenamen   der  Germanen.     Angezeigt   von  K.  G. 

Andresen 216 

Ph.  Dietz:  Wörterbuch  zu  dr.  Martin  Luthers  deutschen  Schriften.  An- 
gezeigt von  A.  Kuhn 287 

Erklärung.     Von  W.  Clemm 287 

Antwort.     Von  Rieh.  RÖdiger 240 


VI  Inhalt. 

Seit« 
Altoskische  apracbdenkniKler  in  griechischer  schrift.    2)  Grabschrift  von 
Anzi  (schlufs).     8)  Weiheinschrift  eines  helmes  zu  Palermo.     Von 

W.  Corssen 241 

Ueber  die  entstehung  des  o  aus  u  im  lateinischen.  Von  F.  Froehde  258 
Zum  ostürtnkischen  vokalismus.    III.  Metathesis.    IV.  Verengung.     Von 

Heinrich  Gradl 263 

F.  Baudry:    Grammaire  compar^e   des  langues   dassiqnes.     Angezeigt 

von  H.  Schweizer-Sidler 284 

W.  Corssen:  Ueber  ausspräche,  vokalismus  und  betonung  der  latein. 
spräche.  Zweite  ausgäbe,  erster  band.  Angezeigt  von  H.  Schwei- 
zer-Sidler    291 

Aiiyio  und ^^t/yM'^ft.     Von  G.  Schön berg 811 

Lateinische  wortdeutnngen :  1)  frendo.  2)  infestns.  Von  F.  Froehde  .  818 
Nachruf  (August  Schleicher).  Von  Johannes  Schmidt  .  .  .  816 
Wilhelm  Scherer:  Zur  geschieht«  der  deutschen  spräche.    Angezeigt 

von  A.  Kuhn 321 

Lira  und  porca  das  ^ackerbeet;  fitkivti  die  hirse,  malva  die  malve.   Von 

A.  Fick 412 

Allerlei:  ira^fto;,  ntpa^,  nXarvq  salzig,  nlrfff/ia  same,  nQ^<r/*at  qtUoq, 

Xogdöq]  hiiirto,  fon,  fani.     Von  demselben 414 

Lateinisches  und  romanisches.  TV.  Die  Corssen'sche  benrtheilung  meiner 
ansichten  über  die  lateinischen  fortsetzer  der  indogermanischen  und 

gräkoitalischen  aspiraten.     Von  G.  I.  Ascoli 417 

Revue  de  linguistique  et  de  philologie  compar^e.    Tome  premier,  I*'  et 

II«  fascicule.     Angezeigt  von  Job.  Schmidt 446 

Zu  den  secund&rsnffixen  -an,  -Ina,  -inja,  -tä,  -tva,  -vant.   Von  A.  Fick  458 

Nimis.     Von  Michel  Br^al 456 

Sach-  und  Wortregister.     Von  £.  Kuhn 457 


U(3'\    .      '    «>-■    1^ 


ZEITSCHEIFT 

\  FÜR 

,1 
'i 

(  VERGLEICHENDE 

SPRACHFORSCHUNG 

AUF  DfiM  GEBIETE  DES 

DEUTSCHEN,   GRIECmSCHEN   UND 
LATEINISCHEN 


HERAÜSQEGEBEN 


Br.  ASAX.BSItT  KUHN, 

PROFB880R  AH  CÖLNISOHEX  OTM2VASIUM  ZU  ft^SSJOS, 


BAND  XVm. 
ERSTES   HEFT. 


BERLIN, 

PERD.  DOMMLBB'8  VEBLAGSBDCBHANDLUNO 

(HABBWITZ  CHD  GOSSUAIIII) 
1868. 


Inhalt.  Seite 

Beiträge  zar  lateinifichen  lantlehre  und  etjmologie.   Von  dr.  Carl 

Pauli 1 

Zur  dialektfonchung.    Von  dr.  A.  Birlinger 40 

Die  verba  auf -erare  -izon.    Von  Alfred  Ludwig 52 

Amor  und  Psyche  —  Zeus  und  Semele  —  Purüravus  und  Urva^i. 

Von  Felix  Liebrecht 56 

Anzeigen:   De  compositis  Graecis  quae  a  verbis  incipiunt.    Diss. 

inang.  Scripsit  Vil.  Clemm.  Von  Rieh.  Rödiger  ...  66 
Wörterbuch  der  indogermanischen  grundsprache  in  ihrem  bestände 

vor  der  Yölkertrennnng.   Ein  sprachgeschichtlicher  versuch  von 

F.  C.  August  Fick.    Von  B.  Delbrück 73 

Miscelle:   Lachmann.   Von  K.  6.  Andresen 79 


Beilage:  Prospeot  über  die  Donner^ sehe  Uebersetzung  des  Sophokles. 
6.  Auflage.  Verlag  der  G .  F.  W  i  n  t  e  r  ^  sehen  Verlagsbuchhandl ung 
in  Leipzig  und  Heidelberg. 


Verlag  von  F.  C.  W.  Vogel  in  Leipzig. 

Der  Bundehesh. 

Zum  ersten  Male  herausgegeben,  transcribirt,  über- 
setzt und  mit  Glossar  versehen 

von 
Ferdinand  Jnsti. 

Prot  In  Uarbttrg. 
4.     540  Seiten,     geh.     Preis  14  Thlr. 


3n  unfcrm  Verlage  crfd^icn  focben: 

®pnä)XoüxkXf  JRcbcnSartcn,  Sietmc 

gcfammclt  öon 

Dr.  ;?lnton  ISirlinger. 

@cbcj.    clcg.  gc^.  12  @gr. 

3)icfc  intercffante  fleine  ©ammlung  Wließt  fid^  an  ^öfcr'«  „3Bic  baö 
iOoIt  \pn6ftf*  an.  @te  gä^It  1191  9htinmem.  2)er  $ret6  fttr  ba9  9  Sogen 
^oxUf  elegant  andgefiattete  SQuäf  ift  fe^t  niebrig  gefleHt. 

Seritn.  9etb«  Cummlet'^  SetlagdBu4(anb(utig. 

(^arrrni^  tmb  ©ogmann.) 


Beiträge  zur  lateinischen  lautlehre  und  ety- 
mologie. 


Jtlia 


1.     Die  doppelte  tenuis. 


is  sind  bekaontlieh  im  lateinischen  eine  anzahl  Wörter 
vorhanden,  welche  theiU  ausschliefslich ,  theils  in  wecbfel 
mit  der  einfachen,  mit  doppelter  tenuis  geschrieben  wer* 
den.  Die  worter  sind  zum  theil  schon  einer  behandlung 
unterworfen  worden,  namentlich  die,  welche  cc  enthalten^ 
80  von  Meyer  im  sechsten  bände  dieser  Zeitschrift  und  von 
Gorssen  in  den  kritischen  beitragen  und  in  den  kritischen 
Dachträgen.  Allein  eine  weitere  anzahl  dieser  bildungen 
sind  noch  nicht  untersucht  worden,  und  überdies  ist  selbst 
in  den  bereits  behandelten  manches  noch  nicht  zu  einer 
solchen  klarheit  gediehen,  dafs  eine  abermalige  Untersu- 
chung überflüssig  wäre. 

Um  zunächst  den  sto£P  zu  sichten,  so  sind  von  den 
zu  behandelnden  Wörtern  alle  fremdwörter  auszusohlieTsen. 
Aufser  den  offenkundig  aus  dem  griechischen  stammenden, 
wie  attagen  das  haselhuhn  u.  dgl.,  sind  es  etwa  folgende: 
1.  Saccus  sack  gilt  gewöhnlich  f&r  dem  griechischen 
entnommen.  Gorssen  krit.  nachtr.  64  hält  die  entlehnung 
f&r  nicht  erwiesen  und  zieht  es  mit  sagum  und  soccus  zu 
einer  wurzel  sag  decken.  Dieselbe  ist  aber  weder  bei  We- 
stergaard  belegt,  noch  findet  sie  sich  im  Rigveda.  Das  gr. 
aärrm  rüste  aus,  bepacke,  fülle  an,  häufe  auf  hat  bei  He- 
rodot  das  plusquamperfect  i<fs(xdxccTo,  aus  welcher  form 
aber  auf  den  wurzelauslaut  nicht  geschlossen  werden  kann. 
Dazu  gehört  ($dyua  packsattel,  oberkleid,  schilddecke, 
worin  das  y  wie  im  particip  rfetTayfAivoc;  des  nasals  wegen 

Zeitochr.  f.  vgh  sprachf.  XVITI,  1.  t 


2  Paali 

stehn  kann.  Von  (sdyfAa  sind  nicht  zu  trennen  adyoi;  sei- 
datenmantel,  adyi]  saumsattel,  waflfenrüstung,  kleidang. 
Hier  zeigt  sich  die  wurzel  also  auch  unabhängig  vom  na- 
sal mit  der  media.  Curtius  grundz.'  602  zieht  mit  recht 
auch  adxoQ  schild  zu  ödxtfa  und  demnach  wäre  als  würze! 
sak  aufzustellen,  welcher  wurzelform  obige  Wörter  nicht 
widerstreiten,  da  sich  ja  in  griechischen  Wörtern  öfter  der 
Wurzelauslaut  von  tenuis  zur  media  schwächt,  wie  Curtius 
im  Index  lect.  Kil.  aest.  1857  bewiesen  hat.  Die  bedeutun- 
gen  der  obigen  Wörter  weisen  alle  auf  den  grundbegriff 
des  ,,drüberdeckens^  hin,  woraus  sich  leicht  die  des  man- 
tels  (toga  :  tego),  des  Schildes  (scütum  :  sku),  der  rfistung 
(tegumen  :  tego),  des  satteis  ableiten.  Von  diesem  begriff 
des  drüberdeckens  nun  liegt  aber  in  Saccus  keine  spur: 
Saccus  heilst  das  filtertuch,  ein  stQck  zeug  zum  (kalten 
oder  warmen)  uuischlag,  der  kornsack,  der  bettelsack,  ein 
härenes  gewand,  sacculus  das  filtertucb,  ein  geldbeutel, 
sacceus  aus  Sackleinwand  gemacht,  sacco  ich  filtrire.  Alle 
diese  bedeutungen  weisen  klar  genug  darauf  hin,  dafs  Sac- 
cus (denn  dies  ist  ja  das  Stammwort  der  andern)  ein  stück 
groben,  rauhen  zeuges  sei,  hauptsächlich  benutzt  zum 
filtriren,  aber  auch  zu  umschlagen  (wie  unser  löschpapier), 
zu  Säcken  und  grojben  kleidern.  Genau  dieselbe  bedeutaog 
zeigt  nur  das  griechische  adxxog  mit  seinen  ableitungen: 
aaKxos  ist  grobes,  dickes  zeug  aus  Ziegenhaaren  und  das 
daraus  verfertigte,  als  Seihtuch,  sack,  kleid  (auch  ein  rau- 
her, zottiger  hart),  aaxxiov  Seihtuch,  beutel,  adxxivog  aus 
sacktuch  gemacht,  aaxxaoj  ich  seihe.  Aber  die  Überein- 
stimmung geht  noch  weiter.  Das  hebr.  piD,  plur.  a-'piD  (also 
mit  kk)  heifst  grobes,  härenes  zeug,  filtertucb,  getreidesack, 
trauerkleid,  das  verbum  ppr  (t  und  is  sind  etymologisch 
gleich  nach  Gesenius  lex.  hebr.  sub  litt,  in)  seihen,  klären, 
läutern.  Eine  vierfache  möglichkeit  nun  liegt  vor:  entwe- 
der die  Identität  der  semitischen  worte  mit  den  gpechisch- 
lateinischen  ist  zufall,  oder  die  letzteren  sind  ersteren  ent- 
lehnt, oder  umgekehrt  das  semitische  wort  den  Indoger- 
manen,  oder  es  findet  Urverwandtschaft  statt.  Von  letzte- 
rer möglichkeit  darf  ich  wohl  absehn,  das  spiel  des  zufalls 


beitrage  znr  lateiniBchen  lauüehre  and  etjrmologie.  3 

aber  müfste  f&r  sehr  bewunderangswürdig  gelten,  also  bliebe 
nar  *  entiehnuDg.  Und  da  ist  es  doch  wahrscheinlioher, 
dafs  das  wort  den  Griechen  mit  dem  stofFe  aus  ziegenhaa- 
ren  selbst  und  durch  die  Griechen  den  Lateinern,  durch 
diese  den  Goten  u.  a.  zugeführt  sei,  als  umgekehrt,  denn 
die  hebräischen  Wörter  sind  durchaus  semitischen  ansehens, 
während  die  griechischen  und  lateinischen  Wörter,  nament- 
lich das  griechische  mit  seinem  kk  (das  lat.  cc  erklärte 
sich  eher),  einen  gewissen  barbarischen  typus  nicht  ver* 
leugnen  können  und  überdies  nicht  auf  eine  indog.  wurzel 
zurQckzuftkhren  sind,  da  sie  eben  zu  dem  oben  genannten 
aak  „  drflberdecken  ^  der  bedeutung  nach  nicht  stimmen, 
und  man  dem  von  Benfey  gr.  wll.  I,  432  gemachten  ver* 
suche  aus  lautlichen  gründen  kaum  wird  beistimmen  kön- 
nen. Gerhard  Johann  Vossius  wird  daher  doch  wohl  recht 
behalten  müssen,  wenn  er  im  Etymologicon  sagt:  „Saccus, 
uon  a  sago,  —  sed  a  Graeeo  aäxxog^  quod  ipsum  est  non 
a  öarro}  — ,  sed  ab  Hebraeo  pttJ*'. 

2.  bracca  und  bräca  die  hose.  Da  das  wort  zu- 
erst von  Ovid  und  zwar  nur  von  ausländischer  tracht  ge- 
braucht wird,  später  mit  der  sache  selbst  nach  Rom  im- 
portirt  wurde,  da  ferner  die  hose  nord.  brök,  schwed.  brök, 
dftn.  brög,  ags.  bröc,  engl,  breeches,  fris.  brök,  niederl.  broek, 
ahd.  pruoh,  mhd.  bruoch  heifst,  sämmtlich  formen,  deren 
lautstand  den  germanischen  lautgesetzen  völlig  entsprechend 
ist,  so  dafs  hier  von  entlehnung  aus  dem  lateinischen  nicht 
die  rede  sein  kann,  so  ist  bräca  (wie  alsdann  zu  schreiben 
ist)  ohne  zweifei  germanischen  Ursprungs.  Das  gael.  brio- 
gm  hosen  könnte  auch  auf  celtischen  Ursprung  deuten, 
scheint  mir  aber  selbst  der  entlehnung  aus  dem  angelsäch- 
sischen verdächtig,  da  es  sehr  vereinsamt  im  celtischen 
steht  (wenigstens  sind  mir  weitere  formen  nicht  bekannt). 
Gleichzeitig  mit  Ovid  findet  sich  das  wort  auch  im  griechi- 
schen, wo  es  beiDiod.Sic.5, 30  in  der  form  ßodxai  auftritt. 

3.  baccar,  baccaris  (auch  mit  cch  geschrieben) 
celtischer  baldrian  wird  auch  wohl  celtischen  namen  ha- 
ben, wenigstens  stimmt  das  gaelische  bächar,  welches  im 
gaelic  dictionary  der  Highland  Society  mit  der  bedeutung 


4  Panli 

tbe  herb  ladj's  glove,  digitalis  angefahrt  wird,  ioaofern  zu 
baccar,  als  es  wenigstens  auch  nanic  einer  pflanze  ist- 

4.  beccus  der  schnabel  Suet.  Vitell.  18,  welches  von 
den  lexicis  als  gallisch  angegeben  wird.  Ich  vermag  zwar 
aus  dem  mir  zugänglichen  material  keine  celtischen  ver- 
wandten beizubringen,  allein  echt  lateinisch  erscheint  das 
wort  jedenfalls  auch  nicht,  weshalb  ich  es  hier  aufflQhre. 

5.  CO cc um  die  Scharlachbeere,  zuerst  bei  Horat.  sat. 
2,6,  102,  dem  gr.  xoxxog  entlehnt,  welches  in  der  bedeu* 
tuDg  kern  von  fruchten  sich  schon  im  hymn.  Cer.  und  bei 
Herodot,  das  adj.  xoxxtvo^;  scharlachroth  bei  Aristoph.  vesp. 
1067  findet.  Allein  auch  das  gr.  xoxxog  sieht  sehr  nngrie- 
chisch  aus,  ohne  dafs  ich  freilich  etwas  verwandtes  angeben 
könnte,  denn,  was  Benfey  gr.  wll.  II,  159  vorbringt,  ist 
wenig  wahrscheinlich« 

6.  matta  die  matte  Ov.  Fast.  6,  680.  Das  wort  fin- 
det sich  aufser  im  lateinischen  nur  noch  in  den  deutschen 
sprachen,  ahd.  matta,  mhd.  matte,  matze,  ags.  meatta.  Die 
deutschen  Wörter  stimmen  weder  untereinander,  noch  mit 
dem  lateinischen  in  bezug  auf  die  lautverschiebung.  Es 
ist  also  höchst  wahrscheinlich,  dafs  sie  entweder  dem  la- 
teinischen, oder  auch  mit  diesem  gemeinsam  einer  dritten 
spräche  entlehnt  seien,  was  dann  doch  wohl  nur  das  cel- 
tische  sein  könnte.  Celtisch  aber  vermag  ich  kein  ver- 
wandtes wort  nachzuweisen,  daher  wohl  die  erstere  an- 
nähme die  richtige  sein  mag.  Es  hat  aber  nun  auch  das 
lateinische  wort  weder  im  lateinischen,  noch  sonst  im  in- 
dogermanischen ein  passendes  etymon,  denn  Pottes  versuch 
(n%  108),  es  aus  nadh  nectere  abzuleiten,  wird  kaum  bil- 
ligung  finden.  Sollte  es  daher  nicht  wie  Saccus  semitischen 
Ursprungs  sein  und  der  name  mit  der  sache  den  Römern 
importirt  sein,  zumal  es  ein  dna^  kByouevov  wenigstens 
des  klassischen  lateins  ist?  Vossius  denkt  an  hebr.  nxs'ü 
bett,  polster.  Da  aber  das  wort  den  Griechen  fehlt,  so  ist 
es  den  Römern  wohl  eher  von  den  Carthagern,  als  von 
Asien  aus  über  Griechenland  zugeführt  (vgl.  mappa  unter 
no.  9).   Vergleichbares  vermag  ich  aber  nicht  beizubringen. 

7.   mattea  (mattya,  mactea)  leckerbissen,  gilt  f))r 


beitrage  zur  lateinischen  iautlehre  and  etymologie.  5 

dem  griechischen  ptatrva^  /Kcxrrt/r/,  auch  uarrvt^g  ein  be- 
stimmtes gericht  entlehnt  and  die  Schreibweise  mattya  be- 
weist das  wohl  als  begründet.  Das  gericht  soll  ans  Ma- 
cedonien  nach  Griechenland  gekommen  sein,  und  wird  dar 
her  auch  der  name  von  dort  stammen  ( cf.  Hesych.  s.  t. 
fuzTtvfjg  Schm.),  da  die  herleitung  von  fAecaato  kneten  we- 
gen des  hier  wurzelhaften  gutturalauslauts  y  oder  x  schwie- 
rig ist.  Die  formen  mattea  und  mactea  halte  ich  dem 
streben  entsprungen,  das  wort  lateinischem  munde  gerech- 
ter zu  machen^  letzteres  vielleicht  unter  anklang  an  macto 
schlachten. 

8.  cottana,  auch  cottona,  cotona  und,  wie  eben 
mactea,  mit  et  fQr  tt  coctana  geschrieben,  ist  der  name 
kleiner  syrischer  feigen.  Da  auch  Hesych.  das  wort  in 
der  glosse  xottava*  eloog  (fvxwv  fAtxQtav  kennt,  so  ist  an- 
zunehmen, dafs  dasselbe  den  Lateinern  von  den  Griechen, 
diesen  mit  der  Sache  von  Asien  zukam.  Meiner  meinnng 
nach  liegt  darin  das  hebr.  qatön  klein  oder  eine  fthnliohe 
syrische  form,  da  die  gleiche  wurzel  z.  b.  im  syr.  qatlnö 
minutus  sich  findet. 

9.  mappa  serviette,  nach  Quintil.  1,5,57  punisch. 
Lateinisch  scheint  das  wort  nicht  zu  sein,  wenigstens  die 
erkl&rung  Isidors  aus  manupa  befriedigt  nicht,  und  andere 
etyma  liegen  gleichfalls  nicht  vor,  so  dafs  wir  auf  Quinti- 
lians  autorität  hin  den  punischen  Ursprung  des  wertes  an- 
nehmen mQssen. 

10.  struppus  riemen,  struppus  oder  stroppus 
kränz,  bouquet  soll  das  griechische  avQOfpog  sein.  Da 
dem  werte  offenbar  die  bedeutung  des  gedrehten,  gewun<> 
denen  zu  gründe  liegt,  so  wird  es  sich  wohl  an  avQiq>m 
anschliefsen  und  aus  atQ6q>og  umsomehr  entstanden  sein, 
als  die  betreffende  wurzel  im  lateinischen  selbst  media  im 
inlaut  zeigen  müfste,  bei  entlehnung  dagegen  die  griechische 
aspirate  ganz  regelrecht  durch  die  tenuis  vertreten  ist.  Die 
Verdoppelung  kommt  auf  rechnnng  der  geschärften  aus- 
spräche, wovon  nachher. 

11.  supparus,  supparum  leinenes  gewand,  firauen- 
hemde,  toppsegel.     Varro  1. 1.  5,  131  giebt  es  für  oskisch 


6  Pauli 

aas.  Das  wort  macht  den  entschiedeoen  eindruck  eines 
compositums  aus  sub  und  parus.  Nun  aber  findet  sich  die 
prftposition  sub  nicht  in  den  erhaltenen  oskiscben  denk- 
mftlem,  und  es  könnte  daher  der  oskische  Ursprung  des 
Wortes  zweifelhaft  erscheinen.  Allein  bei  der  immerhin 
doch  nahen  Verwandtschaft  des  oskischen  mit  dem  lateini- 
schen und  umbrischen  ist  ohne  bedenken  anzunehmen,  dafs 
das  lat.-umbr.  sub  auch  oskisch  vorhanden  gewesen  und 
uns  nur  zufällig  nicht  erbalten  sei.  Das  spricht  also  nicht 
gradezu  gegen  den  oskischen  Ursprung  des  wertes.  Es  ist 
aber  noch  ein  grund  da,  der  dafllr  spricht.  Bekanntlich 
schwächt  das  lateinische  den  wurzelvocal  des  compositums, 
das  oskische  versehrt  ihn  nicht.  Zwar  hat  ja  auch  das 
lateinische  seine  ausnahmen  und  es  steht  z.  b.  in  gleicher 
lautlage,  wie  sie  supparus  zeigt,  comparo,  aber  es  sind 
doch  nur  die  ausnahmen,  worüber  zu  vergl.  Corssen  aus- 
spräche I,  320.  Aus  diesem  gründe  daher,  weil  das  a  rein 
blieb,  halte  ich  Varros  angäbe  für  richtig.  Es  fragt  sich 
nur  noch,  was  in  dem  parus  steckt.  Man  hat  das  griech. 
(fäQOQ  stück  leinwand  darin  sehn  wollen,  mit  unrecht,  wie 
ich  glaube.  Urverwandt  mit  demselben  kann  es  nicht  sein, 
das  anlautende  p  und  das  kurze  a,  durch  dichterstellen 
gesichert,  widersprechen;  entlehnung  ist  bei  einem  jeden- 
falls alten  worte,  noch  dazu  einem  componirten,  an  sich 
wenig  wahrscheinlich,  und  überdies  würde  auch  hier  die 
kürze  des  a  Widerspruch  erheben,  obwohl  sich  allerdings 
auch  q>d(}og  mit  kurzem  a  findet.  An  lat.  pario  erzeuge, 
paro  bereite  schlieist  es  sich  der  bedeutung  wegen  nicht 
ungezwungen  an,  ich  glaube  daher,  es  ist  pa-ru-s  zu  tbei- 
len,  und  darin  dieselbe  wurzel  pa  enthalten,  die  im  griech. 
ntj^vo-g,  ni]-V9]  einschlagsfaden,  nfj^v-i^co  webe,  haspele, 
lat.  pannu-s  (doch  wohl  für  pa-nu-s?)  ein  stück  zeug, 
Schnupftuch,  serviette  und  dgl,  got.  fa-na  ein  stOck  zeug, 
tuch,  schweifstuch  vorliegt  und  deutlich  genug  die  bedeu- 
tung des  webens  zeigt,  so  dafs  aus  ihr  supparus  sich  au& 
trefflichste  ableitet. 

12.     mattici    cognominantur  homines  malarum  ma- 
gnarum  atque  oribus  late  patentibus  Paul.  p.  94  L.   Schon 


beiirige  zur  latciiiinchen  laatlebre  und  etymologie.  7 

G.  J.  Voesiiis  et.  lat.  s.  v.  und  And.  Dacier  ad*  Fest,  lei- 
ten das  wort  von  des  Hes.  fiarvai'  yvd&oi  her,  so  dafs 
es  gleich  dein  griecfa.  yvdii-wvei;  sei.  Es  scheint,  als  ob 
bei  Hes.  (uarrvai  zu  lesen  sei,  denn  das  wort  steht  zwi- 
schen fÄarraßavfievog  und  fiavTvt^g^  und  Vossius  liest  in 
der  that  so,  Mor.  Schmidt  aber  hat  nur  ein  r.  Da  sich 
innerhalb  des  lateinischen  keine  befriedigende  etymologie 
ftbr  matticus  aufstellen  läfst,  so  halte  ich  des  Vossius  an- 
sieht fbr  die  richtige. 

Es  darf  uns  nicht  wundern,  dafs  eine  yerhältuifsinft- 
fsig  so  grofse  anzahl  von  fremdwörtern  unter  den  ohnehin 
oicht  so  überaus  zahlreichen  Wörtern  mit  doppelter  tennis 
sich  findet.  Denn  grade  die  genannten  Wörter  bezeichnen, 
mit  ausnähme  von  beccus  und  mattici,  s&mmtlich  pflan- 
zen, zeoge,  kleidungsstficke,  speisen,  deren  bezeichnung  ja 
so  hänfig  mit  den  gegenständen  selbst  der  fremde  entlehnt 
wird.  Man  vergleiche  z.  b.  unser  baldrian,  ackley,  guir- 
lande,  bonquet,  Sackleinen,  matte,  shirting,  paletot,  Che- 
misette, beefsteak,  ragoüt  und  dgl.  mehr,  ja  selbst  harle- 
quin  würde  aufzuführen  sein,  falls  mattici  ein  ausdruck 
der  comödie  war. 

Aulser  den  fremdwörtern  schliefse  ich  von  der  behand- 
lung  aus  die  naturlaute  und  schallnaohahmungen,  wie 
atta  Väterchen,  pappa  zu  essen  I 
stioppus  oder  scloppus  ein  klatsch 
und  dgl.,  wozu  auch  wohl  friguttio  mit  seinen  verschie- 
denen übrigen  Schreibweisen  gehört,    ferner  die  eigenna- 
men,  wie 

Acca  Larentia,   Appius,    Cotta,    Attus,  Met- 
tius  u.  a., 
denn    da   die    bedeutung  der  letzteren  nicht  gegeben  ist, 
w&re  ihre  etymologische  bestimmung  auf  das  blofse  rathen 
angewiesen.     Unter  die  eigennamen  gehört  auch: 

13.  Tapulla  lex,  wi%  Paulus,  oder  tappula,  wie 
Festus  schreibt,  der  name  einer  lex  convivalis,  welche,  wie 
es  scheint,  dem  luxus  der  convivien  steuern  sollte  und 
deshalb  vielfach  verspottet  und  nicht  beachtet  wurde;  so 
erwähnt  Festus  eines  jocosnm  Carmen  des  Valerius  Valen- 


8  Pauli 

tinus,    offenbar  einer  parodie  desselben,  und  eines  verses 
des  Lucilius, 

Tappalam  rident  legem  concere  opimi, 
wie  er  nach  den  handschriften  lautet,  wofür  congerrae,  ein 
sonst  nicht  vorhandenes  wort,  vermuthet  worden  ist,  ob- 
wohl es  sich  viel  mehr  empfiehlt,  congri  oder  vielleicht  con<> 
geri  opimi  zn  lesen,  die  fetten  meeraale,  welche  des  ge- 
setees  eben  schon  durch  ihre  blofse  anwesenheit  beim 
mahle  spotten.  In  der  erklärung  des  wertes,  glaube  ich, 
hat  bereits  Ant.  Augustinus  das  richtige  gesehn,  der  zu 
der  stelle  des  Paulus  das  wort  auf  das  cognomen  Tappula 
oder  Tappulus,  welches  in  der  gens  Villia  sich  findet  und 
als  name  eines  consuls  in  den  capitolinischen  fasten  auf- 
tritt^ zurückfahrt,  so  dafs  sich  also  der  ausdruck  dor  wei- 
teren etymologischen  erklfirung  entzieht. 

Unter  den  nun  noch  übrig  bleibenden  echt  lateinischen 
Wörtern  erklärt  sich  die  doppelte  tenuis  auf  dreifache  art, 
erstens  n&mlioh  durch  zusammenziehung  rednplicirter  sil«> 
ben,  wie  in 

reccidi,  rettnli,  repperi  ftlr 

rececidi,  retetuli,  repeperi, 
worüber  zu  vergleichen  Corssen  ausspr.  II,  46.  Diese  ent- 
stehung  des  verdoppelten  lautes  ist  etymologisch  unfrucht^ 
bar.  Zweitens  aber  entsteht  die  Verdopplung  durch  blofse 
schärfung  der  ausspräche,  und  zwar  zumeist  nach  langen, 
mit  Sicherheit  jedoch  auch  nach  kurzen  vocalen.  Drittens 
endlich  erscheint  sie  da,  wo  präfixe  oder  suffixe  an  wur- 
zeln treten,  vereinzelt  ohne,  vielfach  mit  assimilation.  Es 
darf  als  bekannt  und  feststehend  angesehen  werden,  dafs 
die  lateinische  Schreibung  der  gemination  überhaupt  in 
confusion  gerathen  ist,  namentlich-  nach  langen  vocalen 
häufig  sich  findet,''  wo  etymologisch  nur  der  einfache  lant 
Berechtigung  hat.  Der  fall  liegt  nun  auch  ftkr  die  tenuis 
unbestreitbar  vor  in  hicce  fbr  hl-ce,  denn  nur  so  ist  das 
wort  nach  der  analogie  von  qui  zu  zerlegen,  und  in  Jnp- 
piter,  welches  nur  für  Jupiter,  *Djoupiter  stehn  kann, 
denn  an  eine  entstehung  des  pp  aus  dem  sp,  welches  dem 
skr.  Djäuä  pitä,  dem  griech.  Zevg  nati^Q  entsprechen  würde, 


beitrüge  zur  lateinischen  lanüehre  and  etymologle.  9 

ist  schwer  zu  glauben.  Es  ist*  vielmehr  ausfall  des  s  vor 
p  anzunehmen  und  pp  lediglich  orthographisch  aufzufassen 
als  zeichen  der  geschärften  ausspräche.  Diese  geschärfte 
ausspräche  nun,  der  wir  selbst  oben  schon  bei  den  lehn- 
Wörtern  in  bracca  begegneten,  findet  sich  nach  langen  vo- 
calen  in  einer  ziemlichen  anzahl  von  Wörtern. 

Zunächst  gehört  hieher  eine  reihe  von  formen  mit  pp, 
die  sich  auf  keine  andere  weise  erklären  lassen.  Sie  wür- 
den nämlich  nur  erklärt  werden  können,  wenn  man  ent- 
wreder  oin  sufHx  idg.  pa  annähme,  was  bis  jetzt  nicht  nach- 
gewiesen worden  und  auch  wohl  nicht  vorhanden  gewesen 
ist,  so  dafs  man  also  nicht  lip-pus  etc.  trennen  kann,  oder 
in  pp  assimilation  sähe.  Das  ist  z.  b.  von  Pott  etymol. 
forsch.'  geschehen,  der  u.  a.  lappa  aus  lap-ta,  lippus  aus 
lip-tus  erklären  will.  Nun  ist  allerdings  die  vorsohreitende 
assimilation  im  latein  nicht  zu  läugnen,  formen  wie  ferre 
fbr  fer-se,  velle  ftlr  vel*se,  facillimus  fflr  facil-simus,  acer- 
rimus  ftlr  acer-simus,  Collum  fOr  col-sum,  verres  fdr  vers-es 
weisen  sie  auf,  aber  hier  ist  stets  eine  liquida  im  spiel.  Ffir 
vor  schreitende  assimilation  zweier  tenues  ist  aber  sonst 
im  lateinischen  kein  beispiel  bekannt,  weshalb  wir  also  nur 
noch  das  pp  als  schärfung  von  p  ansehen  können,  wobei 
es  die  etwa  identischen  Wörter  verwandter  sprachen  ent- 
scheiden müssen,  ob  ein  kurzer  vocal  oder  ein  langer  an- 
zusetzen sei,  obwohl  von  vom  herein  nach  den  sonstigen 
analogien  der  Wortbildung  die  wage  sich  auf  die  seite  des 
langen  neigt.    Hierher  gehören  nun  folgende  Wörter: 

14.  vappa  kahmiger  wein  wird  bereits  von  Benfey 
gr.  wzll.  I,  267  mit  vapor  dunst  und  vapidus  kahmig  zu* 
sammengestellt,  welche  von  Pott  et.  forsch.  11',  205,  Cur* 
tius  gmndz.  I ',  111  mit  lit.  kvap-a-s  hauch ,  ausdünstung 
zu  Wurzel  kap  (kvap)  ausdünsten,  wovon  griech.  xanvo^ 
dampf,  gezogen  sind,  deren  bedeutung  sich  im  lit.  pa- 
-kvimp-ü,  welches  von  dem  geruche  verdorbener  speisen 
gebraucht  wird,  durch  specialisirung  ganz  ähnlich  gestal* 
tet,  wie  in  vappa.  Letzteres  hat  somit  im  anlaut  ein  k 
verloren  und  steht  für  *lcväpa,  dessen  langer  vooal  sich  su 


10  PauU 

dem  kurzen  in  vapor,    vapidus  verhält,    wie  ».  b.  der  von 
eQp^o  zu  eupidus,  wovon  nachher. 

15.  lappa  klette  wird  wohl,  wie  schon  Benfey  griech. 
wzll.  II,  121  meint,  zum  plattdeutschen  khbe,  dem  namen 
der  klette,  gehören.  Allein  wenn  Benfey  die  beiden  Wör- 
ter auf  lit.  limpü  klebe  zurOckfuhren  will,  so  ist  das  ein 
irrthum.  Innerhalb  des  deutschen  gehört  kllbe  zunächst 
zu  ahd.  khban  festsitzen,  hangen  an  etwas,  welches  mit 
seinen  ableitungen  zwar  fiberall  wurzelhaftes  i  zeigt,  aber 
doch  nicht  von  rohd.  klembern  klammern  und  dem  diesem 
verbum  zu  gründe  liegenden  nomen  'klaniber,  klammer 
getrennt  werden  kann.  Dadurch  stellt  sich  das  a  als  wur- 
zelhaft, i  wie  auch  sonst  als  in  die  i- reihe  übergetreten 
dar,  und  wir  erhalten  mit  regelrechter  lautverschiebung 
als  Wurzel  gli^  „hangen  an  etwas ^  und  fbr  lappa  die 
grundform  *gläpa  mit  abfall  der  muta  vor  der  liquida,  wie 
er  ja  im  lateinischen  auch  sonst  vorkommt.  Die  wurzel 
glap  freilich  vermag  ich  sonst  nicht  zu  belegen.  Aufser 
dieser  etymologie  liegt  noch  die  möglichkeit  einer  andern 
vor,  die  ich  wenigstens  andeuten  will.  Die  klette  hat  ei- 
nen schuppigen  kelch  und  deshalb  könnte  man  versucht 
sein,  an  eine  Verwandtschaft  mit  griech.  ksnii;  schuppe 
zu  denken,  mir  scheint  aber  obige  erklärung  die  bessere. 

16.  lippus  triefäugig,  dessen  Verwandtschaft  mit  gr. 
Ar^-o-t;  fett,  Xm-aQ^g  klebrig  so  wenig  zu  läugnen  ist,  als 
mit  skr.  lep-a-s  salbe,  sl.  lep-ü  leim,  lit.  limp-ü  klebe,  lip- 
-ü-s  klebrig,  ohne  dafs  man  es  deshalb  mit  Curtius  grdz. 
I S  231  fbr  ein  lehnwort  aus  äolischem  äXinncc  zu  halten 
braucht.  Es  erklärt  sich  vielmehr  rein  lateinisch  als  ftir 
llpus,  älter  ^leipos  stehend  und  identisch  mit  skr.  tepas 
und  sl.  I^pu,  letztere  beide  substantivirte  adjectiva  mit  der 
bedeutung  „klebrig^  von  wurzel  lip  „kleben^.  Auf  den 
ersten  blick  scheint  eher  lit.  lipüs  identisch  zu  sein,  allein 
das  ist  eben  nur  schein,  denn  das  lit.  suffix  üs  ist  dem  lat. 
US  völlig  fremd,  somit  entsprechen  sich  beide  Wörter  in 
ihrer  bildung  durchaus  nicht,  und  kann  deshalb  auch  das 
kurze  lit.  i  nichts  f&r  die  kürze  des  lat.  vocals  beweisen. 

17.  cippus  grenz-  oder  leichenstein.    Das  wort  tritt 


beitrug  zur  lateinischen  Uutlehre  und  etymologie.  11 

auch  in  der  form  Cippns  oder  Cipas  als  n.  propr.  auf,  z.  b. 
Ovid.  met.  15,  565.  Ea  scheint  demnach  mit  Sicherheit  ci- 
pus,  alt  ^ceipos  angesetzt  werden  zu  müssen.  Formal  ver- 
gleicht sich  skr.  p^pas  schweif,  schwänz,  allein  ich  sehe 
nicht,  wie  sich  dessen  bedeutung  mit  der  von  cippus  eini* 
gen  liefse,  da  pepas  nebst  piprä,  dessen  bedeutung  man  fbr 
gewöhnlich  als  „gebifs^  angegeben  findet,  welches  aber 
nach  mündlichen  mittheilungen  Grafsmanns  in  den  stellen 
des  Rigveda  vielmehr  „bart^  bedeutet,  jedenfalls  eine  Wur- 
zel mit  der  bedeutung  ^rauh,  behaart  sein^  voraussetzt. 
Ich  glaube  daher  eher,  dafs  das  wort  im  anlaut  ein  s  ein- 
gebüfst  hat,  so  dafs  es  f&r  altes  *8ceipos  stände,  dessen 
verwandten  ich  im  ahd.  skivero  steinsplitter,  schiefer  er- 
blicke, wozu  ja  die  gestalt  z.  b.  des  cippus  Abellanus, 
wie  sie  in  der  abbildung  in  Mommsen's  unteritalischen  dia- 
lekten  erscheint,  trefflich  pafst,  insofern  derselbe  in  der 
that  einer  Schiefertafel  ähnlich  genug  sieht.  Die  wurzel 
muls  dann  als  skip  angesetzt  werden,  etwa  mit  der  bedeu- 
tang  spalten,  wozu  ich  auch  gr.  ^icpo^^  bei  Hesych.  axhfo^ 
Schwert  ziehe. 

18.  cuppes  leckerraaul  bei  Plaut.  Trin.  2,  1,  17  mit 
den  verwandten  cuppedo  leckerhaftigkeit ,  cuppSdinärius 
adj.,  zur  leckerei  gehörig,  subst,  delikatessenhändler,  cup- 
p^iom  leckerbissen,  cuppedia  leckerhaftigkeit.  Dafs  die 
Wörter  zu  cupio  begehre  gehören,  ist  selbstverständlich  und 
daher  die  Schreibweise  mit  doppeltem  p  etymologisch  nicht 
gerechtfertigt.  Es  fragt  sich  nur,  ob  der  vorhergehende 
vocal  lang  oder  kurz  gewesen  sei.  Ich  glaube,  dafs  man 
sich  far  die  länge  entscheiden  mufs  und  zwar  deshalb,  weil 
sich  das  doppel-p  nur  bei  diesen  Wörtern  mit  dem  begriff 
lecker  findet,  nie  aber  bei  cupio,  cupidus  und  den  andern 
gleicher  wurzel,  es  mufs  also  hier  ein  specieller  grund  vor- 
handen gewesen  sein,  und  das  konnte  eben  nur  die  natür- 
liche länge  des  vocals  sein.  Auch  die  bildung  der  Wör- 
ter spricht  dafbr,  denn  wie  albedo  auf  albus,  so  weist  cup- 
pedo auf  ein  *cuppu8  oder  richtiger  *cfipus,  welches  be- 
gierig, lecker  bedeutet  haben  mufs,  dem  skr.  sa-köpa-s  zornig, 
au%eregt  entspricht  und  das  zu  cupio  sich  ebenso  verhält, 


12  PauU 

wie  skr.  sa-köpa-e  zu  küp-j&mi  in  erregung  geratben,  aus 
welchem  letzteren  worte  wir  auch  den  grundbegriff  der 
Wurzel  „incitatum^  esse  gewinnen,  der  sich  im  latein  auf  den 
geschlechtstrieb  und  den  ganmenkitzel,  im  sanskrit  auf  den 
zom  specialis! rt.  Von  cuppes  ist  uns  der  genetiv  nicht 
erhalten f  es  scheint  mir  von  *cüpus  abgeleitet,  wie  dives, 
durch  Suffix  it. 

19.  stüpa  werg,  auch  stuppa  und  stipa  geschrieben. 
Curtius  I,  185  und  Meyer  vgl.  gr.  I,  33  geben  bereits  das 
richtige.  Das  wort  ist  gleich  dem  gr.  (tttni^  auch  OTvnnri^ 
werg,  welches  sich  zwar  erst  bei  späteren  findet,  aber  als 
alt  durch  das  abgeleitete  arwt^uov  bei  Her.  8,  52  erwie- 
sen wird,  und  gehört  zu  wurzel  stup  dicht,  fest  sein,  die 
im  gr.  aTi(fO)  mache  fest,  lat.  stipo  u.  a.  vorliegt.  Der  bil-* 
düng  nach  kann  nur  stüp-a  zerlegt  werden,  so  daüs  das 
bloise  a  suffix  ist,  da  ein  sufBx  pa  nicht  erwiesen  ist,  Pott's 
deutung  aber,  et.  forsch.  JLI^  51,  aus  stupta,  die  er  selbst  nur 
fragend  vorbringt,  nach  den  lateinischen  lautgesetzen,  wie 
schon  oben  gesagt  wurde,  ni<*ht  möglich  ist,  da  pt  nicht 
zu  pp  assimilirt  wird.  Der  Wechsel  der  vocale  wie  in  li- 
bet  neben  lubet. 

20.  sappin  US  oder  säplnus  fichte,  gehört  jedenfiftlls 
mit  säpo  seife  und  sapa  most  zusammen  und  setzt  ein  no* 
men  *säpus  voraus,  aus  dem  sapo  abgeleitet  ist,  wie  naso 
aus  näsus,  und  welches  etwa  die  bedeutung  „saft,  harz^ 
gehabt  haben  mufs,  so  dafs  säplnus  der  harzreiche  bäum 
ist,  ähnlich  wie  pinus,  falls  es  für  *picnus  steht.  Die  Wur- 
zel sap,  welche  noch  im  gr.  atjTico  faulen  erhalten  ist,  mufs 
etwa  „triefen^  bedeutet  haben.  Wenn  lit.  sakai  harz,  sl. 
sokü  safl  verwandt  sind,  was  sehr  wahrscheinlich  ist,  so 
ist  ihr  p  aus  k  entstanden. 

21.  applüda  oder  aplada  spreu,  kleie,  an  dessen 
herleitung  von  ä  und  plaudo  wol  nicht  zu  zweifeln  ist,  wie 
ja  auch  wir  noch  sagen:  die  kleie  abschlagen. 

In  den  Wörtern  mit  cc,  sofern  eben  nicht  assimilation 
vorliegt,  könnte  man  nun  versucht  sein,  das  suffix  ka  zu 
suchen,  allein  es  ist  an  das  zu  erinnern,  was  Leo  Meyer 
vgl.  gr.  II,  493  sagt,   dafs  dies  suffix  zur  bildung  unabge- 


beitrage  zur  lateinischen  Untlehre  nnd  et^mologie.  13 

leiteter  Wörter  ^^aarserordeiitlich  selten^  sei,  so  dafs  es  mir 
gerathener  scheint,  in  folgenden  Wörtern  gleichfalls  blofs 
orthographische  doppelung  anzunehmen: 

22.  vacca  kuh.  Dies  wort  ist  den  mannichfachsten 
erklämngen  ausgesetzt  gewesen.  Gemeinhin  bat  man  es 
zn  skr.  ukdan  stier  gezogen,  cc  aus  assimilation  von  ks  er- 
klärt und  als  wurzel  entweder  vagh  ziehen  oder  uks  be- 
netzen, befruchten  aufgestellt.  Ebel  zeitschr.  IV,  451  be- 
stritt das  und  leitete  das  wort  aus  vatca  ab,  indem  er  skr. 
Tatsa  kalb  verglich.  Ascoli  zeitschr.  XIII,  160  zog  es  zu 
skr.  ▼a9ä  kuh,  udtar  pflugstier  und  nahm  als  wurzel  vak 
begierig  sein,  als  suffix  ka.  Fick  endlich,  idg.  wb.  158, 
stellt  es  mit  skr.  vapä  zu  wurzel  vak  brüllen.  Letzteres  ist 
das  allein  richtige,  die  wurzel  lebt  im  ved.  vä^ati  er  brüllt, 
Täva^änas  brüllend,  v&^räs  brüllend,  f.  kuh,  so  wie  im  lat. 
yfigio  schreie  (Fick  167)  und  im  md.  wüchz  geschrei,  und 
es  fragt  sich  nur,  ob  vacca  für  väca  oder  vaca  stehe. 
Nach  dem  skr.  vsl^  könnte  das  letztere  scheinen,  allein 
es  findet  sich  doch  Rigv.  G39,  31  auch  die  form  v&^&s, 
welche  in  der  bedeutung  „rauschend,  tönend^  als  beiwort 
des  drapsÄs  erscheint,  also  zu  unserer  wurzel  gehört,  so 
dafs  das  femininum  vä^Ä  gleich  dem  fem.  vft^ri  jedenfalls 
die  küh  bedeutet  haben  kann,  und  weil  eben  sonst  bei 
dem  Suffix  a,  ä  die  gunirung,  resp.  Verlängerung  der  wur- 
zel das  gewöhnliche  ist,  so  scheint  mir  auch  fbr  vacca  eher 
vfica  als  vaca  die  grundform  zu  sein.  Ob  auch  ukäan  und 
ultar  der  gleichen  wurzel  wie  vacca  angehören,  ist  hier 
an  sich  gleichgültig,  die  möglichkeit  möchte  ich  indef« 
nicht  Iftugnen,  indem  ich  für  uätar  an  das  verhältnifs  von 
tvaätar  zu  takäan  erinnere;  jedoch  sind  die  herleitungen 
▼OD  nks  benetzen  oder  vagh  ziehen  gleich  ansprechend. 

23.  vaccinium  der  name  einer  pflanze  und  zwar, 
wie  J.  H.  Voss  zu  Virg.  Georg.  4,  137  meint,  der  von  den 
Griechen  vdxiv&oß  genannten,  was  nach  Georges  die  iris 
germanica  L.  oder  das  delphinium  Ajacis  L.  ist,  nicht  un- 
sere 'hyacinthe.  Klotz  dagegen  s*  v.  hält  vaccinium  fQr 
die  rauschbeere  vaccinium  myrtillus  L.  Voss  sieht  dem- 
nach  auch   den  namen   vaccinium  für  eine  entstellung  des 


14  Panli 

gr.  vdxtv&og  an,  was  an  aich  wohl  möglich  wftre,  denn 
*ifaxh&iov  könnte  ganz  gut  zu  lat.  Tacolnium  werden,  al- 
lein das  wort  kann  auch  ebenso  gut  rein  lateinisch  und 
von  vacca  abgeleitet  sein,  wie  ja  auch  wir  verschiedene 
pflanzen  nach  der  kuh  benennen ,  z.  b.  leontodon  taraza- 
cum  die  kuhblume  und  die  arten  des  melampyrum  kuh- 
weizen. 

24.  maccns  der  hanswurst  in  den  Atellanen  ist  schon 
Ton  G.  J.  Vossius  mit  gr.  fiaxxoäv  desipere  zusammenge- 
stellt. Dies  verbum  steht  bei  Hes.  zwischen  f^iaxxovg^  und 
uaxovvtovj  woraus  sich  ergiebt,  dafs  Hes.  fiaxoäv  schreibt. 
Andrerseits  aber  verlangt  der  vers  des  Aristophanes,  equ. 
315,   ein  trochäischer  tetrameter, 

xai  to  tov  drjuov  n()6g(anüV  ^axo^  xa&i]fA€vov 
an  der  stelle  eine  länge,  so  dafs  also  das  verb  uäxoafo 
heifst  und  das  xx,  wie  auch  sonst  im  griechischen,  nur  dop- 
pelte Schreibung  ist.  Es  fbhrt  uns  somit  ficcxodw  auf  ein 
*fiäxog^  dem  das  lat.  maccus  fOr  *m&cu8  gleich  ist.  Die 
Wurzel  mak  heifst  jedenfalls  verspotten,  und  zwar  durch 
nachäffung,  wie  dies  aus  gr.  ^mxog  spott,  fitvxog  Spötter, 
bei  Hes.  auch  fjiwgog  bedeutend,  und  ficoxaouai  verspotten, 
nachäffen  hervorgeht« 

25.  bacca  oder,  wie  nach  Klotz  lex.  s.  v.  die  vor- 
herrschende Schreibweise  der  altern  handschriften  ist,  bftea 
beere  ist  ziemlich  allgemein  entweder  mit  sanskr.  bhakä 
oder  mit  bhag  zusammengebracht  worden,  so  dafs  im  er- 
sten falle  cc  f&r  ks  stehn,  im  letzteren  assimilation  aus 
bhag-ca  geschehn  sein  sollte.  Ich  mufs  an  beiden  erklfr- 
rongen  zweifeln,  da,  worauf  schon  Corssen  krit.  nachtr.  63 
von  Curtius  aufmerksam  gemacht  worden  ist,  kein  beispiel 
im  lateinischen  vorhanden  ist  fOr  die  Vertretung  eines  an- 
lautenden idg.  bh  durch  b,  vielmehr  stets  f  oder  auch  h 
sich  zeigt.  Corssen  1.  c.  will  deshalb  bacca  auf  würzet 
pak  coqüo,  maturesco  zurückführen,  es  sei  die  ,» reifende^ 
beere.  Doch  auch  diese  erklärung  hat  ihr  bedenkliches. 
Einmal  pafst  diese  bedeutung  nicht  recht  zu  dem  gebrauche 
des  Wortes  bei  den  lat.  Schriftstellern,  wo  es  stets  frflchte 
von  der  art  bezeichnet,   wie  die  des  oleastri,  myrti,  juni- 


beitittge  zur  lateiniBcben  lanüehre  und  etymologie.  15 

peri,  piperis,  also  kleine  bärtlicbe,  runde  und  glatte  beeren, 
nicht  weicbee,  reifes  obst,  wie  es  doeb  die  berleitung  von 
pak  erwarten  liefse.  Äufserdem  aber  ist  aucb  die  annabme 
der  erweicbung  eines  anlautenden  p  zu  b  nicbt  obne  be- 
denken, denn  die  beispiele,  die  Corssen  1.  c.  1 76  sqq.  dafür 
vorbringt,  sind  entweder  lehnwörter,  wie  buxus,  buxis, 
Bruges,  Burrus,  oder  sie  geboren  dem  stamme  ba  trinken 
an,  dessen  erweicbung  aber,  wie  ved.  plbämi,  skr.  pivämi 
zeigt,  schon  voritaliscb  ist.  Dann  bleiben  als  stützen  nur 
bustum  und  comburo,  vorausgesetzt,  dafs  Corssens  etymo- 
logie aus  Wurzel  prus  die  richtige  sei,  und  die  von  Terent. 
Scaurus  angeflQbrten  balatium  und  Boblicola,  also  nicht  eben 
viele.  Urtbeilen  wir  rein  nach  dem  vorliegenden  lautstande 
von  baca,  so  wird  eine  wurzel  bak  erfordert,  wie  sie  un- 
zweifelhaft in  gr.  ßdsc^TQov,  fiax-rtjQia  stock,  ruthe  und 
ebenso  in  bac-ulum  vorliegt,  welches  ich  früher  (verba  auf 
uo  26)  anders  gedeutet  hatte,  und  es  fragt  sich  nur,  wie 
deren  grundbedeutung  anzusetzen  sei  und  ob  sich  bäca 
daraus  erklären  lasse.  Seiner  bildung  nach  heifst  ßdxrgov 
ein  naittel  zum  —  gehen,  pflegt  man  zu  sagen,  aber  woher 
das  X?  Beim  scboliasten  zu  Ar.  Plut  476  wird  ra  ßdx?,a 
erkl&rt  durch  tvtAnava^  ^vka,  oli^  rmrovrat  hu  rolg  äixa- 
(SxriQioig  Ol  ri^wgovuevoi,  d.  h.  also  ßdxxQov  ist  ein  mittel 
ziun  —  schlagen,  so  dafs  sich  nun  zur  wurzel  bak  auch 
das  skr.  bakuras  stellt,  welches  Rigv.  1,  117,  21  steht: 
abhi  däsjum  b&kur^nä  dh4mant& 
urü  gjötis  ^akrathus  Äriäja 
anblasend  den  feind  mit  dem  bakura,  schüfet  ihr  (Apvinen) 
weiten  siegesglanz  dem  Arier;  und  in  adjectivischer  ablei- 
tung  Bigv.  9,  1,8 

t4m  im  hinvanti  agrüvas 
dh&manti  b&kuram  dftim 

ihn  liebkosen  die  Jungfrauen  (die  finger), 

sie  blasen  das  bakurafell. 
Aus  letzterem  ausdruck  scheint  mir  hervorzugehen,   dafs 
baknras  kein   blasinstrument,    wie  das  Pb.  wb.  vermuthet, 
sondern  eine  art  trommel  oder  pauke  sei,  also  der  andern  be- 
deatung  des  gr.  vCfxnavov  genau  entsprechend  und  wie  die- 


16  Pauli 

ses  auf  eine  „  schlagen  ^  bedeutende  wurs&el  zurückgehend. 
Das  abbi  dh4mantä  und  dhamanti  stört  nichts  wenn  man  ee 
etwas  allgemeiner  abersetzt:  ^ umtosend^  und  y,sie  lassen 
erschallen^.  So,  glaube  ich,  darf  man  also  wohl  eine  wurzel 
bak  schlagen  aufstellen,  ich  muTs  jedoch  darauf  verzichten, 
bäca  seiner  bedeutung  nach  damit  zu  einen.  Das  got.  basi 
beere  halte  ich  fbr  unverwandt  mit  bäca. 

2l>.  baccina  bilsenkraut  ist  eine  bloise  ableitungvon 
bacca,  gebildet  wie  der  pflauzenname  accipitrina  von  acci- 
piter  und  benannt  nach  dem  beerenähnlichen  samen,  der 
dem  gewächs  im  griechischen  den  namen  vogxvafiog  sau- 
bohne  verscbafite.  Auch  baccalia  eine  lorbeerart  ist  je- 
denfalls von  bacca  abgeleitet. 

27.  cracca  gleichfalls  der  name  einer  pflanze  bei 
Plin.  18,  16,41,  nach  den  lexicis  die  vogel-  oder  tauben- 
wicke,  also  vicia  cracca  der  botaniker,  ein  zierliches  ge- 
wächs mit  schlanken  und  ranken  stielen.  Ich  erkläre  da- 
her den  namen  aus  der  wurzel  kark  schlank,  dOnn  sein, 
wie  sie  im  lat.  gracilis  schlank,  dOnn,  dem  cracentes  gra- 
ciles  des  Paulus,  dem  skr.  kr^jämi  dQnn  werden,  krpas 
schlank,  hager,  kä.r9Jam  magerkeit  vorliegt.  Da  im  Sans- 
krit gleichfalls  verschiedene  pflanzen  ihrer  schlanken  gestalt 
wegen  kär^jas  oder  kärsjas  benannt  sind,  so  stehe  ich  nicht 
an,  auch  cracca  fQr  cräca  auf  diese  wurzel  zurückzuführen 
und  es  als  die  „schlanke,  zierliche^  zu  erklären. 

28.  fl accus  welk  ist,  um  anderer  unhaltbarer  ety- 
mologien  zu  geschweigen,  von  Benary  röm.  lautl.  148  als 
flag-cus  versengt,  welk  erklärt  und  mit  flävus  für  *flagvu8 
zu  flagro  gestellt  worden.  Das  wäre  lautlich  wohl  möglich« 
wenn  nicht  eben  das  suffix  dann  wieder  als  primäres  ge* 
fafst  werden  möfste.  Daher  erscheint  mir  folgende  etjmo- 
logie  sicherer.  Es  giebt  im  sanskrit  ein  verbum  bhra^atS, 
bhra^jati  oder  bhf9Jati  dejici,  dejectum,  demissum  esse, 
caus.  bhräpajati  dejicere,  demittere.  Eine  ableituog  hier- 
von *bhräpas  würde  demnach  dejectus,  demissus  heifsen 
können.  Nun  aber  hat  flaccus  genau  die  bedeutung  von 
demissus,  wof&r  man  folgende  stellen  vergleiche:  aures  de- 
mittere Hör.  carm.  2,  13,34,    auriculas  demittere  id.  sat. 


beitrBge  ssiir  lateinischen  lantlehre  und  etymologie.  17 

1 , 9,  20  mit  aures  flaccidae  Cd.  6,  30,  5,  anres  pendulae 
flaccent  Lactaot.  opif.  D.  8,  aaricalae  flaccae  Varro  r.  r. 
2,  94,  aares  flaccae  Cato  r.  r.  2,  9,  ferner  fracto  animo  et 
demisso  Cic.  fam.  1,  9,  16,  Sulla  demisras  Cic.  pro  Sull.  26 
mit  Messala  flaccet  Cic.  ad  Q.  fr.  2,  15,  4,  ferner 
—  floreecunt  tempore  certo 
Arbueta  et  certo  demittunt  tempore  florem. 
Lucr.  5,  669,  wo  es  mir  durchaus  nicht  nöthig  scheint,  di» 
mittunt  zu  lesen^  falls  nicht  letzteres,  was  ich  nicht  weife, 
bandschriftlich  besser  bewfihrt  ist,  mit  frons  flaccescit  Vitr. 
2,  9,  folium  fiaccidum  Plin.  15,  30  (39).  Aus  diesen  stellen 
folgt  mit  hinlänglicher  Sicherheit,  dafs  Saccus  in  der  be» 
deutung  dem  demissos  gleich  steht,  fiaccere  gleich  demis* 
sum  esse  ist  und  dafs  daher  Saccus  i.  e.  *fidous  wirklich 
dem  oben  gebildeten  ^bhrfipas,  idg.  bhrftkas  gleich  ist  von 
Wurzel  bhrak  herabfallen  und  mit  herabhangend,  schlaff, 
welk  zu  übersetzen  ist 

29.  siccus  trocken.  Auch  bei  diesem  worte  hat 
man  sich,  ähnlich  wie  bei  vacca  und  vielen  andern,  z«  b. 
amor  neben  skr.  kfimas  etc. ,  von  der  sirene  der  gleichbe- 
deotung  irre  leiten  lassen,  indem  man  siccus  mit  skr.  ^1- 
kas,  baktr.  huskö  trocken  zusammenbrachte.  Lautlich  aber 
führt  keine  brücke  von  ^suskas,  wie  die  idg.  form  lauten 
mOiste,  zu  siccus,  und  beide  Wörter  sind  so  wenig  mit  ein- 
ander verwandt,  wie  etwa  mare  und  skr.  samudras,  fiuvins 
und  skr.  nadf.  Nach  strenger  lautlehre  kann  die  wurzel 
von  siccus  nur  sik  lauten,  und  so  heifst  sie  auch,  wie  das 
Spiegel  zeitschr.  XIII,  365  und  Fick  idg.  wb.  176  bereits 
gesehen  haben,  die  mit  siccus  das  skr.  sik-ata  sand,  baktr. 
hik-u-8,  hik-väo,  high-nu  trocken,  ha^kö  n.  trockenheit,  u^ 
ha^Kajemi  trockne  aus  verglichen  haben,  zu  denen  sich 
noch  das  altwelsche  syoh  trocken  (Ebel  beitr.  II,  164)  und 
vielleicht  ahd.  sihte  seicht  gesellen.  Dadurch  wird  auch 
die  bildung  von  siccus  klar,  denn  es  verhält  sich  zum 
baktr.  neutrum  haäKö,  wie  z.  b.  gr.  Bvgvg  zu  evgog  n.  oder 
wie  lat.  f idus  zu  foedus  n.,  steht  also  für  sicus,  älter  *sei- 
cos,   mit  guna  gebildet,    wie  haeKö.     Nach  dieser   völlig 

Zeitscbr.  f.  vgl.  sprachf.  XVIII,  1.  2 


18  Pauli 

unantastbaren  etymologie  bedarf  es  auch  Gorssens  an  sich 
wohl  möglicher  erkl&rung  aus  siticus  nicht. 

30.  bucca  backe,  pausbacke,  als  eigenname,  cogno- 
men  eines  Aemiliers,  meist  Bflca  geschrieben.  Die  ableitnn- 
gen  des  Wortes  aus  skr.  bhu^  essen  mit  suffix  ka  (Benary 
röm.  lautl.  173)  oder  bhuki  dass.  (Meyer  zeitschr.  VI,  221) 
oder  bhakö  dass.  ( Bopp  gloss.  s.  v.  bbak i ),  wo  kö  zu  cc 
geworden  sein  soll,  oder  aus  bhag  essen  und  suffix  ka 
(Corssen  kr.  beitr.  26,  zurückgenommen  kr.  naohtr.  64),  so 
wie  die  Zusammenstellung  mit  skr.  mükha  maul  (Bopp  a.  o.) 
oder  ahd.  paccho  backe  (Schweizer  zeitschr.  XIII,  303) 
halte  ich  allesammt  aus  naheliegenden  lautlichen  gründen 
ftür  falsch.  Von  den  bisharigen  etymologien  ist  nur  die 
neuere  Corssen's  annehmbar,  der  es  an  skr.  bukk  latrare, 
gannire,  loqui  ableitet.  Allein  die  wurzel  ist  nicht  belegt 
aniser  in  bukkana  das  bellen  und  zeigt  aufserdem  in  dem 
kk  ein  so  spätes  ansehen,  dafs  sie  in  dieser  gestait  sicher 
nur  indisch  ist.  Es  ist  vielmehr  aus  ihr  eine  ältere  form 
buk  zu  erschliefsen,  die  im  altsl.  buöati  mugire  und  im  skr. 
buk-kära  gebrüll  des  löwen  noch  erhalten  ist.  An  diese 
wurzelform  also  lehne  ich  bucca,  sehe  aber  in  dem  cc  nicht 
das  suffix  ca,  sondern  fasse  büca  als  echte  Schreibweise. 

31.  bucco^  bezeichnung  einer  person  in  den  Atella^ 
neu,  ist  nur  eine  ableitung  von  bucca,  indem  es  entweder 
den  pausback  oder  den,  der  beim  sprechen  den  mund  voll 
nimmt,  bedeutet. 

32.  bficina  Signalhorn.  Hier  ist  nach  Fleckeisen  f>\\ 
artikel  8  die  Schreibweise  mit  einem  c  besser  beglaubigt. 
Kuhn  zeitschr.  XI,  278  erklärt  das  wort  aus  bov-i-cina  und 
hält  das  gr.  ftvxdpf]  trompete  f&r  ein  lehnwort  aus  dem 
lateinischen.  Die  erklärung  aus  bov-i-cina  wäre  sehr  gut, 
wenn  ftvxdvtj  wirklich  ein  lehn  wort.  wäre.  Das  wort  findet 
sich  freilich  erst  in  der  späteren  gräcität,  lebt  dort  aber 
in  einer  menge  von  bildungen,  ßvxavdoa  und  ßvxavi^fa  ich 
trompete,  ßvxavrjua  und  flvxaviauog  trompetenstofs,  ßvxa^ 
vfjTTJg  und  ßvxapiavrjg  trompeter,  so  dafs  schon  dadurch 
die  entlehnung  nicht  grade  wahrscheinlich  ist.  Nun  aber 
ist  die  Wurzel  buk  auch  sonst  noch  im  griechischen  lebendig, 


beitrflige  zur  Uteinucfaen  lantlehre  and  etymologie  19 

ibr  faUen  za  ßvxrtjg'  (fvawv  Ues.,  ßvxrdmv  Ttvkovrwv^  €pV' 
CfütAv  id.,  ßovxtfiotg'  <pvatjTiK>i  id.,  welches  Mor.  Schmidt 
zwar  als  de  scriptura  suspectum  anführt,  allein,  wie  ich 
glaube,  mit  unrecht,  da  es  ja,  was  er  selbst  andeutet,  la- 
konisch sein  kann.  Es  führen  also  bucca,  sl.  bnöati,  bücina 
and  die  griechischen  Wörter  allesammt  auf  eine  wurzel  buk, 
deren  grundbedeutung  sich  leicht  als  die  des  „blasens^  er- 
giebt  in  allen  schattirungen  dieses  worts,  bucca  die  aufge- 
blasene backe,  bucati  blasen,  tönen,  brüllen,  bücina,  ßvxdvi} 
blasinstrument.  Zu  dieser  wurzel  gehört  nun  auch  mhd. 
pillchen  pfauchen,  schnauben,  dessen  refiex  sich  auch  als 
niederdeutsches  puchen  oder  pochen  schelten,  räsonniren 
findet,  wodurch  genau  die  wurzelform  buk  als  die  Ursprünge 
liehe  erwiesen  wird,  interessant  genug,  da  hier  einer  der 
seltenen  ßüle  vorliegt,  dai's  sich  b  als  altindogermaniscb 
herausstellt. 

33.  mücus  schleim,  rotz.  So  ist  nach  Corssen  kr. 
beitr.  26  die  bessere  Schreibart.  Daneben  aber  findet  sich 
das  wort  selbst,  so  wie  seine  verwandten  mücidus  rotzig, 
mucosus  rotzig,  schleimig,  müculentus  rotzig,  mficinium 
Schnupftuch  mit  cc  geschrieben.  Etymologisch  richtig 
aber  ist  die  Schreibweise  mücus,  denn  das  wort  entspricht 
dem  griech.  (Avxoq^  welches,  wie  es  scheint,  in  der  hedeu- 
tnng  schleim  sich  findet.  Die  wurzel  ist  muk,  welche  vor- 
liegt im  skr.  mui^Kämi  efiundo,  dimitto,  solvo,  wie  schon 
Bopp  gloss.  s.  V.  1.  muk  und  andre  angeben,  ferner  im  gr. 
ano-uvarxia  ich  schnauze,  f/ivxnJQ  nase,  f^v^a  rotz.  Ihre 
grundbedeutung  ist  also  fliefsen  lassen.  Ueber  lat.  e-mungo 
ich  schnauze,  welches  auch  hierher  gehört,  in  einer  der 
n&chsten  abhandlungen. 

34.  mücor  schimmele  kahm.  Die  ableitungen  sind 
mücidus  schimmlig,  müceo  bin  schimmlig,  mücesco  werde 
schimmlig.  Auch  hier  steht  wieder  cc  neben  e,  aber  c  ist 
nach  Corssen  a.  o.  gleichfalls  bessere  Schreibweise.  Ver- 
wandt sind  gr.  fiwxrjg,  -tirog  pilz,  fxvxrjuvog  von  pilzen  ge- 
macht, deutsch  muchen  dumpf  riechen,  muchig,  muffig 
dumpf,  faulig  riechend.  So  nach  Benfey  gr.  wzll.  I,  518. 
Kuhn  zeitschr.  XV,  452.     Von   Curtius   grundz.  P,  131, 

2* 


80  Pauli 

Meyer  vgl.  gr.  I,  360,  Corssen  kr.  bcitr.  26  werden  ftuoh 
diese  worte  der  eben  genannten  wurzel  muk  zugewieeen. 
Es  siebn  mücor,  mücidus,  müceo  in  dem  bekannten  Ter* 
h&ltniis  der  endungen  -or,  -idas,  »eo,  mücor  ist  also  dem- 
nach nicht  der  concrete  Schimmel,  sondern  nur  das  abstrac* 
tum,  der  zustand  des  geschimmeltseins,  es  liegt  aber  allen 
drei  werten  als  Stammwort  ein  *macu8  zu  gründe,  wie  toh 
albus  herkommt  albor^  albidus,  albeo.  Diesem  ^mflcus  ent* 
spricht  das  gr.  fÄVxog*  fnaoui^  Hes.,  es  heifst  also  müceo 
ich  bin  verunreinigt,  in  specie  durch  schimmel,  woftkr  sich 
die  Wörter  festsetzten.  Dies  *mücus  unrein,  unsauber  ge- 
hört nun  aber,  wie  ich  glanbe,  allerdings  zu  obiger  wurzel 
muk  flieisen  lassen,  effundere,  indem  das  verhältnifs  der  be- 
deatungen  ein  ähnliches  ist,  wie  zwischen  commingo  be- 
sudle und  skr.  ni^hämi  effundo,  megha  wölke.  Es  geht 
auch  das  gr.  uvxij,^  pilz  auf  die  weise  aus  uvxo*^  hervor,  dais 
CS  der  verunreinigende  ist,  nicht  etwa  so,  dal's  der  schim- 
mel als  pilz  bezeichnet  sei,  denn  davon  wuisten  die  alteo 
noch  nichts,  es  wfire  das  ein  anachronismus  in  der  an- 
schauung. 

35.  sücus  saft,  bessere  Schreibweise  als  succus  nach 
Corssen  kr.  beitr.  27.  Nach  der  analogie  der  bisher  be- 
handelten Wörter  mufs  als  wurzel  suk  angesetzt  werden,, 
welche  vorliegt  im  lit.  sunkä  saft,  siinkti  eine  flüssigkeit 
ablaufen  lassen,  altsl.  susati  sfiugen,  sfisici  mamma,  ahd. 
sügan  saugen.  Auch  lat.  sügo  fQr  süco  gehört  hieher  mit 
erweichung  der  tenuis,  die,  wie  ich  bald  zu  zeigen  ge- 
denke, im  lateinischen  sehr  häufig  ist.  Der  Zusammenhang 
von  sücus  und  sügo  ist  schop  von  Benary  röm.  lautl.  148* 
172;  Pott  I',  234;  Hoefer  beitr.  zur  etym.  361  und  neue- 
ren angenommen.  Nicht  verwandt  sind  jedoch  altsl.  sokü 
saft,  das  von  Miklosicb  rad.  92  zu  lit.  sunkä  gestellt  und 
auch  von  Curtius  grundz.  ^  408  verglichen  wird,  ferner 
griech.  0:104;  saft,  welches  Curtius  gleichfalls  f&r  verwandt 
hält,  Pott  aber  bereits  trennte,  und  ahd.  saf  saft,  wie 
Schade  altd.  wb.  s.  v.  angiebt  und  das  niederdeutsche  sap 
beweist,  ein  lehn  wort  ans  dem  lat.  sapa,  welches  selbst 
vielleicht  zu  sokü,  sakai  gehören  mag,  worüber  bei  säplnus 


beitrage  zur  lateinischen  lautlehre  und  etymologie.  21 

QDter  DO.  20  zu  vergleichen.  Die  bedeutnng  der  wurzel 
Buk  ist  offenbar  die  des  saftigseins,  woraus  saugen  und 
säugen  sich  leicht  ableiten.  Das  gr.  av/jjv  feige  wird  von 
Hoefer  a.  o.  dazu  gestellt,  allein  das  äol.-dor.  rwcav  wider- 
streitet. 

36.  sacinum  bernstein,  auch  succinum  geschrieben, 
halte  ich  nur  für  eine  ableitung  von  sücus,  so  genannt 
wegen  der  saftigen  färbe,  nicht,  weil  er  ein  geronnener 
harzsafl  ist,  was  den  alten  wohl  nicht  bekannt  war. 

37-  groceio,  wie  bei  App.  Flor.  p.  366,  19,  oder 
cröcio,  wie  bei  Plaut.  Aul.  4^  3,  2  gelesen  wird,  ich 
krSchze.  Hier  leitet  schon  die  letztere  Schreibweise  auf 
das  richtige,  deren  mittleres  c  in  groccio  doppelt  geschrie- 
ben ist,  während  das  anlautende  c  sich  vor  der  liquida  zu 
g  erweichte,  wie  in  gracilis  neben  cracentes  und  in  glöria 
von  wurzel  klu.  Demnach  haben  wir  in  eröcio  eine  wür- 
zet krak  krächzen  anzusetzen,  die  sich  auTserdem  im  lat. 
gracnlus  dohle,  auch  gracculus  geschrieben,  in  lat.  gra- 
cillo  ich  gackere  (von  hühnern),  beide  gleichfalls  mit  er- 
weichtem anlaut,  so  wie  in  skr.  krka-väkus  hahn,  pfau,  gr. 
xiQXog'  aksxrovwv  Hes.,  gr.  y,6()Xüoo<^  ein  vogel,  skr.  kraka- 
ras,  krkaras,  krkanas  eine  art  rebhuhn  (Fick  idg.  wb.  33), 
endlich  im  lit.  krokiu  ich  röchle,  krächze  erhalten  findet. 
Neben  eröcio  (-Ire)  und  cröcitus  das  krächzen  des  raben 
weisen  die  formen  crocito  krächze  und  crocätio  corvorum 
vocis  appellatio  Paul.  Diac.  auf  ein  *croco  (-äre)  mit  knr- 
xem  wurzelvocal  hin.  Die  wurzel  krak  selbst  ist  weiter- 
gebildet aus  kar  schreien,  wie  es  vorliegt  in  skr.  käravas 
krähe,  gr.  xü()a^  rabe,  xo{)U)vii  krähe,  lat.  corvus  rabe,  cor- 
nix  krähe.  Auch  mit  g  weitergebildet  findet  sich  die 
wur/el  im  gr.  xocii^toj  xixQäyu  schreie,  x^w^oj  krächze, 
uord.  hrökr,  ahd.  hruoh  krähe,  und  mit  labialem  determi- 
nativ im  ahd.  hraban  rabe. 

Nach  analogie  der  Wörter  mit  doppeltem  pp  oder  cc 
läüst  es  sich  nun  annehmen,  dafs  tt  in  manchen  formen 
gleichfalls  nur  der  orthographische  ausdruck  fQr  die  ge- 
schärfte ausspräche  sei,  obwohl  hier  im  einzelnen  die  ent- 
scheiduDg  dadurch  erschwert  wird,  dafs  viele  primäre  suf* 


22  i'auli 

fixe  mit  t  beginnen,  was  ja  bei  p  und  c  nicht  der  fall 
war,  80  dals  also  das  zweite  der  beiden  t  auch  suffixal 
sein  kann.  In  folgenden  formen  aber,  glaube  ich,  ist  das 
tt  als  schftrfung  zu  erklären: 

38.  blattio,  bt&tio  und  blatio  schwatzen,  plap- 
pern, mit  bl&tero,  blatero  dass.,  zusammengehörig,  ist  ge- 
bildet wie  gluttio,  glfltio,  setzt  also  ein  nomen  *blfttns  vor- 
aus von  der  wurzel  bal,  bla  schreien,  die  wir  im  lat.  bftlo 
blöken  und  mit  x  weiter  gebildet  im  gr.  ßlnx^]  ^^^  blö- 
ken, das  kindergeschrei  finden.  Verglichen  mit  flatus  er- 
scheint die  form  *bl&tus,  blatio  als  die  normale,  tt  als  zei- 
chen der  schftrfung,  der  vocal  in  blatio,  blatero  gekOrzt. 

39.  vitta  binde  kann  auf  viererlei  weise  den  latei- 
nischen lautgesetzen  gemäfs  erklfirt  werden,  entweder  als 
vit-ta  von  einer  wurzel  vit  winden,  die  im  got.  vindan 
winden  vorliegt  (so  nach  Pott  et.  forsch.  I\  230),  oder  von 
derselben  wurzelform,  jedoch  nur  graphisch  fbr  *vlt-a,  ftlter 
*veit-ä,  oder  direct  von  der  primären  wurz(^l  vi  winden, 
von  der  vit  secundär,  so  dafs  es  *vl-ta  älter  *vei-ta  za 
trennen  wäre,  wie  vx-tis  ranke,  rebe,  welches  gleich  baktr. 
vaetis  weide,  lit.  vfX\%  weidengerte,  sl.  viti  argocfo^  ist 
(Fick  idg.  wb.  171),  oder  endlich,  wie  es  Schweizer  in  d. 
zeitschr.  III,  375  will,  fßr  victa  von  der  secundären  wurzel 
vik  winden,  binden,  wie  sie  in  vinculum,  vincio  vorliegt. 
Die  entschcidung,  welche  dieser  möglichkeiten  die  wahr- 
scheinlichste sei,  ist  daher  kaum  zu  geben,  ich  persönlich 
möchte  mich  fQr  *vl-ta  erklären  Und  habe  daher  das  wort 
hieher  gestellt.  Dafs  sich  stets  die  Schreibung  vitta  mit 
tt  findet,  geschah  wohl  wegen  der  Scheidung  von  vita, 
welches  selbst,  nebenbei  gesagt,  für  vitta,  victa  stehn  mufs, 
wie  nitor  neben  nixus  sicher  fnr  nictor  steht,  da  die  wur^ 
zel  in  beiden  Wörtern  sicherlich  guttural  auslautet. 

40.  lltus  gestade,  auch  littus  geschrieben.  Die 
bisherigen  etymologien  aus  likh  graben  suff.  tus  (Benary 
röm.  lautl.  285)  oder  aus  skr.  li  anhaften  (Benfey  gr.  wzU. 
I,  122,  Curtius  grundz.',  329)  scheinen  mir  nicht  passend, 
erstere  aus  lautlichen  gründen,  letztere  wegen  der  bedeu- 
tung,  denn  die  von  Curtius  gegebene  Vermittlung  ist  doch 


beitiü^  zur  lateinischen  laatlehre  und  etjmologie.  23 

ZU  kOnstlich.  Und  Qberdies  liegt  eine  andere  etymologie 
viel  näher.  Zugestanden,  dafs  vor  1  und  r  im  anlaut  des 
lateinischen  die  tenues  abfallen  können,  wie  es  fast  allge» 
mein  für  laus  lob  von  klu  hören,  Idmentum  klage  von  kal 
rufen,  latus  getragen  von  tal  tragen  angenommen  wird,  so 
ist  nichts  einfacher,  als  fbr  lltus  ein  älteres  *chtus  anzu- 
setzen, welches  mit  gr.  xAitvg  abhang,  hOgel,  nord.  hllO' 
bergabhang,  got.  hlaiv,  ahd.  hleo  hOgel,  grabhügel,  got. 
hlains  hflgel  zu  kli  sich  neigen  gehört,  wovon  die  verba 
gr.  sAipw,  lat.  cllno  sich  neigen,  ahd.  hlin^n  sich  lehnen. 
Das  suffix  tus  n.  zeigt  sich  sonst  noch,  wie  im  skr.  srö-tas 
flufs,  9rö-tas  ohr,  re*tas  same,  vielleicht  im  lat.  pec-tus 
brüst.  Der  bedeutung  nach  ist  lltus  die  absenkung,  abda- 
cbung  des  landes  am  meere. 

41.  litte ra  buchstabe,  wie  nach  Corssen  kr.  beitr.  19 
die  bessere  Schreibweise  ist.  Alle  ableitungen  aus  lictera 
und  liptera,  ersteres  anlehnend  an  skr.  likh  schreiben,  letz- 
teres an  skr.  lipi  schrift,  halte  ich  mit  Corssen  kr.  nachtr. 
61  sq.  für  nicht  genögend,  obwohl,  wie  wir  nachher  sehen 
werden,  die  assimilation  von  et  und  pt  zu  tt  dem  ^atein 
nicht  völlig  fremd  ist.  Ich  stimme  vielmehr  Corssen  bei, 
wenn  er  es  zu  wurzel  li  streichen  stellt,  dafs  aber  des  ahd. 
sb-m  schleim  wegen,  wie  er  meint,  die  wurzel  ein  s  im 
anlaut  eingeböfst  habe,  ist  nicht  sicher  erweislich,  obwohl 
wegen  ll-mus  immerhin  möglich. 

42.  glitt  US  in  der  glosse  des  Paulus  glittis  subactis, 
levibus,  teneris,  also  glatt,  locker  bedeutend.  Dies  verhält 
sich  zu  lit.  glitüs  glatt,  schlüpfrig  genau  so,  wie  lippus  zu 
lipüs,  daher  wird  es  auch  auf  gleiche  art  %u  erklären  sein, 
d.h.  es  steht  fär  glltus,  älter  *gleitos,  wurzel  glit  glatt, 
klebrig  sein.  Diese  wurzel  ist  belegbar  im  lat.  glis,  glitis 
lockere  erde  bei  Isidor,  gr.  ykurop'  yloiov  Hes.  und,  wie 
ünrtius  (grundz.  I',  334)  meint,  mit  abfall  des  g  auch  in 
Ug^  JkiTog  glatt,  kahl,  Xitog  glatt,  kiaaog  für  *kiTj6g  glatt, 
so  wie  in  der  genannten  lit.  form,  im  lett.  gllst  glatt,  gllsts 
lefam  (Benfey  gr.  wzU.  U,  119)  und  im  deutschen  kleister, 
in  den  letztgenannten  formen  mit  Übergang  der  dentalis 
vor  dentalis  in  s.    Als  primäre  wurzel  ergiebt  sich  gli  im 


U  Pauli 

grieob.  ylia  leim,  ykoiog  klebrige  feachtigkeit,  ylivr^  leim. 
Das  sl.  glina  thon  ist  wohl  nicht  von  der  primären  wurzel 
abgeleitet,  sondern,  wie  Miklosicb  rad.  s.  v.  aus  dem  serb. 
glib  schliefst,  aus  ^glibna  assimilirt,  welche  Weiterbildung 
mit  bh  auch  im  sl.  glibati  fest  machen  zn  tage  tritt*  Es 
ist  noch  zu  erwähnen,  das  einige  bandschriften  des  Paulus 
glutis  lesen,  was  allenfalls  richtig  sein  könnte,  so  dafs 
dann  das  unter  no.  43  behandelte  wort  vorläge;  glicds 
aber,  wie  eine  handschrift  hat,  ist  sicherlich  falsche  schreib* 
weise,  wie  oben  mactea  und  coctana.  ^ 

43.  glütus,  von  Cato  r.  r.  45,  t  vom  zähen,  kleb- 
rigen boden  gebraucht,  ergiebt  sich  schon  dadurch  als  bes- 
sere Schreibart  fOr  ginttus,  dafs  es  das  particip  von  gluo 
ist,  welches  alte  lexika  darbieten.  Seine  lateinischen  ver- 
wandten sind  glos,  -tis  der  leim,  glaten  und  glütinum  dass. 
and  die  ableitungen  von  letzterem.  Als  wurzel  ergiebt  sich 
somit  glu  kleben ,  die  sich  nach  Benfey  wzll.  11,  1 1 9  auch 
im  lett.  glfids  lehm  findet  und,  wie  Curtius  grundz.  I^,  334 
meint,  eng  verwandt  mit  gli  im  gr»  ykia  leim  u.  a.  ist.  In 
meinen  verben  auf  uo  21  hatte  ich  vermuthet,  das  g  von 
gluo  sei  aus  k  erweicht,  es  scheint  mir  jetzt  indefs,  dafs 
es  ursprOnglich  sei. 

44.  glütus  oder  gluttus  Schlund.  Auch  hier  ist  ety- 
mologisch glütus  die  richtige  Schreibung,  denn  glü  ist  Wur- 
zelsilbe, tus  sufBx,  wie  in-gluv-ies  kehle  zeigt  Wie  im- 
-pluv-ium  auf  pluo,  so  gehen  glütus  und  ingluvies  auf  ein 
verlornes  *gluo  verschlingen  zurück.  Dies  würde  nach  son- 
stiger analogie  direct  auf  eine  wurzel  glu  weisen,  die  aber 
nirgends  zu  belegen  ist.  Ich  glaube  daher,  dafs  Bopp  gloss. 
s.  V.  gar  und  Pott  I^,  227  recht  haben,  als  wurzel  gar 
verschlingen  anzusetzen,  und  darum  habe  ich  auch  in  mei- 
ner abhandlung  über  die  benennung  der  körpertheile  13 

45.  glütio  oder  gluttio  ich  verschlinge,  welches 
nur  eine  ableitung  von  glütus  ist,  mit  skr.  gala,  lat.  gula, 
ahd.  käa  u.  a.  kehle  bedeutenden  Wörtern  zu  skr.  girdti, 
gil&ti,  wurzel  gar  verschlingen,  gestellt.  Alsdann  mufs  die 
Wortbildung  folgende  sein.  Aus  der  wurzel  leitet  sieh  zu- 
nächst ein  nominalstamm  ""gelu  ab,    wie  von  wurzel  arg 


beitrftge  zur  lateiDischen  Uutlehre  tmd  etymologie.  25 

weiis  sein  ein  *argu,  davon  kommt  *geIuo  wie  argno,  des- 
sen erklftning  in  meinen  verbis  auf  uo  22  ich  als  falsch 
hiermit  zurücknehme,  dann  tritt  syncope  des  e  ein,  wie  in 
gnftsoor  fbr  genäscor  (gebildet  wie  iräscor),  von  dem  so 
entstandenen  gluo  leitet  sich  glütus,  wie  von  argao  argü- 
toB  ab,  glatio  endlich  ist  wieder  ein  denominativum  von 
gltLtns,  wie  raucio  von  raucus  heiser.  Dem  glütio  in  der 
bildong  ziemlich  analog  ist  sl.  glutiti ,  nur  dafs  dies  wort 
u  statt  eines  völlig  parallelen  u  zeigt. 

Diese  Verdoppelung  der  teouis  zur  bezeichnung  der 
geschärften  ausspräche  findet  sich  aber  nicht  blofs  nach 
langen  vocalen,  sondern  auch  nach  kurzen,  bald  als  vor- 
wiegende Schreibart,  bald  mehr  vereinzelt.  Das  bekannteste 
und  sicherste  beispiel  dieser  art  ist  quattuor,  wo,  wie  Cors- 
sen  kr.  beitr.  t9  richtig  bemerkt,  ein  etymologischer  grund 
nicht  vorliegt.  Weiter  zeigt  sich  diese  erscheinung  mit 
Sicherheit  in  cottidie,  was  neben  cotidie,  quotidie  sich  ge- 
schrieben findet  (Corssen  ausspr.  I,  69),  denn  hier  ist  an 
der  etymologie  von  quot  ss  skr.  kati  interr.  wie  viele?,  in- 
def.  etliche,  adverb.  oft  nicht  zu  zweifeln,  wie  der  ge- 
brauch von  quot  diebus  alle  tage,  quot  mensibus  alle  mo- 
nate,  quotannis  alle  jähre  ergiebt.  Auch  succerda  schweine- 
koth  steht  far  sucerda  mit  kurzem  u ,  denn  der  analogic 
von  mus-cerda  noch  ist  es  aus  su  und  cerda  zusammenge- 
setzt, der  stamm  su  hat  aber  im  lateinischen  entschieden 
kurzes  u,  was  zwar  nicht  aus  sulnus,  suile,  wo  vocalis 
ante  vocalem  gekürzt  sein  könnte,  wohl  aber  aus  sucula 
schweinchen  hervorgeht.  Auch  vacillo  wanke,  schwanke 
ist  bei  Lucret.  3,  504  in  der  ersten  silbe  lang  gemessen, 
weswegen  Lachmann  vaccillo  schreibt.  Der  Wortbildung 
nach  ist  vacillo  ein  verbum  deminutivum,  welches  ein  ein-; 
facberes  voraussetzt.  Nach  der  analogie  von  jaceo  neben 
dem  oansativen  jacio  kann  dies  kaum  anders  als  *vaceo 
angesetzt  werden,  welches  wie  jaceo  einen  kurzen  vocal 
fordert.  Die  wurzel  liegt  im  deutschen  vor.  Da  ja  in- 
lautende  tennis  zwischen  vocalen  sich  bereits  gotisch  zur 
media  statt  zur  aspirata  zu  verschieben  pflegt,  so  könnten 
wir  die  wurzel  gotisch  in  der  gestalt  vag  wiederfinden.   Da 


26  Pauli 

ferner  got.  gavigau  das  gr.  calevBiv^  got.  vögs  das  gr.  öei- 
Cfjiog^  xkvöoip  übersetzt,  abd.  wSgan  sich  bewegen  besonders 
von  der  bewegung  des  hebeis  oder  wagebalkens  gebraucht 
wird^  und  diese  bedeutungen  viel  genauer  zu  der  von  va- 
cillo  stimmen,  als  zu  der  der  wurzel  vagh  fahren,  ziehen, 
wozu  obige  deutsche  Wörter  gewöhnlich  gezogen  werden, 
so  glaube  ich,  dal's  sie  nicht  zu  wurzel  vagh  fahren,  son- 
dern zu  vak  schwanken  zu  ziehen  sind,  welche  wurzel  im 
Sanskrit  gleichfalls  von  der  bewegung  einer  flOssigkeit  ge- 
braucht wird,  wie  im  got.  v^s,  nämlich  in  der  stelle  Bigv. 
7,21,3 

tu&d  vävakre  rathtas  na  dhenäs 
von  dir  her  rollten  die  milchtränke,  wie  wagenlenker.  An- 
dre deutsche  Wörter  zeigen  durch  ihre  bedeutung  den  Zu- 
sammenhang mit  wurzel  vak  schwanken  noch  deuüiöber. 
Dahin  gehören  ahd.  wagä  wiege,  abd.  wagön  sich  wiegen, 
schwanken,  wogen,  ahd.  wäga  wage,  kippe,  mhd.  wägen 
auf  die  wage  legen,  mhd.  waege  übergewicht  habend,  nicht 
jedoch  abd.  wagan  wagen  und  got.  vigs  weg,  welche  nach 
wie  vor  der  wurzel  vagh  fahren  zuzusprechen  sind.  Nach 
analogie  dieser  formen,  in  denen  mit  Sicherheit  die  ortho- 
graphische doppelung  der  tenuis  auch  nach  kurzem  vocal 
sich  findet,  erklären  sich  nun  folgende  Wörter: 

46.  catta,  welches  nur  bei  Mart.  13,69  steht  und 
vom  gloss.  Cyrilli  369,  16  durch  ailouQug  erklärt  wird,  mit 
recht,  wie  sein  masculinum  catus  kater  zeigt,  wofür  sich 
gleichfalls  die  Orthographie  cattus  'findet  nach  Doederlein 
synon.  V,  115.  Dafs  aber  hier  die  Schreibweise  catus,  cata 
die  etymologisch  richtige  sei,  zeigt  das  lat.  deminutivum 
catulus,  so  wie  das  lit.  kät-a-s  kater,  sl.  kot-ü-ka  katze. 

47.  flocces  der  bodensatz  des  weines,  und 

48.  floccus  die  flocke  sind  schon  von  Corssen  kr. 
beitr.  29  als  verwandt  mit  einander  hingestellt  worden.  Die 
weitere  Verwandtschaft  indessen,  die  nach  ihm  die  Wörter  mit 
flaccus  welk,  fraces  öltrestern,  fraceo  mulsch  sein,  fragesco 
mürbe  werden  haben  sollen,  halte  ich  nicht  für  erwiesen, 
da  weder  a  mit  o,  noch  1  mit  r  im  lateinischen  wechseln, 
ohne  dais  dieser  Wechsel  in  der  Wortbildung  oder  lautge- 


beitrage  zur  lateinischeD  lautlebre  nnd  etjmologie.  27 

setzlieh  begrQndet  wäre,  was  hier  nicht  der  fall  ist  Auch 
anderweite  erkläningen,  wie  die  von  Meyer  Zeitschrift 
VI,  222  oder  von  Proehde  zeitschr.  XIII,  455  befriedigen 
nicht.  Letztere  giebt  aber  einen  fingerzeig,  sofern  sie  flo-ces 
trennt  und  c  als  ableitend  ansieht.  Damach  gewinnt  man 
blofs  in  flo  die  wurzel,  die  ich  im  ahd.  pläan,  mbd.  blae- 
wen,  blaejen,  blaeen,  ags.  biävan,  engl,  to  blow  blähen  finde. 
Der  bedeutung  nach  pafst  diese  vergleichung  trefflich,  denn 
sowohl  die  weinbefe,  wie  die  wollflocke  haben  gleicher- 
weise eine  geblähte  form.  Bei  dieser  etymologie  ergiebt 
sich  als  richtige  Schreibung  fio-cus  und  flo-ces,  welch  letz- 
teres neben  flocces  sich  findet. 

4f>.  eccere  soll  nach  Curtius  zeitschr.  VI,  92  das 
passiv  von  ecce  siehe!  sein,  dies  selbst  aber  imperativ  eines 
*eco  ich  sehe  +  ce,  welches  in  hice  enthalten  ist.  Diese 
erklärung  des  eccere  halte  ich  fQr  unmöglich,  weil  das  ce 
im  lateinischen  nicht  zwischen  activform  und  medialendung 
in  die  mitte  des  wertes  treten  kann,  wenn  schon  im  litaui- 
schen das  k  des  Imperativs  zwischen  wurzel  und  endang 
steht.  Allein  das  ist  eine  speciell  litauische  eigenthQmlich- 
keit,  die  nicht  auf  eine  andere  spräche  übertragen  werden 
darf  Es  bleibt  sodann  f&r  eccere  noch  die  andre  ge- 
wöhnliehe erklärnug  übrig,  welche  es  gleich  ecastor,  equi- 
rlne  aus  e,  welches  wohl  blofse  interjection  sein  wird,  und 
Ceres  ableitet.  Da  sich  die  Schreibweise  ecere  gleichfalls 
findet,  da  ferner  s  am  ende  oft  abfallt,  wie  in  amäbere  ne- 
ben amäberis,  in  poeta  aus  poetäs,  quatuor  aus  quatuores 
und  in  vielen  declinationsformen ,  so  ist  kein  grund,  diese 
erklärung  für  falsch  zu  halten.  Es  ist  demnach  auch  in 
eccere  das  cc  nach  kurzem  vocal  geschrieben. 

50.  accipiter  babicht  führe  ich,  wie  es  meist  ge- 
schieht, auf  die  wurzeln  ak  schnell  sein  und  pat  fliegen 
zurück,  ohne  mich  indessen  im  einzelnen  mit  den  bisheri- 
gen ableitungen  einverstanden  erklären  zu  können.  Man 
bat  es  theils  unmittelbar  mit  skr.  &9up&tvan  (Benfey  zeit- 
schr. IX,  78,  Meyer  vgl.  gr.  I,  369 ),  theils  mit  gr.  (ixvnte- 
Qog  oder  uixvnitr^g  gleichgestellt.  Dabei  ist  acci-  aus  aqni* 
erklärt  und  dies  gleich  ä^u-,  o>xv-  gesetzt  worden.     Das 


28  Pmü 

lat.  öcior  beweist,  dafs  in  dem  betrefTenden  adjectiv  auch 
im  lateinischen  der  vocal  zu  ö  sieb  gestaltet  hat,  also  kann 
acci-  nicht  gleich  uxv-  sein.  Ferner  soll  cc  aus  qu  assi- 
milirt  worden  sein,  es  fehlen  analoge  beispiele,  also  ist 
diese  assimilation  nicht  erwiesen.  Endlich  soll  auch  das 
Suffix  -er  gleich  dem  skr.  -van  sein.  Hier  bandelt  sich^s 
um  ein  princip.  Wer,  wie  ich,  die  ganze  Benfeysche  suf- 
fixtheorie  fQr  nicht  richtig  h&lt,  kann  auch  die  identität 
obiger  suffixe  nicht  zugeben.  Aber  weshalb  ist  es  denn 
überhaupt  nöthig,  dafs  die  Wörter  identisch  sind?  So  we- 
nig wxv7tre{}üg  und  atxvTiiri]^  identisch,  hingegen  nur  fthn- 
lich  gebildet  sind,  so  wenig  accipiter  und  die  andern  Wör- 
ter. Bleiben  wir  also  auf  dem  boden  der  lat.  laut-  und 
Wortbildungsgesetze I  Danach  setzt  -piter  ein  simplex  *pat- 
-aram,  lateinisch  jedenfalls  '^pet-rum  flügel  voraus,  dessen 
reflexe  im  skr.  pat-ram,  griech.  titsoov  für  *7iBT-eoov  flögel, 
ahd.  fed-ara  feder  (nur  im  geschlecht  verschieden)  klar  vor- 
liegen. In  acci'  aber  ist  die  Orthographie  der  geschärften 
tenuis  vorbanden,  es  steht  also  für  aci-  und  dies  mit  der 
Schwächung  des  stamm vocals,  wie  sie  z.  b.  in  mauifestus, 
manipulus  u.  a.  zu  tage  tritt,  für  acu-.  Dies  *acus  (-üs) 
aber  hat  als  Substantiv  die  bedeutung  Schnelligkeit,  wie 
bei  Plac.  gl.,  wo  acu  pedum  durch  velocitate  pedum  er- 
klärt wird,  als  adjectiv  aber  heifst  es  schnell  und  so  ist 
es  erhalten  in  des  Paulus  glosse:  acupedius  dicebatur,  cui 
praecipuum  erat  in  curreudo  acumen  pedum,  und  in  den 
ableitungen  acuo  ich  treibe  an  und  dem  eben  bei  Paulus 
genaunten  acumen  Schnelligkeit,  die  mit  den  homonymen 
acuo  ich  spitze  zu  und  acumen  spitze,  Scharfsinn  aufser  der 
gleichen  wurzel  ak  nichts  gemein  haben,  da  diese  zunächst 
von  acus  nadel  oder  *acu8  spitz  abgeleitet  sind,  welch 
letzteres  in  aquipenser  spitzflossig,  «dem  namen  eines  see- ^ 
fisches,  und  aquifolius  staclielblättrig  erhalten  ist  Ich  sehe 
also  in  accipiter  ein  possessivcompositum  ^schnelle  flügel 
habend^  und  setze  es  gleich  einem  skr.  *a9upatras,  idg. 
*akupataras  und  leite  von  dem  zu  gründe  liegenden  *aku 
auch  den  namen  des  adlers,  aquUa,  her.  Der  pflanzenname 
accipitrina  als  ableitung  ist  oben  bei  bacciua  bereits  erwähnt. 


beitriEge  znr  lateiniflchen  Uvtlehre  und  etymologie.  89 

Ed  findet  sich  vereinzelt  ein  altes  wort  suppns,  wel- 
che nach  den  stellen  des  Festus  und  Panlus  Diaconus  fSr 
saplnus  steht,  nach  Isidor  im  wQrfelspiei  einen  wurf  be- 
zeichnet. Diese  beiden  erklärungen  beziehen  sich  meiner 
meinnng  nach  auf  zwei  verschiedene  Wörter,  indem 

51.  suppus  rückgeneigt  jedenfalls  mit  suplnus  und 
ffr.  vTiTiog  zu  sub,  resp.  vnd  gehört  und  das  doppelte  p 
gleichfalls  nur  das  einfache  vertritt,  hier  aber  mit  vorher- 
gehendem kurzen  vocal  der  betreffenden  präposition,  die 
zu  gründe  liegt,  aber  nirgends  sonst  gedehnt  oder  gunirt 
sich  findet*,  wohl  aber  mit  verdoppeltem  consonanten,  wie 
z.  b.  f&r  supremns  sich  suppremus  geschrieben  findet  in 
zwei  handschriften  des  Panlus  Diaconus,  wie  Lindemann 
s.  V.  angiebt,  obwohl  auch  hier  das  u  kurz  ist.  Das  suffix 
anlangend,  so  ist  supus  aus  sub  gebildet,  wie  superns  aus 
super.     Ändern  Ursprungs  aber  ist  das 

52.  suppus  des  Isidor,  welches  der  wurf  heifst.  Ich 
erkläre  nämlich  die  betreffende  stelle  trinionem  suppnm 
vocabant  so:  trinio  nannte  man  einen  wurf,  so  dafs  nicht 
suppus,  sondern  die  ungewöhnliche  form  trinio  für  temio 
erklärt  werden  soll.  Dies  suppus  wurf  steht  nämlich  nicht 
ohne  verwandte  da,  insofern  des  Paulus  notiz:  supat  jacit, 
unde  dissipat  disicit,  et  obsipat  obicit,  et  insipat,  hoc  est 
inicit  uns  das  denominativum  zu  supus,  wie  alsdann  die 
etymologische  Schreibweise,  und  zwar  mit  kurzem  vocal, 
liefert.  Die  wurzel  findet  sich  auch  sonst  erhalten,  näm- 
lich lit  supü  schaukeln,  dessen  derivata  zum  theil  auch  mit 
der  schon  oben  erwähnten  Schwächung  des  p  zu  b  auftre- 
ten. Es  ergiebt  sich  somit  eine  wurzel  sup  mit  der  be» 
deutung  des  lat.  jactare,  aus  der  supus  einfache  nominal- 
bildung  ist. 

53.  tippula  bestiolae  genus  sex  pedes  habentis,  sed 
tantae  levitatis,  ut  super  aquam  currens  non  desidat,  sagt 
Paulus  Diaconus  und  schon  Gerhard  Johann  Vossius  er- 
klärt es  als  das  thier,  quod  „Belgae  vocant  waterspinne, 
quasi  dicas  araneum  aquaticum^,  gewifs  richtig.  Bei  die- 
sem Worte  sind  wir  in  der  glflcklichen  läge,  die  richtige 
form  durch  hülfe  der  metrik  herstellen   zu  können.     Die 


80  P«üi 

l&oge  der  paenaltitna  beweist  der  beim  Nonius  angef&hrte 
trimeter  des  Varro: 

levis 

tippula  limphoa  frigidos  trausit  lacus, 
die  kQrze  der  ersten  silbe  der  auch  von  Paulus  beigebracht4<i 
vers  aus  Plaut us  Pers.  II,  2,  62,    ein   trochäiscber  tetra- 
metor: 

neque  tipulae  levius  pondus  est  quam  fides  lenonia, 
zu  lesen: 

neque  tipulae  leviu'  pondust  quam  fides  lenonia. 
Es  ergiebt  sich  also  das  pp  hier  nur  als  orthographischer 
ausdruck  der  geschärften  tenuis  nach  kurzem  yocal,  und 
tiptda  oder  besser  wohl  tipuUa  ist  die  richtige  form  des 
Wortes.  Die  formen  auf  uUus  sind  meist  die  deminutiva 
der  Wörter  auf  ö,  önis,  wie  lönullus  von  Idno,  CatuUus  von 
Gato  u.  a.,  so  dafs  man  auch  för  tipulla  ein  simplex  *tipo 
erschliefsen  darf,  welches  bereits  von  Dacier  zum  Paulus, 
spftter  von  Benfey  griech.  wzU.  II,  237  zum  griech.  Ti(pog 
stehendes  gewässer  und  von  Förstemann  zeitschr.  III,  58 
zu  dem  Ti(pf]  in  Arist.  Ach.  884.  889  gestellt  ist,  welches 
gleichfalls  ein  insekt  bezeichnet.  Wenn  aber  Fiek  idg. 
wb.  78  auch  r/Ayi;  bQchermotte  mit  obigen  Wörtern  zu- 
sammenbringen will,  so  vermisse  ich  den  nachweis  der 
lautlichen  möglichkeiU  Die  für  tipulla,  rlfpog^  riiptj  sich 
ergebende  wurzel  tip  vermag  ich  sonst  nicht  nachzuweisen, 
Fick  1.  c.  vergleicht  lit.  tepü  schmiere,  aber  das  e  stört. 

54.  vappo,  nur  aus  des  Probus  stelle  bekannt:  vappo, 
vapponis  animal  est  volans,  quod  vulgo  animas  vocant; 
lectum  est  apud  Lucretium  hos  vappones.  Hiernach  wird 
Fick  idg.  wb.  s.  v.  väpala  wohl  recht  haben,  wenn  er  vappo 
durch  y^vxv^  Schmetterling,  motte  crkl&rt  und  es  fragend 
zu  Wurzel  vap  stellt.  Letztere  herleitung  halte  ich  fllr  si- 
cher, da  auch  eine  reihe  anderer  flatternder  geschöpfe  ihre 
Damen  dieser  wurzel  entnehmen,  so  gr.  i)nio?.o'^  motte,  ahd. 
wibil  kornwurm,  lit.  v4balas  käfer,  worin  b  aus  p  erweicht 
ist,  wie  in  blusä  floh  und  bluinis  milz,  die  doch  kaum 
▼on   pulex,  resp.  skr.  pllhan  zu  trennen  sind,  femer  lit 


beitrlge  zur  lateinischen  lanüehre  nnd  etymologie.  31 

vapsh  bremse,  ahd.  wafea  wespe,  latein.  vespa  dass.  (Fick, 
i.  c),  wo  alao  ps  umgestellt  ist,  und  die  bedeutang  von 
Wurzel  vap  paTst  aaf  das  trefflichste,  welche  nach  dem 
mbd.  waberen  sich  hin-  und  herbewegen,  nord.  vftfa  wan- 
ken, schwanken,  vafrlogi  die.  waberlohe,  das  flackernde 
fener,  so  wie  nach  Odins  namen  Vafuör  der  flatternde 
Sturmgott  (cf.  Mannhardt  götterweit  I,  1 53)  sich  als  ,,flak- 
kem,  flattern^  herausstellt.  Ich  setze  demnach  vappo  als 
*yapo  mit  kurzem  vocal  an,  wie  das  eben  s.  v.  tippnla 
erschlossene  *tipo. 

Aufser  der  doppelt  geschriebenen  geschärften  tenuis  ent- 
steht nun  doppelte  tenuis  nachweislich  auch  durch  assimi- 
lation  und  zwar  zunächst  beim  zusammentritt  von  präpo- 
sitionen  mit  verben  oder  auch  andern  Wörtern,  so  ha- 
ben wir 

cc  aus  b  +  c  in  occido,  succido, 

cc  aus  d  +  c  in  accedo; 
tt  aus  d  +  t   in  attineo; 

pp  aus  b  +  p  in  oppugno,  suppeto, 

pp  aus  d  +  p  in  appareo. 
Der  lautliche  Vorgang  ist  hier  der,  dafs  den  betrefTenden 
Präpositionen  ob,  sub,  ad  ursprünglich  die  tenuis  zukommt, 
die  sie  im  gr.  ^niy  imo^  skr.  &ti  haben,  es  schwächte  sich 
aber  hier  im  auslaut  des  lateinischen  die  tenuis  zur  media, 
wie  auch  sonst,  im  compositum  aber  wMrde  der  auslaut 
vor  der  tenuis  des  verbums  erst  wieder  zur  tenuis,  was 
Schreibweisen,  wie  optendere,  optulerat  (Corssen  ausspr. 
I,  56),  deutlich  zeigen,  bis  endlich  dieser  halben  assimila- 
tion  die  völlige  folgte.  Hierher  gehören  auch  zwei  nomina, 
die,  weil  ihre  etymologie  nicht  sofort  zu  tage  tritt,  beson- 
ders zu  erwähnen  sind,  nämlich: 

55.  succidia,  gewöhnlich  als  su-cldia  aufgefafst 
und  mit  Speckseite  übersetzt  (nach  Varro  de  1. 1.  4,  22,  32), 
es  beifst  aber  vielmehr  das  einschlachten  und  das  einge- 
schlachtete, wie  dies  die  redensart  succidias  humanas  fa- 
cere  beweist,  die  nicht  heifst:  menschliche  Speckseiten 
machen,  sondern  menschen  niederschlachten,  also  deutlich 
die  ableitung  von  succido  zeigt. 


32  Piwli 

54.  attegia  zeit,  welches  angeblich  arabischen  ui^ 
spranges  sein  soll,  aber  gewifs  nicht  von  tugurium  hOtte 
zu  trennen  ist,  mit  dem  es  zn  tego  zn  stellen  sein  wird; 
in  der  präposition  ist  wohl  das  anlehnen  an  die  Zeltstangen 
bezeichnet. 

Aber   nicht  blofs  bei   präpositionen  findet  sich  diese 
assimilation,   es  giebt  eine  zahl  andrer  fälle,  in  denen  sie 
ebenso  leicht  an  andrer  stelle  nachweisbar  ist.    So  steht 
oc  resp.  cqu  ftir  d  +  c  in  hocce,  hoc  für  hod  (neutr.) 

-hce, 
cc  resp.   cqu  fbr  d  +  c  in  quicquam  neben  qnidquam 

(Corssen,  aosspr.  I,  17), 
CO  resp.  cqu  fär  d  +  c  in  ac,   welches  aus  atque  nur 

durch  die  Zwischenstufe  acque  zu  erklären  ist; 
tt  fQr  d  + 1  in  adgrettus  (Paul.  Diac.  p.  6  L.), 
tt  fbr  d  +  t  in  cette  fbr  cedite  von  cedo  gieb  her; 
pp  für  d  +  p  in  quippiam  neben  quidpiam, 
pp  fQr  d  +  p  in  quippe  fQr  quidpe. 
Es  sind  somit  die  assimilationen  aus 

b  +  c  und  d  +  o  zu  cc, 

d  +  t  zu  tt, 
b  +  p  und  d  +  p  zu  pp 
sicher,  dagegen  werden  yermifst  die  formen 
g  +  o  zu  cc, 

gk+t  und  b  +  t  zu  tt, 

g-t-p  ztt  PP» 

in  welchen  sämmtljchen  formein  die  media,  das  erste  ele* 
ment,  selbstverständlich  auch  schon  von  anfang  an  eine 
tenuis  sein  kann.  Dafs  g  +  c,  wo  es  zusammenträfe,  zu 
cc  werden  würde,  unterliegt  keinem  zweifele  es  fehlen  eben 
nur  die  beispiele.  Schwieriger  liegt  die  frage,  ob  g  +  t, 
resp.  c  + 1  in  tt  oder,  was  ja  bei  der  überhaupt  im  latei- 
nischen schwankenden  Schreibung  der  doppellaute  dasselbe 
sagt,  in  t  mit  vorhergehender  vocallänge  übergehen  könne. 
Viele  forscher,  die  man  bei  Corssen  krit.  beitr.  3  sq.  auf- 
gezählt findet,  haben  sich  für  die  möglichkeit  dieser  assi- 
milation ausgesprochen,  Corssen  selbst  bezweifelte  früher 
(1.  c.)  das  stattfinden  derselben,  giebt  aber  jetzt  (kr.  nachtr. 


beitrige  znr  lateinischen  lantlehre  und  etymologie.  33 

45)  diesdbe  in  einzelnen*  ftUen  20.  Ich  kann  nicht  umhin, 
mich  hier  der  majorität  anzuschiielsen  und  meine  meinung 
dahin  auszusprechen,  dafs  auch  Corssens  jetzige  ansieht 
den  Vorgang  noch  zu  eng  falst.  Denn  er  giebt  ihn  nur 
sn  in  autor,  Adauta,  Vitoria,  Vitorius  und  dem  unsicheren 
Beneditus.  Dabei  verlangt  er  fAr  letztere  form  dem  lante 
nach  Benedittus,  so  dafs  *hier  wirklich  assimilation  vorliege, 
in  den  andern  formen  hingegen  ausfall.  Beides  ist  aber 
der  Sache  nach  dasselbe,  denn  der  ausfall  setzt  nqthwendig 
lantphysiologisch  vorherige  assimilation  voraus,  wie  z.  b. 
auch  Schleicher  comp.  I^,  243  die  sache  f&r  das  slavische 
richtig  darstellt.  Nun  ist  aber  diese  assimilation  des  et 
zu  tt  ftkr  die  romanischen  sprachen  gradezn  regel,  sie  tritt 
nach  allen  vocalen  ein,  wie  folgende  beispiele  zeigen: 

tat.  factus,  directus,  dictus,  octo,  fiructus, 

ttal.  fatto,  diretto,  dettp,  otto,  frutto, 

prov.  fatz,  dreitz,  ditz,  oit,  fruitz, 

altfrz.  fait,  droit,  dit,  uit,  fruit, 

neben  faict,  droict,  fruict, 

frz.  fait,  droit,  dit,  huit,  fruit, 
wobei  zu  bemerken,  dafs  das  auslautende  z  des  proven^a* 
lischen  nur  das  alte  nominativ-s  ist,  dafs  die  altfranzösische 
Schreibung  mit  et  allerdings  bis  ins  15.  Jahrhundert  reicht, 
dala  daneben  aber  die  Schreibweise  ohne  c  bereits  bis  ins 
12.  Jahrhundert  zurückgeht,  so  dafs  der  ausspräche  nach 
die  assimilation  längst  vollzogen  war.  Nun  finden  wir 
ancb  sonst,  daGs  romanismen  oder  wenigstens  ansfttze  dazu 
sich  schon  meist  in  alter  noch  römischer  zeit  zeigen,  vor- 
wiegend in  der  lingua  rustica,  aber  nicht  ausschlieMich. 
Es  wird  dadurch  also  von  vornherein  wahrscheinlich,  dafs 
auch  spuren  dieser  assimilation  von  et  zu  tt  oder  t  bereits 
im  lateinischen  sich  finden,  namentlich  in  solchen  Wör- 
tern, die  isolirt  stehn,  also  in  eigennamen  und  solchen 
nominibus,  deren  Zusammenhang  mit  einem  wurzelverb 
durch  specialisirung  der  bedentung  dem  bewufstsein  der 
sprechenden  nicht  mehr  gegenwärtig  war,  während  ety- 
mologisch durchsichtige  formen  das  et  rein  bewahrten. 
Dazu  kommt,  dafs  wir  Schreibungen,  wie  mattea,  salpitta, 

ZeitTChr.  f.  vgl.  sprachf.  XVIH,  1.  3 


34  PMli 

cottana  mit  mactea,  salpicta,  coctana  wechselo  sehr;  gleich- 
viel nun,  welches  die  richtige  sei,  jedenfalls  beweist  das, 
dafii  zu  Zeiten  des  Schreibers  bereits  et  und  tt  der  aas- 
spraohe  nach  zusammenfiel.  Man  braucht  also  nicht  anza- 
stehn,  wo  sich  durch  annähme  dieser  assimilation  eine 
leichte  und  gef&llige  etymologie  darbietet,  dieselbe  als  ge» 
schehen  zu  betrachten. 

Aehnlich  liegt  die  sache  bei  p  +  t.  Auch  hier  ent- 
sprechen sich 

lat.  captiyus,  Septem,  debita,  subtus,  *8ubt&na, 

ital.  cattivo,  sette,  detta,  sotto,  sottana, 

prov.  caitius,  set,  sotz, 

altfrz.  chaitif,  set,  dete^>  soz  (souz), 

frz.  ch^tif,  sept,  dette,  sous,  soutane, 
wo  ja  im  franz.  sept  das  p  der  ausspräche  nach  gleichfalls 
assimilirt  ist,  während  in  sous  die  Schreibweise  eigentlich 
souts  sein  müfste.  In  isolirten  oder  etymologisch  undurch- 
sichtigen lateinischen  Wörtern  scheint  also  allenfalls  auch 
diese  assimilation  angenommen  werden  zu  können.  So 
bleibt  nur  noch  die  formel  g  +  p  oder  c  +  p  zu  pp  flbrig, 
(Qr  deren  existenz  ich  allerdings  nichts  beizubringen  ver- 
mag. Durch  assimilation  nun  halte  ich  die  doppelte  tenuis 
entstanden  in  folgenden  Wörtern: 

57.  pecco  sündige  ist  von  Bopp,  gloss.  s.v.  päpas 
mit  diesem  worte  und  mit  griech.  xaxog  verglichen  wor* 
den^  auf  welche  möglichkeit  bereits  Pott  etym.  forsch« 
n^  277.  600  hingewiesen  hatte,  obgleich  er  auch  eine  her- 
leitnng  ans  ped-co  oder  perd-co  und  Verwandtschaft  mit 
perdo,  p(^jor  und  pessimus  fflr  möglich  hält.  Aus  der  stelle 
Cic.  parad.  3,  1 :  peccarc  est  tanquam  transilire  lineas  ent- 
nehmen wir,  dafs  die  bedeutung  des  wertes  etwa  die  un- 
seres „übertreten^  ist,  also  nichts  böswilliges  enthält.  Da- 
her wollte  es  schon  6.  J.  Vosdius  aus  pecicare  von  pecn 
ableiten  mit  der  bedeutung  a^oytag  agere  instar  pecudis. 
Das  ist  nahezu  richtig,  aber  nicht  ganz.  Nach  der  lat 
Wortbildung  setzt  pecco  ein  nomen  *peceus  voraus,  welches 
nach  den  lat.  lautgesetzen  sehr  wohl  aus  *pedicus  entstehn 
kann.    Andrerseits  erfordern  pöjor  und  pessimus  einen  po- 


beitrlge  zur  Uteiniachen  Unüehre  nnd  etymologie.  35 

sitiy  ^pedns,  aus  dem  pöjor  hervorgeht  ftkr  pedjor,  etwa 
wie  mfijor  aus  magjor,  pessimus  f&r  pedtimus  wie  egressus 
ftar  egredtos.  Von  diesem  *pedas  ist  'pedicus  abgeleitet, 
wie  das  dem  verbum  albico  zu  gründe  liegende  *albicu8 
▼on  albus.  Dies  *pedus  aber  gehört  zu  skr.  p4djate,  wel- 
ches im  Bigv.  zu  fall  kommen,  biofallen,  umkommen  be- 
deutet, femer  zu  sl.  pad^  ich  falle,  von  wurzel  päd,  deren 
Bedeutung  sich  nach  dem  gr.  niäop  boden  nnd  den  Wör- 
tern, welche  fufs  bedeuten,  etwa  als  „den  boden  berühren^ 
herausstellt,  theils  gehend,  theils  hinfallend.  Damach 
heilst  dann  *pedu8  ungef&hr  „am  boden  befindlich,  niedrig^, 
p^jor  niedriger,  schlechter,  *pedicu8  gleichfalls  ^am  boden 
befindlich^,  pecco  also  „am  boden  sich  befinden,  gestrau- 
chelt sein,  gefehlt  haben ^.  Gleicher  wurzel  ist  auch  lat. 
pessum,  welches  ich  ftkr  den  local  gebrauchten  accnsativ 
eines  verbalnomens  halte,  entstanden  aus  dem  starken  verb 
*pedo  (ss  sL  pad^)  oder  *pedio  (=a  skr.  pädj&mi)  ich  faUe, 
*pessus  also  der  fall,  occäsus,  pessum  dare  in  den  unter- 
gang  geben,  zu  falle  bringen,  pessum  ire  in  den  Untergang 
gehn,  untergehn,  constrairt  wie  venum  dare,  vönnm  ire. 

58.  occo  ich  egge  ist  gleichfalls  ein  denominativnm 
und  zwar  von  dem  in  den  gloss.  Isid.  erhaltenen  occa  egge. 
Man  hat  letzteres  wort  zunächst  mit  gr.  o^vfj  zusammen- 
gebracht und  cc  fQr  assimilirt  aus  ks  erklärt,  aber  so  we- 
nig ahd.  egja  ich  egge,  lit.  aköju  dass.  mit  occo  in  der 
Wortbildung  übereinstimmen,  ebenso  wenig  ahd.  egida  egge, 
lit.  ak^'czos,  gr.  o&vri  mit  lat.  occa.  Es  besteht  zwischen 
den  betreffenden  Wörtern  bloise  wurzelgemeinschaft.  und 
so  wenig  lat.  acidus  trotz  des  gr.  ö^i;^,  oculus  trotz  skr. 
akäi  in  ihrer  bildung  ein  s  enthalten,  so  wenig  auch  occa 
neben  gr.  o^pij.  Nach  analogie  von  pecco  liegt  es  nahe, 
occa  aus  ocica  zu  erklären,  wie  dies  auch  von  Corssen 
kr.  beitr.  27  unter  beistimmung  von  J.  Schmidt  wurzel  ak 
73  geschieht.  Da  aber  das  suf&x  ka  nur  secundär  auftritt, 
so  erfordert  occa  eine  einfachere,  primäre  bildung  *ocns 
spitz,  wovon  ocifca  die  mit  spitzen  versehene  ist.  Die  ge- 
staltuug  des  wurzel vocals  als  o  ist  neben  oculus,  wxvg^ 
öcior,  o^pij  nicht  auffallend.     In  occa  ist  somit  einfaches 

3* 


86  PvnU 

anemaiidertreten  zweier  tennes  durch  aoestofs  des  tieftoni- 
gen  vooals,  der  auch  in  pecco  stattfand,  geschehen. 

59.  mattus  oder  matus  betrunken  bei  Petr.  41, 
welche  Schreibweisen  sich  verhalten,  wie  adgrettus  Paul, 
pag.  6  L.  zu  adgretus  ibid.  pag.  58,  d.  h.  tt  ist  die  ety* 
mologisch  richtige  Schreibweise,  aus  der  matus,  adgretus 
erst  durch  die  schwankende  Schreibung  der  lat  Verdopplung 
Oberhaupt  sich  bildete.  Die  etymologie  des  wertes  ist 
bereits  von  Pott  etymol.  forsch.  1%  245,  Pictet  zeitschr. 
V,  323,  Fick  idg.  wb.  135  richtig  angegeben,  welche  das 
wort  dem  skr.  mattas  freudige  betrunken  gleich  stellen.  Es 
ist  somit  particip  zumadeo  und  yerh&It  sich  zu  madidus 
wie  stultus  zu  stolidus. 

60.  blatta  schabe  wird  von  Fick  idg.  wb.  123  zu 
lit.  blakö  wanze,  lett.  blaktis  wanze,  schabe  gestellt  und  tl 
aus  et  erklärt.  Es  ist  kein  grund,  diese  vergleichung  oder 
assimilation  zu  bezweifeln,  obgleich  die  wurzel  dunkel 
bleibt 

61.  mitto  entsende  ist  von  Lottner  zeitschr.  VII,  186 
richtig  zu  lit  metü  werfe,  sl.  metn§  dass.  gezogen  worden, 
denen  sich  auch  sl.  vümet§  werfe  anschliefst.  Femer  ver- 
gleicht Ebel  zeitschr.  VII,  228  skr.  mathnämi  agito  und 
gall.  matara  geschofs,  gleichfalls  richtig.  Wenn  er  aber 
nach  Pott's  vorgange  wegen  cosmitto  als  wurzelanlaut  sm 
verlangt,  so  verweist  Corssen  kr.  beitr.  431  dagegen  mit 
recht  auf  ostendo,  sustineo  und  h&lt  nur  mat  f&r  die  Wur- 
zel. Das  tt  erkl&rt  Meyer  vgl.  gr.  I,  93  für  assimilirt  aus 
tj,  ohne  diese  annähme  durch  analogien  zu  stützen.  Ich 
zweifle  an  der  zul&ssigkeit  derselben  und  erkläre  das  tt 
lediglich  als  aus  zusammenrückung  entstanden,  nämlich 
des  Wurzelauslauts  und  jenes  präsensbildenden  to,  welches 
wir  ganz  unzweifelhaft  doch  auch  in  flecto  beuge,  necto 
knüpfe,  pecto  kämme,  plecto  schlage,  plecto  flechte  haben, 
hier  freilich  nach  gutturalen,  allein  an  sich  ist  ja  das  suffix 
durchaus  nicht  an  gutturale  gebunden,  und  so  steht  es 
denn  in  mitto  auch  einmal  nach  einem  dentalen.  Auch 
die  perfectbildung  auf  si,  die  gestaltung  des  supinums  zu 
sum,  welche  mitto  mit  den  genannten  verben  theilt,  unter- 


beitrige  zur  lateinischen  laatiehre  und  etymologie.  37 

w 

stfitxt  die  annähme  analoger  bildung.  Schwächung  des 
wurzelvocals  a  za  i  ist  vor  doppelter  consonanz  im  latei- 
schen  ja  nichts  seltenes. 

62.  topp  er,  dessen  bedeutungen  sich  bei  dem  hier 
stark  verderbten  Festus  und  bei  Paulus  als  ,|Sofort,  schnell^ 
und  „vielleicht^  ergeben«  In  per  steckt  jedenfalls  die  auch 
in  semper^  nuper  vorhandene  enklitika.  Das  pp  halte  ich 
für  assimilirt  aus  dp,  indem  ich  das  wort  in  tod-per  zer* 
lege,  tod  aber  f&r  das  adverbial  gebrauchte  neutrum  des- 
selben pronomens  halte,  das  auch  in  tum,  tarn  verliegi. 
Za  ergänzen  ist  etwa  momentum  oder  ähnliches,  so  daTs 
z.  b.  die  bei  Paulus  citirte  stelle:  topper  fortunae  commu- 
tantur  hominibus  zu  erklären  ist:  hoc  ipso  momento.  In 
der  bedeutung  „vielleicht'^  hat  das  per  nicht  die  hervorbe- 
beode  kraft,  sondern,  wie  ja  auch  im  gr.  nsQj  die  von  qui- 
dem,  und  tod  ist  nur  stütze  f&r  die  enklitika,  so  dafs  des 
Ennius  vers:  topper  quam  nemo  melius  seit  sich  so  erklärt: 
quam  quidem  nemo  melius  seit,  und  topper  besser  durch 
„gewiis,  sicherlich'^  übersetzt  würde. 

AuTser  den  genannten  assimilationen  sind  noch  zwei 
andre  angenommen  worden,  nämlich  erstens  die  von  n+c 
zu  cc  von  Corssen  ausspr.  I,  106.  In  der  form  nucquam 
för  nnnquam  liegt  dieselbe  thatsächlich  vor,  und  deshalb 
stimme  ich  auch  Corssens  ansieht  bei,  wenn  er 

63.  ecce  siehe  aus  en-ce  erklärt',  wie  dies  schon 
Pott  etym.  forsch.  II',  138  gethan  hatte..  Gegen  die  gleich- 
falls schon  von  Pott  angebahnte  ansieht,  die  von  Benfey 
gr.  wzll.  I,  225,  Curtius  grundz.*  407,  Meyer  vgl.  gr.  1, 113 
acceptirt  und  verschiedenartig  durchgeführt  ist,  dals  näm- 
lich Wurzel  ak  „sehn'^  darin  enthalten  sei,  spricht  vor  al- 
lem der  umstand,  dafs  wir  nirgends  den  vocal  dieser  Wur- 
zel zu  e  sich  gesf^ten  sehn,  er  wird,  wenn  er  nicht  a 
bleibt,  stets  zu  o,  wie  bei  Curtius  Spaltung  des  a*lautes  34 
zu  ersehn.  Die  gleiche  assimilation  tritt  nach  Corssen  1.  c. 
auch  ein  in 

64.  ecquis  irgend  jemand,  ecquando  irgend  ein- 
mal, und  ebenso  in  ecqui  irgend  einer,  ecqui  irgend  wie, 
ecquo  irgend  wohin. 


38  Pauli 

Zweitens  noch  hat  man  aseimilation  von  c  +  s  za  oc 
angenommen  in  vacca,  flaccus,  bacca,  bucca,  ecce,  occa 
neben  skr.  ukjan,  mrakä,  bhakfi,  bhukd,  iki,  gr.  o^ivvj  und 
vereinzelt  auch  von  s  +  c  su  cc  in  siccns  neben  skr.  ^üäkas. 
Alle  diese  Wörter,  vielleicht  mit  ausnähme  von  bacca,  ha- 
ben oben  auf  andre  weise  eine  ausreichende  erklftrung  ge- 
funden, so  daTs  zur  annähme  dieser  physiologisch  gewalt^ 
sam  erscheinenden  assimilationen  kein  grund  vorliegt. 

Zum  schluls  sind  nun  noch  einige  wenige  Wörter  vor- 
handen, deren  bis  jetzt  vorliegende  erklflrungen  nicht  be^ 
fiiedigen,  ohne  dals  ich  andere  an  ihre  stelle  zu  setzen 
wflAte,  oder  die  sich  bis  jetzt  jeglicher  erklärung  entzogen 
haben.     Es  sind  folgende: 

65.  soccus  schuh,  welches  von  Spiegel  zeitschr. 
Xm,  372  und  Fick  idg.  wb.  172  zu  baktr.  hakhö  m.  fiifs- 
sohle  gestellt  wird,  von  Corssen  kr.  beitr.  27  dagegen  mit 
sagum  und  Saccus  zu  einer  wurzel  sag  bedecken.  Über 
welche  bereits  unter  no.  1  bei  Saccus  die  rede  war.  Mög- 
lich scheinen  beide  erklärungen,  aber  der  möglichkeiten 
giebt  es  noch  mehrere,  wie  soccus  aus  ^sodicns  von  ^sodus 
s=s  gr.  oSog,  Wurzel  sad  gehen,  oder  aus  ^sopicus  mit  sL 
sapogu  zu  Wurzel  sap  anhangen,  so  dafs  eben  eine  sichere 
entscheidung  dadurch  vereitelt  wird. 

66.  guttur  kehle  hat  Benary  röm.  lautl.  174  aus  skr. 
ghui  tönen  suff.  -tur,  wie  in  vultur,  abgeleitet,  Benfey  gr. 
wzll.  II,  115  dagegen  es  zu  skr.  ^ösämi  liebe,  lat.  gnsto 
gestellt;  andere  nehmen  es  fbr  gul-tur.  Alle  drei  erklä- 
rungen haben  lautliche  bedenken.  Möglich  wflre  es,  an 
skr.  ^atharas  bauch,  gr.  yaftTtJQ^  got.  qipus  zu  denken  und 
das  wort  aus  *gvat-tur  zu  erklären,  möglich  auch,  es  in 
*gfl-tur  zu  zerlegen  und  aus  gu  schreien  abzuleiten,  sicher 
aber  nichts.  ^ 

67.  gutta  tropfen  wird  von  Benary  1.  c.  und  Benfey 
1.  c.  U,  375  ans  gud-ta  erklärt  und  mit  got.  giuta  zu  Wur- 
zel ghu  (skr.  hu)  „giefsen'^  gestellt.  So  lange  nicht  sicher 
im  lat  anlaut  g  vor  vocalen  als  Vertreter  der  aspirata  er- 
wiesen ist,  ist  die  erklärung  nicht  annehmbar.  Eine  eigene 
habe  ich  nicht  hinzuzufiügen. 


beitrüge   zur  lateinlBchen  laatlehre  und  eiymologie.  39 

68.  gut  tu  8  kaDne,  und 

69.  gattarniam  opferkanne  geböten  offenbar  zusam- 
meD.  Erateres  erkiftrt  Benary  1.  o.  aus  gud-tüs  von  wurzel 
gba  giefaen,  was  unannebmbar.  Für  gutturnium  giebt  Paulus 
£e  form  cotumium,  wonach  in  gutturnium  das  g  erwei- 
ebong  ist  wie  in  gubernator,  gurgulio  u.  a.,  worüber  Christ 
gr.  UtttL  99  zu  vergleichen.  Dann  scheinen  sich  die  Wör- 
ter an  gr.  xoTvXti  becher,  schale  anzusohliefsen,  obgleich 
das  als  richer  nicht  angesehen  werden  kann. 

Gänzlich  der  erklärung  ermangeln 

70.  blatta  purpur, 

71.  atta  der  auf  den  fufssohleu  geht  Paul.  Diac, 

72.  aalpitta  backenstreich,  wofür  auch  salapitta 
ond  salpicta  gelesen  wird. 

Das  ergebnifs  der  Untersuchung  ist  also  folgendes: 
Die  doppelte  tenuis  entsteht: 

I.    durch  geschärfte  ausspräche  eines  lautes 

1)  nach  langen  vocalen: 

in  hicce,  Juppiter;  vappa,  lappa,  lippus,  cippus,  cuppes, 
8tappa,  sapplnus,  applüda;  vacca,  vaccinium,  maccus,  bacca, 
bftcdna,  cracca,  flaccus,  siccus,  bucca,  bucco,  buccina,  muc- 
coB,  muccor,  succus,  succinum,  groccio;  blattio,  vitta, 
littus,  littera,  glittus,  gluttus,  gluttus,  gluttio  (34  formen); 

2)  nach  kurzen  vocalen: 

in  quattuor,  cottidie,  succerda,  vaccillo;  cattus;  fiocces, 
floccus,  eccere,  accipiter;  suppus,  suppus,  tippulla,  vappo 
(13  formen). 

U.     durch  zusammentritt  zweier  laute 

1)  ohne  assimilation: 

in  perfecten,  wie  rettuli  etcJ,  und  in  mitto,  occa  (zwei 
formen); 

2)  mit  assimilation: 

a«   von  muta  an  folgende  tenuis:  in  den  präpositional- 


40  BifUnger 

compositis  und  in  bocce,  quicquam,  ac;  adgrettus,  cette; 
quippiam,  quippe;  mattus,  blatta;  topper  (10  formen); 

b.  von  n  an  folgende  tcnuis:  in  ecce,  ecquis,  ecquando, 
eoqui,  ecqui,  ecqao  (6  formen). 

Weitere  assimilationen  waren  nicht  erweislich,  weder 
vorsehreitende  von  tenuis  an  tenuis,  noch  die  von  c  +  s 
oder  8  +  c  zu  cc. 

Lauenburg  in  Pommero,  den  28.  mftrz  1868« 

Dn  Carl  Pauli. 


Zur  dialektforschung. 
n.     Alemannisch. 

Schimpf  und  Ernst  von  Job.  Panli,   herausgegeben  von  H.  Oesterlej. 

Der  name  Johannes  Pauli,  des  Schreibers  der  Gei- 
ler^schen  predigten,  ist  in  der  geschiebte  der  deutschen  li* 
teratur  so  hinlänglich  gewürdigt,  dafs  ich  da  nichts  hiib> 
zuzufbgen  brauche.  Das  jähr  1866  brachte  uns  denn 
unter  den  verdienstvollen  werken  des  stuttg.  lit.  Vereines 
auch  das  Volksbuch  „schimpf  und  ernst ^,  doch  ohne  jeg- 
liche sprachliche  bemerkung,  nur  mit  höchst  mangelhaftem 
Wörterverzeichnisse;  desto  besser  hat  der  herausgeber  sich 
des  sachlichen  theiies  beflissen  und  niemand  kann  zwei 
herren  zumal  genügend  dienen.  Ich  will  darum  zur  spräche 
Pauli^s  im  genannten  volksbuche  einiges  herbeitragen. 

J.  Pauli  ist  ein  Alemanne  durch  und  durch;  er  sagt 
die  Wahrheit  in  derbster  weise  und  läfst  manchmal,  wie 
sein  gesinnungsgenosse,  der  wackere  Geiler,  tiefe  einblicke 
in  die  zeit  thun,  einblicke  in  wundmale,  die  nur  allzusehr 
nach  gänzlicher  reformatio  in  capite  et  membris  schreien 
auf  politischem  wie  religiösem  gebiete.  —  Er  ist  darum 
an  manchen  stellen  ein  commentar  zu  dem  satirischen  „netz 
des  teufeis  ^  und  zu  Geiler  selbst.  Seine  spräche  ist  die 
hochdeutsche,  mit  hie  und  da  stark  gefärbtem  alemanni- 
schen anstrich.    Als  Schreiber  von  Geiler's  evangelienbuch 


zur  dialektforachnng.  41 

nnd  der  Geiler'scben  meisterwerke  schaut  der  origiDeDe 
mann  auch  dort  heraus,  wie  er  sich  in  schimpf  und  em«t 
zeigt  Der  anstrich  ist  der  elsftssisch-oberrheiDische;  die 
meisten  seiner  sprachlichen  eigenheiten  sind  heute  noch  dem 
altstrafsburgischen  bisthumsgebiete  und  dem  Schwarzwalde 
eigen. 

Die  alten  kflrzen  besonders  zweisilbiger  Wörter,  die  der 
Alemanne  noch  vielfach  vor  seinen  nachbarn  bewahrt  hat^ 
bezeichnet  J.  Pauli  mit  verdoppeltem  consonanten:  häsz 
(lepus)  8.  30;  pl.  hassen  s.  37.  närrung  145.  nässen  (pl. 
zu  naSQ)  39.  häffen,  hafen  95;  pl.  heffen.  essel  (asinus) 
8.95.  maulessel  118.  hgffelin  159.  man  Iisset  und  lessen 
inf.  22.  vermitten  38.  mit  widden  337.  hössen  29.  276. 
köUer,  der  (Köhler)  153.  löss  (ausculta)  65.  gelösset  50. 
Die  echt  alem.  ei  für  i:  leigen  =»  liegen  174  und  fttr  in 
in  letgen  und  Stelen  240;  was  heute  noch  weit  über  des 
Schwarzwalds  säum  hinab  spurenweise  fortlebt,  ie  richtig 
in  kriegen  27.  Das  ou  f.  ö:  koupf  21,  kastfaut  (vogt), 
wie  im  Ulenspiegel  foud,  bont;  koupf  in  der  sage  von 
Karl  M.  und  der  schlänge,  zOrich.  mittheil.  d.  antiq.  gcs. 
ED,  4  und  Geileres  evangelienbuch  f  ]8f)a.  houlz  in  der 
dorfordnung  von  Achem  15.  jahrh.  Mone  zeitscbr.  14,285. 

Die  alten  äi  in  s&ijan'  sind  echt  der  Volkssprache 
gemäfs  ey  geschrieben:  kreyet  (der  hahn)  20.  weiet  der 
wind  355.  neyien  363  u.  s.  w.  Das  ing  =  ig:  reisin^en 
hengst  25  klingt  ganz  riefsisch  und  bairisch.  n  in  pflun^ 
feder  341.  Die  echt  alem.  elsäss.  Umsetzung:  es  birnt  140^ 
in  mark(t)  fehlt  t  wie  echt  bairisch  heute  noch  (273). 

S.  238  ist  zeile  7  von  unten  meigten  statt  toeigten  zu 
lesen. 

Dieses  wenige  Ober  die  lautverhältnisse,  die  mit  den 
Geiler^schen  predigten ,  dem  allerweltsdistillierer  Brunswick 
und  Ulenspiegel  genau  stimmen.  Ebenso  treffen  diese  in 
dem  Wortschatze  zusammen.  Ein  alem.  Schlagwort,  wie 
wir  es  in  unserer  Zeitschrift  XV,  193  ff.  aufgeführt  haben, 
ist  „dottenboum^  146.  316,  das  neben  dottenbär  235 
in  sofaimpf  und  ernst  begegnet.  Vgl.  Ulenspiegel  136,  137: 
da  kamen  die  begynen  nnd  leyten  den  todtenboum  wider 


42  Birlliiger 

uflf  die  bar.  —  als  der  boam  erwent  was  a.  a.  o.  wan  als 
sie  all  standen  nun  uff  dem  kircfabof  umb  den  todten- 
boum  n.  8.  w.  Die  strafsburger  polizeiordnung  1628  hat 
f.  94:  tax  der  todtenbäum.  Im  übrigen  haben  unsere 
liebe  geheime  mittrathsfreund,  die  fbnfl&ehen  von  diesena 
defs  taxt  der  todtenbäum  halben  geordnet  —  es  mag 
gefordert  und  zalt  werden  für  einen  der  j^dsten  und  wol 
ausgemachten  todtenb&um  1  pfiind,  zehen  Schilling  u.  s.  fr. 
Ganz  f&r  einen  ähnlichen  gegenständ  scheidet  sich  Baiem 
wieder  durch  das  uralte  wort  rechbrett  (hraiva-)  streng 
yon  Alemannien.  Der  Baier  spricht  ch  scharf:  rtehbrett(hh) ; 
es  sind  die  mit  schwarzen  kreuzen  bezeichneten  todtea- 
bretter,  worauf  der  todte  gelegt,  die  man  in  wäldem  und 
feldern  an  wegen  tri£%.  In  der  zweiten  hälfte  des  IT.jahrh. 
konnte  der  volksthflmliche  prediger  Heribert  von  Salum 
es  auf  der  kanzel  bringen:  ^zween  Capuziner  nahmen  sich 
nun  den  todten  körper  an,  weiten  ihn  auf  das  rechbreth 
legen  und  gebührend  ankleiden^.  „Man  solte  sich  gedulden 
bis  der  todte  auf  das  rechbreth  gelegt^  u.  s.  w.  Dieses 
wort  treffen  wir  nur  in  altbairischen,  tirolischen,  österrei* 
chischen  gebieten. 

Das  andere  Schlagwort  anke,  swm.  butter  hat  Pauli 
ebenfalls.  54:  da  was  in  dem  kloster  wein,  brot  und 
ancken;  9:  und  uff  einmal  hat  sie  ein  heflin  mit  anken 
u.  8.  w.  Sieh  zeitschr.  XV,  212  ff.  —  Das  dritte  wort  ist 
keib  =  aas;  68:  sie  sein  gleich  den  thieren  die  die  kei- 
ben  umbston,  die  grosen  thier,  als  lewen,  bereu  n.  s.  w. 
die  reissen  gross  stQck  us  einem  keiben  u.  s.  w.  Unsere 
zeitschr.  a.  a.  o.  s.  199.  Grimm  wb.  V,  431.  Geiler,  evan- 
gelienbuch  f.  202  sagt  vom  fuchs,  der  sich  todt  stellt  „so 
kumen  dan  die  rappen  und  sizen  uf  in  und  bicken  in  in 
und  wenen  er  sei  ein  keib^.  Her,  im  veldbauw  1537 
f.  220b:  „man  sol  (die  hund)  sie  von  keinem  keyben  oder 
selbstgestorben  thier  essen  lassen^. 

.  Entschieden  ist  matte  alemannisch  115.  367:  da  kam 
er  uff  ein  matten  u.  s.  w.  man  trüg  in  uff  ein  matten 
oder  wisen  u.  s.  w.  Unsere  zeitschr.  a.  a.  o.  207  wo  ich 
auf   maden  im  bairischen  und  schwäbischen  verwies;    a 


zur  dialektforacbong.  43 

solhe  wie  inn&dl/trädl  (D&ian,  träian),  organisch  ä  sein; 
aDein  die  übrigen  südd.  dialekte  haben  ä  und  die  alte  kurze 
ausspräche  alem.:  madda;  es  dürfte  wohl  schwerlich  ein 
altes  matu  angesetzt  Werden. 

Echt  alemannisch  ist  kensterli  heute  noch  =  kästen, 
Idste,  trog;  148:  das  silberin  geschir  in  einem  kensterlin; 
175:  und  thet  ein  thürlin  uff  an  einem  kensterlin  und 
meint  es  wer  ein  fensterlad  u.  s.  w.  Grimm -Hildebrand 
wb.  V,  171. 

S.  200  ist  ausser  geschrieben  und  bedeutet  da  eine 
umhängende  tasche:  „da  greiff  der  meister  bald  in  seinen 
ausser  und  zohe  ein  amböszlin  und  ein  hemmerlin  herusz^. 
Ich  setze  aunser  in  unserer  stelle.  Das  wort  lebt  heute 
noch  auf  der  Alb  und  dem  Schwarzwald  bald  für  brot- 
sack, bald  schul-  und  büchersack.  Vgl.  Grimm  wb.  I,  586. 
aogsb.  wb.  35b.  Weidftser  oder  brotsacklein  bei  Forer 
thierb.  33  b.  Städtechroniken  Y,  274  anmerkung.  Schmid 
wb.  32.  Pauli  selbst  setzt  210  fAterseckel  daf&r;  377: 
d eschen  schlechthin;  ebenso  218.  229. 

Dafs  es  zu  Itan,  az  steht,  hat  schon  der  alte  Stalder 
bemerkt.  Für  den  dienstag  gebraucht  Pauli  z  ins  tag, 
echt  alemannisch;  währeud  schwäb.  (augsb.)  schriftdenk- 
naSler  nur  „aftermentag^  haben  und  das  volk  auch  noch 
so  spricht. 

Echt  strafsburgisch-alemannisch  ist  mdr  mntterschwein 
(scrofa),  j^ist  noch  im  Elsafs  gebräuchlich  und  in  der 
Schweiz**.  Frisch  I,  669  c^  wo  es  auch  im  niederländischen 
nachgewiesen  wird.  S.  353:  ^ist  es  (speck)  von  einer  mo- 
ren  oder  von  einem  rotberg;  37:  in  dem  da  kam  ein  mor, 
ein  saw  daher  lauffen,  die  was  ganz  katig  und  wüst;  408: 
da  war  vnngeferd  ein  saw,  oder  moor,  die  frafs  den  apf- 
fel^.  In  Geileres  evangelienbuch  f.  105a:  ,,wan  ein  eher 
kambt  zä  einer  moren  und  ir  begert:  wan  die  mor  ein 
or  gegen  den  eher  henkt,  das  ist  ein  zeichen  das  die  mor 
des  ebers  begert^.  Her,  im  veldtbauw ,.  Strafsburg  1567 
f.  221b:  «wan  sie  entpfangen  haben,  sol  man  die  eher 
von  den  moren  absondern;  dann  so  sie  mit  jnen  stets 
kftmpffen  vnnd  sie  stofsen,  geben  sie  ursach  darzA,  das  die 


44  Biriingttr 

moren  verwerfen.  Ein  eher  ist  fUr  10  moren  genägsam 
sie  besteygen.  Dann  die  moren  trieben  sie  von  sich, 
darumb  das  sie  die  jungen  so  übel  beifsen  im  sangen 
f.  222a.  Die  moren  rammlen  dar  ganze  jähr,  also  das 
sie  dreimal  im  jabr  werffen  mögen  a.  a.  o.  Ein  jede 
mor  sol  man  in  ein  sondern  stall  thnn,  so  sie  werfen  wil 
a.  a.  o.  Nun  ist  aber  besser,  das  ein  jede  mor  jre  jungen 
seug^  a.  a.  o.  Grimm  sv.  bauemviol  I,  1183.  Frisius  666: 
scrofa,  ein  loofs  oder  mor,  mutterscbwein.  Dasypodios 
scropba,  ein  mutterscbwein,  eyn  lofs  oder  mor.  In  der 
strafsbürger  polizeiordnung  1628  S.  8  (appendix)  ,|da8  nie- 
mand kein  roore  in  der  statt  ziehen  soll''. 

Das  wort  rotberg,  das  Pauli  gebraucht  fllr  männliches 
Schwein  ist  rotbarg;  die  zweite  h&lfte  lebt  heute  noch 
an  der  obern  Donau  und  dem  obern  Nekar;  sieh  barg 
s=s  porcus,  Grimm  wb.  1,1133.  rotbergin  schmer  ist 
nicht  selten  in  arzneibflchern  des  Oberrhein^s  sogar  Schwa- 
bens zu  lesen. 

Für  mor  ist  jetzt  alemannisch  und  schwäbisch  laofs 
allgemein;  dafs  es  aber  früher  auch  an  der  obern  Donau 
üblich  war,  bezeugt  das  Moradöbele,  ein  wald  bei  Tutt- 
lingen. 

Echt  alemannisch  ist  schlötterlin  schlagen  338 
:=  einem  scheltworte  anhängen;  an  der  obern  Donau:  ^n 
schlätterling  werfen.  Im  Allgäu  (Amtzeil)  „'n  schlät- 
ter  anhenka^.  schlötterle  anhenka,  Freiburg  i.  B. 
Frisch  II,  201c.  In  Geiler's  evangelienb.,  Hedion^s  cbronik 
und  im  narrenschiff.  Es  scheinen  schlötterle,  schnät- 
terling  ausgespritzte  tropfen  einer  weichen  masse  zu  sein, 
z,  b.  von  kühkoth;  von  etwas  „schlotterndem^.  Im 
bairischen  „a  klamperl  anhängen^.  Der  schon  ge* 
nannte  Capuziner  proyinzial  Heribert  von  Salnm  predigte 
einst  am  feste  des  hl.  apostels  Matthäus  «von  kläm per- 
len anhängen ''.  An  der  obern  Donau  sollen  besonders 
die  frauen  ihre  ohrenbeichte  gleich  mit  dem  satz  bin- 
nen „i  h5  schlätterling  gworfa^.  späzlen,  spätz 
reden  in  alemannisch,  altem  Schriften  sagt  ungefähr  das- 
selbe aus. 


sor  dialektfonchnng.  45 

Qefettern  =  wie  verwandte  spielen,  kinderspiel 
treiben;  17:  es  kamen  uff  einmal  fier  jungfrawen  zösamm 
und  gefetteretten  einander  und  schimpften  mit  einander. 
313:  da  erschein  ir  der  her  Jhesus  in  eins  kindlin^s  ge- 
stalt  und  gevetterlet  und  schimpft  mit  ir;  344:  da  kam 
ein  h&bsches  kneblin  geloffen  in  iren  geren,  die  fraw  ge- 
vätteret  mit  dem  kind  u.  s.  w. 

Heute  noch  an  der  obern  Donau,  im  Wiesenthal  volk- 
fiblich.  In  dem  festgedieht  auf  Hebels  säcularfest  am 
10.  mal  1860  »en  usstich^  von  Raupp  heifst  es  s.  30:  's 
bfiebli  (Hebel)  het  g vetterlet,  isch  ummenander  gsprunga^. 
dort  hau  i  gvetterlet  s.  40.     Eine  andere  stelle: 

Het  's  büebli  gmacht,  was  eba  d'  chinder  mache: 

's  hett  gvetterlet  n.  s.  w. 
In  Tuttlingen  heifst  heute  noch  das  gassenspiel  der  Jugend 
so;  sonst  alemannisch  auch  gschäfferlen  und  im  Allgftu 
an  einzelnen  orten  gopa;  am  mittlernNekar  ,,schimpfla^. 
Vergl.  Theophilus,  niederdeutsches  Schauspiel  von  Hoff- 
man  v.  Fallersleben,  Hannover,  ROmpler  1853  v.  237:  nn 
sp^ld  hei  gdme  dat  vadderspel;  Hoffinann  bemerkt  hiezu 
s.  41 :  „Gevettersspiel  spielen^.  Hier  ist  wohl  kein 
bestimmtes  spiel  gemeint  Es  soll  wohl  nur  heifsen:  „wie 
zwei  verwandte  im  einverst&ndnis  gegen  einen  andern 
spielen^. 

Zu  Isschmarren  s.  139  und  318  vgl.  Geiler's  evan- 
gelienbnoh  f.  170a:  „Es  ist  das  gotzwort,  es  sein  predigen, 
das  sihestu  wol  in  den  künigen  und  keiseren,  ffirsten  und 
bischof,  die  kalt  sein  als  ysschmarren^. 

Zu  „gegablete  frag^  s.  73  vergl.  evangelienbuch 
f.  54b:  sie  hAbent  in  eine  gegablete  frag  fikr  u.  s.  w. 

Wetten  (81),  anspannen,  anjocben  ist  heute  noch  im 
Schwarzwald  flblich,  ebenso  da  und  dort  im  Allgftu;  wäh- 
rend es  in  Schwaben  schon  seit  dem  15.  jahrh.  ausgestor- 
ben ist.  Evangelienbuch  f.  4a:  uf  einem  füUi,  dem  sun 
der  yngewetteten  eselin  u.  s.  w. 

Unklar  ist  in  stelle  115:  wir  lesen  von  dem  grosen 
Alezander,  da  er  ein  knab  was,  da  kam  er  uff  ein  matt^; 
da  lüffen  die  jungen  edlen  und  burgers  sfln  der  herren- 


46  Birlinger 

bar  Qod  betten  knrzweil  mit  einander.  In  dem  Allgäu, 
Tanheim  sagen  sie  noeb  „des  berregang^  =s  sogleich, 
was  in  der  Baar  flfttig  und  blofs  beifsen  kann.  leb  baite 
der  (des?)  berrenbar  für  dasselbe. 

Merz  (273)  ist  beute  nocb  auf  dem  Scbwarzwald  üb- 
licber  ocbsenname.  Vergl.  in  dem  alem.  liede  von  1632 
in  Frommann^s  zeitscbr.  IV,  97,  4 : 

mertz  dabinda,  moay  bear  u.  s.  w. 
Aueb  vom  Lesacbtbal  verzeicbnet  es  Lexer  a.  a*  o.  160. 

Weitling  (246.382)  »  witwer  lebt  ebenfalls  nocb 
als  witling  im  obern  Donau-  und  Nekargebiete.  wit- 
weling  im  rotweiler  stadtr.  I,  71a.  wittling,  dem  das 
weib  gestorben  ist  bei  Jos.  Maaler  f.  502  b.  Ebenso  Fri- 
sius  191. 

Wage  SB  wiege  169.  269  ist  nocb  üblicb  im  Scbwarz- 
wald als  wagle,  das.  Scbmid  312  verzeicbnet  es  als  dem 
Elsafs  eigen.  Wagle  im  Wiesentbai  (Hebel).  Im  leben 
Liutgarts  von  Witticben,  Mone  quellens.  III,  s.  468  b:  item 
in  demselben  dorf  was  ein  kind,  lag  in  der  wagen.  Ahd. 
waga.  Graff  I,  662.  Im  armen  Heinrieb  v.  868.  Mhd. 
wb.  III,  641b. 

Dem  scbAbbletzer  379  entspricbt  im  fränkischen 
altraissn  oldraissn;  beute  nocb  auf  dem  höchsten 
Scbwarzwald  altbietzer.  (bietzen  =  flicken.) 

Zwecben  195;  zwuog  35  ist  heute  oberdeutsch  nur 
noch  vom  waschen  des  kopfes  flblicb. 

Puncktcnlocb  =  Spundloch  23.  In  alem.  Schrift- 
werken nur  „bonten,  ponten,  bunten^.  Scbmid  107  nennt 
diese  unsere  formen  schweizerisch.  Das  Grimmische  wb. 
II,  529 ff.  bringt  nur  alemannische  belege.  Die  donanesch. 
bs.  no.  792  hat  beuten  öfler;   auch  bei  Hebel. 

FQrgehen  (93)  bb  vorübergehen  sagt  man  beute  noch 
allgemein  im  Mindeltbale;  „er  ist  fQr  ganga^  gerne  von 
leuten  die  am  fenster  vorbeigegangen  sind.  Im  evangelien- 
bucb  f.  83  b:  ^wan  er  (der)  bilger  durch  ein  dorf  gat,  das 
er  die  bauren  under  der  louben  siebt  tanzen,  er  gat  fQr 
und  lAgt,  das  er  sein  fart  volbring^.  In  dem  neuen  testa- 
ment  nocb  vor  1521  bei  Froscbower  in  Zürich  in  32^  ge- 


'  zur  dialektforschnng.  47 

druckt  (augsb.  bibl.  des  bist,  y.)  steht  es  oft  $  z.  b.  f.  22  a: 
unnd  do  sy  horten  das  Jesus  fflrgieng,  schreyen  sy  und 
sprachen  n.  s.  w.  f.  55  a:  ynn  do  Jesus  fürgieng,  sach  er 
Levi,  den  sun  Alphei  um  zoll  sitzen  u.  s.  w. 

Sügferlin  (93)  =  saugschweinchen ,  auch  im  rotw. 
sUdtr.  f.  34  a  (I,  65  b);  ferlin  im  ülenspiegel  136. 

Speidel  (165)  =s  keil  von  holz  um  holz  zu  zerspal« 
ten,  ist  allgemein  in  der  rottenburger  gegend;  wogegen  das 
alem.  bissen  mehr  einen  eisenbescblagenen  „weck^  beden* 
tet.     unsere  zeitschr.  XV,  278. 

Plaphart  (114.  172)  eine  ursprfinglich  nur  alem. 
münze;  andere  formen  sind  blaffert^  plaffert;  sie  fanden 
niit  dem  anfange  des  15.  jahrh.  allgemein  eingang  in  der 
sQdwestecke  Deutschlands;  man  nannte  sie  noch  länger 
nebenbei  Schillinge.  Schon  a.  1423  gab  es  neue  und  alte 
blafferte.  32  bl.  machten  I  pfund  bäller.  Die  basler, 
lanfenburger,  freiburger  bl.  waren  allbekannt.  In  den  alem. 
Schriftwerken  wird  blaff  er  t  ofl;  gebraucht  als  mafs  für 
dinge  von  kleinem  umfange. 

Dnnken,  swf.  suppenschnitte  (167)  i^und  was  er  inen 
sagt  oder  rat,  so  ist  ir  dünken  uff  der  snppen  die 
best  und  die  gesalzelt^.  —  An  der  obem  Donau  heute 
noch  defkle  ss  dflnckle;  sieh  unsere  zeitschr.  XV,  264. 

Kutzhfit  (185)  „der  pfaffenkleid ,  das  sein  die  wei- 
chen kutzhat  die  sie  in  dem  winter  umb  das  maul  schla- 
gen^. Als  frauenkleidungsstfick  ist  es  ebenfalls  strafs- 
bnrgerisch  echt  volksthümlich:  „ein  runder  dicker  kragen 
um  den  hals,  von  zobcllfell  oder  marder  überzogen,  wel- 
chen die  weiber  zu  Strafsburg  umschlagen;  unter  dem 
halse  mit  einer  grofsen  schlauffe  oder  masche  zugebunden^. 
Amaranthes  frauenz.  lex.  2.  aufl.  s.  921.  Im  evangelienbuch 
f.  208  a:  „du  sihest  wol,  wie  mein  Überrock,  mein  chorhemd 
nnd  auch  der  kutzhüt  so  weich  und  gut  lind  seint,  wa 
es  mich  an  den  bakken  anrüret,  so  gibt  es  mir  warm^. 
Im  niederdeutschen  galt  beffe  daf&r.  Sieh  Theophilus 
▼.  335  (Hoffmann  v.  F.)  beffe,  chorkappe,  chorhut  der 
domherren.  Teuth.  beffe,  cboirhoit.  „Almucium.  Malmu- 
dum.     Ambucius^.    Kiliaen   verweist    bei  beffe  auf  AI- 


48  Blriinger  •    *• 

mutse:  pallium  pelliceiim  quo  sacrifieus  capnt  humeros  qae 
tegit.  Vergl.  Hoffmaon  dazu  8.  43.  Wenc.  Brack  in  sei- 
▼ocab.  1487  hat  noch  „Almucium.     Kotzhuot^. 

Dazu  gehört  kutzenstreicher  89  (unten)  und  303 
^=  Schmeichler.  Vergl.  auch  im  evangelienbuch  f.  159a: 
„er  mufs  jederman  den  kutzen  streichen  und  federn  von 
dem  ermel  lassen^.  Neben  den  kutzenstreichern  haben 
die  d  e  1 1  e  r  8  c  h  1  e  c  k  e  r  s.  40  ihren  platz,  die  man  schlecht- 
bin zusammen  in  der  ftltem  spräche  „zututtler^  nennt  (ado- 
latores).    Vgl.  augsb.  wb.  130. 

S.  39  lese  ich  (zeile  28)  trotten  statt  t rossen^  weil 
ersteres  in  diesem  sinne  vorkommt  in  alem.  Schriften  und 
in  der  spräche  der  rebleute  noch  üblich  ist;  trottboum 
ebenso.  Vergl.  die  ,,trabel  üs  treten  und  trotten^,  ün* 
sere  zeitschr.  XV,  278.  trotteln  ist  noch  hochdeutsch 
erhalten. 

Kemmet  (41)  ist  allgemein  üblich  im  alemannischen 
und  schwäbischen,  wogegen  die  Baiern  kemmich,  kemmj 
haben. 

Die  Maltzen  (284),  die  Malazen  spielen  am  Oberrhein 
eine  bedeutende  rolle;  noch  jetzt  örtlichkeiten  nach  ihnen 
benannt.     Sieh  wbl.  z.  volksth.  s.  v. 

Essichenden  wtne  (51)  vergl.  dasselbe  „essichen- 
dem  wtne^  (dativ)  in  der  donauesch.  hs.  792  f.  62  a. 

Hdrensack  55.  In  Zusammensetzung  mit  sack  in 
üblen  titulaturen  des  excessiven  weibervolks  überbieten  sich 
besonders  die  volksthümlichen  altern  kanzelredner:  schlepp- 
sack, madensack  u.  s.  w.  Vergl.  augsb.  wb.  383a.  La- 
stersack kommt  auch  oft  vor.  Reinhold  Köhler  hat  eine 
hergehörige  notiz:  kunst  über  alle  künste  1864  s.  215. 

Erüssen  (69)  =  krug  ist  echt  alemannisch.  Baar. 
Schmid  und  Stalder  bezeugen  es.  —  Bei  Tübingen  und 
und  Rotenburg  scheint  es  nicht  mehr  üblich. 

Furt  (70)  hat  sich  alemannisch  und  schwäbisch  in 
unzähligen  örtlichkeiten  erhalten,  wo  alle  äufsern  anhalts-- 
punkte  längst  weggefallen  sind. 

Ürtin  (173)  1)  Zechgelage,  2)  zeche,  geld  hat  sich 
heute  noch  auf  dem  Schwarzwald  erhalten. 


* 


zur  dialektfonchimg.  49 


Knüwlin  85;  knQlin  333  =  ein  kleiner  knäuel 
garn;  knuile  gegen  dem  Allgäu  hin;  knoil  dem  bair. 
wald  za;«böppele  in  der  rotenburger  gegend. 

Erneissen  (150)  =  experiri,  explorare,  ausschnüffeln, 
gleichsam  wie  der  hund,  der  fuchs  mit  der  nase  aufspüren. 
Evangelien  buch  f.  48  a:  also  erneissten  sie  alle  ort,  wa 
sie  etwas  f&nden,  das  sie  in  möchten  verklagen.  Vergl. 
Grimm  wb.  IQ,  922  (erneusen).  Es  ist  kein  specifisch  alem. 
wort,  was  man  etwa  den  beispielen  im  wörterb.  entnehmen 
könnte;  die  Baiem  haben  es  ebenfalls  nur  mit  ihren  be- 
liebten Vorschlagsilben  der-  und  g:  derneissen,  gneis- 
sen;    sieh  Schmell.  II,  707. 

Bauern figil  (360)  und  hoiiert  in  die  kirchen  vnd 
sazt  einen  grossen  bauern  vigel.  Der  abenthürer  st&nd 
uff  und  hofiert  an  des  pfaffen  bett  ein  grosse  bauern  fi* 
gil  a.  a.  o.  Grimm  wb.  I,  1183:  bauernviol  =  stercns; 
bei  Geiler  „Sünden  des  munds^  bauernviol,  burenviel 
a.  a.  o. 

Hopsertanz  (148)  noch  heute  üblich,  meistens  blos 
hopsar. 

Bei  der  kartüsz  (195)  vergL  Grimm -Hildebrand 
V,243. 

Die  ausdrücke  wamisch  (167)  =  wamms;  Schei- 
be nhdt  (184)  grofser,  breitrandiger  hut  (Frisch  II,  169  a); 
wetschger  (86,185,379)  sind  alemannisch  und  schwä- 
bisch. 

Ködern  (148)  =  schleim  ausräuspern  und  ausspucken; 
koder  schleim;  noch  heute  volküblich. 

Be raffen  (203)  bereden,  heute  noch  allgemein  üblich 
bis  Tübingen;  besonders  bei  unheimlichen  künsten,  bei 
besegnungen  muis  man  „aübrafflet  des  ding  döa^.  Vgl. 
Grimm  wb.  I,  1485  ff.  Im  evangelienbuch  be  raffe  1  in 
nit  und  nit  far  in  an  vor  den  leuten  £  752  a.  warumb 
hat  er  sie  berafflet  und  uberboldert  f.  108  a. 

Kegel  (208)  was  ein  grober  kegel  zä  Villingen. 
Vergl.  evangelienbuch  f.  139a:  die  wüsten  kegel,  die  tag 
und  nacht  vol  seind.  Ganz  wie  im  evangelienbuch  f.  36  b 
kn ollen,     wan  zA  diser  zeit  sprechen  die  groben  knol- 

Zeitschr.  f.  vergl.  sprachf.  XVIIL  1.  4 


50  Biriiiig«r  ^ 

lea:  wir  hon  nit  geni  lang  predigen,  vi\  lieber  lange  brat- 
warst.     Vergl.  Grimm-Hildebrand  V,  387.  11. 

Seilen  (374)  eine  bettstatt;  vergl.  evangelienbuch 
f.  33  a:  item  der  herr  schlug  ein  nagel  mit  dem  andren 
uIm^  als  da  man  ein  beth  seilet. 

Hotzeln  (292):  «der  keiser  nam  die  zwen  heller  und 
fte&g  an  a&  lachen,  das  er  hotzlet^.  Dieses  hotzeln, 
das  F^ix  Wfirz  ebenfalls  braucht,  bedeutet  heute  noch 
aofiitoften;  in  folge  des  körperschüttebs  speisen,  speichel 
aus  dem  munde  geben.  Baar.  Hier:  ^der  kaiser  lachte 
da£i  ihm  der  speichel  zu  dem  mund  und  besonders  den 
mundwinkeln  in  folge  des  lachens,  des  körperschüttelns, 
herabrann.  Die  stelle  bei  F.  WOrz:  „und  das  kind  weinet 
und  nicht  mehr  das  hotzlen,  umbhertragen  und  aufheben 
erleiden  kann^  (=  schOtteln,  schottein). 

Hudlerin  (351),  haderlumperin  bairisch  =  lumpen- 
•ammlerin.  Hieher  gehört  der  in  unserer  zeitschr.  XV,  2d9 
richtig  gedeutete  kinderwiegenreim  hudel,  hadel  u.  s.  w« 
Bei  Keiaersberg  kommt  hudel  oft  vor,  worauf  schon  Frisch 
I,  471  b  aufmerksam  macht.  Eyangelieubuch  f.  68  a:  ire 
httdlen,  ire  deider,  rock  und  mentel:  das  sein  die  lum- 
pen und  die  sudelen,  die  du  auf  den  esel  legen  soltest 
Et  (St.  Martin)  het  einen  zerrifsnen,  hudelechten 
mantel  £  197b.  es  hudlet  als  umb  in  ist  kein  dapferkeit 
£  150b. 

Erittling  (396)  das  adv.  ist  heute  noch  sehr  volks- 
thQmlicb.  —  lipfel  (275)  —  lipbefilde,  begrftbnis. 

Lotterbettl in  (117)  faule  bank,  pritsche  meist  beim 
ofen,  ist  noch  heute  alemannisch  und  49chwäbisch  volksüb- 
lich. Augsb.  wb.  319a.  Im  evangelienbuch  f.  44b:  und 
14gen  (die  frauen  bei  der  Westerlege)  das  sie  u£P  das  lot- 
terbettlin  kummen. 

Andere  bemerkenswerthe  mir  theils  bekannte  theils 
unbekannte  Wörter  sind:  blotterspil  95?  dömeln  328? 
gernlin  274?  guoter  montag  237  ist  alt  und  bekannt, 
geren:  rockzwickel  (216,  344)  hat  vielen  alemann,  gleich- 
gestalten  Auren  und  w&ldern  den  namen  gegeben,  m er- 
ben 222.  248  ist  auch  schwftbisch.     trüsel   140  kommt 


zur  dialektfoTichnng.  51 

bei  Geiler  oft  vor.  b rossen  318.  Bin  gutee  wort  ist 
der  Verses z  59,  die  verstrichene  zeit  und  das  damnnm 
emergens«  rösch  67  allgemein  damals,  :=  resch,  Ulen- 
Spiegel. 

Zur  liturgischen  spräche  gehört  s.  314:  da  die  mess 
askam  =  als  der  celebrant  zur  Sakristei  heraus  auf  den 
altar  kam;  noch  heute  schlechthin  am  Oberrhein  'ronfs- 
komma  oder  wie  Pauli  „m&  d'  mess  ist  Voufskomma^. 

M^sswein  ist  der  opferwein  203.  messliechtlin  73 
sind  nicht  die  lichter  auf  dem  altar,  sondern  die  in  kathol. 
gegenden  auf  einen  kerzenstock  neben  dem  altar  aufge- 
steckten wachslicbtlein,  die  verschiedene  fromme  intensio» 
oen  zum  gründe  haben  können. 

Prediggelt  scheint  eine  besondere  heute  nicht  mehr 
bestehende  abgäbe  gewesen  zu  sein  314. 

Fronampt  344  ist  die  solenne  missa  oantata  der 
hauptgottesdienst  am  sonntag  oder .  festtag,  fronmesse 
im  Ulenspiegel.  tagmesse:  misF.a  quotidiana  212.  der 
passion  predigen  am  charfreitag  272.  am  grflnen  dnr- 
8 tag  213.  Das  wort  sigrist  aus  sacrista  (406)  beschränkt 
sich,  scheint  es  doch  mehr  auf  den  alemannischen  Ober- 
rhetn.  S.  59  ist  von  vieropfer  die  rede.  Es  sind  ur- 
sprünglich die  grofsen  volksthflmlichen  opfer,  welche  das 
Volk  der  kirche  an  den  4  hauptfesten  darbrachte;  sodann 
worden,  nachdem  das  opfer  l&ngst  aufhörte,  nur  noch  die 
vier  feste  so  genannt.  Noch  im  17.  jahrh.  heifst  eine  ab- 
gäbe im  horber  bezirk  „vieropfer^,  weil  sie  an  den 
bezeichneten  tagen  an  die  herrschaft  entrichtet  werden 
nkofste. 

Ein  jeger  messe  57  =  eine  kurze  messe,  missa 
yenatoria  schon  im  mittelalter  genannt. 

Kurze  mess  und  lange  jagd 
einen  guten  j&ger  macht. 
„Wie   man   schnappenwerk   im    bapstumb  je  germessen 
genennet  hat^.    Vgl.  Uhland  in  Pfeiffers  Germania  1, 1  ff. 
Kirchenschmuck  von  Schwarz  und  Laib  (Stnttg.  Metzler) 
1864  8.  59  XV.  bd. 

Folgendes  möge  noch  zur  sachlichen  erkl&rung  dienen. 

4* 


52  Ludwig 

S.  33:  in  das  haUyssin  stellen  ist  die  prangerstrafe 
oder  der  lasterstein.  Vergl.  Osenbrnggeu,  alemann.  strafr. 
8.  111. 

S.  39.  Diese  geschichte  von  der  nase  erzählt  man 
fast  ganz  ähnlich  von  eiDem  alten  herrn  vonThessin  zu 
Kilchberg  bei  Tübingen  und  seinem  hofnarren. 

S.  62  unten:  die  meinung,  dafs  man  einer  ersten  mefs 
znlieb  ein  eiserne  sohle  an  den  schuhen  durchlaufen  soll, 
ist  heute  noch  echt  voliLSthOmlich. 

S.  357.  Zu  dieser  geschichte  von  der  schlänge  und 
kröte  vergl.  die  alem.  Züricher  sage  von  Karl  dem  Groisen 
und  der  kröte.  Mittbeil.  d.  antiquar.  gesellschaft  in  Zü- 
rich.   Die  sage  ist  ursprünglich  niederrheinisch. 

S.  277.  Die  Pelagiuslegende,  vergl.  mein  volksthüml. 
I,  416.  417. 

Berlin,  aug.  1868.  Dr.  Birlinger. 


Die  verba  auf  -erare  -izon. 

Nichts  ist  für  Sprachgeschichte  von  gröfserem  inter« 
esse  als  für  formen,  die  auf  den  ersten  blick  junger  ent* 
stehung  zu  sein  scheinen,  entwicklungsstufen  aufzufinden, 
welche  dieselben  ohne  annähme  eines  sprungs,  ohne  will- 
kürliche Voraussetzungen  in  die  reihen  nachweisbar  suc- 
cessiver  bildungen  einzufügen  gestatten,  und  altern  Zusam- 
menhang da  zu  statuieren  nöthigen,  wo  man  sonst  über 
die  annähme  einer  analogie  zwar,  aber  einer  gegenseitig 
unabhängigen  hinauszugehn  kaum  wagen  würde.  Die  for- 
men der  derivativverba  auf  lat.  erare,  got.  ahd.  izon  ison 
(vereinzelt  -eron  uoberon  äpas)  gehören  unter  diese  klasse, 
unter  die  klasse  von  bildungen  zugleich,  von  denen  mau 
am  allerwenigsten  aufklärung  wichtiger  sprachhistorischer 
thatsacben  zu  erwarten  geneigt  sein  dürfte.  Das  griechi- 
sche zeigt  nur  acrj^teAcroo  {'Ow}^  dessen  -a;^er>l*,  identisch  mit 
dem  gleichlautenden  dement  in  aaxdllo)^  skr.  sahas  ist, 
so  dafs  beide  verba  „nicht  aushalten,  nicht  „ertragen  (vgl. 


die  verba  auf  -erare  -ison.  53 

aegre  moleste  ferre,  xalenuig  fpi^e^v)  bedeuten.  Slaviecb  fin- 
det sich  KOX«caTii,  dessen  %  höchst  wichtig,  und,  was  ich 
hier  nicht  ausführen  kann,  bflrge  fQr  das  hohe  alter  der 
form  ist.  Ein  paar  litauische  formen  Qbergehe  ich,  da 
höchstens  timsoju  mit  Sicherheit  hieher  zu  rechnen. 

Wie  man  sieht,  kommt  diese  bildung  nur  im  latein  und 
im  deutschen  in  einer  nennenswertheu  zahl  vor.  Das  Sans- 
krit, wo  die  form  entweder  -asäjä  oder  -ar&jä  gelautet  ha- 
ben müfste,  bietet  nichts  der  art;  dagegen  der  Atharva- 
veda  (XIV,  2,  20)  eine  höchst  merkwürdige  form  asa- 
paijäit: 
jadi  girhapatjam  asaparjäit  ptirvam  agnim  vadhtür  ijam 
adbä  sÄrasvatjäi  näri  pitfbhja^Ma  namas  kuru. 
Der  sinn  ist  ganz  einfach  und  nicht  mifszuverstehn.  Die 
form  asaparjäit  (3.  imperf  act.)  erweist  sich  durch  zwei 
elemente  älter  als  die  lateinischen  und  deutschen  formen, 
durch  eines  das  sie  besitzt,  durch  ein  andres  das  ihr  feUt. 

Wir  finden  nämlich  das  im  lateinischen  zu  -er-,  im 
got.  ahd.  zu  -is-  umgewandelte  neutrale  -as  in  der  gestalt 
-ari-,  d.  i.  das  alte  schlufs-i  der  bildung,  das  wir  vi^lfftch 
nachzuweisen  uns  bemüht  haben,  ist  hier  unwiderleglich 
vorhanden  (vgl.  saparjämi  ratharjämi). 

Der  zweite  punct,  der  ein  höheres  alter  dieser  bildung 
erweist,  ist  das  fehlen  des  -a  vom  -äja;  wir  haben  statt 
einer   äja-    eine    äi- bildung.     Der    entwicklungsgang    war 

also:   a  i-äni    a^i-äi    a -äi-ä.     In   bezug  auf  letztern  punct 

ist  diese  bildung  analog  den  von  uns  bereits  bekannt  ge- 
machten formen  a^aräit  (Atharvav.  VI,  32,  2),  ^aräit  (eben- 
das.  VI,  66,  2);  dazu  noch  vi  ^aräis  (ebendas.  XII,  3j  18). 
Alle  diese  formen  bieten  mit  genauer  analogie  zu  dem  Ver- 
hältnis zwischen  den  consonantischen  und  den  davon  wei- 
ter gebildeten  a- stammen  äi  gegenüber  jüngerem  äj&.  Ja 
man  könnte  streng  genommen  auch  niprijäj4te  (Atharvav. 
XII,  4,  11),  da  es  die  3.  plur.  repräsentiert  und  als  solche 
nach  den  regeln  der  a-conjugation  -&nte  haben  müfste,  für 
eine  solche  form  ansetzen.  Da  indefs  das  wort  am  Schlüsse 
des  verses  vorkommt,  so  bleibt  es  vielmehr  wahrscheinlich, 


54  Ludwig 

daTa  das  d  nur  ausgelassen  ward,  um  die  nothwendige 
kürze  herbeisuf&hreD.  Formen  wie  pÄra^ant  (VI,  75,  1) 
opäetanr  (XII,  3,  38)  niranajit  (X,4,26)  etc.  sind  wie 
astavit  als  imperfecta  zu  betrachten.  Der  mangel  der 
▼rddhi  hindert  sie  filr  aoriste  zu  halten. 

Eine  form  aber,  die  mit  Sicherheit  bieherzuziehen,  ist 
Äpftg&it  (Atharvav.  XII,  3,  54): 

varääm  vanuävÄpi   gakba  döv^ns  tvakö  dbümäm  parjüt^ 

pfitajäsi  I 
vi^vävjaKfi  ghrt4prdthö   bhaviäj&nt  s&jönir  lok&mupa  jft- 

hetam  II 
tanväm  svargö  bahudhd  vikakre  j&thä  vidä  atmannanjÄ- 

varnäm  | 
ipfi^ait  kr&nim  rüpatim   punänö  ja  löhini  tarn  te  agn&ü 

guhömi  II 
^erlange  regen,  geh  zu  den  göttem,  von  der  haut  mach 
auffliegen  den  dunst,  werde  überall  hindriogend  ghrtabe- 
träufelt,  als  solcher  mit  wasser  nahe  dieser  welt^  (sajöni: 
Tielleicht  besser  „als  hausgenosse^ ).  „Oft  hat  svarga  die 
gestalt  geändert,  wenn  er  innerhalb  seiner  selbst  die  an- 
ders farbige  sah;  die  dunkle  (tvac)  trieb  er  fort,  und  liefs 
so  erscheinen  die  glänzende,  die  rothe  opfere  ich  dir  im 
feuer«  (vgl.  v.  21). 

Dafs  äpä^äit  nichts  anderes  als  imperf.  3.  sing.  act. 
von  ag-äi-  ist,  liegt  auf  der  band.  Die  dunkle  regenwolke 
löst  sich  in  die  hellen  regentropfen  auf.  Dafs  wir  sonst 
von  einem  solchen  stamme  keine  spur  haben ,  darf  gegen 
diese  erklärung  nicht  vorgeschützt  werden;  viele  von  die- 
sen formen  müssen  früh  dem  sanskrit  verloren  gegangen 
sein.  Findet  sich  doch  noch  von  wz.  tud  vereinzelt  vitü- 
däjasi  (Atharvav.  2,  3?,  6). 

Die  analogie  der  -äi-  und  -äja-bildungen  zu  den  con- 
sonan tischen  und  a- Weiterbildungen  tritt  besonders  in  den 
slavisohen  nominalen  -äja  (-nii)  bildungen  hervor*).  Man 
vergleiche  damit  die  sanskrit.  aja-classe  und  die  nomina 
auf  -aja,  slavisch  n-  (tn)  und  hü:  äbhögaja  ilaja  ^aja  vä- 


*)  Oriech.  hieher  mit  beatimmtheit  avdw  (ricfaüg  avd^)  nnd  aifdfir< 


die  verba  auf  -ei«re  -izoii.  55 

-Kaminkhaja  ahraja  (statt  ahvraja;  ygL  Atharvav.  8,  4,  14 
brnläe  statt  h^rnläe  hrnftju),  atiparajä  (Ted.)  nidfadraja  ^ö- 
tojamfimaka  (jävajaddvedas  jätajaggana  prävajat  pati  ""sakhi 
8tan4jadama  Ködajanmati)  cxauift  (skr.  ^r&vaja)  b^abnA  hou- 
pM  u^iiN,  offenbar  verkQrzt  Bos^k  BorouoAik  (prof.  Miklosieh 
bild.  d.  nora.  im  altslov.  p.  14).  Hieza  berechtigen  adjecti- 
vische  bildungen  hS  von  %- stammen  boshH  von  Bora,  die 
griech.  oixsiog  von  olxog  genau  so  entsprechen,  wie  griech. 
6xy6ffti,.8lav.  KBOiNTN.  Gleich wol  liegt  auf  diesen  letztem 
bildangen,  und  denen,  die  in  andern  sprachen  ihnen  zu 
entsprechen  scheinen,  noch  ein  schwer  aufzuhellendes 
dunkel. 

Prag,  25.jnni  1867.  Alfred  Ludwig. 

Anm.  Die  slavischen  bezeichnungen  cauBNü  ba%oa% 
ftr  nachtigall  und  widehopf  seheinen  uns  unverkennbar 
eine  beziehung  zu  dem  mythus  von  dem  könig  Tereus  an- 
zuzeigen. BHAOA«  leitet  prof.  Afiklosich  (v.  lex.)  von  vad 
als  reduplicirte  form  ab,  die  als  intensive  reduplication  im 
Sanskrit  vadvadÄ  lauten  würde.  Wir  wissen  nicht,  ob  diese 
form  wirklich  vorkommt,  was  natArlich  der  unzweifelhaf- 
ten richtigkeit  der  erklärung  keinen  eintrag  thut.  Dage- 
gen kommt  gadgada  vor  und  beides  ist  wahrscheinlich,  ja 
mit  Sicherheit  auf  ein  ftlteres  gvadgvada  zurfickzuf&hren. 
gadgada  bezeichnet  den,  der  mit  von  thrftnen  erstickter 
stimme  spricht:  Et  modo,  si  possit,  reserato  pectore  dirasj 
egerere  inde  dapes  demersaque  viscera  gestit;  |  flet  modo 
seqne  vocat  bustum  miserabile  nati  Ov.  Metam.  VI,  663  — 
665.  cAABiifi  dagegen,  welches  im  sanskrit  prävaja  wäre, 
ist  sicher  eine  passende  bezeichnung  fQr  den  vogel  ä  "Itvv 
izliv  "Itw  okoqwgatM  ogvig  atv^ofAiva  Soph.  El.  148 — 149, 
ond  Odyssee  t  518 — 523  wg  S*  ote  HavSagiov  xovgti  ;|fAaH 
Qt^lg  jifiStiv  I  xakov  asiSfjaiv  tagog  viov  iarafiivoio  \  StP" 
Sgitav  iv  nndloKfi  xa&s^ofjiivfi  nvxivoiatv^  \  rJTB  &afAa 
rQianw(fa  ;^<«*  nokvtix^cc  (pvnviqv,  \  TialS*  6ko(pVQOfiivfi'*TTviov 
q)ikov,  ov  nOTB  x^^^V  I  ^^^^i^^  Si  ä(pQaSiag  ovgov  Zti^i^io 
ävaxTog, 


56         '  Liebrecbt 

Amor  und  Psyche  —  Zeus  und  Semele  — 
Purüravas  und  Urya^i. 

Das  märcheo,  welches  Apulejus  erzählt,  so  wie  das 
andere,  damit  genau  verwandte  von  des  holzhauers  tochter, 
welches  noch  jetzt  in  Hindustan  beim  volke  umläuft,  darf 
ich  wohl  als  hinlänglich  bekannt  voraussetzen,  um  ohne 
weiteres  darauf  bezug  nehmen  zu  können.  Ich  bin  nun 
der  ansieht,  dafs  der  mythus  von  Zeus  und  Semele  auf 
derselben  grundlage  beruht,  wie  jene  beiden  märchen  und 
dafs  demgemäfs  alle  drei  nur  verschiedene  Versionen  ein 
und  desselben  gegenständes  sind.  Zeus  nämlich  will  ebenso 
wenig  von  der  geliebten  in  seiner  eigentlichen  gestalt  ge- 
sehen werden,  wie  Amor  in  der  seinigen,  oder  wie  der 
Schlangenkönig  Basnak  Dau  von  Tulisa  seinem  namen  nach 
erkannt  sein  will,  und  nur  mit  Widerwillen  fögt  Zeus  sich 
in  Semeies  begehr,  wie  Basnak  Dau  in  das  der  Tulisa« 
Die  mutter  des  letztern  entspricht  genau  der  Hera,  und 
so  wie  diese  die  gestalt  der  amme  Beroe  annimmt  um  Se- 
mele zu  ihrer  thörichten  forderung  zu  bereden,  ebenso  be- 
gibt der  verbündete  der  mutter  Basnak  Dau's,  Sarkasutis, 
sich  als  alte  frau  zu  Tulisa  und  bringt  sie  dazu,  den  ge- 
liebten nach  seinem  namen  zu  fragen,  den  dieser  ebenso 
widerstrebend  ausspricht,  wie  Zeus  sich  der  Semele  in  sei- 
ner eigentlichen  gestalt  zeigt;  denn  beide  wissen  (gleich 
Amor),  dafs  aus  der  eifQllung  des  Wunsches  nur  unheil 
erfolgen  kann,  obwohl  Zeus  durch  seinen  schwur  ganz  so 
wie  Basnak  Dau  durch  eine  höhere  macht  sich  gezwungen 
sieht,  das  an  ihn  gestellte  verlangen  zu  erfüllen.  Semele 
wie  Psyche  und  Tulisa  handeln  also  gegen  den  wünsch  oder 
das  gebot  ihrer  liebhaber  und  alle  drei  büfsen  dafbr,  je- 
doch nur  durch  zeitweilige  strafe;  denn  Semele  und  Psyche 
steigen  nach  ablauf  derselben  zum  Olymp  empor,  Tulisa 
wird  königin  und  mit  ihrem  geliebten  wieder  vereint  wie 
Psyche  mit  Amor.  Man  kann  hierbei  die  frage  aufwerfen, 
ob  in  der  altem  fassung  des  Psychemythus  Psyche  nicht 
ebenso  zunächst  mit  dem  tode  büfste  wie  Semele;  ihr  lan- 
ges leiden   und   suchen,  wobei   sie  selbst  in  die  unterweit 


Amor  und  Psycho  —  Zeus  und  Semele  —  Purüravas  und  Urva9i.     57 

za  Proserpina  binantersteigeD  mufs,  möchte  vielleicht  dar- 
auf  hindeutcD.  Doch  sehen  wir  hiervon  ab  und  weisen 
vielmehr  ferner  darauf  hin,  dafs  Zeus  bei  seinem  liebes- 
handel  mit  Persephone,  mit  welcher  er  den  Zagreus  zeugt, 
ebenso  als  schlänge  erscheint,  wie  Amor  vom  orakel  als 
saevum  atque  ferum  vipereumque  malum  (Met  IV  p.  311 
Oad.)  geschildert  wird  und  Basnak  Dau  Schlangenkönig 
]8t.  Zeus  ist  aber  auch  donner-  und  blitzgott;  dafs  nun 
Eros  gleichfalls  als  feuergott  aufgefafst  wird  (s.  Jul.  Braun 
naturgeschichte  der  sage  I,  425  f ),  will  ich  nicht  urgiren, 
dagegen  auf  die  italienische  version  des  Psychemärchens 
hinweisen,  welche  sich  bei  Basile  Pentam.  V,  4  „Lo  turzo 
d'oro^  findet  und  wo  Parmetella's  (Psyche's)  liebhaber  den 
namen  „donner  und  blitz^  (Truone  e  lampe)  fahrt.  Da  wir 
diesem  indicium  auch  in  einem  andern  zweige  der  vorlie* 
genden  mythen-  und  märchenreihe  mehrfach  begegnen,  so 
ist  es  an  der  zeit  näher  auf  denselben  einzugehen.  Bisher 
haben  wir  nämlich  gesehen,  dafs  es  der  liebende  ist,  der 
aus  welchem  gründe  auch  immer  von  der  geliebten  in  sei- 
ner eigentlichen  gestalt  oder  benennung  nicht  erkannt  sein 
will,  und  dafs  der  fQrwitz  der  letztern  hart  gestraft,  aber 
doch  endlich  verziehen  wird.  Das  gegenstück  hierzu,  wel- 
ches sich  leicht  aus  jener  anschauung  entwickeln  konnte, 
versetzt  nun  den  liebenden  in  die  läge,  in  der  sich  dort 
die  geliebte  befindet.  Hier  ist  ^r  der  fQrwitzige,  der  durch 
zeitweilige  trennung  von  letzterer  ebenso  gestraft  wird  wie 
Psyche  und  Tulisa,  obwohl  endliche  Wiedervereinigung  der 
liebenden  auch  hier  eintritt.  Das  ij^otjy  aber,  um  dessent- 
willen  in  dieser  wendun^^:  die  geliebte  fQr  eine  zeit  lang 
entschwindet,  ist  ein  mehrfaches;  entweder  will  sie  von 
dem  liebhaber  nicht  (nackt)  gesehen  werden;  oder  sie  fin- 
det die  ihr  von  demselben  geraubte  hülle  (taubenhemde, 
schwanenhemde  u.  s.  w.)  wieder;  oder  sie  wird  von  dem 
liebhaber  (gatten)  irgendwie  beleidigt.  Wir  betrachten  zu- 
erst den  umstand,  dafs  die  liebende  nicht  gesehen  werden 
will;  es  leuchtet  alsbald  ein,  dafs  dies  das  nämliche  motiv 
ist  wie  das,  welches  die  trennung  des  Zeus,  Amors  und 
Basnak  Dau's   von    ihren  liebhaberinnen  zu   wege  bringt; 


58  Liebrecht 

sie  wollen  särnrntlich  Dicht  in  ihrer  eigentlichen  natur  oder 
gestalt  erkannt  werden.  In  dieser  zweiten  version  bietet 
sich  nnn  zuvörderst  der  indische  mythns  von  PurtXraTaa 
und  Urva^l;  jedoch  hat  er  sich  von  der  Semele-Psycheform 
noch  nicht  ganz  abgelöst;  denn  nicht  etwa  will  ürva^  sich 
nicht  (nackt)  von  dem  geliebten  sehen  lassen,  sondern  sie 
soll  ihn  nicht  (nackt)  sehen ^  welches  begehren  eben  nur 
dem  des  Zeus  oder  Amor  entspricht,  während  der  ange- 
ftahrte  grund  („und  das  ist  ja  die  sitte  von  uns  franen^ 
Kuhn  herabkunft  des  feuere  81)  als  ein  sehr  dürftiger  er- 
scheint und  höchst  wahrscheinlich  nur  als  nothbehelf  fbr  den 
vergessenen  ursprflnglichen  eingetreten  ist.  Purflravas  nimmt 
also  in  dieser  version  die  stelle  des  Zeus  »Amor  ein  und 
zwar  ist  nicht  nur  auch  er  ursprünglich  ein  feuergott,  son- 
dern auch  sein  name,  der  nach  Roth  „der  brfiUer^  bedeu- 
tet, weist  ganz  deutlich  auf  den  Zeus  igiyöovnoq.  Ich 
komme  nun  zu  den  Gandharven  des  ürva^Imythns.  Es 
bedarf  keiner  weitläufigen  auseinandersetzung  um  zu  zeig^ 
dafs  sie  der  Hera,  der  mutter  Basnak  Dau's  so  wie  d^r 
Amors  entsprechen.  Der  letztern  dünkt  die  Verbindung 
ihres  sohnes  mit  einer  sterblichen  ungeziemend,  und  ganz 
gleich  ist  die  meinung  der  Gandharven  hinsichtlich  ürva^^s. 
Auch  sie  bedienen  sich  daher  wie  Hera  und  Basnak  Dau's 
mutter  der  list  um  die  liebenden  zu  trennen  und  sie  errei- 
chen ihren  zweck  wie  jene.  Der  blitz  scheidet  Urva^ 
von  Purüravas  ebenso  wie  Semele  von  Zeus,  wie  der  licht- 
blitz der  lampe  Psyche  von  Amor.  Ein  feuerzeug  wird  in 
den  Psychemärchen  mehrfach  ausdrücklich  erwähnt  (Basile 
a.  a.  o.  II,  183  meiner  Übersetzung;  in  dem  schwedischen 
märchen  bei  Hylt6n-Cavallius  no.  19,  A.  Ulf-Prinsen 
Variante  2  aus  Smäland  und  B.  Prins  Hatt  under  Jor- 
den  u.  s.  w.),  und  man  wird  hierbei  nicht  unbeachtet  las- 
sen, was  Kuhn  über  die  ältesten  Vorstellungen  von  der 
hervorbringung  des  blitzes  durch  ein  himmlisches  feuerzeug 
dargethan  hat.  Auch  der  dreiarmige  leuchter  in  der  schwed. 
Version  A  läfst  an  den  gezackten  blitz  denken.  Mehr  je- 
doch als  dieser  umstand  ist  ein  anderer  ganz  besonders 
hervorzulieben.    An  ürva^l's  lager  sind  zwei  junge  widder 


Amor  und  Psyche  —  Zeus  und  Semele  —  Pururavas  und  Ürva9l.     59 

angebunden,  welche  sie  ihre  söhne  oder  kinder  nennt  (Kuhn 
L  c.  82,  Benfey  Pantschat.  I,  263).  Diese  nun  werden  ihr 
▼on  den  Gandharven  ganz  ebenso  geraubt  wie  in  einigen 
Versionen  des  Psychemärchens  der  Psyche  ihre  kinder. 
Bei  Hylten-Cavidlius  a.  a.  o.  Ulf-Prinsen  geschieht  es 
durch  diesen  prinzen  selbst  d.  h  den  vater,  ebenso  in  dem 
achwed.  mfirchen  Gräkappan  bei  Bäckström  Srenska 
Folkböcker  II,  140  ff.,  vgl  Grimm  K.M.  IIP,  324  f.,  wo 
nicht  nur  auf  den  Zusammenhang  dieses  märchens  mit  no.  88 
„löweneckerchen^,  sondern  auch  mit  no.  3  „marienkind^ 
hingewiesen  wird.  In  einer  Version  des  letztern  (s.  die 
anm.  dazu  1.  c.  s.  7  f.)  ist  es  die  böse  Schwiegermutter, 
welche  die  kinder  fortführt,  und  dies  wird  wohl  auch  die 
ursprüngliche  form  gewesen  sein;  Venus  wird  der  Psyche 
ihre  kinder  geraubt  haben,  während  letztere  jetzt  auf  ihrer 
Mdenvollen  Wanderung  blofs  als  schwanger  erscheint  und 
die  Voluptas  erst  nach  ihrer  Wiedervereinigung  mit  Amor 
zur  weit  bringt;  aber  schon  über  die  Schwangerschaft  ist 
Venus  höchst  erbittert  (Met.  VI  p.  397  f.  Oud,).  Dieser 
Venus  also,  wenn  meine  vermutbung  richtig  ist,  jedenfalls 
aber  der  kinderraubenden  Schwiegermutter  des  deutschen 
märchens  entsprechen  die  gleichen  raub  ausführenden  Gan- 
dharven. Die  Wiedervereinigung  des  Purüravas  mit  Urva^l 
im  himmel  erfolgt  jedoch  schliefslich  ebenso  wie  in  dem 
Psyohemythus  die  Amors  mit  Psyche,  nachdem  Purüravas 
(obwohl  schon  ursprünglich  ein  feuergott)  unter  die  Gan- 
dharven aufgenommen  ist,  ebenso  wie  Psyche  in  den  Olymp, 
Der  Urva^Imythus  hat,  wie  wir  gesehen,  die  Umwand- 
lung des  Psychemythus  noch  nicht  vollständig  vollzogen; 
«och  ist  es  der  liebende,  der  von  der  geliebten  nicht  ge- 
sehen werden  darf,  widrigenfalls  trennung  eintritt.  Von 
den  nun  anzuführenden  Wendungen  des  erstem  d.  h.  von 
derjenigen  mythen-  und  sagenreihe,  wo  der  liebende  mann 
die  trennung  verschuldet,  stelle  ich  die  in  dem  mhd.  ge- 
dichte  Friedrich  von  Schwaben  behandelte  sage  des- 
wegen voran,  weil  auch  sie  noch  deutlichere  spuren  ihres 
Zusammenhanges  mit  dem  Psychemärchen  bewahrt,  nämlich 
in  d^m  umstände,  dafs  der  held  das  gebot,  die  prinzeesin 


60  Liebrecht 

Angeiburg,  die  des  nachts  neben  ihm  ruht,  nicht  bei  licht 
zu  betrachten,  übertritt,  indem  er  mit  einem  feuerzeag, 
das  ein  zauberer,  der  buhle  ihrer  Stiefmutter,  ihm  gegeben? 
rasch  ein  ]icht  anzQndet,  worauf  Angelburg  zu  scheiden  ge- 
zwungen ist.  Er  erlangt  sie  jedoch  später  wieder  dadurch, 
dafs  er  ihr  beim  baden  das  taubengewand  raubt  und  sie 
ihm  die  ehe  versprechen  mufs,  um  es  zurückzuerhalten. 
Nach  mancherlei  abenteuern  von  seiner  seite  erhält  er  sie 
auch  wirklich  zur  gemahlin  in  ihrem  reiche,  welches  die 
Hecht  ouw  heifst  (offenbare  reminiscenz  der  Asphodil- 
wiese,  der  amoena  yireta,  des  göttersitzes  u.  s.  w.).  Was 
das  in  dieser  sage  und  weiter  unten  noch  oft  erwähnte 
taubengewand  betrifft  (es  heifst  auch  vogelgewand,  schwa- 
iienhemd  oder  bei  Musaeus  Schleier  „von  einem  unbe- 
kannten gewebe,  feiner  als  spinn  webe  und  weifser  als 
frischgefallener  schnee^),  so  stammt  es  ursprünglich  von 
dem  Wolkenschleier  der  Apsarasen,  und  einen  schleier  be- 
sitzt nach  Webers  beraerkung  auch  Urva^I,  die  sich  damit 
vor  den  blicken  des  Purüravas  verhüllt  (Kuhn  1.  c.  91). 

In  dem  altfranz.  gedichte  Partenopex  de  Blois  soll 
dieser  die  fee  Melior,  bei  der  er  des  nachts  schläft,  gleich- 
falls eine  zeit  lang  nicht  sehen;  da  er  aber  von  einer  ne- 
benbuhlerin  gereizt,  die  fee  fQr  ein  ungeheuer  hält  und  ihr 
gebot  Obertretend  sie  beim  schein  einer  lampe  betrachtet, 
so  mufs  er  scheiden,  versöhnt  jedoch  später  die  erzürnte 
schöne  und  vermählt  sich  mit  ihr.  Der  raub  des  gewandes 
(taubenhemdes)  fehlt  hier,  findet  sich  aber  wieder  in  dem 
Lai  de  Gruelan,  welches  zwar  einige  züge  (verbot  des 
schauens,  lampe)  verloren,  jedoch  an  deren  stelle  die  auf- 
erlegte Verheimlichung  des  liebesverhältnisses  so  wie  di9 
Verletzung  des  geheimnisses  gesetzt,  auch  die  trennung  und 
Wiedervereinigung  der  liebenden  bewahrt  hat.  Der  raub 
des  taubenhemdes  findet  sich  ferner  in  einigen  hierher  ge- 
hörigen orientalischen  märchen,  so  in  den  von  Benfey  Pan- 
tschat.  I,  263 f.  angeführten;  man  füge  hinzu:  Der  Tausend- 
undeinenacht  noch  nicht  übersetzte .  Märchen  u.  s.  w.  aus 
dem  Arabischen  ins  Französische  übersetzt  von  Jos.  v.  Ham- 
mer und  ins  Deutsche  von  Zinserling  Stuttg.  1823  bd.  I 


Amor  und  Payche  —  Zeus  und  Semele  —  Purüravas  und  Urva^i.     61 

8.  301  ff.  „Dschamasb  und  die  königin  der  schlangen^;  fer- 
ner den  „geraubten  Schleier'^  bei  Musaeus,  und  will  ich 
bei  dieser  gelegenheit  auch  noch  bemerken,  dafs  in  Grimms 
K.  M.  no.  193  ^der  trommler^  wahrscheinlich  aus  dem 
von  Benfey  angefahrten  märchen  der  Breslauer  Tausend- 
undeinenacht,  „Asem  und  die  geisterkönigin  ^  herstammt, 
wo  die  Zaubertrommel  eine  ebenso  grofse  rolle  spielt  (s. 
bd.  X  8.  220  ff.  1836). 

Air  die  zuletzt  angeführten  orientalischen  Versionen  des 
UrTa9l-Psychem7thus  enthalten  nach  der  trennung  der  lie- 
benden auch  die  Wiedervereinigung  derselben;  allein  das 
verbot  des  schauens  ist  daraus  verschwunden  und  daf&r 
der  raub  des  vogelhemdes  eingetreten.  Diesem  begegnen 
wir  auch  in  einem  mythus  von  Celebes  (s.  Kuhn  1.  c.  88 
nach  Schirren),  der  zugleich  noch  einen  andern  bemer- 
kenswerthen  zog  des  Semele-Psychemythus  bietet,  indem 
nämlich  Kasimbaha  (Amor- Zeus)  donner  und  blitz  er- 
regt und  zwar  dadurch,  dafs  er  seiner  gemahlin  Uta- 
hagi  ein  zauberhärchen  auszieht.  Reiner  noch  findet  der- 
selbe zug  sich  wieder  in  einer  neuseeländischen  Überliefe- 
rung, die  gleichfalls  Kuhn  a.  a.  o.  nach  Schirren  kurz  an- 
fbbrt,  ich  aber  hier  nach  Tyler's  forscbungen  über  die  ur- 
geechichte  der  menschheit  u.  s.  w.  Aus  dem  englischen 
von  H.  Müller.  Leipzig  (1866)  s.  448  f.  vollständiger  mit- 
theilen will.  „Es  war  einmal  ein  grofser  häuptling  namens 
Tawhaki,  und  ein  mädchen  vom  geschlechte  der  himmli- 
schen, deren  namen  Tango -tango  war,  hörte  von  seiner 
tapferkeit  und  seiner  Schönheit  und  kam  zur  erde  herab, 
sein  weib  zu  werden,  und  sie  gebar  ihm  eine  tochter.  Als 
aber  Tawhaki  das  kleine  mädchen  nach  einer  quelle  mit- 
nahm und  es  wusch,  hielt  er  es  mit  ausgestrecktem  arme 
von  sich  nnd  sagte:  „Pfui,  wie  garstig  das  kleine  ding 
riecht^.  Als  Tango -tango  dies  hörte,  war  sie  bitter  ge- 
kränkt und  begann  zu  weinen  und  zu  schluchzen  und  end- 
lich nahm  sie  das  kind  und  flog  mit  ihm  zum  himmel. 
Tawhaki  versuchte  sie  aufzuhalten  und  bat  sie  zu  bleiben, 
aber  vergebens,  und  als  sie  eine  minute  innehielt,  mit  einem 
fabe  ruhend  auf  der  geschnitzten  figur  am  ende  der  first^ 


02  LiebKöht 

Stange  des  baoses  Ober  der  thür,  rief  er  ibr  zu,  ihm  ein 
andenken  zurückzulassen.  Da -sagte  sie  ihm,  er  solle  sich 
nicht  festhalten  an  die  lose  wurzel  der  krieobpfianze,  die 
von  oben  herabfallend  in  der  luft  hin  und  her  schwingt, 
vielmehr  solle  er  sich  festhalten  an  diejenige,  die  aus  der 
höhe  herabhftngend  ihre  fasern  wieder  in  der  erde  festge- 
wurzelt hat.  So  schwebte  sie  empor  in  der  Inft  und  ver- 
schwand, und  Tawhaki  blieb  traurend  zurfick.  Nach  ab- 
lauf  eines  monats  konnte  er  es  nicht  länger  ertragen  und 
daher  nahm  er  seinen  jQngern  bnider  und  zwei  sciaven 
mit  sich  und  brach  auf,  sich  nach  seinem  weib  und  kind 
umzusehen.  Die  brdder  kamen  endlich  zu  dem  orte,  wo 
die  enden  der  vom  himmel  herabhangenden  ranken  die 
erde  erreichten  und  dort  fanden  sie  eine  alte  vorfahrin, 
deren  name  Matakerepo  war.  Sie  war  angewiesen,  die 
ranken  in  ihre  obhut  zu  nehmen,  und  sie  safs  an  der  stelle, 
wo  sie  die  erde  berührten  und  hielt  die  enden  der  einen 
in  ihren  bänden.  So  schickte  sich  denn  am  nächsten  tage 
der  jüngere- bruderEarihi  an  emporzuklettem  und  die  alte 
frau  mahnte  ihn  nicht  herabzusehen,  damit  er  nicht  schwind- 
lig werde  und  fallen  möchte,  desgleichen  sich  zu  hüten  sich 
an  einer  losen  ranke  festzuhalten.  Aber  gerade  in  diesem 
augenblicke  machte  er  einen  sprung  nach  den  ranken  and 
fafste  aus  versehen  eine  lose,  und  hinweg  schwang  er  bis 
zum  rande  des  horizonts,  aber  ein  windstofs  blies  von  dort 
und  trieb  ihn  zurück  nach  der  andern  seite  des  himmels, 
wo  ein  anderer  stofs  ihn  himmelwärts  schlenderte,  und 
abermals  wurde  er  herabgeblasen.  Im  augenblick  als  er 
den  boden  erreichte,  rief  ihm  diesmal  Tawhaki  zn,  loszu- 
lassen, und  siehe,  er  stand  wieder  auf  der  erde  und  die 
beiden  brüder  weinten,  dafs  er  so  mit  genauer  noth  dem 
verderben  entgangen.  Darauf  begann  Tawhaki  zu  klettern 
und  er  ging  aufwärts  und  aufwärts^  indem  er  während  des 
klettems  einen  mächtigen  Zauberspruch  wiederholte,  bis  er 
endlich  den  himmel  erreichte  [wo  er  von  den  verwandten 
seiner  frau  verächtlich  behandelt,  endlich  aber  von  ihr  er- 
kannt wurde  und  sich  als  gott  zu  erkennen  gab.  Schirren.]. 
Die  toohter  brachten  sie  zum  wasser  und  tauften  sie  in 


Amor  und  Psyche  —  Zeus  und  Semele  —  PurGravas  und  Urva^l.     63 

gehöriger  oeuseel&ndischer  weise.  Blitz  leuchtete  aus 
Tawhaki's  achselgrubeD  und  er  wohnt  noch  dort 
oben  im  himmel  und  wenn  er  schreitet,  machen 
seine  fufstritte  den  donner  und  blitz,  der  auf  er- 
den gesehen  und  gehört  wird^.  Die  eben  angeführte 
neuseeländische  mythe  nun  mit  der  oben  erwähnten  aus 
Celebes  (die  ich  aus  Kuhn's  buch  als  bekannt  voraussetze) 
zQsammenfsissend,  will  ich  auf  diejenigen  zöge  beider  hin- 
weisen, die  sich  auch  in  dem  Urva^l- Psychemythus  vor- 
finden*  Dafs  die  donner-  und  blitzgötter  Kasimbaha  und 
Tawhaki  dem  donnerer  Zeus  entsprechen,  habe  ich  bereits 
beiTorgehoben,  ebenso  das  flughemde  Utahagi's.  Tango- 
tango's  verwandte  und  Utahagi^s  brflder  gleichen  den  Gan- 
dharven  und  der  Venus;  die  Verbindung  mit  einem  ver- 
meintlichen sterblichen  dQnkt  ihnen  erniedrigend;  sie  fügen 
sich  erst  dann,  da  Kasimbaha  und  Tawhaki  sich  als  götter 
erweisen,  wie  die  Gandharven  und  Venus  erst  dann  nach- 
geben, nachdem  Purüravas  und  Psyche  in  den  götterhimmel 
au^enommen  sind.  Tawhaki's  sclavendienst  bei  den  ver? 
wandten  Tango -tango's  entspricht  genau  dem  der  Psyche 
bei  Venus,  dem  der  Tulisa  bei  der  Schwiegermutter.  Ka- 
simbaha gewinnt  Utahagi  wieder  durch  die  hilfe  kleiner 
thierchen,  eines  vögelchens,  eines  Johanniswürmchens,  einer 
fliege;  ganz  ebenso  finden  wir  bei  Psyche  die  dienstfertigen 
ameiaen,  bei  Tulisa  die  eichhörnchen  und  bienen.  Die 
alte  frao,  welche  dem  Tawhaki  und  seinem  bruder  bei  ih- 
rer gefährlichen  fahrt  so  freundlichen  rath  ertheilt,  kehrt 
in  einer  oder  der  andern  gestalt  in  fast  allen  Psychemär^ 
eben  wieder;  bei  BasUe  no.  45  ist  es  eine  fee  u.  s.  w.  Als 
gmnd  zur  trennung  der  gatten  finden  wir  in  dem  neusee- 
ländischen mythus  eins  der  oben  s.  Ö7  angeführten  motive, 
nämlich  beleidigung  der  gattin  (durch  Schmähung  ihres 
kindes).  In  dem  mythus  von  Celebes  ist  das  motiv  nicht 
ganz  klar,  doch  ist  das  ausreifsen  des  härchens  wohl  gleich- 
falls als  beleidigung  zu  fassen.  Man  hätte  aber  eher  das 
wiederfinden  des  flughemdes  durch  ütahagi  erwarten  sollen. 
Wie  dem  auch  sei,  die  gatten  werden  schliefslich  in  beiden 
mythen  wieder  vereint,  wie  in  sämmUichen  bisher  aufge- 


64  '  Liebrecht 

führten  Versionen  des  Psyche -Urvapimythus,  so  dals  man 
die  frage  aufwerfen  darf,  ob  Semele,  die  allerdings  nach 
ihrem   tode    gleichfalls    zu    dem    wohnsitz   ihres  geliebten 
emporsteigt,  nicht  ursprünglich  eine  Heraform  war  und  die 
jetzige  rolle  der  Hera  in   der  Semelemythe  von  einer  an- 
dern göttin  ausgefällt  wurde.   Die  abwesenbeit  des  in  rede 
stehenden   zuges  in  der  von  Kuhn  (herabk.  92)  mit  dem 
Urva^lmythus  verglichenen  Melusinensage  macht  es  zwei- 
felhaft, ob  dieselbe  dem  hier  behandelten  mythen-  und  sa- 
genkreise  angehört,  wenn  man  nicht  etwa  die  spätere  zeit* 
weilige   Wiederkehr   der  fee  um  ihre  kinder  zu  pflegen  f&r 
eine    getrübte   erinnerung  jenes  zuges   halten    will.     Man 
könnte  aber   auch  noch  weiter  gehen  und  letztem  als  zu- 
weilen   ganz  verloren  betrachten,    z.  b.   in  der  von  Wolf 
niederl.  sag.  s.  680  mitgetheilten,  aus  dem  Spec.  nat.  1.  II 
c.  126  (nicht  1.  III)  stammenden  sage,   und  das  dort  vor- 
kommende meerweib  fdr  eine  ursprüngliche  apsarase  (Ur- 
va^l),  so  wie  das  verbot  nach  ihrer  herkunft  zu  fragen  f&r 
analog  dem  gleichen   zuge  in  dem  indischen  mftrchen  von 
des  holzhauers  tochter  und   dem  verbot  des  schauens   in 
den  übrigen  Psyche -Urva^l Versionen  ansehen,   in  welchem 
falle  dann  noch  eine  grofse  zahl  anderer  sagen  hierher  ge- 
zogen werden  könnten.     Dies  schon  jetzt  zu  thun,   dünkt 
jedoch    nicht    rftthlich;    vielleicht    wird    weitere  forsohang 
später  dazu  berechtigen.     Was  die  Melusinensage  betrifil, 
so  begegnen  wir  in  derselben  dem  verbot  des  sehens  oder 
nacktsehens  wie  bei  Psyche-Urira9i,  so  wie  dem  schlangen- 
schweif,   der  au  den  Schlangenkönig  Basnak  Dan  und  die 
vorgebliche  gestalt  Amors  erinnert.    -Beiläufig  vdll  ich  be- 
merken, dafs  in  der  ältesten  aufzeichnung  der  Melusinen- 
sage (bei  Gervasius  von  Tilbury ;  vgl.  Kuhn  1.  c.)  der  name 
dieser  fee  noch  nicht  vorkommt,  und  dafs  der  später  als 
gemahl   der  Jtfelusine  genannte  Raimund,  der  das  von  ihr 
gebaute   schlofs  Lusignan    bewohnte,    bei  Gervasius    kein 
graf  ist,  auch  nicht  in  Poitou  seine  heimat  hat,  sondern 
in  der  Provence,  wo  sein  schlofs  Russet  bei  dem  Städtchen 
Trets  nicht  weit  von  Aix  gelegen  ist. 

Hiermit  schliefse  ich  nicht  nur  die  reihe  derjenigen 


Amor  und  Psyche  —  Zeus  und  Semelo  —  Purüravas  und  Ünra9i.     65 

mythen  und  sagen,  welche  die  Urva^lform  des  Semeie- 
Psycbemythus  bilden,  sondern  auch  diesen  aufsatz  über- 
haupt. Ich  unternehme  es  zur  zeit  noch  nicht  die  diesem 
ganzen  kreise  zu  gründe  liegende  Vorstellung  nachzuweisen. 
Was  bis  jetzt  zur  erklärung  einzelner  theile  und  Versionen 
desselben  gesagt  worden  ist,  mag  immerhin  fOr  ein  späte- 
res Stadium,  wo  die  grundidce  vergessen  oder  umgebildet 
war,  mehr  oder  minder  richtig  sein,  doch  genügt  es  nicht, 
weil  es  „allzu  abstract  der  mythischen  gestaltung  ältester 
zeit  gar  keinen  sinnlichen  hintergrund  giebt^,  wie  Kuhn 
herabk.  87  treffend  sagt;  und  dies  ist  nicht  blos  auf  die 
dort  gemeinte  erklärung  der  ürva^imythe  anwendbar.  Je- 
denfalls aber  mufs,  wer  jene  aufgäbe  zu  lösen  unternimmt, 
nunmehr  das  ganze  jenes  kreises  ins  äuge  fassen,  so  wie 
ich  es  im  obigen  dargelegt;  ja  noch  weiter  wird  er  seine 
Untersuchungen  ausdehnen  müssen;  denn  dafs  z.  b.  das 
siebente  märchen  des  Siddhi-kür  in  den  kreis  des  Psyche- 
mythus  gehört,  bezweifle  ich  nicht  im  mindesten  (vergl. 
Benfey  Pantschat.  I,  255  ff);  hier  aber  näher  darauf  einzu- 
gehen und  alles  sonst  noch  damit  zusammenhängende  dar- 
zulegen und  zu  erörtern  lag  aufserhalb  des  unmittelbaren 
Zweckes  der  vorliegenden  abhandlung.  Nur  einen  umstand 
kann  ich  nicht  umhin  noch  zu  erwähnen,  der  einen  neuen, 
nicht  uninteressanten  beweis  von  der  Zähigkeit,  mit  der  sich 
einzelne  züge  der  sagen-  und  mythen  weit  erhalten,  liefern 
würde,  falls  sich  die  hier  folgende  Zusammenstellung  als 
ein  solcher  betrachten  liefse.  Als  nämlich  Amor  von  der 
angehorsamen  Psyche  scheidend  in  die  lufl  emporfliegt, 
läfst  er  sich  noch  einmal  auf  den  gipfel  einer  hohen  cy- 
presse  nieder  und  richtet  von  da  an  sie  seine  letzten  worte 
(Met.  V  p.  364  Oud.).  Ebenso  hcifst  es  in  der  oben  mit- 
getheilten  neuseeländischen  mythe,  dafs  Tango -tango,  als 
sie  von  dem  gatten  beleidigt  zum  himmel  auffliegt,  „eine 
minute  innehielt,  mit  einem  fufse  ruhend  auf  der  geschnitz- 
ten figur  am  ende  der  firststange  des  hauses  über  der 
thür^,  und  von  da  Tawbaki  noch  einmal  anredet.  Auch 
io  dem  oben  angeführten-  märchen  der  Tausendundeinenacht, 
„  Dschamasb    und    die    königin    der  schlangen  ^    setzt  sich 

Zeitochr.  f.  vgl.  sprachf.  XVIII.  1.  5 


66  Rödiger 

Dschanschah's  gemahlin,  nachdem  sie  das  taubeohemd 
wiedererlangt,  auf  die  spitze  des  daches  und  redet  von  da 
Dschanschah  noch  einmal  an.  In  der  Völundarkvida  28,  3 
endlich,  welche,  wie  bekannt,  gleichfalls  in  den  kreis  der 
schwanensagen  gehört,  ist  es  zwar  nicht  die  dem  Völundr 
entfliegende  AWitr,  aber  doch  er  selbst,  der  später  nach 
Bödvildr's  Schwächung  sich  lachend  in  die  luft  erhebt  und 
dann  auf  des  saales  sims  sitzend  mit  Nidudr  spricht.  — 
Liegt  nun  in  dieser  vierfachen  fast  wörtlichen  Übereinstim- 
mung ein  überlieferter  Zusammenhang  vor  oder  blos  das 
natürliche  ergebnifs  einer  bestimmten  Situation?  Ich  meine 
das  erstere. 

Lüttich.  Felix  Liebrecht. 


De    coinpositis  Graecis    quae   a   verbis   incipiant.     Diss.   inaug.     Scripsifi 
Vil.  Clemm.     Gissae   1867.     173  8.    8. 

An  eine  ausführliche  behandlung  einer  reihe  von  Wort- 
bildungen, die  ZU  den  verschiedensten  erklärungeu  heraus- 
gefordert haben,  trat  ich  mit  um  so  gröfserem  interesse 
heran,  als  ich  mich  speciell  mit  griech.  compositis  beschäf- 
tigt und  also  auch  die  in  frage  stehende  art  einer,  wenn 
auch  nicht  abschlieisenden,  betrachtung  unterzogen  hatte. 
Freilich  mufste  ich  bemerken,  dafs  meine  ansichten  weder 
in  der  hauptsache  noch  auch  sonst  in  vielen  punkten  mit 
denen  des  herrn  Cl.  zusammentreffen. 

Unsre  meinungsverschiedenheit  beginnt  bei  den  ein- 
gangsworten  der  vorliegenden  habilitationsschrifl.  Denn 
wenn  es  hier  heifst:  „Compositorum  Graecc.  quae  sit  pro- 
pria  vis  ac  natura,  quae  origo  et  quanta  utilitas  tam  saepe 
tamque  accurate  expositum  est^  u.  s.  w.,  so  behaupte  ich, 
dafs,  so  übergenug  die  „utilitas"  beleuchtet  ist,  so  wenig 
erschöpfendes  und  überzeugendes  über  die  „propria  vis  oc 
natura"  der  composita  und  ihre  ^ origo",  die  jener  erst 
sicheren  inhalt  gibt,  gesagt  worden  ist.  Das  sprechendste 
zeugnifs  f&r  die  noch  herrschende  Unklarheit  und  die  un- 


anzeigen.  q'j 

▼ollständige  lösung  des  problems  ist  das  bei  J.  Grimm  und 
auch  noch  bei  Justi  (zusammensetz.  d.  nomm.  i.  d.  idg.  spr.) 
besonders  stark  hervortretende  streben,  das  unverstandene 
etwas  in  den  compositis  auf  den  deus  ex  machiua  „com- 
positionsvocal **  zurückzuführen,  der  für  die  verbundenen 
gliedcr  erst  die  rechte  befruchtung  der  bedeutung  herbei- 
führen soll.  Sie  können  anders  nicht  den  oft  auftretenden 
bedeutungsüberschufs  des  ganzen  gegen  die  theile  in  ihrer 
einfachen  addition  begreifen  und  glauben  diesem  plus  eine 
materielle  grundläge  geben  zu  müssen,  während  es -in  Wahr- 
heit nur  das  ideelle  produkt,  der  ertrag  der  geschichtlichen 
entwickelung  und  fleifsigen  Verwendung  dieser  wortbildungs- 
form,  solcher  glieder  in  solcher  Verknüpfung,  ist.  Aller- 
dings tritt  diese  zunähme  des  inhalts  gegen  das,  was  die 
aufsere  form  bietet,  bei  den  von  herrn  Cl.  behandelten 
compp.  weniger  deutlich  hervor;  um  so  unausweichlicher 
zwingen  sie  zu  sagen,  wie  man  über  die  entstehung  der 
ganzen  Wortklasse  denkt. 

Der  unbekannte  recensent  im  litt,  centralblatt  vom 
22.  febr.  1868  hofil,  es  werde,  wer  der  Untersuchung  des 
herrn  Cl.  folge,  mit  dem  gesammtergebnifs  derselben  ein* 
verstanden  sein,  nämlich  dafs  diese  gattung  von  Zusammen- 
setzungen ungeformte  verbal-  oder  tempusstämme  enthalte. 
Diese  hoffnung  triffi;,  was  mich  angeht,  nicht  zu  und  ich 
denke,  ivh  werde  damit  auch  nicht  allein  stehen.  Wenn 
es  wirklich  das  richtige  wäre,  dafs,  wie  herr  Cl.  will,  in 
regmxeoavvog^  TteiiHrcuQog ,  öaxkO^vftog  etc.  reine  verbal- 
stamme (verstärkte  und  unverstärkte),  in  aqainovg^  ilxsai- 
7i€7iXog  etc.  aoriststämme  (mit  ausgestofsenem  oder  erhalte- 
nem stammvocal  des  fortbildenden  verb.  subst.)  ursprüng- 
lich anzunehmen  seien,  die  willkürlich  durch  einen  wer 
weifs  woher  geholten  binde vocal  i,  e^  o  mit  den  folgenden 
gliedern  verbunden  worden,  ja  dann  hätten  alle  forscher 
vergeblich  Schweifs  und  mühe  verschwendet,  die  geglaubt 
haben  in  den  ersten  gliedern  dieser  composita  durchaus 
lebendige  glieder  des  Satzes  erkennen  zu  müssen  und  nicht 
todte  Corpora.  Etwas  anderes  aber  als  todte  corpora,  die 
nie  im   leben   der  spräche   haben   eine  selbstständige  rolle 


68  Rödiger 

spielen  köDoen,  sind  diese  sogeuanoten  verbalstämme  nicht, 
denn  sie  sind  nur  abstractionen ;  abstractionen  allerdings, 
die  sowohl  fQr  das  wissenschaftliche  denken  existiren,  als 
in  gewisser  weise  auch  filr  das  allgemeine  sprachliche  be- 
wulstsein,  insofern  es  sich  den  durch  die  verschiedensten 
lebendigen  verbalformen  constanten  lautlichen  gruudstock 
bis  zu  einem  gewissen  grade  verselbstständigt.  Als  ftlr 
sich  selbststäodige  faktoren  in  der  Sprachbildung  darf  sie 
meiner  ansieht  nach  nur  verwenden,  wer  die  entstehung 
z.  b.  der  composita  so  vor  sich  gegangen  denkt,  dais  es 
dem  menschen  einmal  eingefallen  composita  zu  bilden  und 
da  habe  er  unter  andern  auch  verbalstämme  hergenommen 
und  sie  mit  nominalst&mmen  verknöpft*).  Hier  wäre  das 
belebende  princip  ein  menschlicher  „compositor^  (p.  166); 
hält  man  einen  solchen  fbr  ein  unding  und  glaubt,  dafs  in 
den  sprachlichen  formen  selbst  das  lebendige  princip  ge- 
legen haben  mufs,  welches  sie  zur  eingehung  von  Verbin- 
dungen befähigte  und  veranlafste,  so  dürfen  in  unserer  an  - 
schauungsweise  von  ursprünglicher  Sprachbildung  keine 
dergleichen  formlose  Stoffmassen  vorkommen,  die  bewufster 
göttlicher  oder  menschlicher  hülfe  zu  ihrer  fortentwickeluug 
bedurft  hätten. 

Dies  wird  hoffentlich  niemand  so  verstehen,  als  wollte 
ich  damit  sagen,  es  seien  später  diese  bildungen  durch  das 
bewufstsein  noch  viel  anders  erfafst,  als  in  der  form  von 
Verbalstämmen  unbestimmter  gestaltung.  Im  gegentheil 
dies  ist  so  gewifs,  als  es  uns  gerade  deshalb  so  schwer 
wird,  uns  zu  dem  eigentlichen  Ursprung  der  bildungen  zu- 
rückzufinden.    Nur  um  diesen  handelt  es  sich  hier. 

Sehr  mit  recht  widmet  der  verf.  ein  besonderes  capi- 
tel  des  ersten  abschnittes  seiner  arbeit,  der  „de  formatione^ 
überschrieben  ist,  während  der  zweite  den  titel  „de  signi- 
ficatione^  trägt,  dem  compositionsvocal  (p.  124 — 136);  denn 
hier  liegt  die  achillesfersc  seiner  theorie  einer  prüfung  von 
formaler    seite  gegenüber.     Die  reinen   verbalstämme  sind 


*)  Herr  Cl.  hat  60gar  compp.  aus  zwei  reinen  verbalstäromen  p.  151   ii. 
a.  a.  0. 


anzeigen.  69 

von  dieser  seile  vermöge  ihrer  nicht  bestimmbaren  gestal- 
tung  fast  sturmfrei,  aber  gibt  es  keinen  bindevocal  der 
„  extrinsecus  ^  und  in  beliebiger  form  als  a,  17.  o,  €,  i  von 
der  spräche  aufgenommen  werden  konnte*),  so  steht  der 
ganze  mühsame  bau  in  der  luft.  Wenigstens  verstehe  ich 
nicht,  wie  nicht  mit  dem  bindevocal  herrn  Ci.'s  ansieht 
steht  und  fällt,  und  deshalb  auch  nicht,  wie  der  genannte 
recensent  nach  anerkennung  des  gesammtresultats  fortfahren 
kann :  „einzelnes  bleibe  allerdings  disputabel  z.  b.  die  frage 
Ober  den  bindevocal^.  Bei  dieser  Sachlage  wird  man  sich 
billigerweise  wundern,  wenn  herr  CL  das  in  rede  stehende 
capitel,  auf  das  auch  im  voraufgehenden  öfters  hingewiesen 
wird,  mit  dem  satze  beginnt:  „Ac  de  natura  quidem  eins 
vocalis,  quae  in  commissura  vocabulorum  conspicitur,  du- 
bitari  iam  nequit,  siquidem  probabiliter  disputata  sunt,  quae 
praecedunt^.  Wennn  nun  aber  das  voraufgehende  immer 
unter  der  stillschweigenden  Voraussetzung  der  Wirklichkeit 
eines  bindevocals,  wie  ihn  sich  der  verf.  vorstellt,  abge- 
handelt ist,  was  dann?  haben  wir  dann  nicht  eine  offenbare 
petitio  principii?  Auch  kann  ich  mich  nicht  überwinden 
einzusehen,  dafs  im  folgenden  irgend  etwas  neues  oder 
schlagendes  fbr  den  bindevocal  beigebracht  wäre;  im  ge- 
gentheil  gibt  sich  herr  Cl.  eine  bedauerliche  blöfse,  wenn 
er  p.  126  adn.  206  sich  auf  die  goth.  manaseps,  vigadei- 
nora,  dauravards  beruft,  als  Zeugnisse  daflkr,  dafs  „praeci- 
pue  in  lingua  Gothica  de  vocali  compositiva  dubitari  non 
polest^.  Wo  er  sich  Ober  die  stammhaftigkeit  des  pseudo- 
bindevocals  hätte  unterrichten  können,  ist  wohl  nicht  nöthig 
anzugeben. 

Meiner  auffassung  des  bindevocals  als  eines  rein  pa- 
rasitischen anwuchses  an  consonantische  stamme  gegenüber, 
sowie  der  beschränkung  desselben  auf  o  und  eines  nach  a 
erscheinenden  t  macht  herr  Cl.  neben  der  unhaltbarkeit 
einiger  erklärungsversuche  von  mir  besonders  geltend,  dafs 


*)  Sogar  nach  vocal.  auslaat  nimmt  ihn  herr  Cl.  an  in  i  aXo^C^'Htiov 
etc.  p.  129  (cf.  I  aXaff i(f{i(üi')\  aach  spricht  er,  trotzdem  er  sich  einmal  ge- 
gen Grimms  auffassung  verwahrt,  bei  yXardQoqt  T^iaarw^  und  ähnlichen 
stets  von  weglassnng  des  bindevocals. 


70  R6diger 

ich  bei  genauerer  berQcksicbtigung  der  in  rede  stehenden 
composita  unübersteigliche  hindemisse  fbr  meine  ansieht 
gefunden  haben  würde.  Ich  habe  aber  die  „  compp.  asig- 
mata^,  wie  herr  Cl.  kurz  die  vBQm-xigavpog,  agx^-&i<oQog 
etc.  benennt,  sowie  die  „signiatica^  (Hxeoi-nsTilog,  rgva* 
'dvoüQ  etc.)  mit  absieht  bei  seite  gelassen,  weil  jene  bei 
ihrer  schwankenden  erklärnng  nicht  in  betracht  kamen, 
diese  aber  mir  schon  damals  als  bildungen  mit  nomm.  ag. 
und  nomm.  act.  (z.  b.  (payfjainotna)  auf  <ri  (ri)  erschienen. 
Wie  ich  nachher  gesehen  kommt  die  priorität  dieser  ansieht 
L.  Meyer  zu  (vergl.  gramm.  II  p.  328).  Derselbe  vergleicht 
neben  griech.  ßogßogoTtxQa^ig  „schlammumrfihrer^,  ved. 
&97amidti  (c£  giviäti,  göääti).  Vor  allen  aber  sind  hier  zu 
berücksichtigen  die  auch  von  Justi  herbeigezogenen,  aber 
durch  bindevocal  i  erklärten  dätivgra,  rantideva  (wenn  ihre 
Übersetzung  „Alle  gebend"  und  „götter  erfreuend*  richtig  . 
ist),  dann  aber  auch  griech.  beispiele  in  denen  r  für  <t  er- 
halten scheint:  ßtari-dveiga  „männer  nährend"  II.  1,  155; 
'Ogrlkoxog^  eine  lesart  für  'O^aLloxog  (nom.  pr.  eines  Mes- 
seniers,  II.  5,  541.  Od.  3,  488.  21,6),  die  durch  Paus., 
Strab.  und  Hesych.  bestätigt  wird;  Kaaridveiga^  n.  pr. 
(et  Kaaaänsia,  Kdaaavdga)^  „männer  übertreffend";  viel- 
leicht xElevördvbig  (c£  rgvadvwg^  &gBilj/jv.og)  neben  xB?^av^ 
audo)  (cf  drjgtdouat  :  örjgtg,  fijjTidco  :  iiijr/g),  obgleich  hier 
xeXevCTijg  einem  zu  postulirenden  xilevorig  conourrenz  macht; 
endlich  y^vri-eg^ag  Theoer.  X,  42  würde  sich  der  form 
nach  prächtig  hier  einfligen,  wenn  sich  eine  Übersetzung 
wie  »regen  lösend"  (oder  „schweifs  lösend"?)  irgend  recht- 
fertigen liefse.  Gegen  eine  auffassung  der  ersten  glieder 
dieser  composita  als  participia  mit  bindevocal  t  liefsen 
sich  wohl  auch  dxscfcfi-  (novog  etc.)  =  axBari-,  rfiAcerc/- 
(yauog  etc.)  =  tbIbüti-  und  die  analogen  bildungen  geltend 
machen. 

Was  nun  das  einzelne  anlangt,  so  kann  man  über 
mängel  in  der  latinität  wie  über  den  declinationsscbnitzer 
in  adn.  83,  über  „maioris  momenti  est  quam  videri  potest" 
(p.  87),  „de  assimilatione  hie  sermo  esse  nequit"  (p.  132)  und 
vieles  der  art  hinwegseben,    aber   eine  argumentation ,  die 


anzeigen.  71 

fortwährend  mit  den  ouüaösen  „multo  simpiicius,  verisimi- 
lias  est,  quis  crediderit,  vix  poteris  ab  iilis  segregare,  nemo 
negabit^  u.  dergl.  operirt,  ist  unerträglich.  Was  gilt  denn 
eine  solche  beweisführung  und  doch  was  läfst  sich  gegen 
diese  unbehagliche  art  und  weise  der  argumentation  geltend 
machen?  Trugschlüsse  laufen  auch  mit  unter  z.  b.  p.  70 
Qber  skr.  bani^  (cf.  p.  19);  im  übrigen  lese  man  p.  5.  10. 
11.  15  ob.  u.  s.  w.,  dann  die  polemik  gegen  Bopp,  Pott, 
L.  Meyer  etc. 

Höchst  verdienstlich  ist  immer,  wo  sie  auch  auftritt, 
die  Zusammenstellung  des  vollständigen  materiais  zur  ent- 
Scheidung  einer  wissenschaftlichen  frage.  Doch  habe  ich 
herrn  Cl.'s  enumeratio  exemplorum,  obgleich  er  p.  3  ver- 
sichert ^omnia  quae  exstant  in  litteris  Graecis  exempla 
quam  potui  diligentissime  coliegi^,  aus  einer  von  mir  früher 
gemachten  Sammlung  noch  durch  40  und  mehr  beispiele, 
die  von  ihm  übersehen  sind,  ergänzen  können,  noch  ohne 
berücksichtigung  der  nomm.  propr.  Die  beispiele  gehören 
auch  keineswegs  nur  der  späteren  zeit  an  und  wenn  dies 
so  sind  sie  doch  zum  theii  sehr  lehrreich,  wie  ccQcjyovav- 
Ttjg  Phil.  Thess.  „Schiffern  helfend"  {dgi^ywl).  Abgesehen 
davon  und  von  dem  obigen  „omnia  collegi"  hat  der  verf. 
um  so  weniger  eine  entschuldigung  für  Vernachlässigung 
auch  der  spätesten  beispiele  als  ihn  sein  eifer  f&r  verbal- 
composita  zur  aufnähme  von  entschieden  nicht  hierher  ge- 
hörigen beispielen  hinreifst.  Aus  vielen  nenne  ich  hier: 
Mai-fidx^i^  (cf.  ^iaiim(S(Süii^  MaificcxTi]^)^  ' ETiapivvodoroq  (zwei 
verbalstämme?),  yfeiTto^acg  (scythisch  s.  MoUenhofF  mo- 
natsb.  d.  berl.  acad.  aug.  66),  Evd&^innog  Theoer.  2,  77, 
amfowv  (1),  rvijaiTiTiog  (nicht  yvtjffiog?).  Damit  nicht  ge- 
nug nimmt  er  sogar  worte  auf,  die  er  geständigermafsen 
selbst  nicht  versteht,  nämlich:  llr^vi-Xiivg  (p.  9),  wozu  er 
nach  abweisung  der  herleitung  von  wz.  mv  bemerkt  „Non 
liquet**,  und  Kdv-öwXog  (p.  13),  dessen  ersten  theil,  wie 
vielleicht  auch  in  Kiv-ravqog^  die  wurzel  von  xaivw  (s=b 
XTsiviv)  ausmachen  soll;  über  die  species  des  wunderbaren 
Wesens  y^Swlog^  verlautet  nichts.  Soll  man  nicht  zunächst 
an  (fsid-cDlog,  äfjiaQT'aakög  denken  und  Kavd-  wie  in  Kdv- 


72  RSdiger 

üakog  (Pott  in  d.  zeitschr.  VI,  103)  zu  s^r.  kand,  lat.  can- 
deo  Candidas  etc.  ziehen?  Was  fdr  ein  yerbalstamm  in 
dem  ersten  theil  von  oiX-ovQog  (name  eines  fisches)  steckt, 
weifs  herr  CL,  wenn  er  nicht  etwa  die  landläufige  ver- 
knOpfung  mit  atioj  für  möglich  h&lt,  wohl  auch  nicht  zu 
sagen  (vergl.  ävdaiX{X)og  ,,mit  aufgesträubtem  haar^). 

Ob  man  das  verfahren  in  den  letzten  fallen  noch  als 
i^nimia  diligentia^  entschuldigen  kann,  will  ich  nicht  ent- 
scheiden, jedenfalls  ist  mit  einem  „diligentissime^,  das  sich 
herr  Gl.  oben  vindicirt,  nicht  vereinbar  die  erschrek- 
kende  menge  von  druckfehlem  (trotz  eines,  allerdim^s  ma- 
geren, druckfehler Verzeichnisses)  und  nachlässigkeiten ,  die 
geradezu  die  nutzung  der  Sammlung  nur  mit  der  gröfsten 
vorsieht  gestatten.  Bei  einem  (fayoyrjgvg  (für  -y}]Qog)j  kget- 
'ifßirgixog  (för  -toi;^©^;),  auch  avaxa^ixfjinovoq  (für  -nvooq) 
u.  dergl.  stöfst  man  wohl  noch  an ,  aber  was  soll  man  sa- 
gen, wenn  herr  Gl.  drucken  läfst:  xgatri<sifttog  (fllr  -ftiag); 
Oßiaonvyog  (fQr  »nvyig);  akB^dgtjg  und  aU^tdgfjg  (p.  7.  9) 
während  bei  Hesiod  nur  ale^agt]  vorkommt;  ^iskn'TJpvog^  wohl 
fKkr  fiBlTiTJTcog^  das  ich  allein  in  St.  Thcs.  finde  (ist  dies 
durch  den  setzer  hierher  gekommen?);  uiaoy6vf]g,  sc?MV(Si'' 
uox^og\  dia'AafAxfjoövvog  wohl  fiir  ^idoyorig,  x?^avaijaaxog^ 
daxTv?^oxafi\ffüö vvog^  welche  bei  herrn  Gl.  fehlen,  während 
jene  in  St.  Thes.  nicht  zu  finden  sind  u.  s.  w.  Anderer 
art  und  doch  auch  nicht  einzig  in  seiner  art  (cf.  p.  57) 
ist,  was  ihm  p.  50  passirt;  hier  soll  Dflntzer  xgarrjamnog 
übersetzt  haben  mit  „zur  besiegung  den  fufs  habend^. 

Ich  wollte,  ich  könnte  nach  dieser  reihe  von  ausstel- 
lungen  (und  ich  habe  nur  eine  auslese  von  fehlem  gegeben) 
endlich  anfangen  zu  loben,  aber  wenn  ich  sage,  dafs  mir 
die  herleitung  des  nom.  pr.  IIooinBtsilaog  aus  flgcjT^BatXaog 
von  ngoDrevü)  ganz  wohl  gefällt,  so  mufs  ich  zugleich  daran 
denken,  dafs  herr  Gl.  in  adn.  77,  wo  diese  erklärung  vor- 
getragen wird,  zweifeln  kann,  ob  er  dg^svoa  auf  dgxog 
(Gl.  schreibt  äoyog)  oder  agycoif  zunächst  zurQckf&hren 
soll,  wie  ijyBjiiovsvuj  auf  i}YBfA(av, 

Soll  ich  die  erklärung  der  nominal-  und  verbalformen, 
in  denen  scheinbar  eingeschobenes   a  auftritt  (p.  99.  112) 


anzeigen.  73 

z.  b.  36ia  (Misteli  in  d.  zeitschr.  XVII  p.  174  :=  Soxria)^ 
xauipog,  x6lBV(rfia,  SitSjut^,  ilxvCTtjo  etc.,  loben,  nach  der 
alle  diese  formen  ableitungen  von  aoriststämmen  wäre?  Noch 
dazu,  wenn  darunter  auch  riksGua,  veiXBfftrjQ^  axtarrig  etc. 
begriffen  werden  sollen,  in  denen  die  anderweitige  abkunft 
des  ö  so  sonnenklar  zu  tage  liegt? 

Oder  wird  jemand  mit  herrn  Gl.  einverstanden  sein 
können,  wenn  er  p.  68  „Justium  praeda  spoliat,  qua  in- 
struetnm  sese  ad  Graeca  composita  pervenire  dicit^  und 
mit  Übertragung  seiner  theorie  auch  auf  das  gebiet  des 
Sanskrits  uns  annehmbar  zu  machen  sucht,  dafs  in  vidäd- 
•vasu,  bhar4d-vä^a  nicht  participialbildungen,  sondern  durch 
t  verstärkte  wurzeln  die  erste  stelle  einnähmen? 

Je  weniger  schon  nach  dem  äufseren  umfange  des 
bnches  zu  läugnen  ist,  dafs  hier  trotz  alledem  ein  tüchtig 
stück  arbeit  und  fieifs  verwendet  ist,  um  so  mehr  thut  es 
mir  leid  die  arbeit  als  so  wenig  gelungen  und  empfehlens- 
werth  bezeichnen  zu  müssen.  Glaubt  jemand  an  die  ge- 
gebenen proben  anderen  mafsstab  anlegen  zu  müssen  und 
trotz  meiner  ansieht  günstiger  urtheilen  zu  können,  so  soll 
es  mir  lieb  sein. 

Rieh.  Rödiger. 


Wörterbuch  der  indogermanischen  grundsprache  in  ihrem  be- 
stände vor  der  volkertrennung.  Ein  sprachgeschichtlicher  versuch  von 
F.  C.  August  Fick,  Oberlehrer  am  g3rmnasiQm  zu  Göttingen.  Mit 
einem  Vorwort  von  prof.  dr.  Theod.  Benfey.  Göttingen,  Yandenhoeck 
und  Knprecht  1868. 

Der  verf.  des  vorliegenden  werkes  construiert  verbal- 
nnd  pronominalwurzeln ,  einfache  und  zusammengesetzte 
Wörter  der  indogerm.  grundsprache.  Ueber  seine  construc- 
tionsmethode  spricht  er  sich  nirgends  im  zusammenhange 
aus.  Die  einzige  derartige  bemerkung,  die  ich  geiiinden 
habe,  ist  in  sich  widersprechend.  Unter  tan,  tä  =  stan, 
stä  verbergen,  stehlen  heifst  es  nämlich:  „Nur  das  sanskrit 
hat  den  volleren  anlaut  st  bewahrt,  da  aber  alle  anderen 


74  Delbrück 

sprachen  im  anlaut  t  zusammenstimmen,  ist  das  verb  hier 
unter  t  gesetzt^.  Wenn  das  sanskrit  den  anlaut  st  ^be- 
wahrt'' hat,  so  stammt  er  doch  aus  der  zeit  vor  der  sprach- 
trennung,  und  mu&te  in  einem  Wörterbuch  der  indogerm. 
Sprache,  wie  sie  vor  der  sprachtrennang  war,  seine  stelle 
finden. 

unter  diesen  umständen  ist  es  nöthig,  in  aller  kfirze 
die  methodischen  grundsfttze  f&r  aufstellung  indogerm.  for- 
men zu  erörtern. 

Eine  form  kann  als  indogermanisch  beglaubigt  werden 
entweder  durch  äufsere  (historische)  oder  durch  innere 
(grammatische)  grfinde.  Sprechen  wir  zunächst  von  den 
historischen. 

Unter  indogerm.  grundsprache  verstehen  wir  die  sprä- 
che, welche  unmittelbar  vor  der  Völkertrennung  gesprochen 
wurde.  Noch  weiter  zurück  liegende  perioden  dieser  spräche 
gehen    uns  hier  nichts  an.     Dagegen  interessirt    uns  ihre 
Spaltung    in    die  einzelsprachen.     Leider  aber   wissen  wir 
über  die  Chronologie   dieser  Spaltungen  wenig.     Wir  kön- 
nen wol  einzelne  der  indogerm.  sprachen  als  besonders  nah 
verwandt  bezeichnen.     So  ist  das  sanskrit  mit  dem  zend 
näher  als  jeder   anderen  indogerm.  spräche  verwandt  und 
bildet  mit  ihm  (um  vom  altpersischen  etc.  abzusehen)  die 
arische   gruppe.     Slavisch- litauisch    und    deutseh    bilden 
die    slavodeutsche   gruppe.     ,Von    einer    gräcoitali- 
schen  sprachperiode  ist  man  zunächst  gezwungen  zu  schwei- 
gen,  weil  ihr  die  hypothese  von  einer  näheren  Verwandt- 
schaft des  griechischen   mit  der  arischen  gruppe  gleichbe- 
rechtigt gegenübersteht.    Auch  scheint  die  annähme  einer 
speciellen  Verwandtschaft  des  italischen  und  keltischen  man- 
ches für  sich  zu  haben.     Wenn  ich  nicht  irre,   so  einigen 
sich  eine  grofse  anzahl  jetziger  forscher  in  der  anschauung, 
dafs  die  idg.  grundsprache  sich   zunächst  in  zwei   grofse 
abtheilungen,    die  asiatische  und  die  europäische  spaltete, 
dafs    aber    das  griechische   zwischen  den   beiden  gruppen 
die  brücke  bildet.     Alle  diese   Voraussetzungen  aber  sind 
weit  davon  entfernt,  sicher  zu  sein.     Bis  sie,  oder  andere, 
sicher  gestellt  sind^  mufs  man  folgendes  festhalten:  In  der 


anzeigen.  75 

ganzen  zeit  von  der  ersten  trennung  an  bis  zur  histori- 
schen zeit  können  neue  Wörter  und  formen  entstanden  sein, 
die  alle  älter  sein  können,  als  die  einzelspracben  und  alle 
jQnger  als  die  eine  grundsprache.  Wir  müssen  also  vor- 
derhand bis  zu  besserer  erkeontnis  des  indogermanischen 
Stammbaumes  jede  einzelsprache  als  gleich  nothwendig  zur 
constraction  einer  indogerm.  form  erklären,  jedoch  mit  der 
einschränkung,  dafs  die  entschieden  zu  einer  gruppe  gehö- 
rigen fbr  einander  und  die  dialecte  f&r  die  hauptsprachen 
eintreten  können. 

Mifst  man  die  aufstellungen  des  yorliegenden  buches 
an  diesem  historischen  maafstab,  so  ergiebt  sich,  dal's  wenige 
der  hier  aufgestellten  formen  als  indogermanisch  gelten 
können.  Fehlt  doch  das  keltische  fast  durchgängig.  Und 
:iuch  wenn  man  das  keltische  als  dem  italischen  am  näch- 
sten verwandt  und  also  durch  dieses  vertreten  betrachten 
wollte,  wQrde  immer  noch  für  eine  grofse  anzahl  von  for- 
men die  historische  beglaubigung  zu  gering  sein.  Speciell 
müssen  wir  uns  dagegen  erklären,  aus  griechisch -arischen 
parallelen  indogerm.  formen  zu  erschliefseut  Denn  wer  sagt 
uns,  ob  sie  nicht  einer  gräco- arischen  epoche  angehören, 
und  also  beiläufig  ein  paar  tausend  jähre  jünger  sind,  als 
die  wirklich  indogermanische  periode? 

Indessen  der  mangel  der  äufseren  beglaubigung  wird 
vielleicht  aufgehoben  durch  die  um  so  gröfsere  kraft  der 
inneren.  Gesetzt,  eine  form  —  vielleicht  eine  verbalform  — 
wäre  nur  erschlossen  aus  zwei  sprachen,  sie  wäre  aber  in 
ihrer  Zusammensetzung  so  durchsichtig,  in  allen  ihren  notb- 
wendigen  bestandtheilen  so  vollzählig,  in  der  gestalt  und 
bildung  dieser  bestandtheile  so  ursprünglich,  dafs  ein  ken- 
ner  der  indogerm.  sprachen  behaupten  müfste:  „so  und 
nicht  anders  hat  diese  form  gelautet,  seit  unsere  spräche 
eine  flectierende  war^  —  wäre  dieser  innere  adel  dem  histo- 
rischen nicht  gleich  wiegend?  Es  ist  gewifs,  dafs  mit  der 
weiter  fortschreitenden  entwickelung  unserer  Wissenschaft 
auch  diese  metbode  mehr  zur  anwendung  gelangen  wird.  Vor 
der  band  aber  bemerken  wir :  noch  sind  wir  nicht  durchweg 
einig,    welches  die  nothwendigen  bestandtheile  einer  form 


76  Delbrück 

Sind  (vgl.  inediiim),  noch  wird  gestritten,  welches  die  ur- 
sprüngliche gestalt  der  soffixe  war,  noch  ist  der  ausdruck 
ursprüDgiichkeit  ein  vager.  Das  aber  wissen  wir,  dafs  die 
indogerm.  grundsprache,  wie  sie  kurz  vor  der  völkertren- 
nung  gesprochen  wurde,  schon  jämmerlich  ,, verstümmelt^ 
war  im  vergleich  zu  der  spräche  jener  ersten  zeiten,  da 
es  nichts  gab,  denn  eitel  wurzeln,  dafs  ihr  also  durchaus 
nicht  lauter  unverstümmelte  formen  zukommen. 

Weil  aus  diesen  gründen  die  grammatische  methode 
noch  nicht  überall  sicher  anzuwenden  ist,  kann  sie  uns  vor 
der  band  die  lücken  der  historischen  nur  selten  ausfüllen . 

Weitere  methodische  bemerkungen  schliefsen  wir  am 
besten  an  die  betrachtung  einiger  einzelnheiten. 

Von  den  30  compositcn,  die  herr  F.  der  Ursprache 
zuschreibt,  sind  20  aus  griechisch  -  arischen  parallelen  er- 
schlossen y  nämlich  aktäpad  agaru  anudra  apakiti  apad 
apadhvasta  amartja  aroatra  amuka  aväta  asvapna  tripad 
triparl  dampatan  padäga  paruti  prativaika  satjakravas 
samapatar  dusmanas.  Dafs  diese  sämmtlich  nicht  als  in- 
dogermanisch angesehen  werden  können,  folgt  aus  dem 
oben  gesagten.  Nebenbei  sei  bemerkt,  dafs  sie  auch  einer 
etwaigen  gräco- arischen  epoche  nicht  zugeschrieben  wer- 
den dürfen.  Eine  Übereinstimmung  wie  prative^a  und  Tigog- 
oixog^  aus  welcher  ein  indogerm.  prativaika  erschlossen 
wird,  ist  denn  doch  sicher  rein  zufällig.  Nur  wenn  die 
lautgestaltung  des  wertes  derart  ist,  dafs  eine  bildung  in 
der  periode  der  einzelsprachen  unmöglich  oder  unwahr- 
scheinlich ist,  kann  man  auf  uralte  composition  schliefsen. 
Diese  bedingung  wird  unter  den  hier  genannten  compositis 
—  wie  längst  bekannt  ist  —  nur  von  paruti  neben  ntQvri 
erfüllt.  Gegen  die  parallelisirung  mancher  Wörter  (unter 
agaru  padäga  dampatan)  lassen  sich  überdies  etymologi- 
sche bedenken  geltend  machen.  Von  den  übrigen  10  com- 
positen  sind  3  aus  der  Übereinstimmung  des  sanskrit  und 
lateinischen  erschlossen,  nämlich  anäpta  aus  anäpta  und 
ineptus,  trajasdakan  aus  trajödapan  und  tredecim,  nauaga 
aus  nävä^a  und  navigium.  Sie  können  aber  natürlich  ebenso 
gut  in  der  zeit  der  einzelsprachen  entstanden  sein  und  be- 


anzeigen.  77 

weisen  also  nichts.  Aus  sanskrit,  griechisch  und  lateinisch 
sind  erschlossen  agn&ta  unbekannt,  tridant  drei  zähnig,  pan- 
käkanta  fünfzig  (amarta  unsterblich).  Aus  dem  arischen 
and  litauischen  ist  erschlossen  vikpati.  Eine  gröfsere  an- 
zahl  von  sprachen  ist  zugezogen  bei  den  Zahlwörtern  tri- 
dakanta  dvädakan,  über  welche  wie  über  paukäkauta  man 
vgl.  Ebel  beitr.  I,  433.  Auch  bei  ihnen  ist  die  indogerm. 
form  nicht  sicher  zu  construieren.  Auch  gegen*  die  meisten 
der  einfachen  Wörter  mOfsten  wir  einspräche  erheben. 

Doch  wir  verlassen  die  negative,  um  nicht  den  schein 
einer  Unterschätzung  des  Fickschen  Werkes  zu  erregen. 
Erklären  wir  nämlich  auch  die  meisten  seiner  indogerm. 
formen  f&r  nebelhafte  existenzen,  so  sind  doch  die  unter 
jeder  sogenannten  indogerm.  form  sich  findenden  etymolo- 
gischen Zusammenstellungen  von  grolsem  werthe.  Der  herr 
verf.  zeigt  in  ihnen  ebenso  viel  geist  als  gelehrsamkeit  und 
hat  durch  sie  die  etymologische  Wissenschaft  nicht  uner- 
heblich gefördert.  Da  herr  F.  die  quellen,  denen  er  seine 
Zusammenstellungen  entnommen  hat,  nicht  angiebt,  so  is- 
es,  selbst  wenn  man  ober  alles  linguistische  material  get 
bietet,  nicht  möglich,  überall  zu  entscheiden,  wo  wir  eigene 
combinationen  des  verf.  vor  uns  haben.  Denn  es  ist  im« 
merhin  möglich^  dafs  er  bisweilen  etymologieen  selbständig 
gemacht  hat,  ohne  zu  wissen,  dafs  andere  schon  denselben 
gedanken  gehabt  haben.  Am  meisten  scheinen  Benfey's 
arbeiten  benutzt  worden  zu  sein.  Dagegen  hätten  die  in 
dieser  Zeitschrift  niedergelegten  forschungen  wohl  etwas 
reichlicher  ausgebeutet  werden  müssen.  Wer  z.  b.  die  be- 
handlung  der  aspiraten  bei  F.  prüft,  wird  sehen,  dafs  er 
hier  in  manchen  punkten  inconsequent  verfahrt,  ^  was  er 
nicht  gethan  hätte,  wenn  er  die  classische  arbeit  Grafs- 
manns  im  12ten  bände  d.  Zeitschrift  überall  benutzt  hätte. 
Er  hätte  dann  sicher  nicht  budhna  oder  bhudhna,  sondern 
nur  das  letztere  geschrieben,  ebenso  wenig  digh,  sondern 
dhigh,  auch  nicht  gardh  sondern  ghardh  und  wahrschein- 
lich auch  nicht  bhug,  sondern  bhugh.  Hat  er  doch  in 
zahlreichen  anderen  fällen  zwei  weiche  aspiraten  in  unmit- 
telbarer folge  nicht  gescheut.    Auch  in  bezug  auf  die  ags., 


78  Delbrück,  anzeigen. 

alis.  und  altn.  Spiranten  wfirde  er  unzweifelhaft  ganz  an- 
ders urtfaeilen,  wenn  er  Lottners  worte  zeitschr.  XI,  188 
berflcksicbtigt  hätte:  „Hinsichtlich  der  mediae  aus  alter 
tenuis  im  inlaut  ist  besonders  darauf  aufmerksam  zu  ma- 
chen, dafs,  da  altnord.  äT,  f  f&r  d,  b  im  inlaut  fast  regel- 
mäfsig  erscheinen,  man  sich  nicht  durch  den  so  entstehen- 
den falschen  schein  regelrechter  Verschiebung 
täuschen  lasse.  In  solchen  fallen  ist  immer  zuzusehen,  ob 
ags.  d  oder  dh  steht.  Hinsichtlich  des  f  ist  das  angel- 
sächsische aber  in  gleicher  verdammnifs,  und  mufs  hier, 
sofern  das  gotische  mangelt  und  auch  keine  altsächsische 
form  vorhanden  ist,  in  denen  bh  fQr  got.  b  steht,  f  aber 
beibehalten  wird,  das  althochdeutsche  entscheiden,  welches 
altes  f  gewöhnlich  als  f,  v,  altes  b  aber  als  b,  strengahd. 
als  p  aufweist^.  Herr  F.  hat  sich  durch  solchen  falschen 
schein  sehr  oft  täuschen  lassen.  Schlimm  ist  —  was  hier 
erwähnt  werden  mag,  da  einmal  das  altnordische  beröhrt 
ist  —  die  Zusammenstellung  von  altn.  rök  (richtiger  rökr) 
mit  kvyaiog  finster  und  ihre  zurückführung  auf  ein  indo- 
germ.  ruga.  Als  ob  altn.  5  einem  alten  u  entspräche!  Be- 
kanntlich ist  es  durch  einflufs  eines  folgenden  u  (v)  aus  a 
entstanden,  und  rök  wird  wohl  mit  altind.  rajas  und  got. 
riquis  verwandt  sein,  das  schon  im  urdeutschen  ein  u  (v) 
hinter  der  gutt.  entwickelt  haben  mufs. 

Die  lexicalischen  hQlfsmittel  sind  sehr  fleifsig  benutzt, 
so  ist  z.  b.  das  petersburger  Wörterbuch  bis  in's  einzelnste 
hinein  ausgebeutet  worden.  Nebenher  bemerke  ich,  dafs 
bherldhrat,  was  F.  s.  v.  dhran  anf&hrt,  nach  BR.  s.  v. 
bherlghnat  aus  dem  wertschätz  des  sanskrit  zu  streichen 
ist  Gegen  die  unbelegten  sanskritwörter  ist  F.  barmher- 
ziger, als  ich  fQr  recht  halte.  Dieser  gegenständ  ist  hier 
nicht  zu  erledigen,  doch  schien  es  nöthig,  die  benutzer  des 
buohes  zur  vorsieht  zu  mahnen.  Sie  wird  auch  wohl  an- 
gebracht «ein  bei  den  griechischen  Wörtern.  Denn  der 
gefährliche  Hesychius  ist  viel  benutzt.  Im  ganzen  darf 
man  sagen,  dafs  das  buch  fftr  diejenigen,  die  nicht  im 
Stande  sind,  alle  anführungen  nachzuprüfen,  nicht  geschrie- 


AndrcBcn,  miscelle.  79 

beo   ist.     Die   fachgelchrten    indefs   werdeo    es  trotz   aller 
mängel  oft  und  gewifs  dankbar  benutzen. 

Halle,  Januar  1868.  B.  Delbrück. 


Lachmann. 

„Im  vertrauten  kreise  konnte  er  sich  frohster  heiter- 
keit  überlassen  und  machte  einer  falschen  deutung  seines 
namens  dann  die  gröste  ehre^;  so  heifst  es  in  J.  Grimms 
rede  auf  Lachmann  (kl.  sehr.  I,  161).  Auch  von  anderen 
ist  daran  erinnert  worden,  dafs  dieser  name  nicht  als  Fs- 
XaCiog  zu  verstehen  sei*).  Lieber  hat  man,  auf  goth.  le- 
keis  leikeis,  ahd.  lähhi  bezogen,  einen  arzt  daraus  herstel- 
len wollen.  Allein  auch  das  schlägt  fehl.  Im  mittelhoch- 
deutschen kommt  das  entsprechende  wort  nicht  vor,  son- 
dern nur  mit  dem  n  gebildete  formen  **)\  zudem  mQste 
der  mangel  des  umlauts  auffallen  (vgl.  ahd.  kähi,  smähl, 
spähi,  zähi;  mhd.  gaehe,  smaehe,  spaehe,  zaehe).  Wie 
dfirfte  man  aber  ohne  weiteres  ins  althochdeutsche  zuröck- 
greifen?  Pott,  welcher  (personennamen  640)  den  arzt  fQr 
möglich  hält,  vergleicht  daneben  Anlach,  Lachner,  doch 
nur  obenhin.  Unterdessen  darf  hier  die  einzig  wahre  quelle 
erwartet  werden,  und  allerseits  bietet  sich  Unterstützung 
im  überflufs  dar.  Lache  bedeutet  nicht  blofs  was  wir 
heute  unter  pfütze***)  zu  verstehen  pflegen,  sondern  über- 
haupt stehendes  wasser,  auch  wohl  einen  teich  (vgl.  lacus). 
Das  niederl.  lak  und  das  niederd.  läke  erledigen,  wenn  dar- 
nach zu  fragen  erforderlich  sein  sollte,  die  abweichende 
Quantität  in  den  unhochdeutschen  namen  Lackmann, 
Liackemaun,  Laackmann.    An  Lachmann  und  diese 


*)  Bekannt  ist  die  scherzhafte  anspielnng  mit  dem  namen  Gelasander 
(Karl). 

**)  lachen  y  lächenen,  Ifichenie,  lachenaere:  Grimms  mjthol.  2.  ausg.  s. 
1108.     Mhd.  wtb.  I,  924. 

***)  dem  begriffe  nach  wie  verschieden  von  dem  ursprünglichen  pn- 
teus! 


80  .    AndreRen,  misceUe. 

drei  schliefsen  sich  nun  zunächst  die  gleichbedeutigen  ge* 
schlechtsuamen  Lacher,  Lachner,  Lackner,  ferner 
Lachenmeyer,  Lachemair;  sodann  Mitte-  und  Mit- 
lacher ^)  nebst  Ueberl acher.  Die  den  wobnort  oder 
die  herkunft  bezeichnende  präposition  ist  verwachsen  in 
den  namen  Anlach*""),  Biedenlack  und  Biederlacl^, 
Ob  er  lach  und  Ov  er  lack.  Endlich  tritt  das  wort  allein, 
ohne  mitwirkung  irgend  einer  bcziehungsform,  als  faniilien- 
namen  auf:  Lache,  Lach,  Lack  mit  den  Zusammen- 
setzungen Horlach***)  und  Rohrlack. 

Auch  einige  topographische  benennungen  können  zur 
erläuterung  dienen.  In  Köln  gibt  es,  wie  eine  Pützgasse 
und  einen  Kliugelpütz,  so  auch  eine  gegend,  welche  „im 
Lach*  heifst;  in  Hannover  weist  Schambach  (wtb.  118a) 
als  unteren  lauf  eines  flOfschens  den  namen  Steinlake  nach ; 
und  der  alte  Richey  (hamb.  idiot.  146)  lehrt,  Corslake  oder, 
wie  es  heute  gewöhnlich  genannt  wird,  Curslack,  ein  hann- 
burgisches  dorf  in  den  von  Eibarmen  umflossenen  Vierlan- 
landen,  bedeute  „Cords  lachen*. 

Läfst  sich,  wie  im  vorhergehenden  bereits  geschehen 
ist,  mit  lache  zu  allernächst  pfütze  verglichen,  so  müssen 
von  diesem  hergeleitete  namen  in  besonderem  grade  der 
heachtung  werth  erscheinen.  Da  finden  wir:  Putzmann, 
Püttmann,  Pützer,  Pfützner,  Pfitzner,  Pütter, 
Püttner,  Putze,  Putz,  Pütz,  Pütt.  Also  ist  Lach- 
mann gleich  Putzmann,  und  weiter  können  noch  Brun- 
nemann,  Dümpelmann,  Hör-  und  Horrmann,  Eolk- 
mann,  Puhlmann,  Sieckmann,  Siep-  und  Sieper- 
mann, Sodemann,  Teichmann  berücksichtigt  werden. 

*)  Vgl.  Interlaken  und  Pott  s.  50. 

*•)  Üeber  Anlach  und  Laohner  spricht  Pott  (vgl.  8.  841  und  640) 
unklar  und  wenig  folgerichtig:  lache  und  das  in  lachbaum,  lachstein  ent- 
haltene wort,  wofür  nach  Grimms  R.  A.  s.  544  ahd.  hl&h  angenommen  wird, 
stimmen  ja  nicht  ttberein,  da  jenes  im  ahd.  lacha  hiefs.  Ein  zweifei  aber, 
welches  der  beiden  Wörter  dem  namen  Lachmann  innewohne,  kann  auf  die 
lange,  dttnkt  mich,  nicht  erhobep  werden. 

♦♦♦)  Mhd.  horlache,  schlämm pfUtze :  wtb.  I,  921;  vgl.  den  namen  H or- 
beck. 

Bonn.  K.  G.  Andresen. 


Im  Verlage  von  Franz  Dnncker  in  Berlin  ist  erschienen  und  durch 
alle  Buchhandlungen  zu  beziehen: 

Zur  Geschichte  der  deutschen  Sprache 

von 
Wilhelm  Scherer. 

1868.    31  Bogen  gr.  8.     2  Thlr.  20  Sgr. 
Dr.  B.  Delbrück  in  Halle    schliefst  eine  eingehende  Kritik  des 
obigen  Werkes  in  der  Zeitschrift  ftir  deutsche  Philologie  mit  folgenden  Worten: 

„Sollen  wir  schliefslich  in  aller  kürze  angeben,  was  wir  an  diesem 
buche  —  das  niemand,  der  sich  für  deutsche  grammatik  interessiert,  un- 
gelesen  lassen  wird  —  der  besondem  beachtung  empfehlen  möchten,  so 
ist  dies  zunächst  das  unternehmen  einer  wirklich  historischen  sprach- 
betrachtung,  wie  sie  unseres  Wissens  noch  nirgend  so  ernstlich  angestrebt 
ist,  sodann  die  herbeiziehung  der  phjsiologie  und  akustik,  wodurch  be- 
sonders der  vocalismus  riele  und  dankenswerte  aufklärung  erhalten  hat, 
die  theilung  des  deutschen  in  ost-  und  westgermanisch,  die  betrachtungen 
über  den  accent,  die  Schilderung  des  weichlichen  Charakters  der  ahd. 
spräche  dabei  besonders  der  abschnitt  über  die  mouillierten  laute  und  viele 
einzelnheiten,  die  nicht  alle  aufzuzählen  sind.** 


In  Ferd.  Dümmler's  Verlagsbuchhandlung  (ECarrwitz  und 
Gofsmann)  in  Berlin  sind  erschienen: 

Harlan  (Dr.  med.  et  phiL  ^.)^  Beiträge  zur  ver- 
gleichenden Psychologie.  Die  Seele  und  ihre  Erscheinungs- 
weisen in  der  Ethnographie.  1868.  gr.  8.  geh.  1  Thlr.  20  Sgr. 

^irlinger  (Dr.  ^nton),  Die  alemannische  Sprache  rechts 
des  Rheins  seit  dem  XIII.  Jahrhundert,  Erster  Theil: 
Grrenzen,  Jahrzeitnamen,  Grammatik,  gr.  8.  geh.  1  Thlr. 
10  Sgr. 

Diese  Schrift  er^mzt  in  gewissem  Sinne  Weinhold's  Alemannische 
Grammatik,  indem  sie  die  Eigenthümlichkeiten  der  lebenden  Sprache  beson- 
ders ins  Auge  fasst. 

ßofp  {ßvati})^  Vergleichende  Grammatik  des  Sanskrit, 
Send,  Armenischen,  Griechischen,  Lateinischen,  Litaui- 
schen, Altslavischen,  Gothischen  und  Deutschen.  Dritte 
Ausgabe.  Erster  Band.  Lex. -8.  geh.  1868.  Subscriptions- 
preis  4  Thlr. 

Diese  neue  Ausgabe  des  ersten  Bandes  wurde  zum  Theil  noch  unter 
den  Augen  des  verew.  Verfassers  in  Druck  gelegt,  nach  seinem  Hingange 
übernahm  Hr.  Prof.  Dr.  A.  Kuhn  freundlichst  die  Leitung  des  Druckes. 

Wir  haben  von  dem  Erscheinen  dieses  Bandes  Veranlassung  genommen, 
wiederum  eine  Subscription  auf  das  ganze  Werk  zu  eröffnen,  die  wir  uns 
vorbehalten  in  einem  oder  zwei  Jahren  zu  schliefsen.  Exemplare  des 
zweiten  und  dritten  Bandes  liefern  wir  innerhalb  dieser  Zeit  zu  gleichem 
Preise.  Nach  Erlöschen  des  Subscriptionspreises  tritt  der  frühere  Laden- 
preis von  5  Thlr.  für  den  Band  (15  Thlr.  für  das  ganze  Werk)  wieder  ein. 

^ahltv  (Dr.  f.\  Ueber  die  Wortzusammensetzung,  nebst 
einem  Anhang  über  die  verstärkenden  Zusammensetzungen. 
Ein  Beitrag  zur  philosophischen  und  vergleichenden  Sprach- 
wissenschaft    1868.     gr.  8.    geh.     1  Thlr. 


So  eben  ist  erschienen: 

Kritische  Grammatilc  der  Sansicrita-Sprache 

in  kürzerer  Fassung. 

Von 
Franz  Bopp. 

Vierte  duichgesehene  Ausgabe.     Preis  3  Thlr. 


Nalus  MaM-Bhärati  episodinm. 

Textus  Sanscritus    cum  interpretatione  latina    et  annota- 
tiouibus  criticis. 

Edidit 
Franciscns  Bopp. 

Tertia  emendata  editio.    Preis  4  Thlr. 


Ardschuna's  Reise  zu  Indra's  Himmel 

nebst  anderen  Episoden  des 
Mahä-BMrata. 

in  der  Ursprache  zum  erstenmal  herausgegeben,  metrisch  über- 
setzt und  mit  kritischen  Anmerkungen  versehen 
von 
Franz  Bopp. 
Zweite  durchgesehene  Ausgabe.    Preis  2  Thlr.  20  8gr. 


Indische  Streifen. 

Eine  Sammlung  von  bisher  in  Zeitschriften  zer- 
streuten kleineren  Abhandlungen. 

Von 

Albrecht  Weber, 

ProfMsor  and  Mitglied  der  Akademie  der  WissentchRften  sa  Berlin. 
Preis  2  Thlr.  20  Sgr. 

nicola^fd^e  iUerlagebitd^ljanblttng  in  9erltn. 


Soeben  wird  ausgegeben:  Antiquarisches  Teneichnifs 
No.  85  Oriental.  und  Sprachwissenschaft  —  enthaltend  auch 
die  Doubletten  der  Bibliothek  des  verstorbenen  Prof.  Bopp. 

Berlin.   Jägerstr.  53.  J.  A.  Stargardt 


A.  W.  Sehade'8  Bnebdruclcerei  (L.8ehAde)  in  Berlin,  StelUobreiberetr.  47. 


M'  ij 


ZEITSCHRIFT 

FÜB 

VERGLEICHENDE 

SPRACHFORSCHUNG 

AUF  DEM  GEBIETE  DES 

DEUTSCHEN,   GRIECHISCHEN  UND 
LATEINISCHEN 

HERAUSGEGEBEN 


Sr.  ASAXiBBUT  SUBH, 

'l  PSOrSSflOR  AM  CÖLMUOHBH  OTHHASIUM  ZU  BSBUH. 


BANDXVm, 
*  ZWEITES  HEFT. 


BERLIN, 

PBRD.  DOMMIAR'S  VEBLAGSBUCSraAMIOAJNO 

(HABBWRX  UKD  aOSSMAHN) 

1869. 


Inhalt.  Seite 

Ccber  den  indogermaniiohen,  specieli  den  ▼edlschen  dativ.     Von 

B.  Delbrüdk 81 

Jabere.    Von  Wilbrandt 106 

ÜQoxa  —  nQoßaxa.  Ein  beitrag  snr  Charakteristik  der  grieohitoben 

Tolgfinprache.    Von  Dr.  Tbeod.  Kind W'i 

Am  eigen:  Langaage  and  the  study  of  langaage.   Twel?e  lectores 
on  the  prindples  of  h'ngnistio  science  by  W.  Whitney.   Von 

W.  Clemm 119 

La  langne  Latine  ^tadi6e  dans  Tonite  Indo-Enropöenne.  Histoire- 
Grammaire-Leziqae,  par  AmM^  de  Caiz  de  Saint -Aymour. 

Von  W.  Gorssen 125 

£tade  snr  le  dialeote  tzaconien,  thise  ponr  ie  doctorat  prdsentöe 

i  la  facolt^  de  lettres  de  Paris,  par  Gnstaye  Deyille,  anoien 

membre  de  rifSoole  fran^abe  d^Atiiines.   Von  D.  Comparetti    132 

Das  grammatische  geschiecht  nnd  seine  sprachliche  bedeutong. 

Eine  akademische  geiegenheiteschrift  von  J.  H.  Oswald.   Von 

Johannes  Schmidt 150 

Miscellen:  Zar  kenntnib  der  ältesten  mnen.    YonTh.  Möblns    153 
1)  Schlittechnh  oder  schrittechnh?  2)  Eisenmenger.   Von  K.  G. 

Andresen 158 

Lateinische  Wortdentmigen.    Von  F.  Froehde 159 


Inhalt  der  Beiträge  Band  VI.  Heft  I. 

Miscellanea  Celtica,  von  dem  verstorbenen  B.  T.  Siegfried.  Gesammelti 
^oordnet  nnd  heraosgegeben  von  Whitley  Stokes.  ~  Einige  fälle  der 
Wirkung  der  analogie  in  der  polnischen  declination.  Von  Bandonin  de 
Courtenay.  ^  Este,  ^df«,  usque  nnd  iki.  Von  Wenzel  Bnrda.  — 
Beitr&ge  zur  kenntnifs  der  sufBze  im  slawischen.    Von  demselben. 


Delbrück,  ttber  den  indogermanischen,  speciell  doi  vedischen  dativ.    81 

Ueber  den  indogermanischen,  speciell  den 
vedischen  dativ. 

Ich  gebe  auf  den  foIgendeD  Seiten  zunächst  eine  ver- 
kQrzende  und  berichtigende  Überarbeitung  meiner  habilita- 
tionsechrift  „de  usu  dativi  in  carminibus  Rigvedae,  Halis 
1867^,  bei  der  es  mir  hauptsächlich  darauf  ankommt,  den 
Stoff  in  einer  besseren  anordnung  vorzulegen  *). 

Zu  den  dativen  sind  zu  rechnen  infinitive  verschie- 
denartiger bildung.  Diese  infinitive  sind  ursprüngKch  nichts 
anderes  als  dative  von  suffixlosen  oder  mit  den  Suffixen 
-as  -tu  -ti  u.  a.  gebildeten  Substantiven,  welche  verbale 
constmction  haben,  so  gut  wie  z.  b.  die  substantiva  auf 
-tar.  Von  vielen  dieser  substantiva  kommen  auch  andere 
casus  als  der  dativ  vor,  von  den  meisten  nur  der  dativ. 
Daher  erlangen  diese  dative  eine  gewisse  Selbständigkeit 
im  bewufstsein  der  sprechenden,  so  dafs  die  dativendung 
-S  der  snffixlosen  nomina  oder  das  suffix  as  in  dativform 
(-ase)  sogar  an  eine  durch  classen-  oder  tempuszeichen 
modificierte  verbalwurzel  antreten  kann  (puäjäsö  von  puä, 
praes.  püSjati.  giä^  inf.  aor.  von  gi)  **).  Eine  grofse  an- 
zahl  solcher  vedischen  infinitive  führt  Benfey  vollst,  gr. 
p.  431  flgd.  an.  Ich  flQge  noch  hinzu:  dative  von  fem.  mit 
dem  suff.  i,  also  inf.  auf  ajd,  wovon  mehrmals  vorkom- 
men dr^aje  zum  sehen  und  judhäje  zum  bekämpfen  (V,  30, 
4  und  9.  X,  38,  3).  Femer  dative  von  fem.  auf  -ti,  also 
inf.  auf  -taje  wie  idtdje  zum  suchen,  pitaje  zum  trinken 
(mit  dem  acc.  constr.  VIII,  86,  8,  andere  stellen  wie  VII, 
59,5.  VIII,  33,  13  sind  zweideutig)  vitajö  zum  geniefsen 
I,  135,  4.  sätaje  zum  erwerben  I,  130,  6.  Dazu  gehört 
auch  itjäi  um  zu  gehen  I,  113,  6.  I,  124,  1.     Von  subst. 

*)  Der  grSfsere  teil  dieser  Umarbeitung  war  vollendet  und  also  auch 
einige  irrtUmer  beseitigt,  als  mir  —  zu  spftt  —  die  energische  reccns.ion  von 
herm  Siegfried  Goldschmidt  (G5tt.  gel.  anz,  1868  no.  16)  zu  gesicht  kam, 
in  der  mehrere  solcher  Irrtümer  ebenfalls  hervorgehoben  sind.  Trotzdem 
ergreife  ich  diese  gelegenheit,  zu  erklären,  dafs  ich  mir  die  mancherlei  gold* 
komer  aus  der  recension  des  herm  Goldschmidt  dankbar  aufgelesen  habe, 
obgleich   sie  freilich  nicht  in  silberner  schaale  geboten  wurden. 

♦*)  Nachweisungen  über  das  vorkommen  sind  nicht  gegeben,  wenn  die 
betreffende  form  bei  BR.  leicht  zu  finden  ist. 

Zeitschr.  f.  vgl.  sprachf.  XVIII.  2.  6 


82  Delbrück 

auf  -a,  also  infinitiven  auf  äja  ist  ein  beispid:  ja^&- 
thäja  V,  1,  2  (um  zu  opfern).  Von  einem  neutruni  auf 
-yan,  also  inf.  auf  -vane  giebt  es  ein  beispiel,  nämlich 
dävÄnd  um  zu  geben,  zu  empfangen«  Zwar  ist  an  den 
stellen  des  Rv.,  wo  d&v&ne  vorkommt,  kein  acc.  davon 
abhängig  (I,  139,  6  könnte  man  eine  attraction  annehmen), 
aber  es  wird  V,  65,  3  und  IV,  32,  9  ganz  wie  ein  verbum 
mit  den  praepositionen  pr&  und  abhi  pr&  verbunden.  Als 
inf.  auf  -manS  (dat.  von  neutr.  auf  -man)  führt  Benfey 
O.  und  O.  I,  604  und  II,  97  an:  d4mane  zum  geben  (VIII, 
82,  8)  und  vidm&nß  zum  wissen.  Von  ddmau  kommt  auch 
ein  gen.,  von  vidm&n  ein  instr.  (Kuhn  in  d.  ze]tschr.XV,304) 
vor.  Als  inf.  auf- an  e  kann  man  turv&nß  und  dhdrvane  an- 
sehefi,  die  einzigen  vorkommenden  casus  der  subst.  turv&n 
und  dhlirvan,  die  von  den  wurzeln  turv  und  dhtlrv  abzu- 
leiten sind.  Doch  ist  von  diesen  inf.  auf  -mane  und  -an^ 
nirgends  ein  accusativ  abhängig,  also  die  berechtigung  des 
namens  infinitive  zweifelhaft.  Auch  die  construction  von 
bhirmand  und  dh&rman6  (X,  88,  1)  ist  nicht  notwendig  als 
eine  verbale  aufzufassen,  wie  Roth  z.  Nir.  VU,  25  tut, 
wovon  später. 

Die  grundbedeutung  des  vedischen  dativs  ist:  die  nei- 
gung  nach  etwas  hin.  Er  trifft  also  nahe  mit  einem 
teile  des  locativs,  dem  locativ  des  zieles  zusammen,  wof&r 
ich  in  meiner  schrift  „ablativ  localis  instrumentalis^  p.  45 
beispiele  angeführt  habe.  Ich  ftkge  ihnen  als  besonders 
bezeichnend  hinzu:  utdparfbhjö  magh&vä  vi  gigje  filr  die 
Zukunft  siegte  da  der  mächtige  I,  32,  1 3,  und  mit  dem  loc. 
des  Zieles:  utdpari&u  krnute  säkhäjam  fOr  die  zukunft  schafft 
er  sich  einen  freund  X,  117,  3.  Ob  nun  aus  dieser  Überein- 
stimmung etwa  Schlüsse  auf  gemeinsame  abstammung  die- 
ser beiden  casus  zu  machen  sind,  ist  doch  sehr  fraglich. 

In  den  dativ  tritt  dasjenige  ding,  nach  dem  hin  etwas 
anderes  sich  neigt  oder  bewegt  Wir  sprechen  zunächst 
von  räumlicher  oder  doch  räumlich  gedachter  be- 
wegung,  und  zwar 

1)  von  körperlicher  neigung  oder  bewegung, 
und  behandeln  demnach  den  dativ  bei  verben  wie:  gehen, 


aber  den  indogennaniBchen,  speciell  den  vedUchen  dAtiv.  83 

streben,  sich  beugen  nach-bin  (hören),  werfen, 
befördern,  ausstrecken  nach-hin,  zeigen,  spre- 
chen zu. 

gehen,  streben:  pr4  viänave  ^viikm  etu  manma  gi- 
rikSita  urugftjäja  vränö  zum  Yidnu  strebe  das  kräftige  lied 
dem  höhenbewobnenden,  weitherrschenden  regner  1, 154,  3. 
pr&  räj^  jantu  auf  beute  mögen  sie  losgehen  VII,  34,  18. 
ä  nö  navi  matinfi'  jätam  pärdja  g&ntave  |  jun^ithfim  a^vinft 
r&tham  fahrt  mit  dem  schiffe  unserer  andachten  heran,  um 
9sum  jenseitigen  (menschlichen)  ufer  zu  gelangen,  schirret 
A^vinen  den  wagen  an  I,  46,  7  (vgl.  acc.  pär&m  ^tav€  um 
zum  jenseitigen  ufer  zu  gelangen  1,46,11).  Eine  reihe 
Ähnlicher  beispiele  fQr  den  dativ  bei  ja,  gam,  dhäv,  sru, 
die  in  der  angefahrten  habilitationsschrift  p.  3  beigebracht 
sind  (in,  31 ,  13.  I,  5,  5.  I,  39,  7.  VII,  70,  6.  1, 117,  2.  I, 
116, 18.  1, 184,  5.  Vm,  26, 15.  VI,  62, 10.  1, 184, 5.  VIII, 
9,11.  IX,  21,1.  VIII,  80,  3),  lassen  auch  eine  deutung 
des  dativs  als  dat.  commodi  (der  aber  aus  demselben  grund- 
begriff  hervorgeht)  zu.  n4  svapnäja  sprhajanti  sie  begdi- 
ren  nicht  nach  Schlummer  VIII,  2,  18.  Tipvö  rfija  iäudbjati 
jeder  strebt  nach  reichtum  V,  50^  1.  tv&n  tkm  agnä  amr- 
tatvä  uttam^  mirtan  dadhfisi  pravas^  divd-divä  |  jäs  t&tiv 
d&n&  nbhajäja  ^anmanö  m&ja:  krnöäi  pr&ja  &  Ka  sOr&je  du 
Agni  bringst  den  sterblichen  zur  höchsten  Unsterblichkeit, 
zum  rühme  tag  ftkr  tag,  der  du  dOrstend  nach  beiden  ge- 
schlechtern  (heftig  begehrend  nach  göttem  und  menschen) 
Inst  und  freude  schaffst  dem  sänger  I,  31,  7. 

sich  neigen,^  beugen  hin-zu:  indr&ja  hi  djäür 
Äsurö  ananmata  dem  Indra  beugte  sich  der  göttliche  him* 
mel  I,  131,  I9  vergl.  VIII,  6,4  samudrdjeva  sindhava:. 
Qgr&sja  Kin  manj&vö  ni  namante  rigä  Kid  ^bhjö  nama  it 
krnoti  (die  wflrfel)  beugen  sich  nicht  selbst  dem  zome  des 
starken,  der  könig  selbst  erweist  ihnen  yerehrung  X,  34, 8. 
Di  te  näsfii  plpjän^va  j6ää  maijäjeva  kanjä'  ^a^vaKfii  tä  ich 
will  mich  neigen  zu  dir  wie  ein  säugendes  weib  (zu  ihrem 
kinde)  wie  ein  mädchen  zum  jüngling,  so  will  ich  dich 
umarmen  III,  33,  10.  Analog  ist  der  dativ  zu  erklären 
bei  hören,  eig.  sich  mit  dem  ehre  zuneigen.   6  6ü  svasära: 

6* 


84  Delbrück 

kftr&ve  prnöta  horchet  ihr  Schwestern  dem  sftoger  III,  33, 9. 
&  Tö  j&mftja  prthivi  Kid  apröt  eurem  gange  horcht  ängstlich 
die  erde  I,  39,  6.  pniätiv&nö  hi  dfi^üäe  d^v&s  auf  den  opfe- 
rer  hören  die  götter  I^  45,  2  (vgl.  11,  30,  1.  III,  56,  4.  UI, 
33,  5.    Roth  lit.  und  gesch.  p.  101). 

werfen,  befördern:  brahmadyiäd  t&puäl  h^tim  asja 
auf  den  frommenhasser  wirf  die  glOhende  lanze  III,  30,  17. 
räidvlie  maruta:  parimanjava  Uun  nk  srgata  dvidam  auf 
den  sftngerhasser  ihr  Maruts  auf  den  wfltenden  schleudert 
euren  hals  wie  einen  pfeil  1,39,  10.  iva  sr^a  döv^bhjö 
havi:  entsende  zu  den  göttern  das  opfer  I,  13,  II.  Zwei- 
felhaft, ob  man  nicht  den  dativ  des  Zweckes  in  ansprnch 
nehmen  soll,  kann  man  sein  bei:  &väsr^a:  sartav^  sapta 
sindhün  du  hast  entsendet  zum  fliefsen  die  sieben  ströme 
I,  32,  12,  vergl.  I,  55,  6.  I,  57,  6.  I,  130,  5.  U,  12,  12.  III, 
32,6.  V,  29,2  etc.  iä:  pr4  pbhiübhjö  düt&m  iva  vÄkam 
iöje  zu  ZU  den  Rbhu's  entsende  ich  das  gebet  wie  einen 
boten  IV,  33,  1«  Kud:  sa  tvÄn  nö  vira  virjija  Ködaja  du 
o  held  befördere  uns  zu  heldentum  IX,  HO,  7.  mknö  da- 
n&ja  ködÄjan  seinen  geist  antreibend  zur  freigebigkeit  (so 
gedacht,  dafs  der  geist  zur  freigebigkeit  hingelangen  soll) 
VIII,  88,  4,  vgl.  IX,  75,  5.  ap&:  s4rmäja  ködajan  die  was- 
ser  antreibend  zum  fliefsen  I,  80,  5.  Vergleicht  man  damit 
stellen,  in  denen  der  dativ  entschieden  final  ist,  wie  td- 
bhjöd  indra  sva  ökje^  söman  Icödämi  pitäje  zu  dir  o  Indra 
befördere  ich  (oder  fbr  dich  giefs'  ich  eilend  aus)  söma 
damit  du  ihn  trinkest  111,42,8,  so  filllt  der  unterschied 
in  die  äugen,  gü:  gftsä  räj^  kavitarö  ^un&ti  den  klugen 
befördere  der  klügere  zu  reichtum  VII,  86,  7.  hi:  kr&tve 
d4köäja  nö  hinu  befördere  uns  zu  klugheit  und  geschick- 
lichkeit  IX,  36,  3,  vgl.  VIII,  60,  5.  t^  nö  hinvautu  s&ta)^ 
dbij^  giää  die  mögen  uns  befördern  zu  crwerb,  andacht, 
sieg  I,  111,4.  ukth&v&hase  vibhvg'  manlädn  drünfi  na  pä- 
r4m  irajä  nadmäm  zu  dem  gebetföhrenden  m&chtigen  gotte 
bring  das  gebet,  wie  mit  einem  rüder  zum  anderen  ufer 
der  flüsse  VIII,  85,  11.  jihhl  r^bhan  nivrtä  sitam  adbhj& 
üd  vandanam  äirajata  svär  dr^^  mit  welchen  (hülfen)  ihr 
den  Röbha  den  bedeckten  gebundenen,   aus  den  wassern 


aber  den  indogcrmauischai,  speoiell  den  vedischen  dativ.  65 

den  Vandana  hinf&hrtet  zum  lichtschauen  I,  112,  5,  vgl.  I^ 
117,  24.  pra-tar:  pr&  vigebhis  tirata  pQJj&se  na:  mit 
reiohtQmern  befördert  uns  zur  blute  VII,  57,  5.  pra-su: 
▼ipvan  ^Ivam  prasuv&ntl  Karijät  alles  lebendige  belebend 
zur  regsamkeit  (Karijäi  dat.  von  Kari  f.  beweglichkeit) 
VII,  77,  1.  präsävld  dvipat  pri  Htudpad  itjfti  er  belebt 
die  zweifAfsler  und  vierfQfsler  zum  geben  I,  124,  1.  kar: 
Die  ursprüngliche  bedeutung  von  kar  scheint  mir  zu  sein: 
9 zu  etwas  bringen^.  &  tvim  r^ipvä  sakhj4ja  Kakre  R^- 
gvan  brachte  dich  zu  seiner  freundschaft  (machte  dich  zu 
seinem  freunde)  V,  29, 11.  üsö  j&d  agnl'  samidhö  Kakartha 
als  du  o  Usas  den  Agni  zur  anzOndung  brachtest  (mach- 
test, dafs  er  entzündet  wurde)  I,  113,  9.  ut&  väta  pitÄsi 
na  Uta  bbrätöta  nah  säkhä  |  s&  nö  ^vätavä  krdhi  o  wind 
du  bist  unser  vater,  unser  bruder,  unser  freund,  du  bring 
uns  zum  leben  X,  186,2.  tv&m  indra  sr^vitavi  ap&s  ka: 
du  Indra  brachtest  die  wasser  zum  fliefsen  VII,  21, 3.  &kar 
dhiuiT&nj  itjetavi  u  du  brachtest  die  wüsten  zur  begehung 
(machtest  sie  gangbar)  V,  83,  10,  vgl.  I,  112,  8.  I,  116,  14« 
n,  13,  5.  IV,  16,  4.  V,  29,  4.  VII,  81,  4.  X,  39,  8.  X,  88, 
10.  Aehnlich  kann  auch  dh&  gebraucht  werden:  indram 
erk  dhiö&nä  sät&jö  dh&t  den  Indra  bringt  der  becher  zum 
erwerben  V,  19,  2,  vgl.  VH,  31, 12. 

bringen:  vah:  ni  ped&va  übathnr  O^tim  apvam  dem 
Pedu  brachtet  ihr  ein  schnelles  rofs  I,  117,9.  9&n  na  i 
vakSad  dvipade  k4tuäpad€  heil  möge  er  bringen  unseren 
sweif&fslem,  unseren  vierflirslern  1, 1 57, 3.  b  h  a  r :  asmibhjan 
nrmnam  &  bhara  bringe  uns  manneskraft  V,  38,  4.  &  nas 
tögrä  rajim  bharäpan  n4  prati^änate  bring  uns  kinder  und 
reichtum,  wie  ein  draufgeld  dem  der  auf  den  handel  ein« 
geht  (nach  Roth)  III,  45,4.  j&s  te  bharäd  inuijate  Kid 
iinnam  wer  dir  dem  speisebegehrenden  speise  bringt  IV^ 
2,7.  nl:  agnS  naja  supathä  räj^  asmän  Agni  führe  uns 
auf  schönem  pfade  zum  reichtum  I,  189,  1.  &-vart:  i  nö 
mitr4varun&  n^atjä  djävä  hotr&ja  prthivl  vavrtjä:  bringe 
zu  unserem  opfer  Mitra  Varuna,  die  Näsatja,  bimmel  und 
erde  VI,  11,  1. 

ausstrecken,   erheben:    prisrdg  b&hli  bhüvanaqa 


86  Delbrück 

pra^bhja:  er  streckt  die  arme  ans  sa  den  weseo  der  weit 
hin  IV,  53,  4.  &dh&  vrtr&ja  pr&  vadh&ä  ^abhfira  da  erhob 
er  die  wa£Ee  gegen  Vrtra  II,  30,  3.  üd  j&d  indrö  mahat^ 
dfinavija  v&dbar  jamiäta  säbö  &pratltam  als  Indra  gegen 
den  grofsen  D&nava  die  waffe  erhob,  die  unerreichbare 
kraft  y,  32,  7.  Anfbgen  kann  man  hier:  die  waffen  schär- 
fen gegen  jemand:  pi^lts  pi^unebhjö  vadhim  er  schärft  die 
waffe  gegen  die  Verräter  VII,  104,  20. 

geben  nnd  verwantes:  da:  m4  nindata  }&  imim 
m&hjä  rätin  dßvö  dadfiü  m&rtjäja  tadelt  ihn  nicht,  der  mir  dem 
sterblichen,  ein  gott,  dieses  geschenk  gab  IV,  5, 2.  ghöä&jfii 
Kit  pitrs&de  durön^  p&tii^  ^rjantjä  apvinäv  adattam  selbst 
der  alternden  Ghoää  die  beim  vater  im  hause  safs,  habt  ihr, 
Apvinen,  einen  mann  yerscha£%  1,117,7.  k&rtä  vlrdja  süävaja 
u  lök&n  dita  Y&su  stuvat^  kiraje  Kit  räum  schaffend  dem 
opfernden  beiden,  gut  gebend  preisendem  sänger  VI,  23, 3. 
kö  nö  mahjd  aditaje  pünar  dät  wer  giebt  uns  der  grofsen 
sündlosigkeit  wieder?  I,  24,  1.  mah^  Kana  Uim  adriva:  p&rä 
pulkdja  dejäm  selbst  grofsem  preise  (far  grofsen  preis)  möchte 
ich  dich  nicht  hingeben  Vm,  1,  5.  dhä:  Äsunvanta  saman 
^ahi  dün&9ä  }6  n&  t$  m&ja:  |  asmabhjam  asja  v^danan 
daddhi  schlage  jeden  der  beständig  nicht  opfert,  der  dir 
nicht  angenehm  ist,  gieb  uns  sein  besitztum  I,  176,4.  ju- 
v&n  k&nyfij4piriptäja  c4käu:  pr&tj  adhattam  ihr  habt  dem 
blinden  Kanva  das  äuge  wieder  gegeben  I,  118,  7.  j^  tvä 
nid^  dadhirß  welche  dich  dem  neide  überliefert  (ausgesetzt) 
haben  II, 23, 14.  dha  mit  prat  glauben:  prad  asmäi  dhatta 
glaubt  ihm  11^  12,  5.  ^r&ddhitan  te  mahatd  indrij4ja  ge- 
glaubt wird  deiner  grofsen  kraft  I,  104,  6,  vergl.  I,  55,  5. 
I,  103,5.  X,  147,  1.  vi-bhag:  W  dä^üäö  bhagati  stinara 
▼&SU  dem  opferer  schenkt  er  reiches  gut  V,  34,  7.  jam: 
9&rma  värma  Khardir  asm&bhjä  jäsat  schütz,  schirm,  Ver- 
teidigung möge  er  uns  spenden  I,  114,5,  vgl.  IV,  25,5. 
IV,  12,  5  etc.  vgl  van  I,  140,  11.  VII,  18,  1.  pikä:  (?i- 
kSejam  asmäi  dits^jam  manläine  |  jad  ahan  göpati:  sjäm 
ich  würde  ihm  schenken,  ich  würde  dem  beter  spenden, 
wenn  ich  kuhherr  wäre  VIU,  14,  2.  rä:  j&smä  iräsata  ksa- 
jan  givdtun  ca  praKetasa:   dem  ihr  weisen  schenkt  heim- 


über  den  indogennanischeD,  BpecieU  den  vedischen  dativ.  $7 

wesen  und  leben  VIII,  47,4.  Aue  der  masse  Ähnliches 
bedeutender  verba  mag  noch  erwähnt  werden  duh:  trfni 
sar&i  prpnajö  duduhrö  vagrfnS  m&dhu  drei  tränke,  den 
meth  haben  die  Maruts  dem  donnerer  gespendet  VIII,  7,  10. 
Daran  schliefsen  sich  an  die  verba  welche  opfern  bedeu- 
ten. siK:  ^ndum  indräja  siukata  giefset  den  trank  dem 
Indra  aus  ¥111,24,  13«  sa:  indräja  sunaväi  tvä  pakrÄja 
sonaväi  tvä  dem  Indra  will  ich  dich  pressen,  dem  starken 
will  ich  dich  pressen  YUI,  80,  1.  hu:  täsmä  etÄt  p4nja- 
tamäja  güdtam  agnäü  mitrija  havir  4  guliöta  diesem  ge- 
priesensten  Mitra  opfert  im  feaer  das  geliebte  opfer  III, 
59, 5.  dä9:  jas  tübhjan  di^^än  na  täm  äbö  apnavat  wer  dir 
opfert,  den  erreiche  keine  bedrängnifs  IL,  23,  4.  vidh:  j6 
asmäi  havidividhan  nk  tam  püääpi  mröjate  wer  ihm  mit 
einem  opfer  dient,  den  verletzt  Puäan  nicht  VI,  54,4. 
Durch  den  begriff  übergeben  lassen  sich  mit  den  vor- 
hergehenden vermitteln  die  verba,  welche  unterwerfen 
bedeuten.  So,  um  zunächst  verba  zu  nehmen,  die  auch 
geben  bedeuten:  rä:  j&d  indra  jävatas  tvam  etdvad  ah&m 
f^Ija  I  stötÄram  id  didhiäöja  radävasö  n&  päpatvija  räsija 
wenn  ich  Ober  eben  so  viel  geböte  wie  du  Indra,  so  würde 
ieh  den  lobsänger  für  mich  zu  gewinnen  suchen,  ich  würde 
ihn  nicht  der  armut  unterwerfen  VII,  32, 18  vgl.  VI,  44, 11. 
parä-dä:  mä  na  indra  pljatnave  md  pärdhate  pärä 
da:  übergieb  (unterwirf)  uns  nicht  o  Indra  dem  hasser, 
nicht  dem  stolzen  VIU,  2,  15.  randh:  sunv&dbhjö  ran- 
dhajä  kän  lad  avrat&m  unterwirf  den  frommen  jeden  gott 
losen  I,  132,4  vergl.  VI,  53,  5.  star:  md  na:  star  abhi- 
mätaje  unterwirf  uns  nicht  dem  feinde  VIII,  3,2.  hä: 
^ahür  vi^väni  bl^Öganä  suddsö  sie  überliefsen  alles  gut  dem 
Sudäs  VII,  18,  15.  ril£:  gäj^va  patjö  tanvä'  riri^äm  wie 
ein  weib  dem  gatten  will  ich  dir  meinen  körper  überlie- 
fern X,  10,  7. 

zeigen:  ävir  bhü:  ävir  öbhjö  abhavat  stiija:  es  zeigte 
sich  ihnen  die  sonne  I,  146,  4.  kit:  divödasäja  mdhi  keti 
▼am  äva:  dem  Divödäsa  wurde  eure  grofse  hülfe  offenbar 
1, 119,  4. 

sprechen  zu:  vak:  mänträ  vökömägndje  |  är^  asm^ 


88  Delbrück 

Ka  (roTat^  ein  gebet  wollen  wir  sprecheu  zum  Agni,  der 
auch  lu  der  ferne  uns  hört  I,  74,  1.  ah:  j6  m&  jügjö  vä 
sakha  Yä  sväpnö  bhaj&cn  bhlr&vä  m&hjam  &ha  welcher  ver- 
wandte oder  freund  mir  dem  furchtsamen  im  schlafe  furcht- 
bares sagt  II,  28,  10/  brü:  k&ksusmatö  ^rnvat^  te  bra- 
Ylmi  zu  dir  spreche  ich  der  da  hört  und  sieht  X,  18,  1. 

2)  Bewegung  des  geistes  nach  etwas  hin,  wie: 
seine  aufmerksamkeit  auf  etwas  richten,  gnädig 
sein  (helfen),  zürnen« 

budh:  asm&bhjä  sü  maghavan  bödhi  gödÄ:  auf  uns 
wende  deinen  sinn,  kuhspender  III,  30,  21.  kit:  jad  indra 
h&ntave  mfdhö  yfdä  vagriÄ  kik^tasi  wenn  du  auf  tödtung 
der  feinde  regner,  keilträger,  dein  augenmerk  richtest  I, 
131,  6.  jö  nö  däsa  drjö  vä  purustutädöva  indra  judh^jö 
kiketati  welcher  barbar  oder  arier,  vielgepriesener  indra, 
uns  gottlos  zu  bekämpfen  trachtet  X,  38,  3.  man:  mäojS 
v&n  gätäv^dasä  ja^adhjäi  ich  gedenke  euch  ihr  ^ätav^das 
zu  verehren  (ich  richte  meinen  sinn  auf  das  euch-verehren) 
VII,  2,  7. 

gnädig  sein:  mard:  sa  nö  mrlatldf^e  er  sei  gnädig 
gegen  unser  einen  IV,  57,  1.  jÖ  mrläjäti  kakruie  kid  ägö 
vajä  sjäma  värune  anägä:  seien  wir  sQndlos  vor  Varuna, 
der  gnädig  ist  selbst  gegen  den,  der  sQnde  begangen  hat 
Vn,  87,  7.  Dabei  mögen  verba  mit  dem  begriffe  helfen 
erwähnt  sein:  sad:  tv&n  deva  maghavadbhja:  suiSüda:  du 
gott  sei  förderlich  meinen  lohuherrn  VII,  t,  20.  sidh: 
näsmäi  vidjün  nä  tanjatü:  sis^dha  nicht  nQtzte  ihm  der 
Uitz,  nicht  der  donner  I,  32,  13. 

zarnen:  kirn  asmabhjan  ^ätavgdö  hmlöe  was  zürnst 
du  uns  o  G'ätavödas?  VII,  104,  14  vgl.  VII,  86,  3. 

Auf  den  begriff  der  neigung  läfst  sich  leicht  zurück- 
führen der  sog.  dativus  commodi,  der  darum  an  dieser 
stelle  durch  einige  beispiele  belegt  werden  mag:  ava  sthiri 
maghavadbhjas  tanuäva  spanne  den  bogen  ab,  meinen  her- 
ren  zu  liebe  11,33,  14.  4pa  tj^  täjävö  jäthä  näksaträ  jantj 
aktübhi:  |  stiräja  vi9vakakdas^  die  Sterne  gehen  wie  diebe 
mit  der  nacht  fort,  um  der  allsehenden  sonne  willen  I, 
50,  2.     ^atair   apadran    pan4ja   indrätra    dÄpönajS   kavaje 


ttb«r  den  indogennaniflcheD,  speclell  den  vedischen  dativ.  89 

'rkaafttfia  mit  bunderten  o  Indra  liefen  damals  dre  Panis 
hinweg  *)  am  des  dichtere  Da^öni  willen  (von  ihm  vertrie- 
ben)  VI,  2O9  4.  4gne  jägisthö  adhvar^  dev&n  devajat^  jaga 
Agni  opferwertester  beim  opfer  verehre  die  götter  zu  gang- 
sten  des  opfernden  III,  10,  7.     amäja   vö    marntö  jitavö 
djäür  gihlta  vor  eurem  gewaltigen  schreiten  barst  der  him- 
mel  VIII,  20,  6.     tväätä  Int  tava  manj4va  indra  vevigjate 
bbiji  Tvaätar   selbst  bebt  aus  furcht,   um  deines   zornes 
willen    I,  80,  14.     Äsvapajad     dabbftajö    sahasrä    trlpitä 
häthäi:  |  däsän&m  indrö  mäjdjä  Indra  senkte  in  todesschlaf 
dreifsigtausend  der  barbaren  mit  seinen  schlagen,  dem  Da- 
bhlti  zu  liebe  IV,  30,  21.     tjäid  kit  parvatan   girf   ^ata- 
▼anta   sahasrinam  |  vi  stötfbbjö   rurögitha  du  hast  diesen 
borg,  den  hundertgestaltigen,  tausendfachen  geöffnet  fflr  die 
lobsänger  Vin,53,  5.    tvä   ha  tjdd  indra  saptä  jüdhjan 
ptu'ö  vagrin  purukütsäja  darda:   du  hast  damals  kämpfend 
die  sieben  städte  fQr  den  Purukutsa  o  keilträger  gebro- 
chen  I,  63,  7.     vi^väsmibhjä   san    ^ajatan    dh&näni    alle 
reicbtQmer  eroiegt  ihr  fQr  uns  I,  108,  13.    indrasjdügirasäh 
kestfiü  vidat  sarÄmä  tänajäja  dhäsim  nach  anweisung  des 
Indra  und  der  Angiras  fand  Saramä  nahrung  fQr  ihre  nach- 
kommenschaft  I,  62,  3.     västrä  putrÄja  mätärö  vajanti  die 
mfltter   weben    gewänder   fQr   den  söhn  V,  47,  6.     tväätä 
dnhitr^  vahatün  krnöti  Tvaätar  richtet  seiner  tochter  die 
hochzeit  aus  X,  17,  1.     üpägirÄ  puruhütija  säpti  härl  ra^ 
thasja    dhürSv   i  jnna^mi  die  schnellen   rosse  schirre  ich 
dem  vielverehrten  an  die  joche  des  wagens  III,  35,  2.    9a-« 
t&n  te  ^iprinn  ütaja:  sud&se  hundert  hülfen  hast  du,  bärti- 
ger, fbr  den  Sudäs  VII,  25,  3.     punini   hi  tv^  puruvära 
s&n^  agne  v&su  vidhat^  r&^ani  tve  viel  gut  ist  o  gabenrei-' 
eher   in  dir  dem  könig  fdr  den  opferer  VI,  1,  13.     gäür 
aai  vira  gavjat^  |  &9VO  apväjat^  bhava  ein  stier  bist  du  fQr 
den   stierbegehrenden,    ein   rofs   sei  dem  rofsbegehrenden 
VI,  45,  26.     sug&:  panthä  anrksarä  dditjäsa  rta  jatd  wohl 
gangbar  ist  der  pfad,  domenlos  f&r  den,  ihr  Aditjas,  der 
recht   wandelt  I,  41 ,  4.     Will  man  sich  alter  categorien 


*)  Anders  fassen  BB.  im  wb.  apadran.     d.  red. 


90  Delbrück 

bedieneD,  so  kann  man  die  folgenden  beispiele  etwa  unter 
den  dativae  incommodi  rechnen:  jd  vö  mäj4  abbidrühe  ja- 
^aträ:  p4^ä  äditjä  ripaye  viKrtta:  |  BL^viva,  t4n  kti  jeäa  ra- 
thena  eure  listen  ihr  anbetungswflrdigen  gegen  den  betrü- 
ger,  eure  schlingen  die  geöffnet  sind  fQr  den  feind,  möchte 
ich  über  diese  hinwegkommen,  wie  ein  reisiger  mit  einem 
wagen  II,  27,  16.  j6  nö  agn^  ärarivän  aghäjür  arativd 
marliajati  dvaj^na  |  m&ntrö  gurü:  pünar  astu  s6  asmäi  wer 
uns  o  Agni,  ein  gottloser  Sünder  oder  nichtspender,  durch 
falschheit  zu  schaden  sucht,  dem  sei  sein  eigener  sprach 
seinerseits  schwer,  d.  h.  dessen  Zauberspruch  treffe  ihn  sel- 
ber I,  147,  4. 

Ein  dativus  commodi  ist  auch  der  dativ  bei  adjectiren 
und  Substantiven  mit  der  bedeutung  lieb,  befreundet 
u.a.  prija:  idan  nämö  rudräja  pr^stham  diese  Verehrung 
ist  dem  Rudra  die  liebste  VII,  36,  5  (am  häufigsten  findet 
sich  bei  prij&  gen.  und  loc).  Itiru:  rigä  vipdm  atithip 
Mrur  äjave  könig  der  stamme,  lieber  gast  dem  menschen 
II,  2,  8.  sakhi:  tan  tvä  vajä'  vipvavärd  päsmahe  pura» 
hüta  I  sakhe  vasö  ^aritrbhja:  dich  rufen  wir  o  gabenreicher 
heran,  vielgerufener,  guter  freund  den  preisenden  I,  30,  10. 
Bei  avitar  Schützer  finden  wir  in  einem  satze  gen.  und 
dativ:  tväm  ^kasja  vrtrahann  avitd  dv4jör  asi  |  ut^dr^S  ja- 
thä  vaj4m  du  o  Yrtratöter  bist  der  helfer  eines  oder  zweier, 
du  für  solche  wie  wir  sind  VI,  45,  5. 

Weiter  kann  unter  den  dativ  commodi  subsumirt  wer- 
den der  dativ  bei  den  sog.  participien  der  notwendigkeit» 
welche  dem  lat.  sog.  participium  futuri  passivi  entsprechen 
(vgl.  verf.  abl.  loc.  instr.  p.  66)  sakhä  sakhibhja  Mja:  ein 
fireund  den  freunden  zu  preisen  I,  75,  4.  imd  u  väm  bhj> 
mäjö  m&DJamäna  juvÄvate  na  tu^ä  abhüvan  eure  bekannte 
regsamkeit  war  für  euren  Verehrer  nicht  eine  anzutreibende, 
d.  h.  brauchte  nicht  durch  euren  Verehrer  angetrieben  zu  wer- 
den (BR.  s.  V.  bhrmi)  111,62, 1.  üdjatasruKe  bhavasi  ^ravijja: 
für  den  opferlöffelerhebenden  bist  du  ein  zu  preisender  I, 
31,  5,  vgl.  II,  4,  3.  n,  19,  4.  Ebenso  bei  sinnverwanten 
adjectiven:    dßvö-döva:    suhävö  bhatu   mähjam  jeder  gott 


über  den  indogennasischen,  speeiell  den  vedischen  dativ.  91 

sei  mir  wohl  anzarafen  V,  42,  16,    vipv&ni  b{  suä&hä  täni 
tübbjam  alles  ist  für  dich  leicht  zu  besiegen  IX,  94,  5. 

Als  letztes  beispiel  fl)r  denjenigen  dativgebraucb,  bei 
dem  die  grundbedeutung  der  neigung  nach  etwas  hin  noch 
deatlicb  zu  fühlen  ist,  ftkhre  ich  an  den  dativ  bei  dem 
verbum  as  sein.  Oanz  rein  ist  dieser  grundbegriff  erhal- 
ten I,  55,  7:  dänija  mana:  sömapävann  astu  te  zum  geben 
hingewendet  sei  dein  sinn,  o  somatrinker.  Leicht  abzulei- 
ten aus  dem  begriff  des  neigens  und  zufallens  ist  der 
possessive  dativ  indra  tübbjam  in  maghavann  abhüma 
vajän  dätr^  Indra  dir  o  mächtiger  gehören  wir  an,  dem 
geber  VI,  44,  10.  &thä  vajam  aditja  vrat^  tayinfigasö  &di- 
tajg  sjäma  dann  mögen  wir  o  Aditja  bei  deinem  dienst 
schuldlos  der  Aditi  gehören  I,  24,  15.  indra  tübbjam 
anuttä  vlijäm  Indra  du  hast  unüberwindliche  krafl  1, 80, 7, 
vgl  III,  14,  7.  in,  31,  13.  Vn,  34,  1 1.  Interessant  ist  eine 
andere  Verbindung  des  verbums  sein  mit  dem  dativ,  wo- 
durch nicht  gerade  ein  besitz,  aber  doch  eine  Zusammen- 
gehörigkeit oder  nahe  Verbindung  ausgedrückt  wird.  Meist 
steht  in  dieser  art  Sätzen  eine  negation,  jedoch  kommen 
auch  positive  vor,  z.  b.  sjÄma  te  däväne  v&sünäm  mögen 
wir  für  dich  (hingewendet)  sein  zum  empfangen  von  gutem, 
d.  h.  mögen  wir  solche  sein,  die  von  dir  gut  empfangen 
müssen  oder  zu  empfangen  pflegen  11^  11,  1  (vgl.  ebenda 
vs.  12,  wo  eine  andere  wendung  desselben  gedankens  ge- 
wählt ist).  räj&:  sjäma  dharünan  dhijddhjäi  seien  wir  be- 
stimmt zu  empfangen  die  grundlage  des  reichtums  VII, 
34,  24.  vajä'  sjäma  bhüvanesu  ^v&s^  seien  wir  bestimmt 
zum  leben  in  der  weit  IX,  86,  38.  In  den  meisten  fällen 
aber  findet  sich  dabei  eine  negation:  nismdkam  asti  t&t 
t4ra  dditjäsö  atiäk4de  |  jüjäm  asm&bhjam  mrlata  nicht,  o 
Aditjas,  ist  dieser  unser  (frommer)  eifer  zu  übertreffen,  seid 
ihr  uns  gnädig!  VIII,  56,  19.  Oewöhnlich  ist  das  verbum 
sein  zu  suppliren:  tad  vö  manitö  nädhrä^  ^äva:  diese  eure 
kraft  o  Maruts  ist  nicht  zu  bekämpfen  V,  87,  2,  vergl.  I, 
136,  1.  V,  8,  5.  nahi  te  agne  vräabha  pratidhfäe  gimbhasö 
jad  vitisthasS  nicht  o  Agni  ist  deinen  kinnladen  zu  wider- 


92  Delbrück 

stehen,  wenn  da  sie  aufsperrst  (eig.  ofFeo  stehst)  VIII^  49, 
14.  na  te  dämäna  gddbhs  nicht  können  deine  gaben  (die 
du  uns  zugedacht  hast)  verkürzt  werden  VIII,  21,  16.  nä 
ta  indra  sumatäjö  na  rija:  sanKakde  nicht  ist  dein  wohl- 
wollen, nicht  deine  schätze  zu  überschauen  YII,  18,  30i 
sadjä:  so  asja  mahimÄ  nk  sannape  durchaus  ist  seine  grölse 
nicht  zu  erreichen  VIII,  3,  10-  na  tat  te  agne  pramfäe 
nivartanam  nicht  darfst  du  deine  rückkehr  vernachlässigen 
III,  9,  2.  jamö  nö  gätüm  prathamö  viveda  näisi.  gavjütir 
äpabhartavä  u  Jamas  hat  uns  zuerst  den  weg  gefunden, 
dieses  Weideland  kann  uns  nicht  entrissen  werden  X,  14, 2. 
naklm  indrö  nikartav^  na  ^akrä:  pdripaktave  nicht  ist  In- 
dra zu  unterwerfen,  nicht  der  starke  zu  überwinden  VIII, 
67^  5.  n&  värtave  prasava:  s4rgatakta:  nicht  zu  wenden 
ist  der  schnelle  lauf  (der  flüsse)  III,  33,  4.  agn^r  iva  pra- 
sitir  niha  värtave  ja'- ja  ji^gan  krnut^  brahmanas  pati:  wie 
des  feuers  zug  ist  nicht  zu  hemmen  der^  welchen  zu  sei- 
nem freunde  macht  Brahmanaspati  11,25,3.  j&sjdmit&ni 
virjä'  na  rädha:  pdrjötav^  dessen  kraft  unermefslich  ist^ 
dessen  reichtum  nicht  zu  übertreffen  VIII,  24,  21.  na  tat 
te  sumn4m  äätav6  diese  deine  wohltat  ist  unerreichlich  IV, 
3U,  19.  nahi  gräbbäj&rana:  suf^vö  'nj6darjö  manasä  man- 
tavi  u  ein  tüchtiger  fremder  aus  anderem  blute  kann  nicht 
erlangt  werden,  nicht  einmal  in  gedanken  (nicht  einmal  ist 
daran  zu  denken)  VII,  4,  8,  vgl.  Roth  Nir.  III,  3.  Oft 
ist  der  dativ  zu  übersetzen  durch  ein  adjectivum  im  no- 
minativ  oder  accusativ.  tveäisö  agn^r  amavantö  arlcajö  bbi- 
m&sö  na  pratit4jö  scharf,  gewaltig  sind  die  flammen  des 
Agni,  furchtbar,  unnahbar  I,  36,  20.  jäd  bä'hiöthan  n4ti- 
vidhe  sudänü  akhidrä  ^arma  bhuvanasja  göpä  |  t^a  nö 
miträvarunav  avistam  welcher  der  festeste  nicht  zu  ver- 
letzende ununterbrochene  schütz  ist,  ihr  wohlspendenden 
Schützer  der  weit,  mit  dem  helft  ihr  uns,  Mitra  und  Va- 
runa  V,  62,  9.  sugöpÄ  asi  na  dabhäja  ein  guter  Schützer 
bist  du,  nicht  zu  täuschen  V,  44,  2,  vgl.  VII,  91,2.  IX, 
73,  8.  dvida^äran  nahi  tag  garäja  varvarti  l^akr&m  pari 
dj4m  ritäsja  das  zwölfspeichige  nicht  abzunutzende  rad 
dreht  sich   am  himmel  des  Opfers  I,  164,  11.     rbhuks&nan 


über  den  indogermanischeo,  speciell  den  Tedischen  dativ.  93 

ua  vartava  ukth^Su  tugrjävfdham  |  indrä  s6m€  sakä  sut^ 
den  Rbhukäan,  den  nicht  zu  hemmenden,  den  bei  den  Tu- 
grja  weilenden  Indra  (besinge  ich)  in  liedern  beim  soma 
Vm ,  45 ,  29.  Bei  dem  passiven  sinn,  den  diese  infinitive 
im  satze  bekommen,  ist  es  nicht  zu  verwundern,  wenn  bei 
ihnen  ein  instr.,  wie  auch  sonst  beim  passiven  verbum  auf- 
tritt, ja  €nam  ädidepati  karambh^d  iti  pu^anam  |  na  t^na 
deva  adi^e  wer  den  PüSan  aufruft  mit  dem  namen  „kohl- 
esser",  von  dem  ist  der  gott  nicht  aufzurufen  VI,  56, 1. 
asja  vratÄni  nidhfs6  pävam&nasja  düdhjä'  die  werke  des 
Pavamäna  sind  nicht  zu  überwinden  durch  den  bösen  IX,53, 3. 
nänj^na  st6mö  v&siäthä  äuvetavä  va:  nicht  von  einem  ande- 
ren ist  euer  lobgesang  o  Vasisthas  zu  erreichen  VII,  33,  8. 

Analog  dem  lateinischen  gebrauch  wird  auch  „dienen, 
gereichen  zu  etwas"  ausgedrückt  durch  as  mit  dem  dativ. 
Dabei  kann  derjenige,  dem  ein  gegenständ  zu  etwas  ge- 
reicht, im  genitiv  oder  auch  im  dativ  stehn.  asmÄkam  id 
vrdh^  bhava  uns  gereiche  zur  f5rderung  (diene  zu  unserer 
färderung)  I,  79,  11.  An  stellen  wie  I,  89,  5.  V,  51,  12. 
V,46,6.  VI,  15,  3.  VI,  46, 3.  VI,  46, 11.  VII,  24,1.  VIII, 
13,  3  ist  es  zweifelhaft,  ob  man  gen^  oder  dat.  annehmen 
soll.  Der  dativ  ist  deutlich :  &&  nö  harlnäm  pata  indö  deväp- 
sarastama:  |  s&kheva  säkhjä  närjö  Tv3t4  bhava  Indu  liebling 
der  götter,  herr  der  falben,  gereiche  uns  männlich  zum  lichte, 
wie  der  freund  dem  freunde  IX,  105,  5,.  vgl.  VIII,  27,  4. 

Von  allen  diesen  gebrauchsweisen  scheidet  sich  für 
unser  geflkhl  deutlich  ab  der  finale  dativ,  obgleich  auch 
dieser  sinn  des  dativs  aus  dem  grundbegri£P  der  neigung 
und  richtung  hervorgegangen  ist.  Als  einteilungsgrund  für 
das  weite  gebiet  des  finalen  dativs  bietet  sich,  so  weit  ich 
sehe,  nur  dar  die  engere  oder  entferntere  beziehung,  in 
welcher  der  dativ  dem  sinne  nach  zu  dem  satze  steht,  in 
dem  er  vorkommt.  In  dem  satze:  sv4disthä  dhltir  ulcAth&ja 
^asjatä  das  lioblichste  lied  wird  zum  preise  gesungen  I, 
110,  1,  oder:  dävas  tvastÄvase  i&ni  nö  dhät  der  gott  Tv. 
möge  uns  dies  zur  hülfe  geben  lU,  54,  12  steht  der  dativ 
offenbar  weniger  selbständig,  als  in  sätzen  wie  der  folgende: 
gdür  amimed  anu  vatsam  midintam  mürdh&nä  hinn  akrnön 


94  Delbrück 

m&tav4  u  die  kuh  blökte  nach  dem  kalbe  hin,  das  die 
äugen  aufschlägt,  sie  schreit  nach  seinem  köpfe  hin,  damit 
es  sie  erkenne  I,  164,  28  (vgl.  Roth  Nir.  XI,  42)  oder  asmä 
&pö  mätara:  sapti  tasthur  nrbhjas  t&räja  sindhava:  sa- 
p&r4:  ihm  standen  still  die  wasser,  die  sieben  mfltter, 
den  männern  die  leicht  passirbaren  ströme,  damit  sie 
sie  flberschreiten  könnten  Vm,  85,  1.  Ich  bespreche 
zunächst  diejenigen  finalen  dative,  welche  zu  dem  verbum 
des  Satzes  in  naher  beziehung  stehen,  weil  sie  den  besten 
anschluTs  an  die  erste  abteilung  des  dativs  gewähren, 
mufs  aber  bekennen,  dafs  es  mir  trotz  aller  mühe  nicht 
hat  gelingen  wollen,  eine  übersichtliche  gruppirung  zu  ge* 
winnen. 

Zuerst  mag  erwähnt  werden  der  finale  dativ  bei: 
gehen  (kommen),  aufstehen,  sich  setzen« 

^ndra  jähi  pitAjö  mädhu  ^aviätha  somj&m  komm  heran 
gewaltiger  Indra,  um  den  süfsen  somasaft  zu  trinken  VIU, 
33,  13,  vgl.  VII,  59,  5  et^  ^ukrisö  dhanvanti  sömä  d^va- 
sas  tin  üpa  jätä  pibadhjäi  hier  strömen  die  reinen  tränke, 
kommt,  ihr  götter,  zu  ihnen  heran,  um  zu  trinken  IX,  97, 
20.  i  häsÄsö  n4  ar^saräni  gantana  mädhör  mädäja  geht 
wie  Vögel  zum  neste,  um  euch  im  methe  zu  berauschen 
n,  34,  5.  4  nö  makhdsja  dävän^  '^väir  hiranjapänibhi :  | 
d^väsa  üpa  gantana  um  unseren  preis  zu  empfangen  kommt 
ihr  götter  heran. mit  den  goldhufigen  rossen  VHI,  7,27. 
dviääs  tar&dhjä  rnaj4  na  ijase  um  die  feinde  zu  überwin- 
den mögest  du  schuldrächend  zu  uns  kommen  IX,  110,  1. 
&thÖpa  präid  judhäjö  ddsjum  indra:  da  ging  Indra  vor,  um 
den  feind  zu  bekämpfen  V,  30,  9,  vgl.  V,  43,  8.  VI,  49,  5. 
X,  57,  4  u.  s.  w.  prä  pavamäna  dhanvasi  söm^ndrftja  p4- 
tave  du  strömst ^  o  flammender,  f&r  den  Indra,  damit  er 
trinke  IX,  24,  3,  vgl.  IX,  25, 1.  36, 3.  62, 8.  100, 5  u.  s.  w. 
pr&  sadam  It  sr4vitav6  dadhanju:  sie  quollen  hervor,  um 
in  einem  fort  zu  strömen  IV,  3,  12.  uK  khväitr^jö  nrlÄh- 
jäja  tasthäu  der  söhn  der  Qviträ  stand  auf  zum  beiden- 
kämpf  I,  33,  14.  üd  u  9rij&  uä&sö  roKamänä  &sthur  apä' 
nörmajo  rüpanta:  zum  glänz  erhoben  sich  die  leuchtenden 
morgenröten  wie  der  wasser  glänzende  wogen  VI,  64,  1. 


über  den  indogermanischen)  speciell  den  vedischen  dativ.  95 

ardhvas  tilthä  na  ütaje  erheb  dich  uns  zur  hülfe  I,  30,  6. 
ürdhv^va  snätf  drpäje  nö  asthät  wie  ein  badendes  weib  tritt 
sie  aufrecht  hin,  dafs  wir  sie  sehen  Y,  80,  5,  vgl  I,  123, 
11.  asm^  indra  84Kä  sut^  ni  öada  pltaj3  mädhu  bei  unse- 
rem opfer  setz  dich  nieder  o  Indra,  um  den  meth  zu  trin« 
ken  Vm,  86,  8,  vgl  I,  25,  10.  I,  45,  9.  II,  41,  21. 

Die  arme  ausstrecken,  nehmen,  zu  erlangen 
suchen  zum  zweck  einer  sache. 

vi^vasja  hi  ^rustaje  dSva  ürdhy&:  prä  bäbdvä  prthü- 
päni:  sisarti  zum  dienste  des  all  streckt  der  breithändige 
gott  aufrecht  seine  arme  aus  11,  38,  2.  grbhnÄmi  te  säu- 
bhagatväja  hästam  ich  ergreife  deine  band  zum  glQcke 
(spricht  der  gatte  bei  der  Vermählung  zur  gattin)  X,  85, 36. 
dhänur  hästäd  ädadänö  mrt&sjäsm^  käaträja  värkas6  baläja 
den  bogen  nehmend  aus  der  band  des  todten,  für  uns  zur 
herrschaft  zum  glänze  zur  kraft  X,  18,  9.  t&m  apsanta 
p&vasa  utsav^u  n&ro  n&ram  ivase  tan  dhänäja  ihn  (den 
Indra)  suchen  sie  zu  gewinnen  bei  den  Unternehmungen 
der  kraft,  die  beiden  den  beiden  zum  zweck  der  hülfe,  der 
beute  1, 100,  8,  vgl.  Vin,  49, 10.  21,  14.  24,  12. 

geboren  sein  zu,  stärken^  unterstützen, 
schmücken,    begeistern    zu    etwas. 

dasjuhatjäja  ^agnise  du  bist  geboren  zum  feindetöten 
I,  51,  6,  vgl.  IX,  94,  4.  &süta  pf^r  mahat^  ranäja  tv€d&m 
aj^&m  marütäm  änlkam  Pr^ni  gebar  die  glänzende  schaar 
der  behenden  Marutas  zum  grofsen  kämpfe  I,  168,  9.  ruk^ 
gananta  stirjam  sie  erzeugten  (gewannen)  die  sonne  zum 
leuchten  IX,  23, 2.  &gl^ana  Ööadhlr  bhö^anäja  k&m  du  hast 
die  kräuter  zum  genusse  hervorgebracht  V,  83,  10.  brah- 
m^a  indram  mahdjantö  arkäir  &vardhajann  ahaje  häntavd  u 
die  Sänger,  den  Indra  preisend  mit  ihren  liedern,  stärkten 
ihn  wegen  des  Abi,  damit  er  ihn  töte,  d.  h.  damit  er  den 
Abi  töte  (über  die  sog.  attraction  siehe  unten)  ¥,31,4, 
vgl  in,  52,  8.  VIII,  82,  7.  I,  4,  9.  devinäm  patnir  u^atfr 
avantu  na:  prävantu  nas  tngäjö  vÄ^asätaje  der  götter  feu- 
rige gattinnen  mögen  uns  schützen,  sie  mögen  uns  verhel- 
fen zu  nachkommenschaft  und  reichtum  V,  46,  7.  jäbbi 
ratham  ävatan  fpäi  (die  hülfen)  mit  denen  ihr  (unserem) 


96  Delbrück 

wagen  zum  siege  verbolfeo  habt  I,  112,  12.  Dieselbe  cod- 
struction  bei  p&  helfen:  tan  ma  rtam  p&tn  9at49ära€[&)a  die- 
ses Opfer  schütze  mich,  so  dafs  ich  hundertjährigkeit  er- 
lange VU,  101,  6.  eta'  tja  haritö  dä^a  marmrgjante  apa- 
sjüva:  I  j4bhir  midäja  ^ümbhate  diesen  (den  trank)  machen 
die  zehn  geschäftigen  mit  somasaft  gef&rbten  (finger)  zu- 
recht, durch  welche  er  geputzt  wird  zum  zwecke  des  rau- 
sches  IX,  38,  3,  vgl.  IX,  2,  7.  I,  130,  6.  Kiträir  an^ibhir 
yapuSe  vj  ängatg  mit  buntem  schmucke  schmücken  sie  (die 
Marutas)  sich  um  schön  zu  sein  I,  64,  4,  vgl.  VII,  57,  3. 
VIII,  7,  25.  IX,  45,  3.  IX,  109,  20.  -  s4  im  mamäda  mÄhi 
kärma  kartavö  (der  soma)  hat  (Indra)  begeistert,  die  grofse 
tat  zu  tun  n,  22,  1 ,  vergl.  I,  139,  6.  I,  176,  1.  IX,  81,  1. 
h^rsasva  häntave  9üra  ^Ätrün  begeistre  dich  o  held  die 
feinde  zu  töten  X,  112,  1,  vergl.  IV,  21,  9.  VIII,  19,  29. 
Daran  läfst  sich  anschliefsen  der  dativ  des  Zweckes  bei 
dem  verbum  trinken:  pibä  s6mam  m&däja  kam  trinke  den 
soma  zum  rausche  VIII,  84,  3,  vgl.  I,  130,  2.  II,  19,  1  etc. 
t4n  indra  sahasS  piba  trinke  die^e  (tränke)  o  Indra  zur 
Stärkung  I,  16,  6,  vgl.  VII,  98,  3.  III,  32,  5.  IX,  109,  2.  tri 
6äk4m  indrö  manusa:  säräsi  sutam  pibad  vrtrahätjäja  sö- 
mam  drei  kufen  des  mannes  trank  Indra  auf  einmal,  den 
geprefstcn  soma  trank  er  zur  vrtrascblacht  V,  29,  7.  pibä 
sömam  mahatä  indrijäja  pibä  vrträja  hantav^  trink  den 
soma  zu  grofser  kraft,  trink  ihn  des  Vrtra  wegen,  um  ihn 
zu  töten  X,  116,  1. 

heranbringen,  knüpfen  und  lösen,  rufen,  an- 
flehen zu  einem  zwecke. 

jkt  te  jamä'  väivasvat4m  mänö  ^ag4ma  dürakam  |  tat 
ta  4  vartajäma8lh4  ksajäja  glv46e  deine  seele  die  weithin 
gegangen  war  zu  Jama  Väivasvata,  die  bringen  wir  wieder 
heran,  damit  sie  hier  wohne  und  lebe  X,  58,  1 ,  vergl.  III, 
37,  1 .  Vin,  58,  1 7.  indram  itth4  giro  m4m4chägur  iditä 
it4:  I  ävrte  sömapitaje  zum  Indra  vor  allen  gingen  meine 
lieder,  die  von  hier  entsendeten,  um  ihn  her  zu  bringen, 
damit  er  soma  trinke  III,  42,  3. 

knüpfen  und  lösen:  väjür  junkte  röhitä  vajür  arunÄ 
väjti  r4the  agir4  dhuri  völhavg  Väju  schirrt  die  roten,  die 


ttber  den  indogeraMnischeo,  speciell  vedischan  datir.  97 

glänzenden  die  schnellen  an  das  jocb  zom  fahren  1, 1349  3* 
^ukta  sdra  ^ta^m  pdvamänö  manav  idhi  |  antarikfiena  j4* 
tave  Süra  schirrte  das  rofs  an,  flammend  über  den  men- 
schen, um  durch  die  luft  hin  zu  wandeln  TX^  63,  8,  vergl. 
I,  48,  4.  1, 157,  1.  I,  87,  3.  II,  18,  3.  III,  50,  2  etc.  jdtbft 
jugä'  varatr&jä  n&hjanti  dharünäja  kam  |  €vä  dädhära  te 
manö  givitavS  nk  mrtj&v^  Hhö  ariät&tätaj^  wie  sie  das  joeh 
festigen  mit  einem  seile,  damit  es  halte,  so  habe  ich  deine 
seele  festgehalten,  damit  sie  lebe,  nicht  sterbe,  vielmehr 
damit  sie  unverletzt  sei  X,  60,  8.  ava  sja  9ür4dhvanö 
ninte  'smin  nö  adja  sivan^  mandadhjäi  spanne  aus  o  beld 
wie  am  ende  des  weges,  damit  du  dich  an  unserem  beuti- 
gen opfer  ergötzest  IV,  16,  2.  munkämi  tvä  havidä  gfva- 
nfija  kam  agnätajaksmät  utk  rägajakdmdt  ich  löse  dich 
mit  dem  opfer  damit  du  lebest,  von  anschwelluog  und  ab- 
zehrung  (nach  Grohmann  Webers  ind.  stud.  IX,  400)  X, 
161,  1.  jat  sim  4nu  pr&  mulkd  badbadh&nä  dlrgham  anu 
prasitl  sjandaj^dhjäi  als  du  die  gefesselten  (wasser)  befrei- 
test, damit  sie  den  langen  weg  hin  flöfsen  IV,  22,  7. 

rufen:  indram  prätar  hav&maha  indram  prajatj  ädhvarej 
indrä  sömasja  pitajö  den  Indra  rufen  wir  in  der  frohe,  den 
Indra  wenn  das  opfer  vorwärts  geht,  den  Indra  damit  er 
soma  trinke  I,  16,  3,  vgl  1, 4,  1.  I,  19,  1.  I,  21,  3  und  oft. 

loben,  preisen:  ta  hi  ^äpvanta  flate  sruki  deva 
ghrta^küta  |  agnl'  havjdja  völhave  ihn  flehen  sie  fortwäh- 
rend an  mit  dem  buttergiefsenden  opferlöffel,  den  Agni  um 
des  Opfers  willen,  damit  er  es  (zu  den  göttern)  führe  V, 
14,  3.  kirip  Kid  dhi  tv4m  fttö  dütjäja  der  Sänger  erbittet 
dich  zum  botenthum  (bittet,  dafs  du  sein  böte  seiest)  VIII, 
92,  13.  tarn  it  sakhitvÄ  Imahö  ta'  räj^  tä'  suvfijä  ihn  er- 
bitten  wir  zur  freundschaft  (loc),  zum  reichtum  (dat.),  zu 
heldentum  (loc.)  I,  10,  6.  tv4m  Imahe  ^atakratö  |  indra 
vrtr^ja  hantav^  dich  flehen  wir  an  o  weiser,  Indra  um  des 
Vrtra  willen,  damit  du  ihn  tötest  III,  37,  6,  vgl.  5.  agni' 
dviiö  jötaväi  nö  grnimasj  agnl'  9a'  j6q  Ra  dätavö  den  Agni 
flehen  wir  an,  unsere  feinde  zu  entfernen,  und  gutes  za 
spenden  VHI,  60,  15,  vergl.  IV,  32,  9-  X,  74,  6.  I,  3^,  13. 
katj  agndja:  k4ti  stirjfisa:  kätj  uädsö  k&tj  u  svid  4pa:  |  n6- 

Zeitachr.  f.  vgl.  sprachf.  XVIII,  2.  7 


98  Delbrflck 

paspl^a  ya:  pitar5  vad&mi  prKb^mi  va:  kavajo  vidmAnö 
k&m  wie  viel  sind  der  feuer,  wie  viel  der  sonnen,  wie  viel 
der  morgenröten,  wie  viel  doch  der  wasser?  nicht  zum  f&r- 
witz  frage  ich  euch  ihr  vftter,  ich  frage,  um  es  zu  erfahren 
X,88,  18,  vgl.I,  164,6. 

Scblierslich  mögen  sich  einige  belege  anreihen  fCir  den 
oft  vorkommenden  fall,  dafs  ein  dativ  in  nahem  Verhältnis 
zu  einem  verbum  und  einem  davon  abhängigen  Substantiv 
steht,  tübhjam  .  .  •  dbasi'  hinvantj  attave  dir  bringen  sie 
speise  zum  essen  VIII,  43,  29.  tvam  purd  sahasräni  ^at&ni 
Ka  jüth4  dänÄja  mähase  du  mögest  uns  viele  tausende  und 
hunderte  von  herden  zum  geschenke  geben  VIU,  50,  89 
vgl.  VI,  45,  32.  tva  söma  mah^  bhagä  tva  jdna  rtäjat^ 
I  dakfö  dadhäsi  glvasd  du  o  Soma  giebst  dem  alten  opfe- 
rer glück  und  dem  jungen,  du  giebst  kraft  zum  leben  I, 
91,  7.  bh&gö  arjamÄ  savitÄ  pürädbir  mahjä  tvädur  g&r- 
hapatjäja  devd:  Bh.  A.  S.  P.  die  götter  gaben  dich  mir, 
damit  du  die  herrin  des  hauses  seist  X,  85,  36.  9a'  na: 
kä^tram  urü  gjötrsi  söma  gjön  na:  sdijä  dr^äje  rinhi  gieb 
uns  heilsam  weiten  Wohnsitz,  lieht  o  soma  und  lange  die  sonne, 
damit  wir  sie  schauen  IX,91,6,  vgl.  11,27,  10.  devä  na  aju: 
pra  tirantu  glv&sö  die  götter  mögen  unsere  zeit  verlängern^ 
dafs  wir  leben  (oder,  indem  mau  glväsö  noch  näher  mit  Äjus 
verbindet,  „unsere  lebenszeit")  I,  89,  2,  vgl.  1,  44,  6.  VIII, 
18,  18  und  22.  VIII,  48,  4.  X,  14,  14  etc.  jdnis  ta  indra 
nij&dö  akäri  ein  platz  ist  dir  bereitet  zum  niedersitzen  1, 
104,  I.  urü  nas  tanv^  tana  urü  käajäja  nas  krdhi  |  urü 
nö  jandhi  glvase  räum  schaff  fOr  uns  und  unsere  kinder, 
räum  ftkr  unsere  wohnung,  räum  auf  dafs  wir  leben  VIII, 
57,  12.  pfirvfr  hi  te  srutäja:  sänti  jdtave  viele  pfade  sind 
dir  zum  gehen  IX,  78,  2.  sugdn  pathö  akrnön  nirÄ^e  gä: 
wol  gangbar  machte  er  die  pfade,  um  die  kahe  herauszutrei- 
ben m,  30,  10,  vgl.  I,  113,  16.  IV,  37,  7.  VII,  44,  5.  Vffl, 
5,  9.  VIII,  7,  8.  VIII,  45,  30.  X,  75,  2.  X,  108,  6.  gj6tir 
andhdja  kakrathur  vik&kse  licht  habt  ihr  dem  blinden  ge- 
flacht zum  sehen  I,  117,  17.  abhi  västrä  suvasan^nj  arää- 
bhi  dh^nü:  sudüghä:  püjamäna:  |  abhi  kandri  bhartave  nö 
hiranjä  ströme  uns  flammend  zu  (o  gott  Soma)  schön  ein«- 


aber  den  indogeiin«iiiseheii,  specieU  vediachen  dstir.  99 

hflllende  kleider,  schön  milchende  kflhe,  glänzenden  gold- 
schmnck  zum  tragen  IX,  97,  50. 

An  diese  aufzählung  von  beispielen  knClpfe  ich  einige 
allgemeinere  methodische  bemerkungen,  um  schliefslich  Ober 
den  dativ  des  griechischen  lateinischen  und  deutschen  ein 
paar  worte  zu  sagen. 

Der  ausdruck  „grundbedeutung^,  den  ich  oben  p.  82 
gebraucht  habe,  ist  ebenso  wichtig  als  vieldeutig  und  bedarf 
also  einer  genaueren  definition.  Man  hat  sich  der  ursprflng- 
lichen  bedeutung  der  casus  modi  und  tempora  auf  versciiie- 
denen  wegen  zu  nähern  gesucht.  Der  erste  war  der  philo- 
sophisch-construierende.  Er  ist  heut  zu  tage  unbetreteo. 
Bs  ist  nicht  mehr  nöthig,  gegen  diejenigen,  die  nur  eine 
bestimmte  zahl  von  casus  als  möglich  aufstellten,  und  je- 
dem casus  in  diesem  Schema  seinen  platz  anwiesen,  zu 
polemisieren.  Eine  zweite  art,  den  grundbegrifTen  auf  die 
spur  zu  kommen,  ist  durch  die  vergleichende  formenlehre 
nahe  gelegt.  Man  zerlege  die  casusform  in  ihre  bestand- 
theile  und  bestimme  vermittelst  der  etymologie  den  sinn, 
den  die  form  haben  kann.  Wenn  der  zustand  unserer  ety- 
mologischen kenntnisse  eine  solche  erklärung  der  casusfor- 
men  gestattete,  so  wäre  gegen  diese  methode  nichts  einzu- 
wenden, aber  leider  wissen  wir  Ober  diejenigen  elemente, 
die  aus  dem  thema  die  casus  bilden,  aufserordentlich  we- 
nig, und  sind  also  factisch  nicht  im  stände,  der  syntax  von 
Seiten  der  etymologie  zu  hOlfe  zu  kommen.  Mithin  sind 
wir  ftkr  unseren  zweck  angewiesen  auf  beobachtung  des 
Casusgebrauches.  Aus  dem  gebrauche  nun  hat  man 
wol  versucht,  den  eigentlichen  sinn  eines  casus  derart  zu 
ermitteln,  dafs  man  die  einzelnen  ftlle  nebeneinander  stellte, 
das  verwandte  zu  umfangreicheren  und  inhaltsloseren  be- 
grifTen bereinigte,  und  so  einen  logischen  Schematismus 
aufbaute,  dessen  spitze  irgend  eine  allgemeine  kategorie 
wie  causalität  Wechselwirkung  und  ähnliche  bildet.  Auf 
diesem  logisierenden  wege  ist  es  vielleicht  möglich,  für 
mehrere  (nicht  ttiv  alle)  casus  eine  ganz  allgemeine  kate- 
gorie zu  finden,  aber  die  erkenntnifs  der  sprachlichen  Vor- 
gänge gewinnt  dabei  nicht,  da  es  natürlich  nie  anzunehmen 

7* 


100  Delbittek 

ist,  dafs  einem  aprechenden  voIke  bei  dem  gebrauch  seiner 
oasos  solche  philosophische  allgemeinheiten  im  bewuistseiii 
geschwebt  hätten.  Man  darf  vielmehr  aus  der  gebraucha- 
weise  eines  casus  seinen  grundbegriff  nur  zu  eruieren  Sa- 
chen auf  dieselbe  weise,  wie  man  die  grundbedeutung  je- 
des Wortes  zu  finden  sucht:  auf  historischem  wege.  £a 
handelt  sich  nicht  darum ,  den  höheren  begriff  zu  findeuj 
unter  den  die  einzelnen  gebrauchsweisen  sich  logisch  ein- 
ordnen lassen,  sondern  den  historischen  ausgangspunkt,  von 
dem  die  bedeutungsentwickelung  anhebt  Um  diesen  punkt 
zu  finden,  dazu  verhilft  bekanntlich  bei  einer  menge  von  wer- 
tem die  directe  oder  indirecte  Überlieferung.  Bei  andern  ist 
man  lediglich  auf  die  allgemeine  erfabrung  angewiesen, 
dafs  sich  begriffe  aus  anschauungen ,  nicht  anschauungen 
aus  begriffen  zu  entwickeln  pflegen.  Die  am  meisten  sinn- 
liche bedeutung  hat  im  allgemeinen  das  präjudiz  für  sich, 
die  ältere  zu  sein  (vgl.  G.  Curtius  grundz.  p.  87  flgd.). 

Wenn  man  nach  diesen  grundsätzen  den  gebrauch 
eines  casus  behaudelt,  kommt  man  auf  einige,  günstigenfalls 
auf  einen  begriff,  an  welchen  der  übrige  gebrauch  sich  an- 
geschlossen haben  muis.  Diese  älteste  erreichbare  bedeu- 
tung eines  casus,  gleichviel  ob  aus  einem  oder  mehreren 
b^riffen  bestehend,  nennen  wir  seinen  grundbegriff*.  Da- 
mit ist  natürlich  nicht  gesagt,  dafs  dieser  grundbegriff  dem 
casus  anhaftete,  als  die  casusform  geschaffen  wurde,  son- 
dern nur,  dafs  es  jetzt  nicht  gelingt,  weiter  in  die  ge- 
schichte  des  casus  vorzudringen,  als  bis  zu  diesem  oder 
diesen  begriffen. 

Was  nun  speciell  den  dativ  betrifil,  so  haben  hoffent- 
lich die  angeführten  beispiele  bewiesen,  dafs  man  als  grund- 
begriff des  vedischen  dativs  aufstellen  mufs,  „die  körperliche 
neigung  nach  etwas  hin^.  Und  dieses  scheint  a«ch  der 
grundbegriff  des  dativs  überhaupt  zu  sein.  Der  dativ 
scheint  in  der  that  als  der  Vertreter  einer  körperlichen  be- 
weguog  des  sprechenden  aufgefai'st  werden  zu  müssen.  Ich 
versuche  die  entstehung  des  dativs  an  einem  phantasierten 
falle  deutlich  zu  macheu.  Gesetzt,  in  der  wurzelperiode 
der  indogermanischen  spräche  habe  jemand  einem  andern 


ttber  den  indogermanisdieB,  speciell  Tedischen  datir.  101 

erziblen  wollen  „Ich  habe  dem  manne  das  gold  gegeben^. 
Es  standen  ihm  drei.^wnrseln^  mit  dem  sinne  mann  gold 
geben    zur   verfOgung.     Die   Verbindung,   in  welche  diese 
wurzeln   dem   sinne  nach  treten,    wurde  nicht  sprachlich 
aosgeddlckt,  sondern  durch  gesticulationen  angedeutet,  um 
zu  zeigen,  dafs  von  ihm  selbst  die  rede,  deutete  der.  Spre- 
cher  auf  sich,   die  grölse  des  überreichten  g^enstandes 
beschrieb  er  mit  den  händen,  und  auch  der  mann  figurierte, 
wenn   auch   nicht  in  person,   sondern  vertreten  vielleicht 
dorch  den  angeredeten,  oder  wenigstens,  indem  ein  fleck 
der  erde  bezeichnet  wurde,  wo  er  befindlich  gedacht  wer- 
den sollte.    Man  kann  das  auch  so  ausdrflcken:  die  erzäh- 
Inng   war  urspünglich  eine  scenische  darstellung  des  ge- 
schehenen, bei  der  die   phantasie  die  fehlenden  dinge  als 
gegenwärtig  zu  denken  aufgefordert  wurde.    Es  werden  in 
der  erzAhlung  anch  die  gesten  der  handlung  reprodnciert, 
also  auch  die  bewegung  des  gebens  nach  dem  fingierten 
empf&nger   hin   wiederholt.     Bei   dieser   bewegung   stellte 
sich,  gerade  weil  sie   selbst  durch   den  mangel  eines  em- 
pfiUigers  wenig  sprechend  war,  ein  laut  oder  lautcomplex 
ein  (nach  welcher  association  zwischen  laut  und  körperli- 
cher bewegung,  wissen  wir  nicht).     Dieser  laut  oder  laut- 
complex begleitete  und  vertrat  die  bewegung,  er  wurde, 
wie  wir  uns  modemer  ausdrücken  würden,  eine  praeposition 
mit  der  bedeutung  „nach  etwas  hin  geneigt^.   Diese  prae- 
position trat  hinter  das   wort  mann,  und  als  dieses  sich 
mit  der  zeit  zu  einem  nominalthema  gestaltet  hatte,  wuchs 
es  mit  ihm  zusammen,  und  die  so  entstandene  form  nennen 
wir    dativ.     Die  form  dieser  praeposition  könnte,   nach 
dem  sing,  zu  schliefsen,  ai  gewesen  sein.  Was  dem  dat.  plur. 
nnd  dual,  zu  gründe  liegt,  ist  noch  nicht  hinreichend  er- 
mittelt (vgl.  Curtius  Chronologie  72  flgd.). 

Dieser  grandbegriff  wie  er  sich  aus  der  betracbtung 
des  vedischen  dativs  ergiebt,  ist  zugleich  der  gmndbegriff 
des  indogermanischen  dativs,  denn  er  ist  so  einfach  und 
ursprünglich,  dafs  ihm  kein  anderer  vorausgegangen  sein 
kann.  Auf  denselben  grandbegriff  würde  man  auch  durch 
die   betracbtung   des   lateinischen    dativs   gekommen  sein. 


102  Dfabrttck 

Der  sog.  dativ  des  griechischen  and  deutsehcn  sind  za- 
sammengesetzte  casus,  wie  ich  in  meiner  schrift  ,,abL  loc«^ 
etc.  erwiesen  habe.  Ob  der  lateinische  einfach  oder  zcft- 
sammengeselzt  sei,  war  ohne  die  vergleichung  mit  dem 
vedischen  nicht  zu  bestimmen.  Schon  daraus  allein  ergiebC 
sich  die  richtigkeit  von  Miklosich^s  behauptung:  ^dw  alt- 
indische erweist  sich als  der  wahre  ausgangs- 

punkt  f&r  die  syntax  der  arischen  (d.  i.  indogermanischen) 
sprachen^  (M.  der  praepositionslose  k>cal  in  den  slaviseben 
sprachen.  Wien  1868;  besond.  abdruck  aus  den  sitzung&* 
her.  nov.  1867  p.  26).  Ist  aber  der  vedische  gebrauch  der 
ausgangspunkt  ftkr  das  verständnifs,  insofern  er  allein  die 
richtige  anordnung  an  die  band  giebt,  so  ist  er  auch  am 
besten  der  ausgangspunkt  für  die  darstellung.  Dazu  kommt^ 
dafs  wenigstens  in  betreff  des  abl.  loc.  instr.,  wie  ich  glaube, 
aus  dem  vergleich  mit  denselben  casus  in  anderen  sprachen 
erwiesen  ist,  dafs  die  vedischen  casus  dem  ursprünglichen 
bei  weitem  treuer  geblieben  sind,  als  die  casus  der  ver* 
wandten  sprachen.  Aus  diesem  gründe  erscheint  mir  meine 
hypothese^  dais  die  vedischen  casus  ungefähr  denselben 
syntactischen  umfang  hatten  wie  die  indogermanischen  (abl. 
loc.  instr.  p.  75)  wol  begründet*).  Und  darum  ist  denn 
auch  der  gebrauch  des  vedischen  dativs  in  dieser  abhand- 
lung  vorangestellt. 

£s  ist  noch  übrig,  einiges  Ober  den  dativ  im  griechi- 
schen, lateinischen  und  deutschen  zu  sagen.  Ich  habe 
schon  abl.  loc.  instr.  73  darauf  aufmerksam  gemacht,  dafs 
der  griechische  dativ  oder  vielmehr  localis  aus  dem  lo- 
calen,  dem  instrumentalen  und  dem  reinen  dativ  besteht, 
und  die  paragraphen  in  Curtius  grammatik  bezeichnet,  die 
den  reinen  dativ  behandeln.    Mit  gröfserem  rechte  als  der 

*)  Schweizer  in  d.  zeitschr.  XYII,  802  meint,  ich  »glanbe  einfach  an- 
nehmen zn  dürfen,  dafs  die  indogermanischen  casas  die  bedentangen  von 
anfang  an  gehabt  haben,  weh  he  sieh  aus  deren  gebrauch  im  reda  eruieren 
lassen**  Dabei  ist  mein  ungefähr  unbeachtet  gelassen,  und  das  ^yon  an- 
fang an**  mifsverstttndlich.  Ich  habe  nur  sagen  wollen,  dafs  die  casus  im 
ganzen  und  grofsen  denselben  bedeutnngsumfang  in  der  periode  dicht  vor 
der  volJcertrennung  gehabt  zu  haben  scheinen.  Von  dem  sinne  der  ca- 
sus in  einer  noch  älteren  zeit  der  indogermaniachen  spräche  habe  ich  nicht 
gesprochen. 


ttber  den  radogeraanischeii,  speciell  vedischen  dfttiv.  103 

gewöhnlich  so  genannte  dativ  wird  dem  altindisohen  dativ 
parallelisiert  der  griechische  infinitiv.     Wenigstens  scheint 
mir  das  eine  fest  zu  stehen,  dals  die  inf.  auf  '/iBvai  dative 
von   neutralen  Substantiven,  nicht  loc.  von  femininen  sind. 
Es  scheint  mir  in  der  that  nicht  der  geringste  grund  vor- 
zuliegen, warum  man  das  homerische  iöfisvai  anders  auf* 
&S8en  soll,  als  das  vedische  vidm&ne  (vgl.  aufser  den  oben 
angeführten  stellen  von  Benfey  und  Kuhn  auch  Grafsmann 
zeitschr.  XII,  255).   Man  darf  also  die  Infinitive  auf  -usvai 
sicher  mit  den  vedischen  dativ- infinitiven  vergleichen,  die 
flbereinstimmung  des  gebrauches  ist,  wie  man  sich  leicht 
flberzeugen  kann,  in  der  that  grofs.   Auch  darin  Iftfst  sich 
der  gebrauch  vedischer  und  griechischer  infinitive  veif^Iei- 
chen,  dafs  in  beiden  sprachen  der  infinitiv  im  sinne  des 
imperativs  gebraucht  werden  kann.    Z.  b.  tä'  vö  dhiji  n&- 
yjas)&  ^viätam  pratniun  pratnav&t  paritasaj&dhjfii  den  kräf- 
tigen setzt  in  bewegung  mit  eurem  neuesten  Hede,  den  al- 
ten auf  alte  weise  VI,  22,  7.     süktdbhir  vö  v&Köbhir  dev&- 
guätllir  indrft  nv  kgnt  ivas^  huvadhjäi  mit  euren  gesängen, 
euren  gottgefälligen  gebeten  ruft  Indra  und  Agni  her  zu 
bOlfe  V,  45,  4.    Im  sinne  der  ersten  pers.  plur.  des  imper. 
a(^ä  n4  tvä  vdravantä  vandädhjä  agnf  namöbhi:   wie  ein 
langgeschweiftes  rofs  wollen  wir  dich  loben  o  Agni  I,  27, 1, 
vielleicht  im  sinne   der  ersten  sing.  VI,  67,  1.     Ueberall 
erscheint  nur  der  inf.  auf  -dhjäi,  im  griech.  sowol  der  auf 
'(f&ai  z.  b.   Ilias  V,  124,  als  der   auf  -eiv.     Der  inf  auf 
-dhjäi  ist  sicher  ein  dativ  (zeitschr.  III,  360).     Auch  die 
(^echischen  auf  -^ai  (Max  MOller  zeitschr.  XV,  220)  oder 
"if&ai  sind  dative.    Die  griech.  auf  -eiv  weifs  ich  nicht  zu 
eiklftren.   Mögen  sie  nun  acc.  sein  (zeitschr.  XI,  317)  oder 
dative  mit  verkürzter  endung  wie  Schleicher  comp.  p.  426 
annimmt',  oder  endlich   locale,   wie  neuestens  Scberer  zur 
gesch.  d.  d.  spr.  474  aufstellt  {tpkotiv  aus  ffiQtn  loc.  eines 
neutrums)  —  jedenfalls  stammen  sie  von  einem  casus,  der 
die  richtung  nach  etwas  hin   ausdrücken  kabn,   und   aus 
chesem  sinne  des  casus  erklärt  sich  auch  der  imperativische 
gebrauch    des    infinitivs.     Ueber    denselben    gebrauch    im 
deutschen  Grimm  IV,  86. 


104  Delbrftdi 

In  dem  lateinischen  dativ  ist  eine  formelle  misohong 
mit  dem  loc.  eingetreten,  syntactisch  aber  scheint  er  rein 
zu  sein.  Die  bedeutungen  des  alten  localis  sind  vertreten 
teils  durch  den  in  resten  erhaltenen  alten  localis,  teils  durch 
den  ablatiT  (verf.  abl.  loc.  instr.  p.  72).  Es  schrint  also, 
daCs  der  ganze  dativ  des  lateinischen  zur  vergleichung  mit 
dem  vedischen  herangezogen  werden  dürfe.  Dafs  auch  die 
lat«  infinitive  anf  -re  dative  und  zwar  von  subst.  anf  -as 
sind,  ist  jetzt  wol  allgemein  anerkannt  (Schleicher  comp. 
472).  Auch  die  lat.  iiif.  finden  daher  ihre  erklämng  nur 
rom  dativ  aus.  Als  interessant  f&r  die  lateinische  syntar 
ist  mehrfach,  z.  b.  von  Benfey  kurze  skr.  gr.  p.  237,  die  sog. 
attraction  bei  dem  vedischen  dat.-inf.  bezeichnet  worden. 
Er  sagt  darüber:  „bei  den  als  inf.  gebrauchten  dativen  steht 
überaus  häufig  das  von  ihnen  abhängige  nomen  ebenfalls 
im  dativ,  worin  deutlich  der  innige  begriffliche  zusammeo- 
hang  zwischen  dem  infin.  und  dem  partic.  fat.  pass.  (ge- 
rundivum),  wie  er  am  stärksten  im  lateinischen  hervorbricht, 
zu  erkennen  ist,  z.  b.  vrträja  hantave  Vritrae  occidendo 
(ad  Vritram  occidendum),  tamas^  viprke  tenebris  dividendis 
[IV,  13,  3],  drpe  vi^väja  gewissermafsen  omni  videndo  (ad 
omne  videndum)  [I^  50,  1,  vgl.  Sonne  zeitscbr.  XII,  357]^. 
vergl.  auch  Roth  Nir.  IV,  18  und  VII,  25.  Ich  glaube 
nicht,  dafs  man  in  der  mehrzahl  der  hierher  gehörigen  ftlle 
ein  recht  hat  von  attraction  zn  sprechen,  vielmehr  glaube 
ieh,  dafs  vrträja  hantave  zu  übersetzen  ist  „des  Vrtra  we- 
gen, damit  du  ihn  tötest^,  so  dafs  jeder  der  beiden  dative 
selbständig  zu  seinem  rechte  kommt.  Diese  auffassung 
pafst  auf  alle  fHlle,  in  denen  der  dativ  vor  dem  inf.  steht^ 
und  diese  sind  weitaus  in  der  überzahl,  z.  b.  111,29,4. 
in,  37,  5  und  6.  V,  2,  9  und  10.  V,  14,  3.  V,  3S  4.  VIH, 
82,  7.  VIII,  85,  5.  IX,  61,  22.  IX,  86,  20.  X,  16,  12.  X, 
116,  1.  X,  182,  3  u.  a.  m.  Dagegen  scheint  in  den  weit 
selteneren  fällen,  wie  t^v  asmäbhjä  drpdjs  stirjäja  pünar 
dätäm  asum  adjeh&  bhadr4m  mögen  die  beiden  uns  beute 
wieder  frohen  lebensodem  verleihen,  dafs  wir  die  sonne 
schauen  X,  14,  12  und  X,  88,  1  (Itoth  Nir.  VII,  25)  aller- 
dings   eine  art  attraction   vorzuliegen.    Doch  trägt  diese 


über  den  indogermanisclien,  speciell  vedischen  dativ.  105 

SO  weit  ich  sehe  zur  aufklftrung  des  latein.  genindivums 
nichts  bei. 

In  dem  casus,  den  man  im  deutschen  mit  dem  na* 
men  dativ  zu  bezeichnen  pflegt,  sind  vier  indogermanische 
casus  vereinigt,  nämlich  der  dativ,  localis,  Instrumentalis, 
ablativ.  Nur  indem  man  den  dativ  in  diese  vier  bestand- 
tbeile  scheidet,  vermag  man  ihn  durchsichtig  darzustellen, 
was  A.  Köhler  in  PfeiflPers  Germania  XI  ^  260  flgd.  nicht 
getban  hat.  Aus  Grimms  darstellung  des  dativs  gehören 
som  reinen  dativ  folgende  partien:  IV  p.  684  no.  1,  2,  3, 
4  —  p.  691.  No.  5  auf  p.  691  gehört  vielleicht  zum  theil 
zum  localis  (vgl.  abl.  loc.  instr.  38  und  74).  Femer  gehört 
xnm  dativ  no,6— 18  und  p.746  A.  B  1—5,  7,8,9  vielL  10. 
Echte  dative  aus  dem  angelsächsischen  und  altnordischen, 
die  dem  grundbegriff  des  dativs  noch  ganz  nahe  stehen, 
fahrt  Dietrich  Haupts  zeitschr.  XIII,  128  flgd.  an. 

Ob  die  Urform  des  deutschen  infinitivs  ein  aec.  dat. 
oder  loc.  gewesen  sei,  ist  nicht  deutlich,  er  ist  also  nicht 
so  sicher  mit  dem  vedischen  dat-inf.  zu  vergleichen,  wie 
der  griechische  und  lateinische. 

Auffallend  ist,  dafs  mit  dem  dativ  weder  im  sanskrit 
noch  im  lateinischen  praepositionen  verbunden  werden. 
Ebenso  wenig  im  griechischen,  denn  bei  kv^  dva^  ^f^^fA 
ini,  nagd,  nBQt^  ngog^  vno  steht  nicht  der  eigentliche,  son- 
dern der  locale  dativ,  bei  övv  und  jusra  der  instrumentale. 
Von  den  gotischen  praepositionen  die  mit  dem  dativ  ver- 
banden werden,  verlangen  den  ablativischen  dativ:  af,  us, 
faora,  fram,  alja,  vielleicht  die  comparativischen  afar,  hin- 
dar,  ufar,  ufaro,  undaro,  obgleich  man  bei  ihnen  auch  an 
den  localis  denken  könnte;  den  localis:  ana,  at,  bi,  in,  uf; 
den  instrum.:  mip.  Für  den  reinen  dativ  bleiben  nur  du 
und  die  späte  praeposition  nehva.  Im  litauischen  ist  eben- 
falls nur  eine  praeposition  der  Verbindung  mit  dem  dativ 
Ahig,  nämlich  po  (Schleicher  291).  Häufiger  ist  diese 
Verbindung  im  zend  (nach  Justi  bei  aibi,  avi,  ä,  pairi,  mat). 
Bedenkt  man  aber  die  wahrhaft  erschreckende  liste  von 
casu8-„umtanschungen^  bei  Justi  p.  386,  so  kann  man  sich 
der  meinung  nicht  erwehren,  dals  im  zend  der  casusge* 


106  WUbmndt 


brauch   Oberhaupt  in  unordoung  gerathen  ist«     Bei  diesem 
Stande  der  sache  wird  es  wahrscheinlich,  dafs  der  indoger- 
manische dativ  nicht  mit  praepositionen  verbunden  wurde. 
Halle,  juli  1868.  B.  Delbrflck. 


Jubere. 

Mancher  stamm   und    manche  wurzel  des  lateinischen 
zeigt  uns,  wie  leicht  der  lippenselbstlaut  den  entsprechen- 
den hauch  hervortreibe,  wie  leicht  u  v  doch  wiederum  sich 
dissimilire.     Wie  neben,  ja  schon  vor  vacuus  (Accius)  va- 
clvus  (Plaut.)  erscheint,  neben  nocuus  (Ovid.)  kaum  jünger 
nocivus  (Phaedr.),  wie  neben  deciduus  (Laber.)  decidivus 
(?  Perv.  Veneris),  so  sehen  wir  von  Status  nicht  blofs  sta- 
tua  (Bnn.;    doch  wohl   imago  statua  eig.)^    sondern  schon 
bei  Varro  stativus.     Auch  ohne  dafs  ich  noch  ruvidus  bei 
Plin.  (Forcell)  von  ruere  neben  nvus  anftkhre  (sollte  dies 
auch   von  sru  stammen,   zeitschr.  XII,  413),   erräth  man, 
was  ich   will:  jene  paare   stammen  aus  formen  mit  -tLvus. 
So  hat  der  alte  Lucr.  noch  fiavidus  (nach  Lachm.  II,  452 
auch  fiuvidus);  wie  Forcellini  neben  Fluonia  Fluvonia  (var. 
lect.    auch  Fluvionia)  beut,    so    las  Saumaise   bei  Solinus 
fluvitare.     Besonders  in  hauptwörtern  sieht  man  vor  i  das 
alte  UV  sich  ofb  behaupten:  fiuvius;   con-,  defluvium  (auch 
diffluviare,  denominativ),  influvium  (?),  profluvium;  plnvia: 
com-,  dis-,  impluvium;    exuviae,  induviae,  rednvia;    col-, 
di-,   inter-,  malluvium,  pelluviae,  proluvium,  subterluvio, 
subluvies,    circumluvium  (oder  -o),  eluvies,  il-,  reluvies. 
Von  Zeitwörtern  finde  ich  nur  depuvit  (Lucil.);    denn  op- 
puviare  ist  ja  erst  aus  oppuvium  denominativ.    Verdächtig 
(Forcell.)  abluvio,    praefluvium.     Hat  man   nur  die  ange- 
fahrten hauptwörter  vor  äugen,  so  mag  uv  im  lateinischen 
beliebt  scheinen,   wie  denn  confluges  (im  slavischen,  wenn 
zeitschr.  XIV,  224  recht  hat,  in  derselben  wurzel  diese  Ver- 
mittlung regel)  sehr  als  ausnähme  neben  confluvium,  Con- 
fluentes  steht;    doch  dürfen  wir  uns  vor  allem  nicht  ver- 


jttbere.  107 

heblen,  dafs  fast  ohne  auBnahm,e  die  beweglicheren  Zeit- 
wörter diese  behäbigkeit  verschmähen:  fiuere,  pluere,  exnere, 
induere,  luere.  Wir  sahen  schon  oben  fkw  zu  Iv  erleichtert; 
dem  ähnlich  wäre  noch  anzuführen  qnadrivium  aus  qua- 
toor,  eine  erleichterung,  die  freilich  auch  in  quadrijugus 
erscheint«  Umgekehrt  tritt  aber  auch,  uv  zu  dissimiliren, 
erschwerung  des  selbstlautsein:  perplovere  (Corsa. II,  160), 
conflovont  (Corss,  I,  238-  261),  foverint*)  (Corss.  II,  159) 
nicht  blofs  als  Vorgänger,  vorQbergebende,  jener  perphiere, 
sondern  auch  Jovis.  Wie  nun  nach  obigem,  uv  zu  dissi- 
miliren, der  Selbstlaut  entweder  (mehr  in  älterer  zeit)  Stär- 
kung oder  Schwächung  erlitt,  so  tritt  nun  neben  den  aus- 
wurf  des  hauchs  (fluere)  die  Stärkung  desselben  zur  media. 
Darf  man  nicht  nach  Marruvium,  Marrubium  auch  Litu- 
bium  beurtheilen?  Freilich  bleiben  Lanuvium,  Simbruvium; 
Pacuvius,  Vitruvius  so  stehn;  das  darf  nicht  wunder  neh- 
men nach  obigen  beispielen,  um  so  minder  als  namen 
—  da  sich  minder  aus  dem  Zusammenhang,  was  oder  wen 
man  meine,  ergibt  —  wohl  noch  starrer  sein  möchten, 
wenn  ja  gleich  zuzugeben,  dafs  wiederum  das  festhalten  an 
der  Wurzel  hier  durchaus  nicht  interesse  war.  Dübius  von 
düo  scheint  mir  so  unzweifelhaft  als  dafs  das  o  hier  dual- 
enduDg;  denn  das  b  aus  v  entstehn  zu  lassen,  hindert 
mich  wßder  zeitschr.  XIII,  397  noch  XVI,  438.  Dort  die 
Zusammensetzung  von  aiAtfigßriXHv  wie  tveifis  zugegeben, 
hätten  eben  diese  beispiele  warnen  mögen  in  dubius  Zu- 
sammensetzung unsers  Zahlworts  mit  einer  wurzel  die  hier 
als  „b"  erschiene  anzunehmen;  hier  aber  ist  vidadhsti  as 
(di)vidit  wohl  ganz  vergefsen?  Ich  komme  noch  einmal  auf 
Jövis  zurück.  Ihm  aufs  haar  gleicht  bovis;  davon  das  von 
Varro  verworfene  —  doch  also  gesprochene!  —  bövile. 
Wir  thun  wohl  recht  im  anschlufs  an  zeitschr.  II,  4  als 
ursprfinglichen  laut  der  nominative  den  doppellaut  anzu- 
setzen.    Wie  douco  :  düco,  so  Jupiter.     Dafs  es  nun  bös 


^)  Anch  diese  form  darf  angeführt  werden,  sollte  auch  Gorwen  recht 
b«lialten,  der  als  das  ursprüngliche  hier  einen  doppellaut  (foa-e-rint)  annimmt 
Efl  ward  eben  ans  fou-e-rint  zwar  fuerint  (wie  douco  :  düco),  aber  doch  mit 
umgebusg  yon  uy  ttlter  foverint. 


108  WUbrandt 

biefs,  mag  dem  streben  der  gleichsetzung  (mit  bovis  u.  s.  w.) 
zu  verdanken  sein  —  bovis  u.  s.  w.  werden  zu  beartheilea 
sein  wie  oben  föverint.  Wir  finden  nun  aber  formen,  in 
denen  auch  bei  der  consonantischen  vermittelung  dem  ver- 
einfachten doppeliaut  die  dehnung  gewahrt  blieb.  Die 
dehnung  aber  bestand  in  fl  und  —  die  vermittelung  daan 
in  h!  Bübile  (Curt.  II,  159)  gefiel  dem  conservativen  Vanro 
befsor.  Aehnlich  Babona,  bübulus.  Dafs  auf  diese  weise 
das  wort  förmlich  im  stamm  wuchs,  mag  eben  seiner  ein- 
silbigkeit  zu  danken  sein:  bildete  man  doch  sogar  bubse- 
qua  —  eine  form  die  wohl  meine  aufiTassung  von  dubius 
oben  stOtzen  mag.  Onomatopoetischem  einflufs  nämlich 
mag  es  hier  zugeschrieben  werden,  wenn  das  dissimilirende 
6v  dem  dissimilirenden  iib  wich:  bübulcus,  subulcus*),  sü- 
bare  (sss  ißäv)  dürfen  noch  minder  auffallen  als  jenes  buh» 
sequi).  Zum  dritten  und  letzten  mal  a  Jove  principium! 
Jnbar  nämlich  deutet  zeitschr.  lU,  162  ausjuvas,  der  Wur- 
zel entstammend,  der  Jupiter,  Jovis  u.  s.  w.  gehören.    Ich 


*)  Man  erlaube  mir  diese  ausdrücke  nach  moglichkeit  auch  ihrem  zwei- 
ten theil  nach  ins  klare  zu  setzen.  Promuleum,  reranlcum  (Corsaen  I,  259) 
sind  ja  natttrlich  nicht  von  jenen  zu  trennen.  Festus  (:  remulco  est,  cum 
scaphae  remis  navis  magna  trahitur),  sieht  man,  will  mit  seiner  erkUnmg 
auf  remtis  hin,  und  ich  gestehe,  trotzdem  dafs  der  (freilich  späte)  Ansonina 
rifmulcum  hat,  trotzdem  dafs  wir  gewifs  in  erster  reibe  an  entlehnnng  aus 
QvfiovXxflv  zu  denken  haben  (Am.  XVIII,  5  beut  rymnlcis,  dat.  pL):  die 
entstellung  mag  anklang  an  remus  sein.  Mit  remeligines  (remorae)  es  co- 
sammenzubringen,  hindert  mich  die  bedeutung;  eher  mochte  ich  bei  diesem  an 
ftfvtiv  denken,  von  dem  ja  auch  dissimilirend  ftikktu-  stammt  (jAÜktt  ist  activ 
zum  medium  mdnjate  d.  h.  meminit,  cogitat,  vgl.  j'ai  pens^  monrir),  ja  dessen 
Wurzel  selber  schon  aus  dem  beharren  in  das  andre  übergeht;  ufvfir  (uifioroc) 
:  fiito^f  f4iftaa=  yn'ia&at>  iyiynra)  :  yitoq,  yf'yaa'  Nicht  viel  leichter  flUlt 
promulcum  mit  promellere  (==  litem  promovere  Fest.)  zusammenzubringen. 
Dies  promellere  wird  ja  ein  causativ  von  meare  sein,  wie  trt/lXf.i'  bei  Hom. 
neben  ar^i-ai  und  unser  „stellen''  tritt,  wie  neben  dbajati  ^  9-rJTcu,  wie 
sich  auch  ßiiikka  dazu  verhalte  (vergl.  indessen  dev£s  ^  &ti\)i  fellat,  frei- 
lich ohne  causa tive  bedeutung;  vergl.  also  cantillare,  noch  besser  conscribil> 
lare;  so  kommen  auch  sonst  causativ  und  deminutiv  zusammen,  vergl.  8tei> 
gern,  räuchern  mit  stochern,  plattd.  bäwe'n  (gleiche,  hebern  von  beben,  wie 
von  tremere  :  it.  tremulare,  franz.  trembler),  klettern.  In  promulcum  aber 
scheinen  wir  genSthig^  ein  lateinisches  verhältnifswort  anzuerkennen:  prom, 
entsprechend  dem  goth.  fram,  engl,  from,  sich  zu  allemächst  aber  anschlie- 
fsend  an  nQOfinq,  Der  zeitwortstamm  aller  obigen  ausdrücke  wird  auf  ^Im§§ip 
zurückkommen,  aus  dem  ja  sulcus  wie  nlcns  zu  deuten  —  wie  Gurt.  I,  830 
wegen  f^i|rm  u.  s.  w.  zuletzt  auf  svar  zurückkommt,  hätte  er  auch  106.  107 
wohl  Uxtt  und  fkxm;  vereinigen  sollen. 


Jubere.  109 

schliefse  mich  dieser  ansieht  i^n,  lasse  also  X,  356  nur  in^ 
aofern  gelten,  als  jüba  and  jübar  gewifs  zuBammengehören. 
Bei  dieser  Wörter  Zusammenstellung  mit  i&etga  fehlt  nämlich 
der  nachweis,  dafs  je  sonst  ü  s=  e.  Fälle  wie  scopulns, 
nebula,  Siculus,  triobulus,  auch  mulgere  =i  a/Äskystv  (Cors- 
sen  I,  258.  259)  sind  doch  verschieden  —  als  wenn  man 
mit  peUo,  pepuli,  pulsus;  vulsus  von  vello  obiges  belegen 
wollte I  Für  jene  ältere  deutong  von  jubar  (und  juba)  läfst 
sich,  meine  ich,  auch  noch  etwas  mehr  anfahren,  als  jene 
dichterstelle,  welche  in  merkwürdiger  weise  die  bedeutun- 
gen  der  wurzel,  um  die  es  sich  hier  handelt,  zur  gemein- 
samen anschauung  bringt,  Vergil.  I,  588:  Restitit  Aeneas 
elaraqne  in  luce  refiilsit  Os  umerosque  deo  similis;  nam- 
que  ipsa  decoram  Caesariem  nato  genetrix  lumenque 
jttventae  Purpureum  et  laetos  oculis  adflarat  honores. 
Was  nämlich  jubere  betriffl;,  so  erräth  man  nun,  wie  ich  dar- 
fiber  denke:  zu  jüvare  (gut  sein)  gehört  jubere  (gut  heifsen). 
Im  tit.Mumm.  kommt  ja  jovbere  vor  (zeitschr.11,368).  Diese 
alte  Schreibart  ist  auch  meiner  vermuthung  günstig.  Dafs 
av  sich  zu  ov  oder  üb  dissimilirte,  ist  oben  nachgewiesen. 
Sollte  nun  der  Steinmetz  beide  dissimilationen  verbunden 
haben?  Vielleicht  sprach  damals  (nach  146  vor  Chr.)  noch 
nicht  jeder  ohne  ausnähme  so  hart  (üb)  aus:  jeuer  setzte  un- 
parteiisch beide  weisen  nebeneinander,  wie  unsre,  uns  selbst 
nach  grade  seltsam  scheinende  Schreibweise  „  Stadt  ^  platt- 
deutschen, dann  hochdeutschen  gerecht  wird;  ja  wenn 
nun  wirklich  joussi  (zeitschr.  II,  363)  vorkommt,  was  wird 
das  anders  sein,  als  erinnerung,  nachklang  des  alten  jovere 
(ein  ziemlich  beliebter  tonfall:  monere,  docere,  tongere, 
horrere,  mordere,  sordere,  fovere,  movere,  vovere,  torrere, 
spondere,  tondere,  torquere)?  Freilich  mathematisch  genau 
hAtteu  sie  jovsi  oder  jossi  schreiben  sollen.  Dies  jossi  aber 
deotet  uns  wieder  an,  in  wie  vielen  formen  des  Zeitworts  das 
o  (ja  nur  aus  u  dissimilirt)  gar  nicht  recht  durchgedrungen 
gewesen  sein  mag,  n&mlich  überall  wo  der  grund  zur  dissimi- 
lation  fehlte.  Jussi,  meine  ich,  läfst  sich  aus  jubeo  mit  urspr. 
oder  gar  p  gewesnem  b  gar  nicht  erklären  —  man  vergl. 
doch  nur:  nupsi  glupsi  scripsi  gegen  ussi,  gessil  Die  rechts- 


110  Wilbrandt 

gelehrten  liefern  uns  manchen  beweis,  dafs  die  bedentung, 
welche  bei  Lübker  (in  Klotz'  wb.)  zuletzt  steht  („ geneh- 
migen **),  zuerst  stehn  mufs,  dafs  jubere  zu  juvare  sich 
wirklich  verhält  wie  pläcere  zu  pläcare,  sedere  zu  s^dare. 
Zwar  erscheinen  piftcare  und  södare  als  factitiva  zu  ihren 
▼er wandten,  auch  pärare  zu  pärere;  aber  die  geringe  zahl 
der  ftlle  wie  die  nicht  einstimmigen  quantitätsverhältnisse 
wQrden  ein  einmal  umgekehrtes  verhAltnifs  in  den  bedeu- 
tungen  gar  nicht  so  wunderbar  erscheinen  lassen  —  was 
es  aber  in  der  that  kaum  ist;  denn  doch  ist  auch  jubere 
das  consequens,  so:  quod  senatus  censuit,  id  si  populum 
juvare  visum  erit,  populus  fieri  jubebit*).  Die  alten  for- 
mein, die  dies  verh&ltnifs  als  das. eigentliche  darthun,  sind 
aufser  der:  velitis,  jubeatis,  Quirites!  6aj.  I,  99:  Populus 
rogatur,  an  id  fieri  jubeat.  Liv.  I,  46:  Servius  ausus  est 
ferre  ad  populum,  vellent  juberentne,  se  regnare?  XXX,  43: 
tribuni  plebis  ad  populum  tulerunt.  Vellent  juberentne 
senatum   decernere    ut  cum  Karthaginiensibus  pax  fieret? 

*)  Hiernach  habe  denn  auch  ich  durchaas  nichts  dagegen,  dafs  jubere 
^alte  causalbildung**  (zeitschr.  VI,  298)  sei.  Es  ist  eben:  sich  gefallen  las- 
sen. Zeitschr.  VII,  60.  Dafs  svSpajati  ^  sdpit  (das.  50),  wer  wird  das 
bestreiten?  Den  andern  gleichsetzungen  dort  wird  man  wohl  seinen  beifall 
versagen,  vgl.  Gurt  grundz.  I,  32.  2xa>f »)  (zweifelhaft  nach  Pape)  wird  aus 
auair^il  erklärt.  Sollte  das  auch  fttr  a*diffi  wirklich  gelten  (dort  wahr- 
scheinlich gemeint):  was  wird  nun  aus  «rxa/'fi's  axaifeiAi,  axnjtrq^  üxajta'i 
Bei  so  reichlichem  vorkommen  des  ij^  in  dieser  wurzel  läge  doch  scabere  zu 
vergleichen  näher,  als  wegen  entstehung  des  (p  an  ein  sanskritaüix  zu  ap- 
peUiren.  Wird  das.  s.  6$  moveo  erklärt  aus  mopejo,  so  mochte  man  dagegen 
firagen:  soU  denn  auch  mutare  ein  p  verloren  haben?  Nach  obigen  conflovont 
u.  s.  w.  stehe  ich  nicht  an  mutare,  movere  als  neuen  beleg  für  juvare  (ad- 
jntare),  (jovere)  jubere  zu  nehmen.  S.  56  soll  gar  fervere,  febris  mit  ^al- 
ntyv  zusammengehören;  aber  die  frühere  deutung  (zeitschr.  V,  347)  wird  uns 
jetzt  noch  dadurch  unterstatzt,  dafs  babhnis  bei  Hematt.  und  in  der  Medini- 
kösa  gradezu  „feuer<*  erklärt  wird.  S.  56  wird  hSbes  auf  hl^iajati  zurflck- 
gefUhrt  (amittit).  Und  warum?  Verwandte  dieses  Zeitworts  {yalav^  xavrm) 
haben  die  bedeutungen:  klaffen,  erschlafTen.  Ich  meine:  bedenkt  man,  wie 
o^i'c  und  wxi'c,  acupedius  und  equns  acer  einander  bertthren,  so  wird  man 
sich  doch  vielleicht  eher  entschliefsen,  lat  hSbes  auf  lat.  habere  (»was  fest- 
gehalten wird*)  zurückzuführen,  zumal  da  x^ß^^  (xi/ftn?)  der  festhaltende 
manlkorb  ist.  Haben  wir  nun  nach  alle '  dem  wenig  grund  lat  b ,  v  als 
entartung  eines  p,  das  nur  noch  selten  ind.  p  entspreche,  gelten  zu  lassen, 
so  wird  auch  wohl  die  Zusammenstellung  unsres  jubet  mit  einem  jnpajati 
aberwunden  sein.  Dies  jupajati  nämlich  ist  selber  gar  nichts  wirkliches; 
vielmehr  lautet  von  jfiuti  (junSti,  junite)  das  causativ  jävajati,  ebenso  von 
jujöti,  welches  letztre  ja  freilich  auch  schon  der  bedeutung  wegen  (arcet)  so 
wenig  passen  würde  als  jupjati,   das  wirklich  vorhanden  (er  verwirrt). 


jubere.  111 

Fern^  bei  der  freUassung  und  erblaseung:  Oaj.  I,  21  Üb«* 
esse  jassus  et  heres  institutus.  fr.  49:  Si  here8....dare  dam- 
natus  aut  quis  über  esse  jussos  est.  Brisson:  Liberias  di* 
recta  ita  relinquebatur:  Liber  esto  vel  liberi  sunto,  liberum 
esse  volo  aot  jubeo.  —  Jussus  esse  liber  pro  praeoiio.  Gaj« 
II ,  117:  Titius  heres  estol  Titium  heredem  esse  jubeo. 
Brisson:  Jussus  possidere;  praetor  latitantis  bona  possidere 
jabet.  Drittens  —  woraus  sieb  der  ausdruck  fidejussor  =» 
fidedictor  erklärt,  wurde  der  bürge,  nachdem  ihm  der  In- 
halt der  bflrgschaflb  noch  einmal  vorgesagt  war,  gefragt: 
Ita  tu  bona  fide  esse  jubes?  Viertens:  Die  klage  desjeni- 
gen, der  mit  dem  hanssohn  contrahirt  hat,  gegen  den  haus- 
vater  wird  bezeichnet:  actio  (emti,  venditi  u.  s.  w.)  quod 
josso,  nicht  blofs  wenn  der  haussohn  im  auftrage  des  haus- 
Vaters  contrahirt,  sondern  auch  wenn  später  der  hausvater 
ratihabirt  hat.  Endlich  knflpfl  an  die  alte  stelle:  Restitui 
debere  et  posse  hereditatem  fidei  commissam  Äpronianum 
SC.  jubet  —  Brisson  noch  die  bemerkung:  Contra  ea  „non 
jubere^  idem  aliquando  est  ac  vetare  vel  inhibere.  Er- 
klärlich, wenn  jubere  ,»gut  heifsen^  war,  „  erlauben  ^I  — 
Man  sieht,  ein  so  belegter  gebrauch  mufs  wohl  der  alte, 
eigentliche  sein.  Dafs  aber  juvare  und  jubere  wohl  zu- 
sammengehören mögen,  dafQr  noch  ein  paar  stellen.  Cic. 
or.  48,  159:  refer  ad  aures,  probabunt:  quaere,  cur?  ita  se 
dicent  juvari.  Seneca  epist  106:  quae  scire  magis  juvat 
quam  prodest.  Juven.  VI,  222 :  Hoc  volo,  sie  jubeo!  Sit 
pro  ratione  voluntas!  So  steht  denn  jubet  dem  ind.  dfvjati 
ziemlich  gleich  (auch  dies  wird  ja  „stäuti^  erklärt)  —  es 
ist  nur  mit  Vorliebe  fbr  entwickelung  der  consonanten,  dies 
aber  südlicher,  vocalischer  gebildet;  auch  ist  die  abwan- 
delang verschieden,  da  dfvjati  nach  cupit  geht.  „Ichlobe% 
,,ich  lobe  mir*^,  das  war  also  der  urbegriff  des  Zeitworts, 
dem  aus  Cic.  angeführten  probabunt  nahe  tretend.  Man 
erlaube  mir  noch  einige  parallelen  mit  dem  oben  nachge- 
wiesenen gebrauch  aus  heimischen  quellen.  Loben  ist  bei 
Wächter  =  bestätigen,  im  Schwabenspiegel  =:  geloben, 
spondere,  stipulari.  In  den  Nib.:  in  die  hant  loben;  einen 
ze   manne  loben.     So  im  Sachsensp.  lop  sss  gelöbnifs,  im 


112  Wilbrandt,  jubere. 

oberl.  gloss.  =rs  ObereinetimmuDg,  bei  Stalder  sogar  feadat* 
abgäbe  voa  eiDeoi  landgote  im  falle  einer  hand&Ddenuig 
(offenbar  als  zeichen  des  einverstaDdenseins).  So  beut  das 
bremisch-nieders.  wb.  nicht  blofs  (111,25)  to  der  S waren  Lare 
d.  h.  so  dafs  die  geschworenen  bei  der  scbaunng  nichts 
daran  zu  tadeln  finden,  sondern  auch:  mit  Erven  Lave 
d.  h.  mit  dem  gutheilseu,  der  bewilligung  seiner  erben. 
Endlich  bei  Richey  (Hamb.  Id.):  laven  d.  h.  rei  venali  pre* 
tium  statuere,  z.  b. :  by  em  is  laven  un  geven  eenerlejr  d.  h. 
er  läCst  sich  nichts  abdingen.  Wenn  ich  hinzufüge,  dafs 
schwedisch  löflesman  ss  fidejussor  ist,  so  hoffe  ich  ge- 
wonnen zu  haben.  Die  belege  davon,  dafs  jubere  einst 
„gut  heiisen^  war,  habe  ich  zwar  reichlicher  beibringen 
können,  als  die  spuren,  dafs  man  einst  jövöre  aussprach. 
Bedenkt  man  aber,  dafs  das  recht  wohl  conservativer  in 
der  anwendung  der  ausdrücke  als  in  der  ausspräche  der- 
selben war:  so  ist  die  vermuthung  vielleicht  nicht  gan>: 
unstatthaft,  dafs  das  entschiednerwerden  der  bcfdeutung  (von 
y^gat  hcifsen^  zu  „heifsen^)  band  in  band  ging  mit  der 
festigung  des  lauts.  Fragen  könnte  man  ja  allerdings  noch, 
wie  es  doch  geschah,  dafs  das  uv  in  jüvare  sich  hielt. 
Meine  antwort:  gemildert  war  dies  sonst  offenbar  nicht 
beliebte  durch  den  Wechsel  von  üv  und  üv  (jüvi);  auch 
liefse  sich  wohl  behaupten,  dafs,  wenn  ein  unterschied  gilt, 
jedenfalls  die  sogenannte  l.conj.  die  starrste,  hauptwort- 
ähnlichste von  allen  ist;  endlich  ist  adjuvare,  wie  es  scheint^ 
h&ufiger  im  gebrauch  gewesen  (schon  bei  Enn.  und  Pacuv.), 
dafs  der  accent  wenigstens  im  ganzen  nur  selten  auf  jenes 
UV  fiel:  adjuvat  wie  depuvit  (zeitschr.  I,  548)  —  während 
Zusammensetzungen  von  jubere  kaum  bekannt  sind. 

Nur  als  schüchterne  anfrage  wollen  die  nachfolgenden 
Zeilen  aufgefafst  sein.  Wer  mir  oben  wegen  juba  beistinunt, 
ferner  sich  vielleicht  nicht  mehr  verhehlt,  welches  das  Ver- 
hältnis von  xofifi  und  xofAüv  eigentlich  sei,  nämlich  xo^iri 
was  schmuck,  (dem  äuge)  lieb  ist,  xofAilv  das  liebe  erwei- 
sen; —  der  mag  es  der  prüfung  nicht  unwerth  finden, 
wenn  ich  vorschlage  auch  unser  laub  in  derselben  weise 
aufzufassen,    mit   andern  werten:    dem  von  Grimm  ange- 


Kind,   ;r^eiia   —  nQÖßaia.  113 

nommenen  liaban  („tegere,  fovere^)  vielm^r  die  bedeatung 
JQ^are  zuzuweisen;  so  bleiben  wir  bei  dem  kreise  von  be- 
deutUDgen,  die  dieser  wnrzel  tbatsächlich  zukommen,  in 
einer  weise  die  gegenseitig  mit  den  so  eben  gemachten 
xosammenstellungen  sich  stOtzen  mag.  Die  slavischen  aus- 
dröcke  lit.  lapas,  böbm.  lupen  u.  s.  w.  scheinen  vielmehr 
mit  JÜTiog^  Xkntiv  (freilich  dann  auch  Xtnxog)  vergleichbar, 
das  laub  also  mehr  im  gegensatz  isum  derberen  stamm 
u.  8.  w.  hinzustellen. 

Bestock,  17,  mai  1868.  Wilbrandt. 


üqdxa  —  Hqoßaxa. 

Ein  beitrag   zur  Charakteristik   der  griechischen 
Vulgärsprache. 

Die  griechische  vulgärsprache ,  die  ihren  besonderen 
ausdruck  in  den  Sprüchwörtern  und  Volksliedern  findet,  hat 
mehrere  wortformen  und  dialektische  eigenthQmlichkeiten 
aufzuweisen,  die  sich  oft  durch  die  eigenthümlichsten  Ope- 
rationen ,  welche  mit  den  werten  vorgegangen  sind ,  z.  b. 
durch  ab-  oder  ausstofsen  von  vocalen  oder  ganzen  Sil- 
ben, erklären  lassen.  Diese  spräche  kennt  im  allgemeinen 
die  formen  der  apokope  und  aphäresis  in  unzähligen 
fiUlen,  und  sie  sind  ihr  selbst  zu  einer  sprachlichen  eigen- 
thümlichkeit  geworden,  die  sie  auch  beim  schreiben  und 
im  schriftlichen  verkehr  beibehält,  während  andere  in 
ihrer  auffallenderen  bildung  mehr  oder  auch  nur  ausschliefs- 
lich  der  eigentlichen  und  ursprünglichen  Volkssprache,  der 
gesprochenen  spräche  {xa&oudovfiBVfj  yläatta)  und  dem 
mflndlichen  verkehr  des  volks  angehören.  Eine  solche 
eigenthümliche  form,  die  sich  in  neugriechischen  Volkslie- 
dern findet,  ist  die  wortarm  ngdta.  Man  ist  bei  der 
grammatisch -etymologischen  erklärung  dieser  form,  die 
mao  aber  nicht  etwa  gerade  einem  besonderen  dialekte  zu- 
zuweisen hat,  zunächst  davon  ausgegangen,  dafs  es  eip 
ZeiUchr.  f.  Tgl.  tprachf.  XVIII.  2.  g 


114  KiDd 

Hohl  gricehiscbes  wort  ist,  das  man  vor  sich  bat  und  das 
durch  das  volk  in  seiner  weise  und  unter  anwendung  einer 
ihm  sonst  geläufigen  form  umgebildet,  sogar,  wenn  man  will, 
verstömmelt  und  entstellt  worden  ist.  Solcher  formen,  die 
durch  abwerfung  oder  ausstofsung  von  vocaleu  oder  silben^ 
zu  anfang  oder  in  der  mitte  des  wertes,  entstanden  sind, 
kennt  die  griechische  vulgärsprache  viele,  und  sie  können 
in  den  einzelnen  beispieien,  die  sie  darbietet,  auch  ftJr  die 
erklärung  der  obigen  form  gewisse,  gar  wohl  mafsgebendr 
winke  gewähren.  Ludwig  Rofs  stellt  davon  in  den  „bei- 
tragen zur  kenntnifs  und  beurtheilung  des  neugriechischen^ 
im  dritten  bände  seiner  „reisen  auf  den  griechischen  in- 
sein  (Stuttg.  1845)  s.  167  mehrere  beispiele  zusammen^  und 
sie  lassen  sich  noch  vielfach  vermehren.  So  sagt  die  neu- 
griechische Volkssprache  fAciri  dri/iofn)  statt  ofipkdnov^  Qfa- 
rdu)  statt  hqmrdfa^  Tregnaraj  statt  nBQtnaiM^  öfiiyio  statt 
öVfAuiyu)^  ebenso  tt^onq^ca  för  avyx^Q^^»  (f^ct^ixta  för  övy- 
Xagixia^  eQfiog  för  egtiuog,  rd  cfdutv  für  vd  (fdyiouBv,  nov 
n^S  för  nov  vndyeig^  d-e  rd  för  &^}.(ü  vd  u.  s.  w,  Aebn- 
lich  ist  es  mit  dem  ausstofsen  von  consonanten,  woftkr 
Rofs  ebenfalls  beispiele  anfahrt  (a.  a.  o.  s.  173),  z.  b.  Xiu) 
und  selbst  kcH  för  keyu)^  was  man,  wie  er  sagt,  Ober  ganz 
Griechenland  hört,  während  er  dagegen  solche  formen,  wie 
ngoatov  für  ngoßarov^  &oaX6og  för  d'BoXoyog  (ein  dorf  auf 
Rhodos),  oXiog  för  oA/yog,  €t;^yö}  för  öei'xvio  u-  s.  w.  nur 
auf  einzelnen  inseln  (Rhodos,  Karpathos,  Chalke,  Ealym- 
nos)  hörte. 

Die  obgedachte  form  ngdra  kommt  in  Volksliedern 
mehrfach  vor.  Schon  Fauriel :  Chants  populaires  de  la  Gr^ce 
moderne  (Paris  1825)  bd.  U,  s.  90  theilte  ein  Volkslied 
mit,  in  dem  ein  hirt,  der  auf  kurze  zeit  seine  schafe  ver* 
läfst,  um  nach  hause  zu  gehen,  sagt:  'Ano  rd  ngdra  1^- 
XOfioti,  (v.  6).  lu  der  Sammlung  von  Passow:  Popularia 
carmina  Graeciae  recentioris  (Leipzig  1860)  heifst  es  in 
einem  ähnlichen,  aus  der  atheniensischen  Zeitschrift  Flav- 
d(6ga  entlehnten  volksliede  (s.  s.  305  no.  429  v.  7  uud  9) 
ebenfalls  von  einem  hirten,  der  von  seinen  schafen  kommt : 
läno  rd  ngdra  fitog^^ofiai  (dno  rd  ngdra  fAov  ^^^fnai,  wie 


n^aTOt  —  TTQnßaia.  115 

• 

auch  in  der  UavöwQa  steht),  and  gleich  nachher  um  ans* 
zndrQckeo,  dafs  er  bald  wieder  zu  ihnen  zurOck  mOsae: 
K*  ix^  (*°  ^^^  IlavSiüQa  steht:  xai  x^)  ^^  ngdra  ia 
uQvaxd.  Ebenso  steht  auch  in  einem  anderen  Hede  no.  431 
V.  G  bei  Passow  s.  306 ,  das  im  wesentlichen  dasselbe  mit 
jenem  ist  nnd  nur  kleine  sprachliche  änderungen  aufweist: 
j-Itio  tu  ngdva  utiq^f^uai.  In  gleicher  weise  hat  der 
Grieche  Chasiotis  in  der  von  ihm  herausgegebenen  ^j^V/v" 
Xoyrj  rwv  xard  ti^v  "HnuQov  SrifxoxiTtmv  (fCffidtuiV  (Athen 
1866)  s.  167  ein  ähnliches  Volkslied  über  den  nämlichen 
gegenständ,  wo  ebenfalls  der  hirt  seine  schafe  kurze  zeit 
verläfst  und  sagt:  ctTTo  rd  nqdrct  iQ^ovitai  {xv3.  für  ^p- 
XOfiai). 

'  Dem  ganzen  zusammenhange  nach  ist  an  allen  diesen 
stellen  offenbar  nur  von  schafen  die  rede,  und  es  liegt 
nach  den  oben  angezogenen  beispielen  die  vermuthung 
nahe,  dafs  ngdra  aus  Ttooßara  entstanden  sei.  Schon 
an  sich  sprechen  die  obangefQhrten  ähnlichen  formen  der 
griechischen  vulgarsprache  dafür,  und  den  Übergang  zu 
dieser  form  kann  in  gewisser  hinsieht  das  von  Rofs  ange-^ 
merkte  beispiel  von  der  insel  Rhodos  machen,  wo  das  volk 
ngoitrov  f&r  TiQoßarov  sagt.  In  dieser  weise  sehen,  ety- 
mologisch-grammatisch betrachtet,  auch  der  Grieche  Cha- 
siotis, sowie  Passow,  die  sache  an,  und  namentlich  bemerkt 
orsterer  in  seinem,  den  Volksliedern  angehängten  glossar: 
Tigdra^  avti  ngoßara.  (Fauriel  übersetzt  einfach:  Je 
viens  d^aupr^s  de  mes  troupeaux.)  Diese  erklärung  erhält 
eine  art  Unterstützung  durch  andere  Volkslieder.  In  Ulrichs 
„reisen  und  fbrschungcn  in  Griechenland''  bd.  I  (1840)  s.  141 
findet  sich  ein  Volkslied,  das  den  von  Fauriel,  Passow  und 
Chasiotis  mitgetheilten  ziemlich  ähnlich  ist,  welches  Ul- 
richs von  einem  alten  hirten  in  Arachowa  am  Parnafs  hörte 
und  aus  dessen  munde  niederschrieb,  und  das  nämliche 
Volkslied  theilt  dann  auch  Tommaseo  im  dritten  bände 
seiner  Sammlung:  Canti  popolari  (Venedig  1842)  s.  302, 
unabhängig  von  Ulrichs,  mit.  Wo  in  jenen  vier  ersten 
Volksliedern  rd  ngdva  steht,  haben  Ulrichs  und  Tom- 
maseo:   TiQoßata,     Das  volk,    das   seine   Volkslieder  singt 

•      8* 


116  Kind 

und  dabei  ändert  und  hinzusetzt,  wie  es  mag,  hat  bei  dem 
Worte  Tigdta  in  jenen  stellen  offenbar  nur  an  ngoßarn 
gedacht.  Gleichwohl  ist  kürzlich  die  richtigkeit  dieser  er- 
klärung  und  ableitung  bestritten  worden,  und  sie  hat  so- 
gar zu  einem  literarischen  streite  anlais  gegeben,  auch 
wenn  dieser  streit  von  der  einen  seite  offenbar  mit  sehr 
ungleichen  waffen  geführt  worden  ist.  Die  sache  ist  diese. 
Im  jähre  1867  gab  der  bekannte  griechische  gelehrte  Ale- 
zander Risos  Rangawis  eine  ^Grammaire  du  grec  actuel^ 
in  Paris  heraus,  in  der  er  zugleich  als  proben  dieses  grie- 
chisch mehrere  stellen  aus  neueren  dichtem  und  einige 
neugriechische  Volkslieder  nebst  anoierkungen  mittheilte. 
Dort  fand  sich  auch  das  streitige  wort  ngdra^  und  Ran* 
gawis  erklärte  es  als  eine  zusammenziehung  aus  nQayfActra. 
Damit  war  aber  ein  französischer  kritiker,  P.  Meyer,  der 
in  der  pariser  Zeitschrift:  Revue  critique  vom  4.  Januar 
1868  jene  grammatik  besprach,  nicht  einverstanden.  In- 
dem er  im  allgemeinen  die  getroffene  wähl  jener  Schrift- 
stücke und  den  dazu  gegebenen  commentar,  als  keiner 
besonderen  anerkennung  werth  bezeichnete,  führte  er  als 
einen  charakteristischen  irrthum  des  Verfassers  an,  dals 
dieser,  „obgleich  er  ein  Grieche  sei*^,  das  wort  ngdta 
(„Schafe**)  auf  die  obige  weise  erklärte.  Und  Meyer  setzte 
hinzu:  j^nqdra  ist  aus  ngoßara  entstanden**. 

Rangawis  blieb  die  antwort  darauf  nicht  schuldig.  Er 
erklärte  in  der  nämlichen  pariser  Revue  critique  vom 
11.  April  1868  (p.  242),  dafs  zwar  ngdta  fftr  ngdyuaxa 
(wofür  das  volk  auch  ngdituara  sagt),  die  schafe  bedeute, 
denn  so  nennen  —  bemerkt  er  —  in  ganz  Griechenland 
die  hirten  ihre  schafe*),  aber  „die  abkürzung  des  wortes 
nqoßata^  das  den  accent  auf  o  hat,  kann  niemals,  nach 
dem  geist  der  spräche,  ngdra  sein**.  Wie  Rangawis  dies 
meint  und  wie  er  dies  behaupten  kann,  ist  nicht  klar.  Er 
selbst  spricht  sich  darüber  nicht  näher  aus,  aber  es  liegt 


♦)  Dm   bestätigt   unter  anderen   der  Grieche  Protodikos:  ^Iditaxi^ua  t^; 
¥imxfQa(i    Uiliji'tx^i;   xXtaaatjq    (Smjrna    1866),    indem    er   8.   60    bemerkt: 

nqoßaxci^  alyt^i  ßovq^  oro*  xk. 


itqdta  —  n^oßata.  117 

nahe,  diesen  grund  nicht  weiter  za  berOckeichtigen,  zu* 
mal  es  an  Beispielen  nicht  fehlt,  in  denen  die  neugriechi- 
sche spräche,  namentlich  die  ;^vda/a  ykwaaa,  gerade  in 
Sachen  des  accents  den  geist  der  spräche,  besonders  wenn 
man  bei  behandlung  dieser  spräche  und  bildung  einzelner 
Worte  dieser  xvSaia  yXüöCa  dem  geiste  der  altgriechischen 
Sprache  sein  recht  zugesteht,  nur  gar  zu  häufig  verletzt. 
Wie  Qbrigens  das  ausstofsen  der  silbe  in  nQ(Qß^ata  — 
Tigdra^  an  sich  und  durch  Übertragung  des  tones  auf  a, 
eine  Verletzung  des  geistes  der  spräche  enthalten  oder  be* 
dingen  soll,  ist  schwer  zu  begreifen. 

Der  genannte  Franzose  Meyer  läfst  jedoch  nach  dem 
allen  die  sache  nicht  auf  sich  beruhen.  Er  bezieht  sich 
bei  mittheilung  der  erwiederuug  des  Griechen  Rangawis 
a.  a.  o.  zunächst  darauf,  dafs  die  erklärung,  welche  ngdva 
von  TtQoßata  ableitet,  von  Passow  sei  (worauf  an  sich 
nicht  viel  ankommt,  zumal  auch  andere  die  nämliche  an- 
sieht haben),  und  er  meint,  dafs  sie  „wohl  ebenso  viel 
gelte  als  die  andere^.  Meyer  scheint  also  die  Verantwor- 
tung f&r  die  -richtigkeit  der  ableitung  ngdra  aus  ngo' 
ßaxa  nicht  auf  sich  nehmen  zu  wollen.  Dagegen  möchte 
ich  vielmehr  ftr  meine  person  und  nach  dem  obbemerkten 
jene  ableitung:  ngäta  von  ngoßara  f&r  die  allein  richtige 
halten,  da  die  gegengrQnde  in  der  that  nichts  stichhaltiges 
und  Qberzeugendes  haben,  und  ngdta  fbr  ngayuara 
oder  TifjäfAfiata  weit  eher  etwas  gewaltsames  haben 
dürfte,  als  jene.  Aufserdem  erwähnt  aber  Meyer  noch 
eine  dritte  erklärung,  die  der  Franzose  Fr.  Lenormand  auf- 
gestellt habe,  und  er  giebt  sogar  dieser  erklärung  vor  den 
beiden  andern  den  vorzug.  Darnach  soll  nämlich  das  grie- 
chische wort  71 Q ata  vom  italienischen  prato  sein,  und  es 
beruhte  also  das  erstere  auf  der  blofsen  beibehaltung  des 
italienischen  prata,  da  die  Italiener  nicht  blos  i  prati,  son- 
dern auch  le  prata  sagen  (ähnlich  frutti  und  frutta).  In 
dieser  hinsieht  wäre  niclits  dagegen  zu  bemerken.  Die 
neugriechische  spräche  hat  manche  italienische  Wörter  ent- 
lehnt, und  namentlich  brauchte  man  gerade  hierbei  nur  an 
das    Dengriechiscbe   xafi^og,    vom    lat.  campus   oder  ital. 


118  Kind,  :t(taia  —  x^^oßma. 

oampo,  zu  erinnern.  Aber  ein  grolker  irrthnm  ist  es,  wenn 
Meyer  hinzusetzt,  dafs  jene  ableitung  des  Wortes  ngdra 
ans  dem  italienischen  sehr  gut  der  stelle  entspreche,  wo 
es  vorkomme:  ano  tä  ngäva  igxoiiai^  „ich  komme  von  den 
feldem^  (richtiger:  von  den  wiesen,  da  es  sonst  heiisen 
mQfste:  äno  rovg  xdfinovg)^  und  dafs  es  viel  besser  passe, 
als:  ,,ich  komme  von  den  herden^  (vielmehr:  von  den 
Schafen).  Darüber  w&re  indefs  noch  zu  streiten.  Jeden- 
falls ist  es  überhaupt  und  besonders  f&r  den  griechischen 
hirten,  dem  die  werte  in  den  mund  gelegt  werden :  dno  rd 
ngdta  ÜQxofiai^  bezeichnender,  wenn  er  spricht:  „ich 
komme  von  den  schafen,  oder  von  meinen  Schafen^,  als: 
„ich  komme  von  den  wiesen,  oder  gar  (insofern  es  dort 
auch  heifst:  dno  td  ngdza  f^ov)  von  meinen  wiesen^. 
Aber  das  h&ngt  gewissermafsen  von  dem  gefOhle  des  ein- 
zelnen ab,  und  bleibt  geschmackssache.  Allein  es  ist  falsch, 
wenn  gesagt  wird,  dafs  eine  ableitung  des  wertes  ngdra 
vom  italienischen  prata  (die  wiesen)  dem  zusammenhange 
nach  zu  den  einzelnen  stellen  weit  besser  passe,  als  die 
andere  erkl&rung.  Denn  diese  ableitung  pafst  vielmehr 
gar  nicht  zu  dem  sinn  jener  stellen,  und  der  französische 
kritiker  hat  nur  eine  stelle  gelesen.  Was  macht  er  denn 
mit  der  anderen  stelle,  wo  es  heifst: 

K'  ix^  (oder  xae  *x**^)  ^^  ngdta  u  fiovaxd  — ? 
Dem  ganzen  zusammenhange  nach  will  hier  der  hirt  dar- 
legen, warum  er  bald  wieder  zu  seiner  herde  zurück  müsse, 
denn  —  sagt  er  —  l^x^  ^^  ngdta  (ngoftatd)  fAov  fiO" 
vaxd  „ich  habe  meine  schafe  dort  allein'^  (zurückgelassen). 
Soll  hier  etwa  auch  der  ausdruck:  wiesen  (oder:  felder) 
passend  oder  gar  besser  sein? 

Ich   überlasse  dies  ganz  und  allein  dem  Verständnisse 
und  gef&hle  des  lesers. 

Dr.  Theod.  Kind. 


Clemm»  anzugen.  119 

Lugaag«  and   tbe  study  o{  laoguage.     Twelv«  loctons  oo  the  principleB 
of  linguistic  science  by  W.  Whitney.     London  1867.     489  pp.   8. 

Das  beispiel  M.  Müller's,    das  verstftndDifs  und  das 
interesse  eines  gröfseren   publioums  f&r  die  Sprachwissen- 
schaft durch  eine  populär-wissenscbaftliche  darstellung  ihres 
ziels  und  ihrer  methode  zu  wecken,  hat  nicht  nur,  wie  die 
wiederholten  auflagen  des  Originals  und  die  Qbersetenngen 
beweisen,    vielen    beifall,   sondern   im    vorliegenden    werk 
nunmehr  auch  nachahmung  gefunden.  Herrprof.  Whitney 
in  New-Haven    hat   es  unternommen,    die  principien  der 
Sprachwissenschaft  in  einer  reihe  von  zwölf  Vorlesungen  an 
erörtern,   welche  die  Überarbeitung  und  erweiterung  meh- 
rerer in  den  jähren  1864,  65  zu  Washington  und  Boston 
gehaltenen  vortrage  bilden.  Es  ist  in  der  that  eine  erfreu- 
liche erscbeinung,  dais  jetzt  auch  in  America  den  Studien 
eine  weitere  anerkennung   verschafft   werden  soll,    welche 
schon  lange   mit  immer  wachsenden   eifer  und   erfolg  auf 
unserem  continent  gepflegt  werden.     Dafs   hr.  Wh.  dem- 
gemftfs  sein  buch  speciell  für  sein  americanisches  publicum 
berechnet  und,   wo  es  irgend  thunlich,   die  engl,  spräche 
zum  ausgangspuukt  der  Untersuchungen  gemacht  hat,  dflr- 
fen  wir  ihm,  wenn  schon  dadurch  einer  Übersetzung  erheb- 
liofae  Schwierigkeiten   in   den   weg   treten,  nicht  verargen, 
sondern  müssen  es  im  gegentheil  nur  billigen,  wenn  er  es 
aasdrOcklich  f&r  seine  methode  erklärt,  von  bekannten  din- 
gen auszugehen  und  durch  induction  zur  erkenntnifs  höhe- 
rer Wahrheit  aufzusteigen. 

Mäher  verbreitet  sich  der  vf.  über  seinen  zweck  und 
plan  in  der  ersten  Vorlesung,  worin  er,  ausgehend  von  dem 
unterschied  zwischen  erlernung  einer  spräche  zu  practischem 
gebrauch  und  deren  wissenschaftlicher  erforschung^  zunächst 
ansetnandersetzt,  was  man  unter  Sprachwissenschaft  zu 
verstehen  habe,  und  deren  werth  für  die  entwicklung  des 
menschen  selbst  und  für  seine  geschickte  kurz  berührt. 
Den  hauptinhalt  seiner  Untersuchungen  |prmulirt  er  in  die 
frage:  warum  sprechen  wir,  wie  wir  sprechen?  und  ant- 
wortet darauf:  weil  wir  es  von.  deneu,  die  uns  von  kind- 
heit  auf  umgeben,  nicht  anders  gelernt  haben.     Raoe  und 


120  Clcmni 

blot  haben  nichts  mit  der  spracthe  zu  than,  die  erlernong 
der  mntterspracbe  verdanken  wir  hlob  unserer  erziebüng. 
Jede  spräche  steht  nur  unter  dem  einflusse  der  Persönlich- 
keit des  redenden,  denn  weder  versteht  einer  unter  dem* 
selben  wort  genau  dasselbe,  wie  der  andere,  noch  beherrscht 
einer  in  gleicher  weise  den  Sprachschatz  wie  der  andere, 
ja  nicht  zwei  individuen  sprechen  dasselbe  englisch.  An 
dem  beispiel  dieser  spräche  werden  dann  auch  die  haupt- 
bedingnngen  fRr  die  Veränderungen  einer  spräche  erörtert, 
sowohl  nach  inhalt  (namentlich  durch  Vermehrung  des 
wortvorratbs  mit  fortschreitender  erweiterung  der  k^mt- 
nisse)  als  nach  der  form,  hier  namentlich  durch  erleichte- 
rung  der  ausspräche  för  unser  organ  und  durch  das  stre- 
ben nach  Vermeidung  von  unregelmäfsigkeiten.  Da  nun 
die  spräche  das  werk  der  Überlieferung  ist,  so  ergiebt  sich 
schon  hieraus,  wie  in  der  zweiten  Vorlesung  auseinander- 
gesetzt wird,  dafs  ihr  nur  in  bildlichem  sinn  selbständige, 
objective  existenz  zugeschrieben  werden  kann,  thatsächlich 
existirt  die  spräche  nur  im  geiste  und  im  munde  des  spre- 
chenden. Mit  recht  wendet  sich  hr.  Wh.  gegen  M.  Mfil- 
ler's  entgegenstehende  ansiebt:  allerdings  ist  die  Sprache 
nicht  abhängig  von  dem  individuum,  aber  der  grund  liegt 
nicht  darin,  dals  die  menschen  keine  macht  über  die  sprä- 
che haben,  sondern  im  gegentheil  darin,  dafs  sie  alle  macht 
darüber  haben,  dafs  eben  der  gebrauch  die  spräche  macht, 
usus  norma  loquendi.  Nur  die  Übereinstimmung  der  ge- 
meinschaft  derjenigen,  welche  eine  spräche  sprechen,  kann 
dem  individuum  einflufs  auf  dieselbe  gestatten.  Ein  grund, 
weshalb  man  die  spräche  einen  naturorganismus  genannt 
und  die  Sprachwissenschaft  den  naturwissenschaften  beige- 
zählt bat,  liegt  in  der  analogie  theils  des  inhalts,  theils  der 
methode,  aber  dies  ist  auch  nur  eine  mehr  oder  minder 
instructive  analogie,  weiter  nichts.  Die  Sprachwissenschaft, 
leine  historische  disciplin,  bedarf  zwar  auch  der  hülfe  der 
naturwissenschaft,  ^.  b.  der  pbysiologie,  doch  ihr  mittel- 
punkt  bleibt  immer  der  menschliche  geist.  Andrerseits 
benimmt  die  abwesenheit  aller  reflexion  und  bewufster  ab- 
sieht der  spräche  den  Charakter  der  subjectivität^  den  sie 


anzeigen.  121 

sonst  als  erzeagnifs  einer  freien   willensthätigkeit  an  sich 
tragen    würde.      Ein    weiterer    minder  gewichtiger  grund, 
weshalb  man  die  Sprachwissenschaft  zu  einer  naturwissen- 
Schaft  hat  machen   wollen,  ist  der,   dafs  man  den  namen 
Wissenschaft  nur  denjenigen   menschlichen   kenntnissen  zu* 
schrieb,  welche  sich  auf  die  unwandelbaren  natorgesetze 
stützen.     Allein    das  liegt,    wie  hr.  Wh.  zeigt,   nicht  im 
begriff  der  Wissenschaft,    sondern  ist  eine  einseitige  und 
falsche    auffassung.     Aufgabe    des    Sprachstudiums    ist  es, 
die  historische  eotwicklung  der  spräche  bis  zu  ihrem  Ur- 
sprung zu  verfolgen,  und  hierbei  handelt  es  sich  zunächst 
um  die  etymologische  erklärung  der  Wörter  und  deren  zu- 
rückfilhmng  auf  die  ursprüngliche  form.  —  Eingehend  be- 
spricht die  dritte  Vorlesung  die  hauptbedingnngen,  welche 
fbr  das  leben  der  spräche,  ihr  wachsthum  und  ihren  ver- 
fall in  betracht  kommen.    Viele  lautlichen  Vorgänge  lassen 
sieh  nach  des  vf.'s  ansieht  zwar  begreifen,  aber  nicht  er- 
klären.   Dahin  rechnet  er  auch  die  lautverschiebung,  ohne 
jedoch  die  vorhandenen  erklärungsversuche  als  ungenügend 
nachzuweisen.   Neben  ihrer  äufseren  gestalt  aber  verändert 
die  spräche  auch  ihren  inneren  gehalt,  ja  der  Wechsel  der 
bedeutnng  ist  fast  noch   wichtiger,    als   der   der  äufseren 
laute.     Dieses  moment,  auf  welches  übrigens  auch  schon 
Steinthal  hingewiesen  hat,  besonders  hervorgehoben  zu  ha- 
ben,  ist  ein  wesentliches  verdienst  unseres  buches.     Der 
grund  für  den  Wechsel  der  bedeutung  ist  nach  hrn.  Wh. 
derselbe,  wie  der  für   die  phonetische   Veränderung:   kein 
inneres  band  verknüpft  laut  und  bedeutung,   der  Verände- 
rung dieser  beiden  factoren  steht  nur  eine  schranke  ent- 
gegen»   die  allgemeine  Verständlichkeit.     Der  procefs  der 
namengebung  wird  von  verschiedenen  Seiten  beleuchteAnd 
geleugnet,   dafs  der  mangel  an  sog.  „  sprachsinn ^  ein  zei- 
chen  des  Verfalls   sei,  weil   der  gebrauch  der  Wörter  von 
der  etymologic  unabhängig  ist.     Diese  betrachtungen  wer- 
den in  der  vierten  Vorlesung  fortgesetzt  und  namentlich  die 
äufseren  umstände,  die  zeitlichen  und  örtlichen  Verhältnisse, 
welche  auf  das  wachsthum  der  spräche  einwirken,  erörtert. 
BOcksicbtUcb  der  entstehung  der  dialecte  kommt  in  erster 


122  Clemm 

linie  die  Verschiedenheit  der  individnen  in  betracht,  welche 
aber  wieder  bestimmt  ist  durch  die  gemeinsohafb  derjenigen, 
mit  welchen  man  zusammen  lebt  und  verkehrt.  Dialecte 
sind  nicht  unterschiede  der  art,  sondern  des  grades.  Alles, 
was  die  gemeinschaft  beschränkt  und  isolirung  bewirkt, 
begünstigt  die  entstchung  der  dialecte,  während  umgekehrt 
alles,  was  die  gemeinschaft  bewirkt  und  den  verkehr  und 
die  berfihrung  der  einzelnen  volksciassen  oder  volksstämme 
fördert,  zu  einem  aufgehen  der  dialecte  in  eine  allgemeine 
spräche  hinführt.  Im  anschlufs  hieran  bekämpft  die  fünfte 
Vorlesung  die  abweichende  ansieht  Renan's  und  M.  Müller's, 
wonach  die  natürliche  anläge  der  spräche  sie  von  der  viel« 
beit  zur  einheit  hintreibt  und  die  dialecte  vor  der  spräche 
vorhanden  sind.  Nach  hrn.  Wh.  ist  aber  der  Vorgang 
ein  umgekehrter,  die  worte  verändern  im  laufe  der  zeit 
ihre  ausspräche,  form,  bedeutung  und  difFerenziren  sich 
so,  z.  b.  das  lat.  verita[t]-s  lautet  in  den  neueren  sprachen 
ganz  verschieden  verite,  verity,  verdad,  veritä.  Sodann 
wird  der  englischen  spräche  ihr  platz  in  dem  grofsen  kreise 
der  sprachen  angewiesen,  durch  ihre  doppelte  Verwandt- 
schaft mit  den  germanischen  uud  den  romanischen  sprachen 
gelangt  der  vf.  zu  der  indo-germanischen  familie  oder,  wie 
er  lieber  will,  der  indo-europäischen.  Wir  gehen  auf  die- 
sen genugsam  erörterten  und  doch  ziemlich  unwesentlichen 
punkt  nicht  weiter  ein,  sondern  bemerken  nur,  dafs  der 
Vorwurf,  der  name  ,,indo-germanisch^  schmecke  nach  na- 
tionaler Voreingenommenheit,  bereits  von  Fr.  Spi^el  in 
den  heidelb.  jbb.  LXI,  s.  21  zurückgewiesen  worden  ist. 
Die  frage  nach  dem  nrsitz  des  indogermanischen  volkes 
erklärt  hr.  Wh.  f&r  unlösbar,  wenn  er  auch  —  und  gewifs 
mit^recht  —  zugiebt,  die  allgemeine  Wahrscheinlichkeit 
spreche  ftlkr  Asien.  (S.  dagegen  Benfey's  vorrede  zu  Fick's 
indogerm.  Wörterbuch  s.  XI).  Nicht  minder  ungelöst  scheint 
dem  vf.  die  frage  nach  der  allmählichen  abtrennnng  der 
einzelnen  stamme,  gegen  Schleicher's  annahmen  wird  s.  204 
die  Stellung  des  keltischen  geltend  gemacht.  Was  dann 
weiter  über  die  civilisation  und  lebensweise  des  indoger- 
manischen   Volks    vor    der    sprach trennimg,    insofern    die 


anzeigen.  123 

spracbvergleichung  darüber  aufschiuCis  geben  kaon,  mitge- 
theilt  wirdy  dürfen  wir  als  bekannt  übergehen,  ebenso  das, 
was  in  der  sechsten  Vorlesung  über  die  einzelnen  stamme 
and  über  die  bedeatung  der  indogerman.  Sprachforschung 
f&r  die  gesammte  Sprachwissenschaft  gesagt  wird,  treffend 
sind  hier  namentlich  die  bemerkungen  über  etymologie,  ihre 
methode  und  leider  noch  allza  gewöhnlichen  fehler.  Kön- 
nen wir  nun,  so  fragt  der  vf.  in  der  siebenten  Vorlesung 
weiter,  bestimmte  züge  eines  sprachzustandes  nachweisen, 
der  im  vergleich  zu  dem  unsrigen  ein  primitiver  war?  Indem 
er  diese  frage  selbstverständlich  bejaht,  gelangt  er  auf 
dem  wege  historischer  analyse  zu  den  einsilbigen  wurzeln 
als  den  letzten  bestandtheilen  der  Ursprache.  Den  ersten 
schritt  aus  dem  monosyllabismus  heraus  that  die  Sprache 
durch  Zusammensetzung  der  beiden  gattungen  von  wurzeln, 
der  verbalen  und  pronominalen,  es  entstanden  die  ver* 
schiedenen  verbal-  und  nominalformen.  Gegen  die  hier 
vorgebrachten  erörterungen  liefse  sich  nun  freilich  manches 
einwenden,  dessen  ausführung  wir  jedoch  unterlassen  müs- 
sen, anffallend  ist  z.  b.,  dafs  hr.  Wh.  das  perfect  noch  für  ein 
tempus  der  Vergangenheit  hält  und  sich  dasselbe  nach  dem 
imperfect  oder  vielmehr  dem  aogmentpräteritum  entstanden 
denkt.  Schade,  dafs  ihm  die  schrift  von  G.  Curtius,  zur 
Chronologie  der  indogerm.  Sprachforschung  (s.  diese  zeitsohr. 
XVII,  292  £f.)  noch  nicht  vorliegen  konnte.  Gelungener 
ist,  was  8.  283  über  die  gründe  gesagt  wird,  weshalb  in 
den  alten  sprachen  die  synthcsis  vorwiegt,  während  in  den 
neueren  die  analysis  das  sprachbildönde  princip  ist. 

Eine  Übersicht  über  die  nicht  zur  indog.  familie  ge^ 
hörenden  sprachen  giebt  die  achte  und  neunte  Vorlesung, 
worin  sich  der  vf.  entschieden  gegen  das  monstrum  einer 
BOg,  turanischen  familie  erkl&rt,  wie  es  von  einigen  Sprach- 
forschern angenommen  worden  ist.  Mit  gleichem  rechte 
spricht  er  sich  dann  in  der  zehnten  Vorlesung  über  den 
Vorzug  der  genealogischen  Classification  vor  der  morpholo- 
gischen aus:  jene,  welche  allerdings  durch  diese  ergänzt 
werden  mufs,  ist  das  eigentliche  ziel  der  historischen  Sprach- 
forschung, indem   sie  mit  deren   resultaten  für  ethnologic 


124  Clemm 

und  geschichtc  der  menschheit  eng  zusammeohäiigt.  Das 
verhältnifs  der  spracbwissenechaft  uod  uatarwisseDSchafb  zur 
ethnologie  wird  hierauf  näher  auseinandergesetzt,  wobei  hr. 
Wh.  die  frage^  was  denn  die  erstere  hinsichtlich  der  ein- 
heitlichen abstammung  des  menschengeschlechts  lehre,  als 
unlösbar  und  —  unfruchtbar  abweist.  Die  elfte  Vorlesung 
wendet  sich  zum  problem  vom  Ursprung  der  spräche  und 
untersucht  zuerst  das  verh&ltnifs  von  denken  und  sprechen, 
zwischen  beiden  herrscht  keine  nolhwendige  Verbindung, 
wie  zwischen  leib  und  seele,  das  erstere  geht  dem  letzteren 
voraus.  £s  folgt  dann  eine  kritik  der  neueren  haupttheo- 
rien  über  den  Ursprung  der  spräche,  unter  denen  M.  Mcd- 
lers  kling  *kIangtheorie  als  g&nzlich  unhaltbar  bezeichnet 
wird.  Hr.  Wh.  selbst  gesteht  dem  interjectionalen,  beson- 
ders aber  dem  onomatopoetischen  *)  princip  eine  grolse 
berechtigung  zu,  wenn  man  nur  festhalten  wolle,  dafs  die 
Worte  nicht  treue  abbilder  der  gedanken  sind,  sondern  nur 
das  mittel,  diese  andern  mitzutheilen.  Die  zwölfte  Vorle- 
sung endlich  kehrt  noch  einmal  zu  der  im  anfange  aufge- 
worfenen frage  zurOck:  warum  sprechen  wir  wie  wir  spre- 
chen? und  prüft  diese  von  neuen  gesichtspuokten  aus. 
Hier  wird  dann  auch  der  rOckwirkung  der  spräche  auf  die 
gedanken  und  die  gesammte  geistige  entwicklung  des  men- 
schen gedacht  und  dabei  auf  die  hQlfe  der  schreibkunst 
hingewiesen,  deren  geschichte  in  einer  skizze  gegeben  wird. 
Ob  die  engliche  spräche,  deren  aiphabet  und  Orthographie 
der  vf.  .schliefslich  bespricht,  wirklich  dereinst  zu  einer 
Weltsprache  berufen  scheint,  ist  ein  punkt,  über  den  sich 
auch  unter  zugeständnifs  aller  ihr  vindicirten  Vorzüge 
.streiten  liefse. 

Doch  wir  dürfen  uns  auf  das  einzelne  hier  nicht  ein- 
lassen, so  ungern  wir  uns  auch  die  mittheilung  mancher 
treffenden  und  fruchtbaren  gedanken,  welche  das  reich- 
haltige und  durchaus  von  besonnenem  urtheile  zeugende 
buch  enthält,  versagen;  vorstehendes  möge  genügen,  es 
dem    Studium    aller    Sprachforscher    —    auch    derjenigen, 

♦)  Zu  dieser  ansieht  bekennt  der  verf.   vorrede  s.  1  und  2  erst  durch 
neuere  Studien  angeregt  worden  zu  sein. 


anzeigen.  125 

welche  dem  vf.  in  manchen  stücken  nicht  beistimmen  wer- 
den —  zu  empfehlen.  «- 

Giefsen.  W.  Clemm. 


La  langae  Latine  ^tndi^e  dans  Tunit^  Indo-Enropdenne.  HiBtoire-Gram- 
maire-Lexiqne,  par  Am^^e  de  Caix  de  Saint -Ajrmonr.  Paris  1868 
(462  1.   8.). 

Das  ist  ein  viel  versprechender  titel,  und  ein  bnch, 
das  auch  nur  einigermafsen  erfbUt,  was  derselbe  verhelfst, 
mttfste  der  Sprachwissenschaft  willkommen  sein.  Aber 
schon  der  erste  abschnitt  des  buches,  der  sich  „geschichte 
der  indo-europäischen  familie''  nennt  und  der  folgende  ^ge- 
schichtlicher blick  auf  das  lateinische  und  seine  dialekte^ 
sind  ganz  dazu  geeignet,  die  erwartungen  jedes  sachkundi- 
gen von  diesem  buche  herabzustimmen.  Das  brauchbare 
an  diesen  abschnitten  verdankt  der  Verfasser  anderen,  und 
was  er  selbst  hinzuthut,  ist  unbedeutend  oder  vom  Obel. 
Mit  grofser  Sicherheit  läfst  er  zur  erklärung  des  Ursprunges 
der  griechischen  und  der  italischen  sprachen  Ario-Pelasger 
auftreten,  die  sich  dann  in  Hellene -Pelasger  und  Italo- 
Pelasger  trennen,  und  stellt  den  letzteren  in  Italien  semi- 
tische Etrusker  zur  Seite  nach  dem  „beweise^  M.  Stickeis, 
dafs  die  etruskische  spräche  im  wesentlichen  semitisch  sei, 
ein  satz ,  den  M.  Cbav^e  „  enthüllt  und  vergröfsert  haben 
soU^.  Von  den  Widerlegungen  der  grundlosen  Stickeischen 
hypothese  weifs  derselbe  nichts.  M.  de  Caix  würde  wohl 
thun,  sich  über  dieselbe  bei  Ascoli  belehrung  zu  holen 
(Intorno  ai  recenti  studj  diretti  a  dimostrare  il  Semitismo 
della  lingua  Etrusca.  Estr.  dalF  Archive  Storico  Italiano. 
Nuov.  ser.  Tom.  XI,  p.  1  f.).  Was  er  über  das  ver- 
hftltnifs  der  lateinischen  spräche  zu  den  verwandten  itali- 
schen dialekten  vorbringt,  hat  er  in  Mommsens  römischer 
geschichte  gelesen  oder  gelegentlich  aus  Bopps  verglei- 
chender grammatik  entnommen.  Er  geht  denn  auch  bald 
von  diesem  gegenstände  ab  und  erzählt  einiges  über  die 
romanischen  sprachen.    Hiermit  ist  der  erste  grofse  hanpt- 


126  CorsMB 

abschnitt  seinee  werkes:  Histoire  beendet,  und  es  beginnt 
p.  41  der  ss weite:  Gramraaire.     Hier  zeigt  sieb  nun  gleich 
in  dem  ersten  abschnitte,  überschrieben  „les  sons  et  les  let- 
teres",  wefs  geistes  kind  M.  A.  de  Caix  de  Saint -Aymour 
ist,  an  dem  dürftigen  und  armseligen  gerede,   das  er  über 
das   lateinische    aiphabet    und  die   ausspräche  so   wie   die 
Wandelungen  der  lateinischen  laute  zu  markte  bringt.    Von 
dem  heutigen  Standpunkte  der  forschung  auf  diesem   ge- 
biete  in   Deutschland   ist  keine  künde  zu  den  obren   des 
M.  de  C.  gedrungen,  und  er  weifs  von  der  sache,    Über 
die   er*  schreibt,    nicht   mehr  als  M.  A.  Rispal  in  seiner 
l^tude  sur  la  prononciation  de  la  langue  Latine  (d.  zeitschr. 
XIV,  279).   Mit  jener  von  keinen  zweifeln  getrübten  Sicher- 
heit, welche  die  unkenntnifs  gewährt,   bringt  er  die  gröb- 
sten irrthümer  vor  in  einem  tone,  als  gäbe  er  sichere  und 
kostbare  aufschlüsse.   So  z.  b.  behauptet  er,  jedesmal,  wenn 
ein  laut  einer  kurzen  silbe  im  lateinischen  schwinde,  werde 
die  kurze  silbe  gelängt  (p.  76).     Nun  hätte  er  wohl  dafbr, 
dafs  diese  ersatzdehnung  in  hochbetonten  silben  mehrfach 
eintritt,  belege  anführen  können.   Aber  von  den  beispielen, 
die  er  vorbringt,  hat  in  den  meisten  keine  ersatzdehnung 
stattgefunden«     Im    acc.  plur.  ^novöns   aus  dem    novös 
entstand,  in  *meliönsis  meliösis,  meliöris  (a,  o.),  in 
dem  sufBx  -önso,  -öso  (s.  148)  war  das  o  vor  -ns  schon 
lang    vor    ausfall    des  n.     Als  beispiel   der  ersatzdehnung 
werden  ferner  die  ablativformen  wie  rosa,  populö  ange- 
fahrt, die  ihr  a  und  o  zum  ersatz  für  abgefallenes  d  ge- 
dehnt haben  sollen.   Später  kommt  er  zwar  selber  zu  einer 
anderen   erklärung   dieser  vokallängen  (s.  165)  aber  ohne 
seinen  früheren  irrthum  zu  widerrufen.     Von  den  messun- 
gen  Gnaivöd,  med,  t^d,  söd-  u.  a.  verräth  M.  de  C.  auf 
p.  76  kein  bewufstsein.     Aber  das  stärkste  ist  doch,   dafs 
er  unter  den  beispielen  für  ersatzdehnung  auch  „miles^ 
anftkhrt.   Wenn  er  auf  der  schule  die  quantität  der  endsilbe 
von  nominativformen  auf  -es,  gen.  -itis,  -etis  nicht  ken- 
nen gelernt  hat,  dann  hätte  er  sich  doch  über  dieselben 
aas  seiner  grammatik  des  M.  Dutrey,  die  er  so  sehr  schätzt, 
aafscblufs  holen  sollen,  um   den  leser  nicht  in  die  leidige 


anzeigen-  127 

nothwendigkeit  zu  versetzen,  schliefeeu  zu  müssen,  dafs 
M.  de  Caix  de  Saint^Aymour  zu  der  lateinischen  prosodie 
nur  in  dem  verbältnirs  einer  entfernteren  bekanntscbaft 
stand,  als  er  sein  werk  Qber  die  lateinische  spräche  schrieb-. 
Die  lautwecbsel  der  lateinischen  spräche  gestaltet  oder  ver- 
unstaltet derselbe  mit  grofser  Sicherheit  und  freiheit  so, 
wie  sie  ihm  fOr  seine  etymologischen  einfalle  in  den  kram 
passen.  Nach  diesen  ist  z.  b.  lubido  aus  ^glubido  ent- 
standen, lepus  aus  ""vepos  (p.  148);  das  suffix  -vant 
wird  nicht  blofs  zu  -lento,  sondern  auch  zu  -met, 
-ment,  -mento,  -men;  iste  ist  eine  superlativform  vom 
pronominalstamm  i-;  aus  derselben  ward  durch  die  mit*» 
telstufe  *ispe  auch  ipse,  das  also  gleichfalls  ein  su« 
perlativ  ist  (p.  120);  occa  entstand  aus  *rcca,  octo 
aus  *rcto,  indem  r  sich  in  u  verwandelte,  und  das  u  dann 
zu  av  gesteigert  wurde  (sol  p.  450).  In  dem  abschnitte 
über  die  redetheile  ist  nun  insbesondere  hervorzuheben  die 
eintheilung  der  indogermanischen  verba  nach  ihren  Ursprünge 
liehen  grundbedeutungen  in  drei  hauptklassen :  1)  bruire 
oa  retentir.  2)  presser.  3)  tendre,  die  jede  wieder 
in  drei  unterabtheilungen  zerfallen,  nämlich  kl.  1  in  a)crier. 
b)  Bouffier,  c)  d^truire,  kl.  2  in  a)  presser  sur. . 
DU  poser-ötablir.  b)  serrer-condenser.  o)  flechir- 
courber,  kl.  3  in  a)  tendre  vers.  b)  ^tendre.  3)  r6- 
pandre  (p.  106  f.  212  f.).  Mit  dieser  eintheilung  ist  M. 
de  C,  wie  er  versichert,  auf  dem  „höchsten  gipfel  seiner 
linguistischen  Studien^  angelangt  (p.  108).  Indem  er  Cha- 
vee  als  den  eigentlichen  urheber  dieser  eintheilungsmethode 
preist,  sagt  er  von  denselben,  p.  109:  C'est  donc  lui,  qui 
appliquant  au  langage  une  rigoureuse  methode  naturelle, 
a  contribue  le  plus  h  elever  cette  ätude  ä  la  hauteur  d^une 
science  positive  digne  des  preoccupations  de  notre  epoque 
et  des  succds  de  Favenir.  Was  ist  denn  die  Sprachwissen- 
schaft vor  Chav^e  gewesen?  War  Bopps  methode  etwa 
eine  unnatürliche?  Stand  Bopps  lehre  nicht  auf  der  höhe 
einer  positiven  Wissenschaft?  War  sie  nicht  wissenschaftlich 
and  nur  negativ?  Ist  etwa  das  werk  des  grofsen  spraohfor* 
Sehers  nicht  würdig,   dafs  Zeitgenossen  und  nachkommen 


128  Corasen 

es  stadieren?  Es  ist  hier  uicht  der  ort  und  nicht  mehr  die 
zeity  um  über  das  ?oc  fast  zwei  Jahrzehnten  erschienene 
buch  von  Chav^e:  Lexiologie  Indo-Europ^enne,  Paris  1849 
eingehend  zu  sprechen;  aber  dafs  dasselbe  mit  den  for- 
schungen  eines  Bopp,  Grimm  und  Diez  nicht  auf  einer 
stufe  des  wissenschaftlichen  werthes  steht,  das  wird  wohl 
auch  der  mildeste  beurtheiler  jenes  buches,  wenn  er  es  mit 
der  Wahrheit  ernst  nimmt,  zugeben.  Der  obige  satz  des 
M.  de  C.  ist  weiter  nichts  als  eine  hohle  und  unklare 
rhetorische  pbrase,  eine  lobhudelei  auf  kosten  der  Wahrheit, 
die  dazu  dienen  soll,  die  haltlose  und  willkürliche  lehre 
von  der  entwickelung  der  bedeutung  der  wurzeln,  die  Cba- 
v^  zuerst  vorgebracht  (Lexiolog.  p.  63—79.  169  — 172  f. 
183  f.  313  f.  381  f.  395  f.  405  f.,  vergl.  Revue  linguistique 
I,  138  f.))  M.  de  C.  wieder  aus  der  Vergessenheit  hervor- 
geholt und  neu  aufgestutzt  hat,  eine  theorie,  die  weder 
der  mannigfaltigkeit  der  sprachlichen  thatsachen  gerecht 
wird,  noch  auf  einem  philosophischen,  der  natur  der 
menschlichen  seele  und  ihrer  sinneswahmehmungen  ent- 
nommenen eintbeilungsgrunde  beruht,  im  lichte  einer 
grofsen  entdeckung  erscheinen  zu  lassen.  In  welcher 
weise  überhaupt  die  rhetorische  phrase  in  dem  vorlie- 
genden buche  des  M.  de  C.  in  blfithe  steht,  dafür  mag 
hier  noch  ein  beispiel  platz  finden.  Vom  femininum  er- 
fahren wir,  es  sei  „le  plus  gracieux  des  genres^  (p*  156). 
Glaubt  denn  M.  de  C.  wirklich,  dafs  z.  b.  die  femininen 
suffixvokale  ä,  i  durch  anmuth  hervorragen?  dafs  die  fe- 
mininen suffixformen  skr.  -tri,  gr.  -r(>id,  tat.  -tric  zier- 
licher oder  lieblicher  sind  als  die  masculinen  skr.  -tar,  gr. 
-ro(i,  lat.  -tor?  Ihm  schwebten  wohl  anmuthige  firauen^ 
bilder  vor,  deren  reize  er  auf  jene  sprachlichen  suffixe 
übertrug.  Rosa  soll  entstanden  sein  aus  rosa+a,  indem 
das  erste  a  zum  stamme  gehöre,  das  zweite  das  zeichen  des 
femininums  sei;  man  wisse  ja,  dafs  Manu  befohlen  habe, 
den  frauen  namen  zu  geben  mit  langem  vokal  im  auslaut. 
Wie  kam  es  nun,  dafs  das  a  in  rosa  kurz  ist?  Er  ant* 
wertet,  p.  158:  Haas!  il  y  a  lä  une  raison  de  clart6  d'ex- 
pression,  qui,  tont  en  itaxkt  louable  dans  sons  but,  est  d^ 


anzeigen.  129 

plorable,  quant  ä  ses  effets.  L'ablatif  rosa,  long  par  soi 
et  par  la  chute  du  d,  a  foroe  les  Romains  ä  faire  leur 
Dominatif  bref,  bien  qu'il  düt  rester  long  pour  des  raisons 
positives  et  p^remptoires.  Die  vorstehende  sentimentale 
pbrase  mit  dem  helas!  loaable  und  deplorable  macht  schon 
deshalb  einen  komischen  ein  druck,  weil  die  lateinische 
Sprache  hier  eine  Zurechtweisung  von  M.  de  C.  erhält, 
wie  ein  geliebter  schulknabe,  der  in  guter  absieht  einen 
dummen  streich  ausgeführt  hat  und  dabei  ku  schaden  ge» 
kommen  ist,  von  seinem  hofmeister.  Hätte  der  verf.  ge* 
wnfst,  dafs  das  ä  des  nominativs  von  a- stammen  in  der 
altlateinischen  metrik  noch  lang  gemessen  wurde,  hätte  er 
bedacht,  dafs  die  lateinische  spräche  fünf  casus  von  cornu 
völlig  gleich  gestaltet,  dafs  die  spätlateinische  Volkssprache 
nach  abfall  des  auslautenden  s  und  m  fast  alle  casusformen 
des  Singulars  von  abstammen  und  o-stämmen  völlig  gleich 
gestaltet,  dafs  die  lateinische  spräche  in  zahlreichen  f&Uen 
die  tieftonigen  auslautenden  silben  gekürzt  hat,  dann  würde 
er  die  obigen  redeblumen  schwerlich  vorgebracht  haben. 

Die  lehre  von  der  Wortbildung  und  wortbiegung  meint 
der  verf.  zu  bereichern,  indem  er  alle  möglichen  sufBxe 
in  pronominalstämme  auflöst  ohne  gewahr  zu  werden,  dais 
er  dabei  für  die  entstehung  der  bedeutung  der  einzelnen 
stammbildenden  oder  casusbildenden  suffixe  so  gut  wie 
nichts  erklärt.  Auch  hier  übertreibt  er  übrigens  lediglich, 
was  er  bei  Chav^e  gelesen  hat  (Lexiol.  p.  39  f.)  Um  die 
lateinische  lautlehre  und  die  wohlbegründeten  erklärungen 
anderer  kümmert  er  sich  auch  hier  nicht,  weil  er  von  bei«'» 
den  in  der  regel  keine  kenntnifs  hat.  So  behauptet  er,  da« 
snffix  -ta,  der  demonstrative  pronominalstamm,  nehme  bis^ 
weilen  den  zitterlaut  r  als  zeichen  der  Bewegung  und  der 
thätigkeit  eines  wesens  an  sich,  und  so  entständen  die  suf* 
fixformen  -tar,  lat.  -ter,  -tor,  -sor,  -trix  (p.  113  f.). 
Das  c  von  hi-c  vermengt  er  mit  dem  -que  von  quando- 
-que  (p.  116).  Er  redet  mit  ästhetischer  entrüstung  von 
abscheulichen  pleonasmen  wie  *hic-ce,  entstanden  aus 
ht-i-ce  -f-ce,  indem  er  trotz  buchdrnckerkunst  und  te- 
legraphenwesens    noch    keine    nachricht    erbalten   hat  von 

Zeitechr.  f.  vgl.  sprachf.  XVIII.  2.  9 


180  CorMon 

Bitschis  schon  Tor  anderthalb  Jahrzehnten  gef&hrtem  be- 
weise, dafs  eine  form  *bi-c-ce  in  der  lateinischen  spräche 
niemals  vorhanden  gewesen  ist  Tantus  ist  nach  M.  de  C. 
nichts  anderes  als  eine  art  Superlativ  durch  reduplication 
ta+ta  (p.  118),  und  diesen  nichtigen  einfall  bringt  er  so 
papier,  ohne  dals  die  erklArnng  von  Bopp  auch  nnr  erw&bnt 
wird.  Qnantus  ist  hingegen  „der  bruder  des  skr.  kati^ 
(a.  o.).  Aus  dem  angeblichen  casussujff.  -na  des  objects  ist 
novus  entstanden,  und  das  zahlwort  novem  ebenso,  denn 
dieses  bedeute  die  i^neue^  zahl  nach  der  zahl  acht,  die 
herauskomme,  wenn  man  alle  zehn  finger  ausstrecke  und 
beiden  dftume  abrechne  (s.  123).  Und  das  nennt  M.  de  C. 
„die  zahl  neun  studieren^.  Quattuor  stammt  von  wz. 
kat-  abschneiden,  octo  von  wz.  ak-  theilen  (klasse  d^- 
truire),  decem  von  wz.  dak-  zeigen  (klasse  presser). 
So  meint  der  verf.  auf  dem  räume  einer  halben  seite  das 
geheimniik  der  Zahlwörter  zu  enträthseln,  ohne  dafs  er 
von  den  forschungen  von  Lepsius,  Pott  und  anderen  auf 
diesem  gebiete  irgend  etwas  vernommen  hätte.  Was  er 
über  steigerungssnfißxe  (s.  125  f.)  und  über  die  bildung  der 
pronomina  (s.  127  f.)  vcTrbringt,  ist  ungefähr  von  demselben 
werthe  wie  seine  ein  Alle  über  die  Zahlwörter  überall,  wo 
er  seine  Weisheit  nicht  aus  Bopp  geschöpft  hat.  In  dem 
abschnitt  Ober  die  bildung  von  verbalst&mmen  und  nomi* 
nalstämmen  enthüllt  M.  de  C.  „das  grofse  gesetz,  das  den 
Vorsitz  führt  bei  der  schöpfiing  von  stftmmen  dieser  klasse^, 
nimlich  „dasjenige  der  entgegensetzung  und  des  bezie- 
hnngsweisen  vorherrschens  der  Vorstellungen  des  Stoffes 
(pronomen)  und  der  handlung  (verbnm)^  (s.  142).  Wenn 
die  idee  der  handlung  vorherrscht,  dann  büfst  der  prono- 
minalstamm ta-  die  hälfte  ein,  z.  b.  in  da«-t;  das  t  kann 
dann  auch  ganz  schwinden  z.  b.  in  leonis  (p.  143);  es 
kann  auch  zu  s  werden  wie  in  genus  u.  a.  (p.  144).  Wenn 
aber  die  Vorstellung  des  stoflfes  überwiegt,  dann  bleibt  der 
pronominalstamm  -ta  unversehrt,  so  in  den  participien  auf 
•tn-s,  ota,  -tu-m  (p.  146).  Bei  der  enthOllung  jenes 
„den  Vorsitz  führenden  gesetzes^,  das  lediglich  ein  erzeug- 
nifs  der  lebhaften   einbildungskraft  ist,    die  bei  den  schö« 


anzeigen.  131 

pfhngen  des  M.  de  C.  den  vorsitz  ftkbrt,  erfahren  wir  un- 
ter andern,  dafs  in  dem  sufBx  der  lateinischen  supina  auf 
-tu-m,  -tn  die  wurzel  tn-  anf&Uen,  erftkllen  steckt,  und 
dafe  comitare,  flagitare  u.  a.  durch  ,,yerdoppelung^ 
entstandene  frequentative  sind.  Bei  der  Betrachtung  der 
lateinischen  flexion  folgt  der  verf.  M.  Eichho£P  (Parallele  des 
langues  etc.)  und  M.  Dutrey  (Grammaire  Latine),  während 
ihm  auch  hier  die  neueren  eingehenden  Untersuchungen 
deutscher  Sprachforscher  fremd  geblieben  sind.  Es  genfigt 
ein  beispiel  ans  diesem  abschnitte  hervorzuheben,  aus  dem 
der  Standpunkt  der  kenntnisse  und  der  methode  des  M. 
de  C.  erhellt.  Ffir  seine  paradigmen  der  deklination  von 
18  und  qüi  citiert  er  in  den  anmerkungen  Inschriften;  et 
ist  aber  noch  bei  Muratori,  Egger  und  Orelli  stehen  ge- 
blieben, wenn  er  diese  wirklich  selber  nachgesehen  hat. 
Dieser  mann,  der  fiber  die  lateinische  spräche  ein  buch 
schreibt,  das  nach  seiner  einbildung  an  der  spitze  der  Sprach- 
forschung marschiert,  weifs  noch  ganz  und  gar  nichts  Ton 
den  epigraphischen  forschungen  von  Fr.  Ritschi  und  Th. 
Mommsen  und  deren  bedeutung  för  die  geschichte  der  la- 
teinischen spräche.  Ffir  den  nom.  plur.  iei  bringt  er  in 
einer  anmerkung  das  citat:  „Dans  toutes  les  inscriptions^ 
(s.  185).  Das  ist  in  der  that  ein  ebenso  umfassendes  als 
kurzes  und  ffir  den  citierenden  bequemes  citat,  und  wenn 
dasselbe  richtig  wäre,  so  wäre  an  der  Sache  gar  nichts 
auszusetzen.  Aber  leider  ist  von  dem  Vorhandensein  der 
formen  des  nom.  pl.  ieis,  ei,  eis  in  inschriften  wieder 
keine  künde  zu  den  obren  des  verf.  gedrungen.  Nachdem 
M.  de  C.  dann  aus  Bopp  einiges  über  die  lateinischen  con- 
jugationen  mitgetheilt  hat,  gelangt  er  endlich  zu  dem  dritten, 
dem  lexikalischen  theile  seines  bucbes,  den  er  schon  vorher 
als  den  „höchsten  gipfel  seiner  linguistischen  Studien^  an- 
gekfindigt  hat,  der  „den  marsch  der  ideen  in  den  indo- 
europäischen idiomen"  verfolgen  soll  (p.  21 3 f.).  Diese  läfst 
er  nämlich  sammt  und  sonders  ausmarschieren  von  den 
schon  oben  angefahrten  drei  klassen  von  grundbedeutun- 
gen,  nach  denen  er  eine  art  von  wurzellexikon  der  latei- 
nischen  spräche   herzustellen    versucht.     Wer   sich  davon 

9* 


132  Comparetti 

Öberzeugen  will,  was  fhr  wilde,  lose  und  windige  ein&Ile 
der  Verfasser  auf  diesem  ideenmarschc  ohne  kenntnifs  der 
gesetze  lateinischer  Wortbildung  und  lautlehre  und  längst 
erwiesener  etymologien  vorzubringen  w^t,  der  lese  zum 
beispiel,  was  er  schreibt  über  pious  (p.  227),  tussis 
(p.  231),  cincinnus  (p.  240),  sternuere  (p.  244),  cor 
(p.  256),  clamor  (p.  262),  ludere  (p.  264),  veru  (p.  284), 
8entire(p.  316),  averc  (p.  527),  queri  (p.  335),  cupere 
(p.  359),  fingere  (p- 424),  fenestra  (p.  434),  oblivisci 
(p.  441),  perdere  (p.  448),  occa,  octo  (p.  450),  vulnas 
(p.  452)  u.  a.  Es  ist  zwecklos  und  überflüssig,  sich  auf 
Widerlegungen  einzulassen  gegen  jemand,  der  statt  sach- 
kenntnils  dreiste  behauptungen,  statt  beweisführungen  rhe- 
torische phrasen  zum  besten  giebt«  M.  de  C.  huldigt  viel- 
leicht dem  grundsatze:  docendo  discimus;  aber  er  hätte 
doch  einigermafsen  den  gegenwärtigen  Standpunkt  der  for- 
schung  kennen  lernen  sollen,  ehe  er  das  Wagestück  unter- 
nahm, andre  über  die  lateinische  spräche  belehren  zu  wol- 
len. Die  blöfsen,  die  er  sich  auf  schritt  und  tritt  bei  die- 
sem vergeblichen  versuche  giebt,  werden  durch  hochtra- 
bende redensarten  von  der  strengen  natürlichen  methode 
der  Sprachforschung,  vpn  der  höhe  einer  positiven  Sprach- 
wissenschaft, von  grofsen  gcsetzen,  die  bei  der  Wortbildung 
den  Vorsitz  f&hren,  von  dem  marsch  der  ideen  in  dem 
indo-europäischen  idiom  und  ähnliches  wortgepränge  kei- 
neswegs verdeckt;  sie  stechen  gegen  diesen  flitterstaat  nur 
noch  hälslicher  ab. 

Berlin.  W,  Corssen. 


Ätode  8ur  le  dialecte  tzaconien,  thhse  pour  le  doctorat  pr^sent^e  ^  la  fk- 
cult^  de  lettres  de  Paris,  par  Gustave  Deville,  ancien  membre  de 
räcole  franfaise  d' Äthanes.     Paris  1866. 

Eine  der  sonderbarsten  anomalien  in  der  heutigen 
Wissenschaft  ist  die  geringe  aufmerksamkeit,  die  man,  bei 
allem  eifer  fbr  philologische  Studien,  dem  neugriechischen 
und  seinen  dialekten  zu   widmen  pflegt.     Man  studirt  die 


anzeigen.  133 

altgriecbisohe  spräche  mit  unermüdlicbem  fleifse,  selbst  in 
den  epocben  ihrer  abnehmenden  blQtbe  und  in  ihren  weni- 
ger dassischen  formen ;  man  schreibt  gelehrte  abbandlungen 
aber   die   werthlose   inschrift    eines  ostrakon,    Aber  einen 
Abraxas,   über  einen  zauberpapyrus;   man   liest,  publicirt 
und  commentirt  die  albernheiten  eines  byzantinischen  scbo- 
liasten;  man  füllt  ganze  bände  mit  unbedeutenden  anekdota; 
man  müht  sich  ab  mit  jedem  altgriechischen  wort,  gleich- 
viel woher  es  komme,  und  wie  es  beschaffen  sei,  —  aber 
dasselbe    wort  im  munde  eines   Nengriechen  findet  keine 
beacbtung  und  bleibt  ausgeschlossen  aus  dem  kreise  ernst- 
hafter und  wissenschaftlicher  Untersuchungen.    Das  Hesy- 
chische  glossarium  gilt  ßir  einen  schätz,  weil  es  uns  eine 
menge  von  Wörtern  und  dialektischen  formen  bewahrt  hat, 
die  sich  in  den  auf  uns  gekommenen  antiken  Schriftstellern 
nicht  finden,  und  wenn  morgen  ein  neues  glossarium  gefun- 
den würde,  welches  uns  andere  antike  neuigkeiten  dieser  art 
offenbarte,  so  würde  eine  solche  entdeck ung,  und  gewils  mit 
recht,  in  der  ganzen  philologischen  weit  wie  ein  fest  gefeiert 
werden.    Findet  man  dagegen  in  den  heutigen  griech.  dia- 
lekten  viele  jener  ungewöhnlichen  Wörter  die  Hesychius  auf- 
fiihrt,  oder  andere,  die  uns  zwar  von  keinem  der  alten  schrift- 
steiler überliefert  wurden,  die  aber  dennoch  sicherlich  von 
alter  berkunft  sind;  findet  man  lebendige  dialektische  formen, 
deren  existenz  in  der  dassischen  zeit  uns  kaum  von  einem 
grammatiker  angedeutet  ist,  so  erscheint  das  als  ein  völlig 
gleichgültiges  factum,  mit   dem   es  nicht  der  mühe  lohnt 
sich    zu    beschäftigen.     Ohne  zweifei,    die  neugriechische 
spräche  hat  schwere  Sünden  in  den  äugen  mancher  philo- 
logcn.     „Wie  soll  man  sich^,  sagte   mir  eines  tages  ein 
junger  doctor  aus  Bonn,  „mit  einer  spräche  abgeben,  die  so 
tief  gesunken  ist,  dafs  sie  anu  mit  dem  accusativ  construirt?^ 
Es  hat  sich  wohl  dieser  und  jeuer  von  den  gelehrten,  die 
Griechenland  besuchen,  herabgelassen,   uns  einige  proben 
von  der  spräche  der  lebendigen  bewohner  des  landes  mit- 
zutheilen,   aber  meistens  geschah  es  in  der  ungenügenden, 
ungenauen  und  nachlässigen  art  eines,  der  sich  bewufst  ist 
i^ü)  xov  n^ayuaioq  zu  schreiben  über  dinge,  auf  die  es  im 


1S4  Coinparetti 

grande  wenig  aQkommt.  Eine  umfassende,  tiefe  und  wahr- 
haft wissenschaftliche  erforschuug  jener  spräche  ist  bisher 
noch  nicht  unternommen  worden,  und  obwohl  man  nicht 
sagen  kann,  dafs  es  ganz  an  neugriechischen  Studien  fehle, 
so  darf  man  doch  behaupten,  dafs  dieselben  noch  nicht 
Aber  die  grenzen  jenes  dilettantismus  hinausgekommen  sind, 
mit  welchem  sie  unter  dem  einflufs  der  durch  die  erste 
griechische  revolution  hervorgerufenen  Sympathien  began- 
nen. Das  werk  von  Mnllach  ist,  wie  bekannt^  nicht  das 
resnltat  von  unmittelbar  im  griechischen  volk  angestellten 
Untersuchungen^  sondern  nach  den  höchst  dOrftigen  und 
unvollständigen  proben  der  griechischen  vulgärsprache  ver- 
fafst,  die  wir  gedruckt  besitzen.  Und  dafs  dieses  buch 
dennoch  das  beste  ist,  was  bisher  über  den  gegenständ 
geschrieben  wurde,  zeigt  uns  das  maafs  einer  iQcke  an, 
welche  die  Wissenschaft,  schon  um  ihrer  ehre  willen,  nicht 
länger  unausgefQllt  lassen  darf. 

Um  so  erfreulicher  ist  inmitten  dieser  Vernachlässigung, 
an  der  zum  grofsen  theil  die  pedanterie  und  einseitigkeit 
einer  gewissen  klasse  übrigens  höchst  achtbarer  gelehrten 
schuld  hat,  das  beispiel  eines  jungen  pbilologen  der  fran- 
zösischen schule  von  Athen,  welcher  sich  dem  Studium  der 
neugriechischen  dialekte  gewidmet  hat,  beginnend  mit  dem 
tzakonischen ,  ohne  frage  dem  bemerkenswerthesten  von 
allen,  sei  es  um  seiner  seltsamen  formen  willen,  sei  es  wegen 
der  fremdartigen  eigenthümlichkeiten  seines  Wortschatzes. 

In  der  einleitung,  die  seiner  arbeit  vorhergeht,  giebt 
herr  Deville  (mit  beifügung  einer  karte)  einige  topogra- 
phische notizen  über  Tzakonien,  welches  land  er  zweimal, 
in  den  jähren  1863  und  1864,  besuchte.  Dann  folgen  hi- 
storische nachrichten,  soviel  deren  der  vf.,  oder  andere  vor 
ihm,  über  die  alten  und  neuen  bewohner  Tzakoniens  auf- 
finden konnten.  Die  arbeit  selbst  zerfällt  in  drei  theile. 
Der  erste  enthält  eine  liste  von  374  tzakonischen  Wörtern 
mit  etymologischen  anmerkungen;  der  zweite  bandet  von 
der  phonologie;  der  dritte  von  der  grammatik  des  dia- 
lekts. 

In  den  wenigen  worten,  mit  denen  hr.  D.  am  anfange 


anieigtii.  1S5 

seiner  schrift  derer  gedenkt,  welche  vor  ihm  daaaelbe  thema 
behandelt  haben,  ist  er  weder  so  genau,  noch  so  vollstän- 
dig, noch  so  gerecht,  wie  man  es  hätte  erwarten  dürfen« 
Nach  seiner  meinung  hätte  Leake  nnr  das  wesentliche  ans 
Thiersch^s  abhandlang  in  seinen  Peloponnesiaca  wieder- 
holt; wobei  hr.  D«  vergifst,  dafs  Leake  schon  vor  Thiersch 
in  seinen  Travels  in  the  Morea  und  in  seinen  Resear* 
chee  into  Oreece  einzelheiten  über  den  tzak.  dialekt 
mitgetheilt  hatte,  die  auch  Thiersch  gewissenhaft  citirt. 
Allerdinga  brachten  die  umstände,  unter  welchen  Leake 
Tsakonien  besuchte,  es  mit  sich,  dafs  er  in  einige  irrthflmer 
verfiel,  die  Thiersch  dann  verbesserte.  Was  femer  Thiersch's 
abhandlang  betrifit,  die  hr.  D.  in  seinem  ganzen  buch  nur 
swei*  oder  dreimal  nennt  und  auch  dann  nur  um  sie  sa 
tadeln,  so  ist  es  zwar  wahr,  dais  sie  in  dem  grammatischen 
theil  mancherlei  fehler  und  ungenauigkeiten  enthält;  im  hi- 
storischen jedoch  hat  sie  hr.  D.  in  ausgedehntem  maalse  be- 
natzt, ohne  sieb  weiter  die  mühe  geben,  sie  zu  citiren.^Am 
meisten  aber  befremdete  uns  das  absolute  stillschweigen,  mit 
welchem  er  die  schrift  eines  Tzakoniers  fibergeht,  die  wohl 
anderswo  unbekannt  geblieben  sein  mag,  aber  sicherlich  nicht 
in  Griechenland.  Sie  fQhrt  den  titel :  flgayfiateia  negl  rijg 
Aanmvixiiq  (T^axavix^g)  yXdöatig  öwTfxx&üöa  vno  xov  ix 
AboüviÖiov  Q,  M,  OixovofAov.  !d&iivrj(fiv  1846.  Da  wir  in  einem 
bericht  des  hm.  Dehäque  *)  aus  dem  jähre  1864,  in  welchem 
von  der  damals  noch  nicht  veröffentlichtem  arbeit  des  hm.  D. 
die  rede  ist,  gelesen  hatten,  dafs  hr.  D.  inTzakonien  die  gast- 
fireundschaft  eines  Protopapas  Oikonomos  genossen,  so  hat-  * 
ten  wir,  in  dem  glauben,  dafs  dieser  der  Verfasser  jener  schrift 
sein  möge,  um  so  bestimmter  erwartet  dieselbe  von  hm.  D. 
erwähnt  zu  sehen;  jedoch  war  der  Verfasser  vielleicht  ein 
anderer.  Wir  erwähnen  dies,  weil  jene  schrift,  wenn 
anch  sehr  kurz  und  lakonisch  bis  zur  un Vollständigkeit 
und  voller  orthographischer  fehler,  dennoch  als  von  einem 
Tzakonier  geschrieben,  soweit  es  sich  um  thatsachen  han- 


*)  Rapport  fait  an  nom  de  la  commission  de  l*6coIe  fran- 
9 als«  d'Athänes  snr  les  travaux  etc.    Paris  1864,  e.  6. 


136  Comparetti 

delt,  von  grofBem  gewicht  und  interesse  ist.  Aufser  den 
grammatischen  notizen,  enthält  sie  als  probe  des  dialekts 
einen  dialog  in  360  versen,  von  einem  kleinen  w5rterbueb 
begleitet. 

Hr.  D.,  der  direct  ans  der  quelle  schöpfte,  hat  sich 
wenig  um  das  bekOmmert,  was  andere  vor  ihm  geleistet. 
Nicht  mit  unrecht  nennt  er  die  angaben  seiner  Vorgänger 
,, unbestimmt,  unvollständig  und  sich  widersprechend^. 
Obwohl  auch  seine  arbeit  mancherlei  ergänzungen  zulä&t 
und  in  einigen  punkten  einer  Verbesserung  bedarf,  und  ob* 
wohl  auch  er  sich  in  bezug  auf  thatsachen  mit  anderen 
im  Widerspruch  befindet,  so  stehn  wir  doch  nicht  an  es  aus- 
zusprechen, dafs  er  seine  Vorgänger,  zumal  in  der  methode, 
flbertroffen  hat.  Jedenfalls  hat  sein  buch  über  jenen  merk- 
würdigen dialekt,  über  den  Ahrens  (II,  s.  1)  etwas  zu 
schnell  den  stab  gebrochen,  mehr  licht  verbreitet. 

Die  liste  der  tzak.  Wörter,  die  den  ersten  theil  der 
schriFt  des  hrn.  D.  ausmacht,  bietet  wegen  der  alten  wör* 
ter,  die  sie  als  noch  lebend  aufweist,  ein  solches  interesse 
dar,  dais  man  nicht  umhin  kann  zu  bedauern,  dafs  hr.  D. 
ihrer  nicht  noch  viel  mehr  gesammelt  hat.  Als  beispiel 
führen  wir  die  folgenden  an,  die  Hesychius,  manchmal  mit 
geringen  abweichungen,  als  lakonische  oder  von  lakonischer 
form  aufRkhrt. 

axxo,  schlauch ;  äxxoQ^  doxog,  yldxwveg.   Das  g  am  ende 

des   Wortes,    im   lakonischen  dem  <r  der  allgemeinen 

Sprache  entsprechend,  ist  abgefallen.  Vor  einem  vocal 

erscheint  es  jedoch  mitunter  wieder,  z.  b.  rag  äfABgij 

(rijg  iifAigag). 
ßsgydSi,  zicklein,  steht,  wie  hr.  D.  richtig  bemerkt,  ohne 

zweifei  in  Verbindung  mit  /jigxiogy  eXacpog  imo  jfaxd' 

VOJV. 

daßelij  feuerbrand;  daßikog^  öakog^  AdxiovBg^ 
xovßdve^  schwarz;  xovavä,  fiikatva,  AdxvovBg,     Hiermit 
rechtfertigt  sich  Rubnken's  Verbesserung,  die  man  an- 
gegriffen hatte,  um  dem  xova^a  des  MS.  den  Vorzug 
zu  geben. 
fiovvraXiaj  myrte;  juivgrakig,  ?)  o^viivg^ivri^  dig  Adx<avtg» 


anzeigen.  137 

Bei  anderen  Wörtern,  die  sich  im  tzak.  dialekt  finden, 
giebt  Hesychius  nicht  die  heimath  an,  wie  z.  b.,  bei  fol- 
genden: 
äÖB^e  dQnn  (von  geweben);  ärgiov,  v(pog  Xenrov, 
äkijTa,  mehl,  ist  das  ältjrov,  äXsvgov  des  Hesychius,  das 

auch  Hippokrates  gebraucht. 
ßdpv€j  lamm;    ßccweta^  ägveia.     Sehr  bemerkenewertb, 
weil  es  beweist,  mit  welchem  unrecht  einige  die  He- 
sychische  glosse  haben  Andern  wollen. 
X(ßvklixa,  knh;    xikXi^y  ßoxg  to  tv  xigag  %a»^  SiearffafA-- 

fjiivov, 
ogxo  {ogxo  fxi^  meine  angen,  (Aatia  ^ov)  bestätigt  vor- 
trefflich die  interessante  glosse  ogxt}^  otffig.  Vgl.  Cur- 
tius,  gr.  et.  587. 
tyxaTS^  hecke;  %Qxarog^  (pgay^og. 

<povxxa^  bauch;  (pvaxt],  xoMa  auch  durch  den  gebrauch 
einiger  alter  Schriftsteller  bekannt,  wenn  auch  mit  ge- 
wissen abweichungen  in  der  bedeutung.  Yergl.  auch 
ngr.  (fovöxa^  blase. 
Nicht  immer .  hat  hr.  D.  den  Hesychius  zutreffend  ci- 
tirt.  FQr  äSgi  (sprich  adschö),  grofs^  die  Hesychische 
glosse  äSgog^  aÖQw/nivov  anzufahren,  ist  überflüssig.  Die 
bedeutungen  von  adgog  sind  auch  ohne  Hesychius  bekannt. 
Für  das  wort  aofiaai  (sprich  schomasi),  citirt  D.  die 
glosse  aagfioi^  ö-sQfioi,  Kagvcrrcot  und  zieht  daraus  den 
schlufs,  dafs  wir  es  hier  mit  einer  Verwandlung  des  a  in  o 
zu  than  haben.  Aber  eine  andere  glosse  zeigt  obquoi^  &egfAoi^ 
jidxG)vsg.  Bei  dem  wort  \fuovxccgov8a,  Schmetterling,  citirt 
er  die  Hesychische  glosse  ipvxrj^  L,wv(fiov  Ttrr^vov;  man  hat 
aber  den  Hesychius  nicht  nöthig  um  beweisen,  dafs  y^v^rj 
aach  in  der  bedeutung  von  Schmetterling  von  den  alten 
gebraucht  worden.  Im  gemeinen  griechisch  sagt  man  fer- 
ner nicht  nur  (wie  hr.  D.  meint)  netakovSa^  sondern  auch 
fpvxccgovSa  ebenso  wie  xfjvxdgi^  und  übrigens  hätte  hr.  D. 
niemals  aus  dem  vergleich  von  xfjiovxctgovSa  und  nerakovSa 
auf  eine  Verwandlung  von  A  in  ^  schliefsen  sollen.  So  wie 
ywxocgovda  gehören  noch  einige  andere  von  D.  als  tzako- 
nische    angeführte  Wörter  der  gemeinen  spräche  an.     So, 


138  ComparetU 

z.  b.,  ^ovvovzog  fl&r  BVPovxoQi  so  aach  x^f^^^^^  niedrig 
(tzakoD.  ;^a/<6A€)  Dicht  x^f^^^^^S'  KogSovxxov  ist  das  ge- 
meine xogöt^ü)  mit  tzakonischer  endung.  SxovriXa  teller, 
ist  ein  wort  der  gemeinen  spräche,  und  nicht  das  antike 
xotvXrj  (das  tzakonische  hat  xovrovle^  hölzernes  gefiUs), 
sondern  das  latein.  scntella,  ital.  scodeila.  Allerdingrs 
sagt  man  statt  des  antiken  n(jivog  (tzakon.  nglve)^  wie  hr. 
D.  bemerkt,  gewöhnlich  ytovgvägt^  jedoch  sagt  man  anch 
nQi^pccQi;  die  alte  form  ist  erhalten  in  Zusammensetzungen 
wie  TiQivoxoxxia^  Xuongivog  (yergl.  Heldreich,  die  nutz- 
pflanzen  Griechenlands  s.  18,  56).  Andere  Ton  hm. 
D.  als  dem  tzakon.  dialekt  angehörig  citirte  Wörter  finden 
sich  auch  in  anderen  dialekten,  vornehmlich  im  kretischen 
und  kyprischen.  Hr.  D.  hat  das  wenige,  was  Ober  diese 
dialekte  gedruckt  ist,  zu  yergleichnngen  benutzt,  aber 
nicht  überall  mit  gleichmftfsiger  Sorgfalt.  So  verstehen  wir, 
z.  b.,  nicht,  warum  er,  während  er  o£Fenbar  das  im  <UtXioriAQ 
veröffentlichte  verzeichnifs  kyprischer  Wörter  kennte  nicht 
bemerkt,  dafs  äSgog  (tzak.  adQi)^  grofs,  sich  ebenfalls  im 
kyprischen  findet;  dafe  yaßoy  schielend,  mit  dem  kyprischen 
und  wohl  auch  gemeinen  C^ßog,  quer,  verkehrt,  eins  ist; 
dafs  kdfiv(ti  fOr  iXavpwj  mit  etwas  abweichender  bedeutung 
(rudern,  gehn,  reizen)  im  kyprischen,  so  wie  in  der  gemeinen 
spräche  vorkommt,  und  ebenso  A/^a,  Aifcac^o»,  hunger,  hung^ 
rig  sein.  Mit'C^^  klein,  findet  man  im  kypr.  fjiiT^^e  wieder. 
Das  alte  xgdußrjy  das  im  tzak.  xga^ßoivi  erhalten  ist,  findet 
sich  auch  im  kretischen  xQafinovtödva  (brassica  cretica) 
und  im  albanesischen  grabi&  (vgl.  Heldreich  s.  80).  Da 
ich  das  albanesische  genannt  habe,  so  will  ich  noch  be- 
merken, dafs  hr.  D.  das  Wörterbuch  dieser  spräche  für 
viele  tzakonische  Wörter  mit  nutzen  hfttte  zu  rathe  ziehn 
können.     So  z.  b.: 

xxidovXa^  tropfen;  vgl.  alb«  stjegula,  regentraufe. 

ßovkej  bahn;  alb.  guli  (geg.). 

fiAOvCcc^  fliege,  steht  dem  alb.  miza  näher  als  dem  ge- 
meinen fAvyUj  oder  dem  altlakon.  fiovia  (Hesych.). 

^lovvSov,  saugen,  erkennt  man  leicht  im  alb.  ment. 

finoQTixij  flehte,  findet  sich  im  alb.  bor  ige. 


aoMigen.  139 

Von  ftirci,  klein,  haben  wir  schon  gesagt,  dals  es  auch 
im  kyprischen  vorkommt  (kitvI^c;);  wir  ffigen  hinzu, 
dafs  es  sich  auch  in  den  griechischen  dialekten  Sod* 
italiens  findet  {fÄiT^iädt)j  so  wie  im  albanesischen 
(mitsi). 

xautüi^  kind,  kommt  ebenfalls  in  den  griechischen  dia- 
lekten SOditalienB  vor  (kecci),  und  ist  verwandt 
mit  dem  alb.  ketsi  (geg.),  katsi,  ketsi  (tosk.),  Zick- 
lein (ngr.  xaxL^tTCi). 

fiBkfiyxm'ij  ameise;    albanes.  melingore,  melingone 

(geg-). 
unovüi^  fAnaiy  ferkel,  von  dem  hr.  D.  fragt,  ob  es  das 

lat.  pnsns  sei,  ist  vielmehr  das  alb.  bitsi. 
f^aov  fut.  von  UyxoVy  ich  gehe  (perf.  i^dxa)^  ^a^hcxav,  ich 

f&hre,  scheinen  verwandt  mit  dem  alb.  etseig,  ich 

gehe*). 
Diese  Zusammenstellungen  sollen  natfirlich  nicht  be- 
weisen, dafs  mehrere  der  hier  angef&hrten  Wörter  nicht 
griechischen  Ursprungs  seien,  wie  hr.  D.  mit  recht  meint,  und 
wie  es  bei  einigen  derselben  auf  der  hand  liegt;  aber  sie  schei- 
nen uns  wegen  der  fast  völligen  Identität  der  form  bemer- 
kenswerth,  welche  zwischen  den  Tzakoniem  und  Albanesen 
beziehungen  offenbart,  die  bisher  von  niemand  beachtet 
worden  sind. 

In  bezug  auf  die  etymologie  einiger  Wörter  sind  wir 
mit  hrn;  D.  nicht  ganz  einverstanden.  Z.  b.  glauben  wir 
nicht,  dafs  ä&rjy  bruder,  sich,  wie  er  meint,  aus  dem  co- 
polat.  a  und  der  wz.  -S^rj  (Curtius,  gr.  et  227)  erklären  lasse, 
und  dafs  es  mithin  „nourri  au  meme  sein^  bedeute.  Die 
Hesychische  glosse  dmpia,  dSektpijg  t]  dÖBlq^ov  vnoxoqtafAa^ 
welche  hr.  D.  an  einer  andern  stelle,  zur  erklärung  des  pL 
ffOvr(a.d  (no.  35  t)  citirt,  läfst  sich  auch  auf  den  sing,  a^if, 
bruder,  d&vid  (nach  Thiersch),  schwester,  anwenden« 
Nachdem  sich  das  n  dem  q>  assimilirt,  hat  sich  das  9>,  wie 


*)  Ich  hatte  diese  meine  bemerknngeii  dem  brn.  Camarda  mitgetheUt, 
worauf  er  freundlichst  folgende  Zusammenstellungen  hinzufügte*,  xaralrov, 
beifsen,  alb.  kapsoig;  rtrl,  was?,  alb.  tse,  tsi;  volov,  hören,  alb.  njo 
▼wttelMiiv  vwndunen:  ßavpihvt  Bchreien,  stöhnen,  alb.  wajtoig. 


140  CoiDpaietti 

es  häufig  im  tzakonisühen  gegchieht  (t^iAe,  <ptlog\  oud-^^ 
6(pig  etc.),  in  t'/  verwandelt;  daher  a&i  und  a&tä.  Das 
ursprüngliche  (p  ist  dagegen  erhalten  in  dem  plun  der  di- 
minutivform,  {povxaia^  d.  h.  a(fovx(Jia^  d&ovt(fia. 

avayavia  „chemin  montant  en  zigzags^.  Hr.  D.  be- 
merkt, dafs  im  makedonischen  dialekt  {^MJaxtag^  III,  1 18) 
yavia  ohrring  bedeutet,  und  schliefst  daraus,  die  eigent- 
liche bedeutung  des  tzakonischen  worts  sei  kurve,  kreis. 
Aber  unseres  wissens  versteht  man  unter  zig  zag  eine  li- 
nie,  die  ecken  bildet,  und  keine  kurve;  und  im  alt-  wie  im 
neugriechischen  existirt  das  wort  ywvia, 

dnoxxaksj  schwanger,  leitet  hr.  D.  von  dno  und  einer 
form  fyxaXog  (f&r  fyxvog)  her,  die  ihm  durch  die  Hesychi- 
sche  glosse  xaXdC^i^  oyxovrai,  !Axciioi  gerechtfertigt  schont. 
Wir  glauben  vielmehr,  dafs  hier  oxx  aus  oyx  (von  oyxoq) 
und  nicht  aus  syx  entstanden  sei.  Das  suffix  -As  (==  -Ao$) 
vertritt  die  stelle  von  -da  in  gravida  (vgl.  oyxtjgog,  6y^ 
xv?.og^  und  Pott  in  Kuhn  und  Schleicher's  beitragen  11,40). 
Da  sich  ferner  das  e  am  anfang  der  Wörter  im  tzakonischen 
mituuter  in  cc  verwandelt  ( De ville  s.  91),  so  glauben  wir, 
dals  dnoxxake  für  knoyxake,  inoyxrjkog  steht.  "Enoyxog  in 
der  bedeutung  „schwanger^  findet  sich  bei  den  alten. 

Tcev  äkka  axgia  (Kastanitza),  rdv  d  dvxgia  (Lenidhi), 
übermorgen.  Dieser  seltsame  ausdruck  setzt  hm.  D.  in 
Verlegenheit,  und  er  fragt,  ob  cxqia  vielleicht  das  altgr.  avy^ 
xvQia  sein  könnte.  Wir  glauben  das  nicht,  mmdestens 
was  die  bedeutung  betrifit.  Das  einzige  griechische  wort, 
welches  sich  dem  sinne  wie  dem  klänge  nach  mit  aicgia 
in  Verbindung  setzen  liefse,  ist  vatBQaia  (in  bezug  auf  die 
Verwandlung  des  e  (ai)  in  i  vergleiche  man  das  tzak.  xqU 
für  xqkag).  Doch  hat  diese  etymologie  manches  gegen  sich, 
und  die  Verwandtschaft  mit  dem  lat.  cras  scheint  uns  nft- 
herliegend  (vgl.  in  einigen  ital.  mundarten  crai,  morgen, 
und  pescrai,  pescherai,  übermorgen). 

uTtkiyyov,  verjagen,  hält  hr.  D.  für  das  altgr.  dva-- 
nXri6(S(ja^  wz.  nXay.  Aber  dvanhijatSia  kann  nicht  die  be- 
deutung von  ixnhiGGiü  haben ,  und  überdies  weifs  hr.  D. 
wohl,  dafs  im  tzakonischen  wie  im  gemeinen  romaisohen 
das  (A  vor  einer  labialis  am  anfang  der  Wörter  nicht  noth- 


anzeigen.  141 

wendig  die  praeposition  dvd  repräsentirt.  Er  selbst  theilt 
ans  femer  mit,  dafs  -Byyov  in  den  tzak.  vcrben  eine  häufig 
Torkommende  endung  ist,  die  dem  alten  and  neuen  -ww 
entspricht.  Uns  scheint  ^mliyyov  von  der  gleichen  wurzel 
abgeleitet  wie  das  lat.  pello,  wenn  es  nicht  gar  von  jenem 
lateinischen  verbum  selbst  herkommt,  das  die  griechische 
form  angenommen  hat.  Gerade  mit  dieser  endung  -£va> 
pflegen  die  italienischen  verben  in  die  griechischen  dialekte 
Süditaliens  überzugehen  (z.  b.  suspirevo,  ich  seufze). 
Femer  ist  zu  beachten,  dafs  der  tzakonis6he  dialekt  meh- 
rere Wörter  von  sicherer  lateinischer  abstammung  aufweist. 
Hervorzaheben  ist  besonders  das  verbum 

fiovQtxxov^  tddten.  Hr.  D.  citirt  das  bekannte  uoqrog^ 
'd'PFjTog  des  Hesycbius,  und  fügt  desselben  (lOQOifAoi^ 
Ol  ivot^oi  dg  ß-dvaxov  hinzu,  welches  keinesfalls 
hierher  gehört,  vergifst  dagegen  das  hiogr^v,  dni^a- 
v€Vy  über  welches  freilich  Lobeck  zweifel  geftufsert 
hat.  Nach  unserer  meinung  haben  jedoch  diese  He- 
sychischen  glossen  mit  jenem  tzak.  wort  nichts  zu 
zu  schaffen;  dasselbe  stammt  vielmehr  aus  dem  la- 
teinischen, so  wie  ohne  zweifel  das  aib.  morti  latei- 
nischen Ursprungs  ist.  Die  transitive  bedeutung  ist 
der  endung  -ixxov  zuzuschreiben,  welche  diese  bedeu- 
tung vielen  tzak.  verben  beilegt  (z.  b.  nsgoi  durchgehn, 
nepatxxov  durcbgehn  lassen).  Man  bemerke,  dafs 
sowohl  morti  im  albanesischen  als  ^ovgixxov  im 
tzakonischen  unter  den  übrigen  Wörtern,  die  sich  auf 
denselben  begriff  beziehen,  ganz  vereinzelt  bleiben. 
In  intransitiver  bedeutung  scheint  die  wz.  (log  im 
tzakonischen  nicht  vorzukommen.  Wir  finden  nur 
naivdxxov,  sterben.  Fut.  naiß-dvov^  perf.  knaivüxa» 
yovXa,  kohl,  welches  hr.  D.  für  das  altgr.  yoyyvXig  hält, 
ohne  die  reduplication,  ist  das  lat.  caulis  (eher  als 
das  gr.  xavl6g\  in  dem  sich  au  in  01;  verwandelt  hat, 
wie  im  franz.  chou  (vgl.  Diez,  gramm.  I,  229).  Die- 
ses wort  ist  ferner  nicht  aussohliefslich  tzakonisch; 
es  findet  sich  bei  Ptochoprodromos,  I,  214,  und  im 
gemeinen  romaischen  bedeutet  yovki  koblstrunk  (auch 
kaxavoyovlov  genannt),  oder  auch  eine  kohlart,  die 


142  Compuretti 

man  in  CoDStantinopel  nach  Skarlatoa  ipgayxoldxavov 
nennt. 
Andere  Wörter  lat.  Ursprungs  sind: 
?M(poiaj  lorbeer,  lat.  laurea. 

ßtrVidqixa  (.9  as  b)  Zwillinge;   welches  wort  in  Kastanitza 
gebräuchlich  ist,  während  man  in  Lenidhi  ^cfjtfAciQtxit 
sagt.   Im  albanesischen  finden  wir  binj4ku,  der  Zwil- 
ling. 
xUAa,  hans,  ist  unzweifelhaft  lateinischer  und  nicht  ita- 
lienischer herkonft,  so  wie  das  gemeine  onirt.     So 
auch 
igirge,  aratrnm,  in  dem  das  a  am  anfang  sich  in  e  ver- 
wandelt hat,  wie  im  albanesischen   ans  argentnm 
ergjent  geworden  ist. 
Ein   wort,  das  zwar  nicht  lateinischen  Ursprungs  ist, 
das  aber  die  Griechen  den  Lateinern  verdanken,  ist  aayo^ 
welches  in  Tzakonien  vorkommt,  ebenso  wie  das  kleid,  wel- 
ches   es   in   der  alten  zeit  bezeichnete.     Hr.  D.  führt  es 
nicht  auf,  wir  finden  es  aber  bei  Oikonomos  s.  31:   adyo, 
knavoipOQtov  ttav  notfAivoav  dvev  fiapixtcov  ix  rgt^^iZv  xata- 
axsvafffjiipov f  fAtTaytiQiC,6fiBvov  hv  xatg(p  x^^f^f^vog.     Dieses 
wort,    welches    sich    auch    noch    bei    den    byzantinischen 
schriftsteilem  findet,  hat  im  heutigen  griechisch  eine  dem 
ital.  sajo  ähnlichen   form  (adytov,   oayidxi)  angenommen. 
Vgl.  Diefenbach,  Origines  Europ.  s.  414  flg. 

Zum  schlufs  bemerken  wir  noch  das  wort  varvdxa, 
wiege,  das  gleichzeitig  das  ital.  nannare,  wiegen  (ngr. 
vavovgiZ^),  und  nacare  in  sich  vereinigt,  welches  letztere 
im  sicil.  und  calabr.  dialekt  ebenfalls  diese  bedeutung  hat 
Was  die  vorliegende  arbeit  von  derThiersch's  am  wesent- 
lichsten und  zwar  zu  ihrem  vortheile  unterscheidet,  ist  der 
abschnitt  über  phonologie,  deren  eingehendes  Studium  dem 
hm.  D.  weit  tiefer  in  die  etymologie  der  Wörter  und  der 
formen  einzudringen  gestattet  hat,  als  esThierschgethan.  Was 
dem  leser  in  diesem  theil  der  schrift  zunächst  auffällt,  ist  ein 
gewisser  mangel  an  Ordnung  in  der  darlegung  der  phonetischen 
thatsachen.  Der  vf.  spricht  zuerst  von  denjenigen  unter  den- 
selben, die  er  archaismen  nennt,  und  dann  von  den  neueren 


anzeigen.  143 

Terftoderongen;  von  beiden  jedoch  in  ziemlich  bunter  folge. 
Die  uDterscbeidnng,  welche  er  zwischen  den  phonetischen 
erscheinnngen  älteren  nnd  neueren  datums  macht,  mag, 
anter  einem  gewissen  gesichtspunkt  betrachtet,  sehr  richtig 
sein,  nnd  f&r  einige  thatsachen  als  unzweifelhaft  gelten; 
aber  die  unvollständige  kenntnifs,  die  wir  von  den  gespro- 
chenen dialekten  des  altgriechischen  und  den  verschiedenen 
mehr  oder  weniger  alten  phasen  derselben  besitzen,  macht 
es  uns  unmöglich,  die  phonetischen  erscheinnngen  eines 
neugriech.  dialekts  mit  genauigkeit  in  jene  beiden  kategorien 
zn  vertheilen.  Diese  Schwierigkeit  zeigt  sich,  z.  b.,  wenn 
hr.  D.  aus  wenig  triftigen  gründen  die  Verwandlung  des  A 
nnd  des  v  in  (>  unter  die  archaismen,  die  metatheeis  des  (} 
onter  die  modernen  verftnderungen  setzt,  und  in  anderen 
ähnlichen  iSllen.  Wir  glauben,  er  würde  besser  gethan 
haben,  wenn  er  die  phonetischen  gesetze  des  tzakonischen 
in  der  weise  angegeben  hätte,  dafs  er  sie  nach  den  orga« 
nisohen  kategorien  der  laute  vertheilte  und  dabei  gelegent- 
lich die  analogien  dieser  gesetze  mit  dem,  was  wir  von  den 
alten  dialekten  wissen,  bemerkte.  Eine  klasse  von  archais- 
men konnte  er  immerhin  ausscheiden ;  doch  hätte  er  in  die- 
selbe nur  diejenigen  phonetischen  thatsachen  setzen  müssen, 
die  heute  nicht  als  durchgehende  gesetze  im  dialekt  herr- 
schen, sondern  nur  in  einigen,  in  ihrer  alten  dialektischen 
form  erhaltenen  Wörtern  wahrgenommen  werden. 

Bemerkenswerth  ist  im  tzakonischen  das  häufige  vor- 
kommen des  lautes  seh,  welcher,  sich  im  albanesischen 
nnd  in  den  griechischen  dialekten  von  Epirus  und  Make- 
donien so  verbreitet  findet*).  Obwohl  hr.  D.  demselben 
im  tzakonischen  einen  modernen  Ursprung  beimifst,  so 
sdbeint  es  uns  doch,  was  diesen  dialekt  betrifft,  nicht  fiber- 
flOssig  daran  zu  erinnern,  dafs  das  nichtvorhandensein  jenes 
lants  im  alten  gesprochenen  dorisch  oder  in  seinen  Varie- 
täten keineswegs  bewiesen  ist**). 

In  dem  theil,  welcher  die  tzak«  grammatik  betrififk,  ist 


**)  Vgl.  Ham-ophiydes  in  dieser  Zeitschrift  VII,  140. 
**)  Chrisfs  andegcmg  (gr.  lantl.  180)  des  pindarischen ,  das  San  be- 
tidftnden  flragmente  ist  unhaltbar. 


144  Comparetti 

es  D.  besser  als  Tbierscb  gelungen,  den  wenigen  gramma^ 
ticaliscben  formen  dieses  dialekts  eine  ricbtigere  orthogra* 
pbie  in  röcksicbt  auf  ibre  ableitung  nnd  eine  glOcklicbere 
anordnung  zu  geben.  Einige  irrthümer  Tbierscb^s  finden 
sieb  bei  ibm  verbessert,  obne  dafs  er  übrigens  jenen  nennt 
oder  den  unterscbied  bervorbebt«  Einen  grofsen  febler  be- 
gebt jedocb  br.  D.,  wenn  er  sieb  in  allgemeine  fragen  einl&Tst, 
die  er  um  so  mebr  bei  seite  lassen  sollte,  als  er  sie  meist  in 
einer  weise  beantwortet,  die  die  sebr  geringe  reife  seiner 
linguistischen  Studien  an  den  tag  legt.  So  fübrt  ibn,  z.  b«, 
die  Wahrnehmung,  dafs  die  tzakoniscbe  declination  den  ge- 
nit.  plur.  verloren  bat,  auf  reflexionen  über  den  fortfall  der 
casus  im  allgemeinen  und  veranlafst  ibn  zu  folgender  erklä- 
rung  dieser  thatsache :  ^On  ne  doit  pas  bdsiter  ä  dire  que 
la  conservation  ou  la  perte  des  flexions  casuelles  est  en 
raison  directe  du  plus  ou  moins  de  nöcessit^  des  cas.  En 
d'antres  termes,  les  cas  qui  ont  disparu  sont  pr^cisement 
ceux  qui,  sauf  certaines  nuances  dont  la  langne  usuelle 
tient  genäralement  assez  peu  de  compte,  pouvaient  se  rem- 
placer  par  nne  forme  analytique,  comme,  par  ex.,  le  datif 
dont  les  fonctions  pouvaient  etre  remplies  par  un  accusatif 
jet  une  preposition'^  (s.  98). 

Der  artikel  allein  ist  es,  der  im  tzakonischen  den  acc. 
plnr.  vom  nom.  unterscheidet  bei  den  masculinis  und  femi* 
ninis.  Hr.  D.  ist  der  erste,  der  uns  lehrt,  dafs  der  acc. 
plur.  des  artikels  masc.  und  fem.  zu  Kastanitza  v^  ist  {tijq 
vor  einem  vocal),  während  er,  wie  man  bereits  wufste,  in 
Lenidhi  rov  (tovq)  lautet.  Hr.  D.  bemerkt,  dafs  das  rtj 
oder  Tijg  von  Kastanitza  nicht  f&r  eine  contraction  von  rcUg 
nnd  mithin  nicht  ßXr  einen  acc.  fem.  genommen  werden  darf. 
Er  citirt  stellen  aus  Volksliedern  zum  beweise,  dafs  man  auf 
Ejreta  rat]  statt  rovg  und  raig  sagt;  aber  es  war  ohnedies 
schon  bekannt,  dafs  man  nicht  nur  im  kretischen  dialekt, 
sondern  auch  in  der  gemeinen  spräche  t^i]  statt  rovg,  ralg 
nnd  tilg  sagt,  was  auch  schon  MuUacb  bemerkte  (s.  190). 
Hr.  D.  ftkgt  ferner  hinzu,  dafs  sich  im  alten  dialekt  von  Athen 
TYig  f&r  xovg  und  ralg  gebraucht  findet.  Aber  aus  all  diesem 
vermögen  wir  nicht  recht  einzusehen,  wie  er  zu  dem  scblals 


anseig«!!.  145 

gelangt,  dafs  nj  oder  t^p  ^nne  forme  exp^ditive  et 
abr^gee^  von  rot^^  sei.  Wir  geb^i  zu,  dafs  der  artiket 
Tijo  ursprQnglich  m&nnlich  war,  bevor  er  oommunis  wurde, 
glauben  jedoch,  dafs  er  aich  zum  regelmäfsigen  rovg  wie 
der  gemeine  acc.  fem.  talg  zum  alten  rag  yerbält,  und 
würden  daher  nicht  ttjq  sondern  roig  schreiben.  Das  von 
Mullaeh  (s.  1 52)  in  bezug  auf  das  gemeine  taig  citirte  bet* 
spiel  des  alten  aeolischen  dialekts,  der  ebenfalls  taig  statt 
rag  gebraucht,  l&fst  sich  auch  för  diese  dialektische  mad« 
Coline  form  anfahren,  da,  wie  bekannt,  das  alte  aeolisch 
auch  roig  ftr  rovg  setzte.  Man  könnte  glauben,  daft  in 
diesem  ttfO  von  Eastanitza  eine  Verwandlung  des  lauts  u  in 
i  stattgefunden  habe,  hervorgerufen  durch  die  ähnliche 
Verwandlung,  die  mit  dem  t;  geschieht,  das  iq  vielen  tzak. 
Wörtern  seinen  alten  laut  bewahrt,  während  es  in  andern 
den  beutigen  laut  i  annimmt.  Aus  demselben  gründe  &tk^ 
den  sich  auch  im  tzakonischen  in  mehreren  fällen  i  und  ti 
io  ov  verwandelt,  und  auf  ähnliche  weise  im  gemeinen 
romaischen  der  laut  e  des  artikels  pl.  nom.  fem.  cci  in  i  (jy), 
der  Veränderung  der  ausspräche  des  ?;  folgend«  Doch  ist 
zu  bemerken,  dafs  auch  in  Kastanitza  das  rov  der  gea. 
masG.  und  neutr.  unverändert  geblieben  ist 

Bisher  hatten  wir  auf  die  autorität  Thiersch's  hin  ge- 
glaubt, dafs  die  dativform,  die  im  gemeinen  romaisch  be- 
kanntlieh bis  auf  einige  äufserst  seltene  Überreste  ganz 
verschwunden  ist,  im  tzakonischen  noch  existire.  Thiersch 
geht  sogar  so  weit,  dafs  er  nicht  nur  behauptet,  jenes  fac- 
tum sei  „wenigstens  im  singuIar  nachweisbar^,  sondern 
auch  in  den  paradigmen  der  declinationen  die  dai  sing«  t^ 
vofifp^  r^  yovvai^i^  t^  fifjvij  und  für  die  pronomina  perso- 
nalia  fc/,  Pi,  vi  auffährt.  Ueber  diese  so  positive  behaup- 
tnng  Thiersch^s,  die  Mullach  sorgfältig  registrirt  (s.  97), 
sagt  hr.  D.  kein  wort,  indem  er  sich  auf  die  bemerknng  be- 
eebränkt,  dafs  der  dativ  im  tzakon.  „est  remplac^  comme  en 
grec  moderne  par  la  forme  analytique:  alg  et  Tarticle  h  Fac- 
Cttsatif^.  Diese  seine  aussage  wird  von  Oikonomos  bestä- 
tigt, der  nur  vier  casus,  nämlich  den  nom»  gen.  acc.  und 
▼oc.  anfahrt.    Thiersch  hat  sich  arg  versehen«   Was  er  r^ 

Zeitschr.  f.  vgl.  sprach/.  XYIIIi  2.  10 


146  Compar«tti 

v6fi<p  schreibt,  wird  Tielmehr  rro  vofWj  d.  b.  ^g  tov  vofwv 
geschrieben.  Der  genitiv  femer  der  fem.  in  a  impor.  en- 
digt bei  einigen  Substantiven  in  €,  bei  andern  in  »;  (ra 
ygovaai,  tSq  ceuBoij).  Tä  yovvai^ij  (nicht  yovwcuCfi 
Thiersch  irrt  sich  auch  im  accent,  der  in  diesen  tzak.  ge- 
nitiven  immer  auf  die  letzte  silbe  fällt)  ist  kein  dativ,  son- 
dern ein  genitiv,  und  was  Thiersch  fbr  den  genitiv  von 
yovvaixa  ausgiebt,  tä  yovval^s  (vielmehr  yovvaiCi)  exisirt 
nicht  ftr  dieses  snbstantivum,  sondern  ist  eine  nach  dem 
beispiel  anderer  substantiva  von  ihm  gebildete  genitivform. 
Von  der  form  t^  fA^vi  finden  wir  bei  D.  keine  spur.  Beim 
Personalpronomen  der  ersten  person  ist  (li  (man  sagt  auch 
ifiiov;  vgl.  das  altdorische  kfiiai)  genitiv  und  nicht  dativ; 
der  von  Thiersch  citirte  ausdrnck  di  fii  entspricht  dem 
gemeinen  dog  uov.  Ni  ist  der  acc,  und  nicht  der  dat., 
des  pron.  der  dritten  person.  Ein  vi  der  zweiten  person 
«zistirt  nicht.  —  Alles  dies  bestätigt  Oikonomos. 

Wir  schliefsen  unsere  kritik  mit  einigen  bemorkungen 
4lber  das  tzak.  verbum.  Dasselbe  hat  keine  eigenthümliche 
form  fQr  das  praesens  und  imperfectum,  mit  ausnähme 
des  substantivverbnms,  dessen  praesens  und  imperfectum 
verbunden  mit  den  participien  der  fibrigen  verba  fikr  letztere 
jene  beiden  zeiten  ersetzen.  Das  imperfectum  des  substan- 
tiwerbums  ist,  nach  D.,  folgendes  iua^  ^cra,  ixi^^  Hfiai^  h- 
Tai,  ijyxtj  oder  ijyxia'i.  Um  die  formen  des  pluralis  zu  ei^ 
klären,  weist  hr.  D.  darauf  hin,  dafs  in  den  dialekten 
Nordgriechenlands  die  erste  und  zweite  pers.  pinr.  aor.  act 
die  endungen  -cr^^i^,  -atav  {-Brav)  statt  der  gemeinen 
-flTjKflv,  -axBv  (-BtBv)  habcu.  Demgemäfs  erklärt  er  die  en- 
dnng  ^at  als  aus  -avi  entstanden,  indem,  sagt  er,  das  i 
finale  paragogisch  ist  und  das  v  ausgestofsen  wurde.  Da 
femer  der  tzak.  dialekt  das  6  in  den  aoristen  ausstölst,  ist 
nach  seiner  ansieht  die  vollständige  form  der  dritten  person 
Tfyxi^aapi  oder  TjvtTjaapi.  —  Wir  bemerken  zunächst,  dafs 
man,  um  das  wesen  jener  endung  richtig  zu  verstehen,  sich 
gewisse  endungen  der  3.  pers.  pl.,  die  dieser  dialekt  aufweist, 
verg^enwärtigen  mufs,  nämlich  die  3.  pl.  fttt.  act  t^a  ogavi^ 
3«  pl.  ftit«  pass.  ß-ä  OQad'ovviy  3.  pl.  fut.  act  iJ-a  yiovQi(foi\ 


147 

3.  pL  aor.  act.  iwQaxai^  3.  pL  aor.  pass.  iwQax&a'i,  Wir 
b^^ifen  nicht,  wie  br.  D.,  der  im  phonologischen  theil  sei- 
ner  arbeit  so  richtig  die  ausstofsung  des  er,  wenn  es  zwischen 
zwei  vocalen  in  einer  endung  steht,  bei  anderen  formen  des 
tzak.  verbums  bemerkt  hat,  dieselbe  ausstofsung  in  den  en- 
dungen  -aC^  -oi  Obersehen  konnte.  Auch  in  den  griech.  dia- 
lekten  SQditaliens  findet  sich  ein  solcher  ausfall  des  <t,  und 
man  sagt,  z.  b.,  tfiQa'i  statt  tiigaai  und  letzteres  statt  des 
gemeinen  fjvgavj  rjvgave^  welches  übrigens  ebenfalls  in  jenen 
dialekten  vorkommt,  denn  die  endungen  -orve,  -aai,  -€4', 
und  -^vPBj  -ovai  (-ol*  haben  wir  bis  jetzt  nicht  gefunden) 
werden  in  denselben  vermischt  gebraucht.  Und  dieses  ist 
nicht  nur  den  griech.  dialekten  Süditaliens  eigenthümlich, 
sondern  findet  sich  auch  sehr  gewöhnlich  in  anderen  dia- 
lekten, z.  b.  im  kyprischen,  sowie  bei  den  ältesten  romaischen 
schriftsteilem.  In  manchen  fällen  ist  auch  die  endung  -ai^e 
oder  -aai  nur  angefiQgt,  und  verlängert  nur  eine  bereits 
vollständige  form,  wie,  z.  b.,  wenn  aus  kygaqovto  kyga^ 
ipovvTovs  und  hyqaq>ovvtaöi  wird,  wie  man,  u.  a.,  häufig 
beim  Demetrius  Zenns  findet.  Kehren  wir  nun  zum  tza- 
konischen  zurück,  so  ist  es  hiemach  klar,  dafs  die  endun- 
gen der  3.  pL  -cri',  -ot  den  erwähnten  endungen  ^aat^  -ovai 
und  die  endungen  -avi^  -ovvi  den  gemeinen  -av6,  -ot/ye 
entsprechen.  Im  imperfectnm  des  subsf  an tiv verbums  ist 
die  eigentliche  form  der  3.  pl.  ijyxi  (so  würden  wir  schrei- 
ben nicht  rjyxrj) ;  die  andere,  rjyTaa'Cj  ist  nichts  als  das  näm- 
liche 'i]yxi  mit  der  additionalendung  -ai'  {-aai).  Dieselbe 
additionalendung  wird  auch  an  die  erste  und  zweite  person 
angehängt,  i^-ai^  ^rr-ai',  in  derselben  weise  wie  beim  ge- 
meinen imperfectnm  des  substantivverbums  und  der  passiv- 
form der  verba  überhaupt  jenen  beiden  personen  die  ad- 
ditionalendung -aöTt  {ijfi'aatBj  ija-affTS^  iyQa<povfi^aate^ 
iypag>ovC'aifTe)  angefügt  wird. 

Wir  haben  im  tzakonischen  eine  spur  des  imperf.  pass. 
im  aorist  erhalten.  Der  aor.  pass.  lautet:  (agdfia  (auch 
itoQceua)^  wgat&BQE^  (agccTd-e^  utgäfiat,  (agdt&atef  (hgccT&al, 
Offenbar  hat  die  1.  pers.  sing,  und  plur.  nicht  die  form  des 
aor.,  sondern  des  imperf.  {cagdfia^  wQtifiai  wie  ifia,  ifiai), 

10* 


I4d  Conparetti 

In  einem  anhange  giebt  hr.  D.  als  proben  des  dialekte 
sechs  kurze  teak.  lieder  mit  flberseteung  und  erklfirungen^ 
die  mehrzahl  im  dialekt  von  Kastanitza.  Diese  proben  sind 
zwar  etwas  bedeutender  als  die  von  Thiersch  mitgetheilten, 
aber  immer  noch  sehr  ungenflgend.  —  Wir  verstehen  nicht, 
zu  welchem  zwecke  hr.  D/in  diesen  anhang  noch  drei  in* 
Schriften  aufgenommen  hat,  die  weder  im  dialekt  geschrieben^ 
noch  überhaupt  älteren  datums  als  1 678  sind,  und  eine  vierte 
Inschrift,  die  zwar  alt  ist,  aber  nur  die  gewöhnlichsten  do- 
rismen  enthält.  (Die  letztere  ist  ein  proxeniedeoret  der  stadt 
Gerouthrae,  welches  sich  der  no.  1 334  des  C.  I.  O.  zur  seite 
stellen  läfst). «—  Es  scheint  uns  eine  tadelnswerthe  sitte  —  die 
übrigens  nicht  hm.  D.  allein  vorzuwerfen  ist  — ,  alte  In- 
schriften in  büchem  zu  publiciren,  in  denen  es  niemandem 
einfallen  wird  sie  zu  suchen. 

Der  schlufs,  zu  dem  sich  hr.  D.  durch  seine  arbeit  ge- 
führt sieht,  ist  der,  dafs  iler  tzak.  dialekt  der  erbe  jenes  la- 
konischen sei,  der  ehemals  in  derselben  gegend  gesprochen 
wurde*).  Bis  auf  einige  einschränkungen  ist  dies  richtig, 
and  hätte  sich  hr.  D.  hiermit  begnügt,  so  würden  seine  be- 
hauptungen  in  den  thatsachen  ihre  begründung  finden.  Aber 
gelockt  durch  das  beispiel  Thiersch^s,  dem  er  Oberhaupt  im 
historischen  theil  seiner  schrift  stillschweigend  gefolgt  ist, 
hat  er  noch  weiter  gehen  wollen.  Das  von  den  Tzakoniem 
bewohnte  land  bewohnten  nach  Herodot  ehemals  die  Kynu- 
rier,  die  zwar  jonischen  Ursprungs  waren,  unter  den  Dorem 
aber,  wie  sich  der  grofse  geschichtsschreiber  ausdrückt,  £x- 
S$d(UQiBvvTai,  Der  lakon.  dialekt  ferner  ist,  nach  Ahrens, 
ebenfalls  praedorischen  Ursprungs;  mithin  mufs  sich  im  tza- 
konischen  unter  den  dorismen  ein  uraltes  jonisches  element 
erkennen  lassen.  —  Dies  ist  im  gründe  nichts  anderes,  als 
was  auch  Thiersch  schon  behauptete.  Wenn  man  aber 
fragt,  welches  denn  eigentlich  diese  mysteri(ysen  und  vor- 


*)   Den    namen   TCaxMtia   erklärt   hr.  D.   aus  dem   adjectiy    T^aj^onr, 

welcher  in  der  „Chronik  von  Morea*  in  der  bedeatnng  von  steil  vorkommt; 

.  ein  beiwort,  das  sehr  wohl  auf  Tsakonien  pafst.   Im  tzakoniscben  verwandelt 

sich  das  ^  nach  den  zahulauteu  iu  seh,  daher  T^axcrir^a,  T^axw ••#(;.  —  Wir 

glauben  kaum,  daf^  diese  etymologie  jemanden  befriedigen  wird. 


anzeigen.  149 

sOndflutblichen  jonismeD,  die  das  tzakonische  enthalten  soU, 
seien,  so  antwortet  Thierscb  unbedenklich:  man  erkenne 
sie  in  „der  Weichheit  und  milderung  der  formen,  im  ab- 
stofs  und  ausfall  der  Konsonanten,  in  der  anschwellnng 
der  Yoeale,  in  dem  offenhalten  der  diphthonge  und,  in  meh« 
reren  ftllen,  in  der  entfernung  der  contraotion  o.  s.  w.^, 
Hr.  D.,  der  wohl  bemerkt  haben  mag,  daJb  diese  behaup- 
toDg  Thiersch^s  etwas  kQhn  sei,  beschränkt  sich  darauf  SU 
sagen,  dafs  der  ursprQngliche  jonismus  des  tzakonischen 
sich  in  den  „  particularit^s  laconiennes  du  dialecte^  offen- 
bare, von  denen  die  dorismen  durchaus  zu  sondern  seien* 
Thierscb  bleibt  übrigens  bei  obigem  noch  nicht  stehn,  son- 
dern verirrt  sich,  auf  dem  abschüssigen  wege  der  conjecturen, 
bis  zu  den  Pelasgern,.  die  hr.  D.,  vielleicht  weil  sie  heute 
nicht  mehr  in  der  mode  sind,  weislich  zu  hause  läfst. 

Offenbar  enthält  dieser  tzak.  dialekt  untermischt  mit 
vielen  clementei^  andern  Ursprungs,  romaischen,  albanesi- 
schen,  lateinischen  und  auch  türkischen,  deutliche  spuren 
des  altdorischen  und  speziell  des  lakonischen,  sowohl  im 
Wortschatz  als  auch  in  der  grammatik"^).  Hr.  D.'s  arbeit 
läfst  hierüber  keinen  zweifei.  Aber  obwohl  sie  die  best^ 
ist,  die  wir  bis  heute  über  den  gegenständ  besitzen,  so 
kann  sie  doch  keineswegs  für  erschöpfend  gelten  und  UUst 
noch  viele  wünsche  unerf&llt.  Wir  hoffen,  dafs  hr.  D. 
dieses  feld  hiermit  noch  nicht  verlassen  und  demselben  in 
Zukunft  noch  gründlichere  und  der  wissenschaftlichen  methode 
noch  treuere  Studien  widmen  werde.  Ein  möglichst  voll- 
ständiges lexicon  und  eine  reichhaltige  Sammlung  von  pro- 
ben des  tzak.  dialekts  wären  vorzüglich  zu  wünschen. 


*)  FOr  ein  curiosnm  kann  es  gelten,  dafs  Hopf,  in  seiner  geachicht« 
Griechenlands  vom  beginn  des  mittelalters  bis  auf  ansere  seit 
noch  heute  die  Tzalconier  fUr  Überreste  der  slaviscben  eindringlinge  Griechen- 
lands hftlt,  nnd  dafs  sein  recensent  im  llter.  centralblatt  im  Juni  1S6S 
die  Phantasien  Fallmerayers  wiederaufzniViscben  nnd  zu  vertheidigen  sucht. 

Pisa.  D.  Comparetti. 


150  Schmidt 

DaB  grammatische  geachlecht  und  seine  sprachliche  bedeutnng.    Eine  aka- 
demische gelegenheitochrift  von  J.  H.  Oswald.     Paderborn  1866. 

Die  vorliegende  abhandlnng  könnte  unbeschadet  ihres 
Inhaltes  zwei  drittel  ihres  umfanges  entbehren.  Der  Ver- 
fasser, nicht  Sprachforscher  von  fach  (kath.  theologe),  trägt 
seine,  nicht  immer  genügende  grammatische  dnrchbildung 
verrathenden  ansichten  mit  wenig  rOcksicht  auf  die  zeit 
des  lesers  vor.  Mancherlei,  oft  weit  abfahrende,  exenrse 
unterbrechen  die  darstellung.  Wenn  man  eine  sprachliche 
erscheinung  untersucht,  so  handelt  es  sich  vor  allem  darmn 
festzustellen,  worin  sie  besteht,  in  unserem  falle  ist  also 
die  schwierige  frage  zu  beantworten:  wie,  d.  h.  durch 
welche  lautlichen  mittel,  bezeichnet  die  spräche  das  genus. 
Der  verf.  indeis  „rechnet  dies  nicht  zu  seiner  aufgäbe^ 
(s.  71  und  58  anm.),  sondern  setzt  die  thatsache,  dafs  die 
indogermanische  spräche  das  genus  bezeichnet,  einfach  vor- 
aus. Dafs  die  Untersuchung  dadurch  an  klarheit  nicht  ge- 
winnt, ist  natürlich.  Erö£fhet  wird  die  abhandtung  mit  der 
thatsftchlich  unrichtigen  behauptung,  „dafs  nur  die  sprachen 
auf  der  höchsten  stufe  der  Organisation  den  unterschied 
des  grammatischen  geschlechtes  aufzeigen^.  EKe  congo- 
caffrischen  sprachen,  welche  gewifs  nicht  zn  den  höchst- 
organisierten sprachen  zählen,  unterscheiden  sogar  mehr 
als  drei  unseren  genera  entsprechende  categorien.  Von 
den  sprachen,  welche  das  genus  nicht  bezeichnen,  wird 
das  magyarische  als  beispiel  herangezogen  und  sehr  aus- 
führlich erörtert.  Ganz  unberechtigt  ist  aber  folgender 
schlufs:  „Da  nun  die  anderen  constitutivelemente  der  decli- 
nation,  die  abwandlung  durch  casus  und  oumerus,  mit  der 
motion  des  genus  auf  gleichem  fufse  stehen,  so  fallen  auch 
ca§us  und  numeri  als  wahrhaft  grammatische  formen  aus, 
und  jede  wahre,  d.  i.  flexivische  declination  ist  unmöglich^ 
(s.  15).  Wäre  dies  richtig,  gäbe  es  keine  „wahre**  decli- 
nation ohne  geschlechtsunterscheidung ,  so  wäre  die  decli- 
nation unserer  indogermanischen  personalpronomina  auch 
nicht  „wahr**,  und  da  sie  von  der  declination  der  geschlecb- 
tigen  pronomina  und  der  nominalen  declination  zwar  ab- 


anzeigeD.  151 

weicht,  aber  doob  nicht  principiell  irerachieden  i«t,  so  folgte, 
dafe  auch  die  noininaldecliiiatioD,  trotzdem  dafs  in  ihr  der 
genusunterschied  hervortritt,  nicht  „wahr*^  wäre,  d.  h.  daCs ' 
es  im  iDdogermauischen  überhaupt  keine  ,, wahre**  declina- 
tioa  gäbe.    Der  verf.  erklärt  dann  auch  (s.  17),  dals  die 
magyar.  oasussuffize  -nak,  -at  u.  s.w.  „nicht  entfernt  un- 
seren flexiyischeu  casibus  entsprechen,  sondern  nur  in  rea- 
listischer   nachahmung   die   casuellen    besiehungen    auszu- 
drflcken  suchen^.   ^Am  beweisendsten  f)Qr  die  unfleziTische 
natur  dieser  casus  ist  der  umstand,  dafs  lediglich  das  sub- 
statftiv,  nicht  die  voraufgehenden  attribute  das  casuszeichen 
bekommen:  a'  j6  ember  :=  der  gute  mann,  a'  jö  em- 
bernek  dem  guten  manne.     Wäre  das  flezion,  so  müiste 
es  heiTsen  aznak  jönak  embernek  wie  Ttß  aya&fp  aif- 
tf^gwnqi^.     Dies  ist  nicht  richtig.     Das  magyarische  falst 
offenbar  a'  jö  ember  u.  a.  als  ein  ganzes  und  setzt  daher 
die  ihm  zukommenden  beziehungselemente  auch  nur  «iitmal 
an  den  schluis  des  ganzen.    Freilich  bekundet  dies  ein  im 
▼ergleiche    zum   indogermanischen   unausgebildetes   gefQhl 
filr  Worteinheit,  welches  man  aber  nicht  auf  den  mangeln- 
den genusunterschied  zurOckf&hren  darf*).     Die  magyari- 
schen suf&xe  sollen  nur  ^^realistische  bedeutungslaute^  und 
damit   toto   coelo   von  den  sufSzen  des  indogermanischen 
verschieden  sein,  welchen  man  doch  auch  weder  realismus 
noch   bedeutung  absprechen  darf.     ^Mit  einem  werte,  es 
fehlt  Qberall  das  formbildende  princip  und  damit  der  höhere 
Sprachgeist.  Es  verhält  sich  die  ungrische  spräche  zu  einer 
indogermanischen  wie  ein  überaus  künstlich  angefertigter 
automat  zum  belebten  Organismus  des  menschlichen  leibes^. 
Wer  hat  denn  den  automaten  gemacht?  Es  folgt  dann  noch 
eine  lange  Verherrlichung  des  indogermanischen,  veibunden 
mit  ungerechtfertigter  herabsetzung  des  magyarischen,  welche 
um  so  unbegreiflicher  sind,  als  der  verf.  den  allein  wesent- 
lichen unterschied  zwischen  den  flectierenden  und  aggluti- 
nierenden sprachen,  nämlich  die  Veränderlichkeit  der  wnr- 

*}  Auch  unsere  eprachen  bewahreu  noch  eine  den  obigen  magyarischen 
bfldungen  entsprechende  form   im  gen.  sg.  der  a-sUbnme,  wie  ich  aa 
anderen  orte  zeigen  werde. 


152  Sohmidt 

aei^ocaie  2um  zwecke  des  beziehungsaußdruckes  in  ersterao 
•als  ^ftiifserliche  phonetische  erscheinungeii^  fafst  (s.  den 
itiOL  excure  s.  32 ),  der  nach  des  Verfassers  meinung  unge- 
heure abstand  awischen  bmden  also  gar  keinen  thatsächli- 
chen  anhält  (NB.  nur  f&r  den  verf.)  haben  kann. 

Der  folgende  abschnitt  bespricht  die  verschiedene  be- 
handlung  des  grammatischen  geschlechtes  im  indogcrmani*- 
sehen  und  semitischen.  Das  im  indogermanischen  neben 
den  beiden  natürlichen  geschlechtem  auftretende  ueotrum 
wird  erklärt  als  das  kindliche  noch  nach  keiner  von  beiden 
Seiten  hin  entwickelte,  woraus  sich  dann  die  vorstellungm 
des  kleinen,  zarten,  niedlichen  und  in  uugflnstiger  beziehung 
des  unreif  rohen,  ungeheuerlichen  entfalten.  Da  das  neu- 
trum  beide  geschlechter  implicite  in  sich  enthält,  so  be- 
zeichnet es  femer  das  beiden  geschlechtern  gemeinsame, 
allgemeine,  abstracte  (s.  36  f.).  In  Wirklichkeit  ist  ja  aber 
das  femininum  wenigstens  ebenso  oft  zur  bezeichnnng  des 
abstracten  gebraucht  wie  das  neutrum,  ich  erinnere  an  ab* 
stracta  auf  skr.  -ti,  lat.  -tia,  -tion-,  gr.  -avvtj^  deutsch 
-nng,  -nifs  u.  a.  Uebcrhaupt  kann  man  sich  nicht  verheh- 
len, dafs  es  um  eine  scharfe  begriffliche  Scheidung  der  drei 
grammatischen  genera  sehr  mifslich  steht.  Entsprächen  der 
bezeichnnng  der  geschlechter  wirklich  so  stark  verschiedene 
voi^stellungen  wie  die  des  männlichen,  weiblichen  und  noch 
nngeschlechtigen  in  der  natnr,  so  wären  die  zahllosen  Qber- 
tritte  von  werten  aus  einem  genus  in  das  andere  ohne 
merkbare  modification  des  begriffes  sowie  der  umstand, 
dafs  manche  werte  zwei  geschlechtem  angehören,  ganz 
unerklärlich.  Recht  gut  entwickelt  der  verf.  die  inneren 
grQnde,  weshalb  Indogermanen  und  Semiten  am  pron.  l.p. 
sg.  das  gpschlecht  nicht  bezeichnen  (s.  48  ff.).  Der  redende 
als  solcher  ist  nur  geistige  person,  also  über  den  geschlechta- 
unterschied  erhaben.  Lesenswerth  ist  auch  die  bespreobung 
der  pronomina  der  beiden  anderen  personen,  ganz  verun- 
^Qckt  aber  der  versuch  (s.  51  ff.)  die  dedination  der  indog. 
geschlechtslosen  pronomina  als  derivation  zu  erweisen,  wel- 
cher, abgesehen  von  vielen  einzelnen  Unrichtigkeiten,  zeigt. 


ansci^tti.  158 

dab  dem  verf.  der  unterficbied  zwisoben  Wortbildung  und 
stammbildang  nicht  klar  geworden  ist 

Aus  der  ausdehnung  des  genus  auf  das  verbum  im 
aemitischeii  scbUeist  der  verf.^  dafs  in  dieser  spräche  über- 
haupt die  Unterscheidung  zwischen  nomen  und  verbum 
noch  nicht  so  scharf  und  vollständig  YoUzogen  ist  wie  in 
der  sprachlichen  Schwesterfamilie.  Der  schluissatz  ist  rich- 
tig, folgt  aber  nicht  aus  den  prftmissen  des  Verfassers. 
(Vgl.  Schleicher  die  Unterscheidung  von  nomen  und  verbum 
in  dear  lautlichen  form). 

loh  schlielse  hiermit  daa  referat,  welches  sich  auf  die 
wiedergäbe  des  gedankenganges  im  ganzen  und  greisen 
beschrftnkt,  eine  menge  einzelner  Unrichtigkeiten  aber, 
welche  der  fachgenosse  sofort  als  solche  erkennen  wird, 
gans  unerwähnt  gelassen  hat.  Mehr  eingehen  auf  das 
Üiatsächlich  gegebene  und  weniger  philosopheme  wären  zn 
wünschen  gewesen.  Im  ganzen  mifst  der  verf.  der  bezeich- 
nnng  des  grammatischen  geschlechtes  (wie  sie  geschieht, 
wird  leider  gar  nicht  untersucht)  eine  viel  zu  hohe  Wich- 
tigkeit fiEkr  die  morphologie  der  spräche  und  des  denkens 
bei.  £ine  störende  zugäbe  sind  die  druckfehl^,  welche 
die  ganze  arbeit  durchziehen. 

Johannes  Schmidt 


Zur  kenntnifs  der  ältesten  runen.  - 

In  zwei  artikeln  der  kopenhagner  zeitschr.  fQr  philol. 
und  pädagog.,  bd.  VII,  s.  211—252  und  312  —  363,  die 
aoeb  besonders  gedruckt  sind,  hat  Sophus  Bugge  in 
Christiania  eine  anzahl  (12)  der  „ältesten^  runeninschriften 
behandelt.  Die  resultate  seiner  entzifferung  sind  filr  das 
TeffständniTs  dieser  inschriften  wie  die  kenntnifs  der  in  ihnen 
angewandten  spräche  und  sohrift  wichtig  genug,  als  dafs 
wir  den  leser  der  Zeitschrift  nicht  durch  eine  besondre  hin- 
Weisung  sowohl  auf  diese  selbst,  als  auch  die  mit  ihnen 


154  ll5bia« 

in  naher  Verbindung  stehenden  arbeiten  von  Ludv.  W im- 
mer und  E.  Jessen  in  Kopenhagen  aufinerksam  machen 
sollten;  es  handelt  sich  uns  hier  weder  um  eine  erschö- 
pfende mittheilung,  noch  eine  kritik,  die  wir  unsem  mno- 
logen  fiberlassen. 

Unter  ^ältesten  runen^  aber  oder  „runen  der  langem 
reihe ^  verstehen  B.,  W.  und  J.  diejenigen,  die  man  bei 
uns  die  ^  deutschen  ^  nennt  ( W.  Grimm ),  im  norden  aber 
—  seitdem  man  dort  ihre  spräche  als  nordische  erkannt 
zu  haben  glaubt  —  auch  die  „altnordischen^  im  gegensatz 
zu  den  gewöhnlichen,  den  „skandinavischen'*,  der  kfirzem 
reihe.  (Wenn  freilich  Geo.  Stephens  sein  Bunenwerk 
[Part  I,  Lond.  and  Cheapinghaven  186(i,  fol.],  was  sich 
nicht  nur  auf  jene  „ältesten'^,  sondern  auch  auf  die  angel- 
sächsischen runen  erstreckt,  betitelt:  The  oldnorthern 
runic  monuments  of  Scandinavia  and  England^,  so  thnt  er 
dies  auf  grund  seiner  eigenthQmlichen  Überzeugung,  dais 
die  spräche,  die  er  in  beiderlei  runen  findet  und  auch  zur 
eiklärung  der  erstem  anwendet,  nftmlich  die  angelsftchsisobe, 
nicht  —  wie  wir  andern  alle  bisher  vermeinten  —  eine 
deutsche  sei,  sondern,  was  man  dem  eifrigen  skandinavisten 
zu  gute  halten  möge,  eine  nordische;  der  werth  und  die 
Zuverlässigkeit  seiner  sehr  sorgß&Itigen  runenbilder  wird 
übrigens  dadurch  in  keiner  weise  geschmiüert). 

Die  von  Bugge  behandelten  inschriften  sind  einmal 
das  goldne  hörn  und  die  steine  zu  Tune  und  zu  Vamnm 
nebst  einigen  kleinern  inschriften,  andrerseits  die  blekinger 
steine  zu  Istaby  und  Björketorp;  die  Stentofte-,  Gommor- 
und  Sölvesborg-inschrift  nur  in  einzelnen  werten. 

Sie  werden,  meist  unter  Zugrundelegung  der  abbildtta- 
gen  bei  Geo.  Stephens,  von  S.  B.  gelesen  und  erklftrt  wie 
folgt: 

I.   (hörn,    Nordschlesw.):    ek  Hlewagastir  Holtingar 

homa    tawido:    ick,    Hlmoagast  HoUs   nachkomme 

d.  i. :  sohn^  fertigte  tku  hom. 
II.    (Tune,  Norw.),  1 :  ek  Wiwar  after  Wodnride  wita- 

dahalaiban  worahto  runor :  tcA,  Vic,  toürkte  nack  (stmv 

andenken  an)  Voduridj  den  genossen^  die 


miscellen.  155 

ni.    (Tuue,  Norw.))  2  :*  arbinga  singoster  arbingan  Op- 
liogor    dohtrir    dalidun    [afte]r   Wodaride   staina: 
der  (d.  i.:   von  den)  erben  die  ältesten  erben ^  die 
töchier   der   Odlinga^   fertigten  (?)    nach    W.   den 
stein. 
IV.    (Varoum,  Schwed.):  ubar  Hite  Harabanar  [wi]t  jah 
ek  Erilar  runor  warita :  über  dem  Hit  schrieben  wir 
beide^  ich  Hrafn  und  Jarl,  runen. 
V.    (Berga,  Schwed.),  1:  Fino:  Finna  (name). 
VI.    {     ji  „       ),  2:  Saligastir:  S.  (name). 

VII.    (Etelhelm,  Schw.):  m(i)c  M(e)r(i)la  w(o)rta:   mich 

(d.  ]. :  die  inschrift)  tcürkte  Merila. 
VIII.    (Tanom,   Schw.):   prawingan   haitinar  was:   {der 
stein)  war  (der)  des  Thrat>ingi  geheifsen. 
IX.    (Himlinghöie,  Dänem.):  Hariso:  Harisa  (name). 
X.    (Istaby,  Schw.):  afatr  Hariwnlafa  Hapuwulafr  Hae- 
ruwulafi(ng)r  warait  runar  paiar:  nach  (is.  and.  an) 
Hariwulfr  (d.  i. :  Herjulfr)  schrieb  Hathuwulfr  Sae- 
ruwulfs  (d.  i.:  BöSulfr  Björulfs)  söhn  diese  runen. 
XI.    (Björketorp,  Schw.):  uparaba-spa.  sar  pat  barutr 
uti  ar  wela  daude.  haera  malausr  ginarunar  aragea 
falah  ak  Hadr  oag  haidrrQ(nar)  noronu  (altn.:  upar- 
faspä.  aar  pat  brytr^  üti  er  vel  daadt.  her  mdllauss 
ginnrünar  ergju  fal  ek  Haddr,  öak  heiiTrrünar  nor- 
roenu):  Verfluchung,  der  welcher  dies  abbricht^  (für 
den)  ist  draufsen  jedenfalls  der  iod;  hier  barg  tcA, 
Haddrj   sprachlos   der   hexerei   kraftrunenj   bange 
(d.  i.:  mit  scheu  erfüllt)  bin  ich  vor  den  nordischen 
ehrenrunen. 
Die  spräche,  offenbar  eine  germanische,  sehr  antiken 
gepräges,  am  nächsten  der  gothischen,  obwohl  bald  mehr 
bald  minder  alterthQmlich  als  diese,  zeigt  doch  vorwiegend 
nordischen  (nordgerman.)   charakter    im    gegensatze    zum 
deutschen  (südgerman.). 

Das  hohe  alter  wird  bezeugt  (aufser  dem  mangel  des 
Umlautes,  dem  e  sss  i,  o  as  u,  dem  d  =  d*  u.  a.)  vorzugs- 
weise durch  das  hervortreten  der  thematischen  vocale,  das 


156  Möbitu 

nordische   namentlich    durch    das   an  die  Btelle  des  goth. 
flexions*8  getretne  r. 

Jene  thematischen  voce,  a,  i,  n,  vor  allem  das  a,  zei- 
gen sich  in:  Hlewa-  (L),  witada-*(II.),  Hart- (XI.),  Hal>ii- 
(X.),  Haerw-  (X.),  in:  -gastir  (I.),  Holtingar  (L),  Wiwar 
(IL),  Harabanar  (IV.),  £rilar  (IV.),  haiti;iar  (VUL),  in: 
horna  (L),  staina  (IIL),  -wulafa  (X;)-  [Äulser  dem  the- 
matischen a,  findet  sich  dieser  vocal  aber  noch  in  zweifa- 
cher weise,  epenthetisch  und  paragogisch;  epenthet.  in: 
halaiban  (IL),  worahto  (IL),  Harabanar  (IV.),  waritu  (IV.) 
und  warait  (X.),  afatr  (X),  -wulafa  und  -wulafr  und  -wu- 
lafi(ng)r  (X.),  in:  uparaba-  (XI.),  barutr  (XL),  arageu  (XL), 
falah  (XL);  paragogisch  in:  wela  (XI.),  haera  (XL),  gino- 
(XI.)  -]. 

Der  nordische  (d.  i. :  nicht-deutsche)  charakter  beruht 
auf  der  deutung  derjenigen  rune,  die  in  den  spätem,  skan- 
dinavischen rnnen  m  bezeichnet,  der  aber  Bugge  in  diesen 
ältesten  durchgehend  den  werth  des  r  (goth.  s)  vindiciert; 
die  Istaby-inschrift  (X.),  wo  es  nicht  andere  gelesen  werden 
kann  (Hapuwulafr,  Haeruwulafir,  runar,  paiar,  neben  afatr, 
wo  eben  r  nicht  s=  s,  sondern  ==  r)  dient  ihm  als  basis. 
Sonach :  -gastir  (I.),  Holtingar  (I.),  Wiwar  (H),  ubar  (IV., 
vgl.  afatr  X.),  Harabanar  (IV.),  Erilar  (IV.),  runor  (IV.), 
haitinar  (VIIL),  barutr  (XL),  ar  (XL),  malausr  (XI.), 
Hadr  (XL). 

Deutung  und  erklärung  obiger  inschriften,  wie  die 
principien  derselben  und  die  ansieht  von  ihrer  spräche  ge- 
hören, wenn  auch  vorwiegend,  doch  nicht  —  wie  allerdings 
die  Björketorp -Inschrift  —  ausschliefslich  Bugge;  neben 
Bredsdorf  und  Munch ,  Dietrich  und  Hofmann  u.  a.  ist  es 
vorzugsweise  Ludv.  Wimmer,  der  theils  ganz  unabhän- 
gig von  Bugge,  theils  zustimmend  und  im  anschlnis  an 
ihn  wesentlich  dieselben  resultate  ausgesprochen.  Dies  gilt 
namentlich  von  der  erklärung  der  spätem  m-mne  als  eines 
r  (=s  goth.  s)  in  diesen  ältesten  inschriften  und  in  folge 
dessen  von  der  dentung  der  betreffenden  spräche  als  einer 
nordischen;  ebenso  hat  er  sich  den  nach  weis  der  ihenuiiti- 
schen  v<>oale  in  diesen  inschrifiben  besonders  angelegen  sein 


miflcelleii.  157 

lassen.  Letztares  in  seiner  schrift  über  die  altdänische 
declinatioD  (Navneordenes  Bojning  i  aeldre  Dansk.  Köbh. 
1868),  die  zugleich  s.  41—45  die  hörn-  und  Tune-inscbrift 
eingehender  bespricht;  ersteres  in  zwei  (auch  separat  ge- 
druckten) artikeln  der  Jahrbücher  (Aarböger)  der  kgl.  nord. 
alterthumsgesellsch.  1867,  1  —  64  und  1868,  53  —  75,  von 
denen  der  erstere  eine  kritik  von  Geo.  Stephens'  runenwerk 
L  enthält,  der  letztere  die  durch  sie  hervorgerufne  antikri- 
tik  von  G.Stephens  (Aarb.  1867,  177—231)  beantwortet. 
—  Zweifel  und  anfechtung  haben  dagegen  die  Buggischen 
erklärungen,  zunächst  der  sieben  ersten  inschriflen,  von 
E.  Jessen  erfahren,  in  Aarb.  1867,  173  —  176  und  274 
— 282;  namentlich  ist  es  jener  angelpunkt  des  r,  insonder- 
heit dessen  ausnahmslose  anwendung,  wogegen  J«  mehrere 
nicht  ungewichtige  bedenken  erhebt.  Auf  diese  wiederum 
hat  Bugge  in  einem  besondern  anbange  zum  zweiten  jener 
oben  angeführten  artikel,  s.  353 — 363,  geantwortet. 

Eigenthümlich  ist  Bugge,  wie  bereits  bemerkt,  die  oben 
g^ebne  deutung  des  blekinger  Björketorpsteins.  B.  selbst 
bezeichnet  sie  als  eine  sehr  fragliche  und  stellt  als  princip 
seiner  erklärung  die  jedenfalls  sehr  sinnreiche  vermuthung 
auf,  dafs  sie,  in  unzweifelhaft  „ältesten^  runen  geschrieben, 
doch  nicht  deren  sonstige  spräche,  sondern  die  altnordische 
miodestens  des  11.  jahrh.  darbiete  (formen  wie  ar  ss  er 
und  arageu  ^^  ergja  weisen  auf  die  mitte  desselben),  so- 
nach einer  zeit,  wo  jene  runen  bereits  längst  durch  die 
jüngeren,  skandinavischen  verdrängt  waren.  Wenn  jene 
gleichwohl  hier  zur  anwendung  gekommen,  habe  der  Schrei- 
ber seinem  fluche  (üparfaspä)  einen  gewissen  mysteriösen 
Charakter  verleihen  wollen.  Er  nennt  sie  selbst:  ginnrünar 
ergja,  weil  sie  zu  seiner  zeit  nur  noch  zum  zauber  (aber 
nicht  zur  schrifi;)  angewendet  wurden,  im  gegensatz  zu  den 
damals  üblichen,  jedem  verständlichen  skandinavischen  ru- 
nen: heidrrünar  norroenu.  Rüc£flichtlich  der  Stentofte-, 
Gommor-  und  Solvesborg-inschrift  verweisen  wir  den  leser 
auf  Bugges  eigne  auseinandersetznng. 

Th.  Möbins. 


158  Andresen 

1)  Schlittschuh  oder  schrittschuh? 

Als  Klopstock,  wie  in  „Wahrheit  und  dichtung^  (buch 
15)  erisählt  wird,  Göthen  und  F.eiue  freunde  „zurechtwies^, 
dafs  nicht  „schlittschnh^  sondern  „schrittschuh^ 
zu  sprechen  sei,  „das  wort  komme  keineswegs  von  schüt- 
ten, als  wenn  man  auf  kleinen  kufen  dahin  fähre,  indem 
man,  den  homerischen  göttem  gleich,  auf  diesen  geflögelten 
sohlen  über  das  zum  boden  gewordene  meer  hinschreite*': 
da  traf  er  völlig  das  richtige,  ohne  sich  indes,  wie  zu 
vermuthen  steht,  der  entscheidenden  formverhältnisse  hin- 
reichend bewust  zu  sein.  Trotz  jener  einleuchtenden  er- 
klärung,  die  der  hauptsache  nach  schon  von  Richey  im 
hamburg.  idiot.  gegeben  worden  war*),  und  obgleich  zu 
keiner  älteren  zeit  von  „Schlittschuhen^  je  die  rede 
gewesen  ist,  scheint  doch  diese  form,  mit  ausnähme  etwa 
von  Norddeutschland  im  engeren  sinne,  allenthalben  das 
übergewicht  zu  behaupten.  Im  mittelhochdeutschen  be- 
gegnet schriteschuoch,  schrittelschuoch,  im  alt- 
hochdeutschen demgemäfs  wohl  nicht  scrtte-  sondern 
scritescuoh  (Grimm  gr.  II,  681),  mit  dem  Substantiv  zu- 
sammengesetzt. Der  niederd.  dialekt  sagt  stridscho, 
stridschau  (vergl.  Schambach  214b),  aus  striden,  engl, 
stride**).  Offenbar  soll  nun  „Schlittschuh*'  (dr  „be- 
zeichnender^ gelten  (Förstemann  in  d.  zeitschr.  I,  10);  dies 
leuchtet  jedoch  keineswegs  ein,  am  wenigsten  dem  geschick- 
ten, selbstthfttigen  und  selbstbewufsten  läufer,  der  vielmehr 
von  der  Klopstockschen  erklärung  erbaut  ist.  Ursprung 
und  bedeutung  zeugen  gleich  mächtig fbr„schrittschuh^, 
gegen  „Schlittschuh^,  dessen  gänzliche  Verwerfung  min- 
destens aus  der  Schriftsprache  angemessen  erscheinen  and 
vielleicht  erreichbar  sein  dürfte. 


^  »womit  man  auf  dem  eise  wacker  fortschnitet**. 
**)  auch  im  hochdeutschen  vorhanden;  s.  Grimm  gr.  I*,  861.  987.  1087; 
mhd.  wSrterb.  II,  2,  690.     In  der  Wetterau  kommt  noch  heute  «schtruten* 
in  diesem  sinne  vor  (d.  seitschr.  IV,  82). 


miBcellen.  159 

2)  Eisenmenger. 

Die  erklärung  Grimms  im  Wörterbuch:  ^Eisenmen- 
ger^ eisenmischer^  trifft  schwerlich  das  rechte,  wird  auch 
durch  das,  was  unter  ,, fischmenger ^  bemerkt  steht,  still- 
schweigeods  wieder  aufgehoben.  Eisenmenger  gehört  ohne 
zweifei  zu  menger,  mengaere,  mangsere  (lat.  mango,  engl. 
moDger)  und  bedeutet  .eisenhändler,  eisenkrämer,  welches 
letztere  ebenfalls  als  familienname  vorkommt.  Ueberdies 
sind  die  engl.  Wörter  ironmonger,  ironmongery  bekannt. 
Aufser  Fischmenger  begegnet  auch  Stromenger*)  als 
geschlechtsname,  desgleichen  Meng  er  und  Mang  er  selbst. 
Die  älteren  Zusammensetzungen  vlas-  (flachs-),  vieisch-, 
wkU  (tuch-),  witemanger  (engl,  woodmonger)  zeigt  das 
mhd.  wörterb.  II,  60  und  Schmeller  bair.  wtb.  II,  599 ;  unter 
diesen  hat  sich  fleischmenger  noch  viel  später  erhalten  **). 
Bonn.  K.  6.  Andresen. 


Lateinische  wortdeutungen. 
1)  prope. 

Der  von  Ebel  zeitschr.  XIY,  37.  78  zur  vermittelung 
von  prope  mit  dem  snperlativus  proximas  angenommene 
Übergang  des  labials  in  den  guttural  läfst  sich,  wie  Corssen 
nachtr.  72  zeigt,  durch  kein  sicheres  beispiel  dieses  laut- 
wandeis  im  lateinischen  stützen.  Corssens  eigene  erklärung 
ist  auf  eine  dreifache  Voraussetzung  gestellt,  nämlich  dafs  es 
ein  von  prope  abgeleitetes  *propicus  gegeben,  dieses  den 
superlativQS  *propic-simus  fbr  propicissimns  gebildet 
und  dieser  wiederum  durch  die  mittelstufe  *prop-c-simus 
sich  in  das  historische  proximus  umgewandelt  habe.  Alles 
das  läfst  sich  doch  nicht  genügend  sichern.  Ich  mache 
daher  die  einfachere  annähme,  dafs  in  prope  der  Übergang 
von  c  in  p  stattgefunden  habe,   der  f&r  lupus  popina 


*)  Die  foim  Strommenger  ist  vieUeicht  blofte  entstellnng. 
^  Vgl.  eine  FleiBchmengergasee  in  K51n. 


160  Froebde,  miiceUen. 

Epona  naohge wiesen  und  fQr  unaer  wort  durch  proximas 
ebeueo  angezeigt  ist,  wie  z.  b.  der  ausfall  des  r  in  tos  tarn 
durch  torreo,  der  dentale  Ursprung  des  b  in  jubeo  (w. 
ju-dh)  durch  jussi  u.  a.  Als  wurzel  bietet  sich  skr.  parK 
verbinden,  in  berQhrung  bringen,  die  in  verschiedenen  for- 
men durch  die  sprachen  geht.  Mit  erhaltenem  r  findet  sie 
Kuhn  zeitschr.  VIII,  67  in  comperco,  Walter  XII,  378 
in  Parca;  dafs  sie  auch  in  porcere  erscheine,  habe  ich 
beitr.  z.  lat.  etym.  p.  9  zu  zeigen  gesucht.  Die  bedeutungen 
von  prope  ergeben  sich  aus  dieser  wurzel  ohne  Schwierig- 
keit; analogien  bieten  juxta  von  jüngere,  apud  von  apere, 
goth.  nehva,  wenn  die  herausgeber  der  umbrischen  Sprach- 
denkmäler (II,  72)  recht  haben,  dasselbe  nebst  umbr.  ne- 
simo  zu  lat.  necto  w.  nee  zu  stellen.  Wie  von  necto 
necessitudo  Verwandtschaft,  necessarius  verwandt  aus- 
gehen, so  von  prope  propinquus. 


2)  fovea.     favissa. 

fov-ea  grübe,  loch,  eine  bildung  vne  cav-ea,  ist  nach 
form  und  bedeutung  dem  griechischen  x^'^^^  (®P*  für  j^cm) 
loch,  höhle  fQr  ;^<^-€ta  gleich,  indem  ursprüngliches  av  im 
griechischen  6(/'),  im  lateinischen  ov  wurde  wie  in  novos, 
viog.  Die  wurzel  fav  gr.  x^^  (x^if)'^^)^  weiterbildnag 
von  x^')  fii^dc^  siob  Auch  im  slawischen  und  deutschen 
(Diefenbach  vergl.  wörterb.  II,  338).  Der  ursprQngliche 
vocal  hat  sich  erhalten  in  fav-issae  unterirdische  rftome, 
höhlungen  (Gellius  U,  10).  In  beiden  bildungen  ist  j|f  durch 
f  vertreten,  wie  in  dem  wurzelverwandten  fatisco. 
Liegnitz.  F.  Froehde. 


fBetlag  ^on  3«  <Bttttentag  in  Betliit* 

@oe6en  erfd^ien  neu: 

TiimVio-rf  Tli«  "17    ^*®  giiechischen  Fremdwörter,  einge- 
.uauut/l  t^  X/l  •  XJ»y  leitetiLlexikaUsch erklärt.  102S.  Geh.  IGSgr. 


Stetig  fäc  y^ttolegett  mib  ttf)mi4fotf4ec! 

@ttt  betttf^»|itett§if(|tö  äSocaiuIattum  aud  bem 
Sittfange  bed  fifotf^el^ttim  Sctl^tl^ttttbertö. 

9la(]^  einer  ©Ibmger  ^anbfd^rift  mit  (Srlouteruttgen  l^erauß« 

gegeBen  üon 

®^  $^*  %.  9teffe(mattii. 

t0ntg0Berg  1868. 

Herios  Hon  Sl^.  ftl^ciU^ft  Uru^banblung  ($.  ^et^n). 


Bei  Gteorg  Reimer  in  Berlin  ist  soeben  erschienen  nnd  dnrch  jede 
Buchhandlang  sn  beziehen: 

I   W   E   I   N 

eine  ErzShltmg 

von    Hartmann    von    Aue 

mit  Anmerkungen 

von  G.  F.  Benecke  nnd  E.  Lachmann 

Dritte  Ausgabe. 

Pveis  2  Thhr.  15  Sgr. 


Im  Verlage  von  S.  Hirzel  in  Leipzig  ist  soeben  erschienen: 

Studien 

zur 

griechischen  nnd  lateinischen  Grammatik. 

Herausgegeben 
von 

Oeorg  Curtins. 

Zweites  Heft, 
gr.  8.    Preis:    1  Thk.  10  Sgr. 
Die  bis  jetzt  erschienenen  Hefte  bilden  zusammen  den  ersten  Band. 


3m  Verlage  Don  ^.  ^Mfm\%  in  £))ß^tln  xft  fo  eben  erf dienen: 

3»m  ©clbftuttterrfd^t  für  jeben  geBilbetett.    Son  Dr,  3ul. 
3«<)ifea.    ®e^.    16  ©gr. 


▼erlag  von  E.  C.  W.  Vogel  in  Leipzig. 

Soeben  erschien  und  ist  darch  jede  Buchhandlnng  za  beziehen: 

Abfertigung 

des 

Dr.  Martin  Hang, 

Mitgliedes  der  kSnigL  bayer.  Akademie  u.  Professors  des  Sanskrit  in  Manchen 

Ton 

Ferdinand  Jnsti, 

Verfasser  des  altbaktrischen  Wörterbuchs. 
Gr.  S\    64  Seiten.    Geh.    Preis  10  Sgr. 


Statt  18f  Thlr.  for  10  Thlr. 

Mntanabbii carmina  cum  commentario  Wahidii 
ed.  Dieterici.     110  Bogen  gr.  4.      1861. 

E.  S.  Mittler  &  Sohn. 

Mut.  übt  als  der  berühmteste  Dichter  d.  4.  See.  d.  H.  auf  die 
Literatur  der  Araber  den  gröfsten  Einflnfs.  Die  Erklärung  des  Wahidi 
zeugt  von  feiner  Sprachkenntnifs  und  ist  voller  Citate  aus  alten  Dichtem. 
Das  Buch  ist  somit  für  die  Freunde  der  arabischen  Literatur  unentbehr- 
lich. Den  Werth  dieser  Ausgabe  haben  Meister  wie  Reinaud,  J.  Mohl  u.  A. 
gewürdigt  und  allgemein  anerkannt. 

Statt  1^  Thlr.  for  22|  Sgr. 

Dieterici.  Streit  zwischen  Mensch  und  Thier, 
ein  arabisches  Märchen  aus  den  Schriften  der  lauteren 
Brüder.    8.     1858. 

E.  S.  Mittler  &  Sohn. 


3n  JFerb.  jDümmltr^e  HrrUgelni^l^iiitblttita  (^amoiQ  luib  (S^ogmonii) 
in  Berlin  ifl  legt  loollft&nbig  erfci^ienen: 

3ettfd^ft  für  S6Kertif9(^o(og{e  unb  ®|irad^t9{ffenfd^aft 
,^erau8gcgeben  üo«  ^rof.  Dr.  ^  ^ajaru»  unb  ^rof.  Dr. 
|.  5tcintl)al.   gunftcr  »anb.    (3n  4  ^eftctt.)  ?)ret8  3  Jl^Ir. 

JDiefct  Sattb  entölt  u.  St.  folgenbe  Slbl^anbluttgcn: 

$.  eteint^al,  2)ad  (S^od.  —  %tU%  2xtUtäft,  ^ottentottifd^e 
SRSt^cn.  —  $.  6teint^al,  3nm  Urf^rung  ber  €$^rad^e.  <—  $.  ®te{n# 
t^a(,  3ut  ^^vfiotogie  ber  ©^rad^Iaute.  —  %.  Sßaftxan,  ^nx  Dergleichen' 
ben  $fi^o(oate.  —  ®.  Bifirom,  2)ad  ruffifd^e  $o(f«e)>Dd.  —  8.  2:oBrer, 
lieber  bte  ^pt^flologtfd^e  Bebeutung  ber  Sortgafammenfe^nng,  mit  ^qng 
auf  nationale  (E^arafteriftif  ber  ^^xaäftxi,  —  $.  b.  Slomberg,  3n  6ac^ 
beS  {^arleCin.  Qine  culturgef^idfttliii^e  ^xahMt,  —  ®.  @(erlanb,  2)te 
Sebülfemng  ber  anflraßf((en  3nfe(n>elt  —  9.  9aflian,  2)er  ^anm  in  ber« 

gleid^enber  (St^nologie.  —  Dr.  Wl.  ^olgman,  Sinige  ^emerhmgen  fiBer 
a9  9er^Itni6  be9  ÜRittel^od^bentf^en  }nm  iReu^o^bentfd^en.  —  gr.  b. 
{^olfeenborff,  Ueber  bte  neneren  heften  in  S^orbamenfa.  —  {^ermann 
(Collen,  SD^pt^oIogifd^e  iGorfleKungen  bon^ottnnb  6eele,  pf^d^ologif^  ent* 
toufelt.  —  Dr.  9.  S^fetefig,  Srntt^eUnngen  fiBer  bie®t>ra4e  ber  Urem« 
tDo^ner  gormofa'd. 


A.W.  Schadt's  Baebdnickerei  (L.  Sohad«)  in  B«r]is,  StaUsehrelbwttr.  47. 


4l^,  u 


ZEITSCHEIFT 

FÜR 

VERGLEICHENDE 

SPRACHFORSCHUNG 

AUF  DEM  GEBIETE  DES 

DEUTSCHEN,   GRIECHISCHEN  UND 
LATEINISCHEN 

HERAUSGEGEBEN 
von 

»r.  A]>AX.BEltT  XUBH, 

PR0PS880R  AM  CÖLNISCHBir  OTHKAnUM  CU  BBRUK. 


BAND  XVin. 
DRITTES  HEFT. 


BERLIN, 

FBRD.  DÜMMLBR'S  VEBLA08BDCHHANDLDN0 

(BABBWITZ  miD  GOSSMAinr) 

1869. 


Inhalt.  Seite 

Alt-,  mittel-  neaardeat«cb.    Yon  Förstern ann 161 

Altoskische  sprachdenkinfiler  in  griech.  schrift.    Von  W.  Gorssen  187 

Gere«.    Von  Max  Möller 211 

Hephaestos.    Von  Max  Müller 212 

Anzeigen:  Die   kosenamen    der    Germanen.      Eine    stndie    von 

dr.  Frans  Stark.    Wien.     Von  K.  G.  Andresen  216 
Wörterbuch  zu  dr.  Martin  Lather^s  deutschen  Bchrif- 

ten.     Von  Ph.  Dietz  in  Marburg.     Von  A.  Kuhn  .  237 

Erklärung.     Von  W.  Clemm 237 

Antwort.     Von  Rieh.  Rödiger 240 


Beilage:     Statut    und    Reglement    für    die   Verwaltung   des    Agatboi 
B  e  n  a  r  y  'sehen  Uni versitäts  -  Stipendiums. 


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Theiles  wird  aus  den  Handexemplaren  des  Verfassers  herausgegeben.  Das 
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$eft  1  nnb  2  ht9  fed^eten  lOanbe«  enthalten  u.  a.  folgenbe  arbeiten: 
3ur  SWordflaafttf.  SSon  Dr.  (gttennc  2a«|)CJ?r€«.  —  iKt^t^otofliWe 
©orpeUungcit  \)on  ©ott  unb  ©ecle,  ^jfj^cf^ologtf^  enttoidctt  (@c^Iu6)  öon 
^ermann  (Jojcn,  Dr.  phU.  —  2)a8  rnfftWc  Soff«e^o«.  H.  »on  ©i* 
Prom.  —  3)ic  bid^terifc^c  ?}6atitaflc  unb  ber  2W€(^ani«mu«  bc«  »ctoußtfein«. 
®on  $.  (So^cn.  —  SBcurt^cilungcn  bou  $.  (Stein t^al. 

¥rciö  bc«  «anbe«  bon  4  ^cften  3  Zf)lx,,  cinjetner  ^eftc  25  @fir. 

Betlin.  %tth.  Summlet^d  Knlaa^hu^^mhUn 

({^armi^  u.  ©o^mann.) 


Ffintomamii  alt-,  mittel-,  neuurdeutsch.  161 


Alt-,  mittel-,  neuurdeutsch. 

Die  Vorstellung,  nach  welcher  man  sich  einen  sprach- 
stamm  als  einen  bäum  mit  immer  weiter  ins  feine  sich 
theilenden  ästen  und  zweigen,  auch  mit  saften,  laub,  blü- 
then  und  frQchten  denkt,  hat  in  der  that  eine  gewisse  be- 
rechtigung.  Nur  darf  man  dabei  das  omne  simile  Clau- 
dicat nicht  vergessen;  ein  familienstammbaum  ist  filr  einen 
sprachstamm  schon  in  mancher  hinsieht  ein  besseres  bild; 
abgestorbene  stammeitern,  spätere  Verbindungen  zwischen 
früher  getrennten  linien,  auswanderung  einzelner  glieder 
giebt  schon  mehr  analogien  her  zu  der  Sprachgeschichte. 
Doch  bleiben  wir  vorläufig  bei  dem  bilde  eines  rein  vege- 
tabilischen baumes  stehn;  offenbar  haben  wir  da  in  irgend 
einem  beliebigen  sprachstamme  nicht  einen  frei  vor  uns 
von  unten  bis  oben  sichtbaren  bäum,  sondern  einen  sol» 
eben,  dessen  stamm  und  dessen  meiste  äste  und  zweige 
uns  durch  irgend  einen  undurchsichtigen  gegenständ,  z.  b. 
ein  haus,  verdeckt  sind;  nur  seitwärts  und  nach  oben  hin 
ragen  einige  zweige  hervor;  das  sind  diejenigen  sprachen, 
die  es  bis  zu  literaturen  oder  wenigstens  bis  zu  literatur- 
ansätzen  gebracht  haben. 

Die  gegenwärtige  periode  unserer  Sprachforschung  geht 
nun  offenbar  darauf  aus,  es  bis  zu  wirklichen  Sprachge- 
schichten der  einzelnen  sprachstämme  zu  bringen;  das 
heifst  also,  wir  sollen  jenen  uns  grofsentheils  unsichtbaren 
bäum  zeichnen.  Das  wird  ein  guter  Zeichner  in  dem 
oben  angeftkhrten  ungfinstigen  falle  allerdings  können,  wenn 
er  weifs,  in  welcher  weise  eine  gewisse  baumart  sich  zu 
entwickeln  pflegt.  Dazu  gehört  nun  für  uns  linguistische 
Zeichner,  dais  wir  uns  Qber  den  verlauf  der  unsichtbaren 
äste  und  des  Stammes  ein  möglichst  sicheres  urtheil  bil- 
den. Wollten  wir  uns  aus  den  literarisch  erscheinenden 
sprachen  eines  sprachstammes  die  geschichte  dieses  sprach- 
stammes  bilden,  so  wären  wir  in  demselben  falle  wie  ein 
genealog,  der  nur  die  Schriftsteller  einer  familie  berück- 
sichtigen wollte.  Solch  ein  genealog  könnte  nie  einen  stamm- 
Z«itBdir.  f.  YgL  8pxach£.  XVm.  8.  11 


162  Förstern  ann 

baam,  geschweige  denn  eine  familiengeschichte  sehaffeD, 
und  der  entsprechende  Sprachforscher  könnte  zwar  sein 
werk  eine  Sprachgeschichte  nennen,  aber  es  würde  darum 
niemals  eine  sein. 

Wir  wenden  das  alles  nun  auf  unsern  deutschen  sprach- 
stamm an.  Hoch  Ober  dem  dache  des  den  vollen  anblick 
versperrenden  hauses  ragen  die  ausläufer  von  drei  ästen, 
jeder  mit  mehreren  zweigen,  jeder  zweig  mit  zahlreichen 
blüthen  und  frOchten  hervor,  der  nordische,  hochdeutsche 
und  niederdeutsche  ast;  zur  seite  des  hauses  aber  erscheint 
tiefer  unten  ein  vierter  ast,  kräftiger  als  die  andern,  herr- 
lich im  wachsthum,  aber  im  absterben  begriffen,  der  go- 
thische;  seine  einzelnen  zweige  sind  theils  abgefallen,  theils 
unsichtbar. 

Versuchen  wir  nun  uns  ein  bild  von  dem  bäume  zu- 
nächst ganz  leicht  zu  skizziren;  wir  dürfen  dies  nur  mit 
dem  vollen  bewufstsein,  dafs  die  aufgäbe  schwer  und  die 
kraft  für  jetzt  noch  gering  ist. 

In  welchem  näheren  oder  entfernteren  Verhältnisse  stehn 
jene  vier  allein  sichtbaren  äste  der  deutschen  spräche  zu 
einander?  wo  haben  sie  sich  getrennt?  wie  mögen  sie  ver- 
laufen sein,  ehe  sie  uns  sichtbar  werden?  ist  nicht  noch 
irgend  wo  eine  spur  eines  fünften  astes  (des  altfränkischen) 
zu  entdecken,  der  uns  helfe,  die  vier  andern  in  ihrem  ver- 
lauf zu  zeichnen?  Ueber  den  fünften  hinaus  dürfen  wir  ja 
wohl  keine  hoffnung  mehr  hegen. 

Die  roheste  anschauung  setzt  das  hochdeutsche  den 
drei  andern  entgegen;  wer  das  thut,  nimmt  allein  die  zweite 
lautverschiebung  zum  Wegweiser,  ohne  die  doch  schon  wahr- 
scheinlich ein  halbes  Jahrtausend  lang  das  hochdeutsche 
bestanden  hat,  macht  also  die  tochter  zur  mutter.  In  der 
dreizehnten  nummer  des  diesjährigen  literarischen  central- 
blatts  wird  ein  werk  besprochen,  dessen  Verfasser  das  nor- 
dische dem  gothisch-germanischen,  das  heifst  den  drei  an- 
dern ästen  gegenüberstellt.  Der  recensent  dieses  werkes 
rechnet  dagegen  das  gothische  einfach  zum  nordischen  und 
scheidet  beides  von  dem  hoch-  und  niederdeutschen.  Es 
sollte  mich  nicht  wundern,  wenn  irgendwo  auf  englischem 


alt-,  mittel-,   nenurdentBch.  163 

oder  niederländischem  boden  die  ansieht  aufträte,  als  sei 
das  niederdeutsche  den  drei  andern  entgegenzusetzen;  ist 
ja  doch  stets  das  Hebe  ich  dem  ausgesetzt,  seine  nächste 
omgebung  f&r  etwas  ganz  besonderes  zu  halten.  Das  go- 
thische  kann  einen  derartigen  einheimischen  fürsprecher 
nicht  mehr  haben,  denn  die  sind  seit  lange  stumm;  aber 
Jacob  Grimm  hat  die  stelle  eines  solchen  genügend  ver- 
treten, und  das  ist  keins  seiner  geringsten  Verdienste.  Nun 
fehlt  noch  eine  einzige  einigermafsen  vernünftige  anschauung, 
diejenige,  nach  welcher  ein  historisch  zusammengehöriges 
gothisch-hochdeutsch  einem  nordisch -niederdeutsch  gegen- 
überträte; und  eine  solche  anschauung  hat,  obwohl  ich  sie 
nicht  theile,  eine  menge  der  überraschendsten  thatsachen 
für  sich. 

Was  hier  unsem  blick  trübt  und  die  frage  überhaupt 
zu  einer  Streitfrage  macht,  ist  eine  erscheinung,  die  ich  die 
ancipität  der  sprachen  nennen  möchte.  So  schliefst  sich 
ja  das  griechische  in  gewisser  hinsieht  dem  arischen,  in 
anderer  dem  italischen  unverkennbar  eng  an,  so  das  kel- 
tische dem  italischen  und  andrerseits  dem  deutschen,  so 
das  slavische  dem  deutschen  und  doch  wieder  in  merkwür- 
digen fällen  geradezu  dem  eranischen.  Auf  welchen  grund- 
lagen  diese  ancipität  beruht,  kann  hier  nicht  einmal  an- 
deutend erörtert  werden;  eine  art  physiologie  der  sprach- 
trennungen  mufs  sich  einst  damit  eingehender  beschäftigen; 
f&r  Völkerpsychologie  ist  das  eine  aufserordentlich  lohnende 
aafgabe. 

Nun  aber  wird  es  zeit  diejenige  ansieht  zu  entwickeln, 
durch  die  sich  die  drei  in  der  Überschrift  zum  ersten  male 
genannten  sprachen  rechtfertigen  und  näher  bestimmen  sol- 
len. Es  ist  das  nur  eine  ansieht,  ein  verschlag  oder  ver- 
soch,  keineswegs  eine  behauptung;  wer  jenen  beschei- 
denen versuch  als  eine  verfehlte  behauptung  ansehen  und 
mich  von  solchem  Standpunkte  aus  angreifen  will,  trifft 
mich  nicht. 

Versuchen  wir  es  also  einmal  folgende  ansieht  vorzu- 
schlagen zu  weiterer  prüfung:  die  älteste  einige  deutsche 
spräche,  die  sich   von  dem  lituslavischen  gesondert  hatte 

11* 


164  Föntemann 

und  die  wir  ordeutsch  oder  wegen  des  gegensatzes  gegen  die 
beiden  andern  alturdeutsch  nennen  wollen,  lebte  eine  geraume 
zeit,  bis  sich  von  ihr,  vorbereitet  durch  dialektische  Ver- 
schiedenheiten, eine  spräche  sonderte,  deren  jQngsten  aus- 
läufer  wir  kennen  und  als  das  gothische  bezeichnen.  Nach 
jener  sooderung  bestand  der  Qbrig  bleibende  theil  als  mitr 
telurdeutsch  Jahrhunderte  lang  in  gemeiosamkeit,  wenn 
auch  in  dialekte  geschieden,  weiter  fort,  bis  die  vorfahren 
der  nordischen  Völker  durch  ihre  Wanderung  Qber  das  meer 
ihren  besondern  weg  einschlugen.  Was  nicht  an  der  wau- 
derung  theil  nahm,  redete  das  neuurdeutsche  (d.  h.  die 
neuurdeutschen  mundarten),  bis  hier  eine  Spaltung  io  hoch- 
deutsch und  niederdeutsch  eintrat. 

Aber  von  welchen  zeiten  ist  da  eigentlich  die  rede? 
Eine  antwort  auf  diese  frage  zu  verlangen  heifst  viel  ver- 
langen. Vielleicht  ist  indessen  wenigstens  die  jQngste  son- 
derung, das  ende  des  neuurdeutschen,  uns  noch  einigermar 
Isen  greifbar.  Ich  denke  mir,  dafs  im  zweiten  und  drit- 
ten Jahrhundert,  als  einzelne,  und  zwar  wesentlich  ostdeut- 
sche Stämme  nach  Süden  und  westen  zogen,  dort  keltisches 
land  besetzten  und  die  römischen  grenzen  einschränkten, 
diese  gewaltige  erschütterung  sie  eben  zu  Hochdeutschen, 
zu  einem  besondern  volke  gemacht  hat.  Mag  man  ihnen 
im  allgemeinen  auch  schon  vor  diesem  ereignisse  im  we- 
sentlichen den  namen  der  Herminonen  beilegen,  ich  glaube 
doch,  dafs  Hochdeutsche  erst  seit  dieser  zeit  anzunehmen 
sind  und  lehne  es  ab  unter  den  Völkerstämmen  bei  Tacitus 
Hochdeutsche  von  Niederdeutschen  sondern  zu  wollen. 

Wann  aber  begann  das  neuurdeutsche,  wann  also 
lösten  sich  die  nordischen  Völker  aus  der  deutschen  hei- 
math  ab?  Das  müssen  wunderbar  gewaltige  ereignisse  ge- 
wesen sein,  die  eine  nicht  ganz  kleine  volksmasse  auf  einem 
oder  zwei  wegen  über  das  nordische  meer  hinaustrieben; 
vielleicht  war  es  der  andrang  nachrückender  Slaven.  Solche 
grofsen  ereignisse  pflegen  weithin  ihren  wogenschlag  zu 
senden;  vielleicht  ist  in  diesem  falle  der  Cimbernzug 
die  letzte  spur  solchen  wogenschlages;  dann  (aber  wir 
behaupten  nichts)    wären   im    zweiten  Jahrhundert   vor 


alt-»  mittel-,  netiiirdeutsclL.  165 

angerer  zeitrecbnnng  die  wanderangen  nach  norden  und 
das  ende  des  mittelurdentschen  erfolgt. 

Und  wiederum,  wann  begann  das  mittelurdeutsche 
und  wann  fingen  die  stammvfiter  der  uns  bekannten  Go- 
tben  ihre  gesonderte  Sprachexistenz  an?  Vielleicht  (aber 
wir  behaupten  wiederum  nichts)  damals,  als  die  Qbrigen 
Deutschen  hineinrQckten  nach  Deutschland,  dort  die  kel- 
tische völkerweit  in  unruhe  und  zum  theil  auf  die  wande^ 
rung  brachten  und  die  südlichsten  solcher  Kelten,  von 
ihren  eigenen  brfidem  gedrängt,  im  anfange  des  vierten 
Jahrhunderts  vor  unserer  Zeitrechnung  Rom  in  schutt  und 
asche  legten. 

Bestätigte  sich  das  alles,  so  hätte  das  alturdeutsche, 
in  nnbestimmbarer  zeit  vom  lituslavischen  gesondert,  im 
vierten  Jahrhundert  v.  Chr.  ausgelebt,  das  mittelurdeutsche 
hätte  sein  ende  im  zweiten  Jahrhundert  v.  Chr.  geftinden, 
das  neuurdeutsche  etwa  im  zweiten  Jahrhundert  nach  un- 
serer Zeitrechnung. 

Man  rede  nicht  davon,  dafs  die  Oothen  noch  zu  Ta^ 
citns  Zeiten  an  der  Weichselmündung  gefonden  werden,  sich 
also  noch  nicht  von  den  andern  Deutschen  gesondert  hät- 
ten und  erst  später  nach  Süden  gewandert  seien.  Von  alle 
dem  weifs  ich  nichts,  wenn  man  den  ton  auf  die  Gothen 
legt;  ich  weifs  nur,  dals  bei  deutschen  stammen,  am  schwar- 
zen meer  wie  an  der  Weichsel  und  in  Scandinavien,  das 
wort  Gothen  als  volksname  üblich  gewesen  ist;  vielleicht 
war  es  einst  der  echte  eigenname  der  noch  völlig  unge- 
theilten  Germanen. 

Erheblicher  wiegt  schon  der  einwand,  dafs  ich  die 
erste  lautverschiebung,  die  doch  Grimm  ins  zweite  Jahr- 
hundert unserer  Zeitrechnung  zu  setzen  geneigt  ist,  wenn 
er  auch  fllr  die  westlichen  stamme  eine  frühere  zeit  zu- 
giebt,  dann  in  ganz  graue  fernen  rücke.  Dieser  wunder- 
bare gang  der  laute,  so  viel  ausätze  dazu  sich  auch  in  an- 
dern sprachen  finden,  mufs  doch  im  deutschen  nothwendig 
EU  einer  zeit  erfolgt  sein,  als  noch  alle  deutschen  stamme 
eine  geschlossene  einheit  bildeten,  ^elleicht  also  schon 
mehr  als  vierhundert  jähre  vor  unserer  Zeitrechnung.  Dann 


X66  Forstemann 

müssen  alle  die  deutschen  namen,  die  uns  seit  den  zeiten 
des  Cimbernkrieges  überliefert  sind,  schon  längst  verscho- 
ben sein,  von  unverschobenen  uns  jede  spur  mangeln.  Von 
den  neun  formein  der  lautverschiebung  lasse  ich  aber  drei 
überhaupt  beim  deutschen  unberücksichtigt,  das  sind  die 
drei,  in  welchen  wir  die  alten  aspiratae  untergehn  und 
durch  mediae  ersetzt  sehn.  An  diesem  Wechsel  nimmt  ja 
das  ganze  lituslavische ,  das  ganze  keltische  und  ziemlich 
häufig  auch  das  älteste  italische  theil,  und  zwar  in  so  durch- 
greifender weise,  dafs  wir  hier  noth wendig  einen  einzigen 
geschichtlichen  Vorgang  aus  den  zeiten  vor  der  trennung 
dieser  sprachen  annehmen  müssen;  es  ist  also  ungenau  zu 
sagen,  dafs  im  deutschen  aspirata  zur  media  geworden  sei; 
der  Vorgang  traf  nicht  die  deutsche,  sondern  viel  eher  die 
westindogermanische  aspirata.  Prüfen  wir  dagegen  die 
sechs  andern  formein: 

1)  g:k.  Die  Marcomanni  haben  das  k  (wodurch  sie 
z.  b.  dem  lat.  margo  gegenüberstehn)  schon  bei  Caesar,  Asci- 
burgium  schon  sec.  1;  Thumelicus  sec.  1  ist  gleichfalls 
schon  verschoben,  mag  in  der  letzten  silbe  goth.  leik  cor- 
pus oder  -leiks  similis  liegen.  Ebenso  hat  SSsai^axos  bei 
Strabo  schon  das  k  des  goth.  thagkjan,  nicht  mehr  das  g 
des  altlateinischen  tongere.  Wenn  Strabo  einen  Sigambi^r- 
namen  im  genetiv  Baixoqiyog^  nicht  -xoq  schreibt,  so  folgt 
er  damit  gallischen  analogien  wie  !äSiat6giyog\  dem  deut* 
sehen  namen  kam  gewifs  schon  der  k-laut  des  goth.  reiks 
zu.  Die  Silva  Bacenis  bei  Caesar  setzt  Grimm  zu  hoch- 
deutschem Buchonia,  zu  lateinischem  fagus  u.  s.  w.,  nimmt 
also  selbst  hier  schon  lautverschiebung  an,  während  Glück 
darin  das  alts.  und  altn.  hak  tergum,  ags.  bäc  sucht.  Dafs 
im  dritten  Jahrhundert  die  Gothen  Cniva  und  Gundericos 
schpn  die  tenuis  haben,  ist  nach  alledem  selbstver- 
ständlich. 

2)  d  :  t.  Die  Tubantes,  Tovßavxoi  haben  sec.  1  schon 
das  t  von  dem  späteren  Twente,  Northtuianti,  nicht  mehr 
das  d  vom  lat.  duo  u.  s.  w. ,  zu  dem  Grimm  den  namen 
stellt.   Ebenso  zeigen  die  Chatti,  Chattuarii  schon  dasselbe 


alt-,  mittel-,  neuurdeutsch.  167 

t,    das    wir  noch    im  sächsischen   gau  Hattemn  bewahrt 
finden. 

3)  b  :  p,  bekanntlich  der  mifslichste  fall  der  lautver- 
sebiebung.  Erwähnt  werden  mag,  dafs  der  Aovniag  (die 
Lippe)  schon  bei  Strabo  den  sächsischen  consonanten  hat. 

Nicht  das  geringste  widerspricht  also  der  annähme, 
dafs  media  bereits  lange  vor  Caesars  zeiten  in  deutschen 
Damen  sich  zu  tenuis  erhoben  habe.  Schon  das  verstärkt 
unsere  vermuthung,  dafs  auch  die  Verschiebung  der  tenuis 
zur  Spirans  resp.  aspirata  (wenn  goth.  th  wirklich  als  mo- 
mentaner laut  anzusehn  ist)  zu  einer  sehr  frühen  zeit  vor 
sich  gegangen  sei.  Doch  werden  wir  es  den  Römern,  durch 
deren  vermittelung  wir  allein  diese  namen  kennen,  nicht 
verargen,  wenn  sie  uns  zwar  das  p  :  f  deutlich  wiederge- 
ben, das  k  :  ch  und  das  t  :  th  aber  uns  oft  nicht  erken- 
nen lassen,  indem  sie  die  unrömischen  ch  und  th  meiden. 

4)  k  :  ch,  h.  Schon  im  ersten  Jahrhundert  vor  unse- 
rer Zeitrechnung  erschallt  der  name  Cherusci,  der  auf  jeden 
fall  schon  verschoben  ist,  mag  er  sich  an  gothisch  hairus 
anlehnen  oder  sonst  einen  Ursprung  haben.  Auch  die  Ha- 
rüdes  ftlkhrt  uns  schon  Caesar  an,  und  Grimm,  der  sie  zu 
hart  Silva  stellt,  mufs  hier  gleichfalls  schon  frühe  lautver- 
schiebung  annehmen.  Im  ersten  Jahrhundert  unserer  Zeit- 
rechnung sehen  wir  reines  h  in  Bojohaemum  (Bo^atfiov)^ 
wo  doch  die  urverwandten  sprachen  klares  k  haben.  Aus 
demselben  Jahrhundert  überliefern  uns  die  Römer  die  Schrei- 
bungen Chamavi,  Chatti,  Chasuarii,  Chauci,  Chariovalda 
trotz  ihrer  abneigung  gegen  das  ch.  Die  Chamavi  stim- 
men schon  zum  späteren  Hamaland,  die  Chauci  zu  Hug- 
merchi  und  zu  den  ags.  Hugas.  Der  inselnamen  Bvqxc^viq 
Burchania  aus  sec.  1  kann  nicht  mehr  die  altindogermani- 
sche aspirata  haben,  da  diese  längst  nicht  mehr  existirte, 
sondern  es  mufs  hier  schon  die  junge  aus  tenuis  verscho- 
bene Spirans  vorliegen,  was  auch  die  etymologie  des  na- 
mens sei.  Diesen  thatsachen  gegenüber  wird  man  doch 
nicht  etwa  das  späte  und  entlegene  Caucalandensis  bei 
Ammian  in  anschlag  bringen.    Auch  das  inlautende  c^  von 


168  FSistemann 

Chaoci  verschlägt  nichts;  dafs  anch  hier  eine  Spirans  ge* 
gölten  hat,  zeigt  die  griechische  Schreibung  Kavyoi  (der 
Vellejus  mit  seinem  Cauchi  folgt);  hier  ersetzten  die  Grie- 
chen die  anlautende  spirans  ihrem  lautgesetze  gemäfs  durch 
tenuis,  während  die  Römer,  denen  es  zu  viel  zumuthen 
hiefse,  wenn  sie  echtes  Chauchi  hätten  schreiben  sollen, 
meistens  die  tenuis  im  inlaute  schrieben.  Catualda  und 
Catumerus  halte  ich  fQr  ungenaue  Schreibungen.  Die  silva 
Caesia  bei  Tacitus  wäre  noch  un verschoben ,  wenn  wir 
sie  in  dem  altsächsischen  Heissi  wiederfinden  mQfsten;  das 
ist  aber  keineswegs  der  fall;  Coesfeld,  bei  dem  noch  im 
mittelalter  ein  mons  Coisium  liegen  soll ,  hat  mindestens 
eben  so  grofse  ansprüche  auf  Zusammenstellung  mit  Caesia» 
Auch  die  Caninefates  des  ersten  Jahrhunderts  wollen  wir 
doch  nicht  mit  Orimm  zu  un verschobenem  centum  u.  s.w. 
stellen;  er  stutzt  freilich  mit  vollem  rechte  schon  selbst, 
wenn  er  an  Kenemare,  Eenmerland,  Kinnin,  Einhem  dabei 
denkt;  wahrscheinlich  liegt  der  name  eines  kleinen  Aufs- 
ehens darin. 

5)  t :  th.  Das  oben  angefahrte  JSeai&axog  bei  Strabo 
zeigt  schon  den  gehauchten  laut.  Selbst  JbvSoqi^  bei 
Strabo  spricht  mehr  (sowohl  im  anlaute  als  inlaute)  f&r  th 
als  fQr  t;  die  Schreibung  ist  wohl  erst  durch  keltische  ver- 
mittelung  ungenau  geworden.  Die  Römer^aber  bringen 
uns  in  ihrem  Teutoni,  Teutonoari,  Teutobod,  Teutoburg, 
Canninefates,  Catualda,  Catumerus  lauter  t,  wo  ich  doch, 
selbst  fOr  die  zeit  des  Cimbernkriegs,  schon  verschobene 
th  annehme.  Gerade  diese  t  hat  man  wohl  ohne  grund 
besonders  schwer  wiegen  lassen,  wenn  man  einen  späteren 
eintritt  der  lautverschiebung  darthun  wollte  (übrigens  ist 
in  der  that  wenigstens  die  Schreibung  Theutoni  in  den 
handschriften  nicht  selten).  Nerthus  aber  hat  ganz  rich- 
tig sein  th,  wie  das  altn.  Niörd'r  es  verlangt. 

6)  p  :  f  Die  beiden  von  Ptolemaens  überlieferten  Orts- 
namen AovTtcpovoSov  und  TovXiifovqSov  zeigen  uns  das  ge- 
meindeutsche f  des  bekannten  ortsnamenelements,  nicht 
mehr  das  unverschobene  p  der  verwandten  sprachen;  eben 
so  stehen   die   hier  abermals  zu   erwähnenden  Caninefates 


alt-,  mittel-,  neuurdeutsch.  169 

dem  skr.  patis  u.  s.  w.  entgegen.  Und  wenn  die  Frisii  eich 
wirklich  mit  einem  aus  der  asiatischen  beimat  mitgebrach« 
ten  namen  benannt  haben,  der  dem  der  Perser  gleich  oder 
nahe  steht,  so  darf  doch  das  Vorhandensein  der  lautver*- 
schiebung  uns  nicht  stutzig  machen.  Die  Usipetes  darf 
man  aber  durchaus  nicht  als  unverschoben  den  Caninefates 
entgegenstellen^  denn  jetzt  ist  es  wohl  als  sicher  anznsehn, 
dafs  in  diesem  -etes  nur  eine  keltische  plnralendung  liegt 
(Zeass  gramm.  Celt.  I,  297f.).  Das  verderbte  Pranci  fQr 
Franci  auf  der  tab.  Peuting.  wird  man  vollends  nicht  in 
anschlag  bringen. 

So  steht  also  nichts  dem  entgegen,  dafs  man  die  erste 
lautverschiebung  und  damit  die  alturdeutsche  spräche  bis 
in  sehr  ferne  Jahrhunderte  zurückversetzt.  Im  übrigen  be- 
schränke ich  mich  darauf,  aus  meinen  vorhandenen  schon 
ziemlich  reichen  Sammlungen  über  das  alturdeutsche,  des- 
sen existenz  ja  niemand  bezweifeln  kann,  nur  wenige  an- 
dentongen  zu  geben;  das  mittel-  und  neuurdeutsche  sind 
es  ja  nur,  deren  berechtigung  ich  darzuthun  habe. 

Dem  alturdeutschen  ist  mit  seinen  schwestersprachen 
der  kämpf  gegen  das  vorherrschen  des  alten  a  gemeinsam, 
doch  mit  grofsen  eigenthümlichkeiten,  und  ohne  dem  a 
so  viel  von  seiner  sphaere  zu  entziehn,  wie  es  z.  b.  das 
lateinische  und  griechische  thut.  Fünf  oft  wiederkehrende 
lantübergänge  müssen  dieser  periode  schon  zugeschrieben 
werden,  nämlich  a  :  i,  a  :  u,  ä  :  ö,  ai  :  ei,  au  :  iu,  sämmt- 
lich  auf  einschränkung  des  a-lautes  berechnet  und  mit  aus- 
nähme des  dritten  entschiedene  Schwächungen.  Hiednrch 
gewinnt  aber  der  begriff  der  Schwächung  bei  deren  regel» 
mäfsiger  Wiederkehr  eine  gewisse  bedeutung  und  diese 
Schwächung  neben  der  altindogermanischen  Steigerung  vol- 
lendet erst  das  wunderbare  deutsche  ablautssystem. 

Was  die  auslautenden  vocale  angeht,  so  sind  die  mei' 
sten  erscheinnngen  des  Westphalschen  anslautsgesetzes  nicht 
dem  leben  der  gothischen,  sondern  der  alturdeutschen 
spräche  zuzuschreiben.  Manche  fälle  von  Synkope,  so  wie 
aach  gewisse  spuren  von  umlaut  (jedenfalls  einige  epen- 
thesen)    werden    dem   alturdeutschen   nicht    abgesprochen 


170  Forstemaon 

werden  können,  ebenso  wenig  wie  hie  und  da  ein  vocal- 
einschub.  Im  eoneonantismus  gehört  dieser  periode,  wie 
gesagt,  die  ganze  lautverschiebung  mit  vielen  fällen  ihrer 
unterlassang  und  wenigen  ihrer  beschleunigung  an.  Aus- 
lautende consonanten  (d.  h.  solche,  die  keinen  vocal  hinter 
sich  gehabt  haben)  werden  zwar  nicht  in  dem  mafse  ge- 
tilgt wie  im  urslavischeo,  doch  fallen  wenigstens  die  den- 
tale t,  th,  d  stets  ab  (deshalb  muls  auch  der  abtat,  sing, 
untergehn).  Das  s  des  nom.  sing,  schwindet  bei  stammen 
auf  «ra,  wenn  vor  dem  r  ein  vocal  vorhergeht,  wie  im 
latein,  nachdem  synkope  des  a  eingetreten  ist.  Die  en- 
dung  -am  des  acc.  sing.  masc.  und  fem.  fällt  ab,  im  gen. 
plur.  ebenso  das  m  der  endung  -am.  Das  alte  m  in  den 
zahlen  7,  9,  10,  das  noch  einige  der  lituslavischen  spra- 
chen haben,  ist  im  alturdeutschen  schon  zu  -n  geworden. 
Assimilationen  von  consonanten  finden  nur  wenige  statt, 
die  sichersten  fälle  sind  nv  :  nn,  sm  :  mm  und  In  :  IL 
Anlautende  consonantengruppen  werden  öfters  verstümmelt, 
wenn  der  zweite  consonant  ein  v  ist;  so  vnrd  mehrmals 
SV  :  s,  thv  :  th,  kv  :  v,  gv  :  v.  Wie  schon  jenseits 
des  urdeutscben  dentale  ten.,  med.  und  aspir.  vor  t  zu  s 
werden,  so  dehnt  das  deutsche  in  seiner  ältesten  periode 
diese  erscheiuung  dahin  aus,  dafs  es  auch  gutturale  und 
labiale  ten.  und  med.  (von  aspiraten  ist  nicht  mehr  die 
rede)  vor  t  in  die  entsprechenden  Spiranten  verwandelt, 
also  kt  und  gt  wird  ht,  ebenso  wird  pt  und  bt  zu  ft; 
im  umbrischeu,  oskischen  und  altirischen  finden  sich  schon 
ansätze  zu  diesem  wandel,  ihn  zu  einem  gesetze  zu  erhe- 
ben ist  speoiell  deutsche  eigenthttmlichkeit.  Mannigfache 
verstfimmelungen  von  consonantenverbindungen  kennt  auch 
schon  das  alturdeutsche;  die  durchgreifendste  ist  die,  dafs 
statt  eines  nicht  mehr  erlaubten  nh  entweder  h  oder  ng 
eintritt. 

Der  alturdeutsche  Sprachschatz  besteht  aus  vier  schich- 
ten: 1)  altindogermanisches  sprachgut,  2)  speciell  germano- 
slavische  Wörter,  3)  eigenthümlich  deutsche  Stammwörter, 
4)  eigenthümlich  deutsche,  aber  gewifs  schon  urdeutsche 
ableitungen  und  Zusammensetzungen.  Die  erste  dieser  schich- 


alt-,  mittel-,  neuurdentsch.  171 

ten  erkennen  wir  schon  jetzt  als  eine  ziemlich  grofse,  die 
zweite  dagegen  scheint  noch  dOnn  zu  sein  und  läfst  auf 
eine  nicht  lange  dauer  der  germanosiavischen  periode  schlie- 
fsen.  Die  dritte  ist  auffallend  grofs,  sie  mufs  aber  bei 
fortschreitender  Wissenschaft  noth wendig  kleiner  werden; 
es  mufs  auch  einmal  die  vielfache  berOhrung  zwischen  ger- 
manischem und  lappisch -finnischem  besonders  behandelt 
werden,  und  sollte  es  sich  zeigen,  dafs  diese  berührung 
namentlich  solche  ausdrücke  betriffl:,  die  nicht  dem  ur- 
indogermanischen Sprachschatze  angehört  haben,  so  eroff* 
nct  sich  der  Sprachwissenschaft  eine  ganz  neue  perspective. 
Die  vierte  schiebt  endlich  dehnt  sich  mächtig  aus,  am 
mächtigsten  auf  dem  gebiete  der  schwachen  verba;  sie 
giebt  zeugnifs  von  einem  langen  bestände  des  alturdeut- 
sehen.  Diesen  vier  schichten  gegenüber  steht  ein  nicht 
geringer  kreis  von  Wörtern  des  älteren  indogermanischen 
Sprachschatzes,  welche  erst  während  der  alturdeutschen, 
zum  theil  wohl  schon  während  der  germanosiavischen  pe- 
riode verloren  sind.  Diese  einbufse  ist  aber  durch  neu- 
schöpfungen  überreich  ersetzt  oder  vielmehr  erst  in  folge 
dieser  neuschöpfungen  eingetreten. 

In  der  flexion  ist  das  alturdeutsche  kaum  mehr  schö- 
pferisch gewesen,  es  hat  aufser  den  lautlichen  Veränderun- 
gen fast  nur  einbufsen  erlitten.  Die  Stammerweiterung 
durch  -n  (schwache  decl.)  erstreckt  sich  im  sanskrit  nur 
auf  einzelne  casus,  ergreift  aber  im  deutschen  häufig  das 
ganze  wort,  doch  wohl  zunächst  nur  bei  masculinen.  Eine 
Stammverkürzung  tritt  bei  den  neutris  auf  -is  (altes  -as) 
schon  früh  im  singularis  ein,  wo  dieses  suffix  meistens  ver- 
loren geht,  so  dafs  später  die  endung  (z.  b.  ahd.  -ir)  als 
eine  blos  plurale  erscheint.  Drei  casus,  locativ,  ablativ 
und  instrumentalis,  und  ein  numerus,  der  dualis,  sind  schon 
im  urdeutschen  fast  ganz  verkümmert,  ja  schon  vor  den 
letzten  vorhergehenden  Völkertrennungen  sind  diese  formen 
sehr  in  den  hintergrund  getreten  gewesen.  In  der  prono- 
minalen declination  giebt  es  eine  speciell  deutsche  erschei- 
nong,  den  acc.  sing.  masc.  auf  -na,  über  deren  erklärung 
man  sich  bisher  noch  nicht  hat  einigen  können.     Bei  den 


172  Förstemann 

adjectiven  ist  es  dem  deutschen  eigenthümlich ,  dafs  ein 
jedes  derselben  bald  nach  der  pronominaldeclination,  bald 
als  substantivischer  stamm  auf  -n  behandelt  wird.  Das 
adjectivsuifix  -eina  (z.  b.  goth.  gultheina)  wird  im  gerina- 
nischen  auch  für  die  Possessivpronomina  und  dann  auch 
für  den  gen.  sing,  des  Personalpronomens  (meina,  theina, 
seina)  verwandt. 

Bei  der  conjugation  bethätigte  sich  das  sprachleben 
des  alturdeutschen  unter  anderm  in  folgenden  vergangen: 
Wie  das  augment  schon  früher  aufser  gebrauch  gekommen 
war,  so  begann  auch  das  eigentliche  zeichen  des  perfectums, 
die  reduplication,  zu  schwinden,  und  die  früher  beim  per- 
fectum  nur  eine  secundäre  bedeutung  habenden  vocalver- 
&nderungen  in  der  Wurzelsilbe  wurden  nunmehr  das  eigent- 
liche zeichen  der  tempusunterschiede;  zu  der  urindoger- 
manischen Steigerung  im  perfectum  tritt  eine  speciell  deut- 
sche Schwächung  im  praesens  und  part.  pass.  hinzu.  Von 
den  fünf  ursprünglichen  indogermanischen  tempusformen 
ist  das  imperfectum  schon  jenseits  des  slavogermanischen 
untergegangen,  erst  das  alturdeutscbe  verliert  auch  das  fu- 
turum und  den  aorist,  die  im  slavogermanischen  beide  noch 
vorhanden  waren ;  so  bleibt  auf  deutschem  gebiete  nur  prae- 
sens und  perfectum  übrig.  Bei  den  modis  geht  in  dieser 
periode  keine  Veränderung  vor  sich,  denn  der  conjunciiv 
ist  schon  jenseits  des  slavogermanischen  aufgegeben,  der 
indicativ,  optativ  und  imperativ  ragen  noch  bis  in  die  deut- 
sche zeit  hinein.  Während  die  tempusbildungen  mit  wz. 
as  dem  untergange  geweiht  sind,  8cha£%  dagegen  das  alt- 
urdeutsche  in  der  wz.  dhä  ein  neues  determinatives  de- 
ment für  tempusbildungen,  welches  dem  slavogermanischen 
noch  unbekannt  war.  Das  passivum  beginnt  wohl  schon 
jetzt  zu  verkümmern.  Zahlreicher  als  bei  andern  sprachen 
entwickeln  sich  die  praeteritopraesentia  bei  besonders  häu- 
figen geistigen  begriffen. 

Nicht  gering  ist  die  anzahl  derjenigen  Wörter,  deren 
bedeutung  sich  schon  im  alturdeutschen  verschoben  hat; 
es  finden  sich  darunter  anziehende  beispiele  von  einer 
selbständig  deutschen  auffassung  der  begriffe. 


alt-,  mittel-,  neaurdeatsch.  173 

Von  Syntax  kann  bei  einer  nicht  zur  literatur  gekom- 
menen spräche  kaam  die  rede  sein. 

So  viel  in  schnellem  fluge  über  die  älteste  periode  un* 
serer  spräche.  Sie  endete  damit,  dafs  die  Gothen  aaf  der 
Wanderung  hinter  den  andern  Stämmen  zurQckblieben  und 
dafs  das  gotbische  seinen  besondern  weg  einschlug,  auf 
dem  es  uns  aber^erst  spät,  vielleicht  nach  obiger  hypothese 
erst  mehr  als  siebenhundert  jähre  nach  jenem  ereignisse, 
verbal tnifsmäfsig  kurze  zeit  vor  seinem  fast  völligen  unter- 
gange bekannt  wird. 

Die  andern  deutschen  mundarten  scheinen  sich  nach 
der  trennuDg  des  gothischen  noch  ein  paar  Jahrhunderte 
lang  gemeinsam  weiter  entwickelt  zu  haben;  diese  periode 
gemeinsamer  entwickelung  wage  ich  hier  zum  ersten  male 
mit  (lem  namen  der  mittelurdeutscheu  zu  bezeichnen. 
Ist  etwas  an  dieser  sache,  so  werden  folgende  Vorgänge 
des  Sprachlebens,  die  nicht  einer  zufällig  gleichen  entar- 
tung  der  einzelnen  getrennten  sprachzweige  anzugehören 
scheinen,  in  diese  periode  fallen: 

Der  vocalismus  bereichert  sich  um  mehrere  laute;  das 
1  und  ü,  welche  im  alturdeutschen  wohl  nur  in  ansätzen 
vorhanden  waren,  gelangen  zu  voller  entfaltung  und  das 
ältere  ei  geht  häufig  in  dies  jQngere  i  Ober.  Auch  ein 
kurzes  o  tritt  auf  und  zwar  an  stelle  von  manchem  älteren 
u;  man  vergleiche  goth.  fula  (pullus)  zu  altn.  foli,  ahd. 
folo,  ags.  fola;  goth.  hulths  (carus)  zu  altn.  hollr,  ahd. 
holt,  ags.  hold;  goth.  auhsa  (bos)  zu  altn.  oxi,  ahd. 
ohso,  ags.  oxa;  goth.  dauhtar  (filia)  zu  altn.  döttir, 
ahd.  tohtar,  ags.  dohtor;  goth.  haurn  (cornu)  zu  altn., 
ahd.,  ags.  born  u.  s.  w.  In  die  stelle  der  dadurch  gewis- 
sermafsen  vacant  werdenden  u  rücken  manche  vom  a  her 
ein,  denn  der  während  der  alturdeutschen  periode  bemerkte 
kämpf  gegen  das  übergewicht  des  a  hat  hier  seinen  wei- 
teren fortgang.  So  wird  z.  b.  die  plurale  dativendung  -am 
zu  -nm  und  nur  in  einem  speciellen  dialekt,  dessen  spä- 
tere spuren  uns  in  den  schleswigschen  runeninschriften  be- 
wahrt sind,  scheint  das  alte  -am  unangetastet  geblieben 
oder   wiederhergestellt  zu  sein.    Eine  Verwandlung  des  u 


174  Fontemann 

za  i,  die  wir  im  dat.  sing,  des  persönlichen  pronomens  der 
zweiten  person  finden  (goth.  thus,  thuk  tibi,  te  gegen  das 
i  der  andern  sprachen)  ist  nicht  blos  rein  lautlich,  son- 
dern entsteht  wohl  zugleich  aus  dem  streben,  die  zweite 
person  mit  den  stammen  mi  und  si  der  beiden  andern  in 
Übereinstimmung  zu  bringen. 

Die  wichtigste  Verwandlung  auf  dem  gebiete  der  con- 
sonanten  ist  die  massenhafte  Vertretung  von  altem  s  durch 
r;  schon  im  alturdeutschen  mag  etwas  an  dem  bestände 
des  alten  s  gerQttelt  sein,  wie  das  gothische  tönende  z  zu 
bekunden  scheint.  Beispiele  fär  diesen  allbekannten  laut- 
wechsel  zu  geben  unterlasse  ich;  sie  begegnen  ja  in  Stamm- 
silben sowohl  als  endungen  unendlich  oft;  vor  andern  con- 
sonanten  ist  diese  entartung  nur  auf  einzelne  fälle,  nament- 
lich sj  und  sd  beschränkt  (man  vergleiche  goth.  laisjan, 
nasjan,  huzd,  gazds,  mizdo,  razda  mit  ihren  verwandten 
in  den  andern  deutschen  sprachen).  Ein  sv  scheint  noch 
unentstellt  geblieben  zu  sein;  vgl.  den  suevischen  namen 
Nasua  bei  Caesar  mit  altn.  Narvi.  Auch  fQr  das  alte  no- 
minativzeichen -8  nehme  ich  sowohl  bei  Substantiven  als 
pronominen  mittelurdeutsches  -r  an,  das  später  im  nordi- 
schen blieb,  im  hoch-  und  niederdeutschen  aber  bei  Sub- 
stantiven abfiel.  Dafs  auch  aufserhalb  der  eigentlich  nor- 
dischen gegenden  in  Substantiven  einst  ein  -r  gegolten 
habe  und  nicht  etwa  das  -s  unmittelbar  abgefallen  sei,  da- 
von liefert  z.  b.  der  wohl  auf  alter  Überlieferung  beruhende 
Mennor  bei  Frauenlob  für  den  taciteischen  Mannus  ein 
anziehendes  zeagnis;  und  ist  wirklich  auf  dem  tondern- 
schen  hörne  EQevagastir  Holtingar  zu  lesen  (vgl.  liter.  cen- 
tralblatt  1868,  no.  10),  so  braucht  darum  noch  nicht  nor- 
discher dialekt  angenommen  zu  werden.  Der  ganze  Vor- 
gang ist  gewifs  zuerst  im  inlaute  zwischen  zwei  vocalen 
eingetreten,  dann  von  da  auch  in  die  nominative  geschli- 
chen, ganz  wie  im  lateinischen.  Und  wenn  jene  hypo- 
these,  dafs  das  mittelurdeutsche  etwa  das  vierte,  dritte  und 
zweite  Jahrhundert  v.  Chr.  erfüllt  hat,  in  der  that  begrün- 
det ist,  so  steht  auch  darin  germanisches  und  lateinisches 
sich  nahe,  dafs  etwa  um  dieselbe  zeit  in  beiden  getrennten 


alt-,  mittel-,  neuurdentach.  17( 

epraoben  derselbe  Übergang  eingetreten  ist.  Ist  das  ganz 
znfall?  Ich  glaube  in  der  that  daran,  dafs  selbst  getrennte 
sprachen,  ohne  dafs  an  zufall  zu  denken  ist,  von  gemein- 
samen lautübergängen  ergriffen  werden  können  (noch  in 
weit  späterer  zeit  wird  t  zum  z -laute,  o  zu  uo  gleichzei- 
tig im  hochdeutschen  und  romanischen). 

Verstümmelungen  von  consonantengruppen  werden  sich 
bei  weiterer  forscbung  noch  manche  dem  mittelurdeutschen 
zuweisen  lassen.  Wenn  von  dem  dv  des  goth.  fidvor  (qua- 
taor)  im  altp.  fior,  ahd.  fior,  alts.  fiwar,  ags.  feover 
das  d  eingeborst  wird,  dagegen  von  dem  tv  des  goth. 
gatvo  im  altn.  gata,  ahd.  gaza,  ags.  gate  das  v  dem 
härteren  laute  unterliegt,  so  wäre  das  ein  wunderbarer  Vor- 
gang, wenn  er  in  allen  übrigen  sprachzweigen  gleichmäfsig 
und  nicht  vielmehr  vor  deren  trennung  geschehen  wäre. 
Die  3.  pers.  sing,  ist  (est)  scheint  in  dieser  periode  ihr  t 
verloren  zu  haben;  dafilr  spricht  das  altn.  er,  ags.  is,  alts. 
is,  woneben  freilich  im  Heliand  schon  ist  eintritt.  Dafs 
im  althochdeutschen  und  zuweilen  im  altsächsischen  das  t 
noch  erscheint,  ist  wohl  nur  der  analogie  der  andern  verba 
za  verdanken;  das  ist  wohl  nicht  ein  bewahren,  sondern 
ein  wiedereinführen  des  alten. 

Ceber  die  erscheinung,  dafs  viele  gothischen  aspiraten 
(resp.  Spiranten)  in  den  andern  deutschen  sprachen^  also 
wahrscheinlich  in  der  mittelurdeutschen  periode,  zu  medien 
herabsinken,  hat  Lettner  in  d.  zeitschr.  XI,  188 ff.  gehan- 
delt, woselbst  die  beispiele  nachzusehen  sind. 

Bemerkenswerth  ist  noch,  dafs  sich  in  der  dentalen 
reihe  im  altnordischen,  angelsächsischen,  altsächsischen  zwei 
aspiraten,  eine  harte  und  eine  weiche,  entwickeln,  von  de- 
nen die  letztere  nur  in-  und  auslautend,  nie  anlautend  auf- 
tritt. Im  hochdeutschen  ist  dieser  unterschied  wieder  zu 
gründe  gegangen,  da  beide  in  die  media  übergingen.  Aber 
die  Spaltung  dieser  aspiraten  mufs  dem  mittelurdeutschen 
angehören. 

Der  Sprachschatz  mufs  in  dieser  periode  mannigfache 
einbufse  erlitten  haben;  substantiva  wie  goth.  ahaks  (och 
lamba),  milith  (mel),  adjectiva  wie  kaurs  (gravis),  bauths 


176  FSntanumo 

(surdas),  manvas  (paratus),  partikeln  wie  ei  (at),  uf  (sab), 
and  (per)  gehn  den  andern  deatsohen  sprachen  ab.  Das 
pron.  interrog.  verliert  seinen  plural  (gotb.  noch  acc.  plar. 
hvans),  ebenso  sein  fem.  sing.  (goth.  noch  hyö).  Auch 
die  spuren  der  alten  part.  perf.  act.  (goth.  beruseis,  juku- 
seis)  verschwinden  völlig,  und  die  substantiva  auf  -ubni, 
die  instrumentalen  adverbia  auf -ba  (nebst  -bai  in  ibai 
und  jabai),  die  den  andern  deutschen  sprachen  mangeln, 
werden  keine  gothischen  neuschöpfungen  gewesen  sein. 

Welchen  ersatz  sich  die  spräche  um  diese  seit  f&r 
mannigfaltigen  abgang  durch  neue  ableitung  oder  zusam* 
mensetzung  gebildet  habe,  das  zu  entscheiden  f&llt  schwer, 
da  der  goihische  Sprachschatz  uns  so  lückenhaft  überlie- 
fert ist;  das  unbelegtsein  eines  wortes  im  gothischen  darf 
nicht  als  beweis  fbr  dessen  fehlen  gelten.  Aber  wenn  dein 
altn.  konüngr,  köngr,  ahd.  kuning,  ags.  cyning  nur 
ein  goth.  reiks  gegenübersteht,  dem  altn.  verold,  ahd. 
weralt,  alts.  worold,  ags.  veruld  nur  ein  gotb.  mana- 
seths  oder  fairhvus,  dem  altn.  fies k,  ahd.  fleisc,  alts. 
fl^sc,  ags.  flaesc  nur  ein  goth.  mammo  oder  mime, 
dem  altn.  heilagr,  häligr,  ahd.  heilag,  ags.  h&leg  nur 
ein  goth.  veihs,  dem  altn.  vinstri,  ahd.  und  alts.  wini- 
stra,  fries.  winistere,  ags.  vinstra  nur  ein  goth.  hlei- 
duma,  dem  altn.  hundratT,  ahd.  hundert,  alt&ies.  hon- 
derd,  ags.  hundred  nur  ein  goth.  hunda  entspricht,  so 
werden  wir,  wenn  auch  im  einzelnen  ein  wort  im  gothi- 
schen verloren  sein  könnte,  doch  in  vielen  ftllen  die  ent- 
stehung  der  ableitung  oder  Zusammensetzung  der  zeit  des 
mittelurdeutschen  zuschreiben  müssen.  Gewifs  ist,  dab 
die  Zusammensetzung  der  pronominalstftmme  ta  +  8J<^ 
(nhd.  dieser)  der  periode  des  mittelurdeutschen  angehört 

In  der  flexion  geht  die  alte  durchsichtigkeit  der  for- 
men mit  starken  schritten  unter.  Die  spuren  der  i*  und 
u-declination  beim  adjeotivum  verschwinden  völlig.  Es 
beginnt  die  neigung  starke  verba  in  die  schwache  conju- 
gation  umzusetzen  zuerst  bei  denjenigen  verbis,  die  nicht 
durch  eine  grofse  anzahl  von  analogien  geschützt  sind. 
So  gerathen  z.  b.  die   im  gothischen  noch  klaren  verba 


alt-,  mittel-,  neniirdeatach.  177 

▼aian  und  saian  in  verwirrang  und  schwanken  in  den  ein- 
zelnen mnndarten  zwischen  starker  und  schwacher  Bildung; 
nnr  das  angelsächsische  scheint  sich  doch  zuletzt  blos  wie- 
der für  die  starke  zu  entscfareiden. 

Die  perfectreduplication  beginnt  sich  zu  verwischen, 
doch  behält  diese  periode  (und  auch  noch  die  neuurdeut- 
sche)  noch  immer  beide  consonanten,  den  der  stamm-  und 
den  der  reduplicationssilbe.  Der  dual  beim  verbnm  geht 
immer  mehr  unter,  verschwindet  jedoch  in  einzelnen  mund- 
arten  noch  immer  nicht  völlig.  Vollständig  aber  verschwin- 
det das'  nach  art  des  griechischen,  indischen  und  erani- 
ecben  gebildete  urdeutsche  mediopassiv,  welches  die  Let- 
ten nnd  Slaven  ebenso  verloren  haben  wie  alle  ungothi- 
acfaen  stamme  der  Germanen. 

Von  bedeutungsveränderungen  werden  sich  bei  weite- 
rem forschen  manche  beispiele  finden  lassen;  ich  erwähne 
s.  b.  das  eben  gebrauchte  wort  finden,  das  im  gothischen 
cognoscere,  im  altn.,  ahd.,  ags.  fast  nur  invenire  bezeich- 
net. Zum  bedeutungswechsel  gehört  eigentlich  auch  der 
genas  Wechsel ;  das  goth.  neutrum  sigis  (victoria)  scheint 
z.  b.  im  mittelurdeutschen  zum  masculinum  geworden  zn 
sein,  vielleicht  durch  mifsverstand  des  in  dieser  periode 
za  r  gewordenen  s. 

Mittelurdeutsche  sind  es  gewesen,  die  über  das  meer 
hin  wahrscheinlich  auf  verschiedenen  wegen,  zumeist  wohl 
von  der  südöstlichen  ecke  der  ostsee  her,  nach  Skandina- 
vien aaswanderten.  Diese  auswanderer  waren  aber  zu  den 
verschiedensten  stammen  des  yolkes  gehörig,  und  so  kommt 
es  9  dafs  eine  nicht  geringe  anzahl  deutscher  völkemamen 
mit  über  das  meer  in  die  neue  nördliche  heimath  überge- 
fbbrt  werden.  Zwei  solcher  völkernamen  knüpfen  sich  an 
die  beiden  gröfseren  auf  dem  seewege  liegenden  inseln, 
Gothland  und  Bornholm  (Burgundarholm) ;  auf  dem  skan- 
dinavischen festlande  erscheinen  aufser  den  Gothen  auch 
Heraler  und  Rugier;  die  skandinavischen  <PiQaiüot  des  Pto- 
lemaeus  erinnern  an  die  Friesen,  die  AlXovaifüvtg  dagegen 
an  die  skandischen  Hilleviones,  and  dafs  auch  die  Suiones 
d^B  Tacitus  ihren  namen  von  Süden  her  schon  mitgebracht 

Zeitschr.  f.  TgL  BpracMl  XYUI,  S.  12 


178  FdftteiiMiiii 

liaben,  wird  durch  die  nördlich  vom  schwarseo  sMere  er- 
wähnte SvithioO'  der  Ynglingasaga  wahrscheinlich* 

Die  Stammväter  der  Oothen  und  die  der  SkandinaYen 
haben  also  zuerst  ihre  besonderen  wege  eingeschlagen;  beide 
Stämme  waren  im  anfange  die  östlichsten  Germanen  und 
hatten  als  solche  den  stofs  nachdringender  Völker  aaszn- 
halten,  wurden  also  auch  am  ersten  von  der  seite  ibror 
blutsverwandten  abgesprengt.  Worin  das  gothisohe  zum 
altnordischen  tritt,  beruht  zum  tbeil  (und  solche  punkte 
habe  ich  eben  eine  anzahl  erwähnt)  auf  dieser  reihenfolge 
der  Sprachtrennungen,  zum  theil  aber  (und  das  geht  ans 
hier  nichts  an)  gewiis  auch  darauf,  dafs  beide  mundarten 
als  die  der  östlichsten  Germanen  vor  der  trennung  schon 
in  engerer  beziehung  zu  einander  standen  als  zu  den  übri- 
gen germanischen  dialekten;  denn  die  Sprachtrennungen 
gehn  schwerlich  plötzlich,  sondern  mehr  allmählich  vor  si<^; 
es  giebt  einen  Übergang  zwischen  voller  Sprachidentität 
und  voller  geschiedenheit 

Was  nach  allen  jenen  völkerzügen,  die  sich  noch  in 
weit  spätere  zeit  fortsetzten,  südlich  von  der  ostsee  übrig 
blieb,  bildete  die  Völker  der  neuurdeutschen  zeit;  wa^ 
ihnen  sprachlich  gemeinsam  ist,  nenne  ich  die  neuurdeut* 
sehe  spräche,  die  gewifs  wieder  ihre  mannigfachen  mund- 
arten gehabt  hat.  Ihre  zeit  wird  etwa  dem  letzten  vor- 
christlichen und  den  beiden  ersten  Jahrhunderten  unserer 
Zeitrechnung  angehören. 

In  bezug  auf  die  vocale  des  neuurdeutschen  hebe  ich 
heraus,  dafs,  wenn  auch  gewifs  in  dieser  periode  das  alte 
a  an  umfang  verliert,  dennoch  dasselbe  sicher  in  manchen 
f&Uen  bewahrt  blieb,  wo  wir  es  in  dem  zu  literaturspra- 
eben  gewordenen  gothischen  und  althochdeutschen  schon 
entartet  finden.  So  ein  fall  liegt  z.  b.  im  gen.  und  dat, 
sing,  der  Substantive  auf -an  vor  (goth.  hanins,  hanin,  abd. 
hanin,  aber  ags.  hanan,  aitn.  hana,  altfries.  bona,  alta. 
banon). 

Zwischen  u  und  i  scheint  mannichfEicher  Wechsel  statte 
zvfinden;  so  z.  b.  goth.  trudan,  altn.  trod'a,  aber  ahd. 
tretan^alts.  tredan,  ags.  tredan,  altfries.  treda  u.s.w.; 


alt-,  mittel«,  nennrdentsch.  179 

dagegen  goth.  leitils,  altn.  litill,  aber  ahd.  luzil,  lia- 
sii,  luzich,  alts.  Inttil,  luttic,  ags.  lytel  neben 
litel. 

iu  ist  wohl  schon  neuurdeutsch  in  einigen  fUlen  zu 
ü  geworden:  ahd.  süfu  bibo,  lüchu  claudo,  sügn 
sugo,  ags.  süpe,  lüce,  stlce. 

Im  consonantismus  ist  die  wichtigste  erscheinung  das 
abfallen  des  ans  s  entstandenen  scbliefsenden  r.  Wir  fin- 
den es  erstens  bei  allen  nominativen  der  mascnlinen  sub- 
stantiva,  wo  dem  goth.  fisks,  hairdeis,  sunus,  balgs 
dem  altn.  fiskr,  hirdir,  sonr,  belgr  in  den  andern 
sprachen  nur  formen  ohne  diesen  schlufsconsonanten  ent- 
gegenstehn.  Dasselbe  wird  auch  wohl  der  Vorgang  im 
nom.  der  fem.  von  i-stämmen  gewesen  sein,  wo  im  altnor- 
dischen (z.  b.  äst  gegen  goth.  ansts)  wohl  erst  nach  der 
sonderung  dieser  spräche  das  r  abgefallen  ist,  um  eine 
Übereinstimmung  mit  den  andern  femininen  hervorzubrin- 
gen. Ferner  im  gen.  sing.  fem.  von  i-stämmen  (gotb.  an. 
stais,  altn.  ästar,  ahd.,  alts.,  ags.  und  altfries.  ohne  aus* 
lautenden  consonanten) ;  endlich  im  nom.  plur.  der  n-stämme 
(goth.  hanans,  tuggons,  altn.  hanar,  tungur,  in  den 
übrigen  sprachen  ohne  den  letzten  laut). 

Grofse  Veränderungen  scheint  der  Sprachschatz  im  neu- 
nrdeutschen  erlitten  zu  haben.  Eine  nicht  geringe  anzahl 
von  Wörtern,  die  uns  im  gothischen  und  altnordischen  be- 
gegnen, mangeln  mit  merkwürdiger  Übereinstimmung  in 
den  übrigen  sprachen.  Ich  hebe  als  beispiele  folgende  sub- 
Btantiva  hervor:  goth.  niuklahs,  altn.  n^klakinn  neu- 
gebornes  kind,  goth.  fraiv,  altn.  fr io  same^  goth.  hallus, 
altn.  hallr  der  fels  (wogegen  das  fem.  altn.  höll,  ahd. 
halla  auch  in  den  andern  sprachen  lebt);  auch  das  goth. 
sauil,  altn.  8 öl  sonne  verkümmert  wenigstens  in  den  an- 
dern sprachen^  die  es  nur  noch  in  spuren  haben.  Im  pro- 
nomen  ist  auffallend  das  untergehn  des  goth.  sis,  altn. 
s^r  (sibi),  desgleichen  der  des  goth.  bvarjis,  altn.  hverr 
(quis).  Im  verbum  tritt  neben  das  goth.  im,  is,  altn.  em, 
ert  (sum,  es)  im  ahd.  bim,  bist,  im  ags.  beom,  bist 
IL8.W.9   woneben  indessen  das  alte  wort  noch  zum  theil 

12  • 


180  Föntemami 

fortbesteht.  Die  ersl  im  altardeutschen  entstandenen  (den 
verwandten  sprachen  fremden)  an  das  part.  perf.  pass.  der 
starken  verba  angelehnten  verba  auf  -nan,  welche  einen 
ursprünglich  stets  passiven  sinn  haben,  sterben  im  neunr- 
deutschen  wieder  aus  (goth.  auknan,  batnan,  bignan, 
bruknan,  altn.  batna,  blikna,  brotna,  dafna  und 
viele  andere). 

Nicht  verschwiegen  werden  darf,  dafs  viele  Wörter  im 
gothischen  und  altnordischen  fehlen,  in  den  andern  spra* 
chen  aber  vorhanden  sind;  auf  diese  erscheinung  darf  bei 
der  Iflckenhaftigkeit  des  uns  Qberlieferten  goth.  sprach» 
Schatzes  nur  wenig  gegeben  werden.  Doch  mögen  na* 
mentlich  manche  Zusammensetzungen,  in  denen  althoch- 
deutsch, altsächsisch  und  angelsächsisch  zu  einander  stim- 
men, wirklich  erst  im  neuurdeutscben  gebildet  sein,  wenn 
das  'auch  niemals  von  einem-  einzelnen  bestinunten  falle 
behauptet  werden  darf. 

Dagegen  scheinen  dem  neuurdeutscben  mit  ziemlicher 
gewifsheit  manche  neue  ableitungen  anzugehören;  man 
vgl.  ags.  väter,  alts.  watar,  ahd.  wazar  mit  goth.  vato 
(gen.  vatins)  und  altn.  vatn;  ahd.  apant,  alts.  aband, 
ags.  aefen  mit  altn.  aptan^  aftan;  alts.  himil,  ahd. 
himil,  altfries.  himul  mit  goth.  himins,  altn.  himinn; 
ahd.  tugnnd,  ags.  dugutf  mit  altn.  dygtf.  Das  ahd. 
geist,  ags.  gast,  alts.  gast  begegnet  im  gothischen  und 
altnordischen  noch  nicht;  das  altn.  jastr  fermentum  ist 
zwar  verwandt,  gehört  aber  nicht  unmittelbar  dazu.  Man 
halte  ferner  alts.  dunkal,  ahd.  tünch al  obscurus  zu  altn. 
dökkp.  Auffallend  ist  auch,  dafs  ahd.  gröz,  ags.  greät 
im  gothischen  und  altnordischen  fehlen;  dadurch  wird  es 
wahrscheinlich,  dafs  hier  eine  neuurdeutsche  ableitung  vor- 
liegt, dann  aber  wiid  die  Zusammenstellung  mit  lat.  gran- 
dis  hinfällig.  Die  ahd.,  ags.,  alts.  gerundia  fehlen  eben- 
falls dem  gothischen  und  altnordischen;  sind  sie  deshalb 
wirklich  als  neuurdeutsche  ableitungen  anzusehn,  so  dürfen 
sie  nicht,  wie  bisher  mehrfach  geschehen,  an  sanskritbil- 
düngen  angeschlossen  werden. 

Nun  zur  flexion,    deren  leben  von  jetzt  ab  nur  noch 


alt-,  mittel-,  nemirdeiitscli.  181 

eine  reihe  von  grenzverrückungen  darstellt;  es  gilt  hier 
das  recht  des  stärkeren  (sprachlich  ausgedrückt  die  ana- 
logie).  Die  schwache  declinatioD  dringt  in  das  gebiet  der 
starken  und  reifst  hier  den  gen.  plur.  an  sich  (ahd.  tagan6 
dierum,  mhd.  tagen,  mnl.  daghen,  ags.  dagena,  altfries. 
degana).  Das  masc.  und  neutr.  überwältigen  das  fem.; 
denn  die  feminina  der  comparative  haben  im  gothischen 
und  altnordischen  einen  i-vocal  gegen  a  im  masc.  und 
neutr.  (goth.  fem.  maizei,  blindozei,  altn.  blindari),  wäh- 
rend in  den  übrigen  sprachen  dieser  feine  unterschied  ver- 
wischt ist.  Der  acc.  sing,  des  reflezivpronomens  nimmt 
die  stelle  mit  in  besitz,  die  firüber  ein  eigener  dativ  (goth. 
sis,  altn.  sär)  ausfüllte.  Der  acc.  sing,  des  Personalprono- 
mens (mich,  dich)  wirft  sein  k  und  h  in  den  acc.  plur. 
hinüber;  er  lautet  ahd.  unsih,  iwih,  ags.  üsic,  eövic, 
und  so  wird  er  auch  wohl  eine  zeit  lang  im  altsächsischen 
gelautet  haben;  dem  gothischen  und  altnordischen  (uns, 
086,  izTis,  y0r)  ist  diese  erscheinung  noch  unbekannt.  Der 
nom.  plur.  reifst  den  acc.  in  allen  den  f&Uen  an  sich,  in 
denen  sich  beide  casus  bis  dahin  noch  unterschieden  hat- 
ten; es  scheiden  sich  noch  gothisch  fiskos  -fiskans, 
harjoB-harjans,  sunjus-sununs,  balgeis-balgins, 
ansteis-anstins,  blindai-blindans;  auch  altnordisch 
fiskar-fiska,  hirdar-hirda,  synir-sonu,  belgir- 
belgi,  blindir-blinda,  aber  althochdeutsch  gilt  f&r 
beide  casus  visca,  hirta,  suni,  belgi,  ensti,  blinde, 
alts.  fisc6s,  hirdjös,  blindft,  ags.  fiscas,  hirdas, 
blinde  u.  s.  w.  Eine  abgeleitete  form  gesellt  sich  zu 
der  primitiven,  um  diese  zu  verdrängen,  im  gen.  plur. 
des  zweiten  Zahlworts;  er  heifst  goth.  tvaddje  (duorum), 
altn.  tveggja,  ahd.  zueio,  ags.  tv£ga;  daneben  aber  tritt 
ein  ahd.  zueiero  und  ags.  tv6gra  ein,  welches  sich  im 
neanrdeutschen  gebildet  zu  haben  scheint;  eben  so  verhält 
es  sich  mit  goth.  baddje  und  ags.  bSgra. 

In  der  conjugation  ist  die  wichtigste  erscheinung  des 
neaurdeutschen,  dafs  der  optativ  sich  in  der  2.  pers.  sing. 
des  perf.  in  den  indicativ  einnistet,  und  zwar  bei  allen 
starken  verben;    so  heifst  es  goth.  vast  eras,  altn.  vart, 


1Q2  FOntemsnn 

aber  ahd.  wäri,  ag8«  yaore,  altfries.  wSre.  Ein  eindrin- 
gen des  perf.  in  das  praes.  beobachten  wir  in  den  abd., 
alte,  und  ags.  nebenformen  sindun,  sindon  fllr  sind. 
In  bezog  auf  die  reduplicirten  perfecta  werden  wir  anneh- 
men müssen,  dafs  im  neuurdeutschen  die  Wiederholung  des 
consouanten  noch  nicht  aufgegeben,  der  vocal  der  Wurzel- 
silbe aber  schon  synkopirt  ist;  darauf  f&hrt  uns  die  erwft- 
gung  des  ags.  hebt,  leolc,  reord,  leort  für  haihait, 
lailaik,  rairoth,  lailot. 

Auch  bedeutungs-  und  genusverschiebungen  scheint 
das  neuurdeutsche  manche  erlebt  zu  haben;  ich  hebe  her- 
aus unser  wort  fleisch,  das  im  altn.,  schwed.  und  dän. 
(flesk,  flfisk^  flesk)  übereinstimmend  speck  bedeutet,  da- 
gegen ahd.  fleisc,  alts.  flesc,  ags.  flaesc,  engl,  flesh 
nnl.  vlisch,  fries.  flasc  die  bedeutung  von  caro  ange- 
nommen hat.  Das  ahd.  östra,  ags.  eÄstran  scheint  erst 
neuurdeutsch  auf  eine  bestimmte  zeit  (fest  der  Ostara)  be- 
zogen zu  sein,  daher  im  hochdeutschen,  s&chsischen  und 
angelsächsischen  die  anlehnung  an  das  christliche  fest,  ßix 
weiches  das  gothische  und  altnordische  noch  das  hebr. 
pascha  gebrauchen.  Goth.  namo  und  altn.  nafn  sind 
noch  neutra  wie  das  lat.  nomen,  hochd.,  ags.  und  altfries. 
gilt  das  männliche  geschlecht.  Goth.  kinnus  und  altn. 
kinn  sind  fem.,  dagegen  ahd.  kinni  und  ags.  cinne  masc, 
goth.  lithus,  altn.  Vitfr  sind  masc,  ags.  und  ahd.  tritt 
daneben  auch  neutraler  gebrauch  ein.  Dergleichen  wird 
sich  noch  viel  mehr  finden  lassen. 

Hat  das  neuurdeutsche  bis  ans  ende  unseres  zweiten 
Jahrhunderts  gelebt,  so  gehören  die  alten  uns  von  den  Rö- 
mern überlieferten  namen  sämmtlich  dieser  periode  an.  Den 
Römern  aber  erschollen  diese  namen,  mochten  sie  sich  auch 
auf  ferne  stamme  wie  Gothen  und  Marcoroannen  beziehn, 
zumeist  am  Niederrhein.  Dort  aus  ubischem  oder  sigam- 
brischem  munde  gelangten  gewifs  die  nachriohten  über  die 
Cherusker  und  deren  bündnisse-  nach  dem  standlager  zu 
Colonia  Agrippina.  Diese  Völker  am  Niederrhein  sind  aber 
die  Stammväter  der  späteren  Franken,  ich  nenne  sie  weder 
Hochdeutsche  noch  Niederdeutsche,   da  ich  diesen  unter- 


altr,  mittel-,  nemirdautseh.  188 

schied  ftr  jene  zeit  nocli  nicht  kenne.  Wir  haben  nun 
jene  namen  darauf  hin  anzusehn,  ob  ihre  lautfftrbung  dem 
bilde  entspricht,  welches  wir  uns  vom  neuurdeutschen,  das 
helfet  Ton  der  gemeinsamen  quelle  des  hochdeutschen,  alt- 
sächsischen, angelsächsischen  und  altfriesischen  machen 
müssen,  oder  ob  sie  sich  näher  an  das  altfränkische  an- 
schlielsen,  wie  wir  es  z.  b.  uns  zur  zeit  des  Gregor  von 
Tours  in  Gallien  gesprochen  denken  mtkssen.  Letzteres, 
nicht  ersteres  ist  in  der  that  der  fall. 

So  müssen  wir  annehmen,  dafs  das  neuurdeutsche  ein 
langes  ä  noch  nicht  durch  6  ersetzt  hat  und  dafs  dieser 
wandel  erst  im  gothischen  nach  seiner  trennung  Tor  sich 
gegangen  ist.  Und  doch  spricht  Caesar  und  alle  andern 
Römer  schon  von  den  SuSvi,  Taoitus  von  Inguiomirus, 
Segimörus,  ActumSrus,  Chariom^rus,  glSsum,  gerade  wie 
wir  diese  Vertretung  am  fränkischen  des  5.  und  6.  Jahrhun- 
derts kennen;  bei  Jemandes  ist  AudoflSda  eine  fränkische 
königstochter  und  bei  Gregor  sind  uns  manche  namen  auf 
-mSres,  -fledis  überliefert  u.  s.  w.  Ebenso  begegnen  uns 
bei  den  römischen  Schriftstellern  zahlreiche  aus  i  entartete 
e;  man  erwäge  die  ersten  silben  von  Hermunduri,  Che- 
msci,  Nerthus,  Segimerus,  Segimundus,  Segestes.  Es  ist 
ganz  undenkbar,  dais  die  verschiedenen  deutschen  Völker, 
den^i  jene  namen  angehören,  in  so  alter  zeit  an  diesen 
stellen  wirklich  das  e  gehabt  haben;  ebenso  undenkbar, 
dafs  die  Römer,  die  gerade  dem  i-vocal  besonders  zuge- 
than  sind,  ihn  hier  überall  ausgemerzt  haben  sollten.  Sehn 
wir  aber  die  zahlreichen  fränkischen  namen  auf  -fred  an, 
ebenso  die  im  polyptychon  Irminonis  neben  Sig-  aufser- 
ordentlioh  oft  vorkommenden  Seg-,  so  wird  es  uns  klar, 
dafs  auch  jene  alten  namen  uns  nur  in  fränkischer  gestalt 
überliefert  sind.  Strabo's  handschriften  geben  2!cyifiiJQog 
neben  JSeyifitjgog*,  hier  scheint  mir  das  t  den  wirklich  che- 
ruskischen,  das  <  den  fränkischen  laut  wiederzugeben.  — 
Wir  wissen,  dafs  die  Gothen  sich  selbst  mit  einem  u  in 
der  Stammsilbe  schrieben,  und  so  hat  auch  Pytheas  nach 
Plinius  an  der  ostseeküste  Guttones  gefunden.  Warum 
geben  nun  die  römischen  Schriftsteller  der  ersten  jahrhun- 


184  Föntemum 

derte  hier  ein  o?  wohl  wiederum,  weil  sie  auch  die  kennt- 
nis  dieses  entlegenen  volkes  wesentlich  am  Rheine  erlang- 
ten; dort  aber  wird  schon  damals  dasselbe  o  gegolten  ha- 
ben,  das  ein  anderes  deutsches  volk,  die  Thoringi,  noch 
bei  Gregor  aufweist.  Auch  das  o  der  mittelsten  silbe  von 
Maroboduus  wird  kaum  marcomannisch,  weit  eher  nieder- 
rheinisch gewesen  sein.  —  Das  alte  ai,  das  im  gothisohen 
und  selbst  im  althochdeutschen  so  lauge  treu  bewahrt  bleibt, 
erscheint  dennoch  im  Taciteischen  BoiohSmum  schon  zu  6 
entartet;  so  wird  den  Römern  am  Niederrhein  der  name 
erklungen  sein,  genau  so,  wie  den  Franken  der  lex  Salica 
ein  Salohemj  chrenecruda,  chreo  und  neben  laisus  ein  Itens 
galt.  —  Das  eu  in  Teutones  und  Teutoburgum  ftkr  altes 
iu  finden  wir  wieder  in  dem  beudus  (mensa)  der  lex  Sa- 
lica, in  leudis,  in  den  namen  auf  -deus  und  -teus;  Gre- 
gor schreibt  auch  in  gothisohen  namen  ein  eu  f&r  iu.  Wie 
weit  dieses  altfränkische  dem  übrigen  neuurdeutschen  ge- 
genüber selbständig  gewesen  ist,  das  können  wir  natflriicb 
ftkr  jetzt  nicht  mehr  entscheiden. 

Hiemit  schliefse  ich  ftlr  jetzt  meine  darstellung.  Es 
war  für  mich  ein  bedürfnis  mit  diesen  ansichten  hervor- 
zutreten, um  eine  gröfsere  sprachgeschichtliche  arbeit,  nüt 
welcher  ich  mich  schon  lange  beschäftige  und  wohl  noch 
länger  beschäftigen  werde,  nicht  etwa  auf  falschen  grund- 
lageu  aufzubauen;  sind  aber  meine  ansichten  falsch,  so 
wird  schon  diese  kurze  mittheilung  genügen,  um  sie  zu 
widerlegen  und  mich  eines  besseren  zu  belehren,  und  darom 
bitte  ich  in  diesem  falle  herzlich.  Wer  mir  aber  z.  b.  ein 
näheres  übereinstimmen  des  altnordischen  und  angelsächsi- 
schen entgegenhalten  will,  der  möge  erst  bedenken,  dals 
nicht  jeder  fall  von  Übereinstimmung  auf  eine  längere  ge- 
schichtliche gemeinschaft  zweier  Völker  hinweist,  sondern 
auch  noch  aus  manchen  andern  gründen  hervorgehn  kann. 

Ist  dagegen  die  hier  entwickelte  ansieht  richtig,  so 
wird  eine  künftige  geschickte  unseres  deutschen  sprach- 
stammes  in  folgender  weise  zu  ordnen  sein: 

Den  ersten  theil  nimmt  die  betrachtung  derjenigen  bis 
ins  gebiet  des  germanischen  hineinragenden  bildungen  und 


alt-,  mittel-»  neanrdentach.  185 

thatsachen  ein,  welche  schon  ans  einer  jenseits  des  ger- 
manoslaTischen  liegenden  periode  stammen;  im  zweiten 
theile  ist  zu  untersuchen,  in  wie  weit  sich  die  spuren  die- 
ser germanoslavischen  zeit  noch  bis  in  unsem  sprachstamm 
verfolgen  lassen.  Der  dritte  abschnitt  ist  dem  alturdeut- 
sehen  gewidmet  und  giebt  an,  welche  lautverhältnisse,  Wort- 
bildungen, flexionen  u.  s.  w.  dieser  epoche  zuzuschreiben 
sind.  Hierauf  folgt  die  betrachtung  des  speciell  gothischen 
Sprachlebens,  dann  die  des  mittelurdeutschen ,  hierauf  die 
des  altnordischen  sowie  der  daraus  hervorgegangenen  neue* 
ren  sprachen.  Die  nächste  stelle  nimmt  das  neuurdeutsche 
ein,  die  dann  folgende  das  althochdeutsche,  mittel-  und 
neuhochdeutsche  und  die  neueren  hochdeutschen  dialekte. 
Was  nun  noch  nach  ansscheidung  dieses  zweiges  als  Über- 
rest des  alten  Stammes  anzusehn  ist,  bildet  die  niederdeut- 
sche gruppe,  deren  Charakteristik  am  besten  mit  ihrer  zu 
reconstruirenden  grundsprache,  der  ursftchsischen ,  zu  be- 
ginnen ist.  Darauf  ist  das  altsächsische  mit  seinen  töch- 
tem,  das  mittel-  und  nenniederländische,  sowie  das  friesi- 
sche zu  betrachten.  Nun  erst  folgen  wir  unserer  spräche 
und  unserem  volke  auf  seiner  weiteren  Wanderung  über  das 
meer,  behandeln  das  angelsächsische  und  mittelenglische 
und  schliefsen  das  ganze  naturgemäfs  mit  dem  englischen. 
Diese  vom  alturdeutschen  räumlich  wie  sprachlich  am  wei- 
testen abstehende  spräche,  die  am  meisten  das  specifisch 
germanische  kleid  abgestreift  hat,  wurde  eben  dadurch  fH* 
big  sich  durch  romanische  demente  so  vollkommen  durch- 
dringen zu  lassen,  dafs  sie  demjenigen  bilde,  welches  wir 
uns  von  einer  Weltsprache  der  zukunft  machen,  unter  allen 
lebenden  sprachen  am  nächsten  kommt;  auch  ist  sie  schon 
jetzt  die  am  meisten  verbreitete  unter  allen.  Die  Schick- 
sale des  englischen  und  des  deutschen  in  America  mögen 
einen  anhang  des  ganzen  bilden,  eines  Werkes,  f&r  dessen 
harmonische  durchfikhrung  freilich  Ar  den  augenblick  noch 
viele  bedingungen  fehlen,  das  aber  immerhin  schon  ver- 
sacht werden  mag. 

Bezeichnen  wir  schliefslich  den  gothischen  sprachzweig 
mit  1,   den  nordischen  mit  2,   den  hochdeutschen  mit  3, 


186  F5xBtemaim,  alt-,  mitt«!*,  nauurdentBch. 

den  niederdeatschen  mit  4  und  versuchen  wir  die  haupt*- 
▼eranlassungen  anzugeben  fQr  die  yerschiedenen  combina- 
tionen,  in  denen  wir  diese  vier  zweige  zu  einander  stim- 
mend oder  von  einander  abweichend  sehen,  so  ergiebt  sich 
folgendes : 

1  gegen  2,  3,  4:  hohes  alter  der  trennung,  zurück- 
bleibendes gegen  vordringendes. 

1,  2  gegen  3,  4:  reihenfolge  der  trennung,  ostgermiH 
nisch  gegen  westgermanisch. 

1,  2^  3  gegen  4:  getrennte  zweige  gegen  fortentwicke- 
lung  des  grundstocks  (darf  ich  sagen  männliches  gegen 
weibliches  deutsch?). 

1,  3  gegen  2^  4:  Sodgermanen  gegen  Nordgermanen, 
continentale  gegen  maritime  mundarten,  unter  letzteren  viel- 
fache spätere  berührungen. 

2  gegen  1,  3,  4:  dort  nähere  beziehungen  zum  finni- 
schen sprachstamm,  hier  verhältnifsmäisiger  mangel  der- 
selben. 

3  gegen  1,  2,  4:  dort  nähere  berührung  mit  romani- 
schem, hier  geringere. 

Nach  den  gesetzen  der  combinationslehre  ist  nur  noch 
ein  siebenter  fall  möglich:  2,  3  gegen  1^  4,  ftr  diesen  fall 
aber  läfst  sich  kein  historischer  grund  angeben;  wo  solche 
näheren  berQhrungen  eintreten,  ist  das  walten  des  zufidb 
anzunehmen. 

Schleicher  hat  es  (deutsche  spräche  s.  94)  unt^nom- 
men,  den  im  anfange  dieses  aufsatses  erwähnten  dentschen 
sprachbaum  wirklich  graphisch  darzustellen.  Ich  wQrde 
von  ihm  darin  abweichen,  dafs  ich  den  zweig  2  nicht  mit 
1  von  demselben  punkte  des  Stammes  ausgehn  Heise,  son- 
dern zu  Unterst  1,  weiter  hinauf  2,  noch  höher  3  ansetzte; 
überdies  würde  ich  1  und  3  (wie  es  die  geographischen 
Verhältnisse  mit  sich  bringen)  nach  links,  2  dagegen  nach 
rechts  hin  vom  stamme  abzweigen. 
Dresden.  E.  Förstemann. 


Consen,  altoskische  sprftchdenkmKler  Jn  grieeh.  schrifL  187 

Altoskische  Sprachdenkmäler  in  griechischer 

Schrift. 

1.    Grabschrift  von  Sorrento. 

CIPINEIZ 

Die  vorstehende  inschrift  eines  zu  Sorrento  in  Cam- 
panien  gefundenen  grabsteines  ist  die  genitivform  Virineis 
eines  namens,  der  im  nominativ  oskisch  Virins  lautete 
vom  stamme  Virino-  und  der  name  eines  verstorbenen 
war  (Mommsen,  unterit.  dialekte  s.  190,  XXXIV.  Fa- 
bretti,  Corp.  Inscr.  Italicar.  2827).  Das  hohe  alter  die» 
ser  grabschrift  folgt  erstens  aus  der  Verwendung-  grie- 
chischer Schrift  fflr  ein  oskisches  Sprachdenkmal,  welche 
auf  eine  zeit  hinweist,  ehe  in  Campanien,  Lucanien,  Brut- 
tium  und  ünteritalien  überhaupt  die  macht  und  der  ein- 
flofs  der  griechischen  städte  durch  die  eroberungen  der 
Samniten  gebrochen  wurde,  zweitens  aus  der  einnamigkeit 
des  verstorbenen  Virins,  während  die  Inschriften  späterer 
zeit  in  jenen  oshischen  Sprachgebieten  mindestens  zwei 
namen  von  einer  person  aufweisen,  den  vomamen  und  den 
familiennamen,  wie  z.  b.  in  der  benennung  des  samniti* 
sehen  censors  von  Bovianum  in  der  altoskischen  inschrift 
von  Pietrabbondante:  Aiieis  Maraieis  (Verf.  Z.  XI, 
403  f.  Fabr.  a.  o.  2873)  oder  drei  namen,  und  zwar  nach  der 
einheimischen  samn.*osk.  sitte  den  vornamen,  den  familienna- 
men und  dazu  den  Vatersnamen,  wie  schon  in  der  griechisch 
geschriebenen  alten  Mamertinerinschrift:  ^rsvig  Kali^ 
vig  ^TaTTitjigj  Maqag  TIo^inTiBg  NiVfiaStrjtg  (blo. 
s.  193,  XXXIX.  Fabr.  3963),  seltener  sogar  vier  namen,  näm- 
lich Vornamen,  familiennamen,  Vatersnamen  im  genitiv  und 
Zunamen  wie  in  der  altosk.  tempelinschrift  von  Bovianum 
Gn  .  Staffs  Mh  .  Tafidins  =  Gneius  Staius  Magii 
filius  Tafidinus(Verf.  Z.XI,363f.  Fabr.2872).  Momm- 
sen  setzt  daher  die  abfassung  der  grabschrift  von  Sorrento 
in  oskischer  spräche  mit  grieeh.  schrift  nach  griechischer 
sitte  und  mit  einnamiger  bezeicbnung  des  verstorbenen  in 


188  CorwMi 

das  älteste  Zeitalter  der  oskischen  Sprachdenkmäler,  die 
auf  uns  gekommen  sind,  von  dem  eindringen  der  Samni- 
ten  nach  Campanien  bis  zur  ausbreitung  der  römischen 
herrschaft  Ober  dieses  land,  also  etwa  von  421  bis  338 
vor  Chr.  (Mo.  s.  104.  106.  112).  Dieser  periode  gehören 
die  osk.  münzaufschriften  von  Uria,  AUifae  und  Phistelia 
an  (a.  o.  112.  200.  201).  Der  oskische  name  Vir-ine-is 
verhält  sich  zu  dem  familiennamen  osk.  Virr-li-s  der  blei* 
platte  von  Oapua  (Verf.  Z.  XI,  338f.  Pabr.  2749)  lat.  Virr- 
-iu-8  wie  Flamin-inu*8  zu  Flamin-iu-s.  In  Virr- 
-ii-s  röhrt  das  doppelte  r  lediglich  her  von  der  geschärf- 
ten ausspräche  des  consonanten  in  hochbetonter  silbe,  wie 
das  doppelte  consonantenzeichen  in  vielen  anderen  oski- 
schen-wortformen,  z.  b.  in  ekkum,  pokkapid,  triba- 
rakkiuf,  alttrei,  alttram,  JS'rami^tg,  mallom^ 
mallud,  Akudunniad,  dekmanniois,  kvaisstnr.  ESs 
ist  daher  unzweifelhaft  gerechtfertigt  Virri-ii-s  und  Vi r- 
-in-eis  vom  stamme  des  lateinischen  wertes  vir-  her* 
zuleiten,  wie  im  griechischen  die  eigennamen  l^vdQiagj 
jivSgBiay  !dv8Qivgf  'AvSgtxog^  jivSgiaxog^  Av'^ 
dglfov^  jiv8Q(av^  jivSgw^  AvSgaviSag  und  zahlreiche 
andre  vom  stamme  von  avi]Q  gebildet  sind.  Die  grab- 
Schrift  von  Sorrento,  obwohl  sie  nur  aus  einem  werte  be- 
steht, ist  besonders  deshalb  wichtig,  weil  sie  die  thatsache 
feststellt,  dals  die  Osker  von  Campanien  im  f&nften  bis 
vierten  Jahrhundert  vor  Christus  ihren  verstorbenen  grab* 
denkmäler  setzten  nach  griechischer  sitte  mit  griechischer 
Schrift;. 


altoakisehe  Sprachdenkmäler  in  griech.  sehrüt.  189 

2.    Die  grabschrift  von  Anzi. 


^nT£:o^ 

[AX^PHIA(P>:AK£iTrHA 

^EZQXBPAraA4A1E>AlAN> 


Der  hier  dargestellte  stein  ist  gefunden  bei  Anzi  in  Basi- 
licata,  dem  alten  Anxa  in  Lucanien,  am  abhänge  eines 
hügels  eine  halbe  miglie  vor  der  Stadt  in  sfldöstlicher  rich- 
tang,  wo  ihn  Mommsen  gesehen  und  ein  facsimile  abge- 
nommen hat  (onterit.  dialekte  taf.  XII,  36.  s.  191.  Fa- 
brctti,  Corp.  Inscr.  Italicar.  2903.  Tab.  LVI).  Er  sagt 
TOD  demselben,  a.  o. :  „dreieckiger  stein  rechts  1  palm,  links 
1|  palm,  unten  2  palm  2  zoll  lang,  mit  ungemein  tiefer 
schöner  Schrift  von  ziemlich  altem  Charakter;  am  unteren 
rande  ist  der  oberste  theil  eines  jugendlichen,  wie  es 
scheint,  männlichen  lockigen  kopfes  in  hohem  relief  noch 
erhalten.  Es  scheint  ein  fragment  einer  Aedicula  in  der 
art  vieler  capuanischen  grabsteine,  welche  oben  im  dreieck 
die  inschrift  und  auf  der  hauptfläche  zwischen  Säulen  die 
figar  des  verstorbenen  zeigen,  gewöhnlich  in  ganzer  ge* 
stalt,  wie  es  auch  hier  der  fall  gewesen  sein  muis^.  Der- 
artige grabsteine  von  Capua  sind  von  Mommsen  in  den 
Inscriptiones  Regni  Neapolitani  dargestellt  (n.  3791.  3815). 
Es  kann  also  nicht  zweifelhaft  sein,  dafs  in  dem  steine 
von  Anzi  ein  ähnlicher  grabstein  vorliegt  mit  griechischer 
inschrift  und  knnstdarstellung  eines  griechischen  meisters, 
falls  es  gelingt  die  oskischen  wortformen  der  inschrift  un- 
ter strenger  beobachtung  sonst  bekannter  gesetze  und 
eigenthflmliohkeiten   der  oskischen  lautlehre,  wortbiegung 


190  ConMA 

und  wortbildang  als  oskische  grabschrift  zu  deuten.  Die 
tbatfiache,  dafs  im  f&nften  bis  vierten  Jahrhundert  in  SOd- 
italien  oskische  grabscbriften  in  griechischer  schrift  abge- 
fafst  wurden,  ist  ja  schon  durch  die  grabschrift  von  Sor- 
rento  erwiesen. 

Grabsteine  in  der  form  des  spitzgiebels  eines  kleinen 
hauses  oder  tempels  mit  insehrift  und  kunstdarstellung  bil- 
deten die  Vorderseite  von  grabkammern  oder  beb&ltem  von 
aschentöpfen,  aschenkisten  und  grabumen,  mögen  diese 
behälter  nun  freistehend  gearbeitet  oder  in  die  wände  von 
Columbarien  eingelassen  sein  (Abeken,  Mittelitalien  s.  248. 
249.  251.  256.  257.  258.  259). 

Die  griechische  schrift  des  Steines  von  Anzi  weist  das 
dorisch  -  sicilisch  -  chalcidische  aiphabet  auf  (Momms.  unt. 
dial.  taf.  I).  Das  a  hat  die  Form  A  ^ie  in  der  Söldner- 
insehrift  von  Ischia,  die  vor  326  v.  Chr.  abgefafst  ist  (a.  o. 
8.  197  f.);  die  buchstaben  Q  und  H  sind  in  der  insehrift 
von  Anzi  bereits  gebräuchlich  wie  in  der  oskischen  in- 
sehrift der  Mamertiner  von  Messina  (a.  o.  s.  193),  während 
andere  oskische  inschriften  in  griechischer  schrifl  noch  E 
für  langes  Q  aufweisen  wie  die  insehrift  von  Fermo  in  dem 
namen  /.sgexXeig  (a.  o.  190)  und  0  fQr  langes  ö  wie  die 
aufschriften  von  Monteleone,  dem  alten  Vibo  in  Bruttium, 
die' in  die  zeit  zwischen  356  bis  193  v.Chr.  fallen,  in 
den  Schreibweisen  ^egCogsi  und  vaovriov  (a.  o.  191. 
192.  112  f.  Fabr.  3034.  3039).  Das  berechtigt  zu  keinen 
schlössen  über  die  Chronologie  dieser  inschriften,  da  das 
schwanken  zwischen  E  und  H  wie  zwischen  0  und  Q  im 
griechischen  schriftgebrauch  frühzeitig  angefangen  und  lange 
gedauert  hat.  Mit  der  wortabtheilung,  die  Mommsen  fast 
durchweg  richtig  erkannt  hat,  und  herstellung  einzelner 
verstümmelter  oder  ganz  weggebroohener  buchstaben  lautet 
die  insehrift  von  Anzi  folgendermafsen: 

IIa>T  ^okXoA  üiifA  aoQOjrtofi  tiv.  xanidinafji  KaAag 
Xsixsity  xwax^Qfji  kioxaxBit  ffjrafi  €öor  ßpatmfi 

Hfid  in  lateinische  schrift  Obertragen: 
Pot  vollobom  sorovom*  ein  .  kapiditom  Kahas 


altoskifche  flprachdenkmSler  in  griech.  sehrift  191, 

leikeit,  ko'acherei  liokakeit  svam  esot  bratom 

Meiaiana[i]. 

Dafs  der  griechische  Steinmetz  die  griechischeD  schrifl- 
zeichen  Q  und  H  nicht  immer  richtig  brauchte  ftlr  lange 
Tokale,  sondern  auch  unrichtig  ftlr  kurze,  ist  mit  Sicherheit 
XU  erweisen.  Die  form  xcd  —  ax^grn  ist,  wie  sich  weiter 
unten  herausstellen  wird,  eine  locativform  singularis  eines 
auf  -o  auslautenden  oskischen  wortstammes,  deren  auslau- 
tender diphthong  ei  in  griechischer  schrifl  durch  17»  be- 
zeichnet wird,  während  der  lautbestandtheil  e  desselben 
das  aus  ö  abgeschwächte  kurze  oskische  e  war.  Eben  die- 
ses kurze  e  des  oskischen  diphthongen  ei  wird  in  griechir 
scher  sehrift  falsch  durch  97  bezeichnet  in  den  oskischen 
genitivformen  von  o*stämmen  KoTTeitjig^  ^rattiTjeig, 
NiVßic3ii]ig  in  den  angefahrten  inschriften  von  Yibo  in 
Bruttium  und  von  Messina  (a.  o.  192. 193.  Fabr.  3035.3063). 
Vergleicht  man  ferner  nutz  der  Inschrift  youAnzi  mit  6<Tor, 
80  wird  man  nicht  anstehen  jene  Schreibweise  für  den  nom. 
acc.  sing,  neutr.  des  osk.  relativen  pronominalstammes  po- 
zn  halten,  der  auf  dem  Cippus  von  Abella  und  der  tafel 
▼on  Bantia  pod  geschrieben  wird,  yfieaaor  der  nom.  acc. 
sing,  neutr.  des  oskischen  demonstrativen  pronominalstam- 
mes eso-,  eiso-  in  esi-dum,  eiae-is,  eise-i  u.a.  (Ebel 
zeitschr.  II,  61;  Bugge  a.  o.  V,  2;  Verf.  a.  o.  XI,  324.  403. 
415)  ist,  dem  auf  dem  Cippus  von  Abella  die  neutrale 
ablativform  eisod  entspricht.  Dafs  auch  in  der  Mamer- 
tiner  inschrift  von  Messina  (o  falsch  für  ö  geschrieben  ist, 
zeigt  die  Schreibweise  twvto  fOr  das  oskische  wort  touto, 
nominativforih  des  Stammes  touta-,  tovta,  der  mit  ein- 
ÜLcher  Yokalsteigerung  von  wz.  tu-  gebildet  ist  (Verf.  aus- 
spr.  I,  371  f.  2ag.)  und  im  oskischen  munde  jedenfalls  kein 
langes  o  enthalten  haben  kann.  Also  thatsacfae  ist,  dafs 
in  der  vorliegenden  inschrift  von  Anzi  co  fälschlich  auch 
fbr  ö  geschrieben  ist,  dafs  man  mithin  berechtigt  ist  diese 
unrichtige  Verwendung  des  griechischen  schriftzeicbens  (o 
durch  einen  griechischen  Steinmetzen  auch  für  die  wort- 
formen j:oXXoß.(üfA^  aopo^wfij  xani3iT(0fAy  ßgattafA 
anzunehmen,   die  somit  ganz  das  ansehen  oskischer  accu** 


192  GonsflB 

sativformen  oder  neutraler  nominativformen  voll  ob  öm, 
soroYöm,  kapiditöm,  bratöm  gewinnen,  and  ala  solche 
sich  weiter  unten  mit  Sicherheit  herausstellen  werden.  Zu 
erwägen  bleibt  noch,  welche  bedeotung  das  schriftaseichen 
/  in  den  wortformen  ^o^Ao/cuic  und  Ka/.ag  hat  Eb 
bezeichnete  sicher  nicht  einen  aspirirten  gutturalen  laut, 
da  dieser  in  der  grabschrifl  von  Anzi  durch  x  ausgedruckt 
wird,  wie  die  wortform  xw^ax^Qf^i  zeigt;  es  bezeichnet  so 
sicher  den  blofsen  starken  hauch  wie  in  /.BQsxlBig  der 
weiheinschrift  von  Fermo  und  wie  Oberhaupt  in  der  grie- 
chischen Schrift.  Einen  blofsen  hauchlaut  h  zwischen  vo- 
kalen, die  getrennt  geschrieben  werden,  kennt  auch  der 
oskische  dialekt.  Im  umbrischen  wird  h  zur  bezeichniing 
des  langen  vokals  nach  dem  vokalzeichen  gesetzt,  und  c[aD0 
mehrfach  auch  noch  der  vokalbuchstabe  nach  h  wieder* 
holt;  h  bezeichnet  aber  auch  den  zwischen  zwei  getrennt  ge- 
sprochenen vokalen  wahrnehmbaren  hauchlaut,  der  mit  dem 
lautansatz  des  zweiten  vokals  ausgestoJQsen  wird  (AK.  umbr. 
sprachd.  I,  76 f.  Verf.  ausspr.  I,  16.  17.  2  ag.).  Denselben 
hauch  bezeichnet  das  griechische  schriftzeichen  h  h&ufig  in 
namensformen  des  messapischen  dialektes  wie  Klo/^ij 
KXaoß^iy  Aa^iavtg^  So)^  aSovag^  MoX3a/.iag^  Mol-- 
Sa/i^ai/-i^  Kika/,  laij^iy  TaoTtvaAiaija,^  Fgai/  ai/Li^ 
Ja^ifiai^t^  Ka^ageij^iy  Kga&SABiAif  IIXaxoQqhi^i^ 
MoQXiAi,  Ja^o/ovvij.  i  (Momms.  unterit.  dial.  8.74f.). 
Dieselbe  bedeutung  hat  der  buchstabe  h  in  der  Schreib- 
weise sp&tlateinischer  inschriften  der  römischen  provinzen 
Gallien  und  Germanien,  z.  b.  in  den  formen  Bomanehis, 
veteranehis,  Hamavehis,  Rumanehabns,  Lane«* 
hiabus,  Vesunahenis,  Vesuniahenis,  dihaconus, 
Bohetyus  (Verf.  ausspr.  I,  111.  2  ag.)«  Auch  in  der  äl- 
testen oskischen  Schrift  hat  das  schriftzeichen  h  dazu  ge- 
dient sowohl  die  länge  des  vokalischen  lautes  als  auch  den 
hauch  zwischen  zwei  getrennten  vokalen  zu  bezeichnen. 
Die  länge  des  diphthongen  au  bezeichnet  das  schriftzei- 
chen  ji  in  der  mit  griechischen  buchstaben  geschriebenen 
oskischen  au&chrift  einer  münze  des  apulischen  Au  Sen- 
ium: Av^vaxXi[vo fi] (llomms. eu o. B.  103.201;  J.Fried- 


iltotkiBche  spnchdflnkmller  in  grieeh.  schrift.  193 

Under,  die  osk.  münzen  s.  6.  Fahr  2923),  nnd  dann  ist  das 
laatseicben  v  des  diphthongen  a  v  nach  dem  /  wiederholt 
worden  in  ähnlicher  weise ,  wie  in  der  nmbr.  schrift  nadi 
dem  längeeeichen  h  das  schriftzeichen  des  vorhergehenden 
Tokals  nodi  einmal  gesetzt  worden  ist.  Eine  form  *Ava8- 
klo*,  die  ich  frfiher  annahm,  ist  nicht  erweislich,  die  an- 
nähme auch  überflüssig  (zeitschr.  XIII,  183).  Den  hauch 
zwischen  zwei  getrennt  gesprochenen  vokalen  bezeichnet 
der  bnohstabe  h  mehrfach  in  der  alterthQmlichen  schrift 
des  opferstatnts  von  Agnone,  eines  der  ältesten  nns  erhal- 
tenen Sprachdenkmäler,  wie  anderen  orts  zur  spräche  kom- 
men wird.  So  in  der  dritten  pers.  sing.  conj.  praes.  pass. 
saka-h-it-er  vom- yerbnm  saka*um,  fllr  saka-it-er 
verglichen  mit  den  formen  der  dritten  pers.  sing.  conj.  praes. 
aot.  sta-it  as  lat.  stet,  sta-iet  =:  lat.  Stent  (zeitschr. 
Xm,  247 f.  250f.)  tada-it  =>lat.  tendat  (zeitschr.  V,94f. 
252f.)  deiva-id  (Verf.  krit  beitr.  s.  392;  zeitschr.  XIII, 
250  f.)«  Den  hauch  zwischen  getrennt  gesprochenen  voka- 
len bezeicbjiet  oskisches  h  femer  in  der  dativform  pif-h- 
-ioi  in  der  Verbindung,  t.  Agn.  B,  15:  Diovef  pilhioi 
regature{s=lat.  Jovi  pio  rectori  (Momms.  a.o.  s.  129. 
287;  Verf  ausspr.  I,  448  f.  2ag.)  zu  vergleichen  mit  der 
sabelUschen  benennnng  einer  gottheit:  Regena  piaCerie 
Jovia  s=s  lat.  Regina  pia  Ceria  Jovia(yerf.  zeitschr. 
IX,  133. 150f.;  Ausspr.  a.  o.)  und  der  lateinischen:  Junoni 
piae(Ornt.  25,  1).  Der  oskisohen  Schreibweise  pif-h-ioi 
entsprechen  die  nmbrischen  pi-h-atu  =  lat.  pi-ato,  pi- 
-h-aii  ea  lat.  pi-avi,  pi-h-aner  =b  lat.  pi-andi,  pi- 
-h»az  ^  lat.pi-atu8  und  die  volskische  pi-h-om  ss 
lat«  pi-um  (Verf.  d.  Volscor.  ling.  p.  8  f.;  AK.  umbr. 
sprachd.  11,  412  f.),  während  die  altsabellische  inschrift  von 
Crecohio  die  formen  pio  es  lat.  pio  nnd  peien  =  lat. 
piaverunt  aufweist  (Verf.  zeitschr.  X,  1.  14.  21.  25).  Das 
gemeinsame  italische  grundwort  dieser  wortformen  pl-o- 
stammt  von  der  wurzel  pn-  „reinigen^,  ist  also  aus  pu-io 
entstanden,  und  die  nrsprflngliche  bedeutnng  „rein^  hat 
rieh  noch  erhalten  in  lateinischen  Verbindungen  wie  far 
piam,  sal  pium  nnd  in  der  sabellisohen  pio  bie  «s:  lat« 
Z«itaelir.  f.  Tgl.  ipraohf.  XVlll,  8.  13 


194  Consen 

pio  bove  (Verf.  krit.  bcitr.  s.  391  f.).  Die  länge  des  vo- 
kals  i  ist  in  der  oskischen  Schreibweise  pii*b-iol  durch  ii 
ausgedrQckt  wie  auch  sonst  (Verf.  ausspr.I,  17.  2  ag.).  So- 
mit ist  also  erwiesen,  dafs  in  altoskischen  Sprachdenkmä- 
lern h  wie  in  umbrischen  die  länge  des  vokalischen  lautes, 
nach  dem  es  folgt,  und  den  hauch  zwischen  zwei  getrennt 
gesprochenen  vokalen  bezeichnen  kann,  dafs  es  diese  or- 
thographische bedeutung  also  auch  in  den  geschriebenen 
wortformen  Ka/.ag  und  ^oIXoa  o>f^  der  grabschrift  von 
Anzi  haben  kann,  deren  bedeutung  weiter  unten  nachge- 
wiesen werden  wird. 

Nachdem  die  besonderheiten  der  schrift  und  Orthogra- 
phie erklärt  sind,  welche  der  grabschrift  von  Anzi  theil- 
weise  ein  fremdartiges,  von  andern  oskischen  sprachdeok- 
malern  abweichendes  aussehen  geben,  ist  der  weg  zur  deo- 
tung  der  inschrift  geebnet.  Da  mar  s=s  jfod  nom.  acc. 
sing,  neutr.  des  relativen  und  eaor  =  eisod  nom.  acc. 
sing,  neutr.  des  demonstrativen  pronomens  sind,  da  die  bei- 
den wortformen  Xbixbit  und  kioxaxsir  unzweifelhaft  als 
dritte  pers.  sing,  von  verbalformen  kenntlich  sind,  wie  schon 
Mommsen  gesehen  hat  (a.  o.  273);  da  die  form  bratom 
schon  in  anderen  oskischen  und  sabellischen  Sprachdenk- 
mälern als  nom.  acc.  sing,  eines  neutralen  nomen  der  o-de- 
klination  nachgewiesen  ist,  mag  dieselbe  nun  einem  latei- 
nischen parat  um  gleich  stehen,  wie  ich  bisher  mit  Bngge 
angenommen  habe  (zeitschr.  XV,  241.  247.  248.  250)  oder, 
wie  Stokes  neuerdings  aufgestellt  hat  und  sehr  ansprechend 
erscheint,  mit  Gall.  ßgarov-Se  (ex  voto?)  Ir.  br&th  ge- 
müth,  urtheil  zusammengehören  (Beitr.  z.  vergl.  sprachf.  V, 
342  anm.);  da  die  form  Ka/^ag  die  gestalt  des  nom.  sing, 
eines  oskischen  personennamens  hat,  wieTanas  einer  alt- 
samnitischen  inschrift  von  Aspromonte  (Momms.  a.  o.  s.  174, 
VIII.  Fabr.  2879)  und  Magag  der  Mamertinerinscbrift  von 
Messina  (a.  o.  s.  193,  XXXIX.  Fabr.  3063),  so  ist  klar, 
dais  die  inschrift  von  Anzi  aus  einem  relativen  vordersats 
und  demonstrativen  nachsatz  besteht,  dessen  gerippe  mit 
seinen  grundbestandtheilen  subjekt,  prädikat  und  objekt 
sich  folgendermaßen  darstellen  lä&t: 


•Itoakische  Sprachdenkmäler  in  griech.  schrift.  195 

ntMtt    —   Ka/ag  A<cx6ir   — ,    k^oxaxaiv  —  9(fot 
quod  —  Kahas  -it  — ,  -it  —  hoc 

ßQaXfOfA   .    .    — 

—  am  — 
Die  herleitung  der  aocusatiyform /9(>aT(u/i  =  bratom  von 
lat  parat  um  verwirft  Stokes  aus  dem  gründe,  weil  in  oak. 
em«*bratur  f&r  lat  im-perator  das  b  aus  p  durch  ein* 
flols  des  vorhergehenden  m  erweicht  sein  soll.  Das  ist 
aber  eine  unrichtige  annähme,  weil  m  in  den  altitalischen 
sprachen  einen  solchen  einflufs  niemals  ausübt,  ja  die  laut- 
Verbindung  mp  sogar  gesucht  wird,  wie  em-p-tu-s,sum- 
p-tu-s,  com*p-tu-B  u.a.  zeigen.  Stokes  hätte  vielmehr 
geltend  machen  sollen,  dafs  em-bratur  nur  das  zur  zeit 
des  bundesgenossenkrieges  in  das  oskische  übertragene  la^ 
teinisohe  wort  im-perator  ist,  dafs  in  demselben  das  e 
in  der  Wurzelsilbe  des  zweiten  gliedes  das  compositum  aus- 
gefallen ist  wie  in  osk.  me-mn-i-m  f&r  *me-men-io-m 
(Verf.  zeitschr.  XI,  358  f.)?  mithin  also  em-bratur  nicht 
beweisen  kann,  dafs  aus  einem  oskischen  einfachen  worte 
*paratom  das  wurzelhafte  a  geschwunden  ist.  FQr  Stokes 
gleichaetzung  des  osk.  ß^anafA  =  bratom  mit  gall.  ßga- 
Tov-  spricht  auiser  der  genauen  Übereinstimmung  der  bei- 
den wortformen  noch  die  thatsache^  dafs  die  bedeutung 
Votum  für  das  wort  ßXc  diejenigen  stellen  oskischer  und 
sabellischer  Sprachdenkmäler  passend  ist,  wo  brato-  vor- 
kommt; so  tab.  Baut.  67:  deivatud  —  siom  ioc  co- 
mono  mais  egmas  touticas  amnud  pan  pieisum 
brateis  auti  cadeis  amnud  —  pertumum  s=s  lat. 
iurato-,  se  ea  comitia  magis  rei  publicae  causa 
quam  alicuius  voti  aut  petiti  causa  —  perimere 
(Verf.  zeitschr.  XV,  249 f);  und  in  der  sabellischen  inschrift 
von  Navelli:  T.  Yeti  duno  didet  Herclo  Jovio; 
brat[a]  data.  =s  lat:  T.  Vettius  douum  dedidit 
Hercnli;  vota  data  [sunt]  (a.  o.  XV,  241f.  254).  Dafs 
in  der  vorliegenden  grabschrift  von.Anzi  bratom  das 
grabmal  als  ein  „gelobtes  ding^  bezeichnen  kann,  also  den 
sinn  des  lat  particip.  votum  hat,  wird  sich  im  weiteren 
laufe  dieser  Untersuchung  herausstellen.  Wie  im  nachsatz  die 

13* 


196  Corssen 

accusativform  ßgartafi  abhängt  von  dem  verbum  Xivxa- 
xeiT,  so  sind  unter  den  formen  des  Vordersatzes  /oX- 
Ao/ft)^,  aoQo^iOfi,  xaniSiTb)^  die  objectsaecusative fbr 
die  verbalform  Actxstr  zu  suchen,  und  zwar,  da  die  erste 
derselben  in  ihrer  endung  -oao^  von  den  beiden  folgen- 
den auf  '(ofi  abweicht,  so  hat  man  zunächst  in  diesen  bei- 
den die  objectsaccusative  zu  vermuthen.  Da  nachgewiesen 
ist,  dafs  das  cn  derselben  in  der  sohrift  des  steines  von 
Anzi  das  oskiscbe  kurze  o  bezeichnen  kann,  so  können 
sie,  in  die  lateinische  schrift  der  tafel  von  Bantia  über- 
tragen, sorovöm,  capiditum  lauten  und  unzweifelhaft 
accusativformen  des  siflgularis  von  o-stämmen  sein. 

Sie  sind  verbunden  durch  die  copula  6<i/,  die  schon 
Mommsen  als  dasselbe  wort  erkannt  hat,  wie  [Bivt]i^  in 
der  Mamertinerinschrift  von  Messina  (a.  o.  193.  195.264). 
In  der  oskischen  schrift  der  älteren  Sprachdenkmäler  hat 
diese  copula  mit  der  bedeutung  et  die  gestalt  inf  m  (Cipp. 
Abell.  a.  o.  264;  Verf.  zeitschr.  XI,  330),  in  jüngeren  pom- 
pejanischen  inschriften  mit  abfall  des  auslautenden  m  die 
form  ini,  ini  (Momms.  a.  o.  185,  XXIX,  a.  b;  zeitschr. 
n,  55);  die  tafel  von  Bantia  schreibt  in  im  (z.  6),  wo  das 
wort  vollständig  geschrieben  ist.  Dem  oskischen  binde- 
wort  in  im  entspricht  in  form  und  bedeutung  umbr.  enem 
„und%  und  neben  der  Schreibweise  [Bivs]ifi  desselben  er- 
scheint eine  umbrische  form  eine  mit  abfall  des  m,  wie 
osk.  ini  (AK.  umbr.  sprachd.  I,  136).  Das  si,  ei  dieeer 
formen  ist  entstanden  durch  vokalsteigerung  des  proDomi- 
nalstammes  i«,  wie  in  osk.  ei-se-is,  ei-se-i,  ei-so-d, 
e-sei,  e-si-dum,  e-ki-k,  e-ka-k,  skr.  e-na*m,  goth. 
ai-n-s,  griech.  oi-vo'-g,  lat.  oi-no,  umbr.  e-no-m  u.a. 
(Verf.  ausspr.  I,  386f.  2  ag.).  Da  der  buchstabe  h  im  os- 
kischen nur  den  kurzen  mittellaut  zwischen  i  nnd  e  be- 
zeichnet, so  folgt  daraus,  dafs  in  osk.  i-ni-m  wie  in  lat, 
e-ni-m  der  gesteigerte  laut  der  ersten  silbe  sich  wieder 
gekürzt  hat  (a.  o.  I,  387  f.).  Der  zweite  wurzelhafte  be- 
standtheil  von  i-ni-m  u.  a.  ist  der  pronominalstamm  na-, 
der  auch  in  na-m,  nu-m,  ne-m-pe  u.a.  auf  italischem 
Sprachboden  erscheint  (Verf.  krit  beitrage  s.  288 f.  290)- 


altoskiBche  spnehdenkmSler  in  griech.  Schrift.  197 

bt  die  Schreibweise  [ctyejiju  der  MamertiDeriDSchrift,  die 
uDsicber  überliefert  ist,  die  ächte,  dann  ist  das  schriftzei- 
cben  Bi  der  zweiten  silbe  zur  bezeicbnung  des  mittellautes 
zwischen  e  und  i  statt  des  oskischen  h  verwandt,  was 
begreiflich  ist,  da  der  Schreiber  derselben  i]  und  a>,  wie 
oben  nachgewiesen  ist,  auch  zur  bezeichnung  der  kurzen 
oskischen  vokale  e  und  ö  verwandt  hat,  also  die  quantität 
der  oskischen  vokale  in  seiner  griechischen  schrift  nicht 
genau  bezeichnete.  Man  würde  diese  auffassung  auch  fiir 
das  6$  der  ersten  silbe  von  [civejt/i  zulassen  müssen, 
wenn  nicht  die  zweimalige  Schreibweise  der  entsprechenden 
nmbriscben  form  eine  die  länge  des  durch  ei,  ei  bezeichne- 
ten lautes  hier  verbürgten.  Da  fbr  in  im  auf  der  tafel  von 
Bantia  neunmal  die  abgekürzt  geschriebene  form  in  er- 
scheint (Kirchhoff  stadtrecht  v.  Bantia  s.  5 f.),  so  ergiebt 
sich,  dafs  auch  die  Schreibweise  biv  der  grabschrifl  von 
Anzi  abgekürzt  ist  för  siv{if4)  oder  Biv{Bfi).  Da  auch 
der  Schreiber  dieser  inschrift  in  seiner  griechischen  schrifl 
die  quantität  der  oskischen  vokale  zum  theil  unrichtig  be- 
zeichnete, so  braucht  man  in  der  form  s-ao-t  derselben 
neben  e-sei,  e-si-du-m,  el-so-d,  ei-se-is,  ei-se-i 
(Verf.  zeitschr.  XI,  330)  nicht  nothwendig  Verkürzung  des 
vokals  der  ersten  silbe  anzunehmen  (Verf.  ausspr.  I,  387. 
2  ag.).  Da  die  inschrift  von  Anzi  zu  den  ältesten  oski- 
schen Sprachdenkmälern  gehört,  die  wir  kennen,  so  ist  diese 
annähme  sogar  nicht  glaublich. 

Die  beiden  accusativformen  sorovom  und  capidi- 
tom,  welche  durch  die  copula  ein  [im]  verbunden  und 
von  dem  verbum  des  Vordersatzes  abhängig  sind,  bezeich- 
nen nun,  nach  zahlreichen  lateinischen  grabschriften  zu 
schliefsen,  entweder  das  grabmal  selbst  oder  dinge,  die 
m  demselben  gehören,  in  die  grabkammer  oder  das  grab- 
hftaschen  hineingestellt  werden,  oder  beide  zusammen,  je- 
denfitlls  gegenstände,  die  deijenige,  welcher  das  denkmal 
setzt,  beschafit  und  weiht,  die  im  nachsatze  der  vorliegenden 
grabscbrift  mit  der  benennung  esot  bratom  zusammenge- 
fafotsind.  Die  oskische  bezeichnung  für  ein  „denkmal^  eines 
verstorbenen  ist  me-mn-i-m  entstanden  aus  *me-men- 


198  Consen 

-io-m,  am  nftchRten  verwandt  mit  lat.  me-min-i,  me- 
-men*to,  also  in  der  bedentung  dem  lateinischen  mon-n» 
-mentu-m  and  dem  spätlateinischen  me-mor-ia  «grab- 
denkmal^   entsprechend.     Das  wort  für  graburne,  abchen- 
topf  ist  oskisch  ola  ^  lat«  olla.     Daher  heifst  es  in  der 
fluchformel    der   bleiplatte  von  Capua:    Nep  deikum  nep 
fatium  potlad,  nep  memnim   nep  olam  sifei  heriiad  s= 
lat.:  Nee  dicere  nee  fari  possit  nee  monumentum  neo 
ollam  sibi  capiat  (Verf.  zeitschr.  XI,  338.  344f.  356f.  358f. 
360  f.)*     Die  lateinische  spräche  ist  sehr  reich  an  bezeich- 
nungen  fQr  „grabdenkmal^.     Neben  den  gebränchlichsten 
tumultts,  monumentam,  sepulcrum,  memoria  wird 
dasselbe  genannt  aedificium  (Or.  4519.  7321),  munimen- 
tam  (Or.  4561),  später  verwechselt  mit  monnmentum, 
Schach,  vok.  d.  vnlgl.  11, 137),  heroum  muneitnm  (Or. 
4531)  als  „festes  bauwerk«,  tectum  (Or.  7369)  als  „über- 
dachter bau",  arca  (0.  J.  Lat.  1109),  wenn  es  die  form  einer 
kiste  oder  trnhe,  a e  di c  u  1  a(Or.  4512. 4523),  wenn  es  die  form 
eines  kleinen  tempels  mit  spitzgiebel  hatte,  cnbicnlnm  (Or. 
H.  7361)  als  „rnhestätte^  des  verstorbenen,  sedes  (Or.4534) 
als  „Wohnsitz^,     domns    aeterna  (C:  J.  Lat.  I,  1008. 
1059)  als  „bleibende  behausnng^  desselben.     Daneben  er- 
scheinen die  griechischen  bezeichnungen  in  das  lateinische 
übertragen  wie  heroum  (Or.  4531)  eigentlich  „heldengrab^ 
mausoleum    spätlateinisch    häufig,    eigentlich   „grab  des 
Mausolos^,  königs  von  Karien,  coemeterium  „schlafstätte'* 
des  todten,  dieta  membrorum  (Or.  4509)  „todtenkam- 
mer,  beinhaus^  basilica  (Or.  7373),  wenn  das  grabmal 
die  form   der  basilika  hatte,    eepotaphium  (Or.  4514. 
4515),  wenn  es  von  einem  garten  umgeben  war.     Hierzu 
kommen  eine  ganze  anzahl  von  benennungen,  die  eigentlich 
adjectiva   waren,   zu    denen  ursprünglich  monumentum 
oder  sepulcrum  zu  ergänzen  war,  hergenommen  von  dem 
zweck  des  grabmals,  von  den  gegenständen,  mit  denen  es 
ähnlichkeit  hatte,  die  zu  ihm  gehörten  oder  die  es  enthielt. 
So    ward    das  grabmal    bezeichnet   durch    conditorium 
(Or.  2473)  und  conditivnm  (Or.  4511),  als  „herberge** 
destodten,  durch  adcnmbitorium  (Or,  4511),  als  „ruhe- 


altoskifche  Sprachdenkmäler  in  gpriech.  schrift.  199 

Stätte^, ebenso  durch  reqaietoriam(Or.4532;  Grat. 954,1. 
1030,  8),  als  armarium  (Or.4549),  wenn  es  einem  schranke 
glich,  and  colambarium  wurde  ganz  gewöhnlich  ein  grab- 
geoiach  genannt,  das  viele  grabkammern  oder  nischen  reihen* 
weise  über  einander  enthielt  und  somit  ähnlichkeit  mit  dem 
inneren  eines  taubenhauses  hatte,  wie  noch  heutigen  tages 
zu  ersehen  ist,  dann  auch  gelegentlich  eine  einzelne  jener 
grabkammern  (Or.  4544).  Ein  grabmal  heifst  vigiliarium 
( Or.  4557 ),  insofern  es  eine  statte  ist,  die  bewacht  wird, 
yiridiarium  (a.  o.),  insofern  es  im  ^grQnen^  lag  wie  ce- 
potaphium  ein  „gartendenkmal^  ossuarium  (Or.  4544. 
4556.  7368)  „beinhaus«,  cinerarium  (Or.  4544.  4358) 
„  aschenbeh&Iter  %  ollarium,  insofern  es  nicht  blofs  den 
aschentopf  enthielt,  sondern  daneben  auch  andere  krflge,  Ur- 
nen oder  vasen  (Or.4513:  ollae  sunt  numero  XXIII.  Or. 
4541:  ollarum  numero  XXII.  Or.  4544:  columbaria 
VIII,  ollae  XVI;  a.  o.:  columbaria  im,  ollas  VIII; 
a.  o.:  columbaria  numero  X,  ollarum  numero 
XXXX;  a.  o.:  ollas  ossuariasVII;  a.  o.:  ollas XIIX; 
a.  o.:  columbaria  numero  IV,  ollas  numero  VIII  et 
cinerarium),  die  theils  für  todtenfeste  und  den  dienst  der 
todtengottheiten  verwandt  wurden,  theils  zum  schmuck  und 
zierrath  des  grabmales  dienten. 

L&fst  sich  nun  nachweisen,  dafsdie  oskischen  formen 
soroYom  und  kapiditom  in  ähnlicher  weise  ein  grabmal 
bezeichnen  wie  das  eine  oder  das  andere  der  besprochenen 
lateinischen  Wörter,  dann  wird  die  deutung  der  vorliegenden 
inscbrifk  wesentlich  gefördert  sein.  Zu-soro-vo-m  hat 
man  zunächst  das  altgriechische  wort  aogo-^g  zu  verglei- 
chen, das  schon  bei  Homer  vorkommt,  wo  die  seele  des 
gefallenen  Patroklos  zum  Achilleus  spricht,  H.  XXIII,  91: 
wg  dixal  oaiia  vmv  OfAt]  aoQog  afitfixalwitoi  xQV<f^og 
ifA^KpoQBvg.  Die  scholien  bringen  zur  erklärung  von 
aofo-g  an  dieser  stelle  Xagvai  bei,  das  sich  an  einer  an- 
deren stelle  bei  Homer  findet,  wo  es  von  den  geb einen 
der  verbrannten  leiche  des  Hektor  heifst,  II.  XXIV,  795 : 
xai  Tciys  j^pi/a^/r/i'  kg  Xdqvaxa  &ijxav  iXovTBg.  Es  er- 
hellt also,  daia  aogo-g  an  der  ersten  stelle  einen  metallenen 


900  Oonsen 

doppelbenkeligen  krag  bedeutet,  in  welchem  die  koochen 
und  die  ascbe  des  verbrannten  leicbnams  beigesetzt  und 
bestattet  wurden,  also  genau  dasselbe  wie  lateinisch  olla 
ossuaria  (Or.  4544).  Das  griechische  wort  tsog^o^q 
stammt  von  wz.  aar-  „fest,  stark,  unversehrt  sein^,  von 
der  lat.  sar-te  heil,  vollständig,  sar-c-ire  heilen,  herstel- 
len, skr.  sar-va-8  vollständig,  ganz,  lat  sol-l-istimu-m 
das  heilste,  vollständigste,  sol-i-du-s  fest,  stark,  osk.  lat. 
sol-lu-8  ganz,  heil  u.  a.  abstammen  (Verf.  ausspr.  I,  485¥., 
2ag.).  2oQ-6^Q  bedeutet  den  aschenkrug  als  „festes^  ding, 
weil  er  die  todtengebeine  „unversehrt^  erhalten  soll,  wie  eol- 
-in-m  von  derselben  wurzel  „die  todtenkiste,  den  sarg^ 
und  arca,  verwandt  mit  arx,  arc-ere  u.  a.  (Curt  gr.  et. 
n.  7,  2.  a.)  „die  aschenkiste^  oder  „todtenlade^  als  „wah- 
rende, bewahrende^.  So  wird  ja  auch  das  ganze  grabmal 
munimentum,  heronm  muneitum,  arca  genannt,  weil 
es  ein  festes  gebäude  sein  soll,  in  welchem  die  gebeine  des 
todten  unversehrt  und  sicher  ruhen.  Dafs  das  oskische 
wort  soro-vo-m  mit  dem  griech.  cro^o-^  von  derselben 
Wurzel  stammen  kann,  ist  einleuchtend.  Man  könnte  den 
stamm  sor-o-vo-  unmittelbar  zusammenstellen  mit  akr. 
sar*va-  lat.  sal-vo-,  so  dafs  es  wie  diese  unmittelbar 
von  wz.  sar-  mittelst  des  suf&zes  -vo  gebildet,  und  das  o 
der  zweiten  silbe  durch  den  gewöhnlichen  osk.  vokaleinschub, 
durch  das  o  der  vorhergehenden  oder  der  folgenden  silbe 
hervorgerufen  wäre.  Aber  der  dem  skr.  sar- va-,  lat.  sal* 
-vo-  entsprechende  wortstamm  lautete  im  oskischen  mit 
vokaleinschub  sal-a-vo-,  wie  er  in  der  namensform  Sal- 
-a-v-s  =:=  lat.  Sal-v-iu-s  erscheint  (BuU.  Nap.  n.  5.  IV, 
105.  Verf.  zeitschr.  XI,  325,  wo  in  der  inschrift  a,  s.  3 
der  name  Salavs  beim  drucke  ausgelassen  ist,  Fabr.  a.  o. 
2761).  Auch  ein  sachlicher  grund  spricht  dafldr  das  osk. 
soro-vo-  von  dem  griech.  wort  aoQo-  abzuleiten.  Aus  dem 
griech.  in  das  osk.  übertragene  Wörter  und  namen  sind  ver- 
hältnifsmälsig  häufig:  so  thesavrom,  ^niXlowri^y 
Meelikiieis  (MBiXix^ov)^  Meliissai  (fieAiacra),  He* 
re.kleis  (Momms.  U.  D.  Gloss.  Grafsm.  zeitschr.  XVI,  103). 
Dafe  in  Italien  das  beisetzen  der  todten  mit  ganzem  on* 


altoflkiflche  spnchdenkniiler  in  griech.  schrift  301 

y«rbraiiBteD  leibe  die  ureprfiDgliche  udcI  einheimieche  sitte 
war,  beweisen  die  gr&ber  von  Caere,  Pyrgoi,  Alsium  und 
Cbiusi  in  Etrurien,  wie  die  Nurbagen  und  die  riesengräber 
Ton  Sardinien  and  die  einfachen  unterirdischen  steinkammem 
von  Samnium,  Campanien  und  Apulien  (Abeken,  Mittelita- 
lien, 8.  234  f.  251  f.  258).  Auch  die  älteren  grabm&ler  von 
Praeneste  bieten  nur  Sarkophage  zur  aufbewabrung  des 
leichnams  (C.  J.  Lat.  I,  28),  und  bei  den  Altesten  Römern 
war  das  Terbrennen  der  todten  nicht  sitte.  Beide  arten 
der  bestattung  bestanden  dann  neben  einander.  In  den 
gr&bern  Etruriens  finden  sich  sArge  neben  der  viel  gröAe- 
reo  zahl  von  aschenbebältern  (Fabr.  a.  o.  p.  XXIV  f.),  im 
grabmal  der  Furier  zu  Tusculum  Sarkophage  neben  aschea- 
krfiger  (C.  J.  Lat  I,  27).  Dafs  die  Scipionen  ihre  todten 
bis  zur  kaiserzeit  nicht  verbrannten,  haben  ihre  grabmäler 
bestätigt  (a.  o.  p.  11 ),  während  die  römischen  grAber  der 
Vigna  S.  Cesario  etwa  seit  dem  Zeitalter  der  Gracchen 
zahlreiche  aschentöpfe  aufweisen  (a.  o.  p.  200).  Die  sitte, 
den  leichnam  unversehrl^  zu  bestatten,  ist  auch  niemals  in 
Italien  ganz  abgekommen,  bis  sie  durch  die  Christen  wieder 
allgemein  gebrAuchlich  wurde.  Dais  Griechen  mit  ihren 
pflanzstAdten  auch  ihre  sitte  des  todtenverbrennens  nach 
Italien  verpflanzten,  daf&r  zeugen  die  zahlreichen  in  den 
grAbem  Etruriens  gefundenen  bemalten  thongeftfse  mit 
griechischen  mythologischen  darstellungeninalterthümiichem 
konststil.  Da  nun  auch  in  dem  grabstein  von  Anzi  uns 
die  giebelfront  eines  grabmak  mit  griechischer  schrift  und 
griechischer  kunstdarstellung  vorliegt,  so  ist  man  zu  der 
fidgernng  berechtigt,  dafs  das  oskische  wort  soro-vo-  auf 
demselben  weiter  gebildet  ist  von  dem  mit  der  griechi- 
schen spräche  und  schrift  nach  Lucanien  übertragenen 
griechischen  wort  cogo-  mit  dem  neutralen  suffix  «vo  wie 
im  lateinischen  Mener-va  mit  dem  femininen  sufiSz  -va, 
von  dem  alten  nomen  men-er-,  das  dem  skr.  man-as 
„geist,  sinn,  verstand^  entspricht  (Curt.  gr.  et.  n.429,  2ag.). 
Bbenso  ist  gebildet  acer-vu-s  von  einem  nominalstamme 
ac-er-  „schArfe,  spitze^,  verwandt  mit  ac-ie-s.  Wie 
Miner-va  die  „mit  geist  begabte^  göttin,  acer*vu-s  den 


902  Con86n 

haafen  ak  „mit  spitze  versehenes^  diog»  so  bezeichnet  os* 
kisch  soro-vo-m  das  grabmal  als  „mit  aschenkrug  ver- 
sehenes^ ding,  und  zu  diesem  ursprflDglichen  adjectivum 
ist  das  neutrale  oskiscbe  substantivum  memnim  „denkmal** 
zu  ergänzen  wie  zu  oll-ariu-ra  „mit  asohenkrug  versehe- 
nes^ ding  das  lat.  monumentum,  bis  osk.  soro-vo-m 
wie  lat.  oli-ariu-m  die  substantivische  und  verallgemeinerte 
bedeutung  ^grabkammer,  grabdenkmal^  erhielten.  Da  in- 
defs  griech.  aoQo-s  ausschliefslich  den  aschenkrug  bedeutet, 
der  die  gebeine  des  verstorbenen  enthält,  olla  jedes  gef&fs 
in  einem  grabe,  so  läfst  sich  die  bedeutung  von  sorovom 
am  passendsten  wiedergeben  durch  die  Übersetzung  cinera- 
rium  oder  ossuarium,  da  ollä  cinerariä  (ossuarift) 
praeditum  monumentum  zu  weitschichtig  ist. 

Das  oskische  wort  kapid-i-to-m  ist  eine  Weiterbil- 
dung vom  stamme  kapid-,  der  erhalten  ist  in  lat.  ca- 
pi(d)-8  „ henkelkrug ** ,  Varr.  L.  L.  V,  121.  M:  Quae  in 
ilia  (sc.  mensa  vinaria)  capis  et  minores  capulae  a  ca- 
piendo,  quod  ansatae,  ut  prehendi  possent,  id  est  capi. 
(Verf.  krit.  nachtr.  s.  295).  Dasselbe  wort  ist  umbrisch 
kapir-e  =  lat.  capid-e,  und  kapir-us  =  capid-ibus. 
Die  Verbindungen:  capif  sacra  aitu  =  lat.  oapid-es 
saoras  agito,  capif  purdita  dupla  aitu  =  lat,  ca- 
pides  porrectas  duplas  agito  beweisen,  dafs  umbr. 
oapir-  einen  beim  opfer  gebrauchten,  dargereichten  krag 
bedeutete,  mit  dem  man  eine  opferhandluDg  vornahm,  also 
einen  henkelkrug,  in  welchem  unter  andern  der  opferwein 
enthalten  war,  wie  lat.  capid-  (AK.  umbr.  sprachd.  II,  207 f. 
Verf.  d.  Volscor.  ling.  p.  20  f.)*  D^  oskische  wort  ka- 
pid*l-to-m  ist  von  dem  italischen  stamme  kapid-  ebenso 
weiter  gebildet  wie  die  lateinischen  adjective  vestl-tu-s, 
aurl-tu-s,  crinl-tu-s,  ignl-tu-s,  pellx-tu-s,  ratl«> 
tu-s,  turrl-tu-s,  art-ltu-s,  av-l-tu-s,  mell-l-tu-s, 
Cerr-l-tu-s,  patr-l-tus  u.  a.  von  den  stammen  vesti-, 
auri-,  crini-,  igni-,  pelli-,  rati-,  turri-,  arta-, 
avo-,  mell-,  Cerr-  (für  Cerer-),  pater-  (Pott|[et.  forsch. 
11,1010.  Verf.  krit.  beitr.  s.518.  Au8spr.I,304f.2ag),  indem 
von  diesen  nominalstämmen  zuerst  denominative  verba  der 


altoskiBclie  Sprachdenkmäler  in  griech.  echrift.  203 

i-oonjugation  gebildet  wurden  und  von  diesen  weiter  verbal- 
adjective  mit  dem  suffix  -to.  Osk.  kapid-l-to-m  bedeu- 
tet also  ein  ,,mit  henkelkrflgen  versehenes"  ding  wie  lat. 
crinl-tu-m  „mit  haaren  versehen",  turrl-tu-m  „mit 
thürmen  versehen".  Indem  zu  kapid-l-to-m  ursprünglich 
das  neutrale  memnim  ergänzt  wurde,  bedeutete  es  ein 
mit  henkelkrQgen  versehenes  grabgemach  wie  oU-ariu-m, 
zu  dem  monumentum  oder  sepulcrum  ergänzt  wurde, 
eine  mit  krfigen  ausgestattete  grabkammer,  bis  das  oskische 
wie  das  lateinische  wort  die  substantivische  und  allgemeine 
bedeutung  „grabgemach,  grabkammer"  erhielt.  Wie  in 
etrurischen  gräbern  sich  vielfach  bemalte  griechische  henkel- 
gefäfse,  amphoren  von  thon,  mit  darstellungen  der  griechi- 
schen mythologie  gefunden  haben  (Abeken  Mittelitalien, 
8.  256 f.),  so  ist  es  begreiflich,  dafs  das  lukanische  grab* 
tempelchen  von  Anzi  mit  seiner  griechischen  schrift  und 
dem  reliefbUde  des  verstorbenen  an  der  vorderen  giebel- 
seite  ebenfalls  eine  oder  mehrere  henkelgef&fse,  amphoren 
barg  und  daher  kapiditom  genannt  wurde. 

Somit  haben  sich  zwei  altoskische  benennungen  filr 
„grabgemach,  grabkammer"  herausgestellt,  sorovom  ei- 
gentlich „aschentopfstätte"  und  kapiditom  eigentlich 
„henkelkrugstätte",  jene  der  lateinischen  cinerarium  oder 
ossuarium,  diese  der  lateinischen  ollarium  entsprechend. 
Wie  in  der  oskischen  grabschrift  zwei  synonyme  Wörter 
filr  grabgemach  nebeneinander  vorkommen,  so  häufen  sich 
in  lateinischen  grabschriften  nicht  selten  die  ausdrücke  fbr 
grabdenkmal,  grabkammer,  grabgefHis;  so  heifst  es  Or. 
4358:  ollarum  et  cinerariorum,  Or.  4512:  haedicu- 
las  et  oUas,  Or.  4512:  aedibus  et  columbariis,  Or. 
4507:  aedificia — monumenti,  sive  sepulchrum  est, 
et  ollarum  quae  in  bis  aedificiis  insunt,  Or.  4509:  hör- 
tulum  maceria  cintum  cum  monimentis  et  dieta  mem- 
brorum  quinque  et  atriolo. 

Um  die  wortform  ^oAAo/ o>^,  vollohom  zu  deuten, 
hat  man  zunächst  zu  untersuchen,  welche  bedeutung  das 
schriftzeichen  h,  h  in  derselben  hat,  ob  es  zur  bezeich- 
Qung  der  vokallänge  eines  0  dient,  oder  zur  bezeichnung 


304  Coreson 

des  hauchlautes  zwischen  zwei  getrennt  gesprochenen  vo- 
kalen o,  die  verschiedenen  bestandtheiien  der  Wortbildung 
angehören.  Wenn  das  erstere  der  fall  wäre,  so  würde  der 
Steinmetz  dasselbe  vokalzeichen,  das  er  vor  dem  f.  geschrie- 
ben hatte,  auch  nach  demselben  gesetzt  haben,  also  o,  da 
ja  bei  der  im  oskischen  gewohnlichen  bezeichnung  der  vo* 
kaliänge  ein  und  dasselbe  vokalzeichen  doppelt  geschrieben 
wird.  Aus  dem  umstände,  dafs  vor  dem  /  ein  o,  hinge- 
gen nach  demselben  ein  cn  geschrieben  ist,  mufs  man  also 
folgern,  daüs  diese  beiden  verschiedenen  schriilzeichen  zwei 
getrennt  gesprochene  vokale  o  bezeichneten,  mithin  /  das 
zeichen  des  hauches  beim  lautansatz  des  zweiten  ist.  Dafs 
das  ft>  xn  joXXoß-ia\i  ebenso  wie  in  aogo^taii  und  xa- 
nidiTtafi  nach  der  Orthographie  der  vorliegenden  inschrift 
einen  kurzen  o-laut  bezeichnen  kann,  erhellt  aus  dem  oben 
gesagten.  Es  fragt  sich  nun  weiter,  welchen  verschiedenen 
wortbestandtheilen  die  beiden  getrennt  gesprochenen  vokale 
o  in  vollohom  angehören  können.  Man  könnte  vermu- 
then,  an  der  stelle  des  h  sei  ein  consonant  zwischen  den 
beiden  vokalen  ausgefallen.  Das  könnte  nach  sonstigen 
analogien  auf  italischem  sprachboden  nur  einer  der  beiden 
halb  vokale  v  oder  j  sein.  Aber  auch  f&r  den  ausfall  die- 
ser laute  findet  sich  im  bereich  der  älteren  Sprachdenk- 
mäler des  oskischen  dialektes  keine  spur,  und  da  die  grab- 
acbrift  von  Anzi  beide  gewahrt  hat  in  den  Wertformen  so- 
rovom  und  Meiaiana[i],  so  darf  man  nicht  voraussetzen, 
dafs  in  vollohom  ein  v  oder  j  zwischen  vokalen  ge- 
schwunden sei.  Ist  das  richtig,  dann  erhellt  also,  dafs  in 
vollo-h-om  sich  das  auslautende  o  eines  wortstammes 
voUo-  und  das  anlautende  o  eines  sufBxes  -om  berühren. 
Dafs  an  einen  auf  o  auslautenden  nominalstamm  ein  wort- 
bildendes sufHx  -o  getreten  wäre  und  sich  getrennt  neben 
demselben  erhalten  hätte,  ist  im  ganzen  bereiche  der  ver- 
wandten altitalischen  sprachen  durchaus  ohne  beispiel.  Man 
mufs  also  schliefsen,  dals  vollo-  ein  verbalstamm  ist  und 
-om  die  endung  eines  verbalnomens,  und  zwar  dasselbe 
sufBx,  das  im  oskischen,  umbrischen  und  volskischen  zur 
bildung  des  infinitivs  verwandt  wird.  Im  oskischen  ist  mis 


altoskische  sprAchdenkmiÜer  in  griecli.  schrift  905 

dieses  iDiinitivsufBx  bisher  nur  aus  jüngeren  sprachdenk- 
mftlern  bekannt  und  lautet  dort  stets  -um;  so  in  dem  in- 
finitiy  des  bilfsverbum  ez-um  ==»  lat.  esse,  yon  yerben, 
welche  im  lateinischen  der  dritten  conjugation  angehören, 
deren  stamme  also  ursprünglich  auf  kurzes  ä  auslauteten, 
das  sich  auf  italischem  sprachboden  zu  ö,  ü  oder  zu  e,  i 
geschwächt  hat:  ac-um  ^  lat.  agß-re,  deik-um,  deic- 
-um  =  lat.  dice-re,  a-ser-um  =  lat.  as-sere-re, 
pert-um-um  ^  per-ime-re,  von  auf  &  auslautenden 
verbalstämmen :  censä-um  =  lat.  censß-lre  und  moltfi 
-um  =s  lat.  multäre;  von  einem  auf  1  auslautenden  ver- 
balstamnie  fati-um  =  lat.  fatö-ri,  aber  mit  der  bedeu- 
tung  fari  (Momms.  U.  D.  Gloss.  Kircbh.  stadtr.  v.  Baut. 
s.  34.  5'3.  65f.  79f.  Verf.  zeitschr.  V,  107.  XI,  338.  344). 
Im  umbrischen  lautet  diese  infiuitivendung  in  den  älteren 
mit  umbrischer  (schrift  geschriebenen  Sprachdenkmälern 
-um,  in  den  jüngeren  lateinisch^fgeschriebenen  -om;  so  in 
er-u,  er-om  ^  lat.  esse,  a-fer-um  ^  lat.  *ambi- 
fer-re,  fa^i-u,  fap-u  =  lat.  facere,  a-seri-o  =  lat. 
ob-serva-re,  ai-u  =  lat.  al-re  (Fleckeis.  z.  krit.  altlat. 
dichterfr.  s.  6.  8;  Verf.|  ausspr.  I,  90,  2  ag.),  stiplo-  für 
*stipla-u  =  lat.  stipula-ri  (AK.  umbr.  sprachd.  1, 148). 
Im  Yolskischen  lautetr^dieselbe  infiuitivendung  auf  -om  aus 
in  fer-om  =  lat.  fer-re  (Verf.fd.  Volscor.  ling.  p.  9). 
Der  infinitiv  wurdet  also  in^'diesen  sprachen  gebildet,  in- 
dem ein  neutrales  suffix  -o  an  verbalstämme  jeder  art  trat, 
darunter  auch  an  solche,  die  auf  ä,  i  und  1  auslauteten, 
also  den  lateinischen  auf  ä,  l  und  &  der  ersten,  vierten 
und  zweiten  conjugation]  entsprachen.  '^«Dafs  es  aufser  die- 
sen denominativen  verben  im  lateinischen  auch  solche  ge- 
geben hat,  deren  stamm'  auf  o  auslautete  wie  die  griechi- 
schen auf  -O'Wy  habe  ich  schon  früher  aus  den  participien 
aegrö-tu-s  und  Nodö-tu-s  von  ehemaligen  verbalfor- 
men *aegrö-re,  nodö-re  geschlossen  (krit.  beitr.  s.  518. 
1863)  und  Curtius  hat  darauf  noch  mehr  spuren  dieser 
o-conjugation  im  lateinischen  aufgesucht,  unter  denen  na- 
mentlich cust-ö-(d)-8  von  einem  alten  verbum  *cu- 
8t5-re  nicht  zu  bezweifeln  ist  (über  die  spuren  einer  la- 


206  Consen 

teinisehen  o-conjogatioD.  Symbol.  Philol.  Bonn.  I,  p.  274 f.; 
vgl.  Verf.  ausspr.  I,  304.  355.  2  ag),  während  andere  abwei- 
chende erklftrnngen  zulassen  (Verf.  krit.  nachtr.  s.  146). 
Man  ist  hiemach  berechtigt  yoI16-h-om  Ar  eine  08- 
kische  infinitivform  der  o-conjngation  zu  erklären,  die 
griechischen  wie  (fTavqO'eiv  darin  entspricht,  dafs  sie 
vor  vocalischem  anlaut  des  infinitivsufSxes  kurzes  o  auf- 
weist. Diese  infinitivform  vollo-h-om  entspricht  dem 
lateinischen  yal]a-re  in  allen  wesentlichen  bestandtheilen 
des  wortstammes  ebenso  wie  das  griechische  yerbum  atav- 
QO-iiv  dem  lateinischen  -staura-re  in  in-staura-re, 
re-staura-re  (Verf.  ausspr.  I,  357.  2  ag.),  Val-1-a-re 
stammt  mit  val-Iu-m  „befestigung,  umfriedigung^,  val- 
-vo-lu-s  „hülle",  vol-va  „hülse",  skr.  var-anda-s  „be- 
deckter gang,  halle",  goth.  var-j-an  „schützen,  wahren, 
wehren",  ahd.  war-i  „schutzwehr,  brustwehr,  landwehr" 
u.  a.  von  WZ.  var-  „decken,  bergen,  schützen"  (Verf.  a.  o. 
459 f.  465 f.).  Osk.  vol-1-o-h-om  stammt  also  von  der- 
selben Wurzel  und  bedeutet  „festigen,  befestigen"  wie  lai 
vall-a-re.  Für  das  bauen  eines  festen  steinernen  grab- 
denkmals  brauchen  lateinische  grabschrifben  aufser  facere 
(Or.  4500.  4507.  4510.  4512.  4514.  4536.  4541. 4542),  per- 
ficere  (Or.  4531),  comparare  (Or.  4549.  4507.  4572), 
aedificare  (Or,  7372),  exstruere  (Or.  4519),  instru- 
ere  (Or.  7321),  auch  munire  (Or.  4531)  und  contegere 
(Or.  7373).  Also  ist  im  oskischen  f&r  den  bau  eines  fe- 
sten grabmals,  in  welchem  die  gebeine  des  verstorbenen 
sicher  und  ungestört  ruhen  sollen,  der  ausdruck:  vo Ho- 
hem sorovom  ein[im]  capiditom,  etymologisch  er- 
klärt: vallare  <foQ^  et  capide  praeditum  (sepul- 
crum),  eine  ebenso  natürliche  Sprechweise  wie  im  latei'* 
nischen:  munire  cinerarium  et  ollarium.  In  der  wei- 
ter unten  gegebenen  lateinischen  Übersetzung  der  ganzen 
grabschrift  von  Anzi  ist  vollohom  nur  deshalb  nicht  mit 
vallare  übersetzt,  weil  dieses  wort  in  dem  Sprachgebrauch 
lateinischer  grabschriften  f&r  das  bauen  eines  grabmals  nicht 
verwandt  wird  und  Überdies  den  schein  bieten  würde,  als 
solle  vollohom  so  viel  bedeuten  wie  maceria  cingere 


altoskische  sprachdenkmKler  in  griech.  achrift.  207 

(sepulcrum),  ein  grabmal  mit  einer  mauer  einscbliersen. 
Diesen  sinn  kann  aber  vollohom  nicht  gehabt  haben, 
weil  im  Vordersätze  der  grabschrift  ein  verbum  durch  den 
Zusammenhang  geboten  ist,  das  die  allgemeinere  bedeutung 
^fest  bauen^  hat,  wie  sieh  im  verlaufe  dieser  Untersuchung 
immer  klarer  herausstellen  wird. 

Der  infinitiv  vollohom  hängt  ab  von  A«ex€ir,  lei- 
keit,  dem  verbum  finitum  des  relativen  Vordersatzes  der 
mit  mar  =:  pot  beginnt.  Wie  lateinische  grabschriften  ver- 
balformen in  der  dritten  pers.  sing.  ind.  perf.  act.  enthalten, 
die  das  ,, darbieten,  bauen,  herstellen  oder  weihen^  des 
grabdenkmals  bedeuten,  so  hat  man  auch  in  leikeit  eine 
dritte  pers.  sing.  ind.  perf.  act.  zu  suchen  mit  einer  dieser 
bedeutungen.  Schon  Mommsen  hat  in  diesem  oskischen 
leikeit  eine  dem  lateinischen  licet  verwandte  verbalform 
vermuthet.  Ich  glaube  erwiesen  zu  haben,  dafs  lat.  por- 
-ric-ere  „darreichen^,  pol-lic-e-ri  „flör  sich  darreichen, 
versprechen**,  de-licare  „weihen,  widmen**,  lic-e-ri, 
lic-i-t-ari  „ftir  sich  bieten**,  lic- et  „ist  dargeboten,  ver- 
gönnt**, osk.  lik-i-tud  =:  lat.  lic-e-to,  ahd.  reihh-an 
„sich  erstrecken,  herbeireichen,  darreichen,  darbieten**,  nhd. 
reichten,  goth.  leih-v-an,  ahd.  llh-an,  von  einer  Wur- 
zel rik-  „sich  erstrecken,  ausdehnen,  hinreichen,  darrei- 
chen, darbieten**  abstammen  (Verf.  ansspr.  I,50lf.  2ag.).  Zu 
dieser  habe  ich  auch  bereits  die  altoskische  perfectform 
leik!-ei-t  gestellt.  In  derselben  ist  der  wurzelvokaH  zu  ei 
gesteigert,  wie  in  lat.  in-veid-i-t  und  zahlreichen  an- 
dern italischen  perfectformen  Steigerung  des  wurzelvokals 
eintritt  (a.  o.  I,  550  f.  557  f.).  In  der  gestaltung  des  bil- 
dungsvokals  des  italischen  perfects  entspricht  osk.  leik- 
ei-t  der  umbrischen  perfectform  tr€b-ei-t,  der  bedeutung 
nach  lat.  struxit  (a.  o.  I,  559  f.)  und  den  lateinischen  per- 
fectformen de-dei-t,  fuu-ei-t,  po-sed-ei-t,  red-i- 
-ei-t,  ob-i-ei-t,  ven-i-ei-t  (a.  o.  1,560.  608 f.  724 f.). 
In  diesen  und  anderen  italischen  perfectformen  bezeichnet 
das  schriftzeichen  ei,  ei  den  langen  mittellaut  zwischen 
dem  ursprünglichen  bildungsvokal  I  dieses  perfects  und  6, 
der  in  manchen  oskischen  und  lateinischen  formen  der  drit- 


208  Corisen 

ten  pers.  sing,  auch  zu  S  geworden  ist  (a.  o.  I,  609  —  620. 
816f.)*  Dft  Also  por-ric*ere  „darbieten^  bedeutet,  lic- 
-e-ri  ^för  sich  darbieten  %  pol-lic-e-ri  ^för  sich  dar^ 
bieten,  versprechen",  de-Iic-a-re  „weihen,  widmen**,  so 
ist  klar,  dafs  die  oskische  perfectform  leik-ei-t  die  be- 
deutung  „hat  dargeboten,  versprochen,  gelobt  oder  geweiht^ 
haben  konnte  ( a,  o.  I,  559 ),  und  daft  die  oskischen  worte 
leikeit  ,—  vollohom  sorovom  ein[im]  capiditom 
zu  übersetzen  sind:  pollicitus  est  —  exstrnere  cine- 
rarinm  et  ollarium.  Das  darbieten  oder  hergeben  eines 
grabdenkmals  oder  begräbnifsplatzes  wird  in  lateinischen 
grabscbriften  ausgedrückt  durch  die  verba  d  are  (Or.  4538. 
4539.4540),  don are  (Or.  4500),  adsignare  (Or.  4539), 
mancipio  dare  (Or.  4541),  concedere  (Or.  4553.  7323), 
iegare  (Or.  7330).  Es  ist  also  natürlich,  dafs  die  oski- 
sche grabschrift  von  Änzi  ein  verbum  mit  ähnlicher  be- 
deutung  enthält,  und  somit  ist  die  deutung  von  leikeit 
=  lat.  pol-licitns  est  in  jeder  beziehung  gerechtfertigt 

Diesem  verbum  des  relativen  Vordersatzes  entspricht 
im  naohsatz  A<oxcrxetr  =  liokakeit  als  verbum  finitum, 
von  dem  die  objectsaccusative  esot  bratom  abhängen,  das 
also  wie  jenes  die  dritte  pers.  sg.  ind.  perf.  act.  sein  mnis. 
Da  ein  diphthong  io  auf  italischem  sprachboden  durch  vo- 
kalsteigerung  nicht  möglich,  da  auch  nicht  ersichtlich  ist,  wie 
die  beiden  laute  i  und  oin  liokakeit  bestandtheile  zweier 
verschiedener  Wörter  sein  sollten,  die  durch  Wortzusammen- 
setzung in  berührung  gekommen  wären,  so  mufs  man 
schliefsen,  dafs  liokakeit  aus  *lokakeit  entstand  durch 
hinzutreten  eines  lautes  zu  dem  anlautenden  I,  der  in  grie- 
chischer Schrift  durch  I  bezeichnet  ist  und  weder  etymo- 
logisch bedeutsam  ist,  noch  der  Steigerung  des  vokals  o 
dient.  Ein  solcher  durch  I  bezeichneter  lautzuwachs  von 
consonanten  zeigt  sich  in  Sprachdenkmälern  mit  oskischer 
Schrift  in  tiurri  =  lat.  turrim  (Momms.  U.  D.  s.  302), 
eitiuvam,  eitiuvad  neben  eituas,  eituam  der  tafd 
von  Bantia,  sabell.  eituam  (Verf.  zeitschr.  IX,  153),  Ninm« 
sieis,  Niumeriis  neben  lat.  Numerius  (Momms.  a.  o. 
6.282),  Diumpais,  das  neben  latLumpheis  steht  wie 


OBkiflciie  BprachdrakmlUer  in  griech.  aehrift.  209 

osk.  Akudunniad  neben  lat.  Aqoilonia  (a.  o.  256.  246)9 
w&brend  in  Viibis,  liimito,  piiho,  Kiipiis,  Viinikiis, 
Meliissaii,  Piistiai  das  ii  wahrscheinlich  nur  die  be- 
zeichnung  eines  langen  nach  e  hinneigenden  lautes  I  ist 
(Verf.  ausspr.  I,  17,  2.  a.).  Im  volskischen  erscheint  ein 
durch  I  bezeichneter  lautanwuchs  des  vorhergehenden  con- 
sonanten  in  der  perfectform  sistiatiens  fSr  ^sistatens 
=85  lat.  statuerunt  (Verf.  d.  Volscor.  ling.  p.  5  f.).  Die 
entstehuug  des  iu,  ia,  ie  in  diesen  altitalischen  wortformen 
ist  bereits  verglichen  worden  mit  der  entstehung  des  ie  in 
betonter  silbe  aus  e  in  den  romanischen  sprachen,  z.  b.  in 
den  neapolitanischen  wortformen  lamiento,  mieza, 
pienza,  pulveriella,  tiene  (Momms.  a.  0.  313.  Schuoh. 
vok.  d.  vnlglat.  II,  328 f.).  Auf  dieselbe  weise  ist  io  an 
der  stelle  von  o  zu  erklären  in  liokakeit.  Also  den  con- 
sonanten  t,  d,  n,  1,  bei  deren  ausspräche  der  verschlufs  in 
der  mundhöble  zwischen  der  Zungenspitze  und  den  vorder- 
z&hnen  oder  dem  Zahnfleisch  unmittelbar  Ober  denselben 
gebildet  wurde,  gesellte  sich  ein  halbvokalischer  palataler 
dem  i  ähnlicher  nachklang  bei,  der  entstand,  indem  sich 
nach  lösung  jenes  verschlusses  der  mittlere  theil  der  zunge 
gegen  den  mittelgaumen  hob.  So  entstand  auch  in  den 
romanischen  sprachen  und  im  albanesischen  Ij  aus  einfachem 
1  (Schuch.  a.  o.  11,490).  Dieser  halbvokalische  palatale 
nachklang,  der  durch  dem  buchstaben  i  bezeichnet  wird, 
ist  ein  ähnlicher  lautzuwachs  der  dentalen  laute  in  den 
angeftihrten  oskischen  und  volskischen  wortformen,  wie  der 
dnrch  das  schriflzeichen  V  ausgedrückte  halbvokalische, 
dem  vokal  u  ähnliche  labiale  nachklang  der  gutturalen  te- 
nuis  im  lateinischen  laute  qu  (Verf.  ausspr.  I,  73.  75  f.  2  ag.) 
und  der  gleiche  lautzuwachs  des  g  in  wortformen  wie  stin- 
guere,  unguere,  linguere,  tinguere,  nrguere  u.a. 
(a.  o.  86  f.). 

För  die  etymologie  der  perfectform  liokakeit  fflr 
*lokakeit  in  der  oskischen  wortform  weist  der  gebrauch 
der  Wörter  locus,  collocare  in  lateinischen  grabschriften 
den  weg.  Der  begräbnifsplatz  heifst  ganz  gewöhnlich  ein- 
fach locus  (Or.  4498.  4503.  4517.  4539.  4562  u.a.)  und 

Zeitechr.  f.  vgl.  gprachf.  XVITI.  8.  14 


210  Consen,  oskisdM  spnchdenkniftler  in  griedi.  tehrift. 

mit  genauer  bestimmenden  zas&tzen  locom  terrae  (Or. 
4500),  locus  agrei  (Or.  4562),  locus  sepulturae  (Or. 
4502.4504),  locum  immortaiem  (Or.  7364),  locus  diis 
manibus  consecratus  (Or.  7345).  Das  zuweisen  und 
herrichten  des  begräbnifsplatzes  und  des  grabmales  wird 
ausgedrückt  durch  die  redeweiseu  coucessit  locum  (Or* 
4553),  loca  dua  concessa  (Or.  7323),  locum  adsig- 
nari  (Or.  4539),  comparavit  locum  (Or.  4566);  voaa 
beisetzen  des  leichnames  am  begräbuifsplatze  wird  gesagt 
corpore  conlocato  (Or.  4552).  Oben  ist  gezeigt  wor- 
den, dafs  leikeit  =  lat.  pol-licitus  est  vom  „darreichen, 
hergeben^  des  grabmales  für  den  verstorbenen  gesagt  ist; 
also  mufs  man  sohliefsen,  dafs  liokakeit  für  *lokakeit 
mit  dem  sinne  von  locavit,  collocavit  von  dem  „setzen^ 
desselben  auf  dem  begräbnifsplatze  zu  verstehen  ist.  Von 
aoristformen  oder  perfectformen  auf -xa  wie  griech.  if-i9i;- 
-xa,  rä-,  &ei*xa  ist  im  bereiche  der  lat.  spräche  und  der 
ihr  zunächst  verwandten  ital.  sprachen  keine  spur  zu  finden; 
also  kann  man  auch  nicht  in  osk.  liokakeit  eine  solche 
▼ermuthen.  Liok-ak-ei-t  flkr  ^lok-ak-ei-t  ist  vielmehr 
ein  compositum,  bestehend  aus  dem  stamme  osk.  loko-, 
lat.  loco-  und  der  3.  pers.  sing.  ind.  perf. -ak-ei-t  vom 
verbum  ak-um,  das  auf  der  tafel  von  Bantia  ac-um  lau- 
tet und  ag-ere  bedeutet  (Kirchh.  stadtr.  v.  Bant.  s.  15), 
indem  das  auslautende  o  des  Stammes  loko-  vor  dem  an- 
lautenden vokale  des  zweiten  compositionswortes  schwinden 
mufste.  Wörtlich  Obersetzt  bedeutet  also  liok-ak-ei-t  : 
locu-m  eg-i-t.  Diese  erklärung  wird  dadurch  noch  ein- 
leuchtender, dafs  die  lateinische  spräche  zahlreiche  compo- 
sita  aufweist,  deren  zweiter  compositionsbestandtheil  ein 
von  der  vnirzel  ag- in  ag-ere  abgeleitetes  wort  ist.  Solche 
sindaure-ax,  rem-ex,  aur-ig-a,  prod-ig-u-s,  rem- 
-ig-iu-m,  nav-ig-iu-m,  lev-ig-are,  mit-ig-are, 
gnar-ig-are,  pur-ig-are,  amb-äg-e-s,  farr-äg-o, 
im-äg-o,  or-lg-o,  rob-ig-o,  aer-üg-o,  lan-üg-o  n.  a. 
(Verf.  krit.  uachtr.  s.  60;  ausspr.  I,  577-  2  ag.). 
Berlin.  W.  Corssen. 

(Fortsetzung  folgt.) 


Max  HoUer,  Oeres.  211 

Ceres  *). 

Wie  vat  und  vas  dialectische  nebeoformen  sind,  so 
auch  at  und  as.  Sie  sind  nicht  auseinander,  sondern  ne- 
ben einander  entstanden,  und  der  gebrauch  hat  jeder  von 
ihnen  zuletzt  ihre  bleibende  stelle  angewiesen**).  In  der 
ältesten  Sprache  schwanken  manche  worte  noch  zwischen 
der  enduug  auf  as  und  at.  Von  ushäs  kennt  der  Rigveda 
nur  den  instr.  plun  ushadbhiA,  nie  ushobhi^.  (S.  anm.  zu 
Rt.  I,  6,  3).  In  der  inetaplastischeu  declination  der  stamme 
des  participiums  auf  vas,  nehmen  alle  pada-casus  das  suffix 
vat,  die  anga  und  bha-casus  das  snfBx  vas. 

Hiernach  halte  ich  CerSs,  Cereris,  flQr  eine  nebenform 
zu  skr.  iSaräd,  welche  im  sanskrit  «aras,  «aräsaA,  gelautet 
haben  würde.  Saräd  heifst  herbst,  d.  h.  die  reifende  oder 
kochende  Jahreszeit,  von  der  wurzel  sslt  oder  sri,  welche 
indische  grammatiker  in  den  erweiterten  formen  «rä,  «rai, 
9X1  anfahren,  von  welcher  aber  das  regelmäfsige  participium 
mta  lautet.  (Rv.  IX,  114,  4;  X,  16,  1;  2;  IX,  83,  I5  I, 
162,  10;  X,  27,  6;  VII,  18,  16).  Zu  derselben  wurzel  gehört 
das  lat.  calere,  während  die  causativform  «rap,  das  griech. 
xagaog^  frucht,  auch  das  deutsche  herbst  erklärt. 

Herr  professor  Grafs^ann  weist  in  seiner  schönen  ab- 
handlung  über  die  italischen  götternamen  (zeitschr.  XVI, 
175)  die  frühern  ableitungen  des  wortes  Ceres  von  der 
wurzel  kar,  oder  von  dem  sanskritischen  götternamen  Sri 
ab,  und  schlägt  statt  dessen,  namentlich  auf  oskische  formen 
gestützt,  eine  ableitung  von  der  wurzel  krish  vor.  Diese 
wurzel  bedeutet  aber  zu  entschieden  das  furchen  ziehn  oder 
pflügen,  um  auf  die  fruchtgöttin  zu  passen,  und  kommt  in 
der  technischen  bedeutung  des  ackerbaus  in  keiner  der 
nordarischen  sprachen  vor.  Das  deutsche  kar  st  paTst 
nicht  hierher,  und  gehört  wohl  zu  kehren. 

*)  Auf  den  wonach  des  verf.  ist  in  dieeeni  und  dem  folgenden  artikel 
•eine  transcription  des  sanskriUlpbabeU  beibehalten  worden,     anm.  d.  red. 

*♦)  Das  sufBx  at  vertritt  im  Veda  auch  das  sufßx  an,  z.  b.  ydvat,  Rv. 
X,  89,  8,  statt  yüva,  wie  bei  magbavan  und  maghavat.  Siehe  M.  M.  sau»> 
kritgrammatik,  §.  200. 


14* 


212  Max  MttUer 

Hephaestos. 

Professor  Kuhn  leitet  "Htfaiötüq  von  sabheja  ab,  wo- 
von der  Superlativ  sabbeyish/Aa  lauten  wQrde.  Es  bieten 
sich  dabei  zwei  bedenken.  Erstens,  wie  läfst  der  begriff 
sabheya,  häuslich,  eine  Steigerung  zu,  zweitens,  kann  ish/fta 
je  auf  das  taddhttasuffix  eya  folgen? 

Während  nun  sabbeya  als  beiwort  des  Agni  im  Veda 
nie  vorkommt,  so  erwähnt  professor  Kuhn  selbst  ein  im 
Veda  sehr  gebräuchliches  beiwort  des  Agni,  nämlich  yä- 
vishfAa,  der  jüngste,  und  da  prof.  Kuhn  dieses  yavish/^a 
nicht  zur  erklärung  von  i/ffaiaros  heranzieht,  so  darf  man 
wohl  schliefsen,  dafs  er  die  phonet.  Schwierigkeiten  för  un- 
überwindlich hielt.  Die  Schwierigkeiten  sind  nun  allerdings 
nicht  unbedeutend,  ich  glaube  aber  doch  sie  lassen  sich 
entfernen.  Wäre  rjcfaiaxoq  ganz  regelmäfsig  gebildet,  so 
wäre  es  eben  fQr  mythologische  zwecke  unbrauchbar  ge- 
wesen, denn  ganz  durchsichtige  und  verständliche  appella- 
tiva  werden  nur  selten  zu  trägern  mythologischer  ideen. 
Die  frage  ist  also,  war  eine  solche  bildung,  wenn  auch 
nicht  nach  streng  griechischer,  so  doch  nach  streng  arischer 
grammatik  zulässig,  und  dies  glaube  ich  mit  ja  beant- 
worten zu  können. 

Für  yüvan  haben  wir  die  nebenform  yavan,  die  theils 
im  Sanskrit  Superlativ  yavish^Aa,  theils  im  zend  yavan  her- 
vortritt. Hiervon  würde  ein  abstractum  im  sanskrit  yävyä 
lauten,  was  das  griechische  r^ß^j  ist. 

Die  nächste  frage  ist  nun,  ist  es  möglich,  dafs  das 
ursprüngliche  v,  welches  hier  durch  ß  vertreten,  jemals 
durch  (f  vertreten  werden  kann.  Es  ist  dies  eine  alte 
Streitfrage,  und,  so  weit  das  material  sich  jetzt  beurtheilen 
läfst,  darf  man  die  Vertretung  von  skr.  v  durch  cp  nur  mit 
gröfster  vorsieht  annehmen.  In  acfog  für  svas  steht  sie 
fest,  andere  fUle  (zeitschr.  VIII,  407)  sind  zweifelhaft. 
Andrerseits  ist  es  aber  nicht  richtig,  wenn  man  das  <jp  in 
acfOQ  als  durch  das  vorhergehende  a  bedingt  darstellt 
(Curtius,  grundzüge,  p.  530).  Denn  in  allen  andren  mit 
8v  anfangenden  werten  wird  v  nie  zu  </^,  und  auch  in  diesem 


Hephaeatoi.  213 

pronomiDalstainme  hat  es  sich  nur  dialectisch  neben  iog 
und  Ob*  erhalten.  Wir  dürfen  also  Vertretung  des  y  durch 
(p  nur  dialectisch  oder  local  annehmen,  und  da  götternamen 
oh  ihren  alterthOmlichen  und  localen  Ursprung  durch  dia* 
lectische  eigenthümlichkeiten  bethätigen ,  so  darf  17^77  be- 
dingungsweise als  nebenform  von  ijßtj  gelten. 

Dafs  in  gewissen  arischen  dialecten  das  sufBx  ista 
oder  ish^Aa  die  Wurzelsilbe  verstärkt^  hat  bereits  prof.  Kuhn 
nachgewiesen.  Von  dirgha  haben  wir  dräghiyas  und  drä- 
gishfAa,  von  sthüla,  sthaviyas  und  sthavishfAa,  von  yuTan, 
yaviyas  nnd  yavishf^a.  Geben  wir  fQr  yuvan  vriddhi  statt 
guna  zu,  so  wie  in  dräghish/Aa,  so  gewinnen  wir  *yä* 
vishiAa,  und  im  griechischen  tjqiarog, 

Giebt  es  nun  aber  in  irgend  einem  arischen  dialect 
einen  praecedenzfall  fQr  einen  Superlativ,  der  im  griechi- 
schen uns  rj^a^iOTog  statt  tjipiGTogj  der  jüngste,  gäbe?  Ich 
glaube  ja.  Im  zend  finden  wir  statt  sthavish^Aa,  «tävaesta, 
d.  h.  wir  finden  vriddhi  des  wurzelvocals,  wie  in  7J(fa$aTog^ 
und  beibehaltung  des  auslautenden  stammvocals  vor  dem 
snperlativsuffix  ista.  Nach  analogie  von  «tävaesta  könn- 
ten wir  von  yavan  ein  yävaesta  bilden,  und  dieses  bildet 
den  fernen,  aber  doch  noch  fafsbaren  hintergrund  zu  '^(fai- 
fSvog. 

Was  nun  yavisb^Aa  selbst  betrifft,  so  ist  es  ein  ste- 
hendes epitheton  des  Agui,  und,  so  viel  ich  weifs,  keines 
andren  gottes  im  Veda.  Viele  götter  werden  yüvan  ge- 
nannt, aber  Agni  allein  yavishfAa.  Die  stellen  sind  zahl- 
reich. Der  vocativ  findet  sich:  I,  22,  10;  26,  2;  141,  10; 
147,2;  189,4;  n,7,  I;  HI,  15,3;  19,  4;  IV,  2,  10;  13; 
4,6;  11;  12,  4;  V,  1,  10;  3,  11;  VI,  15,14;  48,8;  VH, 
1,3;  7,3;  VIII,  23,  28;  84,3;  X,  1,7;  2,1;  4,2;  45,9; 
69,  10;  80,  7;  87,  8;  als  adyudatta,  II,  6,  6.  Der  nomi- 
nativ,  I,  141,  4;  IV,  12,  3;  VI,  6,  2;  VII,  4,  2.  Der  accu- 
sativ,  1,44,  4;  VI,  5,  1;  VII,  3,  5;  10,  5;  12,  1 ;  X,20,  2. 
In  allen  diesen  stellen  bezieht  sich  yavish^Aa,  als  name 
oder  bei  wort,  auf  Agni,  nur  in  zwei  stellen  (I,  161,  1;  X, 
143,  2)  kommt  es  als  adjeotiv  und  ohne  beziehung  auf 
Agni  vor. 


214  Max  Midier 

Wie  sehr  y&vishfAa  zum  eigenDamen  Agni^s  wurde, 
zeigt  das  weiter  abgeleite  yavishfAya,  welches  ebenfalls 
eine  feststehende  bezeichnung  Agni's  ist.  Ais  vocativ :  Ry. 
I,  36,  15  (ädyudätta);  I,  36,  6;  44,6;  HI,  9,  6;  28,2; 
V,8,6;  VI,  16,  tl;  48,  7;  VH,  16,  10;  VIII,  60,  4; 
8;  75,3;  102,3;  20.    Als  accusativ,  V,  26,  7. 

Wie  bereits  bemerkt,  ist  der  positiv  von  yavishiAa 
sehr  häufig  auch  von  andern  göttern  gebraucht,  und  zwar 
bedeutet  es  überall  jung,  stark,  lebendig.  So  nennt  man 
Indra  Agkram  yüvänam,  den  nie  alternden,  den  jungen: 
III,  32,  7;  VI,  19,  2.  Er  heifst  yüv4  kÄviA,  I,  11,  4;  der 
junge  seber;  yüv&  säkhä,  VI,  45,  1 ;  VIII,  45,  1 ;  der  junge 
freund;  yüvä,  jung,  überhaupt,  11,16,1;  20,3;  VII, 20, 1; 
VIU,  21,  2.  Die  Maruts  heifsen  oflt  die  jungen,  die  leben- 
digen oder  frischen,  1,165,2;  167,6;  VIII,  20,  17;  18; 
auch  kAvaya*  yüv4na»,  V,  57,  8;  58,  3;  VI,  49,  11. 
Auch  ihre  schaar  heifst  die  junge,  wilde  schaar,  1,87,4; 
V,  61,13.     Aufserdem    gilt    dasselbe  beiwort   för  Rudra, 

V,  60,  5;  II,  33,  11 ;  ftr  Vanaspati,  III,  8,  4;  ßlr  Savitar, 

VI,  71,  1 ;  für  Soma,  IX,  14,  5  und  für  die  A«vins,  I,  117, 
14;  in,58,  7;  VII,  67, 10;  VI,  62, 4  etc.,  fär  ihre  doppel- 
ganger,  Miträ-Varufiau,  VII,  62,  5.  Vishnu  heifst  1, 155, 6, 
yüv4  Äkum4raA,  jung,  aber  kein  kind. 

Auf  Agni    angewandt    bedeutet    nun   yüvan  offenbar 
jung,  frisch,  lebendig,  sei  es  nun  das  lebendige  feuer  des 
altars  oder  das  ewig  neue  feuer  der  sonne.     So  heifst  es 
II,  4,  5 :  ^u^urvän  ykh  mühur  ä  yüvä  bhät 
Agni  der,  wenn  er  gealtert,  stets  wieder  jung  wird. 

I,  144,  4:  div&  na  naktam  palitäA  yüvä  a^ani 
Nachts  wie  am  tage  ward  er,  nachdem  er  ergraut,  jung 
geboren. 

Agni  heifst,  wie  Indra,  yüvä  käviÄ  III,  23,  1;  V,  1,  6;  45, 
9;  Vm,  44,  26;  und  einfach  yüvan  I,  12,  6;  IV,  1,  12.  In 
einer  stelle  finden  wir  in  demselben  verse  sowohl  den  po* 
sitiv  als  den  Superlativ. 

VI,  4,  1 :   huvä   vaft  sünüm  sähasaA  yüvänam  ädrogha» 
väAam  mati-bbiA  yävish/Aam 


Uephaestöfl.  215 

Ich  rafe  för  euch  den  ji^gen  söhn  der  kraft,  mit  liedern 
ihn  dessen  rede  untrüglich,  den  jüngsten. 
Sodann  lesen  wir 

VII,  4,  2:   akh  gritsa&  agniA  taruitaA  j;it  astu,  j&tah  ya- 

vishthsLh  a^anisbfa  mätüA 
Obgleich  noch  zart,  soll  Agni  doch  gescheit  sein,  da  er 
entsprofs  als  jüngster  seiner  muttcr. 
Hier  bedeutet  yiivishfAa,  der  jüngste,  gleichfalls  yoU 
Ton  Jugend,  toII  von  lebenskraft,  nicht  etwa  natu  mini- 
nins,  der  jüngste  oder  letzte  unter  den  göttem. 

Dafs  bei  den  Griechen  von  anbetung  des  feuers  und 
Verehrung  des  feuergottes,  wie  im  Veda,  nicht  die  rede 
sein  kann,  versteht  sich  von  selbst,  aber  der  elementare 
Untergrund  des  legendenhaft  gestalteten  Hephaestos,  kann 
darum  doch,  wenigstens  in  seinem  namen,  bewahrt  sein. 
(Siebe  Welcker,  griechische  götterlehre,  p.  659). 

Eine  ähnliche  etymologie  für  den  römischen  Vulcanus 
hatte  bereits  Schlegel  entdeckt,  der  es  vom  skr.  ulka,  feuer- 
brand,  ableitete.   Dieses  wort  findet  sich  auch  im  Veda,  und 
zwar  in  bezug  auf  die  funken  des  feuergottes, 
IV,  4,  2 :  asai/itditaA  vi  sriya  vishvak  ulkäA, 
Ungefesselt  streue  überall  hin  deine  funken  1 
Professor  Grafsmann  hat  auf  die  ursprünglichere  form  vari-- 
-as,  als  etymon  für  Vulcanus,  hingewiesen.     (Zeitschrift 
XVI,  164). 

Oxford,  Dovember  1868.  Max  Müller. 


216  Andrenen 


Die  ko8«iiamen  der  Germaneu.     Eine  stadie  von  dr.  Franc  Stark.  Wien, 
Tendier  1868.     8.     188  und  XII  Seiten. 

In  den  Sitzungsberichten  der  phiL-hist.  klasse  der  kais. 
akad.  d.  wiss.  (bd.  52.  53)  hatte  der  Terf.  seine  yieljährigen 
mObevoUen  und  grflndlichen  Untersuchungen  über  die  alten 
germanischen  kosenamen  zuerst  yeröffentlicht;  das  gegen- 
wärtige buch,  wie  im  Vorworte  gemeldet  wird,  enth&ltjene 
abhandlung  vollständig  umgearbeitet  und  reichlich  erwei- 
tert.  Von  Förstemanns  altdeutschem  namenbuche  will  es 
sich  mit  rOcksicht  auf  die  vor  allen  dingen  wichtige  er- 
keuntnis  und  Scheidung  der  wortstämme  grundsätzlich  ent- 
fernt halten,  will  somit  namentlich  eine  menge  etymologi- 
scher irrthümer,  welche  sich  vorzflglich  bei  der  Würdigung 
der  hypokoristischen  formen  dort  und  anderswo  kund  thun, 
hinwegräumen.  Als  nöthig  für  seinen  zweck  hat  es  der 
verf.  betrachtet  sehr  häufig  auf  keltische  namen,  denen  er 
überhaupt  eine  mehr  als  gewöhnliche  aufinerksamkeit  wid- 
met, zu  verweisen;  unter  den  heimischen  unhochdeutschen 
dialekten  ist  ihm  neben  dem  sächsischen  insonderheit  der 
friesische  eine  überaus  reiche  quelle  gewesen. 

Darnach  wie  die  deutschen  personennamen  in  den  Ur- 
kunden ihrer  form  nach  erscheinen,  nämlich  entweder  aas 
zwei  Wörtern  zusammengesetzt  oder  nur  aus  einem  gebil- 
det, ergibt  sich  die  vollkommen  zutreffende  eintheilung  al- 
ler kosenamen  in  zweistämmige  (Gerd t,  Tamm^  Wilm) 
und  einstämmige  (Benno,  Hein,  Wolf),  über  deren  ge- 
genseitiges Verhältnis  der  verf.  den  grundsatz,  welcher  seine 
schriflb  durchdringt,  schon  in  der  einleitung  dahin  aus- 
spricht: die  einfachen,  einstämmigen  namen  sind  Verkür- 
zungen der  zusammengesetzten.  Von  den  einstämmigen 
kosenamen,  die  aus  der  Zusammensetzung  nur  ein  wort  be- 
wahrt, das  andre  abgeworfen  haben,  handelt  die  erste  grö- 
fsere  hälfte  des  werkes;  in  der  zweiten  werden  die  zwei- 
stämmigen kosenamen  aufgeführt,  in  welchen  beide  theile 
des  zweigliedrigen  namens  vermöge  der  zusammenziehung 
bruchweise  vertreten  sind,  z.  b.  Thiemo,  Timmo  aus 
Thietmarus,    Bolf  =  Rodolfus.      Beide   klassen   von 


anseigen.  217 

Damen  sind  vielfachen  Veränderungen  unterworfen  durch 
neue  verkflrzungen ,  denen  auch  assimilation  und  gemina* 
tion  hinzutritt,  vornemlich  aber  durch  die  besondem  for« 
men  der  deminution.  Angehängt  sind  dem  buche  drei  ex- 
curse:  1)  Qber  zunamen,  2)  über  den  Ursprung  der  zusam- 
mengesetzten namen,  3)  über  besondere  friesische  namens- 
formen und  Verkürzungen. 

Gegenüber  einer  so  werth vollen,  auf  die  umfassend- 
sten Sprachkenntnisse  nicht  minder  als  auf  die  fleilsigste 
und  geschickteste  benutzung  der  quellen  gegründeten  ar- 
beit eröffiiet  sich  vermöge  der  roannigfaltigkeit  des  behan- 
delten Stoffes  und  nicht  geringen  Schwierigkeit  einiger  Sei- 
ten desselben,  zum  theil  auch  wegen  einer  gewissen  eigen- 
thümlichkeit  der  wissenschaftlichen  darlegung,  welche  sich 
in  einigen  wesentlichen  punkten  offenbart,  allerdings  ein 
überaus  reiches  feld  der  beurtheilung,  auf  dem  gleichwol 
beschränkuDg  auch  fßr  den  kundigsten,  geschweige  für  den, 
der  nicht  überall  selbständig  und  unabhängig  zu  forschen 
vermag,  pflicht  zu  sein  scheint. 

Den  nachtheil,  welcher  sich  durch  herbeiziehung  frem- 
der, namentlich  keltischer  demente  in  die  deutsche  Sprach- 
forschung geltend  macht,  hat  der  verf.  anzudeuten  nicht 
unterlassen;  von  gröJberer  bedeutuug  erscheint  es  ihm 
jedoch^  dals  erst  durch  erkexmtnis  und  Würdigung  der  kel- 
tischen namen  an  vielen  hundert  stellen  der  eine  oder  der 
andre  Ursprung  mit  Sicherheit  könne  nachgewiesen  werden, 
unterdessen  darf  man  es  wohl  beklagen,  dafs  nichts  desto 
weniger  ziemlich  häufig  des  Verfassers  immerhin  berech- 
tigte zweifei  über  germanische  oder  keltische  uationalität 
entgegentreten,  und  um  so  mehr  beklagen,  als  diese  zwei- 
fei in  der  regel  blofs  mitgetheilt,  nicht  begründet  werden; 
vgl.  8.22  not.,  24  Bucca,  Argimirus,  26  Bertram- 
nas,  Bechta,  27  Narduinus,  Nardo,  44  Sundo, 
49  Malo,  53  not.  5,  55  Sania,  Durius,  61  not.  2,  66 
not.  2,  70  Chriotger,  82  not.,  146. 

Die  frage  nach  dem  Verhältnis  der  einfachen  zu  den 
zusammengesetzten  namen  beantwortet  der  anfang  eines 
eigenen    sehr    anziehend  geschriebenen  excurses,    welcher 


218  Andresen 

von  der  entstehung  der  zusammengesetzten  namen  handelt. 
Hier  nach  wiederbolnng  des  satzes,  dafs  die  zweistämmi- 
gen namen  die  ursprünglichen,  die  einstämmigen  secundäre 
Bildungen  seien,  fiDgt  der  verf.  hinzu,  dafs  gleichwohl  in 
vorhistorischer  zeit  alle  personennamen  anfanglich  einfach 
gebildet,  die  zusammengesetzten  erst  allmählich,  jedoch 
noch  innerhalb  jener  periode  entstanden  zu  sein  scheineo. 
Wenn  es  mühe  macht  diesen  unterschied,  auf  den  sich  das 
umgekehrte  Verhältnis  der  beiden  namenklassen  und  ihrer 
Priorität  gründen  soll,  klar  zu  erkennen  und  aufzufassen, 
so  dürften  die  beispiele,  welche  zur  veranschaulichung  der 
ursprünglichen  namengebuog  dargeboten  werden,  der  deut- 
lichkeit  noch  geringeren  Vorschub  leisten.  Nachdem  aas 
den  Vorgängen  innerhalb  der  historischen  zeit  eine  ähn- 
liche namenbildung  in  der  vorhistorischen  zeit  gefolgert 
worden  ist,  heifst  es  beispielsweise:  „Hiefs  der  vater  Ebur, 
die  mutter  Swinda,  so  mochte  die  tochter  Eburs wind a, 
der  söhn  etwa  Swindebur  genannt  worden  sein^.  Das 
klingt  an  sich  ganz  gut  und  annehmlich,  aber  es  drängt 
sich  unwillkürlich  die  weit  wichtigere  frage  auf:  Sollen 
hier,  wo  ausdrücklich  von  vorhistorischer  zeit  die  rede  ist, 
Ebur,  Swinda  als  nicht  hlofs  scheinbar,  sondern  wirk- 
lieb  einfache  oder  aus  bereits  zusammengesetzten  gekürzte 
namen  gefafst  werden?  Der  Zusammenhang  spricht  für  die 
erstere  geltung,  mit  welcher  sich  indessen  nicht  leicht  ver- 
einigen läfst,  was  s.  1 57  ausdrücklich  aber  wieder  beispiels- 
weise von  Swinda  gelehrt  wird,  dafs  es  nämlich  keine 
ältere  bildung  sei  als  Irminswint,  sondern  einer  jünge- 
ren zeit  angehöre.  Soll  angenommen  werden,  dafs  Swinda 
der  vorhistorischen  periode  für  einen  einfachen,  Swinda  der 
historischen  zeit  für  einen  aus  Irminswint  oder  einer 
andern  gleichartigen  Zusammensetzung  gekürzten  namen  zu 
gelten  habe?  Eine  vollständig  befriedigende  antwort  auf 
die  frage  nach  dem  historischen  Verhältnis  der  beiden  nar 
menklassen  zu  einander  darf  nirgends,  daher  auch  in  die- 
sem buche  nicht  erwartet  werden;  ohne  zweifei  empfiehlt 
sich  Starks  ansieht  weit  mehr  als  die  von  ihm  bekämpfte. 
Aber  sollten  nicht  bei  den  einstämmig  auftretenden  namen 


anseigen.  219 

anterschiede  gemacht,  nameo  wie  Bruno,  Hugo,  deren 
der  verf.  Oberhaupt  nicht  erwähnt,  als  wirklich  einfache 
Damen  betrachtet  und  den  beigehörigen  Zusammensetzun- 
gen nicht  voran  aber  ebenbürtig  zur  seite  gestellt  werden 
dürfen? 

Wenn  man  es  bisher  beinahe  als  einen  grundsatz  hin- 
stellen zu  können  glaubte,  dafs  deutsche  personennamen 
im  gegensatze  zu  den  fremden,  welche  in  vertraulichem 
gebranche  vorzugsweise  ihres  ersten  theiles  verlustig  gehn, 
nur  hinten  abgekürzt  zu  werden  pflegen*);  so  liefert  die 
vorliegende  Sammlung  beispiele  des  entgegengesetzten  vor^ 
ganges,  den  der  verf.  gleichwohl  ausdrücklich  als  aus- 
nähme betrachtet  wissen  will,  in  hinreichend  beglaubigter 
menge.  Eben  dahin  habe  ich  von  jeher  Nöldeke,  ]Söl- 
dechen  gerechnet  (aus  Arnold),  vermag  jedoch  diese 
namen  urkundlich  nicht  nachzuweisen,  halte  sie  vielmehr 
fftr  spät  gebildet;  aufs  haar  gleichen  sie  dem  s.  134  ver- 
einzelt stehenden  aber  vollkommen  gesicherten  Nardus 
=  Eginardus. 

Es  ist  bemerkenswerth ,  dafs  die  namen  auf  -man, 
welche  doch  auch  zu  den  kosenamen  gezählt  zu  werden 
pfl^en**),  keinerlei  berücksichtigung  gefunden  haben.  Wahr- 
scheinlich spricht  ihnen  allen  der  verf.  hypokoristische  be- 
deutong  ab,  obgleich  sich  fragen  läfst,  ob  namen  wie 
Güntzmann,  Thideman,  welche  früh  genug  begegnen 
um  aufgenommen  zu  werden,  in  andrer  weise  zu  verstehn 
seien***).  Auf  jeden  fall  war  es  von  bedeutung  und  in- 
teresee  zu  erfahren,  wie  ein  so  hervorragender  Sammler 
über  solche  namen,  deren  er  sich  in  demselben  umfange 
wie  aller  übrigen  wird  bemächtigt  haben,  zu  urtheilen  ver« 
mag.  Mit  noch  mehr  grund  vielleicht  dürften  formen  auf 
-scb  (Dietsch,  Fritsch,  Göttsch,  Hinsch,  Nitsch) 
vermifst  werden,  deren  manche  dasselbe  alter  haben,  dem 
andre  herbeigezogene  namen  anheimfallen. 

*)  Tgl.  Grimm  gramm.  III,  690.     W.  Wackernagel  umdeutsch.  82. 

**)  vgl.  Fr.  Becker  im  progr.  Basel  1864  s.  17.  Weinhold  die  perso- 
nennamen des  Kieler  stadtbuchs  1866  s.  10. 

***)  vergl.  Oone  Onsteman  s.  170.  In  Kappe Iman  s.  182  erkennt 
der  verf.  Kappe  =s  Kampe. 


220  AndreMD 

Mit  beziebung  auf  die  oft  sebr  scbwierige  und  swei* 
feihafte  erkläning  der  einzelneD  kosenameD  aus  den  ibnen 
zu  gründe  liegenden  zusammengesetzten  formen  bat  es  der 
verf.  unterlassen  dem  leser  die  stufen  der  glaubwQrdigkeit, 
sei  es  durcb  eine  einleitende  aUgemeinere  bemerkung  oder 
durch  besondere  zusätze,  deutlich  zum  bewustsein  zu  brin- 
gen. Wenn  Lflbben  in  Haupts  zcitschr.  X,  299,  wo  er 
bypokoristische  formen  aus  dem  friesischen  vorf&hrt,  sich 
zu  der  angemessenen  mittheilung  veranlafst  siebt,  dafs  er 
in  den  Urkunden  auf  keine  fingerzeige  gestofsen  sei,  etwa 
auf  ein  „qni  et  dictus^  oder  ähnliches;  was  er  gefunden, 
habe  er  theils  aus  dem  heutigen  gebrauche,  theils  aus  ana- 
logie  erschlossen:  so  unterrichtet  uns  Stark  am  Schlüsse 
seiner  einleitung  blofs  mit  den  Worten,  dafs  er  in  hinrei* 
chender  zahl  beispiele  gefunden  habe,  welche  den  vollen 
und  verkürzten  namen  einer  und  derselben  person  nach- 
weisen und  endgiltige  folgerungen  gestatten.  Dieser  nacfa- 
weis,  soll  er  als  voUst&ndig  gesichert  und  beglaubigt  gel- 
ten, betrifft  doch  in  der  that,  wie  nicht  anders  zu  erwar- 
ten steht,  eine  verhältnifsmäfsig  sehr  geringe  anzahl  von 
namen*);  h&ufiger  wird  ein  zweifei  angedeutet  oder  aas- 
gesprochen und  bisweilen  sorgfältig  begründet*'^);  über- 
wiegend jedoch  findet  man  den  vollen  namen  dem  ver» 
kflrzten  ohne  weiteres  beigescbrieben,  und  es  f&llt  nun  die 
prafung,  welche  der  Verfasser,  vorausgesetzt  dafs  es  ihrer 
bedarf,  mit  viel  geringerer  mühe  hätte  fibernehmen  kön- 
nen, dem  leser  zu.  Freilich  in  den  meisten  ftUeo  darf 
man  einem  so  kundigen  und  geschickten,  dabei  vorsich- 
tigen und  gewissenhaften  f&hrer  getrost  folgen;  aber  im- 
mer bleibt  es  wfinscbenswerth  genau  davon  unterrichtet  zu 
sein,  ob  dieser  ffihrer  bestimmt  und  unwiderleglich  zu  be- 
weisen   oder    blofs  treffend  und  annehmlich  zu  schlieisen 


*)  Qrimizo  =s  Theadgrim  14,  Eda  =  £&dvine  16,  Sicco  = 
Sifrid  20,  Bucco  sr  Bnrchard  24,  Atto  =  Adelbert  40,  Weselo 
=  Wernher  98,  Lampe  ssaLambert  124,  Aleffssa  Adolf  189,  Fick 
sss  Friderich  186. 

**)  Einmal  erstreckt  er  sich  gleichm&fsig  über  eine  menge  mit  s  gebil- 
deter deminntiya  aaf  mehr  als  drei  Seiten  (86  fg.). 


anzeigen.  231 

vermag.  Wenn  Lfibben  a.  a.  o.  mit  deutlichster  iinterschei- 
dong  lehrt,  dafs  Ficko  aus  Friderich  urkundlich  ge- 
kürzt erscheine  und  darnach  auch  wohl  Focko,  Hicko, 
Ucko  als  hypokoristische  formen  von  Folchart,  Hil- 
derich,  Ulrich  anzusehen  seien;  so  fQhrt  Stark  diese 
selben  ableitungen  so  auf,  dafs  sie  der  leser,  welcher  in 
dergleichen  Untersuchungen  nicht  eben  bewandert  ist,  fOr 
historisch  ausdrücklich  beglaubigt  anzusehn  leicht  veran- 
lagt wird.  Ferner  bemerkt  der  verf.  in  der  einleitung  zu 
den  zweistfimmigrn  kosenamen  s.  103,  dafs  er  nur  solche 
zusammengezogene  namen  benutzt  habe,  deren  volle  for- 
men urkundlich  überliefert  seien.  In  diesen  worten  kann 
doch  nur  liegen:  die  zusammengezogene  und  die  von  dem 
verf.  zu  gründe  gelegte  volle  form  sind  urkundlich  gesi- 
chert; keineswegs  erstreckt  sich,  wie  man  im  ersten  augen- 
blicke  zu  verstehen  geneigt  sein  köonte,  die  Versicherung 
auch  auf  eine  historische  beglanbigung  des  Zusammen- 
hangs dieser  beiden  formen.  Einmal  finde  ich  die  durch 
ein  in  der  alten  quelle  zwischengesetztes  „sive^,  wie  sich 
annehmen  läfst,  bestens  verbürgte  identitfit  des  gekürzten 
ond  des  vollen  namens  nicht  ausdrücklich  hervorgehoben; 
mindestens  verzeichnet  Förstemann  775:  „Immo  sive  Ir- 
minfrid%  während  sich  Stark«  (24)  zu  derselben  stelle 
mit  „Immo  =  Irminfridus^  begnügt. 

In  der  höchst  dankenswerthen  und  lehrreichen  rück- 
schau  über  die  einstämmigen  kosenamen  (95  fg.),  wo  sich, 
nebenbei  bemerkt,  die  vermuthung  fast  bis  zur  gewiisheit 
geltend  macht,  dafs  die  deminution  ein  der  blofsen  Verkür- 
zung nachfolgender  Vorgang  gewesen  sei,  wird  dreimal 
auch  ableitendes  d  genannt,  ohne  dafs  dieses  ausdrucks  in 
der  abhandlung  selbst  noch  auch  im  Sachregister  erwäh- 
QUDg  geschieht.  Namen  dieser  art  finden  sich  s.  58  not.  2. 
Mag  immerhin  einsieht  in  das  angedeutete  Verhältnis  dem 
unterrichteten  und  erfahrenen  leser  zugetraut  werden,  so 
erfordert  doch  auch  eine  so  streng  wissenschaftliche  arbeit 
wie  die  vorliegende,  ja  in  gewisser  hinsieht  sogar  in  hö- 
herem grade,  deutlichkeit  und  Ordnung.  Diese  durften  in 
dem    gegebenen    falle    vorzüglich    auch    insofern    vermifst 


222  Andresen 

werden,  als  in  derselben  rQckscbau  und  zwar  auf  der  nftchai- 
folgcnden  seite  die  bezeicbnnng  ,,ableitnngen  mit  t  (gotb.  d)^ 
gebraucht  wird;  wossa  stimmt,  dafs  das  register  s.  191  mit 
bezug  auf  s.  146  der  abhandlung,  wo  der  einzige  name 
Albito*)  verzeichnet  uteht,  sich  desselben  ausdrucks  be* 
dient.  Ferner  enthält  das  register  zu  s.  56  eingeklammert 
die  friesische  deminution  ts,  st,  je,  tje;  an  der  betreffen- 
den stelle  der  abhandlung  aber  sieht  man  blofs  den  namen 
Eggest,  und  obwohl  andere  namen  solcher  art  später  fol- 
gen sollen,  fahrt  doch  das  buch  eine  selbständige  behand- 
lung  derselben  nirgends  vor.  Zwar  stehn  ihrer  mehrere 
8.  74  (wovon  diesmal  das  register  nichts  meldet),  aber  ans 
den  Sammlungen  anderer  entlehnt;  bei  namen  auf  -je, 
welche  hier  und  schon  früher,  kaum  später  begegnen,  wird 
durchweg,  wenn  ich  mich  recht  umgesehen  habe,  auf  Ru- 
prechts Programm  (Hildesh.  1864)  verwiesen:  Taatje, 
Wardje  70,  Wemje  71,  Oetje,  Eltje  72,  Goetje, 
Hieltje  73,  Schwantje,  Altje,  Geertje,  Ihntje, 
Lttitje,  Mentje,  Nantje,  Ontje,  Suntje  74. 

Wer  das  vorliegende  buch  fleifsig  durchmustert^  wird 
einer  Qberraschend  grofsen  menge  von  formen  gewahr,  de- 
nen heutige  familiennamen  begegnen.  Wenn  dies  bei  be- 
kannteren namen,  deren  erklärung  auf  der  band  liegt  oder 
doch  leicht  gewonnen  werden  kann ,  nichts  zu  bedeuten 
hat,  so  gewähren  dagegen  andere  fälle  ein  ganz  besonderes 
interesse,  und  es  hätte  sich  gewifs  der  kleinen  möhe  ver- 
lohnt, dafs  eine  weit  gröfsere  anzahl  unserer  heutigen  ge- 
schlechtsnamen  verglichen  wäre,  deren  wahrer  Ursprung 
schwerlich  im  allgemeinen  so  bekannt  sein  dQrfle,  als  dafs 
W  ei  gel,  woran  der  verf.  s.  56  zu  erinnern  nicht  vermieden 
hat,  älterem  Wigel  entspricht.  Folgende  namen  z.  b., 
mit  denen  schon  manchmal  sehr  unvorsichtig  und  verkehrt 
umgegangen  worden  ist,  finden  hier  ihre  blofs  stillschwei- 
gende erklärung:  Vack  28,  Ihne  63,  Sello  67,  Ranke  71, 

*)  In  einer  note  wird  dazu  Hubetho  =  Hubertus  verglichen,  welcher 
HAine  an  Gebetho  s=Gebehardu8  s.  68  erinnert,  beide  aber  zugleich  an 
Egbeth,  Arneth  n.  a.,  deren  dentalauslaut  der  verf.  aU  zum  Btarame  ge- 
hörig betrachtet. 


anzeigen.  28S 

Sandrat  83,  Pertz,  Bonitz  87,  Betzel  93,  Hipp 
118.  128,  LQbbe,  Nobbe,  Wöbbe,  Wübbe  119.  128. 
129,  Seibt  136,  Abeken,  Kopke  144,  LObke,  Wöbcke 
145,  Bening  171,  Wohlers  183,  Sibbern,  Dibbern 
187.  Ausdrücklich  dagegen  macht  das  buch  auf  einige 
im  allgemeinen  wohl  viel  weniger  bekannte  heutige  ge- 
schlecbtSDamen  meist  aus  Österreichischem  gebiete  aufmerk- 
sam, vermuthlich  in  der  absieht  zu  zeigen,  dafs  alte  mehr 
oder  minder  ungeläafige  namensformen  von  zum  theil  etwas 
zweifelhaftem  Ursprünge  noch  nicht  verklungen  seien,  z.  b. 
Struntz  77,  Luntz83,  Streinz  und  Strenn  85,  Bunz 
87,  Lumbe  113,  Baming  116,  Zippe  119.  Schwerlich 
indessen  entspricht  das  heutige  deminutiv  Röckl,  wie 
B.  91  vorföhrt,  einem  alten  Rudikilo,  sondern  wird  mit 
Stöckl,  Zöpfl  und  dergleichen  handgreiflichen  namen 
ZD  vergleichen  sein.  Und  hei  Spatz  dürfte  wohl  weniger 
an  abd.  Spatizo  (8.81),  obgleich  das  Verhältnis  der  for- 
men nichts  vermissen  läfst,  als  an  Sperling  und  Lüning 
gedacht  werden.  Für  die  erklärung  des  familiennamens 
Dulk  kann  der  namc  Gosen  von  Dulk  =  Goswinus 
^  Dnlchius  a.  1463,  der  sich  s.  130  zu  anderem  zwecke 
aufgeführt  findet,  von  gröfserer  bedeutung  sein  alsTulko, 
dem  er  s.  28  gleichgestellt  wird;  man  möchte  einen  be- 
kannten ort  darin  vermuthen« 

Bei  dem  aufserordentiichen  Verdienste,  das  sich  Stark 
um  die  erklärung  einer  grofsen  menge  bisher  noch  nicht 
enträthselter,  zum  theil  noch  nirgends  ernstlich  besproche- 
ner namen  erworben  hat,  und  bei  der  geschicklichkeit,  mit 
welcher  er  zu  deuten  versteht,  kann  es  nur  bedauert  wer- 
den, dafs  in  mehreren  fällen  die  zurflckführung  der  ver- 
kürzten form  auf  ihren  Ursprung,  wo  nicht  unterblieben,  so 
doch  nicht  ausdrücklich  vorgeführt,  sondern  nur  etwa  vor- 
ausgesetzt worden  ist.  Man  betrachte  z.  b.  die  bekannten 
friesischen  namAi  Onno  und  Oncken.  Die  frage,  welche 
8.  70  in  der  anmerkung  aufgeworfen  wird:  „Onno  = 
Anno?**  ist  nur  geeignet  in  gröfseres  dunkel  zu  versetzen, 
zumal  da  Anno  selbst  eigentlich  unerledigt  geblieben  ist 
und  8.  70   und    169  fQr  jene   namen   vom   u   ausgegangen 


224  Aadroaen 

wird.  Freilieb  schliefst  das  Verzeichnis  der  an  der  letzte- 
ren stelle  vereinigten  namen  mit  dem  compos.  Unbald, 
ohne  dafs  sich  ein  Zusammenhang  wahrnehmen  liefse;  der 
stamm  an  aber  scheint  mindestens  zu  dem^  was  Ober  Anno 
und  verwandte  namen  s.  51  *)  vermuthet  wird,  nicht  zu 
stimmen.  Zu  Danzo  8.88  (vergl.  Dentzelin  94)  wird 
zwischen  Danizo  und  Dantizo  die  wähl  gelassen,  aber 
weder  ein  voller  name  noch  eine  andeutung  Aber  den  sinn 
des  Stammes  kommt  zum  Vorschein.  Ueber  den  Ursprung 
von  Momme  (Momsen),  Monno,  Momke,  Monike, 
welche  s.  173  von  Mammo,  Manno,  Manke  getrennt 
auftreten,  während  Nomme,  Nonno,Nomke  mitNaame, 
Nanne,Nanneke  zusammengenommen  vorgeführt  werden, 
belehrt  ebenfalls  kein  fingerzeig.  Bisweilen  dagegen  hat 
sich  der  verf.  über  die  quelle  eines  schwierigeren  namens 
sowie  Ober  die  bedeutung  des  zu  gründe  gelegten  Stammes 
ziemlich  eingehend  ausgesprochen;  man  vergleiche  Kadal- 
41,  Sund-  44 fg.,  Reitke  und  Skeltko  70,  N&zo  und 
Stazo  81,  Piezo  83,  Strinzo  85,  Hripo  114,  Joppo 
117,  Cnebba  122,  Hobba  uud  Hobbo  128,  Totila  150. 
Am  ausführlichsten  sind  s.  33  fg.  Dudo  und  Poppo,  so- 
dann 108 fg.  Wamba,  dessen  erklärung  durch  goth.  vamba 
(venter)  einsichtsvoll  zurückgewiesen  wird,  behandelt  wor- 
den. Bei  Dudo  und  Poppo,  deren  formelle  beschaffenbeit 
dem  verf.  veranlassung  gibt  diese  namen  im  zusammenhange 
zu  untersuchen,  was  er  mit  Scharfsinn  und  grolser  gelehr- 
samkeit  ausführt,  sei  es  gestattet  einige  augenblicke  zu 
verweilen.  Bekanntlich  wird  Dudo  mit  Liudolt,  -olf 
gleichgestellt.  Nach  besprechung  der  ansieht  Lappenbergs, 
dafs  es  hier  auf  einen  Wechsel  der  stamme  liud  und  thiud 
ankomme,  wirft  St.  eine  andre  frage  auf:  ist  etwa  Düdo 
aus  Lüdo  durch  assimilation  des  1  zu  d  entstanden? 
Schliefslich  neigt  er  sich  jedoch  zu  der  annähme,  Dudo 
sei  keine  Verkürzung  von  Liudolt,  -ol ff  sondern  ein  aus 
anderem  stamme**)  hervorgegangener  zuname.     Zwischen 


*)  im  register  Bteht  verdruckt  15. 
<*)  vgl.  Weinhold  b.  16. 


atuE«igeii.  S26 

dieeen  erklärnngen,  deren  jede  aufmerksamkeit  verdient,  zn 
entscheiden  fällt  schwer.  ^Venn  sich  sichere  analoge  bei- 
spiele  in  hinreichender  anzahl  für  die  angegebene  assimi- 
lation  von  Düdo  aas  Lüdo  (Liudo)  beibringen  liefsen, 
meint  der  verf.,  stehe  der  deatung  nichts  im  wege;  er 
selbst  vermag  nur  span.  Nnno  (aa  Munio)  und  das  be- 
rühmte engl.  Bobby,  Bob  flir  Robert  zu  vergleichen. 
Ich  habe  mich  nach  andern  beispielen  umgesehen,  aber  nur 
auf  dem  gebiete  lebender  mundarten  noch  ähnliche  Alle 
getroffen.  Dafs  in  Basel  Jakob  in  traulicher  rede  Böppi 
oder  Beppi  genannt  werde,  versichern  W.  Wackemagel 
in  Pfeiffers  Germ.  V,  318  upd  Fr.  Becker  im  progr.  1864 
8.  18.  Der  letztere  fQgt  hinzu,  in  Oesterreich  sei  Beppi 
=s  Joseph^  also  aus  Seppi,  wie  deutlich  zu  sehen  ist, 
entstanden.  Femer  gehen  auf  Joseph,  Josepha  im  spa- 
nischen Pepito,  Pepita  zurück;  vgl.  südd.  Pepel  und 
Pep7  bei  Pott  person.  112,  der  aus  dem  italienischen  an- 
fser  Peppo  (Oiuseppe)  auch  Pippo  &»  Filippo  vorf&hrt. 
Dem  namen  Bob  steht  im  englischen  nichts  vollkommen 
gleich:  Ted  (neben  Ned)  für  Eduard*)  zeigt,  wie 
Nanny  aus  Anna,  einen  anderen  obwohl  verwandten 
Vorgang.  Die  deutschen  kosenamen  Lili,  Lolo,  Lulu, 
Mimi  sind  reduplizierte  formen.  Nun  aber  erhebt  sich 
eine  neue  frage:  Müssen  die  hypokoristischen  namen  den 
vollen  formen,  aus  denen  sie  hervorgehn,  unbedingt  der- 
gestalt entsprechen,  dafs  ihre  entwickelung  auf  dem  wege 
der  Sprachgesetze  oder  nach  der  analogie  der  spracher- 
scbeinungen  hinreichend  erkannt  werden  kann?  Im  allge- 
meinen darf  diese  frage  und  insbesondere  flir  die  alten 
deutschen  kosenamen  gewifs  bejaht  werden;  die  englische 
Sprache  jedoch  zeigt  unwidersprechlich  einige  Verkürzun- 
gen, die  nicht  in  derselben  weise  ihre  erklärung  finden, 
vielmehr  jedem  wissenschaftlichen  verst&ndnie  zu  wider- 
streben scheinen.  Dick  =  Richard  oder  Mab  =  Abra- 
ham brauchen  nicht  hervorgehoben  zu  werden,  weil  sich 
assimilation,   die  freilich  hier  anders  als  bei  Bob  auftritt, 


*)  Vgl.  HSfer  in  feiner  seitschr.  I,  828. 
Zeitoehr.  t  vgl.  spnchf.  ZVm.  8.  15 


226  AndrMtn 

behaupten  Iftfet.  Wer  aber  vermag  das  P  in  PegssasMar-» 
garet  und  Fat  =  Martha,  das  T  in  Till  «  Will*) 
lautlich  zu  erklären?  Mit  vollkommenstem  rechte  bemerkt 
Pott  110:  ,,die  ärgsten  namen verderber  sind  die  kinder, 
ihnen  gerade  aber  ahmen  gern  in  tAndelhaftem  spiele  die 
erwachsenen  nach^.  Wie  nun,  wenn  in  Poppo,  dessen 
allseitig  angenommene  Identität  mit  Folcmar  von  St.  be- 
stritten wird,  ein  ähnliches  Verhältnis  vorliegt  wie  in  Peg 
und  Pat?  Dafs  vorzüglich  der  buchstabe  P  su  absicht- 
lichen oder  unabsichtlichen  verderbungen  von  Wörtern  und 
insonderheit  namen  erfahrungsmäfsig  geeignet  zu  sein  scheint, 
darf  hier  nicht  übersehen  werden;  die  für  vertrauliche  be- 
nennungen  Oberaus  günstige  form  der  reduplikation  träte 
unterstützend  hinzu.  Freilich  gehört  viel  dazu  alle  hin- 
dernisse,  die  sich  dem,  was  hier  als  blofser  einfiül  hinge- 
worfen ist,  entgegenstellen,  annehmlich  hinwegzuräumen, 
namentlich  die  entlegenheit  der  zeit  und  in  ihr  der  mangel 
von  analogien.  Auch  ist  die  frage  zunächst  durch  die  von 
dem  verf.  selbst  für  die  möglichkeit,  dals  Poppo  aus  Rod- 
bert  entstanden  sei,  herbeigezogenen  modernen  koseformen 
veranlafst  worden;  das  aber  wird  wohl  auf  allgemeinere 
beistimmung  rechnen  können,  dafs  Poppo,  alles  in  allem 
genommen,  eher  =  Folcmar  als  sss  Rodbert  zu  fas- 
sen sei. 

Mit  beziehang  auf  eine  ziemliche  anzahl  älterer  nie- 
derdeutscher namen  auf  -bern  und  -lef  entfernt  sich  das 
buch  von  einer  sehr  verbreiteten,  den  meisten  wohl  fast 
stillschweigend  giltigen  ansieht.  In  den  friesischen  namen 
Albern,  Frethebern  u.a.  warbern,  sächs.  barn(kind) 
erkannt  worden**);  St.  aber  lehrt  s.  187,  dals  dieses  -bern 
aus  -brand  durch  metathesis  und  apokope  des  dental  zu 
deuten  sei,  vermag  auch  Sibern  «ss  Sibrand  und  TIa- 
brenn  neben  Tjabbern  urkundlich  zn  belegen***).    In 

*)  Vgl.  Höfer  881;  doch  scheint  die  angäbe  bedenklich.    Aach  mnTeer* 
halb  Englands  gibt  es  fthnliche  erscheinnngen,  z.  b.  D^d^fe,  wenn  es  wmhr 
ist,  dafs  so  im  Hennegan  fttr  Josephchen  gesprochen  wird  (s.  Pott  HS). 
•♦)  S.  Weinhold  14. 
***)  Vgl.  Lobben  bei  Hanpt  Z,  299.     Roprecht  8. 


anseigeil.  227 

mhw  anmerkung  nimmt  er  jedoch  wiederum  eine  reihe 
namen  aus  und  läfst  in  ihnen  jenes  bern,  das  ^kind^  be- 
deutet, walten.  Weicher  grund  der  erkenntnis  und  Schei- 
dung hier  vorliege,  ist  mindestens  nicht  deutlich  genug 
richtbar;  es  wird  manche  leser  auf  den  ersten  blick  be- 
fremden, dafs  der  im  text  befindliche  friesische  name  Rod- 
bern dem  in  der  anmerkung  angeführten  ebenfalls  friesi- 
schen namen  Rodbern  nicht  identisch  sein  soll.  In  Pfeiff. 
Germ.  IX,  483  hatte  der  verf.  nach  Crecelius  dem  alts. 
Thiadbarn  das  friesische  Thiadbern'')  gleichgestellt; 
jetzt  entspringt  ihm  Tjabbern,  Tiabbern  aus  Thiat- 
brandus,  während  alts.  Tiatbarn  bei  barn  verbleibt. 
Sind  nun  jenes  Thiadbern  und  dieses  Tiabbern  iden- 
tisch oder  nicht?  Es  folgen  die  Zusammensetzungen  mit 
-lef  z.  b.  Thiadlef  alts.  Detlef"").  Dafs  dieser  name 
dem  ahd.  Diotleip  entspreche,  hat  bisher  jeder  geurtheilt, 
auch  Lübben  und  Ruprecht;  Stark  jedoch  deutet  aus 
Thiadulf  (s.  140.  186),  indem  er  von  der  metathesis  -lof 
und  deren  Veränderung  in  -lef  unterrichtet  (139.  185). 
Auf  dieselbe  weise  werden  auch  Radle f,  Riclef  u.  a. 
uamen  *""*),  denen  in  Pfeiff.  Germ,  noch  ein  ganz  anderer 
stamm  von  dem  verf.  zu  gründe  gelegt  war,  erklärt****). 
Und  wiederum  gibt  er  s.  141  zu,  dafs  neufries.  -lef  bis- 
weilen auch  ahd. -leip  sein  könne,  z.  b.  Radlef,  Riclef 
bei  Crecelius.  Genau  entspricht  Godlef  dem  ahd.  Got- 
leip,  St.  aber  fragt  (s.  140)  nach  Godolf.  Man  sieht 
somit,  dafs  es  dem  leser  fürwahr  nicht  leicht  gemacht 
wird,  was  er  bestimmt  zu  wissen  verlangen  trägt,  deutlich 
zu  erkennen. 

Sehr  interessant  und  belehrend  ist  die  abhandlung  der 
ans  -boldy  -bod  und  -bert  gekürzten  namen  auf -b et. 

*)  Weinhold  62  yerzeichnet  verschiedene  formen. 
••)  Viele  formen  bei  Weinhold  68. 

^^*)  Vergebens  habe  ich  mich,  beiläufig  bemerkt,  sowohl  hier  als  in  den 
andern  angezogenen  Schriften  nach  dem  auch  heute  noch  geläufigen  namen 
Edlef  umgesehen. 

**** )  Im  althochdeutschen  begegnen  Radolf,  Richolf  sehr  häufig,  R a^d - 
leip,  Richleip  sehr  selten.  Lttbben  806  und  Ruprecht  8  haben  gleichfalls 
Riclef  SS  Richolf,  Weinhold  64  Radelev,  Radelof,  Radolf. 

15* 


228  AndreMB 

Ob  jedoch  Sibet,  wie  6.  136  und  164  TorfikhreD, 
808  Sibold  SB  Sigibold  zu  leiten  sei,  darf  zweifelhaft 
ersobeinen:  die  mittelform  Sibod  (10.  jahrh.)  erinnert  mehr 
an  Stboto  =  Sigiboto*).  Genau  wie  -bet  zu  -bold 
steht  -et  zu  -old,  und  hier  ist  es  yorzflglich  der  name 
Arnet  (nebenform  Arm  et),  von  welchem  der  verf.  zur 
beortheiluDg  einer  reihe  anderer  namensformen  derselben 
art  ausgeht,  wobei  er  zugleich  daran  erinnert,  daft  in  eini* 
gen  auch  r  vor  dem  auslautenden  dental  unterdrückt  sein 
könne  (Folket,  Ulbet).  Dafs  Arnet  =  Arnold  ist, 
steht  fest,  auch  wenn  es  nicht  urkundlich  beglaubigt  wftre; 
aber  auch  Arent,  Arend  und  Arnd  bedeuten  denselben 
namen.  Wenn  Bereut,  Berend  nicht  unmittelbar  aus 
Bernhard  hervorgegangen,  sondern  zunächst  auf  die  ans 
dem  vollnamen  zusammengezogene  form  Bernd  (vgl.  s.  130) 
gewiesen  zu  sein  scheinen,  so  hält  es  schwer  sich  davon 
zu  überzeugen,  dafs  Arent  fUr  Arnet  stehe,  da  sich 
Arent  zu  Arnd  buchstäblich  verhält  wie  Bereut**)  zu 
Bernd.  Wird  aber  geltend  gemacht,  dafs  ja  Bereut 
den  älteren  formen  Berenhard,  Berinhard  entsprechen 
könne,  so  darf  für  Arent,  obgleich  im  althochdeutschen 
bei  diesem  namen  nur  Arn-  (nicht  Arin-,  Aran-)  zu  be- 
gegnen scheint,  vielleicht  ein  ähnliches  Verhältnis  in  an- 
spruch  genommen  werden  (vergl.  den  zunamen  Ahren- 
hold). 

Abfall  des  auslautenden  dental  bei  vorhergehender  li- 
quida  erstreckt  sich  Qber  viele  beispiele,  namentlich  aus 
dem  friesischen  (Sibel***),  Reiner).  FOr  die  namen  auf 
-er  kann  jedoch  die  erklärung  oft  zweifelhaft  sein,  weil 
auch  mit  heri  zusammengesetzt  wird  (Eier,  Lflder). 
Der  name  Härder  soll  nach  s.  179  nicht,  wie  man  ge- 


*)  Vgl.  Grimm  kl.  sehr.  2,  366.    Dieser  vollname  wird  aaoh  tob  Polt 
287  und  Lobben  802  zu  gründe  gelegt. 

**)  Die  form  Bern  et  kommt  bei  Stark  nicht  vor,  wohl  aber  als  heuti- 
ger alemannischer  kosename  bei  Becker  16  (vgl.  d.  familiennamen  Bennett 
in  Hamburg),  der  übrigens  das  -et  anders  fkrst,  da  er  auch  Warnet  ana 
Wernher  yerzeichnet;  Wernet  stimmt  su  Wernhard  (F5nt  1268),  wie 
der  hamb.  geschlechtsname  Gern  et  zu  Gernhard  (F6rst  61 S), 
***)  Bartel  fehlt  gans  im  bveha. 


wohnlich  annimmt,  ausHardheri,  sondern  aus  dem  aller- 
dings Tiel  häufigeren  Hardger  entspringen.  Geht  dem  -er 
em  b  vorher,  so  ist  der  zweite  stamm  entweder  brand 
(bern)  oder  bert,  z.h.  Lubber*),  Rember  (s.  188). 
Den  namen  Wnlber  deutet  der  verf.  (129  und  187)  als 
Willibrand,  Wilbrand.  Hier  scheinen  noch  andre  er- 
klArnngen  möglich  zu  sein:  Wol  brand  sss  Wolf  brand 
(Ruprecht  6  und  9),  Wolbert  (Förstem.  1334.  Stark  129). 
Ffir  die  zusammengezogene  form  Eert  wird  s.  130  zwi- 
schen Evert  und  Erhard  geschwankt,  s.  181  Evert  al- 
lein aufgenommen;  man  möchte  Erhard  vorziehen  und 
Gerdt  =  Gerhard  vergleichen.  Ebenso  unwahrschein- 
lich dOnkt  mich  die  annähme,  dafs  Evert  aus  Evehert 
entstanden  sei;  man  vergl.  die  hochdeutsche  keiner  vermit- 
telang bedflrfende  form  Ebert.  Unter  namen  auf  -hart 
begegnet  s.  181  auch  Melchert,  ohne  dafs  zugleich  nach 
dem  stamme  gefragt  wird,  der  sich  durch  das,  was  För- 
stemann  900  bietet,  auch  nicht  aufhellen  läfst.  Bis  auf 
weiteres  darf  es  gestattet  sein  den  namen  Melchert,  der 
erst  ans  dem  16.  jabrh«  geschöpft  ist,  als  Me  Ich  er  aus 
Melchior**)  zu  erklären.  Bei  Erloff  (23)  stehen  -olf 
und  ableitendes  -of  auf  der  wähl,  unnöthig,  wie  es  scheint; 
denn  wie  Eglof  aus  Eglolf  (Agilolf)  hervorgeht  (Grimm 
gramm. n,  330),  so  istErlof  als  Erlolf  (För6temann389) 
zo  nehmen« 

Ans  der  grolsen  zahl  höchst  lehrreicher  etymologien 
verdient  die  treffende  erklärung  einiger  berühmten  namen, 
deren  Ursprung  man  oft  bald  so  bald  anders  verkehrt  an- 
gegeben findet,  insbesondere  hervorgehoben  zu  werden: 
Abel  (Adelbold,  Adelbolda),  Ferdinand  =  Fri- 
denand***),  Harm  (Harms)  aus  Herman****).  Andere 

*)  Von  Lindbert  leiten  Lttbben  801  und  Ruprecht  8;  vgl.  Weinhold  86. 
In  dem  ersten  gliede  kSnnte,  an  sich  betrachtet,  auch  linb  stecken  (vergl. 
linbhait»  Linbheri  bei  Förstern.  868). 

**)  Alle  drei  sind  heutige  familiennamen.  Anfüguig  eines  t  an  die  aus- 
lautende liquida  kommt  sumal  in  späterer  zeit  bei  eigennamen  oft  genug 
tot;  YgL  Pott  217. 

***)  Bei  Fdsstemann  nicht  Torhanden.  Zur  metatheais  vergL  Ferdo  as 
Fredo  •.  97,  ftmer  Alfert,  Lempfert,  Siefert. 

****)  Und  nicht  ana  Hieronjmus,  wie  unter  andern  W.  Wackemagel 
im  Sehweis.  mna.  1,  98  und  Becker  19  geartheilt  haben. 


230  AndreMu 

dentungen,  wie  sich  bei  solchem  gegenstände  erwarten  l&fst, 
mögen  dem  bedenken  räum  geben.  Die  möglichkeit,  welche 
e.  32  versuchsweise  auftritt,  dafs  die  frauennamen  Ima 
undHelmswint  identisch  seien,  bleibe  hier  dahingestellt; 
desgleichen  die  erklärung  des  vomamens  Flavius,  dessen 
sich  langobardische  und  westgothische  könige  bedient  ha- 
ben, aus  dem  goth.  frauja:  näher  liegt  es  einige  andere 
ableitungen  zu  beurtheilen.  Wenn  Sibo  s.  114  mit  recht 
aus  Sigi-  mit  folgendem  b  (-bold,  -bert  a.s.  w.)  ge- 
leitet wird,  so  ist  nicht  einzusehen,  weshalb  dessen  bekann- 
tes deminutiv  Sibicho  (Sibuko,  Syveke)  auf  Sige- 
bodo,  wie  aus  der  darlegung  des  verf.  hervorzugehen 
scheint,  beschränkt  bleiben  soll.  Zu  Lemke  s=  Lara- 
precht  wird  s.143  angemerkt:  „falls  Lemke  st.  Lampke 
und  nicht  statt  Lanike  d.  i.  Landico  steht ^.  Abgese- 
hen von  der  Schwierigkeit,  welche  hier  einem  Übergänge 
von  n  in  m  entgegenträte,  gibt  es  noch  vollnamen  mit 
Lem*,  die  den  sichern  Ursprung  aus  Land-  mit  folgen- 
dem labiallaut  beweisen  (Lempfried,  Lempfert,  Lem- 
fer,Lempert);  zudem  ist  neben  Lemke  ja  auch  Lembke 
bekannt'').  Während  es  s.  69  von  Hemke  heifst,  dafs 
es  vielleicht  aus  Helmke  hervorgehe,  findet  sich  s.  172 
Zusammenstellung  mit  Henke.  Was  Förstemann  599,  Pott 
158,  Weinhold  26  bieten,  hier  bei  seite  gelassen,  genfige 
es  bei  der  zweifelhaftigkeit  des  Ursprungs  folgende  äofser- 
lich  vollkommen  abereinstimmende  gliederung  hinzusetzen, 
die  etwa  zu  weiterer  forschung  dienen  mag:  Lemke**), 
Lemme  (Stark  143),  Lempe,  Lampe (124)  und  Hemke, 
Hemme  (172),  Hempe,  Hampe  (beide  125).  Wie  die 
erste  gruppe  sicher  aus  Lambert,  Lamprecht  stammt, 
so  kann,  blofs  lautlich  genommen,  der  zweiten  Haginbert 
zu  gründe  liegen.  Was  s.  144  von  Kobeke  bemerkt  steht, 
vorzüglich  die  Verweisung  auf  das  äufserst  schwierige 
Cobbo   weiter  zu  verfolgen  schafft  mflhe  und  bedenken; 


♦)  Vgl.  Weinhold  84.  86. 

**)  Vgl.  Lamke  und  Lampsma  bei  Ruprecht  38,  Lammeke  (Lam- 
me co:  Weinh.  84)  bei  Stark  178,  wo  wieder  auf  land  Terwiea«&  wird, 
Lambert  nnberflckaichtigt  bleibt. 


anEeig«n.  281 

kaam  kann  man  es  sich  versagen  die  vermnthnng  auszu- 
sprechen, dafs  wir  es  hier  wiederam  mit  einem  nndeut- 
schen  namen  zu  thun  haben,  nemlich  mit  Jakob*).  Die 
4*  anmerk.  auf  s.  130  lautet:  ^Gerdt  kann  bisweilen  auch 
Goerdt,  Gord  d.i.  Godhard  sein^;  unter  Gerd  (138) 
aber  triffl;  man  den  namen  Goerdt  nicht.  Bis  auf  wei- 
teres dürfte  sich  der  satz  umkehren  und  noch  bestimmter 
sagen  lassen:  Goerdt  ist  Gerdt;  vgl.  die  heutigen  ge- 
schlechtsnamen  Görhardt,  Görcke,  Göring.  Die  un- 
bestrittene herkunft  des  namens  Bening  aus  Bernhard 
(171)  hat  den  verf.  veranlafst  auch  eines  gewissen  Coerdt 
Penninck  aus  dem  16.  jahrh.  zu  erwähnen.  Der  muis 
wohl  fem  bleiben,  da  in  seinem  nachnamen  deutlich  die 
mflnze  steckt,  woher  eine  menge  heutiger  familiennamen 
rfihren,  die  ich  hier,  soviel  ich  ihrer  habe  wahrnehmen 
können,  mag  die  beziehung  sein  welche  sie  wolle,  zusam- 
menfasse: Pfennig,  Penning  und  (altwestf.)  Piening, 
Gottspfenning,  GQldenpfennig,  Bedepenning, 
Repenning  und  Reepen,  Rennenpfennig,  Schim- 
melpfeng  und  Schimmelpenninck,  Schmelzpfen- 
nig, Wehrenpfennig,  Weifspfennig,  Winnenpfen- 
nig,  Wncherpfennig,  Zehnpfennig,  Zitterpennig. 
Dem  grundsatze,  dafs  die  einstämmigen  namen  verkOrzun- 
gen  der  zusammengesetzten  sind,  ist  auch  die  deutung  des 
namens  Eampo  (Campe)  anheimgefallen.  Zwar  weist 
St  (18)  aus  dem  15.  jahrh.  einen  Friesen  Olteke  Eam- 
ping  nach,  der  gleich  darauf  Olteke  Eaperdes  (»Ka- 
pert, Eampert,  Eamphert^)  genannt  wird;  allein 
sollte  das  zur  beseitigung  der  Selbständigkeit  des  einfachen 
Wortes,  welches  sich  so  trefflich  als  beiname  eignet**), 
genflgen?  Mit  nagal  zusammengesetzte  namen  kommen 
wenn  auch  in  sehr  geringer  anzahl  vor;  heifst  es  aber  von 
einem  Giselbertns:  „dictus  Nagil^  (s.  50),  so  scheint 
dieser  zuname  einfach  zu  nehmen.  Eher  leuchtet  ein, 
wenn    von    einem    „Wolfhardus    cognomine   Lupus* 


*)  Vgl.  Drisek«  ans  Andreas  n.  d.  gl. 
**)  Vgl«  8. 168  UUkir  Käppi  (Umpfer,  bald)  im  altnordiseh«n. 


282  Andreseil 

die  rede  ist  (IS),  dafs  Lupus  nur  die  Übersetzung  des  aus 
Wolfbard  verkürzten  Wolf  sei,  obgleich  diese  kürzuog 
wohl  nicht  ftkr  alle  fälle  zugegeben  werden  darf.  Um 
ganz  überzeugt  zu  sein,  dafs  Cirk  =  Sirck  (Sigerik) 
und  nicht  aus  Cyriacus  zu  deuten  sei  (135),  müfsten 
andre  beispiele  des  c  für  s  (vom  z  ^  s  sind  hinreichend 
gegeben)  vor  äugen  treten.  Weinhold  25  sichert  den  Ur- 
sprung von  Gesa  aus  Gertrud  durch  eine  hannoversche 
Urkunde;  Stark  aber  bezieht  sich,  ohne  dieser  ableitung  zu 
gedenken,  auf  Geltrud  (Giseltrud),  läfst  jedoch  weder 
den  historischen  noch  den  sprachlichen  beweis  hinreichend 
erkennen.  Wem  von  beiden  mag  geglaubt  werden?  Von 
allen  selten  wird  gelehrt  und  bestätigt,  der  friesische  name 
Jeppe  sei  ss  Ebbe  (Eberhard);  diese  erklärung  findet 
flieh  zwar  s.  40  ebenfalls  angenommen',  doch  mit  der  ein- 
schränkung:  „wenn  nicht  bb  Geppo^,  und  s«  128  ist  le- 
diglich von  diesem  zweiten  stamme  die  rede.  Was  soll 
nun  das  rechte  sein? 

Dafs  die  einstämmigen  namen  Bruno,  Hugo  keine 
berücksichtigung  gefunden  haben,  steht  schon  oben  be- 
merkt. Hinzugefügt  kann  hier  werden  Hatto,  da  die 
s.  31  aufgeführte  form  Variante  zu  Hanto  ist;  ferner  Odo, 
Oddo  (Förstem.  163;  Weinh.39),  Scacco(Weinh.  45.46), 
Sido,  Wendela  und  Windila  (Forst.  1254.  Weinh.58), 
auch  Hinz  und  Heinz.  Mit  beziehung  auf  s.  80,  wo 
von  namen  mit  Fold-  gehandelt  wird,  fällt  mir  ein,  dafs 
ich  noch  nirgends  den  heutigen  geschlechtsnamen  Folt- 
mar,  der  doch  nicht  aus  Fol  km  ar  entstellt  zu  sein  braucht, 
verzeichnet  gefunden  habe.  Grofses  interesse  gewährt 
Fruohwin  (42),  zu  fr  noch  an  gehörig,  bei  Förstern,  un- 
vorhanden; die  nahe  berühruog  mit  Frowin  (Grimm  myth. 
2.  ansg.  192)  legt  die  frage  nahe,  ob  der  von  Pott  599 
aus  einem  programm  entlehnte  name  Froh  win  jener  oder 
dieser  form  gleichstehe  (vgl.  Froholf  zu  fruochan).  Wes- 
halb der  verf.  bei  Hippeke  (145)  auf  Hebe  (127)  ver- 
weist, ist  nicht  einzusehen,  da  dieser  letztere  name  einen 
anderen  stamm  birgt,  als  bei  Hibbo  (118)  und  Hippe 
(128)  angegeben  steht.    Aaldrik  (neben  Wiohtert)  als 


anzeigen.  233 

beispiel  der  bei  Friesen  sehr  beliebten  euphonischen  ein- 
Schiebung  eines  t  (oder  d)  ist  wohl  deshalb  wenig  treffend, 
weil  sich  in  diesem  namen  ein  Vorgang  offenbart,  der  Ober 
ganze  sprachen,  ältere  und  neuere,  verbreitet  ist;  vgl.  av- 
Sgog^  Hendrik,  Hundrich,  fähndrich,  baldrian,  franz.  moin* 
dre,  tendre  n.  s.  w.  Die  s.  32  aufgeworfene  frage,  ob 
Kalle  =  Karli,  Karl,  wie  Weinhold  5  vermuthet,  zu 
ndimen  sei,  fordert  nach  meinem  urtheil  bejahung;  vergl. 
altn.  kall  (senex)  statt  karl  (Grimm  gramm.  I^  306),  dän. 
källing  aus  altn.  kerling  (anns),  engl.  Kell,  Kelley  aus 
Charles  (Höfer  I,  329).  Assimilation  femer  von  Id  in  11 
(22)  ist  zu  gewöhnlich,  als  dafs  es  einer  hinweisung  auf 
das  altnordische  in  diesem  überwiegend  so  knapp  gehalte* 
nen  buche  bedurfte.  Dagegen  hätte  bei  der  sogar  als  zwei- 
felhaft bezeichneten  Synkope  des  r  in  dem  namen  Bechta 
weit  eher  Bechtold  als  engl.  Bat  (aus  Bartholomaeus), 
weil  im  englischen  manches  der  art  lieber  fbr  sich  be- 
trachtet wird*),  herangezogen  werden  sollen.  Dafs  von 
einem  so  ausgezeichneten  kenner  der  friesischen  spräche, 
wie  sich  St.  offenbart,  die  annähme  einer  Verwandtschafts- 
bezeichnung in  dem  namen  Söster  stilisch weigends  zu- 
rückgewiesen wird,  fordert  aufinerksamkeit.  Er  fragt  nach 
Übereinstimmung  mit  Sestrit,  und  doch  begegnet  auch 
im  altd.  Suester,  Sustar  (Förstern.  113);  Weinhold 
15  — 16  bezeichnet  Fader,  Moder,  Broder,  Söster, 
Fedder  als  friesische  verwandtschafl^namen.  Drücke, 
s.  72  blofs  aus  Seger  entnommen,  ist  für  Gertrud  einem 
grofsen  theile  der  Rheinprovinz  überaus  geläufig,  auch 
Drückchen,  in  Hamburg  Drütje  (Pott  113);  aufDrud-, 
wie  St.  daneben  ftir  statthaft  hält,  darf  nicht  zurückge- 
gangen werden.  Weshalb  s.  84  bei  Matza,  Metze  der 
Ursprung  ausMahthild  verschwiegen  bleibt,  dagegen  den 
gleich  hinterher  folgenden  namen  Hiza,  Hizoihr  stamm 
beigeschrieben  steht,  beantwortet  sich  etwa  aus  der  nicht 
selten  hervortretenden,  schon  oben  angedeuteten  ungleich- 
artigkeit  der  behandlnng.    In  der  langen  reihe  von  bei- 

♦)  Dahin  gehört  auch  Wat,  Watty  aus  Walter  (22). 


234  Andreseil 

spielen  der  nachbildaiig  ans  dem  bereiche  der  nrsprfing- 
liehen  deutsehen  namengebung  (158 fg.)  werden  die  drei 
namen  der  alten  heldensage,  Heribrant,  Hiltibrant 
und  Hadubrant,  ungern  vermifst  Gegenfiber  den  vielen 
fiülen,  wo  die  erklärung  entweder  gar  nicht  oder  nicht 
deutlich  and  ausdrücklich  genug  hervortritt,  sondern  oft 
blofs  wissenschaftlich  vorausgesetzt  wird,  hält  es  einigemal 
schwer  sich  von  der  nothwendigkeit  einer  nebenbemerkong 
zu  fiberzeugen,  z.  b.  dafs  der  name  „Gord  von  Kord, 
Kort  d.  i.  Curt  s=s  Conrad  zu  scheiden^  sei  (138  n.  3). 
Den  flberflufs  bezeichnet  auch  die  wiederholte  hervorhe- 
bung  des  aus  der  grammatik  hinlänglich  bekannten  aus* 
falls  von  d,  g,  b;  vgl.  s.  37  fg.  48.  84.  Mehr  f&Ut  natür- 
lich die  fast  buchstäbliche  Wiederholung  ganzer  sätze  aa^ 
sowie  die  doppelte  aufftlhrung  von  namen  mit  gleichen  be- 
legen. Man  sehe  z.  b.  was  s.  139  und  141  von  -olf,  -lof 
und  -lef  gelehrt  wird,  halte  im  allgemeinen  139  fg.  zu 
185  fg.;  man  vergleiche  Fidi  s.  27  und  185,  Ulbet  69 
und  164,  Meleff  186  und  187. 

Die  bezeichnung  des  ersten  Stammes  eines  vollnamens 
mit  „anlautend^,  des  zweiten  mit  ^auslautende  erscheint 
nicht  angemessen,  um  so  weniger  als  die  grammatik  diese 
ausdrücke  zu  wesentlich  verschiedenen  zwecken  zu  gebrau- 
chen pflegt.  Ohne  noth  bedient  sich  der  verf.  fitst  bei 
jeder  gelegenheit  des  fremden  harten  und  rauhen  wertes 
„ekthlipsis^. 

Zu  den  am  schlufs  genannten  Verbesserungen  mufs 
(aufser  dem  bereits  bemerkten  druckfehler  in  der  zahl) 
hinzutreten:  s.  27  assimilation  des  rd  (statt  dr  im  buch); 
störender  ist,  dafs  sowohl  s.  104  als  im  register  190  der 
auslautende  statt  der  anlautende  konsonant  (vgl.  den 
überblick  s.  147)  geschrieben  steht. 

Endlich  ein  wort  über  die  beiden  register,  auf  deren 
ausführlichkeit  im  vorwort  hingewiesen  wird.  Durchaus 
angemessen  ist  das  Sachregister  und  erfüllt  jeden  ersicht- 
lichen zweck.  Welcher  grundsatz  aber  bei  abfassung  des 
namenverzeichnisses  gewaltet  hat,  kann  man  auch  nach 
einer  sorgfältigen  Untersuchung  desselben  nicht  vollkommen 


anzeigen.  235 

deutlich  erkennen,  zu  geschweigen,  dafs  auf  jeden  fall  fbr 
die  praxis  nicht  hinreichend  gesorgt  worden  ist.  Anfangs, 
als  so  viele  namen  nicht  zu  finden  waren,  fiel  mir  ein,  es 
sei  immer  nur  der  erste  name  einer  vergleichenden  bespre- 
chung  aufgenommen  worden;  aber  gleich  überzeugte  ich 
mich,  dafs  dies  nicht  der  fall  sei,  was  zudem  keinerlei 
denkbaren  vorzug  hätte.  Es  fehlen  z.  b.  Eilger  49, 
Egert  180,  Melchert  181,  Hillerck,  Htnerk  184, 
Hedlef  186.  Wird  entgegnet,  das  seien  ja  nicht  eigent- 
lich kosenamen,  da  ihre  zweistämmigkeit  deutlich  offen 
liege,  so  ist  darauf  zu  erwidern,  dafs  för  das  Verzeichnis 
auf  diesen  unterschied,  dem  überdies  der  rechte  grund 
mangelt,  nirgends  aufinerksam  gemacht  worden  ist,  und 
ferner,  dais  in  der  that  dergleichen  namen  öfters  aufnähme 
gefunden  haben,  z.  b.  zu  s.  186  folgende  lange  reihe: 
Aleff,  Alof,  Frellof,  Gerleff,  Graleff,  Jallef, 
Jullef,  Luloff,  Maroklef,  Meleff,  Rhenleff,  Rio- 
lef,  Roelof*).  Dennoch  scheint  es  darauf  hinaus  zu 
kommen,  dafs  der  verf.  sich  vorgesetzt  hat  die  einstAm- 
migen  und  diejenigen  zweistämmigen  namen,  welche  ver- 
möge der  zusammenziehnng  ebenfalls  aus  nur  einem  worte 
gebildet  scheinen  (s.  10),  zu  verzeichnen,  den  übrigen  je- 
doch, auch  wenn  ihnen  sonst  eine  eingebende  besprechung 
widerfthrt,  im  allgemeinen  die  aufnähme  zu  vei^sagen,  eini- 
gen jedoch  zu  gestatten.  Den  eben  angemerkten  friesi- 
schen namen  können  hinzugefügt  werden:  Afbaldus  23, 
Anagild,  Anricns  51,  Assemund  30,  Bindelefa 
186,  Borghers  182,  Freemar,  Freerik  38,  Fre- 
thebern,  Geilbern  187,  Gilbert  48,  sogar  voUaus 
Lamtbertus,  Lamtramnus,  Lamtvinus  45.  Wer 
sich  aber  belehren  lassen  will  über  Ferdinand,  mufs  in 
der  abhandlung  selbst  suchen;  schwerlich  wird  er  wissen, 
dafs  ihm  allerdings  im  register  Fern  den  weg  weist. 
Ebenso  steht  es  um  andre  namen,  deren  erörterung  grade 
in  diesem  buche  hervorragt  und  besondere  aufmerksamkeit 


*)  Anfser  Hedlef  fehlen  za  dieser  seite  Oberhaupt  nur  Didelef  und 
Eakelef. 


286  AndrtMni  «Maigtii. 

Terdient,  s.  b.  Cirk  (135),  welcher  name  fiberdies 
form  wegen  vollberechtigt  erscheinen  molBte,  Härder 
(179)  u.a.  Bisweilen  trifft  man  statt  zweier  blofs  eine 
verweisang,  z.  b.  zu  Hemke,  wo  aolser  69  noch  172  nach« 
zusehen  ist. 

Am  Schlüsse  dieser  anzeige  will  ich  den  wünsch,  des* 
sen  vollste  berechtigung  keinen  zweifei  leidet,  auszuspre- 
chen mir  erlauben,  da&  es  dem  gelehrten  verf.,  dem  wir 
fflr  seine  ausgezeichnete  leistung  so  viel  dank  schuldig 
sind,  recht  bald  gefallen  möge  seine  auf  die  erforschung 
der  namen  jüngerer  und  jüngster  bildung  gerichteten  stu« 
dien  (vgl.  s.  157)  ebenfalls  der  öffentlichkeit  zu  übergeben. 
Eine  solche  arbeit,  mit  gleicher  geschicklichkeit,  wie  sich 
voraussetzen  läfst,  auf  dieselben  hervorragenden  kenntnisse 
und  denselben  andauernden  fleifs  gegründet,  wird  insbe- 
sondere für  die  betrachtung  der  deutschen  kulturgeschichte 
von  noch  g^öiserem  und  jedenfalls  mannigfaltigerem  ge- 
winne  sein  als  selbst  die  gegenwärtige  abhandlung,  aus 
der  die  Sprachforschung  begreiflich  am  meisten  hervor- 
leuchtet; sie  wird  neue  gesichtspunkte  eröffnen,  eine  menge 
hergebrachter  und  eingewurzelter  irrthümer  aufdecken,  zahl- 
reiche berichtigungen  fast  unvermerkt  auszustreuen  im 
Stande  sein  und  mit  rücksicht  auf  die  aufserordentlich  vie- 
len an  sich"  zweifelhaften  f&Ile,  die  auf  dem  gebiete  der 
neueren  gescblechtsnamen  offenbar  werden,  noch  mehr 
proben  jener  Überlegung  und  vorsieht,  wdche  in  der  eben 
besprochenen  Schrift  so  vortheilhaft  entgegentreten,  zu  «ei- 
gen Veranlassung  haben. 
Berlin.  K.  G.  Andresen. 


Wörterbuch  zn  dr.  Martin  Luthen  dtutsohen  schriAen.    Von  Pb.  Diets 
in  Marburg,  1.  und  2,  Ueferung  von  A — Dach.  Loipiig  1S68.  884  as. 
-    lez.-8. 

Ein  vollständiges  und  zuverlSssiges  Wörterbuch  za 
Luthers  deutschen  Schriften  ist  auch  neben  dem  Grimm- 
schen Wörterbuch  nicht  überflüssig,  da  es  schon  immerhin 


Clemm,  erklären^.  237 

Ton  groJber  bedentang  ist,  den  Wortschatz  Lnthera  in  sei* 
ner  sonderang  von  dem  anderer  zeiten  überblicken  zn  kön- 
nen. Wenn  sich  nan  aafserdem  noch  hier  und  da  iQcken 
im  Grimmschen  wörterbuche  zeigen,  so  ist  deren  ausfallnng 
durch  die  Yorliegende  arbeit  um  so  erwünschter,  als  der 
Terfasser  sich  seiner  aufgäbe  durchaus  gewachsen  zeigt,  die 
er  mit  fleifs,  verstand  und  umsieht  ausgeführt  hat.  Das 
buch  ist  nicht  nur  für  den  theologen  und  den  besseres  bi- 
beWerstftndnifs  suchenden  laien,  sondern  auch  f&r  den 
Sprachforscher  von  bedeutung.  A.  Kuhn. 


Erklärang. 

In  herm  R.  Rödigers  recension  meiner  dissert.  de  com- 
positis  Oraecis,  quae  a  verbis  incipiunt  oben  p.  66  ff.  fin- 
den sich  thats&chliche  Unrichtigkeiten,  die  mit  stillschweigen 
fibergangen  worden  werden,  wenn  sich  nicht  im  anschlufs 
an  ihre  erwfthnung  die  beantwortnng  einer  wissenschaftlich 
wichtigen  frage  wenigstens  andeutungsweise  versuchen 
Hefte. 

Da  ich  mich  über  die  entstehung  der  fraglichen  com- 
poeita  in  meiner  schrift  ausführlich  ausgesprochen  habe, 
so  kann  ich  nicht  umhin,  allen  antheil  an  den  seltsamen 
vorBtellnngen  meines  hm.  recensenten,  wonach  z.  b.  bei 
meiner  auffassung  „ein  menschlicher  compositor  als  das 
belebende  princip*^  verbal-  und  nominalstämme  zusammen- 
gefllgt  haben  müfste  u.  dgl.  m.  abzulehnen.  Hr.  R.  scherzt 
wohl  nur,  wenn  er  sich  auf  p.  166  beruft,  wo  ich  mit  be- 
zug  auf  gewisse  komische  Zusammensetzungen  die  betref- 
fenden dichter  vocabnlornm  illorum  compositores  nannte.  — 
Wie  viele  sich  mit  hm.  R.  über  die  „offenbare  petitio 
principü*^  wundem  werden,  dafs  ich  mich  im  verlaufe  mei- 
ner Untersuchung  auf  das  berief,  was  ich  vorher,  ohne  ir- 
gendwie eine  „stillschweigende  Voraussetzung^  zu  postulie- 
ren, gezeigt  zu  haben  glaubte,  mag  dahin  stehen,  aber  ist 
nicht  die  reihe  des  verwundems  an  mir,  wenn  ich  „trotz 
memes  widersprachs  gegen  Ghrimm  bei  f^l^avdQog^  xQva» 


238  Clemm 

'ävMQ  and  ähnlichen  stets  von  weglassung  des  bmdeyocals 
gesprochen^  haben  soll?  Da£s  diese  compp.  je  einen  com- 
positionsTOcal  gehabt  hätten^  konnte  schon  nach  ihrer  aof- 
fahrung  unter  der  rubrik:  vocalis  compositiva  inserta  non 
est  (p.  12)  oder:  membra  nulla  interposita  Tooali  conjiin<^ 
sunt  (p.  24)  kaum  behauptet  werden.  —  Gegen  Justi  habe 
ich  die  schwachen  participialformen  nicht,  wie  hr.  R«  an- 
giebt,  in  den  ersten  gliedern  von  skr.  compp.  wie  vidad- 
-vasu,  bbar&d-vä^a  geleugnet,  sondern  vielmehr  in  den  letz-* 
ten  von  karma-kft,  pbana-bhft  u.  äbni.,  von  jenen  heilst 
u.  a.  p.  49:  in  eis  prioribus  membris,  quae  sunt  parti- 
cipiorum  praesentium  debiliores,  quas  Focant,  for* 
mae  cet.  —  Bei  der  Sammlung  und  Ordnung  meines  ma- 
terials  suchte  ich  allerdings  eine  solche  Vollständigkeit  zu 
erreichen,  dafs  von  dieser  seite  her  wenigstens  keine  er- 
heblichen einwände  gegen  meine  resultate  gemacht  werden 

könnten,  aber  mit  den  werten :  omnia  exempla qoam 

potui  diligentissime  coUegi  habe  ich  mir  darum  keineswegs 
ein  unverdientes  lob  anmafsen  und  etwa  die  mögliohkeit 
ausschliefsen  wollen,  als  liefsen  sich  nicht  noch  manche 
beispiele  nachtragen.  Schon  die  schlu&bemerkungen  meiner 
abhandl.  konnten  mich,  abgesehen  von  anderem,  vor  solcher 
mifsdeutung  bewahren.  Uebrigens  hätte  das  fehlen  einxel- 
ner,  ohnehin  in  der  masse  verschwindender  beispiele  grade 
bei  hm.  R.  vielleicht  gnade  finden  dürfen,  da  er  in  seiner 
Schrift  ganze  dassen  zahlreicher  (ihm  freilich  unbequemer) 
composita  weggelassen  hat,  die  ihn  trotz  „ihrer  schwan- 
kenden erklärung^  sehr  nahe  angiengen.  —  Dafs  jenes  ver- 
hängnifsvolle  diligentissime,  seinem  Zusammenhang  entrissen, 
gar  noch  herhalten  mufs,  den  gegensatz  zu  versehen  und 
druckfeblern  zu  markieren,  ist  jedenfalls  leichter  erklärlich 
als  hm.  R.S  immuth  über  ausdrücke  wie  yerisimilius^  molto 
simplicius  u.  a.,  die  selbst  als  stützen  meiner  „unerträgli- 
chen^ argumentation  angesehen  werden.  Wäre  dies  der 
fall,  so  würde  sich  hr.  R.  vermuthlich  nicht  mit  dem  aas- 
druck subjectiven  miüsbehagens  begnügt,  sondern  den  dro* 
henden  einsturz  meines  „mühsamen  baus*^  bei  dieser  gele- 
genheit  in  scene  gesetzt  haben.  —  Da  die  bestimmtheit^ 


erklärung.  239 

mit  welcher  eine  behauptnng  auftritt,  den  mangelnden  be- 
weis f&r  ihre  richtigkeit  nicht  immer  ersetzt,  so  wünschte 
ich,  es  hätte  hm.  R.  gefallen,  die  aufgeftindenen  »trug- 
Schlüsse^  wenigstens  an  einem  Beispiel  zu  erläutern  und 
aach  eine  der  „Terbalformen  (sie)  mit  scheinbar  eingescho- 
benem (T^  zu  nennen,  die  ich  von  aoriststämmen  abgeleitet 
haben  soll.  Hierffir  wäre  ich  ihm  ebenso  dankbar  gewesen, 
ab  ich  es  ft&r  seine  sorge  um  mein  latein  sein  wQrde,  wenn 
er  mir  nur  auch  in  dieser  beziehung  ein  besseres  vorbild 
dnrch  seine  eigne  schrift  gegeben  hätte,  aus  der  ich  ihm 
eine  blumeniese  hier  gerne  erspare.  Oder  sollte  ich  mir 
wirklich  z.  b.  die  classicität  von  gen.  pl.  bovum,  ex  eis 
(membris)  solute  positis  quocunque  etiam  modo  conjunctis ' 
cet.,  quamvis  insolentiorem  formam  und  von  vielem  der  art 
zum  muster  nehmen? 

Möge  es  mir  schliefslich  erlaubt  sein,  die  meinung  hm. 
R.8  als  irrig  zu  bezeichnen,  wonach  „meine  ansieht  mit 
dem  bindevocale  steht  und  fällt  *^.  Zwar  —  impavidum 
ferient  minae,  aber  so  gefährlich  ist  es  wohl  doch  noch 
nicht.  Denn  wer  einen  compositionsvocal  nicht  annimmt, 
kann  das  e,  i,  o  als  thematisch  d.  h.  als  zu  den  betreffenden 
tempusstämmen  gehörig  ansehen,  ohne  dafs  dadurch  meine 
aoffiaasung  wesentlich  verändert  wird.  Schleicher  und  na- 
mentlich Curtius  haben  den  weg  gezeigt,  auf  welchem  hier, 
wie  ich  glaube,  fortzuschreiten  ist.  Wer  also  in  *ix^'ai  == 
fy^ig,  *q>BQB^at  «=  q^i^aig^  in  Hx^-rey  (pige-re  u.  s.  w.  das 
zweite  £  nicht  mehr  für  den  sog.  bindevocal,  sondern  für 
thematisch  hält,  wird  bei  ix^'(pQuv^  (pepi^xagnog  u.  ähnl. 
zu  der  gleichen  auffassung  berechtigt  sein;  wer  im  aorist- 
stamm Xv-aa  das  a  dem  stamm  selbst  zuweist,  wird  in 
Xvci-novog  u.  ähnl.  lieber  an  eine  Schwächung  jenes  a  zu  ^ 
als  an  einen  compositionsvocal  glauben.  Sollten  aber  des- 
halb die  ersten  glieder  jener  composita  weniger  leicht  für 
Verbalstämme  gelten  dürfen?  Ich  dächte  nicht.  Doch  es 
handelt  sich  hier  nur  um  eine  andeutung,  nicht  um  die 
aaaführung.  Was  hr.  R.  von  „rein  parasitischen  anwüch- 
sen^ redet,  ist  schwerlich  überzeugender. 

Qielsen.  W.  Clemm. 


240  K5dig«r,  antwort. 

Antwort. 

Auf  die  TorsteheDde  erkl&rang  habe  ich  nar  wenig  eq 
erwideni.  Dals  ich  heim  Cl.  durch  ein  veraehen  meiner« 
seits  zugetraut  habe,  er  wolle  ein  zur  veretärknog  des  Ter* 
balstammes  affigiertes  t  aufser  in  karmakrt,  pfaanabhrt, 
^rutkarna  u.  dergl.  auch  in  vidadvasu  etc.  anerkannt  wis- 
sen, thut  mir  ehrlich  leid,  und  wie  ich  es  jetzt  thne,  wäre 
ich  jederzeit,  wenn  nur  darauf  aufmerksam  gemacht,  bereit 
gewesen  es  offen  einzugestehen.  Meine  übrigen  behaup- 
tungen  aber  glaube  ich  trotz  der  auslassungen  des  herm 
Cl.  im  wesentlichen  durchaus  aufrecht  erhalten,  und  ohne 
weiter  für  die  sache  unfruchtbare  erörterungen  anzuknQpfea, 
es  dem  urtheile  derer,  die  sich  f&r  unsere  Streitsache  in- 
teressiren,  überlassen  zu  können  zwischen  uns  zu  ent- 
scheiden. 

Der  neue  verschlag  zur  erkl&ruDg  des  an  die  Terbal- 
Stämme  antretenden  a,  »,  o,  der  natürlich  meine  angriflb 
gegen  den  früher  von  herrn  Cl.  vertheidigten  bindeTOcal 
nicht  zu  unberechtigten  macht,  scheint  mir  sehr  gewinn- 
bringend nicht  zu  sein. 

Dafs  mein  ton  in  der  anzeige  etwas  hart  sei,  ist  mir 
auch  von  befreundeter  seile  gesagt  worden;  mein  ehrliches 
bestreben  aber  mich  rein  auf  dem  boden  der  objectivitit 
zu  halten  beweist,  denke  ich,  der  schlufi^  der  anzeige,  d&r 
ausdrücklich  um  etwa  nöthige  correction  des  an  die  Tor~ 
gebrachten  thatsachen  angelegten  mafsstabes  bittet. 

Zum  schlufs  möchte  ich  zu  meiner  vertheidigung  noch 
auf  eine  nach  meiner  anzeige  erschienene  schrift  aufmerk- 
sam machen,  deren  Verfasser  mit  mir  in  seinem  urtheile 
über  herm  Cl.s  arbeit  vielfach  zusammentriflFi:  „Gustav 
Schönberg,  über  griech.  compp.,  in  deren  ersten  gliedern 
viele  grammatiker  verba  erkennen.     Mitau  1868'. 

Rieh.  Rödiger. 


3m  Verlage  beS  Unterzeichneten  ifl  evfc^ienen  unb  in  allen  $u(^^anb« 
(ungen  gu  ^aben: 

Säibliot^tf  ber  ältefien  beutfc&en  Sitteratutbenfmalert 

herausgegeben  üon  ßloxVi  ^qjne,  Dr.  phil.,  ^riuatbocent  in 
^aOe.  ' 

I.  iSaub.   lllfilas  ober  bte  uns  erl)aUenen  jDenkmaler  ber  gott^ifd^en  ^pra^e. 

2:e(t,  ©rammatif  unb  SB8rter6u($.    Gearbeitet  unb  herausgegeben  toon 
^erb.  ^ttbro.  3tamm<  ?a(lor  an  @t.  ?ubgeri  in  ^ermflebt.    35iertc 
Auflage,   beforgt  ))on  Dr.  ^ori^   %(^^^i   $nt>atbocent   in  ^aUe. 
1869.    gr.  8.    380  leiten,    geb.    1  Zf)U,  20  @gr. 
2)iefe  4.  Sinflage  ifl  fotool  im  Se^e  (bnrd^  ^enu^ung  loon  Uppfirdm9 

Snateften)  a{9  im  ©loffar,  bad  gang  neu  gearbeitet  unb  aufd  bo^^ette  unb 

me^ir  erweitert  ifl,  »efentlic^  öerbeffert  unb  »ermejrt. 

II.  SBanb.    ;aitnieberbeu(fd)e  Denkmäler.    1.  !$:eil:  ^elianb.    ÜJ^it  au^Wr^ 

iidftm  ©toffar  herausgegeben  toon  Dr.  idori^  ^et)net    1865.    gr.  8. 
388  leiten,    gc^.  2  X^Ir. 

III.  33anb.  fitbmif.  iWit  auöfübrücbem  ©toffar  herausgegeben  t5on  Dr. 
^ori^  geijne.  1868.  gr.  8.  288  (Seiten.  3»eite  Zuflöge,  ge^. 
1  Z\)U.  10  @gr. 

IV.  Qanb.     ;%ltnttberbeutrd)r  Denkmäler.      2.  !i:ei(:   kleinere   altnieber- 

beutr^e  jDenkmäler.     üJ2it  ausführlichem  ^(offar  herausgegeben  V)on 

Dr.  ^orifj  J^ei^ne.    208  ©eitcn.    8.    ge^.  1  Zf^U. 
9IS  grammatifc^eS  Hilfsmittel  reibt  fidf  biefen  Gänben  an: 
fkviV}t  (ßrammatik  ber  allgemeinen  5prQd)|läinme.    ($iOtV\\^,  ^Itboc^beutfd^, 

2Htfä(^fif(b,    Slngelfäcbfifc^,   «Itfriepfcb,    9IttnorbiJ(b.     1.  Steil:   ^urjc. 

^aut-  unb  <flrrion6lei)re  ber  a(tgermanif(^en  <8^ra(bfiämme.    heraus* 

gegeben  toon  flX,  Sei)ne.     1862.    gr.  8.    342  «Seiten,    geb.    1  S^fr. 

10  @gr. 
2)ic  Strbeiten  fiH,  ^eijne^e^  ber  aucj  neuerbingS  ttjieber  oU  jÄitorbelter 
an  (5rimm*0  beutrd)em  lOorterbu^e  feine  gfängenbe  gä^igfeit,  (^(of[are  gu 
öerfaffen,  betoiefen  \)at,  flnb  t)on  ber  geteerten  Söett  als  toorjüglicj  an* 
erfannt. 

gerner  crfc^ien: 

aSBalt^ec  öon  aq[Uttattiett»  ^elbengebt^t  in  12  ©efängen 
iiberfeftt  unb  mit  ©rlauterungen  unb  Seitragen  jur  J^elbenfage 
unb  SKptl^ologie  »erfe^en  Don  jFranj  finnig.  160  Seiten.  8. 
ge^.  10  ©gr.  l^übfd^  cartoniert  12  ©gr. 

$aberborn.  Sfetbinanb  Sc^öning^. 

In  Ferd.  Dttmmler's  Yerlagsbachhandluiig  (Harrwitz  und  Gofs- 
mann)  in  Berlin  sind  erschienen: 

^ann^arbt  (WillyelmX  Die  Korndämonen.  Beitrag  zur 
germanischen  Sittenkunde.     1868.     8.     geh.     12  Sgr. 

«odjljol^  (^rof.  «.  f.)^  53eutj^er  (Slaufce  unb  ©rau(%  im 
@^)iegel  ber  ^eibnif^en  Sorjeit.  3»ci  S3anbe*  8.  1867. 
a3elin^)a^)ier.    gel^.    3  Sl^lr. 

2)icfeS  SBerf  bringt  über  eine  große  Slnjal^  »eit  verbreiteter,  nament* 
ücb  oberbeutfc^er  (Sitten  unb  (S^ebräudbe,  bie  merbottrbigfleu  SJZitt^ilungen 
unb  f^arfllnnigflen  Sluffc^tüffc ;  »ir  führen  Jier  nur  an:  OberbeutMc  lOei^en» 
brauci^e;  !2)erifno((encuItuS;  Merfeefenbrob;  ^eutf^e!Cßc(^entaQe;9(eman' 
nifc^eS  S^o^n^auS;  9{ot^  unb  ®Iau,  bie  beutfd^en  8eib#  unb  92ationatfarben. 


In  Ferd.  Dümmler's  Verlagsbnchhandlan^  (Harrwitz  und  Gof»- 
mann)  in  Berlin  ist  erschienen: 

^irUngcr  (Dr.  ^nton),  Die  alemannische  Sprache  rechts 
des  Rheins  seit  dem  XIII.  Jahrhundert.  Erster  Teil: 
Grenzen,  Jahrzeitnamen,  Grammatik.  1 868.  gr.  8.  1  Thlr. 
10  Sgr. 

Dieses  Werk  ist  gewisserfnafsen  eine  Er^znng  Ton  Weinhold's 
Alemannischer  Grammatik,  dtQ  das  Alemannische  besonders  in  seiner 
älteren  Gestalt  darstellt,  w&hrend  die  vorliegende  Arbeit  mehr  die  lebende 
Sprache  berücksichtigt 

In  der  Dieterich'schen Bachhandlang  in  Göttingen  ist  erschienen: 

Philologischer  Anzeiger. 

•    als  Beiblatt  zum  Fhilologus 
herausgegeben  von 
Professor  £.  von  Leutsch. 

Jahrgang  1869.     12  Nummern.     1  Thlr.  20  Sgr. 

Der  Philologische  Anzeiger,    als  Beiblatt  znm  Philologua,    wird  mit 

demselben  dahin  streben,  dem  phil.  Pnblicmn  die    aaf  dem  Gebiete   der 

claasischen  Philologie  erscheinende  wissenschaftliche  Literatur  des  In-  und 

Auslandes  schnell  zur  Kenntniss  zu  bringen  und  deren  Werth  zu  ermitteln. 


3n  betn  untergei^neten  Verlage  ftnb  fclfjenbe  @d^riften  erf^ienen: 

!Bmtai)0  (^id^atl)^  Ueber  Kritik  und  Geschichte 
des  Groethe'schen  Textes.  1866.  Velinpapier,  gr.  8. 
geh.     15  Sgr. 

Diese  kleine  Schrift  stellt  durch  zahlreiche  Beispiele  unwider- 
leglich fest,  wie  verderbt  der  Text  ist,  den  wir  bisher  in  Goethe's 
Werken  lasen.  Sie  ist  allen  Verehrern  unsers  grofsen  Dichters  zu 
empfehlen. 

®rimm  f^acob),  Ueber  den  Ursprung  der  Sprache. 
Sechste  Auflage.     1866.     8:     ff  eh.     10  Sgr. 

,  Rede  auf  Wilhelm  Grimm  und  Rede 

über  das  Alter.    Herausgegeben  von  Herman  Grrimm. 
Dritte  Auflage.    1865.  Vefinpapier.    8.    geh.    10  Sgr. 

jitritttlial  (Prof.  Dr.  $.),  Ged&chtnifsrede  auf 
Wilhelm  von  Humboldt  an  seinem  hundert  fthrigen 
Geburtstage  gehalten.  1867.  Velinpapier,  gr.  8. 
geh.     6  Sgr. 

;?lbf l  (Dr.  (L\  Ueber  ®pxaä)t  alö  ÄuebrucI  nationaler 
©enfwetfc.    ein  JBortrag.   1869.   gr.  16.    ge^.    5  ©gt. 

^hrlin^rr  (^nton)«  @o  fprec^en  bie  ^ä)\Dahtn. 
@))rtd^n)orter,  9fteben9arten,  Stetme.  1868.  SSelin^a^iet. 
(9  Sogen).    16.     12  @gr. 

jTa^antB  (9)rof.  0L\  Hebet  ben  Urf^rung  ber  (Sitten. 
Stoßet  abbrnd.    1867.    8.    gel^.    8  ©gr. 

Berlin.  9erb.  SJtrninlet*^  Setloo^lm^^oiiMmg. 

(^armit  nnb  dhofimann.) 


A.  W.  8ehade*0  Baebdrsekenl  (L.  Schad«)  In  BwUtt,  SttfteehrilbMttr.  47. 


1f 


ZEITSCHRIFT 

fOb 

VERGLEICHENDE 

SPRACHFORSCHUNG 

AUF  DEM  GEBIETE  DES 

DEUTSCHEN,  GRIECHISCHEN  UND 
LATEINISCHEN 

HERAUSGEGEBEN 


Dr.  ABAXiBBlkT  SlffBir, 

PROIS880B  Ali  OSLHUOBBH  OmVAmCM  SV  BBBU«. 


BAND  XVm. 
VIERTES  UND  FÜNFTBS  HEFT. 


BERLIN, 

FBRD.  DÜMMLER'S  TERLAGSBÜCHHANDLUNO 

(BAKBWITZ  ÜBD  GOSSHAinf) 

1869. 


Inhalt.  Seite 

AltoBkische   Sprachdenkmäler    in   grieohiflcher   icbrift.      Von    W. 

Co  rasen.   (Fortsetzung) 241 

Ueber  die  entstehnng  des  o  aas  u  im  lateinischen.  Von  F.  Froehde  258 
Zum  ostfränkischen  vokalismus.  Von  Heinrich  6 radl  .  .  .  263 
Anzeigen:  Grammaire  compar^e  des  langues  classiqaes,  contenant 

la  th^orie  ^iementaire  de  la  Formation  des  mots  en  Sanscrit, 

an  Grec  et  en  Latin  avec  r^ferences  auz  ianffues  Germaniques 

par  F.  Baudrj,    1'*  partie:  Phon^tique.    Angezeigt  Ton  H. 

Schweizer-Sidler 284 

Ueber   ausspräche,    vokalismus  und  betonung  der  lateinischen 

spräche.    Von  W.  Corssen.    Zweite  umgearbeitete  ausgäbe. 

Angezeigt  von  H.  Sohweizer-8idler 291 

Miscellen:  Ariyat  und  J^gi^yvvfji^,    Von  G.  Schönberg     .     .     .    311 

Lateinische  wortdeutungen.    Von  F.  Froehde 313 

Nachruf.  (Aug.  Schleicher).  Von  Johannes  Schmidt  •  .  315 
Anzeige:    Wilhelm  Scherer,    zur    eeschichte  der  deutschen 

Sprache.  Angezeigt  von  Adalbert  Kuhn 321 

Miscellen:  l)Lira  u.  porca  das  aokerbeet,  fieXhijdie  hirse,  malva 

die  malve.    2)  Allerlei:  xdgffioq^  nlpai  u.  s.  w.    Von  A.  Fick    412 

Beilagen:     Prospectus.     Lexicon    Sophooleum    composuit   Fridericus 
Ellendt.    £ditio  altera.    Berolini.    Sumptibus  fratrum  Bomtraeger. 
Verzeichnifs  von  linguistischen  Werken.   Verlag  von  Trübner  9l  Co. 
in  London. 


In  Ferd.  Dümmler's  Yerlagsbachhandlimg  (HarrwiU  und  Gofs- 
mann)  in  Berlin  ist  erschienen: 

ISein^olb  (Aarl)^   ^rammatifc  ber  beutfd)en  Ittunbarten. 
Erster  Theil:  Alemannische  Grammatik.    1863.    gr.  8. 

geh.    3  Thlr.  10  Sgr. 
Zweiter  Theil:  Bairische  Grammatik.   1867.  gr.  8.  geh. 

2  Thlr.  20  Sgr. 

Nachdem  darch  Jacob  Grimm  die  geschichtliche  Grammatik  der  ger- 
manischen Sprache  in  bewondemswerther  Art  geschaffen  und  durch  eine  Reihe 
von  Forschern  einzelne  Theile  derselben  von  verschiedenen  Standpunkten  be- 
handelt worden,  wandte  sich  die  Auftnerksamkeit  mit  Vorliebe  der  Ergrttn- 
dang  der  deutschen  Mundarten  zu.  Eine  Anzahl  von  Idiotiken  entstand, 
durch  welche  die  Keuntnifs  des  deutschen  Wortschatzes  bedeutend  gefördert 
ward.  Noch  fehlt  es  aber  an  einem  Werke,  welches  die  grammatischen  Ver- 
hältnisse der  einzelnen  deutschen  Dialekte  nach  festerem  Plane  nicht  blos 
nach  ihrem  heutigen  Zustande,  sondern  nach  ihrer  ganzen  Entwickelung  be- 
arbeitete, welches  demnach  eine  wichtige  und  Ifingst  verlangte  Ergttnzimg  zu 
Grimmas  Grammatik  gäbe. 

Prof.  Weinhold  beabsichtigt  diese  Lttcke  auszufüllen  und  will  die  Dia- 
lekte der  Alemannen,  Baiern,  Franken,  Tfattringer,  Sachsen  und  Friesen  in 
einer  Reihe  von  Bänden  graumiatisch  darstellen,  so  dafs  die  Lautverhältnisae, 
die  Wortbildung  und  die  Wortbiegung  von  den  ältesten  Zeiten  an  und  so- 
weit die  Quellen  zugänglich  smd ,  wie*  J.  Grimm  dies  an  den  germanisehen 
Hauptdialekten  lehrte,  entwickelt  werden. 


Consen,  altoskische  Sprachdenkmäler  in  gn  ech.  schrift.  241 

Altoskische  Sprachdenkmäler  in  griechischer 
Schrift» 

(Fortsetzung.) 

In  der  bildung  des  perfectsuffixea  entspricht  liok-ak- 
. e i - 1  genau  der  oskischen perfectform  leik-ei-t,der  umbr. 
treb-ei-t,  den  lat  fun-ei-t,  po-sed-ei-t  u.  a.  In 
osk«  ac-nm  und  liok-ak-ei-t  verhält  sich  die  wurzelform 
ak-  zu  der  wurzelform  ag-  in  lat.  ag-ere  u.  a.  (Verf. 
aasspr.  I,  396«  2  ag.)  wie  die  wzf.  pak-  in  pac-i-t,  pac- 
•i-sc-i  zu  wzf.  pag-  in  pag-unt,  pang-o  (a.  o.  393) 
und  wzf.  plak-  in  lit.  plak-ü,  schlage  zu  wzf.  plag-  in 
plag-a,  schlag,  plang-ere  n.  a.  (a.  o.  395).  Von  den 
hier  seit  alter  zeit  neben  einander  erscheinenden  wurzelfor- 
men, die  auf  k  und  auf  g  auslauten,  ist  die  erstere  aller 
Wahrscheinlichkeit  nach  die  ältere,  so  dafs  schon  in  der 
Yorzeit  der  indogermanischen  sprachen  eine  erweichung  der 
tennis  zur  media  stattgefunden  hat.  Nach  dem  gesagten 
bedeutet  also  liokakeit  in  der  grabschrift  von  Anzi  so 
viel  wie  col-locavit. 

Die  unmittelbar  Forhergehende  form  xio.axsQfjissko.a,- 
oh  er  ei  hat  ganz  die  gestalt  einer  locativform  eines  o-stam- 
mes  wie  alttrei,  poterei-,  thesavrei,  Frentrei  u.  a. 
(Momms.  U.  D.  s.  230),  wie  diese  beiden  letzten  Wertfor- 
men mit  dem  suffix  -ro  gebildet.  Es  ist  auch  einleuchtend, 
dafie»  .ach-  in  jener  form  wurzelhafter  bestandtheil  und  ko- 
die  oskische  präposition  com-  ist,  die  auch  in  dem  oom- 
poeitum  com-parasc-ust-er  erscheint  (Verf.  zeitschr. 
IX,  162).  Welches  der  vor  .ach-  verschwundene  buch- 
stabe  gewesen  ist,  wage  ich  auch  nicht  vermuthungs weise 
auszusprechen.  Jedenfalls  liegt  die  schlufsfolgerung  nahe, 
dafs  die  locativform  ko. acherei  unmittelbar  vor  liok- 
akeit ^  lat  collocavit  gestellt  ein  nomen  ist,  das  den 
ort  bezeichnet,  wo  das  grabdenkmal  gesetzt  ist,  etwa  mit 
dem  sinne  in  consecrato  loco  oder  in  loco  maceria 
cincto,  in  consaepto  oder  in  area.  Weiter  vermag 
ich  tiber  jene  wortform  nichts  su  ermitteln. 

Z«it8ehr.  f.  vgl.  sprmchf.  XVm,  4.  16 


242  Comaü 

Nach  der  bisher  geführten  Untersuchung  kann  Ka- 
-^-a-^  =  Ka-h-a-8  nur  der  nominativ  des  snbjectes  des 
Vordersatzes  sein,  das,  wie  sich  ergeben  wird,  auch  im 
nachsatze  bleibt,  der  name  desjenigen  mannes,  der  das 
grabmal  „dargebracht^  oder  „versprochen  hat^:  leikeit, 
und  es  „gesetzt  hat^:  liokakeit.  In  Ka^/^-a-g^  Ka* 
-h-a-s  ist  das  schriftzeichen  /  die  bezei ebnung  des  laut- 
hauches  zwischen  zwei  getrennt  ausgesprochenen  vokalen 
wie  in  ^o^Ao->-o^f4  =  vollo-h-om.  Der  name  zeigt  die- 
selbe alterthümliche  nominativform  eines  auf  ar  auslauten- 
den männlichen  Stammes  wie  Tan-a*s  in  einer  sehr  alten 
samnitischen  inschrift  von  Aspromonte  unweit  des  alten 
Bovianum  (Momms.  U.  D.  s.  174,  VUI)  und  Mag-a-g 
in  der  Mamertiner  inschrift  von  Messina  (a.  o.  s.  193, 
XXXIX),  beides  altoskische  vornamen.  Dieselbe  nomi- 
nativform  alter  männlicher  a- stamme  hat  sich  erhalten 
in  den  altlateinischen  compositen  parri-cid-a-s  und 
hosti-cap-a-s  (Verf.  ausspr.  I,  588.  2ag.).  Die  geni- 
tivform eines  so  gebildeten  mannesnamens  ist  erhalten 
in  der  au£schrift  einer  nolanischen  vase  mit  etruskischer 
Schrift:  Marahieis  Puntais  (Mommsen  a.  o.  8.  314), 
wo  Punta-is  gen.  sing,  eines  Zunamens  Punt-a-8  ist. 
Marai.  Maqai,  in  den  Verbindungen:  Paakul  Mulukiis 
Marai  und  Magat  ^Yaovviov  (Momms.  unterit.  dial. 
p.  178,  XVI.  192,  XXXVIU)  sind  keine  genitivformen 
von  Mar*a-s,  sondern  abgekürzte  Schreibweisen  für  *Ma- 
raiieis,  eine  namensform,  die  sich  auf  der  tafd  von  Pie- 
trabbondante  vollständig  erhalten  hat  (yer£  zeitschr.  XI, 
403  f.  411  f.)  oder  Ar  Maraies  einer  lukanischen  bronze- 
platte ( Pabretti ,  Memorie  d.  deputaz.  di  storia  della  Ro- 
magna  anno  3^.  Im  messapischen  sind  die  nominativfor- 
men von  mannesnamen  auf -a-s  häufig;  so  Ja^tjiovag^ 
Ja^if^ag^  Ja^Ofiag^  Jijravo^ag^  /.i/a^iag,  Oboto^ 
gccg^  KccXarogag^  KqiO ovagj  ^anagsSovagy  Ao^ 
yerißccg,  Mok8aj.iag^  Mogxo/^iag  ^  So/^tdovag^ 
nXaxogag  u.  a.  (Momms.  a.  o.  s.  74 f.  80.  81).  Der  lu- 
kanische  name  Ka-h-a-s  scheint  desselben  Stammes  zu 
sein  wielat.  ca-tu-s,  Varr.  L.L.  VII,46:  Apud  Ennkim: 


altoskische  dprachdenkmlüer  in  griech.  schrift.  24S 

j^Jam  cata  signa  fera  sonitum  dare  vooe  parabant^,  cata 
acuta;  hoo  eoim  verbo  dicaat  Sabini;  quare:  ^oatus 
Aelius  Sextu8%  non,  ut  aiunt,  sapiens,  sed  acutus, 
et  quod  est:  „Tuno  cepit  memorare  simul  cata  dicta% 
accipienda  acuta  dicta.  Dieses  ca-tu-s  „scharf,  scharf- 
sinnig, klug^  von  WZ«  ka-  (J.  Schmidt,  die  wurzel  AK-, 
8.  10.  11)  ist  weiter  gebildet  in  den  römischen  namen 
Ca-t-iu-8,  Ca-tu-lu-s,  Cft-ti-1-lu-s  (Cft-ti-l-u-s), 
Ca-t-o,  Ca-t-ul-lu*s.  Demoach  bedeutet  Ka-h-as 
„der  scharfsinnige,  kluge,  schlaue^  wie  Tan-a-s,  verwandt 
mit  skr.  tan-u-s  dünn,  griech.  tav-a^o-g  lang,  lat.  ten- 
-u-i-s,  ahd.  dunn-i  dünn  (Curt.  Gr.  Et.  n.  230.  2ag.) 
„der  schlanke^  und  Mar-a-s  verwandt  mit  lat.  Mar- 
•ia-s,  Mar«o,  mer»u*s,  Mar-(t)-s,  griech. /ua(>-ju a(»- 
^zo-g  u.  a.  (Verf.  ausspr.  I,  404 f.)  „der  glänzende^.  Die 
einfache  namensform  Kahas  beweist,  dafs  die  grabschriffc 
von  Ansi  aus  ebenso  alter  zeit  stammt  wie  die  von  Sor- 
rento  mit  ihrer  einnamigen  aufschrift  Virin  eis,  und  da* 
fbr  sprechen  auch  die  Orthographie  der  inschrift  und  meh- 
rere alterthümliche  wortformen  derselben,  von  denen  noch 
weiter  unten  die  rede  sein  wird. 

Aus  dem  bisher  gefundenen  sinn  der  inschrift  ergiebt 
sich,  dafs  neben  dem  namen  Kahas  des  mannes,  der  das 
grabmal  setzt,  auch  der  name  des  verstorbenen  in  dersel- 
ben enthalten  sein  mufs,  dem  dasselbe  gesetzt  wird.  Die- 
sen kann  man  nur  suchen  in  den  letzten  buchstaben  der 
inschrift  fitiaiava^  deren  letzter,  von  dem  nur  ein  schrä- 
ger Schenkel  erhalten  ist,  jedenfalls  zu  a  ergänzt  werden 
kann.  Da  hinter  diesem  a  auf  dem  architrav  des  tempeU 
giebels,  den  der  grabstein  von  Anzi  darstellt,  jedenfalls 
noch  platz  ist  f&r  den  buchstaben  i,  so  darf  man  jene 
buchstabenfolge  ergänzen  zu  einer  dativform  Mtiatava[i\ 
Zwei  namen  fQr  den  verstorbenen,  etwa  einen  Vornamen 
und  einen  familiennamen ,  darf  man  nicht  annehmen,  da 
auch  derjenige,  der  das  grabmal  setzt,  nur  den  einen  na- 
men  Kahas  fahrt.  Mei-ai-ana-i  könnte  dativ  eines  fe- 
mininen namens  sein,  wenn  nicht  das  an  dem  unteren  bruch 
des  grabsteines  noch  sichtbare  köpf  haar  der  auf  demselben 

16* 


244  ConM& 

dargestellten  person  zeigten,  dafs  der  yeratorbene  ein  i 
war.  Also  mnfs  man  von  jener  dativform  auf  eine  nomi- 
natiTform  *Mei-ai-ana-8  derselben  art  wie  Eaha-e, 
Mara-8,  Tana-s  schliefseD,  welche  die  anffixe  -aio 
(-aiio)  und  -ano  enthält  wie  die  oskischen  namensfortneD 
Pomp-aii-an-8 ,  Pomp-aii-aoa-i,  Bov-ai-ano-d. 
Das  grandwort,  das  nach  ablösung  dieser  suffixe  übrig 
bleibt,  Me-io<-  ist  schwerlich  etwas  anderes  als  der  stamm 
Ma-iio*  in  der  dativform  Ma-iio-i  des  cippns  von  Abella 
und  in  dem  namen  Ma-io-g  der  inschrifb  Ton  Ischia,  also 
von  Mah-ii-s  =s:  lat.  Mag-iu-s  nnr  durch  den  ausfali 
des  gutturalen  lautes  verschieden  (Verf.  Z.  XI,  327  f.)* 

Es  bleibt  endlich  noch  die  wortform  (tf  a^  :=  svam 
der  vorliegenden  inschrift  zu  erkl&ren.  Die  erg&nzung  des 
letzten  unvollständigen  buchstabens  derselben  zu  ju  ist  um 
so  sicherer,  da  nur  dieser  den  räum  zwischen  dem  raade 
des  Steines  und  dem  e  von  scot  ausf&Ut,  während  die  er« 
gänznng  desselben  zu  A  zu  anfang  der  zeile  einen  leeren 
räum  auf  dem  architrav  des  durch  den  grabstein  darge- 
stellten tempelgiebels  Qbrig  lassen  wQrde.  Dieses  sva-m 
erscheint  als  eine  feminine  aecusatiTform  des  pronominal* 
Stammes  sva-  wie  osk.  pa«m,  pa-n,  lat.  qua-m  vom  re- 
lativen pronominalstamme  ka-  (Momms.  unterit.  dial.  s.  291. 
Verf.  zeitschr.  XI,  403.  414.  Ausspr.  I,  115.  2  ag.),  lat 
ta-m  vom  demonstrativen  pronominalstamme  ta-  und  lat 
na-m  vom  pronominalstamme  na-  (Verf.  krit.  beitr.  e.  289« 
290).  Osk.  sva-m  kann  also  jeden&lls  adverbielle  bedeu- 
tung  haben  wie  ta-m,  qua-m,  pala-m,  cora-m,  per- 
pera-m,  promisca-m,  protina-m,  bifaria-m,  tri* 
faria-m  (Verf.  ausspr.  I,  769  anm.  2ag.)  und  die  art  und 
weise  bezeichnen.  Sva-m  ist  zunächst  verwandt  mit  der 
altlateinischen  form  sua-d,  einer  femininen  ablativform  des 
pronominalstammes  sva-,  die  sie  bedeutet  (Fest.  p.  3öL 
Verf.  a.  o.  I,  196  f.  201 ),  und  dieselbe  bedeutung  ist  daher 
auch  far  osk.  sva-m  anzunehmen.  Es  bedeutet  im  zu- 
sammenhange der  grabschrifl  von  Anzi  als  adverbium  zu 
dem  verbum  liokakeit  s=s  lat.  collocavit,  dais  Kahas 
das  grabmal  „so^  gesetzt  hat,  wie  es  eben  fertig  dasteht 


altosiuBohe  sprachdenkmVler  in  griecb.  sohrift. 


845 


▼or  den  äugen  deqenigen,  der  die  inscfariffc  desselben  liest. 
Als  ortsadverbium  kann  man  sva-m  nicht  fassen,  da  die 
bestimmung  des  ortes  fbr  das  grahmal  schon  in  der  Ter» 
stflmmeltexi  locativform  ko.  ach  er  ei  gegeben  ist. 

Nachdem  ich  ron  der  Orthographie  der  grabschrift, 
Ton  jedem  lautbestandtheil  und  büdungsbestandtheil  ihrer 
wortformen  wie  von  ihrer  bedeutang  rechenschaft  abge- 
legt habe,  gebe  ich  hier  die  inschrift  noch  eipmal  in  grie* 
chischer  und  lateinischer  schrift  mit  der  Übersetzung  in 
das  lateinische,  die  letztere  f&r  einige  wortformen  doppelt 
einmal  im  engen  anschlufs  an  die  etymolc^e  der  oskischen 
Wörter,  dann  gemftfs  dem  sprachgebranche  lateinischer  grab- 
schriften: 


sorovom  einim 

praeditum  aoQtp    et 


et 

leikeit^ 
pollicitas   est, 


esot 
hoc 


ßgartafA 
bratom 
Votum 


Pot      Yollohom 

Quod  yallare 

Quod  exstruere  cinerarium 

xaniSiTiOfi  Ka/ag 

kapiditom  Eahas 

capide  (sepulcrum)         Cahas 

ollarium 

xw.ax^Qfji^      kioxaxBit      a^ajA 

ko.  acherei    liokakeit       svam 

in  CO ö    collocayit     sie 

Meiaianai. 
Meiaianae. 

Die  grabschrift  von  Anzi  wird  also  durch  die  einna* 
migkeit  der  in  derselben  erwähnten  personen  neben  der 
griechischen  schrift  in  dieselbe  zeit  gewiesen,  wie  die  grab- 
schrift von  Sorrento,  also  in  die  jähre  von  421  bis  338 
vor  Christus.  Auch  die  Verwendung  des  schriftzeichens  >c 
zur  bezeichnung  des  zwischen  zwei  getrennt  gesprochenen 
vokalen  entstehenden  lauthauches  theilt  die  besprochene 
grabschrift  von  allen  oskischen  Sprachdenkmälern  nur  mit 
der  opferurkunde  von  Agnone.  Diese  zeigt  sehr  alterthOm- 
Hche  bncbstabenformen  mit  nnregelm&fsigen  stumpfen  und 


S46  Conaen 

spitzen  winkeln,  spitz  anslanfenden  enden  der  schenke! 
and  Verlängerungen  derselben  Über  ihren  Scheitelpunkt  hin- 
aus ohne  jede  ligatur,  bnchstabenformen ,  wie  sie  die  äl- 
teste oskische  schrift  der  münzaufschriften  von  Phistelia 
aufweist,  die  Mommsen  vor  354  vor  Chr.  setzt.  Die  spä- 
tere oskische  schrift,  wie  sie  namentlich  der  Cippns  von 
Abella  aufweist,  zeigt  hingegen  durchweg  eine  spätere,  sehr 
regelmäfsige,  rechtwinklige  form  der  bnchstaben,  deren 
schenke!  niemals  über  ihren  Scheitelpunkt  verlängert  und 
deren  schenkelenden  durch  kleine  querstriche  geschlossen 
sind,  und  zahlreiche  ligaturen  auf  einander  folgender  bnch- 
staben. Auch  die  wortformen  der  opferurkunde  von  Agnone 
zeigen  spuren  eines  bedeutend  höheren  alters  wie  die  wort- 
formen des  cippus  von  Abella. 

Wenn  somit  durch  ihre  einnamigkeit  wie  durch  ihre 
Schrift  und  Orthographie  die  grabschrift  von  Anzi  bis  in 
das  fQnfte  Jahrhundert  vor  Christus  zurückgewiesen  wird, 
so  wird  dieses  ergebnifs  durch  alterthfimliche  und  sprach- 
geschichtlich wichtige  wortformen  bestätigt.  Die  nomina- 
tivform Eahas  wahrt  nicht  blos  das  a  des  männlichen 
wortstammes,  sondern  auch  das  s  des  nominativs  wie  Ta- 
nas,  Maras  in  altoskischen  und  lat.  parricidas  nnd 
hosticapas  aus  altlateinischen  Sprachdenkmälern  der  äl- 
testen zeit.  Der  infinit! v  voll  oh  om  zeigt  die  ältere  en- 
dung  -om,  während  spätere  oskische  Inschriften  nur  -um 
aufweisen,  wie  oben  nachgewiesen  ist.  Die  neutralen  ac- 
cusativformen  der  pronomina  esot  nnd  pot  haben  das  ur- 
sprüngliche t  der  neutralen  nominativformen  und  accusa- 
tivformen  erhalten.  Zwar  bieten  handschriften  des  Festoa 
noch  die  Schreibweisen  pit-pit,  pip-pit  fQr  die  der  la- 
teinischen quid-quid  entsprechende  oskische  pronominal- 
form; aber  in  diesen  kann  auslautend  t  statt  d  geschrie- 
ben sein,  wie  in  Inschriften  der  kaiserzeit  it,  quit,  qnot, 
quitquit,  quitquam,  illut,  aliut.  Kein  oskiecbes 
Sprachdenkmal  hat  aufser  der  grabschrift  von  Anzi  das  ur- 
sprüngliche neutrale  t  der  pronominalformen  gewahrt;  schon 
die  opferurknnde  von  Agnone  hat  dasselbe  zu  d  erweicht 
in  -pid  3s  lat.  quid  von  potereipid    wie   die   ältesten 


altOBkische  spraehdenkmXler  in  griech.  schrift.  247 

Ulis  erhalteneD  lateinischen  Inschriften  in  id,  quid,  qnod, 
w&brend  seit  der  Angusteischen  zeit  f&r  dieses  d  i^ieder 
das  ursprüngliche  t  geschrieben  wird  (Yerf.  ausspr.  I,  192 
— 194.  2  ag.).  Die  perfectformen  leikeit  und  liokakeit 
haben  das  t  des  Personalpronomens  der  dritten  person  un- 
versehrt erhalten  wie  ombnet  in  der  altoskiscben  tafel 
von  Pietrabbondante  (Verf.  zeitschr.  XI,  414)  und  öbSst  in 
der  ebenfalls  altosk.  weiheinschrift  des  helmes  von  Palermo, 
die  weiter  unten  zur  spräche  kommen  wird  (Verf.  ausspr. 
I,  195).  Die  Opferurkunde  von  Agnone  enth&lt  keine  for- 
men der  dritten  pere.  sing.  ind.  perf.  act. ;  aber  sie  wahrt 
das  ursprüngliche  t  in  der  dritten  pers.  sing.  conj.  praes. 
stait  r»  lat.  stet  (Verf.  zeitschr.  XIII,  250 f.  253 f.)  und 
in  der  3.  pers.  plur.  ind«  praes.  eestint  as  exstant  (a.  o. 
XI,  370.  XIH,  231).  Das  auslautende  t  der  3.  pers.  sing, 
ind.  perf.  ist  schon  zu  d  erweicht  in  der  sonst  sehr  alter- 
thQmlichen  form  einer  samnitischen  tempelinschrift  von  Bo- 
vianum  dadikatted  =  lat  dedicavit  (a.  o.  XI,  363. 
368  f.)  und  in  unated  a»  unavit  in  der  inschrift  eines 
samnitischen  censors  von  Bovianum  (a.  o.  403.  416)  und 
regelmAfsig  in  den  formen  späterer  oskischer  Sprachdenk- 
mäler: deded,  kombened,  proffed,  opsed,  profat- 
tedy  aamanaffed  (a.  o.  XIII,  253.  Verf.  ausspr.  I,  195. 
2  ag.).  In  der  3.  pers.  sing.  ind.  praes.  hat  noch  die  spät- 
oskische  form  faamat  das  auslautende  t  gewahrt  (Verf. 
seitschr.  XIII,  253.  259)  und  dem  altoskiscben  stait  ent- 
sprechend findet  sich  noch  auf  der  tafel  von  Bantia  die 
3.  pers.  sing.  conj.  praes.  tadait  (a.  o.  253).  Aber  in  der 
regel  ist  das  auslautende  t  dieser  conjunctivform  im  oski- 
sohen  zu  d  erweicht  wie  in  fuid,  fusid,  hipid,  pruhi- 
pid,  fefacid,  potiad,  heriiad,  deivaid  (a,  o.  XIII, 
252.  253.  Verf.  ausspr.  I,  195.  2  ag.).  Die  endung  der 
dritten  person  pluralis  -nt  hat  sich  nur  erhalten  in  der 
altoskiscben  form  eestint,  sonst  zu  t  erleichtert  wie  in 
86t  SS  sunt  und  in  den  futurformen  censazet,  triba- 
rakattuset,  angetuzet  (Ver£  zeitschr.  XIII,  250.  254f.) 
oder  zu  -ns  abgeschwächt  in  der  3«  pers.  plur.  ind.  praes. 
eitons  (a.  o.  XIII,  259  f.),  in  der  3.  pers.  plur.  ind.  per£ 


248  Gonsen 

teremnattens  und  uapsens,  ovnaBvg  (a.  o.  254)  and 
in  den  formen  der  3.  pers.  plor.  conj.  deicans,  potlans, 
tribarakattins,  patensins  (a.  o.).  Im  oskischen  nnd 
umbrischen  hat  so  wenig  wie  im  lateinischen  ein  onterschied 
bestanden  zwischen  sogenannten  starken  und  schwätzen 
verbalendungen  (Verf.  zeitschr.  XI,  350f.  XIII,  250).  Die 
älteren  oskischen  Sprachdenkmäler  haben  das  -t  und  -nt 
der  dritten  person  von  verbalformen  im  ganzen  treuer  ge- 
wahrt, als  die  späteren.  Die  formen  leikeit  und  lioka- 
keit  bezeugen  also  das  hohe  alter  der  grabschrifk  von 
Anzi  einmal  durch  Währung  des  t,  dann  aber  auch  durch 
die  bezeichnung  des  urspranglichen  eharaktervokals  I  durch 
6i,  das  die  späteren  oskischen  sprachdenkmiüer  in  den 
formen  wie  deded,  kombened  u.  a.  zu  e  abgeschwächt 
haben. 

Für  die  geschichte  der  italischen  conjngation  sind 
wichtig  die  beiden  formen  vollo-h-om  ss  lat.  valla-re 
und  kapidl-to-m,  wie  oben  nachgewiesen  ist,  eigentlich 
eine  neutrale  participialform  eines  oskischen  verbum  *ka- 
pidi-om,  das  lateinischen  wie  vestl-re  entspricht,  indem 
sie  das  Vorhandensein  einer  o-conjngation  und  einer  i-con- 
jugation  für  den  oskischen  dialekt  aufser  zweifei  setzen. 

Sicher  sind  also  in  den  formen  poti-ad,  poti-ans 
vom  verbum  poti-nm  =s  lat.  potl-ri  conjunctivfonnen 
wie  audi-at,  audi-ant  von  audl-re  (Verf.  zeitschr.  XI, 
338.  344 f.  356  f.  Ausspr.  I,  425.  2  ag.)  erhalten;  ebenso 
gehören  der  i- conjngation  an  die  conjunctivfonnen  heri* 
-iad,  umbr.  heri-iei  (zeitschr.  XI,  334£  355)  u.  a.  (Verf. 
ausspr.  I,  468  f.  2  ag.).  Auch  fa-t-l-om  „sprechen^  ist. 
hiernach  ein  verbum  der  i-conjugation,  gebildet  vom  nomen 
f a - 1 i -  =  griech.  (pa-Ti-^  während  das  lateinische  deno- 
minativum  fa-t-e-ri  „gestehen^  der  e-conjugation  gefolgt 
ist  (Verf  zeitschr.  XI,  344.  Ausspr.  I,  421  f ).  In  amfr-e-t 
=  lat.  amb-i-unt  von  einem  verbum  '^amfr-l-um  as 
lat.  amb-i-re  (Kirchh.  stadtr.  v.  Bant.  s.  9.  Zeitschr.  U, 
382)  ist  ursprüngliches  i  vor  der  personalendung  t  zu  e 
geschwächt  wie  in  den  perfectformen  deded,  oombened 
u.  a.    Also  auch  amfr-e-t  gehört  in  demselben  sinne  det 


altoskische  sprachdenkmiler  in  griech.  schrift.  249 

i-conjugati<m  an  wie  lat.  amb-l-re  nhd  das  einfache  I-re. 
Hingegen  wird  man  die  oskischeo  formen  liip-id,  pru- 
-faip-id,  hip-o*st,  prn-bip-u-8t  neben  lat.  hab*a- 
-erit,  pro-hib-u-erit,  habe-re,  pro»hib6-re,  umbr- 
habe,  habe-ta  (Eirchh.  a.  o.  8.  37.  Zeitschr.  IQ,  419. 
XI,  371.  AK.  umbr.  sprachd.  I,  140)  nicht  umhin  können 
fbr  formen  eines  verbum  der  e-conjugation  ^hape*um  zu 
bähen,  das  dem  lateinischen  habe-re  entspricht.  Von 
einem  oskischen  verbam  ^lonk^-um  =  altlat.  *loace-re, 
lucö-re  ist  auch  der  oskische  beinamen  des  Jupiter  Lu- 
ce-t-iu-8  ausgegangen  (Serv.  Verg.  Aen.  IX,  570.  Momms. 
unterit.  dial.  s.  274.  Verf.  krit.  beitr.  s.  471.  Ausspr.  1, 367. 
2  ag.).  Demgemäfs  verhält  sich  auch  der  oskische  name 
einer  göttin  Gene-ta-i  „erzeugerin^  zu  einem  oskischen 
yerbum  *genS-um  „erzeugen^  wie  lat  M one-ta  zu  mo- 
ne-re  (Momms.  unterit.  dial.  253*  Zeitschr.  I,  93.  V,  10. 
Verf.  ausspr.  I,  438.  2vag.).  Die  yerbalform  ei-tu-ns  = 
lat.  e-unt  (zeitschr.  V,  129.  402.  VI,  24.  28.  XIH,  259) 
▼on  einem  verbum  *ei-tu-um  entspricht  lateinischen  de- 
nominativen  verben  wie  sta-tn-ere,  fu-tu-ere. 

Der  oskische  dialekt  hatte  also  wie  die  altlateinische 
q>rache  abgeleitete  verba,  deren  stamme  auf  ft,  ß 
I  und  ö  auslauteten;  im  oskischen  dialekt  überwogen 
aber  bei  weitem  die  abgeleiteten  verba  der  a*conjugation 
auf  -ft-um  wie  die  lateinischen  auf  -a-re.  In  beiden 
sprachen  ist  von  diesen  verbalstftmmen  eine  ffiUe  von  no- 
minalbildungen  ausgegangen  (Verf.  zeitschr.  V,  96  f.  Krit 
beitr.  s.338f.).  Auch  im  umbrischen  dialekt  überwiegen 
unter  den  abgeleiteten  verben  die  der  a-conjugation  und 
die  nominalbildungen  von  denselben  (AK.  umbr.  sprachd. 
I,  140  f.  146.147.  t«3.). 

Die  schrift,  die  Orthographie,  die  alterthümlichen  und 
sprachgeschichtlich  wichtigen  sprachformen  und  die  einfa- 
chen namen  der  personen  sprechen  also  übereinstimmend 
dafür,  dafs  die  grabschrift  von  Anzi  zu  den  Älte- 
sten oskischen  Sprachdenkmälern  gehdrt,  die  wir 
besitzen,  und  mit  den  ftltesten  münzaufschriften  von  Uria, 
AUifiie   und  Phistelia   dem  Zeitalter  vor  dem  beginne 


250  Consen 

der  Samniterkriege  angehören.  Wie  die  in  einheimi* 
scher  schlangenförmig  gewundener  schrift  eingemeifselteD 
aitsabellischen  Inschriften  der  steine  von  Creochio  und  Gn* 
pra  maritima  überragt  auch  die  grabschrift  von  Anzi  an 
alter  alle  uns  erhaltenen  Originalurkunden  der  altlateinischen 
spräche.  Wenigstens  fehlt  es  bis  jetzt  an  beweisen  daf&r^ 
daüs  irgend  eine  der  altlateinischen  aufschriften  auf  kunst- 
werken  oder  der  weiheinschriften  auf  bronzetafeln  ans  dem 
fünften  Jahrhundert  vor  Christus  herrühre,  obwohl  das 
keineswegs  undenkbar  wäre. 


3.     Die    weiheinschrift   eines   helmes    zu 
Palermo. 

Diese  inschrift  ist  eingeritzt  in  einen  heim  unbekannten 
ftindortes,  der  gegenwärtig  im  museum  zu  Palermo  verwahrt 
wird.  Fabretti  erhielt  von  derselben  einen  papierabklatsch 
nach  einem  kalkabdruck  von  Giovanni,  Vorsitzendem  der 
commission  f&r  alterthfimer  und  schöne  künste  von  Sicilien 
und  hat  die  inschrift  nach  demselben  mitgetheilt  und  be- 
sprochen in  den  Verhandlungen  der  königlichen  akademie 
der  Wissenschaften  zu  Turin  (Adun.  d.  cl.  di  sei.  mor.  stör, 
e  filol.  tenut.  il  di  29  di  maggio  1864).  Fabretti  bezeich* 
net  dieselbe  als  „un  iscrizione  recentemente  scoperta,  la 
quäle  si  legge  grafSta  su  due  elmi  provenienti  dal  Sannio 
o  dalla  Lucania  ed  or  conservati  nel  Museo  di  Palermo*'. 
Nach  diesen  werten  mufs  man  schliefsen,  daft  nach  Fa- 
bretti's  ansieht  ein  und  dieselbe  inschrift  auf  zwei  helmen 
geschrieben  steht,  wie  sie  auch  im  Corpus  InseriptioiMim 
Italicarum  wiedergegeben  ist  (n.  2890  a.  b.).  Derselbe  be- 
merkt aber:  ,,11  calco  del  secondo  elmo,  per  la  leggeresca 
del  graffito,  non  presente  Tiscrizione  tanto  ohiaro  per  ri* 
produrla  in  facsimile^,  spricht  auch  in  seinem  aofiwtse 
immer  nur  von  der  facsimilierten  inschrift  des  einen  helmes. 


gltoskische  spraehdenkniKler  in  griech.  schrift.  251 

Allein  von  dieser  kann  also  hier  die  rede  sein,  und  was 
auf  dem  anderen  -  helme  geschrieben  stand  oder  steht,  bleibt 
vorläufig  ganz  dahingestellt. 

Die  vorliegende  inschrift  weist  die  bucbstabenfonnen 
des  dorisch- sicilisch-chalkidischen  alphabets  auf,  namentlich 
der  dorischen  vasen,  schliefst  sich  also  zunächst  an  die  in 
Campanien,  Lucanien,  Bruttinm  und  Messina  gefundenen 
oskischen  Sprachdenkmäler  in  griechischer  schrift  an(Momms. 
nnterit.  dial.  s.  190—199,  taf.  XII).  Nur  das  t  hat  in  der 
helminschrift  von  Palermo  die  archaistische  form  f  wie 
das  etruskische  aiphabet  der  noianischen  gef&fse  (a.  o. 
taf.  Xni,  1.  2.  4.  13.  14)  und  des  thongefäfses  von  Bo- 
marzo  und  das  umbrische  wie  das  phönikische  aiphabet 
(a.  o.  taf  I.).  Die  schrift  jener  inschrift  ist  linksläufig  wie 
die  aufechriften  zweier  ziegel  von  Monteleone  mit  oski- 
schen namen  (a.  o.  s.  196).  Linksläufige  anfschriften  auf 
knnstwerken  können  aber  ein  besonders  hohes  alter  der- 
selben nicht  erweisen. 

Fabretti  liest  die  obige  inschrift:  TQsßg  KasiftEg 
SiStT  und  erklärt  sie  Trebins  Seztius  dedit  (a.  o. 
p.  2).  Von  dieser  deutung  kann  ich  nnr  die  erklärung  des 
letzten  wertes,  der  verbalform  SsSev  =s  tat.  dedit  filr 
vollkommen  richtig  halten«  In  den  vorhergehenden  Wörtern 
sind  zwar  nominative  von  oskischen  namen  enthalten ;  aber 
diese  sind  aus  paläographischen  und  sprachlichen  gründen 
anders  zu  erklären,  als  Fabretti  aufstellt.  Derselbe  behaup- 
tet ,  der  buchstabe  >  bedente  in  der  inschrift  k.  Aber  eine 
soldhe  form  des  k  ist  den  dorischen  alphabeten  völlig  firemd, 
nnd  der  buchstabe  >  bezeichnet  in  denselben  niemals  etwas 
anderes  als  die  media  g  (Momms.  U.  D.  taf.  I).  Schon  hier- 
aas folgt,  dafs  die  buchstaben  ^  >  der  helminschrift  von 
Palermo  nicht  anlautendes  ks  eines  oskischen  wortes  be- 
deoten  können;  dagegen  spricht  auch,  dafs  die  oskische 
lantfolge  ks  in  der  griechischen  schrift  der  Mamertiner 
v<m  Messina  durch  |  bezeichnet  wird,  in  der  oskischen 
wortform  fi^SSsi^  fttr  meddeiks  (Momms.  nnterit.  dial. 
8. 193).  Da  femer  der  oskische  ziscUant  s  in  allen  Sprach- 
denkmälern mit  griechischer  schrift  sonst  ohne  ausnähme 


252  Comen 

durch  griechisches^  bezeichnet  wird,  so  ist  es  üDglauUicb, 
dafs  in  der  vorli^enden  helmauischrift  eben  dieser  laut 
durch  ks  bezeichnet  wQrde.  Um  das  glanblioh  machen, 
beruft  sich  Fabretti  auf  die  Schreibweise  Ivv  fbr  (Tvp, 
Aber  in  griechisch  ^vv  Terglichen  mit  den  nebenformen 
xvv^  (Svv  und  lateinisch  cum,  com-  ist  sk  jedenfalls  ein- 
mal der  aniaut  der  präposition  gewesen  (Curt.  gr.  et.  s.  477. 
626.  2  ag).  Dafs  hingegen  die  oskische  wortform  für  die 
sechszahl  nur  mit  s  anlauten  konnte  nicht  mit  ks,  beweisen 
lat.  sex,  umbr.  se-men-ie-s  »s  se-mes-tri-bns  (AK. 
umbr.  sprachd.  II,  411)  und  das  entsprechende  sahlwort 
aller  verwandten  europäischen  sprachen  wie  des  sanskrit 
(Curt.  a.  o.  n.  584).  Also  kann  es  weder  eine  griechiaehe 
Schreibweise  *i^ 0*6 IT re^  f&r  einen  oskischen  namen  2Bor%^ 
=s  lat.  Sextius  gegeben  haben,  noch  eine  oskische  wort- 
form ^Ka^öT^g  =  lat.  Sextius.  Der  buchstabe  >  der 
in  rede  stehenden  Inschrift  kann  also  nur  die  gutturale 
media  g  bezeichnet  haben.  Da  nun  im  oskischen  dialekt 
nach  allem,  was  wir  von  demselben  wissen.  So  wenig  wie 
in  irgend  einer  verwandten  Sprache  eine  wortform  *Y<f%aT%q 
bestanden  haben  kann,  oder  gar  ein  Wortungeheuer  wie 
*TqBß6y,  so  folgt  mit  zwingender  noth wendigkeit,  dafs 
der  buchstabe  >  sowohl  von  dem  vorhergehenden  Tgeßg 
als  von  dem  folgenden  JSearsg  zu  trennen  ist,  dafs  er 
gar  nichts  anderes  sein  kann  als  der  anfangsbuchstabe  eines 
oskischen  namens  oder  titeis.  Nun  ist  >  die  gewöhnlidie 
sigle  des  oskischen  Vornamens  Gaaviis  ss  lat  Gains;  so 
auf  oskischen  münzen:  O.  Paapi  O.  Mutil  embratur 
=  Gaius  Papius  Qai  filius  Mutilus  Imperator 
(Momms.  unterit.  dial.  s.  253.  Leps.  Inscr.  Umbr.  et  Oao. 
Taf.  XXX,  44.  46.  Priedl.  d.  osk.  mttn«s.  Taf.  IX,  6.  9)  und 
auf  einer  tufeteinsäule  der  nekropole  von  Cumae:  G.  Silli 
G.  =  Gaius  Sillius  Gai  filius  (Verf.  zeischr.  XI,  325. 
Fabr.  C.  I.  Ital.  2760).  Einen  mit  g  anlautenden  titel  dnes 
oskischen  beamten  kennen  wir  hingegen  nicht.  Es  ergabt 
sieh  also,  dais  auch  auf  dem  heim  von  Palermo  der  bach- 
etabe  >  den  oskischen  namen  Gaaviis  bedeutet.  Denmadi 
ist  die  Inschrift  desselben  zu  lesen: 


•ItotkiBche  spnchdeiikiiilller  in  grieoh.  schrift.  253 

Tg^ßg  r.  Jtaateg  SbSst. 
Auoh  fkmilienDamen  werden  zwar  in  oskischen  Inschriften 
abgekürzt  geschrieben;  aber  dafs  vomame  und  zuname 
ToUständig  ausgeschrieben  wären,  hingegen  der  familienname 
blofs  durch  den  anfangsbnchstaben  angedeutet,  ist  in  oski- 
schen Inschriften  völlig  ohne  beispiel.  Das  >  kann  also  auf 
dem  heim  von  Palermo  nur  den  Tomamen  Gaviis  bezeich* 
nen.  EKe  singularform  des  verb.  Je^crsslat.  dedit  zeigt, 
dals  Tor  derselben  nur  eine  person  genannt  sein  kann, 
welche  den  heim  einer  gottheit  geweiht  hat,  der  name  eines 
kriegers,  der  ihn  im  kämpfe  getragen  oder  erbeutet  hat.  Ein 
und  dieselbe  person  wird  in  osk.  inscbriften  mehrfach  durch 
▼ier  namen  bezeichnet,  nämlich  vomamen,  familiennamen, 
Vornamen  des  vaters  im  genitiv  und  zunamen,  zum  beispiel : 
L.(?)  Staatiis  L.  Elar[i8]  as  Lucius  Statius  Luci 
filius  Clarius  (Yer£  zeitschr.  XI,  363),  Gn.  Staus  Mb. 
TafidinS|S=:Gnaeius  Staius  Magii  filius  Tafidinus 
(a.  o.),  L.  Slabiis  L.  Aukll  =  Lucius  Slabius  Luci 
filius  Aucilus  (Momms.  nnterit.  dial.  s.  179,  XVIII). 
Da  nun  Tgeßg  F,  Sbötsq  eine  einzige  person  bezeichnet, 
und  die  sigle  F  nur  den  vomamen  Gaviis  bedeuten  kann, 
so  mufs  man  schlie&en,  dafs  das  P  nach  Tpeßg  vor  ^e* 
cfTis  den  Vatersnamen  im  genitiv  bezeichnet  wie  das  L 
nach  Slabiis  vor  Aukil,  dafs  also  Tgsßg  den  familien. 
nameo  des  genannten  kriegers  bedeutet,  ^eareg  den  zu- 
namen. Daraus  ergiebt  sich  unweigerlich  die  schlufsfolge- 
ruQg,  dafii  in  dem  vorliegenden  tezt  der  inschrift  der  Vor- 
namen des  kriegers  fehlt,  sei  es,  dafs  der  Schreiber  ihn 
ausliefe,  sei  es,  dafs  der  anfangsbuchstabe  desselben,  in  das 
metall  des  helmes  leicht  eingekratzt,  undeutlich  geworden 
oder  verschwunden  ist;  und  diese  letztere  annähme  hat  die 
Wahrscheinlichkeit  fikr  sich,  da  nach  Fabretti^s  angäbe  die 
inschrift  des  anderen  helmes  so  leicht  eingeritzt  ist,  dafs  der 
kalkabdmck  oder  der  papierabklatsch  die  zQge  derselben 
nicht  vollständig  wiedergab.  Man  kann  natürlich  nicht  mit 
Sicherheit  wissen,  welcher  buchstabe  zu  anfang  der  inschrift 
▼srchwunden  oder  weggelassen  ist,  welches  der  vomame  des 
kriegers  gewesen  ist.  Indessen  dafe  bei  den  oskisch  redenden 


256  Corflsen 

Heiren-iu,  Sil-ie-s,  Stat-ie,  Pont-il-s,  Paapii, 
Stat-ii-8,  Paap-ii,  Heirenn-i-8,  Paap«i  (Momms. 
unierit.  dial  8.  229.  Oloss.  Verf.  zeitschr.  XI,  325.  339  f. 
401  f.  Xm,  191.  Fabr.  a.  o.)  und  neben  diesen  auch  Het- 
ren-8,  Upii-s,  Salav-s,  Treb*8.  Bei  dieser  vielge- 
staltigkeit  der  nominativformen,  kann  es  nicht  verwundern, 
zwischen  den  lokanischen  forme»  wie  Mara-ie-s,  Afar- 
*ie-s  u.  a.  und  den  nominativformen  wie  Treb-s  der  vor- 
liegenden helminschrift  in  eben  diesem  Sprachdenkmal  eine 
zwischenform  Sest-e-s  =  lat  Sest-io-s  anzutreffen,  ent- 
standen aus  *Sest-ie-8,  indem  i  vor  e  schwand.  So  ist 
dasselbe  geschwunden  in  den  formen  der  dritten  pars,  plur« 
Alt.  I  und  II  censa-zet,  tribarakattu-set,  angetn* 
-zet,  deren  suflSx  -set,  -zet  dem  umbrischen  suffix -reat 
der  dritten  pers.  plur.  fut.  II  von  benu-rent,  fakn-rent, 
habu-rent  entspricht  wie  dem  lateinischen  suf&z  «rint 
von  vene-rint,  fece-rint,  habue*rint  und  -runt  von 
erunt,  sufßxformen  die  alle  von  italischen  grundfonnen 
*es-ie-nti,  *es-io-nti  einer  ursprünglichen  form  *a8- 
-ia-nti,  eines  conjunotivischen  iutnrums  der  wurzel  ae- 
„sein^,  ausgegangen  sind  (Verf.  zeitschr.  Xin,254f.  XI, 
354.  Ausspr.  I,  563,  anm.  2  ag.).  Da  die  oskischen  vor^ 
namen  meist  mit  dem  sufBx  »io  gebildet  sind  (Momms. 
unterit.  dial.  s.  242),  so  ist  es  erkl&rlich,  wenn  in  der  helm- 
inschrift von  Palermo  ein  ebenso  gebildeter  zuname  Sest- 
*e*s  ==  lat.  Se,st-iu*s  erscheint  neben  dem  lateinischen 
Zunamen  Sextu-s.  Wie  osk.  meddis  aus  meddiks  enf^ 
standen  ist,  so  führt  der  grundbestandtheil  ses-  in  Ses- 
-t-e-s  auf  eine  oskische  form  *eeks  der  sechszahl  =  lat. 
sex,  die  auch  in  umbr.  se-men-ie-s  ==  se-mes-tri-bus 
zu  gründe  liegt.  Die  helminschrift  von  Palermo  ist  nach 
der  vorstehenden  Untersuchung  folgendermafsen  zu  Ober* 
setzen : 

[6.]  Trebs      6.     Sestes    dedet. 

[G.]  Trebius  6.  f.  Sestius  dedit 
Der  sinn  derselben  ist:   [Gaius]  Trebius  Sestius  söhn  des 
Gaius,  ein  oskisch  redender  kriegsmann,  hat  nach  fiberstan- 
denen  feldzügen  und  kämpfen  einen  heim,  den  er  entweder 


altoskische  sprachdeDkmäler  in  griech.  ichrift.  257 

selbst  getragen  (Hör.  Od.  III,  26,  3  f.)  oder  Tom  feinde  er- 
beutet hat  (a.  o.  UI,  5,  ISf.))  der  gottheit  geweiht,  der  er 
ftar  ihren  schätz  in  den  gefahren  und  mQhsalen  des  krieges 
dankbar  ist.  Man  darf  annehmen,  dafs  jener  krieger  einer 
der  samnitischen  schaaren  angehörte,  die  im  fünften  nnd 
vierten  Jahrhundert  vor  Christus  erobernd  Lucanien  und 
Bruttium  durchzogen,  zu  denen  auch  die  Mamertiner  ge- 
borten, die  sich  später  nach  Agathokles  tode  Messinas 
bemfichtigten.  Aus  der  oskischen  inschrift  von  Messina  in 
griechischer  schrift  erfahren  wir,  dafs  zwei  /neSSei^  genannte 
beamte  nnd  die  gemeinde  der  Mamertiner  dem  Apollo  ein 
heiligthum  weihen  (Momms.  unterit.  dial.  s.  1 93,  XXXIX). 
Dafs  die  weiheinschrift  des  helmes  von  Palermo  nicht  aus 
Samnium  stammt,  wo  sich  oskische  inschriften  mit  griech. 
schrift  überhaupt  nicht  gefunden  haben,  sondern  aus  Cam- 
panien,  Lucanien,  Bruttium  oder  Messina,  wo  griech.  schrift 
oskischer  Sprachdenkmäler  erwiesen  ist,  liegt  auf  der  band. 
Und  da  Messina  doch  mit  Palermo  in  der  nächsten  und 
onmittelbarsten  Verbindung  steht,  so  liegt  die  vermuthung 
nahe,  dafs  der  heim  mit  der  oskischen  weiheinschrift  in 
griechischer  schrift  aus  Messina  stammt,  und  dafs  der 
kriegsmann,  der  ihn  weihte,  ein  Mamertiner  war,  der  viel- 
Idcht  dem  samnitischen  kriegsgotte  Mamers  seinen  dank 
darbrachte. 

Dafs  die  besprochene  inschrift  aus  späterer  zeit  stammt 
als  die  grabschrift  von  Anzi,  beweist  der  ausgebildete  ge- 
brauch der  vier  namen  für  eine  person  nach  oskischer  sitte. 
Die  Mamertiner  inschrift  zeigt  in  der  bezeichnung  der  beiden 
fi€3ÖBi^:  ^JxBviQ  Kcelivig  ^raTTit]ig  =  Stenius 
Calinius  Statu  filius  und  MaQaq  Ilo^nvies  Niuf4,' 
(fäifiig  =  Maras  Pomptius  ^Numisidii  filius  die- 
selbe oskische  sitte  der  benennung,  nur  dafs  hier  die  Zu- 
namen fehlen.  Mommsen  setzt  diese  inschrift  in  die  zeit 
bald  nach  dem  tode  des  Agathokles  (a.  o.  s.  lOG)»-  also  in 
die  zeit  des  Pyrrhus.  Da  nun  die  helminschrift  von  Pa- 
lermo sowohl  durch  die  griechische  schrift  als  durch  die 
Wahrung  des  auslautenden  t  der  perfectform  dedet,  von 
der    schon    oben   die    rede    gewesen  ist,    sich  als  ein  os- 

Zeitschr.  f.  vgl.  sprachf.  XVIII.  4.  17 


258  Froehd« 


kiflclies  spraohdenkmal  der  filteren  zeit  kundgiebt,  so  ist 
man  berechtigt  zu  folgern,  dafs  dieselbe  dem  Zeitalter  vom 
beginne  der  Samniterkriegc  bis  zum  beginne  der 
pnnischen  kriege  angehört. 

Berlin.  W.  Corssen. 


üeber  die  entstehnng  des  o  aus  u  im  lateini- 
schen. 

Die  unmittelbare  entstehung  des  o  aus  wurzelhaftem  o, 
wie  wir  sie  im  deutsehen,  slawischen,  im  kyprischen  dialect 
(Schmidt  zeitschr.  IX,  366),  im  neuumbrisohen  (Aufrecht 
und  Kirchhoff  umbr.  sprachd.  p.  62;  Corssen  voc.  I,  251 ) 
finden,  wird  von  Schleicher  (compend.  p.  71)  sowie  von 
Schweitzer  (an  mehreren  stellen  dieser  Zeitschrift)  fbr  das 
lateinische  in  abrede  gestellt.  Dagegen  lassen  andere  ge* 
lehrte  wie  Pott,  Curtius,  Corssen,  Fick  diesen  lautübergang 
in  ihren  etymologischen  arbeiten  zu  und  Curtius  fahrt  in 
der  tabelle  der  regelmäfsigen  lautvertretung  o  schlechthin 
als  Vertreter  des  u  ftlr  das  lateinische  auf.  Die  folgenden 
bemerknngen  wollen  einen  beitrag  zur  entscheidung  der  fbr 
den  lateinischen  vocalismus  sowohl  wie  für  die  etymologie 
nicht  unwichtigen  frage  geben,  und  unterziehen  zu  diesem 
behufe  die  beispiele,  welche  zum  erweise  des  bezeichneten 
lautwandels  angef&hrt  werden  können  oder  angeführt  wor* 
den  sind,  einer  genaueren  prüfung. 

In  den  wenigen  Überresten  der  latinit&t  bis  zum  han- 
nibalischen  kriege  ist  ein  bezügliches  beispiel  nicht  über- 
liefert; denn  die  formen  exfociont  und  macistratos  in 
der  wiederhergestellten  columna  rostrata  sind  f&r  jene  zeit 
jedenfalls  nicht  beweisend  (vgl.  Ritschi  de  tit.  col.  r.  cqmm. 
II,  p.  4).  Oefler  finden  wir  langes  o  wurzelhaftem  u  gegen- 
über; allein  hier  ist  nicht  sowohl  unmittelbarer  Übergang 
als  synizesis  aus  älterem  ou  anzunehmen  in  der  weise,  wie 
robigo  fbr^^roubigo  aus  der  wurzel  rudh,  oder  cono- 
tos  (carm.  arv.)  aus  co(j)uncto8  (Corssen  voc.  ü,  43)  her- 


aber  die  entstehUDg  des  o  aus  h  im  Uteinischen.  259 

vorgiog.  So  entstand  Roma  aus  ^Rouma  von  wz.  erii« 
(Corasen  zeitscfar.  X,  18);  losna  auf  einem  praenestinischen 
Spiegel  (corp.  insc.  lat.  Ö5)  aus  *iou8na  von  wz*  Ins  leuch- 
ten, die  in  altn.  l^sa  lios,  lat.  illustris  erscheint;  ferner 
Poloces  (a.  o.)  aus  *Polouces  sss  rioXvSsvxtig^  coraverunt 
(a.  o.  75)  aus  couravcrunt '). 

Es  ist  indessen  aus  dem  fehlen  von  beispielen  noch 
nicht  mit  Sicherheit  zu  schlie&en,  dafs  der  Übergang  von 
u  in  o  in  jener  alten  zeit  unerhört  war.  Denn  gleich  im 
anfange  der  folgenden  periode  der  lateinischen  spräche,  in 
der  Volks-  und  Schriftsprache  mehr  und  mehr  auseinander 
gehen,  sehen  wir  in  ersterer  denselben  in  einzelnen  bei- 
spielen hervortreten.  So  bediente  sich  Livius  Andronicos 
nach  Festus  zeugnis  (p.  297  M.)  des  plebejischen  sortus 
fbr  surrectus.  Der  spräche  der  landleute  gehörte  die  form 
jogalis  (wz.  jug)  an,  die  bei  Cato  r.  r.  10.  14  überliefert 
ist.  Ebenso  gestattete  der  volksmund  die  giiechischen  Wörter 
xväfopice  (fÄ^la)  Und  ayxvga  zu  cotonea  (mala)  und  an« 
cora*  Dafs  dagegen  molucrum  (Afran.  343  B.)  dem 
griechischen  entlehnt  sei  (Festus  p.  141),  scheint  mir  nicht 
ausgemacht;  weder  fprm  noch  bedeutung  nöthigen  zu  sol* 
eher  annähme.  Weiterhin  zn  Ciceros  zeit  sprach  das  volk 
oonnus  (aus  cus*nus,  vgl.  Aufrecht  zeitschr.  IX,  232),  wie 
aus  ep.  ad  fam.  IX,  22  zu  erschliefsen  ist.  Wahrscheinlich 
haben  wir  unseren  lautObergang  anzunehmen  in  dem  auf 
inschriften  öfter  vorkommenden  Posilla  f&r  pusilla  (corp. 
insc.  lat.  953.  1035.  1098.  1306),  obgleich  die  etymologie 
des  Wortes  noch  nicht  hinreichend  aufgekl&rt  ist.  Wepn 
stndere  dem  griechischen  antvöuv  entspricht,  so  ist  die 
form  stodia  (Orelli  4859)  ein  beiepiel  aus  der  augustei* 
sehen  zeit.  Dais  u  in  rudis  ursprOnglich  sei,  ist  meines 
Wissens  noch  nicht  erwiesen,  so  dafs  sich  über  erodita 
(corp.  insc.  lat.   1009)  nicht  sicher  urtheilen  l&fst.    Fernere 


*}  Da  UL  a  aus  oa  öfter  gr.  «i>  entopriclit  wie  in  Ju-piter  neben  Ztv-^ 
in  jogera  jameDtum  neben  ^tvyt^  ^ivyfta  nnd  s  vor  c  im  anlani  Uteinischer 
Wörter  nicbt  selten  abgefallen  ist,  so  wäre  es  möglich  con-rare  dem  griechi- 
schen a*it*-üC^uv  in  der  wurael  gleichxusetsen;  jedenfalls  ist  fttr  die  et3rmo- 
logie  die  eonstmction  (curare  procnrare  aliquid)  Ton  Wichtigkeit  ^ 

17* 


860  Froehde 

beiBpiele  Bind  noch  Fortona  (a.  o.  1289),  sescoDciam 
(a.  o.  1430),  domo»  gen.  (Augustus  nach  Mar.  Vict.  de 
met.  1,4).  In  der  kaiserzeit  nimmt  der  Qbergang  von  n 
in  o  mehr  und  mehr  Oberhand  und  gelangt  endlich  zur 
herrachaft.     Vgl.  Schuchardt  voc.  des  Yulgärlat.  II,  49 ff. 

Dies  werden  etwa  die  beispiele  sein,  die  sich  zum  er- 
weise des  in  rede  stehenden  lautwandels  als  aberliefert  an* 
fiCkhren  lassen.  Allein  alle  diese  formen  gehören  der  Volks- 
sprache an,  und  sowohl  die  sorgftltigeren  Schriftsteller  der 
archaischen  litteraturperiode  wie  die  des  klassischen  Zeit- 
alters haben  sich,  die  fremd  Wörter,  wie  natQrlich,  ausge- 
nommen, ihrei  enthalten.  Denn  auch  die  Schreibung  sob* 
oles,  auf  die  sich  Pott  (praep.  652)  beruft;  und  die  aller- 
dings im  Lachmannschen  Properz  (V,  1.  77)  steht,  ist  nicht 
alt  (vgl.  Schuchardt  a.  o.).  Ebenso  lassen  sich  die  formen 
fore  forem,  in  denen  Schleicher  und  Schweitzer  eine 
ausnähme  anerkennen  wollen,  anders  beurtheilen.  Nämlich 
nach  analogie  von  pluo  nuo  u.  a.  aus  *plovo  *novo  geht  fuo 
auf  älteres  *fovo  zurfick,  dessen  infinitivus  *fovere  in  der- 
selben weise  zu  fore  zusammengezogen  werden  konnte,  wie 
aus  •pover  (puer  na^tg)  por  in  Marcipor  entstand.  Wo 
sonst  noch  im  lateinischen  formen  mit  o  und  n  nebenein- 
ander stehen,  ist  das  letztere  unächt  So  sind  die  Schrei- 
bungen funte  frundes  frunte  (Prise.  I,  35  H.)  nicht  die  ur- 
sprOnglichen  und  es  konnte  daher  der  stamm  fönt  nicht 
einem  griechischen  x^^h  ^^^  überdies  gar  nicht  vorhanden 
ist,  unmittelbar  gleichgesetzt  werden  (vergl.  Corssen  beitr. 
215).  Für  culina  sagten  die  älteren  coli  na  (Non.  p.  55. 
18).  Ich  sehe  keinen  nöthigenden  grund,  mit  Fick  (wörterb. 
d.  indog.  grundspr.  p.  45)  dieses  wort  zu  einer  indogerma- 
nischen Wurzel  kflr  kfil,  einer  modification  von  kar  zu  zie- 
hen; es  schliefst  sich  einfach  an  calere  an  und  steht  auf 
gleicher  stufe  mit  poicer  colpa  indostruus  u.  a.  (Prise.  I, 
27  H.). 

In  einigen  Allen  steht  lateinischem  o  im  griechischen 
V  gegenüber;  doch  ist  hier  nirgends  die  priorität  des  letz- 
teren hinlänglich  erwiesen*).   Neben  i9t;^a  =  fores  finden 

*)  üreprttngliehes  a  g«ht  im  griechischen  vor  o  oft  in  v  tther;  so  auch 


ttber  die  entstehuog  de«  o  aus  h  im  Uteinischen.  261 

wir  &atg6g  (Curtios  d.  319)  nnd  die  wurzel  ist  dhvar.  In 
foria  conforio  neben  gr.  (fVQO)  menge,  besudele,  (fOQVVia 
(fOQv^  (Hes.)  (fOQ€vg  ist  vielleicht  der  anlaut  aus  sp  zu  er- 
klären und  wurzelgleicfaheit  mit  <mvQanfog  aniXiftog  anzu- 
nehmen. Die  Schwierigkeit  formica  mit  ^vgfit^^  zu  ver- 
einigen, wird  erhöht,  wenn  man  mit  Curtius  (n.  482)  von 
einer  wurzel  mur  ausgeht.  Nichts  nöthigt  ferner  folinm 
=s  (fvlXov  zur  wurzel  bha  zu  ziehen,  wie  Curtius  (n.  418) 
f&r  möglich  hftlt;  vielmehr  wird  die  ableitung  von  wz.  fla 
(Curtius  n.  412)  auch  durch  das  deutsche  blatt  empfohlen. 
Ansprechend  ist  Kuhns  gleichsetzung  von  spolium  nnd 
gr.  axvkov  (zeitschr.  IV,  25).  Diese  Wörter  aber  auf  wz. 
ska  tegere  zurückzufahren,  wie  Corssen  (nachtr.  121)  will^ 
ist  um  so  mehr  bedenklich,  da  spolium  immer  die  abge- 
zogene haut  oder  rQstung  bedeutet,  wie  denn  auch  spo- 
liare  nur  berauben  heifst.  Meines  erachtens  hat  Passow 
recht,  axvXov  mit  öxvXktü  rupfe,  raufe,  schinde  zu  ver- 
binden. Nun  wird  mit  recht  Verwandtschaft  angenommen 
zwischen  ötcvXXu)  und  öxdXXtü  (Curtius  n.  114).  Die  wur- 
zel 0xaX  entwickelte  sich  zu  *axfaX^  welches  einerseits  zu 
cxvX  wurde  (vgl.  lat.  quisquiliae  ■=  xocxv^ficcTtu)^  wie  in- 
dog.  WZ.  stvar,  skr.  tvar,  lat.  turbare,  abd.  stören  storran 
(disturbare  sss  ahd.  zistorran)  zu  arvQ  in  arvgßäf^Wj  andrer- 
seits sich  zu  *<rj:aX  iXvX  in  avXdio  erleichterte,  wie  stvar  zu 
avQ  in  cvgßrj.  In  spolium  nnd  anoXdg  schlug  dan^  xf  in 
p  um. 

Endlich  ist  noch  einiger  etymologien  zu  gedenken,  die^ 
wenn  sie  stichhaltig  wären,  den  Obergang  von  u  in  o  be- 
weisen würden.  Fick  (indogerm.  wörterb.  p*  78)  erklärt 
ton  de  o  aus  tons^d-eo  und  bringt  das  wort  zusammen  mit 
zend.  tus  scheeren,  schädigen«  Allein  dieser  erklärung 
widerstrebt  nicht  nur  der  vocal,  auch  die  auslautenden 
consonanten  stimmen  nicht  reckt,  während  der  vergleich 
des  lateinischen  wertes  mit  riväu)  nage  (Curtius  grundz. 
n.  237)    keine    Schwierigkeiten    bietet.     Derselbe   gelehrte 

in  nv(iTO'i  xi^^ti;  geflecht,  flacherreuse,  xvgi-  ivq  fischer  neben  lat.  cratei, 
rnlUi.  hard,  skr.  wz.  9nith,  kart  (Diefenbach  goth.  w5rterb.  11,  589;  Fiok  in- 
dog.  wörterb.  p.  84). 


262         Froehde,  flb«r  die  entitehnng  des  o  ans  v  im  lateinftebeo. 

fährt  p.  186  scortum  auf  eine  indogermanische  würzet 
skur  zurück,  die  er  ans  skar  entstanden  annimmt.  E9 
ist  ebenso  leicht,  scortum  anf  die  letztere  wurzel  zu  be- 
ziehen. Auch  solea,  fflr  welches  Fick  (a.  o.  p.  177)  als 
indogermanische  grnndform  snljS  ansetzt,  beweist  den  Über- 
gang von  u  in  o  nicht.  Curtius  (grundz.  n.  218)  stellt 
dieses  wort,  das,  wie  er  richtig  erkennt,  von  solum  nicht 
getrennt  werden  kann,  zur  wurzel  sad  in  idatpog  ot'Jcrc, 
scheidet  es  demnach  von  dem  lautlich  and  begrifflich  glei* 
oben  goth.  sulja  und  setzt  überdies  den  Übergang  von  d 
in  1  voraus.  Ich  habe  meine  abweichende  meinung  beitr. 
znr  lat.  etymologie  p.  5  angedeutet  und  die  w5rter  der 
Wurzel  sval  zugewiesen,  die  im  griechischen  und  deutschen 
klar  vorliegt: 

altn.  svalir  pl.gebälk,  svoli  stamm,  ahd.  swelli  schwelle, 
basis,  goth.  gasnljan  &efiekiovi^ ^  sulja  (favSdXioVj 
sauls  Säule,  altn.  sylla  balken,  schwed.  syll  schwel- 
lenbalken,  basis; 

gr.  aikfiara  gebälk,  ail/Äa  stamm,  ruderbank,  ivtf^ 
(fektiog  ftlr  kvtSjrsluog  wohlgebälkt,  vlia  sohle; 

lat.  solum  grundlage,. sohle,  boden,  solea  sohle,  schwel- 
lenbalken  (Yerrius  Flaccus  bei  Festus  p.  301). 
Keltische  zugehörige  verzeichnet  Diefenbach  goth.  wörterb. 
11,289.  Von  solum  wird  solidns,  dessen  nentrum  eben- 
falls den  festen  boden  bezeichnet,  um  so  weniger  zu  tren- 
nen sein,  als  das  griechische  okog  im  lateinischen  andere 
Vertreter  hat  (Curtius  grundz.  p.  484).  —  Verrins  Flaccus 
bei  Festus  p.  2!)9  erklärt  auch  solium  ftlr  gleicher  wurzel 
mit  solum,  eine  ansieht,  die  durch  den  gebrauch  des  letz- 
teren fflr  thron  bei  Ennius  (ann.  99  Vahlen)  bestätigt  wird. 
Auch  vXt]  fCkr  övkri  holz,  Stoff,  basis  im  chemischen  sinne 
wird  verwandt  sein;  daher  denn  auch  silva  für  ^sulva  bäum, 
wald.  Ueber  sella  und  subsellium,  die  im  vocale  ab- 
weichen (vergl.  jedoch  serenus  neben  sol),  entscheide  ich 
nicht. 

Dafs  homo  nicht  zur  wurzel  bhü  gehört,  zeigt  Schweitzer 
zeitachr.  111,344;  focus,  welches  Benfey  ( wurzellez.  II, 
274)  zu  &v(o  stellt,  zieht  Pott  ( wurzelwörterb.  257)  mit 


Onull,  cum  ostMLokiachen  ▼okalismn«.  263 

Grimm  zu  bfihen;  über  jooua  artbeilt  jetzt  richtig  Pott 
a.  o.  p.  915.  Getheilt  sind  die  ansichten  Ober  die  praepo- 
sitioD  ob.  Während  Pott  praepos.  510  in  ihr  das  altindi« 
8che  upa  erkennen  will,  wird  sie  von  .anderen  wie  Ebel 
(zeitschr.  VI,  202),  Cartios,  Fick  mit  gr.  ini^  skr.  api 
identificirt. 

Das  resultat  der  vorstehenden  betrachtung  ist  demnach 
folgendes.  Der  unmittelbare  Übergang  eines  radicalen  a 
in  o  findet  sich  in  der  Volkssprache  ziemlich  frflh,  die 
Schriftsprache  bietet  kein  sicheres  beispiel. 

Liegnitz.  F.  Froehde. 


Zum  ostfränkischen  vokalismus. 
in.    Metathesis*). 

Die  Vokalumstellung  von  diphthongen  trifil  im  gebiete 
des  ostfränkischen  diaiektes,  wie  in  dem  verwandten  sprach- 
kreise, nur  die  beiden  laute  (mhd.)  ie  und  uo,  sammt  des 
letzteren  umlaute  üe,  =  nhd.  ie,  ü,  il.  Die  durchgreifende, 
regelmäfsige  metathesis  ist  eine  so  hervorstechende  mund- 
artliche eigenheit,  dafs  sie  allein  schon,  auch  wenn  keine 
andern  gründe  vorhanden  wären,  das  erwähnte 'gebiet  als 
von  den  andern  umgebenden  mitteldeutschen  trennen  und 
abseits  stellen  würde.  In  Oberdeutschland  findet  sich  heut- 
zutage gar  nichts  entsprechendes**);  von  mitteldeutschen 
dialekten  sind  es  nur  zwei,  die  mit  dem  ostfränkischen  die- 
ses Charakteristikum  haben,  nämlich  die  vom  Niederrheio 
stammenden  siebenbürgisch-sächsischen  mundarten  ***)  (in 


*)  Veigl.  brec]b»uig  und  assimilation  im  XVII.  band«  dieaer  seitachriA 
8.  1  — 10.  [Wir  halten  den  ansdnick  metathesis  fttr  viele  der  hier  bespro- 
chenen lantverhältnisse  fttr  verfehlt;  die  riditigkeit  der  vergleichungen  bleibt 
jedoch  im  ganzen  von  dieser  benennnng  nnbertUirt     Anm.  d.  red.]. 

**)  Abgesehen  von  der  dnreh  ganz  Dentscfaland  (Baiexn,  Tirol,  Schwaben 
n.  s.  w.  bis  in  westfUische  gebiet)  häufigen  nmstellnng  ui  ss  mhd.  in  (and 
Sfter  ie)  and  einigen  anderen  minder  hünfigen  nmstellnngen). 

*^)  In  diesen  aber  ohne  regelmäfsigkeit ;  neben  den  omgestelltsii  fonneo 


264  Gradl 

allen  theileD,  sowohl  den  sieben  stuhlen,  wie  im  Burzen«- 
und  Nösnerlande)  und  die  Kinzig-Lahn-dialekte  *).  Zu* 
sammenhängend  findet  sich  in  Niederdeutschland  das  grö- 
fsere  gebiet  des  westfälischen,  in  einer  solchen  läge,  dafs 
sowohl  das  siebenbürgische  als  frQh  abgetrennter  ausläufer 
erscheint,  als  noch  jetzt  die  Verbindung  zwischen  westphä- 
Ksch  und  der  südbessischen**)  mundart  fast  völlig  gewahrt 
bleibt.  In  früherer  zeit  mnfs  die  ausdehnnng  dieses  ge- 
bietes  eine  gröfsere  gewesen  sein  als  heute,  wo  nördlich  nur 
noch  das  südliche  Ostfriesland  ergriffen  ist;  westlich  vom 
westfälischen  gelegene  gegenden  zeigten  wenigstens  ehe- 
mals eine  der  metathesen;  so  steht  (vom  altrheinischeo 
ei  ist  wohl  abzusehen,  insofern  dieser  laut  durch  epen- 
these  entstand,  s.  h.)  ou  für  uo  im  mittelniederländi- 
schen; aufserdem  weisen  noch  spuren  in  einzelnen  wer* 
ken  und  denkmälern,  die  in  oder  um  jene  gegend  ver- 
legt werden  müssen,  den  einstigen  besitz  der  metatfaese 
auf  (vgl.  unten  aus  könig  Rother).  Ohne  weiteren  Zusam- 
menhang findet  sich  die  Umstellung  nur  noch  in  Hinter- 
pommern (neben  rein  ndd.  e  und  6,  6)  und  in  Natangen; 
sowie  theil weise  im  walsischeu  striche  Vorarlbergs  (äi  =& 

der  beiden  diphthonge,  die  besonders  am  lande  gang  und  gftbe  scheineD, 
existieren  die  jüngeren  und  meiner  ansieht  nach  erst  ans  diesen  assimilierten 
a  (aus  ai  ^  ie)  und  ö  (aus  an  s=  uo);  s.  unten. 

*>  Das  gebiet  dieser  wird,  wie  aus  Firmenichs  proben  hervorgeht,  im 
allgemeinen  durch  den  westabhang  des  Spessarts,  dann  durch  den  Main  and 
das  Tannnsgebirge,  weiterhin  durch  den  Westerwald,  durch  die  niederdeutsche 
und  hessische  (ober-  und  westhessische)  sprachlinle,  die  sich  von  der  Mar- 
burger gegend  zum  Yogelsberg  und  von  hier  zum  Spessart  zieht,  abgegrenzt ; 
es  umfafst  somit  die  grafscbaft  Hanau,  die  Welterau,  einen  theil  vom  ehmaligen 
Kassau,  die  Wetzlarer  und  Giefsener  gegenden  u.  s.  w.  Jenseits  dieses  ge- 
bietes  lassen  sich  indefs  noch  einzelne  spuren,  bald  seltener,  bald  häufiger, 
verfolgen;  so  besitzt  Sachsenhausen  bei  Franlifurt  a.  M.  (welch  letzteres  eine 
verschiedene  mnndart  hat)  noch  ausschliefslich  die  metathesen  (äi  und  ou); 
die  gegend  zwischen  Höchst  und  Hofheim  (zwischen  Frankfurt  und  Wiesba- 
den) bietet  noch  einige  (^i  und  au);  am  Taunus  (z.  b.  um  Schwalbach)  und 
Westerwalde  (Hachenburg)  findet  sich  nur  noch  die  Umstellung  des  uo  (zu 
ou)  sammt  umlaut,  keine  des  ie;  ja  schon  in  Limburg  und  Weilburg  treten 
neben  den  umgestellten  lauten  auch  beispiele  mit  rein  mitteldeutschem  i  und 
n  (5)  vor. 

**)  So  nenne  ich  den  komplex  der  Kinzig-Lahn-dialekte,  da  ihr  haupt- 
kem  im  ftlrstenthnme  Oberhessen  liegt,  während  diese  bezeichnung  der  mund- 
art  des  kalUer  theiles,  westhessisoh  den  Fuldagegenden  aagemesaener  ist. 


zum  ostfränkischen  vokalUmus.  265 

sonstigem  aleni.  io,  wogegen  die  Alle  mit  A  =  iu  =  ie 
in  beiden  mundarten  zusammenfallen).  Ganz  unerklärlich 
( —  wenn  nicht  ein  fränkischer  Schreiber  angenommen 
wird  — )  sind  einige  metathesen  in  altoberdeutschen  denk- 
mälern,  wie  die  ou  (=  uo)  in  Notgers  canticnm  Abbacuc 
(s.  u.).  Gewöhnlich  läfst  sich  diese  metathesis  spurenweise 
auch  schon  in  den  älteren  perioden  des  dialektes  nachwei- 
sen; für  solche  spuren  (und  nicht  ftlr  verderbte  for- 
men oder  fehler  des  abschreibers,  vgl.  Grimm  gramm.  1, 99 
und  357)  halte  ich  die  ao  althochdeutscher  denkmäler,  so- 
wie die  ou  des  älteren  Titurel,  beide  laute  gleich  jetzigem 
au,  äu,  ou"^). 

Die  altwestfälischen  laute  ia  und  ua  zu  gründe  gelegt, 
sind  ai  und  au  (sammt  umlaut  äQ)  die  reinen  formen  der 
metathese.  Sie  sind  geblieben  a)  im  stammlande  der  me- 
tathese,  b)  in  den  zweiggebieten  dort,  wo  sie  an  der  gränze 
des  deutschen  gebietes  (s.  u.  ai,  au  von  der  Oberangel) 
oder  inmitten  von  nichtdeutschen  sprachen  (wie  in  Sieben- 
bürgen) stehen.  Sonst  wirken  umliegende  dialekte  (und 
vielleicht  das  im  altsftchsischen  auch  als  regel  vorkom- 
mende ie,  uo,  wonach  ei  und  ou)  gewöhnlich  verdumpfend. 
(Da  ich  indefs  hier  vom  gemein  -  ostfränkischen  ausgehe, 
mufs  ich  das  4i,  au  der  Oberangel  als  „aufhellung^  an- 
setzen.). 

Die  metathesen  des  ostfränkischen  sind: 


*)  Solche  ao  sind  (von  eigennamen  abgesehen),  wie  die  fttr  ö,  vorzüg- 
lich eigenthum  (charakteristikam?)  von  denkmälern,  die  in  das  gebiet  der 
metathese  faUen.  Es  haben  sie  die  hrabani sehen  glossen  (98:  gaomono,  801: 
hertaom),  die  ezhortatio  in  der  kafsler  handschrift  (exhort.  A. :  gaotes)  und 
der  in  die  nähe  fallende  Isidor  (1 :  saozono),  aufserdem  das  emmeraner  gebet 
(tepler  handschrift  =  A;  86:  gaotan).  In  bairischen  orknnden  nnd  denk- 
mälem  findet  sich  ao  sonst  nur  in  eigennamen;  dabei  ist  zu  beachten,  dafs 
solche  falle  immer  einen  fränkischen  Schreiber  verrathen  können  (deutlich 
zeigt  das  Rieds  diplomatarinm  Ratisbonense,  das  mir  fOr  jetzt  zu  geböte 
steht,  wo  nur  drei  Schreiber:  Kerhelmus  nrk.  no.  4,  Taugolfus  no.  6.  6.  14, 
EUenhardus  no.  16.  21  diese  ao  haben  — )  oder  auch  einen  niederbairischen, 
da  sich  vom  östlichen  Franken  aus  .die  an,  ku  (Schnegraff  schreibt  aon)  llngs 
des  bairischen  waldes  eindrängten.  Von  nom.  pr.  geben:  Juvavia  no.  6  (798) 
Caofttein,  Meichelberg  hist.  frising.  1,664:  Aodalhart,  367:  Aogo,  Kozroh 
örtlicfak.  des  bist.  Freising  182:  Aogo,  290:  Aodalpald,  264:  Aodalheri,  800: 
Aodalhart  etc.  (Beispiele  ans  Ried  s.  unten). 


266  OnuU 

^i  (bei  Schmeller  and  FrommanD  6i,  5i  geschrieben)  ss 
mhcl.  ie;   Schmeller  gramm.  §.  301.     Weinhold  bair. 
gramm.  §.81.    Frommann  ausgäbe  GrQbels  111,239. 
Bavaria,  landeskuüde  von  Baiern,  II,  1863,  8.203. 
Nassel  laute  der  tepler  mundart  (herausg.  vom  histor. 
vereine  in  Prag,   1863)  s.  11«     Petters  bemerkungen 
über  deutsche  dialektforschung  in  Böhmen  (lesehalle 
deutscher  Studenten  in  Prag,  1862)  s.  70. 
a)  SS  mhd.  ie*)  allgemein  l)in  dentschen  werten;  z.  b. 
b^i'^'n  (bieten),    böig'n  (biegen),    dfeib  (dieb),   fa - 
-drfeifs'n  (verdriefsen),  föicht'n  (fichte;  viehte),  fl&ig  ~d 
(fliegen),    fr^is'n  (frieren),    knei  (knie),    kröich.n% 
kreigh  (krieg),   l^ib  (lieb)^  laicht  (licht;    subst.  und 
adj.),  l^id  (neben  neuerem  Itd),  l^ig'n  (Iflgen),  möis 
(mies,  moos),    n^iss*n  (niesen),   g'nM'n  (mhd.  genie- 
ten),    sch^ia'  (schier),    sch^i^m  (schieben),    schM' 
schlich  (scheu,  scfaiech),  sch^ils'n,  sM^'n,  sp^üs  (ne- 
ben häufigerem  spifs),    t^ia    (thier),   ba-treig*n  (be- 
tragen), z^ia    (städtisch  zöig'^n  =, ziehen)  a.  8.  w. 
Aus  der  älteren  Sprache:    etwey  (Stromer,  pQchel 
▼on  meinem  geschlecht,  in  Chroniken  fränk.  Städte, 
1,33^  12.  57,  28),  verdein  (:  sein  Hans  Sachs  arm. 
und  reicht.);  —  2)  aus  älterem  £o,  aus  zwei  silben, 
in   reduplicierenden   präteritis  u.  s.  w.:  ^i  (je),    w^i 
(wie),   feia'  (vier),    löifsat  (ich  liefse),  r&iffat  (ich 
riefe);  —  3)  aus  fremden  e  in  Stammsilben:    br&if 
(brief),   föiwa    (fieber),   sp^igi,  z^ig.l;   —    4)  aus 
fremden    e   (und   i)    in    den    nachsilben    ier,    iereo 
Oberpfalz,  Pegnitz;  (im  böhmischen  theile  Ostfiran- 


*)  Als  regel  itehen  die  drei  metatheseo  im  eigentlichen  ostMnkitchen 
(Nab-Vils,  Ober-Eger,  Mies-Badbusa),  dann  im  Altmtthl-,  Pegnits-  and 
Mittel-Eger-dialekte;  das  andere  ttbergangsgebiet  (am  Regen)  seigt  schon  ne- 
ben den  rein  ostfrftnkiichen  formen  äi,  oa,  Ml  die  bajoariicfaen  eindringlinge: 
ia  (^a'),  ha,  IIa  (g^pr.  ia)  (^a*);  vgl.  Petters  bemerknngen  s.  70.  71.  Die 
an  (ae  uo),  die  überidl  weitet  ttber  das  gebiet  hinaasreichen  (s.  o.  beim  afld- 
heesbehen),  ziehen  sich  in  den  grenzgegenden  Baiems  gegen  SadwestbShmea 
noch  ziemlich  weit  hinunter;  die  wftldlergedichte  von  Schnegraff  bezeichnen, 
den  laut  mit  aon  (besser  ab,  wo  6  zwischen  o  und  n  schwebt:  die  anfheUnng 
des  o  in  on  inficiert  auch  den  zweiten  laut  und  hellt  n  zum  ö).  Weinhold 
bair.  gr.  §.  68  ttber  dieses  aon,  nach  ihm  a'n. 


zum  ostArtokisdieii  vokalismns.  267 

kens  daftlr  ia*,  ta'n):  quärtöia',  fexöia'n  (vexieren), 
prow^ia'n  u.  8.  w. 

b)  ie  durch  formenassimilation  und  fiexionsöbergänge, 
1)  =  mhd.  iu  im  singular  der  praesentia  der  ie- 
klasse  (eindringen  des  vokals  aus  dem  plural)  all- 
gemein (ausgenommen  Oberangel  und  theile  des  Re- 
gengebietes, wo  ui  (s.  n.)  und  einzelne  striche  der 
Mitteleger  z.  b.  Petschauer  gegend ,  wo  &Q  =  die- 
sem mhd.  iu,  steht);  z.  b.  b^igt,  fl^igt,  gäifst,  kr^icht, 
g'neifst,  reicht  =  er  biegt,  fliegt  etc.  (mhd.  biuget, 
fliuget  .  .  .)  und  im  pronomen  aller  geschlechter 
und  endungen,  wie:  dei  die  (m.  f.  u.  n.)  (ie  aus  dem 
neutrum  übergegangen);  —  2)  «=  mhd.  i  in  folgen- 
den (allgemein  geltenden)  verben,  die  aus  der  t-klasse 
in  die  ie-klasse  flbersprangen :  gl^ifs'n  (gleissen), 
grdi£F*m  (greifen),  kr^ig'n  (bekommen;  krtgen,  da- 
neben schon  mhd.  kriegen).  (Das  allein  noch  stark 
gebrauchte  zweite  wort  verrftth  diese  flexionsmo- 
tion,  da  es  im  part.  g'groffm  (gegriffen,  schon  bei 
Ayrer:  ergroffen :  geloffen  1808,  17)  bat. 

c)  ie  ans  brechung  von  i,  S  u.  s.  w.;  die  meist  nur  lo- 
kalen ftlle  unter  „brechung^  (vergl.  diese  zeitschr. 
XVII,  3). 

^i^,  durch  auf  hellung,  bewirkt  durch  nachfolgende  na- 
sale (m,  n,  *n),  allgemein;  z.  b.  d^i*n,  dei^na  (die- 
nen), d^i^sta'  (dienstag),  ^i^mats  (jemand),  k^i*  (kien, 
föhrenholz),  nei^mäls  (niemals),  rii*ma  (riemen);  in 
gr^iwrl,  gräiwrl  (fettgriebe;  Egerl.)  bewirkte  selbst 
schon  das  dem  m  verwandte  w  (=  b)  solche  auf- 
hellung. 

at,  unvermittelte  auf  hellung,  am  Regen  und  im  angrän- 
zenden  Böhmerwaldgebiete  (vgl.  unten  &n,  afi);  (fehlt 
bei  Schmeller).     Beispiele:  äitza  (jetzt),  w&i  (wie). 

oi,  unvermittelte  verdnmpfung  (wenn  Firmenichs  Schrei- 
bung oi  den  laut  richtig  wiedergibt,  der  aber  solche 
oi  auch  statt  gemein  ostfränkischer  äi,  öi  =  mhd.  e 
gibt  und  einmal  5i  setzt,  knöi  ==  knie);  in  König- 
stein (obere  Vils)  Firmenich  Germaniens  völkerst.  UI, 


268  Gradl 

306 f.;  z.  b.:  doi  (die),  fa -droifsli'  (verdriefsHch), 
foich  (vieb;  unorg.),  loiwa  (lieber),  oisa  (jetzt),  woi 
(wie)  u.  a. 

h    uud 

e    siehe  unter  Verengung. 
Zu  vergleichen: 

westfälisch  ai  (regelmäfsiger  laut  in  diesem  gebiete)*): 
a)  =  mhd.  ie,  1)  daif  (dieb),  daip  (tief),  flaige,  flai«- 
ten  (fliefsen),  gaiten  (giefsen),  knai,  kraipen  (kriechen), 
laigen  (lügen),  ver-laisen  (verlieren),  saik  (siech), 
sghaiten  schalten  (schiefsen),  2)  wai,  vair  (vier),  hailt 
(hielt),  hait  (hiefs),  laip  (lief),  lait  (liefs),  raip  (rief), 
slaip  schlaip  (schlief);  3)  braif  (brief);  4)  kurairen, 
marschairen,  mundairen  (montieren),  passairen,  pur- 
gairen,  scharmairen;  b)==mhd.  iu:  1)  (seltener)  teie 
(ich  ziehe),  (durchgängig)  dai,  sai  (die,  sie);  c)  bre- 
chung  1)  =  i:  vaih,  mai  (wir);  2)  =  6:  hai  (er), 
saihen,  geschaihen,  tain  (zehn);  vgl.  Wöste  in  Fromm, 
m,  560,  2.  Hoffmann  ebend.  ¥,44,24.  Malier  ebend. 
II,  126,  10.  Wöste  supponirt  das  alt  westfälische  ia 
(mittelwestf.  ai  ? ) ;  —  durch  die  in  diesem  striche  des 
wf.  häufige  beumlautung  entsteht:  äi  (Mark-Süder- 
land,  Mittellüneburg  um  Winsen  etc.,  seltener  im 
herzogth.  Bremen  um  Sittensen):  gebäit  (gebiet),  däird 
(thier),  däime  (dirne),  fläiten,  knäi,  läiwen  (lieben), 
räid  (ried);  wäi,  läit  (liefs);  quartair;  säi;  fräih  (friede, 
Winsen),  väih;  häi  (er),  säihen  (Wöste  schreibt  aoch 
äi  z.  b.  beier  hier,  feier  vier,  plaseier  pläsier);  durch 
verdumpfung  entstehen  aü,  öi,  öu  und  zw.:  äü  (in 
den  fürstenthümern  Hildesheim  und  Lippe;  ersteres 
auch  ii,  letzteres  ausschliefslich  die  verdumpfung): 
verdraüssen,  haOr  (hier),  kraOg  (krieg),  laüd  (lied), 
maüte  (miethe),  schaür  (schier),  spaüss  (spiefs);  waQ^ 


*)  Dasselbe  reicht  von  der  magdebmrger  borde  an  durch  Brannschweig, 
über  den  Harz,  durch  Sudhannover,  Lippe,  Nord  waldeck  und  den  gröfaeren 
theil  von  Westfalen  (obere  und  mittlere  Lippe,  Buhr  und  Leuna)  bis  an 
das  Bergisohe  im  sttdwesten  und  an  das  Siegerland  im  sOden. 


zum  ostfrftnkiflchen  TokaliBmus.  269 

▼Aur  (vier),  lauf  (lief),  laut  (liefs);  praü8ter,  kuraü- 
ren;  ^i  (in  der  grafsch.  Mark,  um  Tecklenburg  und 
WiedenbrQck,']m  hzth.  Bremen  um  Sittensen  u.  s.  w. 
Firm,  gibt  in  diesem  falle  gewöhnlich  5i  oder  öü, 
auch  eei,  das  ich  als  ei  beurtheile):  D^ierk  (Diet- 
rich), deiner  (diener),  h^ir  (hier),  reeimen  (riemen); 
höil  (hielt),  löip  (lief),  leeiten  (liessen) ;  pr^ister ;  d^i ; 
h^i  (als  brechungsvokal  besonders  im  Ravensbergischen 
g^iem  (gern),  k^ierl  (kerl),  w^iern  (währen  und  wer- 
den)), öu  (in  Hildesheim,  s.  Malier  a.  a.  o.):  kröupen 
kriechen),  schöuben  (schieben);  ni  (vereinzelt  in  RO- 
then:  Mflhlheim):  fluig  (fliege),  kruig  (krieg). 

sQdost friesisch  ^i  (nach  Fromm.  Si,  vgl.  daselbst  V, 
141  f.):  verd^inen^  d^ip  (tief),  fl^igen;  reip  (rief); 
sp^igel  (Spiegel).     (Vgl.  das  nachf.  über  altrhein.). 

rheinisch:  (der  laut  ei  in  der  älteren  spräche  dieser 
gegenden,  vergl.  der  seele  trost,  ist,  wie  vorhin  er- 
wähnt, wohl  durch  epenthese  eines  i  entstanden; 
dafür  sprechen  nämlich  die  andern  längen,  die  statt 
der  niederdeutschen  form  ä,  e,  ö,  ü,  mit  epentheti- 
schem  vokal  i  oder  e  als  ai,  ae,  ei,  ee,  oi,  oe,  ui, 
ue  =  mhd.  ä,  S,  ei,  ö,  ou,  uo,  ü  auftreten).  Im 
neurheinischen  vermischen  sich  die  ausgedehnten 
brechlaute  nur  an  einzelnen  punkten  mit  der  me- 
tathese,  so  dafs  es  schwer  wird,  diese  zu  erken- 
nen. Zwei  striche  indefs  scheinen  letztere  ange- 
nommen zu  haben,  das  Aachnische  und  Luxemburgi- 
sche. So  zeigt  Aachen:  beie  bieten,  deiv  dieb,  hei 
hier,  leiv  lieb;  leif  lief,  reif  rief;  meist  mist,  weische 
wischen;  beissem  besen,  eisse  essen  und  so  viel^  bre- 
chungen;  Eupen  (nördlich  von  Aachen):  deeyv  dieb, 
leeyd  lied;  feeyl,  heeyl  hielt,  leeyp  lief;  neeyt  nicht 
u.  s.  w.  Im  Luxemburgischen  gewährt  Luxemburg 
(atadt):  hei,  leiven  (lieben),  speigel,  neischt  (nichts), 
geseiht  (sieht)  und  de'w  dieb  und  tief,  le'w  lieb, 
ze'hen,  we',  -e'ren  =  ieren,  ze'ht  er  zieht,  kre'n  krie- 


270  <«r«dl 

geo,  bekommen,  de'  die,  der,  ve'h  vieh  u.  a^  Gre- 
venmachern:  hei  hier  u.  s.  w. 

älteres  mitteldeutsch,  z.  b.  könig  Rother:  leib,  heiz 
etc.  (Massmann)  »s  lieb,  hiez  (Wackernagel). 

sfldhessisoh  ^i  (Dillenburg,  Herboro,  Hadamar,  Gie- 
fsen,  Nidda,  Hanau,  Alzenau,  Falkenstein  bei  Frank- 
furt): a)  aa;  mhd.  ie:  1)  diier  thier,  deine  dienen, 
fl^ihe  fliegen,  l^ihe  lügen,  t^if  tief,  zöihe  ziehen  n.  s.  w. 
2)  w^i;  veir  vier;  bl^is  blies;  3)  sp^igel;  b)  1)  b^it't 
bietet,  verdr^isst,  fröiert  (Nidda)  und  freist  (Dillen- 
burg) friert,  kr^icht;  d^i,  s^i;  2)  kröie  bekommen; 
c)  1)  deir  (Falkenstein)  dir,  v^il  viel,  niit  nicht,  s^iht 
sieht,  sp^il,  gew^iss  gewifs;  2)  geleibt  gelebt,  seihe 
sehen  (Hadamar);  äi  (Butzbach,  Friedberg,  Sachsen- 
hausen): däib,  verdäine,  fläige  fliegen,  l&ib,  läid,  ge- 
näise  geniefsen;  häiss,  läif,  läiss  (unorganisch  selbst: 
gräib,  mäich  ==  grub,  machte,  in  die  reduplicierenden 
ie-klassen  übergesprungen);  fläifst,  zäikt  zieht;  väil 
viel,  näit  nicht,  stäil  stiel. 

siebenbürgisch  ai  (um  Hermannstadt,  Kronstadt): 
dai,  dainst,  fiaissen,  laiw,  schair;  äi  (Bistritz,  Ro- 
senau):  däi,  knäi,  läif;  ^i  (ebenda,  Zeiden):  d^i,  ver- 
dr^issen,  zeihen.  (Vgl.  Schuller  ged.  in  siebenbflrg.- 
sächs.  mundart,  Hermatinst  1841). 

hinterpommerisch  (spurenweise  auch,  wohl  von  hier 
abgetrennt,  in  Neuvorpommern,  im  Flatower  kreise 
um  Zempelburg  und  in  Natangen:  Schippenbeil, 
Friedland)  ai:  bair  hier,  verdaine,  dair  und  daird 
thier,  daiw  dieb,  laif  lieb ;  vair  vier,  fail  hait  laip  lait 
raip  =3  fiel,  hiefs  etc.;  praiste  priester;  kuraire,  re- 
gaire;  sai,  dai;  vaih  vieh,  laiwre  liefern;  saihen  sehen; 
Neuvorpommern:  laid  lied;  Zempelburg  (neben  rein 
niederdeutschen  lauten):  laiw;  lait  liefs;  praiste  prie- 
ster; dai  die;  saihen  sehen;  Natangen:  dai.  —  In 
Holstein  haben  Segeberg  und  Oldeslohe  die  meta- 
these;  ist  hier  Zusammenhang  mit  Pommern  oder  mit 


Bnm  oetfrinkfgchwi  vokalUmos.  271 

westfUisohem  gebiete  ansonehmen?  Beispiele:  bair, 
▼air. 

waisisch  ohnfti  knie,  ohnäia  koien,  fläiga  fliegen,  Ifiiga 
lagen,  täif  tief.     (Vgl.  Fromm.  IV,  326). 

ou  =s  mhd.  uo;  Scbm.  §.  378.  Weinhold  bair.  gr.  §.  103. 
Frommanns  Grübel  III,  240.  Bavaria  11,  203.  Mas- 
sel 12.    Fettere  bemerk.  70. 

a)  s=  mhd.  uo,  allgemein,  nur  mit  den  beschrfinkongen 
am  sfidrande  wie  bei  hi  a).  Z.  b.  bloud  (blut),  bouch 
(buch),  brouda'  (bruder),  fleuch*'^ n  (fluchen),  fouda' 
(fuder),  gout,  houf,  houst'n,  hout,  kou'  (kuh),  mou- 
da*  (st&dtisoh  mutta'  :=  mutter),  ron'  (ruhe),  rouda , 
roufs  (mfs),  schnoua'  (sohnar),  souch'n  (suchen), 
stout  (stute),  woust  (wüst),  zou  (zu,  betont)  u.  s.  w. 

b)  durch  brechung,  vgl.  diese  zeitschr.  XVII,  3. 
(Aus  der  filteren  spräche  fallen,  meiner  ansieht  nach, 
hieher:  Ried  diplomat.  Ratisbon.:  Aodalpald  (no.  4), 
Aogo  Aopi  (no.  8),  Taomgiso  Herimaot  (no.  21); 
alt.  Titurel:  mouter,  mouse  (vgl.  Grimm  gr.  1, 357). 

äu,  auf  hellung,  durch  die  nasale  m,  n  bewirkt,  Verbrei- 
tung wie  vorhin,  vergl.  öi.  Z.  b.  bläuman  (blume), 
gräummat  (grummet),  gräun  gräuna  (sprossen  treiben 
von  lagerfrQchten,mhd.gruonen),  mänm*  (muhme),  t&u" 
(thun,  dagegen  tou*n,  sie  thun,  weil  hier  der  nasal 
nicht  unbedingt  am  vokale  steht).  Z.  b.  bau*  (bube), 
kauch'^n  (kuchen)  u/s.  f. 

o,  Verengung,  vgl.  das  nächste  kapitel. 
Zu  vergleichen: 

w&ldlerisch  (als  vom  ostfrfinkischen  ausgehend,  zu- 
n&chst)  aö  (über  ö  s.  v.):  baöb  (bube),  faöfs,  haöt, 
maöfs,  g*na6g,  raöa  (ruhen),  schaöb,  taöch;  s.  Wein- 
hold bair.  gr.  §.  68. 

westfälisch  au  (vergl.  ai):  a)  =  no:  l)dauk  (tuch), 
faut  (fufs),  haut  (hut),  kauken  (kuchen),  klauk  (klug), 
krauoh  (kmg,  schenke),  planch  (pflüg),  rau^e  (ruthe), 
raupen  (rufen),  räum  (rühm),  schaul  (schule),  schauster 


272  Gradl 

(schaster),  spaale  (spule),  staul,  tau  (zu);  2)  iu  prae- 
teritis:  drauch  (trug),  faur  (fuhr),  schlauch  (schlug), 
selbst  unorganisch:  fraug  (fragte,  Grubenhagen- 
Göttingen,  vgl.  unser  schlechtes  nhd.  frug),  jaug  (jagte, 
am  Deistergebirge);  b)  durch  brecbung:  spauk  (spuck, 
Celle).  (Anm.  Lippische  beispiele,  wie:  kaum  kern, 
taurn  thurm  sind  nicht  unter  die  metathesierte  bre- 
cbung zu  rechnen,  insofern  hier  eo  ==  mhd.  uo  ist, 
sondern  gehören  zur  einfachen  brechung).  Hoffmann 
in  Fromm.  V,  45,  29.  30.  Möller  ebd.  II,  131.  132. 
Wöste  ebenda  III,  560,  2.  —  Aelter  westfäl.  au,  c.  b. 
schau  \  s.  Wöste  in  Fromm.  V,  160,  158  =  schuh.  — 
ku  (Mark  und  anderswo),  leichte  verdumpfung,  oft 
nur  mechanisch;  z.  b.  mäuder  (Altena  in  der  Mark, 
nach  dem  filteren  dialekte).  ou  (Mittellüneburg,  Süd- 
oldenburg, einzeln  Minden,  Ravensberg,  einzeln  Teck- 
lenburg,  in  Corvey,  Marsberg):  a)  blouen  (bluten), 
gout  (gut),  moud  (mutb),  mour  (moor),  mous  (mus), 
mout  (mufs),  Woudan  (Wuotan);  b)  dourt  (trespe, 
altsächs.  durth),  fourd  (die  fürt),  oursäke  (ursache), 
tourn  (thurm),  wour'  (wurde),  alle  in  Limburg  (Mark), 
aber  schwerlich  hieher  gehörend,  dagegen:  wouern 
(geworden,  Ravensberg);  mit  vokal  verschlag  iau 
(Willingen  im  waldeck'schen  Upplande):  fliauken 
(buchen),  stianl  (stuhl).  (Ueber  umlaute  für  uo  s. 
später). 

(südostfriesisch  au,  nur:  raue,  ruhe.  Nur  wird 
dieses  beispiel  nicht  hergehören,  ebensowenig  wie  der 
ähnliche  laut  ö  im  Saterlande,  der  zwischen  o  und  u 
schwebt.) 

mittel  niederländisch  ou  z.  b.  bouc  (buch),  ghenonch 
(genug),  plouch  (pflüg),  rouken  (mhd.  ruochen),  rou- 
pen  (rufen),  souken  (suchen)  u.  a.,  vgl.  Grimm  gr.  I, 

482. 

rheinisch  ( —  für  die  jetzigen  mundarten  aus  dem 
westf.  o.  stkdhess.  erhalten,  da  altrheinisch  die  meta- 
ihese   des  uo  nicht  kennt  — );    Aachen   au:    gaud. 


snm  OBtflrlloUschen  vokalifmns.  273 

kanh,  rauh,  staal,  zau;  ou:  mout  (mosste);  (aa  f&r 
o  vielleicht  hieher,  da  oa  oder  u  a»  6) :  kaucb  (koch), 
lauch  (loch);  Eupen  ou:  blout,  dou^  thue,  gout, 
8chou\  souhe (suche);  droug(trug);  pouckel(buckel); 
kou8s  (konnte)  (die  au  s=  u  vor  n  nicht  hieher); 
oui:  wouys  (wuchs);  luxemb.:  Grevenmaohern,  Lu- 
xemburg ou  (o*"):  bloume,  fouss,  goud,  moudeg  (mu- 
thig),  rouheg  (ruhig),  zou;  brechuug:  froum  (fromm) 
und  in  den  praeteritis  (vgl.  auderortiges  u  für  mhd. 
ie  in  diesem  falle):  foung,  houl,  houng  (fieng,  hielt, 
hieng  =  pld.  fnng,  hui',  hung). 
älteres  mitteldeutsch  ou  z.  b.  Kother:  schouch  (wo 
Wackern.  leseb.  schöch  gibt  und  das  handBchriftliche 
wort  bisher  falsch  als  „schonch^  *)  gelesen  wird. 

sfidhessisch  ou  (Sachsenhausen,  Kinzig,  Nidda,  Gies- 
sen,  Dillenburg,  Herborn,  Hadamar):  a)  blout,  bou' 
(bube),  brourer  (bruder),  blourig  (blutig),  flouch,  fouls, 
gout,  hont,  mourer  (mutter),  moufs  (mufs),  stoul,  tone 
(thun),  zou  u.  s.  w.;  b)  koummer,  soummer  (kummer, 
sommer,  Hachenburg),  tout  (das  tuten,  Weilburg), 
wour  (wurde,  Limburg),  zoug  (der  zug.  Höchst); 
gezou'e  (gezogen,  Friedberg) ;  6  u  (Firm,  schreibt  oou, 
in  Hachenburg):  doout  (thut),  gooud,  moous  (mus); 
au  (Höchst):  gaut,  kauche  (kuchen),  tauch  (tuch); 
mit  Vorschlag  eau  (Butzbach):  deau  (thue),  geaut, 
zeau.     Schm.  §.  378.  379. 

siebenbürgisch:  au  (um  Hermannst.,  Zeiden,  Ro- 
senau):  bauf  (bube),  blaut,  gaud,  grauw  (grübe), 
maufs,  rau'  (ruhe),  zau;  aou  (wohl  au?,  Bistritz): 
gaout;  eou  (Rosenau):  meoufs;  aui  (au')  (Zeiden): 
fau'fs,  mauTs;  ou  (Bistritz):  bloum,  vgl.  Schuller. 

hinterpommerisch  au:  a)  blaut,  dank  (tuch),  fauder 
(futter),  gaud,  bann  (huhn),  kau'  (kuh),  staul,  tau  (zu); 


♦)  Ebenso  falsch,  wie  das  als  „gnand«  (Wackern.  1218,  18;  Herrn,  v. 
Sachsenbeim)  gelesene  gnaad,  wie  ich  analog  andern  an  dort  (=s  A)  anactse. 

Zeitachr.  f.  vgl.  »prachf.  XVIU,  4.  18 


274  Gmdl 

b)  faur  (fuhr),  schlaug,  unorganisch:  fraug  (fragte, 
„frug^),  mauk  (I,  machte);  Zempelburg  au:  gaud, 
maus,  tan;  (kauke  kochen,  kaume  kommen?,  mhd.  6 
zu  o);  Natangen  au:  schau'  (schuh);  Segeberg  = 
Oldeslohe  au:  faut  (fufs),  gant,  schaul.  (In  West- 
schwerin au ,  keine  ai  z.  b.  bland,  dauk,  dann,  faut, 
unfraudig  unachtsam  (zu  altem  vruot),  gaud,  raupen, 
schau'  schuh,  schaule;  spauk  der  spuck. 

Motger  cant.  Abbacuc:  fou5,  mout  u.  a. 

hü  (aus  ö(k,  zu  sprechen  als  ^i)  =  fle;  Schm.  §.  388. 
Weinh.  bair.  gramm.  §.  104.81.  Frommanns  GrObel 
in,  240.  Bayaria  II,  203.  Nassel  12.  Petters  andeu- 
tungen  5  und  bemerk.  70.  a)  =:  mhd.  üe,  allgemein 
(abgesehen  von  den  einschränkungen  am  Regen  etc., 
wie  bei  ou  und  hi):  bl^Q'a  (blühen),  br^ü'a  (brflhen 
und  brüten),  fr^a  (früh),  fibfia'n  (führen),  mdü'  (mühe), 
(m^üd,  m^ü'n  (und  städtisch  m^üfs'n  =  müssen), 
r^üa'n  (rühren),  s^Ofs  (süfs),  tr^ü'  (trüb),  wM*'n 
(wüthen),  in  pluralen  und  deminutiven:  b^Ücha% 
b^üch-1  (bücher,  büchlein),  f^üfs-  und  f^üfs-l  (ftllse, 
fftfslein),  keü'  (kühe)  u.  s.  w.;  b)  =  mhd.  uo  (organ. 
oder  unorg.  umlaut) :  ffeütta*  (futter;  bairisch.  wald), 
l^üg'ln  (=3  ostfr.  ]oug*ln,  mhd.  luogen;  Mittelmies; 
oder  *luogilan?),  m6üda  (mhd.  muoder,  nhd.  mieder), 
nfeüt  (nuth;  Eger),  s^üg'n  (suchen;  Doppau;  vergl. 
suohjan),     wfeOa*    (flufswehr;    Egerl.;    mhd.  wuor); 

c)  durch  brechung,  s.  d.  zeitschr.  XVII,  4. 

eü^,  auf  hellung  vor  m,  n,  n*,  umlaut  von  äu,  fundorte 
wie  dort;  z.  b.  bl^ü^ml  (blümlein),  gr^ü*^  (grün), 
h^Ü^^a    (hühner). 

oü,  verdumpfung,  unvermittelt,  vgl.  oi  =  ie,  fnndorte 
wie  dort;  z.  b.  va'-droüfslfe'  (verdriefsHch),  foüan 
führen;  Firm,  schreibt  foihen),  foütta'n  (flattern). 

&ü,  aufbellung,  unvermittelte,  umlaut  zum  obigen  au  ss 
uo,  ebendort,-  z.  b.  bÄüb-1  (büblein),  kiüchi  (küch- 
lein)  u.  a. 

ä,  Verengung,  a)  =  uo,  b)  =  üe  s.  Verengung. 
Zu  vergleichen: 


zniii  ostfirttnlriteheii  vokalismiis.  275 

westf&liscb  &i,  &ü  (wo  au)  a)  blaien  blauen  (biQhen), 
fallen  faulen  (ftkblen),  faite  faflte  (f&fse),  grain  graOn 
(grün),  hafen  haQ'en  (hüten),  wailen  waülen  (wOhlen); 
b)  batike  (buche),  daden  (thun;  Lippe),  fafier  (fuder, 
(fnder,  Braunschweig),  firaOgen  (fragten,  geg.  um  Han- 
nover), niaüme  (mutter,  zu  muhme;  Minden,  Schaum« 
bürg),  raube  (rfibe,  mhd.  ruobe),  schlaflg  (schlug; 
Winsen),  safiken  (suchen),  tafit  (that;  Ravensberg) 
u.a.;  c)  datier  (dOrr;  Ravensberg),  kaüem  (kom; 
Tecklenbnrg),  spaOkerie  spatikeding  (spuck;  Celle) 
u.  a.  äü  (Erwitte):  äfiwen  (necken,  wortl.  fiben); 
däOt  (thut);  ftu  (Lippe;  zu  unterscheiden  von  äü) 
regelmäfsig  fAr  uo:  blftume,  däun  (thun),  fauler  (fu- 
der), föut  (fufs),  gäut,  haut  (der  hnt),  käu'  (kuh), 
schau'  (schuh),  schftnle  (schule),  tau  (zu);  ^u  (Büren; 
häufiger  Driburg):  d^uen  thun;  fräu  (früh),  göut, 
haut,  k^u',  t^u  (zu);  ^ü,  ^i,  öi  (Sittensen  bei  Zeven; 
Deister  gebirge):  slöig  (schlug),  söiken  (suchen,  söite 
(süfs)  u.  a.  und:  freu  (früh),  meüten  (begegnen),  seüte 
(sflfs);  wöir  (würde;  Limburg);  oi  (häufig;  Boke  und 
Thüle  bei  Paderborn,  Büren,  Marsberg,  Brilon,  Ru- 
then, Mühlheim,  Driburg,  einzeln  Braunschweig,  Göt- 
tingen: Grnbenhagen,  Celle;  immer  neben  au,  aü): 
doit  (thut,  Ruth.  Mühlh.),  foiren  (fahren,  Brilon),  foite 
(füfse),  moidig  (geneigt,  Braunschw.  Gott.  Grub.), 
moie  (müd,  Brilon),  soiken;  foiwe  (fünf,  Villingen 
im  waldeck'sehen  Upplande,  kroim  (krume,  Magdeb. 
böhrde),  toiern  (thurm,  Ruth.  Mühlh.);  foüem  (fahren, 
Marsberg),  foüjer  (fuder,  Yechta),  roüwe  (rübe,  Mars- 
berg) u.  B.  w.;  äau  (Willingen):  häaun  (huhn);  äöü 
Padberg  bei  Brilon) :  bedräöüwen  (betrüben) ;  —  mit- 
telwestftlisch  oi  (vgl.  Wöste  in  Fromm.  V,  72, 80j.— 
Hoffmann  in  Fromm.  V,  45, 34.  Müller  ebend.n,131. 
Wöste  ebend.  III,  253,  4:  au,  aü,  ai. 

südostfriesisch   öi  (selten)  z.  b.  möi'e  (müde).    (Im 
Saterlande:  f&üre  fahren). 

rheinisch;  Aachen  kü  z.  b.  faulen  (flihlen),  maü'  (müd), 
spaülen  (spülen);   bausch  (leise,  eigentlich  hübsch); 

18* 


276  Grädi 

Enpen  öQ,  öfli  z.  b.  blöQge  (blühen),  f&üt  (f&sse), 
fröOg  fröfigg  (früh),  möüss  (müssen),  pöfilje  (kleiner 
pfuhl),  röüre  (rühren),  stöülje  (stOblchen);  döügdeg 
(tüchtig),  döürg  (durch),  pöükelje  (buckelchen), 
schöüleg  (schuldig);  Luxemburg  ^i:  bleiben,  bedreivt 
(betrübt),  verföiren  (verführen),  fr^ileng  (frühling), 
reihern  (rühren). 

Süd  hessisch  ^i  (^ü;  Dillenburg,  Falkenstein,  Hadamar, 
Limburg,  Wetzlar,  Giessen,  Nidda;  Firm,  schreibt 
el,  öi,  5Ü):  gebleit  (geblüte),  br^ih  (brühe),  fr^i' 
(irüh),  vergn^igt  (vergnügt),  k^ih  (kühe),  m^ih  (mühe), 
mfeid  (müde),  rMft  (er  ruft),  treib  (trüb);  kr^imel 
(krümlein,  Dillenburg),  m^il  (mühle,  Nidda),  teichtig 
(tüchtig,  Falkenstein),  zeigere  (zögern,  Falkenstein); 
feu  (Firm,  öu;  Friedberg,  Nidda):  b^ust  (er  büfset), 
gl&uig  (glühend),  höuer  (hühner),  heure  (hüten),  ro^ufs 
(mufs),  s^uss  (süfs),  weule  (wühlen);  oi  (Dillen bürg, 
Friedberg,  Hanau,  Hadamar;  Schwalbach):  bloikt 
(blüht),  broil  (brühl),  groin,  koih  (kühe),  koil,  moid, 
spoile  (spülen).     Schm.  §.  39 1 . 

siebenbQrgisch  ai  (um  Hermannst.,  Zeideu,  Kron- 
stadt u.  s.  f.):  draiw  (trüb),  fallen,  grain  (grün),  mai^ 
(mühe),  maid,  gemaidig  (gemüthlich),  saifs;  ^i  (Kron- 
stadt):  ber^imt  (berühmt). 

hinterpommerisch  aü:  blaügt  (blüht,  Neuvorpom- 
mern), bedräuwt  (betrübt),  faüre  (führen),  plaüge  (pflü- 
gen); baüke  (buche;  auch  Usedom);  Zempelburg  oi: 
broidesch  ( brudersfrau,  wörtlich  bruderische),  groin; 
Natangen  iai:  fiait  (flKfse),  siait  (süfs). 

ui   aus  älterem  iu  (=  mhd.  iu,  ie,  nhd.  eu,  ie)  und  zwar 

1)  SB  mhd.  iu,  am  Begeu,  im  bair.  walde,  an  der 
Oberangel;  bei  Pfraumberg  vereinzelt) ;  Schm.  §.  260. 
Weinh.  bair.  gramm.  §.  Itl.  Bavaria  1,360.  Petters 
andeut.  46;  z.  b.  fluigl  (er  fliegt),  huit  (heute),  luigt 
(er  lügt),   nui  (neu),   ruifs'n  (plorare,   abd.  riu5an). 

2)  =  mhd.  ie,  ebenda,  vgl.  dieselben;  z. b.  fa-druifsn 
(verdriefsen),  fa'-luisn  (verlieren),  tuif  (tief)  u.  a. 

Zo  vergleichen: 


zun  ostfriüikischen  vokalUmns.  277 

bajoarisch  (von  woher  es  in  den  sfidosttheil  unseres 
dialektes  eindrang)  ui  vgl.  Weinbold  bair.  gr.  §.  111, 
westlich  V.  d.  Isar  Schni.  §.  313.  Bavaria  I,  360;  ti* 
rolisch  (Unterinuthal  ausgenommen)  Schöpf  in  Fromm. 
III,  97,  1.  2.  Maister  11.  12;  kämt.  (Lavanttbal  und 
theilweise  Gailthal)  Lexer  XI,  in  Oststeiermark  und 
im  heanzischen;  in  Südböhmen  Germania  VI,  490. 

aufserdem  schon  im  althochdeutschen  und  mittelhoch- 
deutschen häufig;  gegenwärtig  noch  im  schwäbischen 
(Rapp,  Fromm.  II,  106);  weiterhin  im  mittelrheini- 
schen, im  märkischen  u.  s.  w. 


IV.     Verengung. 

a  durch  unvermittelte  Verengung: 

1)  4  (aus  au)  =  mhd.  ü;  an  der  Schwarzach  und  im 
Böhmerwalde  rcgelmäfsig,  um  Haid  (nördlicher)  schon 
mit  au  wechselnd;  sonst  im  ostfränkischen  nur  in 
wenigen  beispielen.  Weinhold  bair.  gramm.  §.  7.  41« 
Schmeller  §.  157,  z.  b.  Schwarzach,  Böhmerwald:  äfs 
(aus),  bäa'  (bauer),  brät,  brä^  (braun),  häss  (haus), 
krät,  träa  (trauen),  zä^  (zäun)  etc.;  Haid:  brät,  krät 
etc.;  ostfränk.  allg.:  äf,  äfs,  hä'^'m  (neben  häu'*m, 
haube),  klä**  m  (klauben),  lätta'  (lauter),  säff'm  (sau- 
fen), säwa'  (neben  säuwa',  sauber),  schäf*l,  schrä'*'m 
(schraube),  täk'^n  (röhr,  mhd.  vocab.  tüche). 

Zu  vergleichen: 
siebenbürg,  ä  (=  auslaut.  ü):    bä  (bau),    bä'n,   trä*n 
(trauen). 

2)  ä  (aus  äi,  durch  äe,  äa?)  =  mhd.  ei;  a)  im  ganzen 
gebiete  des  Pegnitzdialektes  (moment  aus  dem  west- 
fränkischen) Grübel  111,230.  Schm.  §.  140.  Weinh. 
bair.  gramm.  §.  7,  39:  z.  b.  ä  (das  ei),   älä^  (allein), 

*  bräd,  fläscb,  hämli'  (heimlich),  kä"  (kein),  lab  (brot 
—  laib),  läna  (lehnen),  mäna,  g-schrä  (geschrei),  zwä 
(zwei)  u.  s.  w.;  ß)  als  regel  auch  im  übergangsdia- 
lekte  zum  obersächsischen,  nordöstliche  Mitteleger 
(Duppau  etc.)  z.  b.  äma'  (eimer),  klä%  mana  u.  s.  w.; 


278  Gradl 

y)  ausnahmsweise  (woher?)  findet  sich  ä  in  theiiiing 
mit  äi  (äa)  noch  im  dialekte  der  Stadt  Mies  in  fol- 
genden fallen  (die  andern  haben  eben  äi,  aa):  aT 
(ein),  äma  ,  bä%  gäs'l,  gäfs  (galfs),  häd',  hämli\  häsa, 
häfs,  kä*,  kir,  kläd,  l&b,  lad,  l&tta  (leiter),  msLna, 
räs-n,  säf'n  (seife),  ftä%  fträch'n,  w&k'n  (aufweichen), 
w&na,  wäz  (weizen),  zwä  (zwei). 

Zu  vergleichen: 
a  ==  mhd.  ei  in:  westfränk,  Schm.  §.  140,  Fromm. 
II,  189,  1;  schles.  Weinhold  dial.  28,  7;  obersächs. 
( voigtländisch ,  erzgebirgiseh,  —  in  andern  strichen 
i,  6,  e  — ),  Odenwald,  Taunus,  Wetterau,  im  Trieri- 
schen); bajoarisch  z.  b.  kämtisch  LexerXI,  iglauisch 
Noe  in  Fromm.  V,  203,  2.  205,  2,  vorarlbergisch  (um 
Bludenz)  Yonbun  in  Fromm.  IV,  326;  jüdischdeutsch 
vgl.  Stertzing  in  Fromm.  VI,  470,  4  a;  aus  älteren  pe- 
rioden:  in  angels.  (Grimm  gramm.  I,  357),  woraus 
altengl.  ä,  neuengl.  ö  sich  verdumpfte,  in  altnordisch 
öfter  neben  regelm.  ei,  z.  b.  ämr  (eimer),  fair  (feil), 
ebenso  in  altfriesisch  (neben  regelm.  I)  z.  b.  äthom 
(eidam),  fläsk  (fleisch),  fräsa  (gefahr),  cläth  (kleid) 
u.  a. ,  dann  als  sehr  seltener  fall  in  ahd.  denkmälern 
z.  b.  halog  (heilig,  zweimal  in  einer  bekehrungsfor- 
mel,  s.  Wackemagel  lesebuch  20,  21.  22)  und  änich, 
wänich  (einig,  wenig)  in  Lamprechts  Alexander. 
3)  a  (aus  au)  =  mhd.  ou;  überall  und  (auslautsfälle  und 
wenige  andere  ausgenommen  auch)  regelmäfsig;  Schm. 
§.  171,  Nassel  s.  5.  Grübel  III,  229,  z.  b.:  ä'  (auch), 
bäm,  h4pp  (haupt),  hafi^m  (häufe),  käfi**m  (kaufen), 
lab,  da -lä*'m  (erlauben),  g-la^m  (glauben),  la^'-m  (laube), 
laflf-m  (laufen),  rafi'ra  (raufen),  s&m,  schab,  t&b,  täff-m 
(taufen),  träm,  zäm,  zäwa'n  (zaubern);  aufserdem  in: 
fra  (frau,  wenn  unbetont). 
Zu  vergleichen: 
a  =  ou  in  allen  bajoarischen  und  mehreren  mitteldeut- 
schen dialekten  regelmäfsig  z.  b.  bair.  Weinh.  bair. 
gramm.  §.  7.  41.  Schm.  §.  171.  Lexer  XI.  Schöpf  in 
Fromm.  III,  17,  9.  89,  5.  Noe  in  Fromm.  V,  205,  2; 


xum  ostfHinkiacheii  vokulisnitts.  279 

westfrftnk.  Schleicher  6;  schles.  Weinhold  28,8;  obers. 
(Altenbnrg,  Voigtland,  Erzgebirge),  pfälzisch,  wet- 
terauisch;  sonst  als  regel  im  altfriesischen  s.  Grimm 
1,409,  vereinzelt  im  altsächsischen  ( Freckenhorster 
rolle,  s.  Heyne  44). 

4)  ä  (aus  4Q)  =  mhd.  öu  (unter  gleichen  Verhältnissen, 
nur  seltener  als  4  =  ou)  Schm.  §.  179.  Weinh.  bair. 
gramm.  §.  40.  Nassel  s.  5.  Schöpf  a.  a.  o.  III,  89,  6 
z.  b  :  bäma,  si'  (sich  bäumen)^  fräl'n  fräla  (fräulein), 
hä  (heu),  kräl  (mhd.  krewel,  kröuwel),  strä  (streu), 
strä-n  (streuen),  tamisch  (betäubt,  zu  mhd.  toum), 
träma  (träumen),  zäma  (zäumen).  (Dagegen  schon: 
baflma  bäume,  h4app*l  häuptlein,  haüff'l  kl.  häufe 
u.  a.). 

Zu  vergleichen:  wie  vorhin, 
ä,  durch  vermittelte  Verengung*): 

5)  &  (aus  4i)  =  mhd.  i;  überall,  besonders  vor  1,  öfter 
vor  r,  auslautend  seltener.  Schm.  §.  237.  GrQbel  III, 
231.  Bavaria  II,  201.  Nassel  8.4  z.  b.:  äl  (eile),  bä 
bä  (bei;  auch  in  den  wenigen  Zusammensetzungen  mit 
bei  — ,  die  der  dialekt  erhielt,  wie:)  b&-bäz  (beifuls, 
ahd.  bi-böz),  bä-läd-1  (kl.  beilade,  nebenfacb),  da* 
(dein),  fäl'n  (feile,  feilen),  käl  (keil),  mal  (meile),  m&* 
(mein),  pfäl  (pfeii),  sä  (sei;  sim),  sä*  (esse),  wäl  (weil; 
weile),  zäl  (zeile). 

Zu  vergleichen: 
a  =  t  vor  1  etc.  im  bajoar.  häufig,  s.  Schmeller  a.a.O., 
Wurth  in  Fromm.  VI,  252,  Noe  in  Fromm.  V,205, 2. 

6)  ä  (aus  4i  für  ai,  äa)  s=s  mhd.  ei,  vereinzelt  vor  1,  m 
z.  b.  älfa  (elf),  föm  (feim,  faum),  häli'  (heilig;  n.  b. 
seltsam  ist  bei  diesem  worte,  dafs  es  in  den  mei- 
sten dialekten  lautformen  zeigt,  die  ein  früheres  t 
voraussetzen  lassen,  obwohl  doch  unbedingt  ein  ei  und 
die   ihm    entsprechenden    laute   zu   stehen    haben!). 


*)  Die  fiüle,  die  ich  als  vennittolte  yerengnng  von  denen  mit  nnver- 
mittelter  scheide,  stehen  bei  den  oben  citierten  grammatikem  meist  ver* 
mischt. 


280  Gndl 

h&mm  (heim ;  eindringling  neben  rein  dial.  häim* ),  ndT 
(nein;  vgl.  Ober  dieses  wort  Schmeller  §.  140anm.)« 

Zu  vergleichen: 
österr.  Wurth  in  Fromm.  VI,  252. 

7)  &  (aus  iu)  =i  mhd.  ü,  vor  1  und  m.  Schm.  §.  159. 
Nassel  8.4.  5  z.  b.  däma  (daumen),  fal,  gäl,  hal-n 
(mhd.  hüren;  s.  diese  zeitsehr.  XVII,  s.  31),  k&l  (ku- 
gel,  mhd.  küle),  kämm  (kaum),  mal,  mäl^töia  (maul- 
thier),  mäl-b&a'  (maulbeere),  pfläm  (flaum),  ram, 
8&ffm  (saufen),  säl  (s&ule),  fa'-säma  (versäumen), 
schftm. 

Zu  vergleichen: 
Schm.  a.  a.  o.  Wurth  a.  a.  o.  No§  Fromm.  V,  205, 2. 

8)  &  (aus  aQ)  =  mhd.  iu,  wie  7,  z.  b.:  kl  (eule),  bäl 
(beule),  käl-n  (keule),  mala  (mäuler),  näli'  (neulich), 
äb^schäli^  (abscheulich);  noch  auslautend  in  wä  (in- 
strumental wiu  von  wa5)  und  vereinzelt  in  -rat  (-reut 
in  Ortsnamen). 

Zu  vergleichen: 
Schm.  a.  a.  o.  Wurth  a.  a.  o.  Nog  a.  a.  o. 
ä  durch  unvermittelte  Verengung: 

1 )  ä  (aus  äa)  =s  mhd.  ei,  in  nicht  flektierten  Allen  (die 
flektierten  haben  ohne  Verengung  äa),  in  städtischen 
dialektcn;  Vilz,  Nab  (obere),  Eger,  Misa.  Schmeller 
§.  143,  z.  b.  i.  (das  ei),  äfst  (eifs,  geschwür),  bräd, 
häfs,  kläd;  lab,  lad,  last  (leisten  des  Schuhmachers), 
mäd  (maid  =  meit;  magd),  räf,  scbrä.,  schwSfs^ 
sträch,  straf,  tag  (der  teig),  wach  (weich),  zwä.  (zwei; 
neutr.);  (der  landdialekt  hat:  äa,  äafst,  bräad,  bäafs, 
kläad  etc.). 

ä,  durch  vermittelte  Verengung: 

2)  ä  (aus  äa,  äi)  =  mhd.  ei,  ebenda  wie  im  vorigen 
falle,  doch  ländlich  und  städtisch,  stets  vor  1,  z.  b.: 
fäl,  wülföl  (wohlfeil),  häl  (heil,  gesund),  häl'n  (heilen), 
säl,  säla    (seiler),  täl,  täl*n. 

3)  ä  (aus  äa)  =  mhd.  ei,  Obervilz,  Oberostnab,  auch 
vor  m  und  n,  s.  Schm.  §•  143  und  unten  6,  z.  b. 
bä^  (bein),  läm  (lehm),  stä^  (stein). 


znm  ostfräokiflchen  vokalismus.  281 

4)  ä  (aus  äa)  =  rabd.  ä,  vor  I  z.  b.  mal,  mäl'o  (mit 
färbe),  quäl. 

5)  h  (aus  äu)  =s  mhd.  ö,  vor  m,  n  z.  b.  bäna  (bohne), 
frän-  (frobn-),  Räm  (Rom),  echä"  (schon),  trän 
(thron).  —  Dieses  &  scheint  aber  viel  besser  mit  ö 
bezeichnet  werden  zu  mQssen,  da  sonst  vor  n  das 
volle  au  steht  (wie:  hau"  höhn,  lau"  lohn,  schäuna 
schonen,  täu~  ton). 

e,  durch  vermittelte  Verengung: 
1)6  (aus  ^i,  äi)  =  mhd.  d,  vor  1  z.  b.  sali  (seele). 

2)  e  (aus  ^Q)  =  mhd.  6,  vor  1,  n  z.  b.  k61lToub*m  (kohl- 
rübe,  mhd.  köl,  kole),  to'-Iena'  (tag-l5hner),  sch^nna 
sch^nnst  (schöner,  schönst,  zum  positiv  scheu"  = 
schön). 

3)  ^"  (aus  ei",  dieses  auf  hellung  aus  fei)  =  mhd.  ie, 
vor  m,  n  (die  betreffenden  fälle  mehr  städtisch,  wäh- 
rend ^i"  mehr  auf  dem  lande),  z.  b.  ^mmats  (jemand), 
nemmats  (niemand),  rema  (riemen);  an  der  Tepl  und 
Mies  auch:  verzfea  (vierzehn). 

4)  e"  (aus  ^ü",  dieses  auf  hellung  aus  feO)  =  mhd.  üe, 
vor  m,  n  (sonst  wie  oben)  z.  b.  blemm*l  (ländlich: 
bleüm^l  ==  blömlein),  hena  (1.  heüna  ,  heü^a  = 
hühner). 

e,  durch  vermittelte  Verengung: 

i)  h  (aus  fei)  =  mhd.  ie,  vor  1  z.  b.  nfellara'  (mhd.  ieg- 
licher),  trell'rl  (etwas  herabhängendes,  vgl.  mhd.  triel 
u.  8.  unten).  (Fehlt  bei  Schmeller,  s.  dagegen  2). 

2)  fe  (aus  feü)  =  mhd.  üe,  vor  1;  Schm.  §.  393  (besser 
bezeichnete  ich  hier  und  in  3  e)  z.  b.  brfell  (bröhl), 
frfelling  (frühling),  kfell  (kühl),  schfeUa  (schüler,  Chor- 
knaben), schwfell  (schTvül;  selten  gebraucht),  g'spfeUa 
(spOlicht,  von:)  spfelhn  (spülen),  stell'  (stuhle  und 
stfell-rl  =  stOhlchen),  g-wfell  (gewühl),  wfelbn  (wühlen). 

3)  e  (e,  aus  feü  und  dieses  unorg.  umlaut^  durch  die 
dem  i  ähnliche  natur  des  1  bedingt,  flQr  ou)  =  mhd. 
uo.  Schm.  §.  383:  z.  b.  mfelta  (multer),  schfell*  (schule), 
spfell-n  (spule;  spulen),  ftfell  (stuhl),  tfellna  (Vertiefung 
an  einem  körper,  Schm.  1, 366,  ahd.  tuolla). 


282  Gndl 

1,  durch  unvermittelte  verengang: 

1 )  (nach  alter  Umwandlung  aus  ia)  =  mhd.  le  z.  b.  (all- 
gemeiner): frtsl  (krankheit;  sonst  fr&is'n  ^^  frieren), 
imma*  (immer),  lid. (häufiger  als  16id;  lied),  nimma 
(nimmer),  sptfs  (auch  als  waffe,  selten  sp^ifs),  stia^ 
(stier),  ztrli'  (zierlich);  (im  böhm.  theile  Ostfrankens 
auch  immer):  -ta  (fremdendung  -ier)  und  la'n  (-ieren), 
s.  oben.  Anm.  Die  meisten  dieser  worte  scheinen  nur 
lehn  Worte  des  dialektes,  d.  h.  aus  dem  schriftdeut- 
schen in  denselben  herübergetragen. 

Zu  vergleichen: 
i  fQr  ie  ist  Charakteristikum  des  mitteldeutschen  (eben 
das  ostfr&nk.  gebiet,  wo  hi  steht  und  einige  kleine 
striche  in  Westfranken,  wo  ia  nach  sekundärer  bre- 
chung  erscheint,  vergl.  Schm.  §.  307,  ausgenommen); 
schon  in  alten  denkmälern  des  mitteldeutschen  tritt 
deses  i  auf  und  selbst  rein -mhd.  zeigen  von  ihm 
beeinflufste  f&lle). 

6,   durch  vermittelte  Verengung: 

1)6  (aus  öa,  äa)  ^  mhd.  ei  (s.  oben  ä  3)  vor  m,  n. 
Pfraumberg:  bö"  (bein),  16m  (lehm),  ft6*  (stein). 

ö,  durch  vermittelte  Verengung: 

1)6  (aus  ou)  =  mhd.  uo,  vor  1;  an  der  oberen  Pegniiz 
(Schm.  S.  376)  und  derMitteltepI;  z.  b.  schol  (schule), 
spul'n  (spule;  spulen),  stol  (stuhl). 

n,  durch  unvermittelte  Verengung. 

1)  u  (statt  ua)  =  mhd.  n  (vgl.  i  =s  mhd.  ie);  mehr  in 
lehnworten  und  im  städtischen  dialekte,  z.  b.  bü^'n 
(bude),  grüTs,  hüa  (meretrix),  lüda ,  mutta  ,  üfa* 
(ufer)  etc. 

fi,  durch  unvermittelte  Verengung: 

1)  ü  =  mhd.  fie,  s.  v.;  z.  b.  Idda'lich  (iQderlich),  mAda* 
(mieder),  drds'n  (drfise),  pr&f'm  (prOfen),  d^'m  (Qben). 

Nachtrag. 

Eine  weitere  art  von  Verengung  tritt  ein,   wenn  ein 
wort,  das  unflektiert  und  lang  gesprochen,  die  phonischen 


zum  ostfrKnkischeii  vokalianius.  283 

brechuDgsvokale  &a,  £a,  ea,  ta,  6a,  6a,  üa,  üa  *)  hat,  id  einen 
flektierten  fall  kommt  oder  doppelconsonanz  nach  diesem 
brecbungevokale  eintritt ;  ea  verliert  dann  n&mlich  der  diph- 
tbong  das  tonlose  a  und  steht  als  ä,  e,  h  etc«,  z.  b.: 
dämpfn,  ganz*  (der  ganze),  sändi'  (sandig),  tänz-n  (un- 
flektiert äa"  =s  an) ; 
krm*  (die  arme),  starr  (n.  b.  vor  r  läfst  der  landdialekt 
auch  in  diesem  falle  den  tonlosen  laut  a  nach  dem 
vokal  einstehen!)  (unfl.  äa'  ss  ar). 
b^rgb,  harr,  st^r'^'m  u.  s.  w.  (s.  o.)  (unfl.  Sa*  =  er). 
mirk*n  (merken),  hirbst,  kirz'n  (kerze),  ir'^-m  (erben),  irl* 
(erle)  u.  s.  w.  neben:  bia',  fa -dia  ^-m,  iarl  etc.  (siehe 
a.  a.  o.). 
homa  (von  hörn),  ordli'  (ordentlich)  neben  boa'n  (boh- 
ren) etc. 
durft-n,  kurza'  (ein  kurzer),  tuma'  (thürmer)  neben  düast, 

fdsLZ  etc. 
för^  wQrft'  neben  fda',  fAa  fit  etc. 

Das  durch  brechung  entstandene  äaT  und  ösT  (=s  mhd. 
an,  on)  lautet  an  der  Pegnitz,  Unternab  und  Obermies, 
Oberradbusa  stets  nur  &*,  o^  z.  b.  drä*  (dr6~  =  daran), 
kr  (k6-  =  kann),  kr^k  (krö'^k  =  krank),  lä^d,  16"'d 
(land),  mk"  (mö~  =  mann),  sä*d  (sö^d  aszs  sand),  döna 
(donen,  strotzen),  gwönat  (gewohnheit)  u.  s.  w. 

An  der  Pegnitz  und  im  bairischen  wald  wird  auch 
das  durch  zerdehnung  entstandene  ia  (ss  mhd.  e,  5  vor 
einfachem  konsonanten),  üa  (=s  mhd.  o  vor  einfachem  kon- 
sonanten)  und  da  (=  ü,  ebs.)  immer,  sonst  in  Ostfran- 
ken nur  vor  I,  als  i,  ü,  d  gesprochen. 


*)  Vgl.  hier  und  zum  folgenden  Über  phonische  brechung  diese  seitschr. 
XVn,  s.  4—8. 

Eger  in  Böhmen,  november  1868. 

Heinrich  Gradl. 


284  Schweizer-Sldler 

Orammaire  coinparde  des  langues  classiques,  contenant  la  th^orie  ^Mraen- 
taire  de  la  formation  des  mots  en  Sanserit,  «n  Grec  et  en  Latin  aveo 
reA^rences  aax  lacgues  Germaniques  par  F.  Bandry,  1'*  partie:  Pho- 
ndtique.     Paris,  libr.  de  L.  Hachette  et  Ci«.    1868. 

Wir  begrQfsen  das  werk,  dessen  erster  theil  hier  vor- 
liegt, als  eine  sehr  gelungene  darstellung  des  gewinnes, 
den  die  beiden  classischen  sprachen  und  das  sanskrit  selbst 
aus  der  vergleichenden  Sprachforschung  gezogen  haben. 
Das  buch  ist  mit  der  unsern  nachbarn  eigenen  klarheit 
geschrieben,  der  stofF  schön  geordnet,  die  auffassung  durch- 
aas verständig  und  mafsvoll;  danach  müssen  wir  kaum 
erst  noch  besonderes  anführen  und  ausführen,  dafs  die 
kenntnisse  des  verf.  sehr  umfassend  sind  und  er  aufser 
Bopps  grundlegendem  werke  auch  andere  deutsche  for- 
schungen  fleifsig  benutzt  hat.  Die  references  aux  langues 
Germaniques,  welche,  ohne  einen  haupttheil  auszumachen, 
doch  nicht  selten  vorkommen  und  die  blicke,  welche  der 
verf.  auf  die  romanischen  sprachen  wirft,  bilden  eine  hüb- 
sche zugäbe.  Gewifs  wird  herrB.  sich  nicht  nur  in  Frankreich, 
auch  in  Deutschland  vielseitigen  dank  und  verdienst  um 
weitere  Verbreitung  der  diesfälligen  Studien  erwerben,  wenn 
er  das  ganze  gebiet  der  elementar-  und  formenlehre  in 
derselben  weise  behandelt;  für  die  Wortbildung  findet  er 
treflfliche  vorarbeiten  im  eigenen  lande,  von  denen  wir  die- 
jenige Regniers  mit  besonderem  lobe  hervorheben.  £iQ 
ähnliches  werk,  wie  dieses  von  B.,  fehlt  uns  Deutschen 
noch,  während  wir  an  streng  gelehrten  darstellungen  der 
meisten  partien  der  griech.,  latein.,  deutschen  elementar- 
und  formenlehre  keineswegs  arm  sind  und  darauf  stolz  sein 
dürfen  unsern  nachbarn  den  wesentlichsten  sto£P  geliefert 
zu  haben.  Wir  werden  im  folgenden  nicht  darauf  ausge- 
hen unser  lob  im  einzelnen  zu  begründen  und  eher  punkte 
herausheben,  in  denen  uns  die  ansichten  des  verf.  zweifel- 
haft oder  ungenügend  erscheinen:  gerade  dadurch  können 
wir  unser  interesse  au  dem  buche  thatsächlich  beweisen 
und  zeigen,  dafs  uns  die  lobenswürdigkeit  des  ganzen  den 
blick  im  einzelnen  nicht  getrübt  hat. 

Obgleich  in  den  veden  metrisch  kurz  gewordene  ö  und 


anzeigen.  385 

6  nadigewiesen  sind,  mag  der  verf.  dem  sanskrit,  wie  man 
es  bisher  gethan,  ein  ö  und  e  mit  fug  absprechen,  und 
jedesfalls  sind  die  6  und  e  der  europäischen  sprachen  ganz 
anderer  art  und,  wie  Curtius  so  trefflich  nachgewiesen  hat, 
für  diese  sprachen  charakteristisch;  aber  gerade  darum  dOr- 
fBD  wir  auch  fOr  das  gotische  ö  und  e  mit  recht  voraussetzen 
und  diese  laute  werden  dort  in  viel  gröfserem  umfange 
geherrscht  haben,  als  man  bis  vor  kurzer  zeit  zugegeben 
hat.  Vgl.  Scherer,  zur  geschichte  der  d.  spräche,  an  meh- 
reren stellen.  Unrichtig  ist  auf  s.  8  der  ausdruck,  dafs 
oä  z.  b.  im  skr.  krin&mi  „ich  verkaufe'^  aus  nl,  oder  um- 
gekehrt karömi  „ich  mache ^  vor  den  pluralendungen  zu 
kurmas  „wir  machen^  geworden  sei.  Die  sache  ist  doch 
einfach  die,  dafs  das  ursprünglichere  nä  in  deraccentuier- 
ten  silbe  als  na,  in  der  nicht  accentuierten  als  ni  er- 
scheint, und  dafs  ü  durch  den  ton  zu  au  gehoben  wird, 
unbetont  zum  theile  bleibt,  zum  theile  ganz  wegfällt.  Der 
schlufs  (s.  9)  aus  den  alphabetischen  zeichen  für  lange 
und  kurze  vocale,  dafs  die  quantität  vom  sanskrit  bis  aufs 
lateinische  mehr  und  mehr  undeutlich  geworden  sei,  be- 
ruht auf  falschen  prämissen.  Einmal  ist  das  lateinische 
an  sich  nicht  eine  weitere  entwickelung  des  griechischen, 
dann  ist  ja  die  Unterscheidung  von  länge  und  kürze  im 
griechischen  alphabete  nicht  so  sehr  alt,  und  seinerseits  . 
hat  das  lateinische,  haben  überhaupt  die  italischen  spra- 
chen versuche  jener  Scheidung  aufzuweisen,  die  viel  um- 
fangreicher sind  als  die  griechischen.  Wir  erinnern  an  die 
doppelte  Schreibung  der  vocalzeichen,  an  EI  und  I  longum 
für  I,  an  den  apex.  Was  der  verf  s.  10  ff.  anzunehmen 
scheint,  dafs  positiou  den  vorausgehenden  vocal  an  sich 
lang  mache,  können  wir  nicht  einräumen.  Wir  stellen  viel- 
mehr, wir  denken,  in  Übereinstimmung  mit  allen  deutschen 
Sprachforschern  den  satz  auf,  dafs  in  den  classischen  alten 
sprachen  die  positiou  zunächst  keinen  einflufs  auf  die  quan- 
tität des  voransgehenden  vocales  ausübte,  dafs  also  davor 
von  natur  lange  und  von  natur  kurze  vocale  stehen  konn- 
ten, imd  nnn  bei  der  aufeinanderfolge  gewisser  konsonan- 
ten  die  silbe  lang  wurde,    wenn  auch   der  vocal  an  sich 


286  Schweiser-8id]«r 

kurs  war.  Nicht  nur  die  griechische,  auch  die  lateinische 
lautbezeichoung  sprechen  laut  dafür,  indem  sie  naturlangen 
vocal  genau  bezeichnen,  wie  in  ictum,  paastor  u.  s.  f., 
niemals  den  von  natur  kurzen  vocal  vor  position  als  Ter- 
l&ngert  aufflkbren.  Schwieriger  sind  die  fälle  von  gemina- 
tion  eines  m,  n,  1,  s,  einzeln  auch  der  explosiven,  aber 
nicht  schwierig  fOr  die  frage,  ob  sie  einen  naturkurzen 
vocal  verlängern.  Die  erklärung,  welche  herr  B.  von 
der  positionslänge  gibt  und  welche  von  seiner  annähme 
einer  Verlängerung  des  vocal  es  ganz  unabhängig  ist,  ist 
nicht  nur  sinnig,  sie  ist  sehr  wahrscheinlich ;  die  einzelnen 
f&lle  aber,  wo  sie  schwankend  ist  oder  wo  sie  erst  durch  die 
hexametrische  poesie  im  lateinischen  aufkam,  sind  nicht 
genau  verfolgt  und  einige  aus  dem  deutschen  beigebrachte 
Wörter  nicht  richtig  angef&hrt:  sunu  hat  im  althochdeut* 
sehen  kein  fi,  sondern  u,  und  sonne  lautet  dort  sunna. 
Endlich  ist  hier  die  aus  Corssen  citierte  stelle  mifsver- 
standen.  Wesen  und  Stellung  des  accentes  sind  in  un- 
serem buche  mit  geist  und  besonnenheit  dargestellt,  und 
in  feiner  weise  ist  die  möglichkeit  und  Wahrscheinlichkeit 
der  historischen  wandelung  nachgewiesen.  Die  auseinander^ 
Setzung  des  Verhältnisses  von  ä,  e,  6  (s.  30ff.)  kann  ge- 
wichtiger und  tiefer  werden  durch  benutzung  der  schon 
oben  von  uns  angeführten  arbeit  von  G.Curtius.  Zu  vömo, 
vdco  s.  33  stellen  wir  noch  altes  voto  für  veto,  voci- 
vus  f.  vacuus,  vocatio  f.  vacatio.  Die  deutschen  bei- 
spiele  s.  34  sind  nicht  gerade  glücklich  gewählt.  O  findet 
sich  im  althochdeutschen  einige  male  bestimmt  als  Schwä- 
chung von  a,  wie  in  gewonaheit  gewobnKeit  u.  a.,  be- 
sonders aber  erseheint  es  als,  wie  es  Grimm  vielleicht  nicht 
richtig  nennt,  gebrochenes  u,  wenn  in  der  folgenden  silbe 
a,  o,  e  auftritt,  es  sei  denn  dafs  mm,  nn  oder  mit  m,  n 
gebildete  consonantengruppen  die  brechung  hemmen,  und 
das  ist  nun  gerade  in  sunna  der  fall.  Im  skr.  puru, 
pulu  (s.  35)  etc.  ist  auch  der  einflufs  des  folgenden  r  mit 
anzuschlagen,  und  o  im  griechischen  ^oAt;^  ist  nicht  etwa 
gleich  u  zu  setzen,  sondern  ist  selbständige  griechische 
Schwächung  von  altem  ä,  vgl.  ßixqvg  neben  gürn.     Wenn 


anseigen.  287 

vom  Terf.  selbst  gewils  sehr  richtig  in  soror  u.E.  blofs 
einflufs  von  v  angenommen  wird,  so  dQrfen  auch  indische 
Qkt&  and  iäta  nicht  so  erklärt  werden,  als  sei  hier  ä 
einfach  ausgestofsen  und  y,  j  vocalisiert.  Aus  den  quellen 
ftar  archaisches  latein  ist  wenigstens  die  Duiliusinschrift 
auszuscheiden,  wie  das  nach  Ritschis  forschungen  nicht 
mehr  bezweifelt  werden  kann.  Was  die  Schwächung  von 
a  in  u  und  i  Tor  p,  b  betrifft,  so  hätten  wir  namentlich 
ein  beispiel  gerne  aufgef&hrt  gesehen,  in  dem  wir  die  stu- 
fen noch  verfolgen  können,  nämlich  die  Zusammensetzun- 
gen mit  rSpio,  von  denen  corrüpio  etc.  vor  corripio 
existiert  hat.  und  u  war  auch  die  Vorstufe  von  i  in  in- 
silire  etc.,  wie  uns  consul,  consiilo  zeigen.  Auch  con- 
dumnari  st.  condemnari  ist  so  zu  erklären.  Die  anm. 
s.  42  gegebene  etymologie  von  causa,  caussa  von  wz. 
cnd  „hauen,  schmieden^  wird  wenige  befriedigen.  Nicht 
genau  ist  die  erklärung  von  eo,  queo,  eum  etc.  s.  43. 
Herr  B.  nimmt  doch  wohl  mit  Corssen  u.  a.  an,  dafs  der 
vokal  der  wurzeln  T  von  ire  und  qui  von  quire,  i  von 
is  in  der  flexion  gesteigert  wurde,  zunächst  also  ei,  3 
lautete;  nun  blieb  eben  diese  form  vor  den  vocalen  a,  o,  u 
mit  allmählicher  Verkürzung,  während  sie  sonst  in  l  Qber- 
gieng.  Schade  ist  es,  dafs  der  verf.,  wo  er  von  der  ver- 
kfirzung  der  endvocale  oder  der  vocale  vor  schliefsendem 
consonanten  im  lateinischen  spricht,  nicht  die  arbeiten  von 
Bdcheler,  Fleckeisen,  Ritschi,  Wagner  u.  a.  benutzen 
konnte. 

Der  tkbergang  von  as  (skr.)  in  ^  in  edhi  „sei^  f&r  as- 
dhi,  und  derjenige  in  o  vor  tönenden  anlauten  werden  hier 
so  erklärt,  dafs  i  und  u  als  compensierende  vocale  aufge- 
lafst  sind.  Orflndlicher  ist  die  deutung  von  A.  Weber, 
dafs,  nachdem  sich  das  s  in  die  specialisierten  hauche  j 
oder  V  aufgelöst,  diese  schliefslich  mit  einwirkung  der  in 
ihnen  liegenden  vocale  i  und  u  verschwunden  seien.  Kq^It'^ 
Ttav  werden  wir  nicht  leicht  anders  erklären  können  als 
so,  dafs  wir  doppelte  Vertretung  des  i  annehmen,  wie  in 
fui^av.  Das  lateinische  hat  denn  doch  (69)  den  hiatus  in 
deesse,  cooptare  u.  ä.  gemildert  und  häufig. ganz  ge- 


288  Schweizei^idler 

tilgt,  und  quercuum,  taus,  filii  sind  gerade  die  jlln* 
gern  formen;  fluere  hiefs  eigentlich  floTere  (vgl.  per* 
plovcre),  dann  flouere,  flüere,  fluere.  Die  griechi* 
sehen  <p^  x^  ^  nimmt  B.  für  Spiranten,  wie  viele  neuere 
and  ältere,  stellt  aber  zugleich  die  ansieht  auf,  dafs  sie 
ursprQnglich  wahre  aspiraten  gewesen  seien.  Die  grieobi- 
sehe  erscheinung,  dafs  in  der  reduplicationssilbe  die  tenues 
statt  dieser  laute  auftreten,  was  sie  denn  doch  eher  als 
wahre  aspiraten  erkennen  läfst,  möchte  in  die  urzeit  zu- 
rückreichen, aber,  waren  sie  in  der  classischen  zeit  Spiran- 
ten, so  begreifen  wir  nicht  recht  ihre  Vertretung  im  alten 
latein  durch  die  tenues,  im  spätem  durch  ch,  ph,  th. 
Auch  das  lateinische  (82)  hatte  einstmals  buchstabe  und 
laut  z,  und  das  oskische  behielt  ihn  immerfort  in  doppelter 
geltung.  In  der  genitivendung  -azurn  entspricht  oskisches 
z  dem  gotischen  und  ißt,  wie  das  gotische  im  althooh- 
deutschen,  im  lateinischen  durch  r  vertreten.  Die  darstel- 
lung  von  dem  fortschreiten  der  assimilation  würde  (s.  100) 
der  verf.  nach  einsieht  des  Index  zum  ersten  bände  des 
C.  I.  L.  von  Mommsen  etwas  anders  gefalst  haben.  Wir 
können  doch  nicht  obenhin  sagen,  lat.  g  gehe  in  v  über. 
Das  goth.  quius,  ahd.  quäh  zeigt  ganz  deutlich  eine 
vorausgehende  entwickelung  in  gv.  Auf  derselben  seite 
112  ist  von  der  Schwächung  eines  c  in  g  die  rede.  Diese 
findet  seltener  im  anlaute  als  im  inlaute  zwischen  zwei  vo- 
calen  statt.  C  (fQr  C*ajus)  aber  haben  wir  immer  mit  wei- 
chem anlaute  zu  sprechen,  rührt  doch  diese  sigle  noch  aus 
der  zeit  her,  wo  c  und  k  neben  einander  galten,  jenes  f&r 
g,  dieses  für  k.  Arguo  (s.  121)  ist  von  Meunier  und  B. 
sicher  falsch  alsad-guere  „entgegen  schreien^  gedeutet 
Der  sinn  dieses  wertes  mit  seinen  ableitungen  spricht  laut 
daAir,  dafs  arguere  von  einem  lat.  argus  =  *doy6g  ab- 
zuleiten ist  und  eigentlich  „hell  machen^  bedeutet.  Vafer 
(s.  126)  ist  uns  doch  nicht  so  dunkel,  indem  an  seiner  her^ 
knnft  aus  wz.  vabh^  v(p^  w^ban  kaum  zu  zweifeln  ist. 
Laut  und  bedeutung  stimmen  trefflich.  Zu  humerus  als 
beispiel  von  unechtem  h  läfst  sich  noch  humidus  u.  s.  f. 
fQgen;   übrigens  sind  diese  Wörter  in  unfern  texten  in  der 


Anzeigen.  2S9 

regel  richtig  ohne  h  gedruckt.  Die  erweicbnng  Ton  h  in 
g  wird  im  iolante  wohl  immer  mit  nasaliertem  vocale  ver- 
bunden sein.  Die  deutsche  lautverschiebung  ist  s.  142  ff. 
mit  bertIcksicbtiguDg  der  nach  Grimm  aufgestellten  ansich- 
ten  behandelt;  in  eine  neue  phase  ist  die  erkl&rung  der- 
selben durch  das  geistreiche  buch  von  Scherer  getreten, 
welches  B.  noch  nicht  benutzen  konnte.  Die  wandelnng 
von  griech.  v  \n  g  nimmt  auch  der  verf.  (s.  154)  nicht  an, 
findet  aber  die  Veränderung  von  v  in  >l,  wie  sie  neuere 
sprachen  etwa  aufweisen,  bei  mehreren  beispielen  wahr- 
scheinlich, nämlich  bei  anja,  äXXog'j  dh^nu,  &ij)Lvg  na^, 
nanciscor,  kay^cc^w;  TtksvfÄtov  neben  mf&ifi<av.  Frei- 
lich sind  alle  diese  beispiele,  wie  Curtius  nachgewiesen, 
nicht  streng  beweisend.  Gegen  ausfall  des  fi  zwischen 
zwei  vocalen  im  inf.  hat  Benfey  (Or.  und  Occ.  I,  606)  be- 
grOndete  einwendungen  gemacht.  Es  ist  in  der  that  keine 
Ursache  vorhanden,  die  uns  hinderte  neben  der  endung 
^pLtvai  eine  endung  'tvai  aufzustellen.  Zu  s.  158  ist  zu 
bemerken,  dafs  Ascoli  neuerdings  (siehe  die  folgende  seite) 
nachzuweisen  versucht  hat,  dafs  die  lateinischen  novem, 
Septem,  decem  neutra,  versteinerte  neutra  von  a-stäm- 
men  seien,  und  bei  wegfall  von  pi  begreift  sich  das  grie- 
chisch auslautende  a  um  so  leichter.  Auf  derselben 
Seite,  wo  B.  von  diesen  Wörtern  spricht,  ist  nun  wie  früher 
vom  griech.  q^  X  fbr  v,  hier  vom  lateinischen  die  rede,  und 
es  steht  die  sacfae  nicht  sicherer:  das  fremd  wort  groma 
fUlt  aufser  betracht,  und  lympha  ist  kaum  gleich  yt;^^)!?, 
höchstens  später  durch  ph  st.  p  ihm  genähert  worden;  lat. 
ist  lumpa  und  dieses  steht  gleich  osk.  diumpa  quellwassen 
Es  wird  auch  s.  164  lateinisches  labor  unrichtig  an  wz. 
labh  ^greifen,  nehmen^  gehalten,  es  sei  denn,  dafs  der  verf. 
diese  als  mit  rabh  gleich  nachweise.  Das  slavische  und 
das  deutsche  wort  lassen  uns  in  labor  r  als  ursprüng- 
lichen anlaut  erkennen.  lam  wurde  nicht  nur  (wie  es 
s.  192  scheint),  wenn  das  gefflhl  für  die  Zusammensetzung, 
wie  in  qnoniam,  verloren  war,  zweisilbig  gelesen,  nunc- 
iam  ist  bei  Plautus  und  Terenz  immer  dreisilbig.  Ait 
ist  8.  193  zu  kurz  abgethan.    Wir  müssen  beachten,  dafs 

Zeitechr.  f.  vgl.  sprachf.  XVIII.  4.  19 


890  Schw«iMr^dler 

dessen  arsprüngliebe  messung  die  spoodeisohe  gewesen  ist, 
dann  alt,  sohliefslicb  erst  alt.  Fleckeisen,  zur  kritik  der 
altl.  dichterfragm*  p.  7  ff.  Noch  einige  andere  kleinigkei- 
ten  könnten  wir  auiTQhren,  in  welchen  eine  andere  auffas- 
sang  möglich  oder  die  richtige  wäre ;  das  buch  als  ganzes 
bleibt  aber  eine  hübsche  und  besonnene  arbeit 

Zürich.  H«  Schweizer-Sidler. 


Während  in  obigem  buche  eine  treffliche  übersicht- 
liche darstellung  ,der  für  das  sanskrit,  griechische,  latei* 
nische  wichtigsten  resultate  der  vergleichenden  sprachfor* 
schung  gegeben  ist,  liegt  uns  von  Ascoli  eine  gröfsere 
abhandlung  „di  un  gruppo  di  deainenze  Indo-Europee^ 
Tor,  in  welcher  er  mit  grofsem  Scharfsinne  (nicht  bIo(s 
„nicht  ohne  Scharfsinn^)  und  mit  Sichtung  eines  umfassen- 
den materiales  neuen  gewinn  zu  erringen  sucht  und  nach 
unserer  meinung  errungen  bat.  Wir  theilen  denselben  in 
aller  kürze  mit.  In  den  armenischen  Zahlwörtern  fQr  7, 
9,  10  sieht  er  *n,  -an  für  spätem  zusatz,  nicht  fär  uralte 
Übereinstimmung  mit  dem  sanskritischen  Schlüsse  der  ent- 
sprechenden Zahlwörter  an.  Diesen  sanskritischen  schluis 
selbst  bestreitet  er  und  meint,  dafs  er  blofs  irrt'jümlich 
aus  einigen  formen  der  casus  obliqui  entnommen  sei:  ein 
n-stamm  (panKan,  saptan,  aötan,  navan,  da^an) 
habe  hier  nicht  existiert,  sondern  vielmehr  im  nominativus 
unflectierter  a-stamm  (panka  etc.).  Die  lateinischen  Se- 
ptem, novem,  decem  aber  gelten  dem  yerf.  als  ver- 
kannte mit  flexion  des  nominativus  und  accusativus  verse- 
hene  neutralformen  eben  solcher  a- stamme,  wie  denn  die 
griechischen  invd  etc.  beweisen,  dafs  im  auslaute  derselben 
ein  fi  al^efallen  sei.  Aber  die  alte  form  -am  zeige  sich 
in  einem  worte  noch  weiter  verbreitet  unter  der  gestalt 
von  av,  ö,  in  dem  worte  für  8.  Dieses  dürfe  nicht  als 
dual  gefaCst  werden,  aber,  und  das  fährt  den  verf.  auf  den 
dualis  Oberhaupt,  der  lautliche  procefs  sei  hier  derselbe  als  in 
dem  genannten  numerale.  Die  äu,  w,  €  etc.  des  dualis  seien 


antelgen.  ^1 

ans  -am  hervorgegangen,  wie  das  än^hn  skr.  dadftu  ich 
gab.  Ein  solches  ftu  trete  auch  in  skr.  asftu,  griech.  ^;/fti 
n.s.f.  und  schliefslicb  in  ffigta  u.  s.  £  auf.  —  Diese  abband- 
lung  ist,  wie  der  kundige  leicht  aus  den  resultaten  schliefst, 
wichtig  finr  lautlehre  und  formenlehre,  und  enthält  beiläufig 
manche  treffliche  vergleichung  von  einzelnen  Wörtern. 

Zfirich.  R  Schweizer-Sidler. 


Ueber  Bttsspraclie,  ▼okalismiis  and  betonvng  der  Uteinisehea  spracbe.  Von 
W.  Cor s Ben.  Zweite  umgearbeitete  ausgäbe.  Enter  band.  Ss.  XV 
und  819.     Dmck  und  verlag  von  B.  6.  Tenbner.     Leipzig  1868. 

Mit  welchem  rechte  diese  zweite  ausgäbe  des  trefflichen 
buches  vonCorssenden  namen  einer  völlig  umgearbeiteten  und 
erweiterten  verdiene,  zeigt  schon  das  mafs  ihres  umfanges 
gegenüber  der  ersten.  Der  stoff,  dessen  behandlung  in  der 
letzteren  nur  232  Seiten  einnimmt,  ftllt  im  vorliegenden 
bände  der  zweiten  bearbeitung  über  800  Seiten,  nämlich 
aiphabet  und  schrift,  ausspräche  der  consonanten  und  vo- 
cale,  und  der  erste  theil  des  Tocalismus,  d.  i.  die  entste- 
hnng  der  diphthonge  und  langen  vocale,  und  die  trflbung 
der  erstem.  Es  war  dem  verf.  Tergönnt  jetzt  nicht  nur 
reicheres,  sondern  auch  besser  gesichtetes  material  lateini- 
scher inschriften  verschiedener  zeiten  und  neue  funde  auf 
oskischem  und  sabellischem  Sprachgebiete  zu  benutzen,  es 
traten  femer  in  dem  Zeiträume  zwischen  der  ersten  und 
zweiten  ausgäbe  faliscische  inschriften  ans  licht,  welche 
Mommsens  vermuthung,  dafs  sich  in  Palerii  eine  der  latei- 
nischen nahe  verwandte  bevölkerang  gefunden  habe,  aufs 
glänzendste  bestätigten;  endlich  haben  inzwischen  die  for- 
schnngen  innerhalb  der  lateinischen  und  überhaupt  itali- 
schen Sprachdenkmale,  so  wie  diejenigen  auf  dem  felde 
weiterer  historischer  Sprachforschung  und  der  lautphysio- 
logie  ein  frisches  leben  gelebt.  Corssen  selbst  aber  bethä- 
tigte  sich  fortwährend  aufs  eifrigste  in  mehrern  dieser  kreise, 

19* 


292  SchweUer-Sidler 

bald  abwehrend,  baf3  weiter  bauend,  und  nahm  im  Obrigen 
meist  alles  dessen  achtsam  wahr,  was  irgend  welche  bezie- 
hung  auf  die  grofse  aufgäbe  hatte,  welche  er  sich  als  pro- 
vinz  gewählt.  Haben  nun  wirklich  alle  theile  des  Corssen- 
3chen  buches,  so  weit  es  uns  vorliegt,  grofse  bereicherung 
erfahren,  so  gilt  dieses  doch  vor  allem  von  demjenigen, 
welcher  die  entstehung  der  diphthonge  und  langen  vocale 
behandelt.  Wir  folgen  dem  Verfasser  mit  lebendigem  in- 
teresso  durch  ein  volles  wurzelverzeichnifs  und  die  man- 
nigfachen und  theilweise  recht  einläfdichen  daran  gereihten 
erdrterungen  Ober  italische  wurzel-  und  Wortgestaltung,  und 
fireuen  uns,  wo  er  die  ersatzlängen  im  zusammenhange  dar- 
legt und  immer  noch  einzelne  räthsel  löst;  kein  forscher 
aber  wird  undankbar  sein  ftkr  die  entwickelung,  welche  der 
verf.  den  gesteigerten  vocalen  in  wortbildungssuiBxen  und 
flexionen  angedeihen  läfst,  mag  ihn  auch  da  und  dort  eine 
erklärung  minder  befriedigen.  Kurz,  wir  halten  daflQr,  dafs 
diese  neue  ausgäbe  des  vocalismus  fflr  jeden,  welcher  vom 
heutigen  standpuncte  der  wissenschaftlichen  kenntnifs  des 
lateinischen  sich  unterrichten  will,  ein  geradezu  unent- 
behrliches hilfsmittel  sei. 

Die  wissenschaftlichen  principien  von  C.  sind  bekannt, 
und  auch  wir  haben  dieselben  schon  mehr  als  ein  mal  dar- 
zulegen versucht  und  dieselben  bis  auf  einen  gewissen  grad 
vollberechtigt  gefunden.  Der  verf.  fahrt  seinen  kämpf  wohl- 
gerüstet und  wehrt  sich  nach  allen  Seiten  hin  mit  nie  er- 
mattender beharrlichkeit.  Es  kann  ihm  dabei  auch  einmal 
begegnen,  dals  seine  polemik  kleinlich  wird,  was  wir  be- 
sonders  dann  nicht  gut  heifsen  können,  wenn  es  einem  die 
Sache  so  ernst  nehmenden,  forsShungseifrigen  und  scharf« 
sinnigen  manne,  wie  Ascoli,  gegenüber  geschieht.  Wenn 
ein  Italiäner,  welcher  deutsch  schreibt,  den  ausdrnck  spalt 
für  Spaltung  braucht,  verdient  er  wahrhaftig  darum  kei- 
nen spott.  Eine  schwächere  seite  sind  auch  an  diesem  buche 
Corssens  die  allzu  freie  benutzung  des  sanskritwurzelver- 
zeichnisses  und  besonders  die  unzulängliche  kenntnifs  der 
altdeutschen  formen,  welche  doch  so  häufig  beigezogen 
werden  und  in  der  that  für  die  anschauung  der  diphthon- 


anzeigen.  293 

gen-  und  längenentwickelung  im  lateinischen  sehr  wesent- 
lich sind.  Wir  dürfen  diese  kleinen  schwächen  um  so  we- 
niger verschweigen,  da  das  werk  sonst  gerade  durch  seine 
grüudlichkeit  imponiert  und  im  übrigen  trotz  des  ungeheu- 
ren reichthums  an  stoff  nur  selten  ein  versehen  einschlei- 
chen läfst.  So  wird  ein  Germanist  sich  vielleicht  wun- 
dern, wenn  er  von  C.  die  deutung  von  h^lt,  hialt  u.  8.f. 
als  ursprünglich  rednplicierender  perff.  angezweifelt  sieht, 
aber  noch  mehr,  wenn  er  s.  400  mitten  in  einer  trefflichen 
auseinandersetzung  zu  lesen  bekommt:  i^die  wurzel  sa  ist 
auch  erhalten  im  as.  got.  sibuu  „sieben^  vgl.  mit  griech« 
cda)  „  siebe  ^,  wo  nach  dem  zusammenhange  doch  nicht 
vom  gotischen  zahlworte  die  rede  sein  kann,  oder  wenn 
er  unter  wz.  bhug  als  beispiel  gleichartiger  Steigerung  mit 
skr.  bhöga,  fügi  das  ahd.  poko,  ein  ander  mal  als  bei- 
spiel der  deutschen  ö- Steigerung  chömen  aufgeführt, 
fuogan  und  dergleichen  geschrieben  findet;  und  umsonst 
würde  es  sein  hier  kenntnifs  der  vocalbrechung  und  des 
vocalumlautes,  kenntnifs  der  vocalischen  auslautsgesetze 
und  genauere  Unterscheidung  der  germanischen  dialekte 
zu  suchen.  Nach  diesem  allgemeinen  urtheile  wenden  vnr 
uns  zum  einzelnen,  nicht  um  armselig  zu  kritteln,  son- 
dern um,  wo  möglich,  wenn  auch  nur  im  kleinen  zu  er- 
gHnzen  und  die  Wahrheit  zu  fördern.  Zun&chst  f&Ut  es 
uns  auf,  bei  der  behandlung  des  alphabets  die  so  be- 
deutende abhandlung  Kirchhoffs  „Studien  zur  geschichte 
des  griechischen  alphabets*^  nicht  mit  einem  worte  erwähnt 
zu  finden,  i:nd  doch  haben  auch  Mommsen  in  seinen  neue- 
sten ausgaben  der  römischen  geschichte  und  Kitschi  in  dem 
allerdings  erst  nach  erscheinen  unseres  buches  veröffent- 
lichten lichtvollen  aufsatz  „zur  geschichte  des  lateinischen 
alphabets '^  das  gewicht  der  resultate  von  Kirchhofis  for- 
schung  für  erkenntnifs  des  Ursprungs,  der  gestaltung  und 
der  Ordnung  der  italischen  alphabete  in  vollem  mafse  ge- 
würdigt. Wir  dürfen  wohl  erwarten,  dafs  unter  den  nach- 
tragen des  zweiten  theiles  die  ergebnisse  von  Kirchhoffs 
und  Ritschis  Untersuchungen  mit  verzeichnet  werden.  Ueber 
das  merkwürdige  ROA\A  aber  wird  sicher  der  verf.  anders 


294  SchweiMr-Sidler 

urüi^en  als  Ritscbl.  Das  kaon  doch  eben,  wie  uns  R. 
selbst  lehrt,  nichts  anderes  bedeuten  als  Roama,  darf 
aber  darum  nicht  mit  robur  in  Verbindung  gebracht  und 
jfticht  ▼,  u  aus  b  erklärt  werden,  sondern  best&tigt  nur  wie- 
der die  feine  deutung  von  Corssen,  welche  mit  der  ge- 
schichtlichen aufiassung  Mommsens,  einer  aufTassung,  welche 
uns  auch  Cato  an  die  hand  gibt,  trefflich  stimmt.  S.  14 
werden  die  Plautinischen  messungen  similumae,  sagita 
UL  a.  erwähnt  und  gewifs  ganz  zutreffend  erklärt;  denn 
nicht  darum,  weil  die  doppelconsonanten  nicht  geschrie- 
ben wurden,  wie  einige  meinten,  konnten  die  silben  vor 
ihnen  als  kurz  gelten,  sondern  darum,  weil  sie  nicht  mit 
deutlich  geschärften  consonanten  gesprochen  wurden. 
Dafs  gewisse,  später  doppelt  geschriebene  laute,  selbst 
solche,  deren  doppelung  sich  durch  assimilalion  erklärt, 
anter  bestimmten  bedingungen  in  der  scenischen  spräche 
nicht  volle  metrische  länge  begründen,  ist  in  neuester  zeit 
wieder  von  Christ  hervorgehoben  und  geschickt  begrün- 
det worden;  bemerkenswerth  ist  aber,  dafs  das  in  sagita 
wohl  ursprünglich  einfach  lautende  t  geschärft  und  der 
accent  versetzt  ward,  eine  vereinzelte  willkürlichkeit,  welche 
eben  dadurch  ermöglicht  ward,  dafs  vorEnnius  eine  feste 
abgrenzung  in  dieser  beziehung  noch  nicht  bestanden  hatte. 
Wie  Ennius  die  viel  wichtigere  doppelte  Schreibung  ge- 
schärfter consonanten  in  die  schrift  und  metrik  eingef&hrt 
bat,  so  gilt  der  dichter  Accius  fOr  denjenigen,  welcher  die 
doppelte  Schreibung  gewisser  vocale  au%ebracht  habe,  um 
deren  naturlänge  anschaulich  zu  machen;  Bücheier  aber 
wdlte  —  in  seiner  gediegenen  schrift  über  die  lateinische 
declination  —  aus  dem  von  Cato  fQr  diem  geschriebenen 
diee  schliefsen,  solche  Schreibung  sei  vereinzelt  schon  vor 
Accius  vorgekommen.  Das  bestreitet  C.s  ib  anm.und  nimmt 
diee  fbr  einen  ehrwürdigen  Überrest  der  vollen  form  die- 
sem. Diese  volle  form  als  ursprüngliche  anzunehmen,  hat 
C.  vollkommen  recht,  aber  so  jung,  dafs  ein  derartiger 
rest  noch  zu  Catos  zeiten  bestanden  hätte,  ist  gewifs  der 
ausfall  des  s  nicht  anzusetzen.  Ebendaselbst  spricht  Cors- 
sen  von  h  als  längezeichen  im  umbrischen  und  oskischen 


antelg«n.  296 

und  fflbrt  den  analogen  gebrauch  der  deataohen  Schrift  seit 
dem  spätem  mittelalter  an.  Aber  sparen  eines  soldien  h 
UQ'I  noch  viel  häufigere  spuren  der  doppelten  schreibang 
von  vocalen,  um  deren  natarlänge  su  bezeichnen,  finden 
sich  im  deutschen  um  ein  bedeutendes  frfiber;  Grimm,  gr. 
1%  s.  89.  Wir  dürften  darum  auch  gar  nicht  daran  den- 
ken, dais  Accius  seine  schreibang  von  einem  andern  zfreige 
des  italischen  Stammes  herholen  mufste,  wenn  nicht  auf- 
fielo,  dafs  er  nicht  auch  OO  schrieb,  was  allerdings  entleh- 
nung  von  Oskem  oder  Sabellern  wahrscheinlich  macht. 
Was  die  Schreibung  mit  EI,  I  longum  oder  einfachem  I 
ftkr  I  betrifft,  so  müssen  da  noch,  wie  über  die  Schreibung 
mit  apex,  die  feinen  und  sprachgeschichtlich  wichtigen  er- 
drtemngen  Useners  in  dessen  aufsatz  i^varronische  ex- 
cerpte^,  rh.  m.  n.  f.  bd.  24,  hinzugenommen  werden,  um  un» 
dieselbe  ftlr  die  ausspräche  richtig  werthen  zu  lassen.  Was 
Gorssen  unter  einer  behandlung  der  ausspräche  der  latei- 
nischen consonanten  versteht,  ist  bekannt:  er  erörtert  in 
dem  betreffenden  abschnitte  überhaupt  das  charakteristi- 
sche des  consonantensystems,  die  möglichen  und  wirklichen 
Verbindungen  derselben,  ihre  stärke  und  schwäche,  und 
gewinnt  dadurch  in  streng  methodischer  weise  aufschlufs 
über  die  etymologie  einer  grofsen  anzahl  von  lateinischen 
Wörtern  und  bildungen.  Eine  nicht  unwesentliche  frage 
ist  hier,  wie  die  aspiraten  der  verwandten  sprachen  in  den 
italischen  und  im  lateinischen  insbesondere  vertreten,  ob 
wir  berechtigt  seien  eine  voritalische  stufe  anzunehmen, 
auf  weicher  den  italischen  Spiranten,  wie  im  griechischen, 
tennes  aspiratae  vorangiengen,  oder  ob,  wo  lateinische  Spi- 
rans im  anlaute,  media  im  inlante  einer  skr.  media  asp. 
entsprechen,  eine  blofs  mechanische  theilung  stattgefunden 
habe,  und  was  sich  daran  anschliefst.  Diese  frage  bespre- 
chen wir  nicht,  da  Ascolt,  der  von  C.  sehr  heftig  an- 
gegriffen worden  ist,  ohne  zweifei  den  kämpf  fbr  seine 
voritalischen  aspiraten  und  fQr  seine  anschauung  der  spi- 
rantenentwickelnng  im  italischen  mit  allem  rüstzeuge  aofiieh- 
men  und  durchführen  wird.  Die  analogien  anderer  sprar 
eben  begünstigen  die  ansieht,   welche  Ascoli  in  letzter 


296  Schweiser-Sidler 

zeit  mit  besonderem  eifer  vertheidigt  bat,  in  hohem  grade, 
nnd  C.  ist  kaum  berechtigt  die  diesfäliigen  italischen  vor- 
ginge unmittelbar  an  die  sanskritische  lautgestaltung  an- 
zuknüpfen. Schliefsen  wir  uns  auch  Äscolis  ansiebten 
Ober  die  entwickelung  der  italischen  Spiranten  an,  so  ver- 
lieren diese  darum  nicht  dem  griechischen  gegenüber  an 
ihrer  Selbständigkeit.  Wir  greifen  aus  diesem  abschnitte 
nur  einzelnes  heraus.  Dafs  Corssen  nun  um  so  muthiger 
seinen  satz  festhält,  es  sei  in  alter  zeit  kein  -cit,  -et  in 
blofses  -t  mit  vorausgehender  länge  übergegangen,  d.  h.  die 
assimilation  von  tt  aus  et  sei  erst  spätlateinisch  und  ro- 
manisch, um  so  muthiger,  da  seine  erklärung  von  suspl- 
cio,  convicium  boden  gewonnen  hat,  das  ist  natürlich, 
und  er  läfst  auch  heute  noch  (s.  37)  das  einzige  setius. 
An  welchem  aber  ein  ursprüngliches  g  vor  t  geschwunden 
sei,  als  annähernd  zutreffendes  beispiel  solches  Vorganges 
gelten.  Götze  wollte  jüngst  Corssens  herleitung  von  86- 
tius  aus  seg-nis  bestreiten  und  meinte,  dessen  trennung 
von  secus  sei  formell  höchst  auffallend,  es  stimme  aber 
auch  die  bedeutung  von  setius  nicht  zu  derjenigen  von 
segnis.  Der  beweis  für  diese  ansieht  ist  nur  durch  die 
beigebrachte  analogie  nicht  schlagend  geleistet,  existiert 
doch  ein  adjectivstamm  penito,  von  dem  penitius  com- 
parativ  ist,  und  ist  doch  eben  das  adverbium  penitus 
nicht  unmittelbar  von  einer  wurzel  gebildet,  wie  es  das 
adverbium  secitus  sein  mü&te,  wenn  man  es  mit  secus 
gleichstellt  und  wie  dieses  von  wz.  sec  herleitet.  Aber 
vergleicht  man  socius,  secta,  sector  (verb.  intens,  von 
sequor),  so  wäre  sectus  keine  unerhörte  form,  und  davon 
kann  sectior,  s6tior  kommen.  Sei  dem  wie  ihm  wolle, 
das  steht  durch  die  Überlieferung  fest,  s6tius  ist  =  se- 
ctius,  und  dieses  ist  ein  beleg  für  t  =s  et,  tt  mit  ersatz- 
länge. Und  das  gibt  uns  das  recht  invitus  aus  invici- 
tus  oder  invictus  zu  erklären.  Denkt  man  bei  invitus 
an  skr.  vi  und  vergleicht  vitus  mit  skr.  vitas  geliebt, 
erwünscht,  mit  zendischem  vitas  erwünscht,  gut,  invitus 
mit  zend.  e vitas  „bös,  nicht  erwünscht^,  so  ist  und  bleibt 
der  Umschlag  des  part  perf.  pass.  eines  transitiven  yerbuma 


297 

in  die  active  bedeatoDg  sehr  aufTallend,  und  man  erwartet  eher 
hoc  mihi  invitum  facit  als  me  inyito;  überdies  wäre 
die  vereinzelte  entlehnung  eines  particips  doch  wohl  ein 
Aufserst  seltener  fall.  Wie  wir  demnach  bei  invitns  als 
einem  invicitus,  invictus  von  wz.  vec  =  jx  ass  vap 
meinen  uns  beruhigen  zu  müssen,  so  trennen  wir  nicht 
vitare  von  jrex,  iixw^  nicht  invitare  von  vocare,  um 
sie  in  gar  künstlicher  weise  mit  skr.  wz.  vi  zusammenzu- 
bringen. Sehr  instructiv  und,  denken  wir,  abschliefsend 
ist  Corssens  darstellung  der  assibilation  von  t  und  c.  Ge- 
gen die  ableitung  jedoch  von  Bonifacius,  älter  Boni- 
fatitts  (s.  57),  sind  jüngst  schon  im  rhein.  museum. be- 
scheidene, aber  begründete  bedenken  erhoben  worden.  An- 
Ift&lich  der  alten  assibilation  von  t  in  s  bringt  Corssen 
seine  früher  aufgestellte  scharfsinnige  erklärung  von  osk. 
patensins  aperuerint  und  umbr.  combifian^ust  in  er- 
innerung.  Unbedingt  ziehen  wir  aber  die  deutung  vor, 
welche  C.  ebenfalls  als  die  seinige  ansprechen  kann,  sie 
jedoch  am  angefahrten  orte  unserer  Zeitschrift  schliefslich 
zurücksetzt.  Von  einem  patenti  konnte  nur  patentaum 
kommen  wie  lat.  praesentare  von  praesenti  u.  s.  f.; 
es  liegt  also  dem  oskischen  worte  ein  thema  patentio 
oder  patentia  zu  gründe,  und  so  ist  selbst  der  Übergang 
von  t  in  8  noch  mehr  gerechtfertigt.  Unter  den  beispie- 
len  einer  erweichung  von  c  in  g  führt  der  verf.  auch  pro- 
mulgare  auf  und  stellt  daneben  promulcum  und  re- 
mulcum,  womit  er  in  aller  stille  die  deutungen  von 
prom.  aus  provulgare  oder  proinvulgare  beseitigt 
und  wiederum  einem  beispiele  für  den  Wechsel  von  v  und 
m  seine  beweiskraft  nimmt.  Wir  denken,  C/ fasse  re- 
mulcum  und  promulcum  als  ableitungen  von  meliere 
(in  promeliere)  und  wolle  promulgare  als  „hervor- 
ziehen^ deuten.  An  dieser  deutung  wird  der  verf.  gewifs 
durch  Wilbrandts  bemerkungen,  zeitschr.  XVIII,  108, 
nicht  irre  werden.  Auf  s.  118  heilst  es  von  ob  wieder, 
es  sei  entweder  verwandt  mit  griech.  kni^  skr.  api,  oder 
mit  skr.  upa.  Wir  denken  doch  das  erstere  als  nach  form 
und  bedeutung  allein  richtig  erwiesen  zu  haben.  Wir  ken- 


296  Schw«iser-8idler 

Den  keinen  fall^  wo  ureprßDgliohes  u  im  lateinischen  o  ge- 
worden wäre  and  nehmen  dieses  selbst  in  före  (vor  r) 
nicht  an,  noch  minder  in  jöcus.  Nicht  geben  wir  noch 
einmal  auf  diejenigen  mit  f  anlautenden  Wörter  ein,  deren 
etymologie  jetzt  noch  streitig  ist,  wie  famulus,  faber, 
facere  u.  a.,  mQfsten  wir  doch  nur  altes  wiederiiolen  und 
bekämen  die  alten  nach  unserer  Überzeugung  nun  einmal 
nicht  genügenden  einwürfe  zurück.  Ueber  die  wz.  bhaj 
im  Sanskrit  aber  dürfte  sich  nun  doch  Corssen,  weil  nicht 
durch  uns,  durch  Böhtliogk-Itotb  belehren  lassen.  In  fa- 
mulus  ist  immerhin  beachtenswerth,  dals  a  kurz  ist,  wie 
denn  überhaupt  die  quantität  und  dlfUlige  erklärung  des 
ausweichenden  im  vorliegenden  buche  —  freilich  bei  so 
reichem  materiale  begreiflich  —  da  und  dort  zu  wenig 
beachtuDg  findet,  so  in  äcerbus,  fimus,  Venafrum. 
Noch  leichter  scheint  es  uns  form  und  bedentung  von  feo 
zu  begreifen,  wenn  wir  feveo  als  grundform  ansetzen;  und 
daneben  stellen  wir  unbedenklich  und  unbeirrt  durch  des 
verf.,  wir  meinen,  leicht  zu  beseitigende  einwendnngen  als 
alte  präsensform  von  fu  fövo  auf.  Ueber  die  wz.  bhar, 
bhra,  bhru  (s.  145)  hat  schon  Ascoli  bd.  XVI  d.  zeitschr. 
neues  beigebracht,  nun  sind  Böhtlingk-Roth  s.  v.  bhur 
zu  vergleichen;  und  blofse  Weiterbildung  von  bhra  ist 
bhram,  neben  dem  ein  bhru  leicht  erklärlich  ist.  Sehr 
ausführlich  läfst  sich  C.  s.  152  ff.  über  das  mit  ab  gleich- 
bedeutende af  gegen  Curtius  aus,  und  wir  werden  ihm 
einräumen  müssen,  dafs  seine  deutung  von  af  aus  einer 
form  adhi,  adh  lautlich  gerechtfertigt  ist,  wie  keine  an- 
dere. Da  wir  im  lateinischen  kein  zweites  beispiel  aufzu- 
weisen vermögen,  in  welchem  etwa  urspn  ausl.  tenuis 
aspiriert  worden  und  dann  sich  wieder  zur  media  ges«ikt 
hat,  so  werden  wir  uns  bei  Corssens  ansieht  beruhigen. 
Aber  minder  durchschlagend  erscheint  die  anm.  s.  160  f., 
in  welcher  C.  im  gründe  nur  die  lautlich  sporadisch  sich 
geltend  machende  erscheinung^  dafs  auch  im  lateinischen 
s  folgende  tenuis  zur  aspirata,  resp.  Spirans  umgestalten 
könne,  bestreiten  will.'  Fallo  aber  ist  ein  nicht  wegau- 
liomendes  beispiel,  und  der  verf.  wird  umsonst  nachzuwei- 


aaaeigeii.  299 

sen  Teroucbeo,  daft  es  einst  im  sanskrit  ein  sbhal  vor 
sphal  gegeben  habe.  So  scheint  es  uns  denn  auch  uner- 
laubt funda  von  o^eväovrj  und  der  wz.  spand  zu  tren- 
nen. Die  bedeutungen  des  lat.  funda  sind  schon  von  der 
gewöhnlichen  lexikographie  ohne  alle  kfinstelei  zu  einer  or- 
ganischen einheit  vereinigt  worden.  Dals  aber  funda  und 
C€p€v86vti  zu  spand  gehalten  werden,  verwehrt  uns  nicht 
anch  pendere  zu  derselben  wnrzel  zu  ziehen:  warum 
dürften  wir  nicht  nur,  warum  sollten  wir  nicht  auch  auf 
dem  wurzelgebiete  zeitlich  verschiedene  entwickelungen  an- 
nehmen, warum  sollte  nicht  anch  diese  forschung  eine  Chro- 
nologie inne  halten?  Dafs  plsbes  (s.  165)  so  erklärt  werden 
könne,  wie  Corssen  erklärt,  ist  unbestreitbar;  aber  fQr 
denjenigen,  der  nicht  darauf  ausgeht  das  lateinische  vom 
griechischen  möglichst  scharf  zu  trennen  —  ein  bestreben, 
das  bei  unserm  verf.  stark  hervortritt  — ,  liegt  die  vec^ 
gleichung  von  nXij-d'oq  mit  p  leb  es  sehr  nahe  und  die 
ein  Wendung  Corssens  triffi  nicht  zu,  dafs  sonst  (?)  den 
griechischen  neutris  auf -og  im  lateinischen  solche  auf -us 
entsprechen;  haben  ja  doch  gerade  die  neben  einander 
stehenden  formen  nabhas,  vi<pog^  nübes,  sadas,  iSogj 
sedes  den  begründer  einer  wissenschaftlichen  Sprachfor- 
schung auf  die  richtige  erklärung  der  lateinischen  formen 
auf  -es  geflQhrt.  Unter  abies  s.  170  ist  wieder  skr.  edh 
als  Steigerung  von  adh  aufgeführt.  Solches  edh  aber  wird 
wohl  einstimmig  von  den  sanskritkennem  als  dialektische 
—  und  als  solche  erklärbare  und  nicht  ohne  analogie  da» 
stehende  —  nebenform  von  ardh  angesehen.  Der  wurzel 
arbh,  welche  mindestens  nach  analogie  erschlossen  war, 
begebe  ich  mich  um  so  lieber,  da  der  verf.  dem  dh  von 
ardh  sogar  im  inlaute  doppelte  Vertretung  auf  italischem 
boden  einräumt.  Wir  meinen,  dafs  der  verf.  seine  künst- 
liche deutung  von  quotidie  und  quotannis  (s.  175  f.) 
nicht  lange  festhalten  wird.  Während  er  selbst  in  einem 
folgenden  abschnitte  seines  buches  sehr  wahrscheinlich 
macht,  dafs  die  pluralformen  auf -eis,  -Is  in  der  o-de- 
cUnation  relativ  spät  und  vorübergehend  gewesen  seien,  soll 
qvotannis  seinssquot  annis  (f.  anni)  snst,  und  da- 


300  Schwetzer-Sidltf 

nach  quotidie  =  quoti  dies  aas  dem  alten  quöti  mit 
gesteigertem  i  und  nom.  pl.  dies.  Die  einfachste  erkl&ning 
wird  immer  die  sein,  daüs  wir  in  quotidie  einen  locati- 
Yus  ^am  wie  vielten  tage  (es  sei),  in  qaotannis  einen 
ablativus  sehen.  S.  186  anm.,  wo  vom  abfall  eines  t  im 
perf.  die  rede  ist,  meint  der  verf.,  die  von  Ritschi  fbr  die- 
ses tempus  angenommene  form  deda  =  dedant  s=s  de- 
dgrant  könne  nicht  gehalten  werden,  nnd  es  sei  in  der 
^betreffenden  inschrift  DEDA  vielmehr  als  Deda,  Stamm- 
form zu  Dedia,  Didia  zu  nehmen,  wie  denn  auch  frü- 
here geradezu  Didia  übersetzten.  Seine  einwendungeo 
sind  sehr  gegründet,  aber  die  namensform  steht  ihm  ent- 
gegen: Didii  gab  es,  aber  nirgend  Didi,  und  um  die 
frage  abschliefsend  zu  beantworten,  müfste  wahrscheinlich 
gemacht  werden  können,  dafs  in  Pisanmm  ein  i  zwischen 
d-a  nicht  gesprochen  oder  dafs  vom  Steinmetzen  nach- 
lässig geschrieben  wurde.  Wir  fibergehen  die  sehr  inter- 
essante anmerkung  über  apud,  apor  (s.  197),  über  altes 
8  und  die  nominativendung  in  Cusianes  (s.  229);  in  an- 
merkung zu  s.  232  ff.  tritt  C.  einläfslich  und  gegen  Pott 
polemisierend  wieder  auf  die  lateinischen  formen  dies,  in- 
terdius,  dius,  diu  ein.  Wir  erklären. uns  im  wesent- 
lichen mit  seiner  beweisflQhrung  und  seioen  ergebnissen  ein- 
verstanden: das  nur  können  wir  nicht  einräumen,  dafs 
jemals  das  neutralsuffix  -us,  lat.  -os,  -us  mit  langem  vo- 
cale  vorgekommen  sei,  selbst  nicht  in  dem  zur  vocalstei- 
gerung  allerdings  sehr  geneigten  lateinischen.  Diese  ein- 
wendung  wird  uns  kaum  hindern  dius  und  in  interdius 
-dius  für  acc.  sing,  zu  nehmen,  da  uns  die  bezeichnung 
interdius,  diüs  nach  vergleichung  der  stellen  nur  Weis- 
heit der  lexikographen  zu  sein  scheint.  Aber  anders  ver- 
hält sichs  mit  diu.  Soll  dieses  aus  dius  entstanden  sein, 
dann  mufs  die  spräche  letzteres  mifskannt  und  als  acc.  pl. 
gefafst  haben:  immerhin  ist  der  bleibende  abfall  eines  s 
nach  langem  vocale  und  in  einer  form,  neben  welcher 
noch  in  litterarischer  zeit  jenes  s  stand  -^  angenommen,  es 
wäre  u  in  dius,  interdius  wirklich  ü  gewesen  —  etwas 
höchst  singniäres.   Wir  sehen  heute  noch  nicht  ein,  warum 


anzeigen.  301 

diu  nicht  ablativns  sein  könnte,  sei  es  nun  f&r  diö,  sei 
es  von  einem  stamme  di(y)u.  DaTs  interdiu,  interea, 
posth&c  u.a.  noth wendig  mit  accusativus  zusammenge- 
setzt sein  müfsten,  wird  uns  zu  glauben  scliwer,  und  hät- 
ten das  die  Römer  geglaubt,  so  wären  die  formen  eä, 
häc  nicht  stehengeblieben.  Wie  erklärt  Corssen  aduor- 
sum  eäd  im  S.  C.  de  Ba.?  Wir  denken  mit  dagegen, 
und  posteä  ist  danach.  Grimm,  gr.  III,  130  f.  ist  auch 
f&r  das  lateinische  wichtig.  Dafs  sich  C.  (s.  243),  wie 
schon  früher,  durch  Crain  zur  deutung  von  vis  „du  willst^ 
ans  yir*s  hat  treiben  lassen,  können  wir  nicht  gut 
heifsen.  Einmal  ist  es  sehr  unwahrscheinlich,  dafs  in 
derselben  conjugation  die  wnrzel  zwischen  r  und  1  gewech- 
selt habe,  und  zumal  eine  wurzel,  welche  in  dieser  beden- 
tung  auf  europäischem  boden  nur  mit  1  erscheint,  ander- 
seits gibt  es  ja  auch  kein  beispiel,  wo  statt  eines  auslau- 
tenden rs  sich  ein  s  zeigt.  Es  hat  also  hier  so  oder  so 
ein  beispielloser  Vorgang  stattgefunden,  und  Götze  bat  mit 
recht  heryorgehoben,  es  heifse  vis  und  nicht  vll,  um  das 
zeichen  der  zweiten  person  zu  retten,  d.  h.  das  Sprach- 
gefühl verlangte  hier  s.  In  einer  anmerkung  auf  dersel- 
ben Seite  handelt  der  verf.  über  die  form  Prosepnais 
etc.  Wir  wollen  seine  übrigen  einwürfe  gegen  Useners 
Zusammenstellung  von  nsQOBcpovtj  und  Proserpina  nicht 
bestreiten,  aber  den  widersprach  hervorheben,  dafs  hier 
dieselben  werter  mit  si^fix  -Ina  aufgeführt  werden,  welche 
8.  606  Ina  erhalten.  Curtius  wird  die  annähme  von  einem 
aoristus  U  im  lateinischen  (s.  261  ff.)  und  wie  die  benen- 
nnng  gemeint  war,  selbst  vertheidigen,  jedesfalls  hindern 
an  dieser  annähme  nicht  die  indicativischen  formen  tägo 
n.  ä.;  ist  es  doch  rein  zufällig,  dafs  das  griechische  nicht 
auch  im  indicativus  augmentlose  formen  ausbildete,  und 
sicher,  dafs  die  nasalierten  gestalten  ursprünglich  eine  be- 
deutungsmodification  anzeigten.  Kühn  ist  die  s.  268  ff«  anm. 
ausgesprochene  vermuthung,  nicht  nur  duo  sei  ein  ver- 
steinerter dualis,  sondern  in  duom-,  duumvirum  seien 
noch  genitive  dieses  numerus  erhalten.  Der  form  und  dem 
geiste  der  italischen  sprachen  nach  ist  diese  vermuthung 


303  ScbiraiMr-Sidler 

höchst  nnwahrecheinliüh.  Ob  in  den  namen  Tities  etc. 
(281  anm.)  die  angeooininene  pluralendong  -68  = -ei  niciit 
im  widersprach  stehe  mit  dem  später  Ober  die  pluralen- 
duDg  yoQ  o-siämmen  vom  verf.  gewonnenen  resnltate,  möch- 
ten wir  von  ihm  selbst  hören:  ein  flexomines  kennen 
wir  übrigens  nicht  mehr,  aber  ein  sehr  merkwürdiges 
flexuntes.  Sehr  instructiv  ist  die  anseinandersetzung 
über  -aiius,  -aias,  -ejus  s.  303ff.;  gerne  hättmi  wir  da^ 
bei  das  lautliche  und  sachliche  verh&ltnifs  von  skr. -ejas 
berührt  gesehen.  S.  307  scheint  uns  der  verf.  doch  nicht 
klar  bewiesen  zu  haben,  wie  cuius,  hu  ins  zu  ihrer  na* 
turlftnge  vor  i,  j  gelangen.  Wenn  i  von  cuius,  huius 
sich  zum  palatalen  reibelaut  verhärtete,  so  blieb  eben  wie- 
der u  allein  übrig. 

Aber  so  manches  wir  noch  in  diesem  abschnitte  des 
imposanten  buches  zu  fragen,  einzuwenden,  und  so  oft  wir 
besonders  auf  schöne  funde  aufmerksam  zu  machen  hätten, 
wir  eilen  in  unserem  referate  darüber  hinweg,  um  nicht 
die  wichtigsten  partien  des  buches  ganz  übergeben  zu 
müssen.  Die  partie  über  die  zweilautige  und  einlautige 
Steigerung  der  vooale  ist,  wie  wir  schon  oben  anführten, 
sehr  wichtig  flQr  die  anschauung  des  bewegliehen  sprach* 
liehen  lebens  in  Italien,  es  kommen  da  aber  noth wendig 
auch  Wörter  flQr  staatliche,  rechtliche,  religiöse  begriffe  zur 
spräche,  und  der  verf.  verweilt  bei  derartigen  auseinander- 
Setzungen  mit  besonderer  liebe.  §.  351  durfte  deutsches 
koufön  darum  nicht  als  gleichartiges  beispiel  aufgef&hrt 
werden,  weil  dasselbe  wie  eihhön  (unter  aequare),  sin- 
nen f.  signare  u.  a.  reines  lehnwort  ist  und  uns  nichts 
berechtigt  ein  got.  chuf,  huf  anzunehmen.  Wie  es  aber 
mit  lehnwörtern  rücksichtlich  der  Verschiebung  gehe,  das  hat 
Wackernagel  „utndeutschung^  vor  jähren  nachgewiesen* 
unter  der  wz.  skn  „ aufschiefsen ^  hätte  mit  demselben 
rechte  als  codex  etwa  abd.  scöz,  nicht  aber  scöz 
„spröfsling^  das  ein  ö  für  u  dnrch  brechung  hat,  an%ef&hrt 
werden  dürfen.  Warum  der  verf.  s.  357  und  in  ähnlicbeii 
fällen  in  deutschen  Wörtern  -auvan,  -ouvan  schreibe,  ist 
nns  anklar.     Zu  pu  „schlagen^  (&  358)  zählen  wir  aoek 


303 

pavere  ^niedergeachlageD,  feige  Bein%  und  unter  die  erste 
rmhe  in  krii  (8.360)  ahd.  biosyn,  hlösön  mit  gebro* 
ebenem  u,  ein  interessantes  desiderativurn.  Flüvius  8.363 
wird,  wie  porricere  s.  369,  druckfebler  sein.  Sowobl 
über  die  bildung  als  über  die  entwicklung  der  bedeutung 
von  laedere,  taedSre,  pudere  finden  wir  in  unserm 
buche  feine  Weisung.  Wir  können  nicht  läugnen,  auch 
▼erba  denominativa  im  eigentlichen  sinne  des  wertes  sind 
in  die  dritte  conjogation  eingebrochen  und  zwar  nicht  nur 
▼erba  der  art  wie  metuere,  fQr  die  wir  ein  metujere 
vorauszusetzen  nicht  als  ungereimt  erachten,  sondern  auch 
solche,  welche  das  einfache  thema  auf  -ä  haben,  wie  lae- 
d-a,  claud-a  u.  a.  Taedet  und  pudet  sind  wie  mi- 
seret  hübsch  als  causative  denominativa  erklärt,  „es  macht 
voll,  es  schlägt  nieder,  macht  unglücklich^.  Dafs  taedet 
von  WZ.  tu  ausgeben  und  diese  „strotzen^  beifsen  könne, 
ist  unbestreitbar.  Für  aequus,  imitari  etc.  wird  eine 
verlorene  wz.  ik  (s.  374)  statuiert,  welche  im  deutseben 
als  ah,  im  sanskrit  als  uK  (nicht  upl)  erscheine.  Solche 
verlorene  wurzeln  haben  natürlich  immer  etwas  bedenk- 
liohes,  und  auffallend  wäre  hier  schon  das,  dafs  im  latei- 
nisohen  ic,  im  sanskrit  u^,  nur  im  deutschen  ah  sich 
zeigte,  überdies  im  lateinischen  c  vor  m  ohne  ersatz  aus- 
fiele* Da  überdies  aequus  auch  ohne  annähme  einer 
wz.  ik  sich  erklären  läfst,  so  fragt  sich  immerhin,  ob  nicht 
in  diesem  einen  falle  das  reduplicierende  m  weggefallen 
sein  dürfte,  da  mimi  in  der  that  eine  um  vieles  unange- 
nehmere lautgebung  ist  als  mama  u.  a.  Eline  wurzel  iv 
zu  statuieren,  um  skr.  eva  etc.  zu  erklären,  sehen  wir  kei- 
nen grund,  und  über  das  wesen  der  wz.inv  im  sanskrit 
ist  offenbar  —  wir  wagen  diesen  ausdruck  —  C.  nicht  ge- 
nau unterrichtet.  Die  wurzel  zu  öva  ist  keine  andere  als 
i  „gehen^.  Unter  wz.  is  (s.  375)  ist  mehreres  durchein- 
ander gerathen.  Skr.  idti  (nicht  iSdi)  „wünsch^  ist  nicht 
dasselbe  wort  mit  iäti  „opfer^,  welches  ja  nach  bekannten 
skr.  lautgesetzen  von  ja^  „opfern^  stammt,  und  selbst  bei 
aisos  u.  s.  f.  denken  wir  noch,  wie  vormals,  eher  an  skr. 
iura,  Uqoq  und  die  wz.iä  «saftig,  kräftig  sein^  als  an 


304  Sehweiser-Sidler 

iä  „wünschen^.  Vergl.  Böhtl.-Roth  s.  V¥.  18,  iura,  id, 
idä.  S.  376  ist  ein  skr.  pr^ti  „freude^  verzeichnet:  freude 
beifst  priti;  präti  ist  =  pra-iti  99 Weggang^.  Saecu- 
lum  ist  s.  377  sehr  höbscb  und,  wir  meinen,  auch  unan- 
fechtbar als  ableitung  von  wz.  si  gedeutet.  Erwähnung 
und  alli&Ilige  formelle  Widerlegung  hätte  die  erklärung 
Mommsens  (hinter  seiner  römischen  Chronologie),  der  sae* 
culum  als  saepiculum  von  saepire  genommen  hat, 
verdient.  In  den  deutschen  Wörtern  spähi  u.  s.  f.  (s.  379) 
ist  die  quantität  nicht  beachtet.  Das  deutsche  fleh  an 
(8.394)  mag  trotz  des  ihm  entsprechenden  got.  thlaihan 
—  freilich  ist  uns  der  Übergang  von  f  in  th  noch  immer 
nicht  erwiesen  —  mit  placare  oder  precari  gleicher 
Wurzel  sein,  aber  offenbar  ist  es  nicht  ein  beispiel  der  Stei- 
gerung von  a  in  6,  sondern  got.  ai  und  ahd.  S  sind  durch 
verschiedene  Ursachen  bewirkte  brechungen  von  T,  oder,  ist 
im  got^ai,  im  ahd.  S,  so  haben  wir  dort  Steigerung  von 
I,  hier  die  vor  h  gewöhnliche  Verdichtung  von  kl.  Leider 
müssen  wir  auch  die  schöne  reihe  s.  396 ff.  anfechten.  Die 
vedische  wurzel  sagh,  skr.  sah  heifst  nirgend  „schlagen, 
tödten^,  sondern  bedeutet  nur  sustinere,  ^d^eiv  und  von 
ihr  stammt  got.  sigis.  Die  italische  wz.  sag  mag  „scharf 
sein^  bedeutet  haben,  mag  mit  got.  sakan  „streiten^  zu- 
sammenhangen, aber  nicht  mit  skr.  sagh.  Eher  könnten 
wir  hier  eine  alte  lautsenkung  von  c  in  g  annehmen  und 
Zusammenhang  mit  secare  gelten  lassen.  AnläTslich  der 
Wurzel  sap  s.  399f.,  deren  spröfslinge  im  lateinischen  mit 
vielem  geschick  behandelt  sind,  ist  auch  des  got.  sibja 
u.  8.  f.  gedacht,  nicht  aber  der  längst  von  Kuhn  n.  a.  ge- 
machten Zusammenstellung  mit  skr.  sabhja,  sabha,  einer 
Zusammenstellung,  welche  uns  den  begriff  der  sippe  voll- 
ständig aufhellt  und  lautlich  vollkommen  zutrifit.  Ein  sehr 
reiches  und  viel  licht  verbreitendes  abschnittchen  ist  wz. 
mar  mit  ihren  ableitungen.  Ob  gerade  die  sehr  scharf- 
sinnige deutung  von  Mavors  aus  *maga  =  f^^XV  und 
vortere  das  richtige  treffe,  mOssen  wir  dahin  gestellt  sein 
lassen;  lautlich  ist  sie  (vgl.  mavolo)  unanfechtbar.  Unter 
der  WZ.  sa  widmet  der  verf.  verdienter  mafsen  dem  alten 


anzeigen.  305 

gotte  Sfitornas  beeondere  aofmerksanikeit.  Die  alte  form 
SAIITYRNVS  d.  b.  Saeturnus  wiU  er  so  erklären,  dafs 
iD  ae  eine  mittelstufe  zwischen  ä  and  6  liege  (sömen  etc.). 
Wir  kennen  aber  kein  lateinisches  wort,  in  welchem 
solche  schreibang  stattgefunden  hätte  and  sehen  ans  ge- 
nöthigt  ae  als  aS,  al  zu  fassen.  Gar  nicht  unwahrschein- 
lich ist  nun,  wie  wir  schon  vor  jähren  vermuthangsweise 
äofserten,  ein  Zusammenhang  dieses  namens  mit  skr.  sa- 
▼itar,  dem  zeugenden  sonnenwesen;  dabei  sind  aller- 
dings die  lautlichen  Schwierigkeiten,  die  C.  vorbringt,  nicht 
zu  übersehen,  welche  auch  wir  nicht,  so  dafs  es  uns  ge- 
nflgte,  wegräumen  können.  Unter  wz.  fac  s.  423  tritt  u.  a« 
focas  auf,  ein  wort,  welches  die  alten  aaf  foveo  zarQck* 
fthren;  und  dafs  es  zunächst  zu  diesem  gehöre,  meinen 
auch  wir.  Wie  wir  jöcus  nicht  als  unmittelbar  fbr  jücus 
gesetzt  ansehen  können,  sondern  ein  joacus  voraussetzen, 
so  dOrfte  auch  föcus  fQr  foucus  stehen.  Wie  in  jübeo 
ftkr  jöbeo,  joubeo,  pöpulus  fQr  poupulus,  so  ist  in 
före  fbr  foure,  fovere,  jocus  ftkr  joacus^  föcas  ftkr 
foocus  diphthongentrAbung  und  verkflrzung  eingetreten. 
Unter  den  wzz.  pa  und  sna  gewinnen  wir  manch  sprach- 
liebes  and  sachliches,  manches  fQr  erkenntnifs  italischer 
Wortbildung  und  mythologie.  Wir  bemerken  nnr,  dafs 
fedan  im  angelsächsischen  (s.  424)  sein  e  blofs  durch  Um- 
laut vermittelst  i  erbalten  hat,  und  dafs  Grafsmann  (s.  435) 
sehr  mit  unrecht  getadelt  wird.  Wenn  dieser  der  skr.  wz. 
nabh  die  bedeutung  „hervorbrechen,  quellen^  gibt,  so  ist 
diese  bedeutnng  durch  grammatiker  und  den  Sprachge- 
brauch viel  besser  gestützt,  als  manche  wurzelgestaltong 
und  worzelbedeatang,  welche  Corssen  nnbedenklicb  als 
ausgangspunkte  hinstellt.  Ebenso  wenig  durfte  Curtins' 
deutung  von  vofiog  o.  s.  f.  gescholten  werden ,  wenn  wir 
auch  dem  verf.  einräumen,  dafs  die  seinige  lautlich  mög- 
lich und  sehr  scharfsinnig  ist.  Geht  denn  nicht  aus  vifABiv 
zutheilen  sehr  leicht  ein  ertheilen  nnd  das  urtheil  hervor, 
und  kann  nicht  auch  namerus  ohne  Schwierigkeit  nnter 
diesen  begriff  befafst  werden?  Nach  Mommsen  and  Haltsch 
dttrfte  nammns  gar  ein  griechisches  lehn  wort  sein,   wie 

Zttitochr.  f.  vgl.  spnchf.  XYni.  4 .  20 


d06  ScliwMxer49idler 

hemiDaa.  a.  moneta  wird  doch  kaum  die  pr&gestitte 
des  geldes  als  die  denkzeichen  schaffende,  die  kennzeichen 
schaffende  geheifsen  haben,  sondern  nur  nach  der  Juno  Mo- 
nMh  so  benannt  sein.  Nicht  unwichtig  för  die  beurthei- 
luQg  der  römischen  rechtlichen  und  sittlichen  anschauun- 
gen  ist  der  gesichtspunkt,  ans  dem  sie  religion  und  gesetz 
benannt  haben.  Corssen  fafst  445  nicht  nur  religio  als 
bindenden  glauben,  auch  lex  als  bindende  Satzung« 
Dafs  lös  nicht  als  Spruch  erklärt  werden  dQrfe,  hat  schon 
Curtius  herTorgehoben ,  aber  die  vergleichung  mit  altn. 
log  und  die  von  Lottner  herrflhrende  herleitung  von  ws. 
i£;^  .aller  beachtung  empfohlen.  Wir  dflrfen  aber  die  latei* 
niscben  und  oskischen  Wörter  nicht  trennen,  ein  griech.  ^ 
erscheint  aber  im  oskischen  inlaute  als  h  und  wir  hätten 
wohl  lihud  etc.  zu  erwarten.  För  die  italischen  Wörter 
müssen  wir  also  Corssen  beistimmen,  die  germanischen  aber 
führen  uns  entschieden  auf  wz.  Xex^  ligan  zurQck,  und  C. 
wird  sich  dazu  verstehen  mOssen  das  gesetz  auch  als  lie- 
gendes oder  gelegtes  anzusehen,  wie  er  denn  doch  die 
,iSatzung^  als  richtige  anschauung  anerkannt  und  die  ^lage, 
gruudlage^  keineswegs  etwas  todtes  bezeichnet.  Bekannt- 
lich werden  auch  die  got.  bellagines  von  den  Germani- 
sten einstimmig  als  bilageineis  gefafst.  Wiederum  von 
mehrfachem  Interesse  ist  die  behandlung  von  wz.  rag, 
unter  welcher  nicht  nur  lat.  r^x,  auch  got  reik-s  und 
sogar  skr.  rä^an  aufgeführt  werden.  Schon  Kuhn,  ind. 
Studien  1,332  ff.  vermittelte  diese  Wörter,  und  nicht  min- 
der deutet  dies  Benfey  im  Wörterbuch  s.  v.  rä^an  an.  Aber 
Kuhn  glaubt  mit  recht,  dafs  die  grundanschauuog  die  des 
vorleuchtens  sei.  S.  453  ist  sehr  ansprechend  Ober  jaoio 
gehandelt,  nur  wird  der  Vorgang  innerhalb  des  lateinischen 
ohne  zweites  beispiel  sein.  S.  458  läugnet  Corssen,  dafs 
skr.  sldati  u.  s.  f.  aus  reduplication  si-sad-,  sisid-  ent- 
standen sei,  seheint  Oberhaupt  den  Wegfall  eines  wnrzel- 
eonsonanten  und  dann  eintretende  contraction  einer  ur- 
sprünglich verdoppelten  form  anch  dem  sanskrit  abspre- 
chen SU  wollen.  Ueber  t^nima  u.  s.w.  treten  wir  unten 
im  zusammenhange  ein,  hier  möchten  wir  nur  fragen,  ob 


•itt«igMi.  ao7 

Corssen  aach  in  den  sanskritdeoider.,  wie  piki  utid  an- 
dern bei  Benfey  kurse  sanskritgr.  8.  54  vereeicbneten  eine 
solche  zusammenziebung  Iftngne.  Jedeefalle  kann  das  nicht 
als  zareichender  grund  einer  derartigen  negierenden  be- 
haoptung  gelten,  dafs  daneben  noch  redaplicierende  formen 
▼orkoramen,  welche  unversehrt  fortbestehen:  die  sprachen 
.  erscheinen  uns  in  ihrer  entwickelang  und  schon  beim  er* 
steu  eintreten  in  unsem  gesichtskreis  in  einem  vielfach  ent- 
wickelten zustande.  Eine  analogie  zu  der  begrifbentwicke- 
lung  von  s^rus  aas  sar  bildet  skr.  Kira  von  Kar  gehen 
and  dara  von  wz,  du.  Gern  stimmen  wir  dem  verf.  bei, 
wenn  er  s.  466  v^rus  von  var  ,,decken,  schützen^  ablei- 
tet; denn  so  sinnig  und  von  reicher  analogie  unterstützt 
die  deotung  Ascolis  aus  vas  „bleiben,  sein^  ist,  so  ist 
doch  immer  noch  unerwiesen,  dafs  in  diesem  worte  r  aus 
s  entstanden  sei.  Bei  beiden  ableitungen  aber  gewinnen 
wir  ein  gesteigertes  a  d.  h.  €.  S.  471  mag  die  deutung 
von  Venus  richtig  sein,  aber  das  sinnliche  braucht  nicht 
krafs  hervorzutreten,  und  in  venustus  tritt  es  sehr  zu- 
rflok.  Doch  über  die  betreffende  wurzel  hat  Kuhn  im 
zweiten  bände  der  Zeitschrift  trefflich  gehandelt,  und  wir 
erwähnen  nur  noch,  dafs  nicht  blofs  deatsches  wini^  auch 
got.  vßns,  ahd.  w&n,  i?jtig^  dahin  gehören.  Ob  cdra 
,iwachs^  (s.  472)  von  kar,  Kar  „laufen^  herstamme,  ist 
uns  doch  noch  nicht  ganz  ausgemacht,  da  unsers  wissens 
sonst  die  anschauung  des  auseinanderfliefsens,  zergehens 
Dicht  in  dieser  wurzel  liegt,  während  allerdings  ein  saus- 
kritwort  dr&vaka  von  wz.  dru  „laufen,  zerlaufen^  f&r 
wachs  angefahrt  wird.  Callis  und  xiXEvd-og  zeigen 
ans,  dafs  auch  in  den  europäischen  sprachen  die  anschauung 
des  bestimmten  gehens  an  dieser  wnrzel  hafi;ete.  Ahd. 
sprizan  ist  s.  475  unrichtig  als  sprizan  unter  die  reihe 
spar  gestellt.  Aber  so  gerne  wir  noch  Ober  manches  ein- 
zelne in  diesem  wurzelverzeichnisse  einträten,  wie  tkber 
res,  persona,  solätium  (?),  lictor,  dirus  (von  wz. 
dar),  harviga,  wz.  tar,  ancile,  pllum,  rlpa,  lltus, 
hbra,  vitium  u.  a.:  wir  mttesen  uns  bescheiden  und  wen- 
den uns  sohliefslich  noch  den  abschnitten  unseres  bnohes 

20* 


a06  Schir«iMr-8i<Uer 

za,  die  gewisse  oonjugatioos*  uad  dedinationsformeQ  ent» 
wickeln. 

ZuDäehst  werden  wir  dem  verf.  recht  sehr  dankbar 
sein  fttr  das  reiche  material,  welches  er  behufs  einer  voll-* 
stiodigen  überschau  der  italischen  perfectformen  vorfilfart. 
Wir  werden  auch  bereitwillig  den  Scharfsinn  anerkennen, 
mit  welchem  er  seine  heutige  anschauung,  das  lat.  per-* 
fectum  sei  vielmehr  ein  aorist,  begründet  und  ihm  sogsir 
eiorftumen,  dafs  seine  ansieht  vom  einseitig  italischen  stand* 
punkte  aus  nicht  mit  erfolg  wird  angefochten  werden  kön- 
nen. Aber  angenommen,  meint  C,  was  nicht  richtig  sei, 
das  italische  perfectum  entspreche  dem  sanskritischen,  grie* 
cbiscben,  deutschen  perfectum,  man  dürfte  es  von  da  aus 
beurtheilen,  so  sei  auch  im  sanskrit  und  deutschen  die  re- 
duplication  nicht  ein  noth wendiges  dement  dieses  tem* 
pus,  und  das  fkr.  p^tima  sei  nicht  aus  pa(p)atima  oder 
paptima,  got.  gebum  nicht  aus  gaabum  odergagbum 
2u  erklären,  ja  auch  holt,  hialt  seien  nicht  erwiesen  =3 
haihald.  Ueber  fehlende  reduplication  im  sanskrit  hätte 
0.  ober  Benfey's  ausf.  gramm.  s.  573,  note  6  eitleren  aol- 
leu  als  8.  83.  Freilich  würde  auch  dieses  citat  nicht  viel 
verschlagen«  Auch  die  vedensprache  ist  relativ  jung,  und 
wir  wissen  ja  genugsam,  da(s  in  ihr  schon  völlig  prakriti«* 
sehe  wortformen  sich  finden.  Das  classische  sanskrit  nahm 
aber  die  spräche  in  die  sucht  und  schaffte  mundardicbe 
auswüchse  und  Verstümmelungen  weg.  Es  kommt  doch 
Oorssen  gewUs  nicht  in  den  sinn  das  alter  des  augmentes  in 
gewissen  formen  zu  läugnen,  die  in  den  veden  öder  im 
Homer  desselben  aber  entbehren,  während  sie  in  der  da»- 
sischen  spräche  dessdben  nie  ermangeln.  Und  wir  könn- 
ten ja  Oberhaupt  viel  davon  ertählen,  wie  oft  in  sprachen 
ein  blofser  rest  einer  form  eine  bedeutung  beibehalten  hat, 
welche  ihr  eigentlich  nur  als  voller  und  ganzer  zugekom- 
men ist.  In  einer  zeit,  welche  vor  der  litterarischen  Ober« 
lieferung  der  spräche  liegt,  sind  nun  auch  formen  wie  pö- 
tima  u.a.  entstanden,  welche  wir,  fassen  wir  bildung  und 
flezion  des  skr.  perfectums  ins  äuge,  platterdings  nicht  an- 
ders erklären  können,  denn  als  weitere  zusammenziehung^ 


d09 

▼an  geslalteo  wie  paptima  u«  a.,  ob  wir  nun  an  ausato- 
(auQg  oder  an  assimilation  und  nachberige  vereinfacboDg 
deoken  wollen,  welcber  dann  ersatzdebnoog  folgte.  Was 
.das  germanisohe  betrifft,  ao  sollte  man  in  der  tbat  anneb* 
men^  nacb  der  jüngsten  darlegung  Scberers,  welcbe  nnsera 
bedünkens  die  gelungenste  partie  in  seinem  genialen,  übri* 
gens  vielfach  zu  widersprucb  reizenden  buche  ist,  dürfte 
ein  gebum  u.  a.  aus  gagbum  nicht  mehr  angefochten 
werden;  um  aber  ein  giltiges  urtheil  abzugeben,  muls  man 
die  deutsche  starke  conjugation  und  Scher ers  entwickelang 
derselben  im  zusammenhange  betrachten.  DaTs  bei  alt  aus 
haihald  (nicht  h&ihald)  entstanden  sein  mOsse,. und  dais 
stiaz  u.  8.  denselben  procefs  darchmachtea,  kann  den 
thatsachen,  wie  eben  diesem  hei  alt  und  angels«  leolc 
gegenüber,  nicht  geläugnet  werden.  Wenn  nun  in  zwei 
enge  verwandten  sprachen  ein  derartiges  ineinanderwach* 
sen  v6n  reduplication  und  wurzel  vorkommt,  so  ist  das 
natürlich  kein  beweis  ftkr  eine  ähnliche  erscheinung  im  la» 
teinischen,  aber  es  läfst  uns  eine  solche  selbst  dann  be* 
greifen,  wenn  sie  aus  den  in  der  litterarischen  spräche  be* 
stehenden  lautgesetzen  und  lautvorgftngen  nicht  f&r  jede 
einzelne  dahin  gehörende  form  erklärt  werden  könnte.  Aber 
Gorssen  will  im  lateinischen  perfectum  ja  kein  eigentliches 
perfect,  er  will  darin  einen  aorist  sehen.  Dagegen  darf 
trotz  Corssens  einwürfen  zunächst  die  bedeutung  des  tem- 
pns  geltend  gemacht  werden.  Das  sanskrit  und  deutsche 
brauchen  wohl  die  perfectform  aoristisch,  nicht  aber  das 
sanskrit  und  griechische  den  aorist  zum  ausdrucke  des  ge- 
genwärtig vollendeten.  Zweitens  fiele  die  immerhin  ziem- 
lich reiche  anzahl  rednplicierter  lateinischer  aoriste,  ohne 
daCs  dabei  eine  bedeutungsdifferenz  waltete,  auf,  und  drit* 
tens:  wie  sollte  eine  spräche,  die  das  augment  verloren 
hat,  in  welcher  zwei  einzige  kümmerliche  reste  vom  im- 
perfectum  geblieben  sind,  gerade  ein  mit  dem  augmente 
auftretendes  präteritnm,  von  dem  sie  aber  das  augment 
durchaus  verwirft,  im  gegensatze  gegen  das  reduplicierende 
tempns  der  Vergangenheit  zum  ausdrucke  der  bestimmten 
Vollendung  wie  des  aoristes  wählen?  Da&  aber  bei  gewis- 


310  ScbwttiteF-Sldler 

• 

ser  beschaflenbeit  der  wurzel  die  redapUcation  fallen  konnte, 
das  bat  seine  volle  analogie  wieder  im  germanischen.  Wir 
dOrfen  wobl  im  ganzen  Scberers  aafklärangen  fflr  das 
deutsche  perfectnm  auch  fbr  das  lateinische  folgen,  und- 
es  liegen  uns  auch  im  lateinischen  die  gestalten  Terschie* 
dener  Zeiten  vor,  aber  alle  zuletzt  ausgegangen  von  redu« 
plicierten  formen.  Auch  die  endungeu  oder,  sagen  wir 
lieber,  der  themavocal  des  lateinischen  perfectums  wird 
uns  nicht  zwingen  in  demselben  einen  aorist  zu  sebcD. 
Das  aoristische  liegt  gewifs  nicht  in  dem  l.  Dafs  diese« 
scbliefslicb  aus  ft,  ä  entstehen  konnte,  wird  Corssen  am 
wenigsten  l&ugnen,  er,  der  das  ursprflnglicbere  -is,  -it  im 
prftsens  mit  recht  schützt.  Nach  diesem  allgemeinen,  das 
aber  meist  schon  von  andern  vorgebracht  ist  und  womit 
wir  den  hochverdienten  forscher  zu  belehren  uns  nicht  ein« 
bilden,  wagen  wir  auf  dem  vorliegenden  gebiete  noch 
einige  einzelheiten  zu  bezweifeln.  Es  ist  uns  doch  gar 
nicht  ausgemacht,  dafs  die  Wörter,  wie  pluere  u.  s.  f. 
(s.  551),  ihre  perf.  mit  «vi  gebildet  haben.  Warum  soll* 
teh  sie  nicht  gerade,  wie  ihre  einstigen  praesentia,  einst* 
male  auf  -oui  gelautet  haben  und  ov,  ou  dann  wie  in 
andern  fUlen  zu  ü,  u  geworden  sein?  Also  plov-i, 
plou-i,  plüi,  plüi.  Denn  pluueram  bei  Plantus  und 
ähnliche  formen  sind  entweder  noch  Schreibungen  wie 
flu  vi  US  statt  flovius,  oder  es  ist  das  lange  u  durch  dop- 
pelte Schreibung  bezeichnet.  Wir  kennen  wohl  auch  die 
ansieht,  dafs  hier  eine  neue  Steigerung  des  einst  prfisenti- 
sehen  ov  stattgefunden  habe,  sehen  aber  keinen  grund  un- 
sere einfachere  dagegen  aufgeben  zu  müssen.  Von  diesen 
verben  vermögen  wir  nun  schon  um  före  willen,  dann  mit 
rücksicht  auf  das  sanskrit  und  deutsche  nicht  das  verbum 
fuo  zu  trennen,  und  die  Schreibung  fuuimus  kommt 
unsere  wissens  auch  bei  ihm  vor.  Sehr  interessant  sind 
die  perfectformen  der  nicht  lateinischen  italischen  dialekte. 
Hier  hat  offenbar  die  Zusammensetzung  n^t  fuo  weiter 
um  sich  gegriffen;  aber  aus  covortuso,  benust  u.a. 
dürfen  wir  noch  nicht  schliefseo,  dafs  dieselbe  Zusammen- 
setzung auch  schon  in  der  ersten  pers.  sing.  per£  in  dem- 


3U 

•elbeD  umfaDge  sioh  eingedrftogt  habe.  Dafs  wir  auf  das 
einmalige  uupseDS  (s*  554)  so  hohen  werth  legen,  fordert 
gewifs  der  werL  selbst  nicht.  Und  was  berechtigt  nns 
fefftkust  zu  schreiben?  Nichts  als  die  nach  unserer  an- 
sieht immer  noch  sehr  precäre  Satzung,  föci  enthalte  ein- 
fach eine  vocalsteigerung.  Tntüdi  und  -toudi,  -tüdi  in 
Gonttldimus  können  sehr  wohl  bildnngen  verschiedener 
Perioden  sein. 

Von  annfthemd  ähnlicher  Wichtigkeit  als  die  darstel- 
lung  des  perfectums  ist  diejenige  eines  theiles  der  casus, 
deren  nähere  betrachtung  wir  auf  ein  ander  mal  verspar 
ren.  Wir  wfirden  unsere  anzeige  mit  einem  kleinen  ver* 
seiohnisse  von  druckfehlem  schliefsen,  das  wir  uns  ange- 
legt haben,  wenn  dieselben  nicht  von  jedem  anfinerksamen 
leser  sofort  als  solche  erkannt  wfirden.  Das  groisartige 
werk  ist  fibrigens,  wie  wir  dessen  von  der  Teubnerschen 
Verlagshandlung  gewohnt  sind,  prächtig  ausgestattet  Wir 
scheiden  von  dem  buche  mit  warmem  danke  nnd  dem 
wünsche,  dafs  diesem  ersten  theile  die  Qbrigen  bald  folgen 
mögen. 

Zfirich,  im  februar  1869. 

H.  Schweizer-Sidler. 


AfJYO)  und  j^QfjywfAi. 

Curtius  vermuthet  gr.  d.  gr.  et.  167  die  wurzel Ver- 
wandtschaft von  k^yo}  mit  kaya((6g^  Xdyvoq^  langneo  etc. 
Das  bleibt  nur  eine  vermuthung,  der  die  herbeigezogenen 
Hesychischen  glossen  Xayäa-öai  aq)Biva^j  XayyevH  (pviyu 
nichts  helfen.  Bfir  hat  sich  bei  genauerer  betrachtung  der 
Homerischen  formen  von  Xriyuv^  ano^kijyBiv  die  fiberzeu- 
gnng  auegebildet,  die  wurzel  des  fraglichen  wertes  sei  mit 
der  von  jrgijyvvfu  ursprfinglich  identisch.  Die  gründe  Ar 
diese  Überzeugung  will  ich  hier  kurz  angeben. 

Für  den  abfall  eines  consonanten  vor  dem  X  von  A17- 


312  ScbSabMg 

yeiv  sprechea  die  beiden  AA,  ron  denen  das  erste  dorch 
aasimilaiion  entstanden  ist,  in  einigen  Homerisclien  formen 
▼on  anO'Xrjyeiv:  II.  XV,  31  tv  aTio-XXij^Tig  anaraiav;  Od. 
XII,  224  ano-U,ij^uav  ivalgoi;  Od.  XIII,  151  ano-lkiiiioffi 
di  nofinijg;  Od.  XIX,  l66  ovxir  dno-Xltj^Hg  tov  ifwv 
yovov  i^€(}iowfa.  Ferner  bat  das  adjectiv  a-kkr^xrog  bei 
Homer  immer  doppeltes  A,  und  schlieislich  führt  die  posi- 
tionslftnge  Od.  VIII,  87  rJToi  otb  kij^euv  a^iSmp  &iIog  aoi- 
öog  auf  anlautende  doppelconsonanz  in  Xr^yiiv. 

Dafs  aber  der  sonst  geschwundene  consonant  das  f&r 
jsQtiYVVfÄi  nachgewiesene  digamma  ist,  schlierse  ich  aus  vie* 
len  stellen  des  Homer,  in  welchen  man  Xi^uv^  a;co-(A)Ai7- 
yuv  statt  durch  das  blasse  „schwinden,  ablassen^  durch 
das  sinnlichere  „brechen,  abbrechen^  besser  wiedergiebt. 
Vgl.  die  angefahrten  stellen  Od.  VUI,  87  und  XIX,  166. 
Die  hier,  so  wie  II.  IX,  97  hv  aol  fiiv  ktj^Wj  öio  ä^  ap|o- 
^m;  IL  Xin,  230  r^  vvp  fiijt  dnokyye^  xikevi  ts  (ptaxi 
ixdavq)  hervortretenden  ausdrucksweisen  „die  rede  abbrechen, 
den  gesang  abbrechen,  unterbrechen  etc.*  sind  auch  im 
deutschen  gebräuchlich,  und,  wie  wir  eine  handlung  ab- 
brechen, so  sagt  auch  der  Grieche:  dno-Xki^^ioai  di  nofuiijg 
oder  II.  XIX,  423  oif  Ai;|a),  nglv  Tgwag  adr^v  ikdaai  no- 
kifioio  oder  II.  XXI,  224  Tgoiag  d*  ov  ngiv  AiJS«  imiQ- 
ifidkovg  ivaQi^üQv.  —  Dazu  ziehe  man  die  lautlich,  da  g 
und  k  ofb  wechseln,  sogar  im  accente  correspondierenden 
adjectiva  ä-kkjjxvog  und  ä-gptjxtog  z.  b.  in  Od.  XII,  325 
fjiijpa  Sa  ndvT  äkkijxrog  dvi  Noxog  und  in  II.  II,  490  9)10177 
aQQTixTog.  Wie  wir  in  der  letzten  stelle  im  vergleiche  mit 
der  angefahrten  Od.  VHI,  87  auch  äkknxxog  statt  aQpiixrog 
setzen  könnten,  so  wQrde  auch  in  II.  XX,  150  agpfixTov 
vB(pikt]v  ojfAoiarv  ^aavTo  das  abgeschwächtere  dkknixvo^ 
(ununterbrochen)  ebenso  gut  den  sinn  wiedergeben,  was  ein 
beweis  daf&r  ist,  dafs  die  bedeutungen  beider  Wörter  in- 
einander verschwimmen.  Ferner  vergl.  II.  XXI,  305  ovSk 
^xdfAavÖQog  ükt^ye  ro  ov  fAivog  und  II.  IX,  636  ool  d*  äk- 
hiXfov  r€  xaxov  tb  &vfiov  kvl  arij&iüci  deol  &ifSav  uvaxa 
xovgtjg  etc.  —  Endlich  gewinnt  auch  der  herrliche  ver- 
gleich II.  VI,  146: 


miseelleB.  313 

Olli  n€g  tfvXXifjv  ytvhj^  toir^  di  xai  avSgwV 
(fvlka  rä  fiip  r    äv€pio<;  xafAcidtq  xUt^  alXa  öi  ^'  vkt] 
Ttii.id'ümaa  q.vu^  Üagog  d*  kmyiyvBTfu  wgri' 
wg  avSQWv  ytviti  i}  fiiv  <pvBi  tj  S*  anoktjyeu 
durch    wiedergäbe    von    anoXfjyei    mit   „bricht  ab^    oder 
„bricht  zusammen^  in  berOcksichtigung  von  q^vei  „sprie&t 
empor  *^    sehr  viel   an   correetheit  und  Schönheit.    Hierzu 
stellt  sich   sehr  gut  Hes.  op.  419   (pvXXa  hjyai  jttoq&ow 
„das  laub  bricht  vom  zweige^«  —  Schlielslich  beweist  mir 
noch  käxig  äolisch  figäxogy    das  von  den  If^dria  Qayhvta 
Xen.  Cyr.  I,  6,  6  unmöglich  und  so  wohl  auch  nicht  von 
gnyog  zu  trennen  ist,  die  ursprüngliche  ideutität  der  wur- 
zeln von  XiiiYtJii  und  jrgtjyvvfAi.    Mit  der  zeit  hat  sich  dann 
nach  entstehung  der  form  if)Xijyiiv  die  al^eblafstere  be* 
deutung  „schwinden,  ablassen^  etc.  in  diesem  worte  fest- 
gesetzt, wfthrend  die  sinnlichere  in  ^gtjywfjit  blieb. 
Mi  tau,  den  11.  november  1868. 

G.  Schönberg. 


Lateinische  wortdeutungen. 

1)  frendo. 

Dais  frendere  mit  seiner  grundbedeutung  „zerreiben^ 
von  fremere  gänzlich  zu  trennen  sei,  zeigt  unter  anderen 
Corssen  beitr.  208.  Allein  das  von  Walter  zeitschr.  XII, 
413  verglichene  gr.  xQ^l^^^^S  hat,  wie  Fick  indog.  wör- 
terb«  69  erkennt,  sein  abbild  in  ags.  grimetan,  ahd.  gra* 
mizön  knirschen,  grimmig  sein^  so  dafs  es  bedenklich  ist, 
mit  Walter  das  a  im  griechischen  worte  als  vocaleinschub 
zu  fassen.  Dagegen  stimmt  zu  frendere  nach  laut  und 
bedeutung  ags.  grindan  meiere,  conterere,  frendere,  wozu 
altn.grenna  attenuare,  granda  nocere  (vgl.  termentum, 
detrimentum ),  grand  granum,  ahd.  grint  furfures  capitis 
(vgl.  furfur  von  wz.  ghar).  Wenn  nun  zu  derselben  wurzel 
mit  Diefenbacb  goth.  wörterb.  II,  432  ags.  grist,  gerst 


3U  FWUkU 

molitara,  farina  su  ziehen  ist,  so  erweist  sieb  der  nasal  als 
uQursprOnglicb  und  wir  werden  zu  einer  wurzel  ghardb 
geführt.  Da  ferner  dh  ein  geläufiges  wurzeldeterminativ 
ist,  so  liegt  es  nahe,  die  wurzel  ghardh  in  ghar-dh  zu 
zerlegen  und  als  secundärbildung  von  gbar  zerreiben  sii 
betrachten.  Ich  treffe  sonach  mit  Corssen  zusammen,  der 
a.  a.  o.  frendo  zur  wz.  ghar  stellt,  die  nähere  begrftnduDg 
dieser  ansieht  aber  fehlen  Iftfst. 


2)  infestus. 

Potts  herleitung  des  lat.  infestus  von  infendere 
(et.  forsch.  I ',  2ö5.  11%  485),  der  Corssen  (beitr.  183)  und 
Curtius  (grundz.  n.  311)  folgen,  hat  das  bedenkliche,  daCs 
sie  das  wort  hinsichtlich  seiner  bildung  isolirt.  Die  in  der 
formation  mit  fen-d-o  übereinstimmenden  verba,  die  den 
nasal  im  perfectum  behalten,  stofsen  ihn  auch  im  supinom 
nicht  aus,  vgl.  accensum,  tentnm  tensum,  pensum, 
scansum  u.  a.;  und  so  bildet  infendo  das  regelm&Tsige 
particip  infensus.  Andrerseits  kommen  supina  auf  stum, 
das  seltsame  mixtum  mistum  ausgenommen,  nur  von 
verbis  mit  dem  wurzelauslaut  s:  tostum,  pistum,  dep- 
stum,  textum,  gestum,  ustum,  haustum.  Es  setzt 
demnach  die  obige  erkl&rung  in  doppelter  hinsieht  ein  ab- 
weichen von  der  analogie  voraus.  Die  folgende  deutung, 
welche  lautlich  kein  bedenken  hat,  scheint  auch  den  gmnd- 
begriff  des  wertes  noch  schärfer  zu  erfassen.  In  allen 
sprachen  ist  vertreten  die  wurzel  skr.  dharä  dreist  sein, 
wagßn,  sich  wagen  an,  caus.  sich  an  etwas  vergreifen,  Ober 
jemanden  kommen,  jemand  bewältigen,  bezwingen,  beiUH 
ruhigen,  etwas  verderben,  zu  gründe  richten  (petersb.  wör> 
terb.),  zu  der  unter  anderem  dharSanam  angriff,  mii»- 
bandlung^  dbaröakas  angreifend.  Ober  etwas  herfallend, 
gehören.  So  wird  auch  infestus  recht  eigentlich  vom 
feindlichen  angriff  gesagt  im  unterschiede  von  infensus, 
das  mehr  auf  die  gesinnung  geht;  die  bedeutungen  von 
infestare  „feindlich  behandeln,  angreifen,  beonrubigen, 
verderben^  entsprechen  genau  genug  den  angef&hrten  von 


miaetlltii.  315 

dhardajati.  Manifestus,  welches  von  iDfestus  nicht 
getrennt  werden  kann,  deutet  sich  auf  einfache  weise: 
(homo)  manifestus  ist  so  viel  wie  manu  oppressns.  Ob 
confestim  und  festino  hierher  oder  zu  gr.  0q>töav6q^ 
^(f'oSQog  eifrig,  heftig,  ungestüm  gehören,  ist  nicht  er- 
sichtlich. 

Das  r  der  würzet  mufste  in  infestns  nach  lateinischem 
lautgesetz  ausfallen.  Zu  anderen  von  Corssen  (beitr.  396  ff.) 
bebandelten  ftUen  der  art  wird  vielleicht  fa6*ti-go  (vgl. 
fa^ti-go,  castigo,  vestigo)  spitzen,  fastiginm  spitze  zu  f&« 
gen  sein^  das  sich  auf  die  von  Kuhn  zeitschr.  XI,  372 
nachgewiesene  wnrzel  bharä  mit  der  gmi^dbedentung  des 
emporstehens  spitzer  gegenstände  unschwer  zurfickfllbren 
I&fst.  Zu  ihr  gehören  skr.  bbrdti  £  spitze  (z.  b.  des  ber- 
ges),  altn.  bust  fastigium  tecti,  ahd.  parran  rigere,  par- 
runga  superbia,  invidia,  nhd.  barsch,  börste  u.  a.  Dafs 
mit  fastigium  fastus,  fastidium  (bildung  wie  custodia) 
gleicher  wurzel  seien,  scheint  Corssen  (beitr.  1 97)  mit  recht 
anzunehmen  (vgl.  ahd.  parrunga  und  die  ähnliche  Verwen- 
dung der  synonymen  wurzel  von  abhorreo),  aber  seiner 
berleitnng  der  Wörter  von  wz.  bhfis  glänzen  fügen  sich  die 
bedeutungen  nicht. 

Liegnitz.  F.  Froehde. 


Nachruf. 
Aagnst  Schleicher, 

geboren  den  19.  februar  1821  zu  Meiningen,  gestorben  den 
6.  december  1868  zu  Jena. 

Hio  est  iUe  Bitaa  cni  nemo  ciyis  neqne  boetia 
Qaivit  pro  factis  reddere  opis  pretinm. 

Vor  wenig  mehr  denn  Jahresfrist  ward  der  Sprachwis- 
senschaft ihr  begründer  entrissen,  und  schon  stehen  wir 
wieder  an  einem  frischen  grabe.  Bopp  war,  wie  wenigen, 
das  glück  bescbieden  seine  mission  ganz  zu  erfüllen,   er 


316  Naebref. 

gieo^  zur  ewigen  ruhe  ein,  nachdem  er  den  grofsen  ge^ 
danken  seines  lebens  yerwirklicht  and  ihm  allgemeine  an- 
erkenuung  errungen  hatte.  Er  hat  eine  wisscmschaft  hin- 
terlaasen,  deren  grundlagen  durch  ihn  f&r  alle  zeiten  sicher 
gestellt  sind. 

Schleicher  ist  vom  plötzlichen  tode  mitten  aus  frucht- 
barem schaffen  hinweggeraffit  worden  voll  von  entwQrfen 
zu  rastloser  arbeit,  ohne  vollenden  zu  können  was  er  als 
das  hauptwerk  seines  lebens  betrachtete.  Wohl  ist  ihm 
ein  beneidenswertfaes  loos  gefallen  im  voUgef&hle  der  kraft 
noch  auf  dem  wege  zum  gipfel  des  ruhmes  abgerufen  su 
werden,  die  aber,  welche  gleiches  strebens  die  von  ihm 
gebrochene  bahn  verfolgen,  empfinden  schmerzlieh  den  Ver- 
lust des  flahrers,  dessen  vorbild  sie  anfeuerte  und  dessen 
Zuspruch  sie  stärkte. 

Schleicher  hat  sich  nicht  ausgelebt,  und  doch  was  hat 
er  geleistet!  Mit  ausnähme  der  etymologie  gibt  es  kein 
gebiet  der  Sprachwissenschaft,  welches  nicht  durch  seinen 
Scharfsinn  wesentlich  gefördert  ist. 

Wider  willen  war  er  zum  Studium  der  theologie  be- 
stimmt, doch  sein  reger  geist  war  nicht  geschaffen  sich 
einem  starren  dogma  zu  unterwerfen,  fbhlte  sich  vielmehr 
zur  Philosophie  hingezogen.  Auch  die  Hegeische  lehre 
vermochte  den  nach  sicherer,  objectiver  erkenntniss  stre- 
benden nicht  dauernd  zu  befriedigen;  er  gieng  in  die  schule 
strenger  philologischer  kritik  und  wandte  sich,  in  ihr  me- 
thodisch gebildet,  dem  theile  der  philologie  zu,  welcher 
der  subjectivität  am  wenigsten  Spielraum  gestattet,  der 
grammatik.  Dies  war  das  feld,  auf  welches  ihn  neigung 
und  ungewöhnliche  begabung  gleichmäfsig  hinwiesen;  dafs 
er  nicht  alle  theile  desselben  mit  gleicher  lust  angebaut 
hat,  lag  tief  in  seiner  natur  begründet.  Ueberall  suchte 
er  das  gesetz  der  entwickelung,  welches  die  persönliche 
willkflr  des  forschers  ausschliefst,  den  labyrinthen  der  ety- 
mologie war  er  daher  nie  hold,  sie  bot  ihm  nicht  genü- 
gende bürgschaften  ihrer  ergebnisse,  welche  selten  noth- 
wendigkeit,  meist  nur  möglichkeit  Ar  sich  beanspruchen 
können;  oft  genug  hat  er  sich  geringschätzig  über  sie  aus- 


Nachruf.  317 

gesprochen.  Um  so  eifriger  widmete  er  seinen  fleifs  den- 
jenigen Seiten  der  Sprachwissenschaft,  welche,  weniger  dem 
individnellen  ermessen  anheimgegeben,  in  sich,  selbst  ein 
regulativ  gegen  den  irrthum  tragen:  der  lantlehre,  stamm- 
nnd  Wortbildung  und  der  morphologie.  Was  Bopp  in  gro* 
Isen  zQgen  angelegt  hatte,  ist  nicht  zum  wenigsten  durch 
Schleicher  weiter  ausgef&hrt,  schärfer  gefafst  und  berich- 
tigt worden.  Aber  nicht  die  resultate  allein,  zu  welchen 
er  auf  diesen  gebieten  gelangte,  haben  sein  ansehen  be- 
gründet, sondern  vor  allen  dingen  die  art,  wie  er  sie  ge- 
wann und  die  gewonnenen  der  Wissenschaft  einzuordnen 
▼erstand.  Schleicher  besafs  ein  glänzendes  organieatori- 
sches  talent.  Wenige  Wissenschaften  bringen  ihre  jtlnger 
so  sehr  in  gefahr  auf  unermesslichem  meere  die  richtung 
zu  verlieren,  wie  die  Sprachwissenschaft.  Dem  vorgebeugt 
KU  haben  ist  Schleichers  nicht  geringstes  verdienst.  Er 
ist  es,  der  die  Sprachwissenschaft  in  ein  System  gebracht 
und  die  ftllle  des  Stoffes  unter  feste,  aus  der  natur  der 
Sache  selbst  geschöpfte  gesicbtspuncte  geordnet  hat.  Mu- 
sterhafte klarheit  und  methode  haben  seinen  arbeiten  einen 
so  durchgreifenden  einflufs  verliehen. 

Mit  der  beherrschung  des  ganzen  uud  der  erkenntniss 
des  allen  indogermanischen  sprachen  gemeinsamen  verband 
er  einen  scharfen  blick  für  die  eigenthümlichen  Charakter- 
zfige  der  einzelsprachen,  welchen  er  stets  gerecht  wurde. 
'Eat  bekannte  es  gern,  dafs  er  ein  sclave  der  lautgesetze 
wäre,  welche  er  bis  ins  einzelste  beobachtete,  verlor  aber 
dabei  nie  das  grofse  ganze  aus  dem  äuge.  Gleichweit  ent- 
fernt von  einer  aufgezwängten  teleologie  wie  von  einem 
rath-  und  ziellosen  untergehen  im  stofFe,  vom  idealismus 
wie  vom  materialismus,  strebte  er  stets  das  eigenthümliche 
wesen  der  erscheinungen  zu  erfassen  und  das  in  ihnen  wir- 
kende gesetz  zu  ermitteln.  Hierbei  kam  ihm  seine  frtkhere 
philosophische  schule  zu  statten.  Das,  wodurch  Hegel 
einen  nachhaltigen  befruchtenden  einflufs  auf  die  neueren 
wissenschaflen  geübt  hat,  ist  dafs  er  den  begriff  der  ent- 
wickelung  in  den  Vordergrund  gerückt  hat.  Die  organi- 
sche entwickelang  in  ihrer  continaitftt,  ohne  Sprünge,  nach 


318  Nachruf. 

inneren  treibenden  Ursachen,  ist  der  leitstern,  welchem 
Schleicher  bei  allen  seinen  Untersuchungen  gefolgt  ist. 
Streng  hielt  er  darauf,  dafs  man  nicht  gesetze,  welche  in 
früheren  perioden  des  sprachlebens  wirkten,  unbesebens 
auch  auf  spatere  übertrüge  oder  umgekehrt.  Hiermit  hängt 
zusammen,  dafs  er  die  Verwandtschaft  der  indogermani- 
schen sprachen  auf  einen  rationalen  ausdruck  zu  bringen, 
d.  h.  ihren  Stammbaum  festzustellen  und  die  Ursprache  zu 
reconstruieren  suchte.  Mögen  auch  manche  der  hier  ein- 
schlagenden fragen  noch  nicht  endgiltig  gelöst  sein,  so  ge- 
bührt doch  Schleicher  das  unstreitige  verdienst  sie  ange- 
regt und  künftiger  forschnng  ihre  bahnen  vorgezeichnet  zo 
haben*).  Nicht  genug,  dafs  er  die  Verwandtschaft  der  in- 
dogermanischen sprachen  genau  zu  bestimmen  unternahm, 
wies  er  auch  unserem  ganzen  sprachstamme  seinen  platz 
in  der  sprachenweit  an  und  entwarf  nach  mafsgabe  des 
morphologischen  baues  die  grundzfige  eines  natürlichen  Sy- 
stems der  sprachen.  Dies  System  wollte  er  zugleich  als 
die  einzig  würdige  Classification  der  menschheit  betrachtet 
wissen,  für  welche  er  mit  recht  forderte,  dafs  man  sie 
nicht  wie  die  der  thiere  nach  leiblichen  merkmalen  auf- 
stellte sondern  nach  dem  eigenthümlicb  menschlichen,  d.  h. 
eben  nach  der  spräche. 

Erhob  sich  so  sein  geist  zu  den  höchsten  und  weit- 
grcifendsten  aufgaben  menschlicher  Wissenschaft,  so  ward 
er  doch  nie  müde  die  anscheinend  trockensten  Untersuchun- 
gen der  lautlebre  mit  gewissenhafter  Sorgfalt  und  nüchtem- 
heit  zu  f&hren.  Und  unter  seiner  behandlung  blieb  nicht 
leicht  etwas  trocken,  überall  wufste  er  das  wirkende  gesetz 
herauszufinden  und  den  stoff  sachgem&fs  zu  ordnen.  Am 
glänzendsten  bewährte  sich  sein  beobachtnngstalent  und 
seine  gestaltungskraft  auf  dem  felde  der  slawolettiscben 
sprachen.     Seine  litauische  grammatik  wird  lange  zeit  die 


*)  Die  mSglichkeiti  ein  bild  der  nnprache  zn  entwerfen ,  findet  sich 
snertt  angedeutet  in  SolüeiGhen  formenlehre  der  ■  kirchenslawiachen  epradie 
fl.  4.  Befremden  mafe  efl,  dafs  an  einem  orte,  wo  die  mftnner  erwKhnt  wer- 
den, »deren  arbeiten  auf  die  anfheUong  des  znstandes  des  indogermanischen 
Tolkes  Tor  seiner  trennnng  gerichtet  sind**,  Schleichers  name  fehlt. 


Naebruf.  319 

grandlage  für  das  Studium  dieser  spräche  bleiben.  Auch 
das  slawische  ist  hauptsächlich  durch  seine  formenlehre 
des  altkirchenslawischen  den  blicken  der  Sprachforscher 
näher  gerückt  worden.  Leider  sollte  er  die  Tergleichende 
grammatik  der  slawischen  sprachen,  welche  er  als  die 
hauptaufgabe  seines  lebens  betrachtete,  nicht  Tollenden. 
Einen  theil  derselben,  vielleicht  den  schwierigsten,  hat  er 
zum  drucke  fertig  hinterlassen,  die  grammatik  des  jetzt 
verschollenen  polabischen,  von  welchem  nur  dürftige  und 
sehr  entstellte  aufzeichnungen  unkundiger  auf  uns  gekom« 
men  sind.  Hier  gab  es  eine  arbeit,  wie  sie  Schleicher  zu- 
sagte und  der  wenige  aufser  ihm  gewachsen  waren :  es  galt 
den  Worten  und  sätzen,  welche  deutsche,  der  spräche  nicht 
mächtige  aufzeichner  nach  mangelhaftem  gehöre  ans  vol- 
kesmnnde  aufgeschrieben  haben,  ihre  wahre  gestalt  zurück* 
zugeben.  Schleicher  hat  vnederholt  diese  polabische  gram- 
matik sein  bestes  werk  genannt.  Die  übermäfsigen  an- 
strengungen,  welchen  er  sich  unterzog  um  es  zum  abschlusse 
zu  bringen,  haben  seine  gesundheit  so  untergraben,  dafs 
sie  dem  anfalle  einer  lungenentzOndung  nicht  mehr  wider- 
stand leisten  konnte.  Wenige  tage  vor  seinem  tode  war 
er  noch  mit  der  Vollendung  des  mauuscriptes  beschäftigt. 

So  schlofs  ein  rastlos  f&r  die  Wissenschaft  wirkendes 
leben  mitten  im  besten  schaffen.  Was  wir  an  ihm  verlo- 
ren haben,  darübar  herrscht  nur  eine  stimme.  Nicht  nur 
aus  ganz  Deutschland,  aus  fast  allen  ländern  Europas  hat 
man  den  hinterbliebenen  die  aufrichtigsten  und  zartesten 
beweise  der  werthschätzung  des  verstorbenen  und  der  traner 
um  seinen  tod  dargebracht. 

Schleicher  war  eine  natur  von  bewundernswürdiger 
kraft  und  rücksichtsloser  aufrichtigkeit.  Was  er  als  wahr 
erkannt  hatte,  danach  handelte  er  gewissenhaft,  und  das 
verkündete  er,  unbekümmert  ob  es  ihm  bei  anderen  scha- 
dete oder  nicht.  Nicht  geschaffen  zu  concessionen  an 
herrschende  von  der  seinigen  abweichende  meinungen  zwang 
er  jeden,  der  mit  ihm  in  berührung  kam,  für  oder  wider 
ihn  partei  zu  ergreifen.  Dabei  war  er  weder  intolerant 
noch  suchte  er  anders  denkende  zu  seiner  meinung  zu  be- 


320  Nachruf. 

kehren:  ,,ich  kann  ja  nicht  verlangen,  dafs  alle  menschen 
mir  gleich  organisiert  seien  ^,  diese  ftufsernng  konnte  man 
oft  aus  seinem  munde  vernehmen.  In  stiller  surQckgezo- 
genheit  lebend  war  er  schwer  zugänglich.  Wem  es  aber 
gelungen  war  ihm  näher  zu  treten,  der  konnte  keinen  treue- 
ren und  aufopfernderen  freund  finden  als  ihn. 

FQr  seine  schfller  war  ihm  keine  mühe  zu  schwer, 
keine  zeit  zu  kostbar.  Stets  war  er  für  sie  zu  sprechen, 
mochte  er  in  seinem  garten  arbeiten  oder,  was  er  in  den 
letzten  jähren  oft  tage  lang  hintereinander  trieb,  mit  mi- 
kroskopischen pfianzenuntersuchungen  beschäftigt  sein,  oder 
am  schreibpulte  schaffen.  Wer  das  glück  hat  sein  schüler 
gewesen  zu  sein,  kann  ihn  nie  vergessen. 

Alles  was  er  war  und  wufste  durch  eigene  kraft  er- 
zielt zu  haben,  muiste  dem  manne  ein  stolzes  bewufstsein 
geben.  Niemals  aber  ward  dies  berechtigte  Selbstgefühl 
zur  Selbstüberschätzung,  vielmehr  bewahrte  der  schlichte 
mann  eine  fast  beispiellose  bescheidenheit,  verbunden  mit 
dem  dränge  nach  immer  höherer  Vervollkommnung.  „Ich 
habe  mein  ganzes  leben  hindurch  nach  klarheit  gestrebt, 
und  es  soll  ja  alles  noch  viel,  viel  besser  werden  %  waren 
die  letzten  worte,  welche  er,  aus  fieberträumen  noch  ein- 
mal zu  sich  kommend,  sprach. 

So  lange  der  name  Bopp  lebt,  wird  Schleicher  sei- 
nen platz  neben  ihm  behaupten. 

Johannes  Schmidt. 


Kuhn,  anxeige.  321 

Wilhelm  Scherer,  zur  geschieh te  der  deutschen  spräche.   Berlin  1868. 

Das  vorliegendo  buch  des  scharfsiDDigen  und  gedanken- 
reicben  Verfassers  fa/st  den  begriff  der  gesehicbte  hoher 
auf^  „als  dafs  sie  eine  blos  gedankenlose  anfaäafang  wohl- 
gesichleten  materials  sei**,  es  forscht  daher  bei  der  ge- 
sehicbte der  spräche  nicht  blos  nach  dem,  was  geworden 
ist,  sondern  uuch  danach,  warum  und  wie  es  so  geworden 
ist.  Bei  einer  forschung  auf  dem  boden  der  geschichte 
der  germanischen  sprachen,  die  nur  ein  einzelnes  ghed  der 
indogermanischen  sind,  mufste  dem  tiefer  dringenden  for- 
scher daher  die  umscbau  auch  bei  den  äbrigen  sprachen 
des  Stammes  sich  von  selbst  aufdringen,  und  Scherer  hat  denn 
auch  von  einer  sehr  ausgebreiteten  sprachkenntnifs  zu  seinem 
ssweck  weitreichenden  gebrauch  gemacht.  Aber  wir  müssen 
zu  unserm  bedauern  erklären  nicht  immer  den  richtigen. 
Erklären  wir  uns  näher:  Scherer  legt  da,  wo  es  ihm  um 
ergrfindnng  der  ältesten  sprachformen  zu  thun  ist,  fast 
aasschliefsiich  die  ihm  als  solche  erscheinenden  des  sanskrit 
and  zend  zu  gründe,  ohne  z.  b.  das  griechische  immer  in 
ausreichendem  mafse  zu  berücksichtigen.  Ferner  scheint 
er  fast  zu  glauben,  dafs  alle  vedischen  formen  einer  ein- 
zigen Sprachperiode  angehören,  wenigstens  kann  ich  seinen 
eifer  gegen  nichtbeachtung  der  lautgesetze  bei  der  bishe- 
rigen erklärung  derselben  nicht  anders  verstehen,  als  dafs 
er  meint,  so  verschiedene  formen  könnten  nicht,  wenn  ans 
einer  gemeinsamen  grundform  hervorgegangen,  in  einer 
Sprachperiode  neben  einander  liegen,  daher  müfsten  die 
verschiedenen  formen  verschiedenen  Ursprungs  sein.  Die 
vedischen  lieder  gehören  nun  aber  sehr  verschiedenen  epo- 
chen  an  und  wenn  man  verschiedene  formen  eines  und 
desselben  wortstammes  oder  einer  flexion  neben  einander 
in  ihnen  findet,  deren  entstehung  auseinander  mehrfach 
sich  an  verschiedenen  stufen,  die  sie  durchlaufen  haben, 
nachweisen  läfst,  so  hat  man  allen  grund  anzunehmen,  dafs 
sie  auch  wirklich  sich  historisch  auseinander  entwickelt 
haben^  die  verschiedenen  formen  demnach  auch  verschie- 
denen Zeiten  angehören,  wenn  auch  selbst  oft  die  volleren 

Zeitochr.  f.  vgl.  sprachf.  XVITI.  6.  21 


322  Kohn 

formen  der  älteren  zeit  noch  neben  den  kürzeren  der  späteren 
stehen,  wie  bei  Homer  die  formen  auf  oio^  oiai  neben  de- 
nen anfot;,  otg.  Schon  wer  den  in  halt  der  yerschiedeneu 
lieder  betrachtet,  wird  diese  Überzeugung  leicht  gewinnen, 
wenn  er  sie  die  stufen  von  der  Verehrung  reiner  elementar- 
götter  bis  zu  der  des  brahma  oder  purnSa,  der  die  kästen 
aus  seinem  kdrper  scha£%,  durchlaufen  sieht,  und  nicht 
glauben,  dafs  eine  priesterschaft,  die  ein  interess^  hatte  den 
Ursprung  der  kästen  von  der  gottheit  darzuthun  und  des- 
halb das  bekannte  stück  in  die  Sammlung  aufnahm,  die  es 
vielleicht  gar  that,  um  dem  buddhismus  entgegenzutreten, 
dieselbe  spräche  gesprochen  haben  müsse,  als  das  stammes- 
baupt,  welches  den  gott  pries,  der  ihm  im  kämpfe  um  die 
heerden  in  den  thälern  von  Sapta  Sindhavas  den  sieg  ver- 
liehen. Wer  formen  wie  dhitä  dem  metrum  gemäfs  spre- 
chen, aber  duhitä  in  den  geschriebenen  text  setzen  konnte  *), 
der  mufste  einer  zeit  angehören,  wo  der  Sänger  sich 
nicht  zu  scheuen  brauchte  auch  von  päliformen  gebrauch 
zu  machen.  Diese  entschieden  vorliegende  historische 
entwicklung  in  den  vedischen  formen  hat  Scherer  fast 
gar  nicht  beachtet,  wie  wir  mehrfach  zu  zeigen  haben 
werden. 

Wenn  er  aber  dies  schon  bei  den  vedischen  und  sans- 
kritformen thun  mufste,  so  war  es  noch  in  viel  höherem 
mafse  bei  denen  des  zend  nöthig,  wo  die  Überlieferung  der 
texte  eine  solche  ist,  dafs  man  nur  bei  einer  gröfeeren  an- 
zabl  von  übereinstimmenden  fällen  eine  form  als  hinreichend 
gesichert  ansehen  kann,  und  wo  überdies  örtliche  und  zeit- 
liche Verschiedenheiten  der  spräche  vielleicht  in  weit  hö- 
herem mafse  vorhanden  sind,  als  es  die  in  den  ersten  an- 
fangen stehende  kritik  der  texte  noch  ahnen  läfst. 

In  beiden  fällen  scheint  mir  daher  vom  geschichtsfor- 
scher  der  deutschen  spräche  der  geschichtliche  boden  mehr 
oder  minder  verlassen  und  das  gebiet  des  ganz  subjectiven 
erkennens  von  Ursachen  in  gro&em  umfange  betreten.  Es 
ist  gewi&  ein  hohes  ziel,  was  der  vf.  als  die  aufgäbe  der 
\ 

*)  R.  Vin,  118,  8.   par^javrddham  mahisi'  U'  sdrjMja  dahiti  bhant. 


aiiMige.  323 

gesammten  Sprachwissenschaft  hiostellt,  wenn  er  sagt  (wid- 
muDg  s.  Xni):  „Wenn  ich  mur  also  sämmtliche  wurzeln, 
prädikative  wie  formale,  au%elöst  denke  in  ihre  einfachsten 
elemente,  so  könnte  ich  mit  geringem  fehler  die  anfgabe 
der  gesammten  Sprachwissenschaft,  abgesehen  von  der  laut- 
lehre,  definiren  als  eine  geschieh  te  der  macht  Verhältnisse 
jener  einfachen  laute,  wie  sie  in  Übertragung  und  differen- 
zirung  ihre  existenz  und  ihren  sinn  zur  geltung  bringen^; 
aber  ich  glaube  doch,  dafs  wir  uns  hflten  müssen  uns  jetzt 
schon  zu  sehr  in  den  elfentanz  dieser  einfachen  laute  hin- 
einreifsen  zu  lassen,  damit  uns  der  albleich,  sei  es  nun  der 
wauwau-  oder  der  i-a- spräche,  nicht  allzusehr  sinn  und 
h^z  bethöre.  In  diesen  fehler  scheint  mir  Scherer  nicht 
allzu  selten  zu  verfallen  und  in  seinen  erklärungen  sprach- 
licher formen  das  nur  ihm  als  richtig  erscheinende  resultat 
zur  grundlage  kühn  aufstrebender  gebilde  zn  machen,  die 
vor  der  nüchternen  historischen  forschung  nicht  bestehen 
können.  Bei  dem  heutigen  Standpunkt  unserer  Wissenschaft 
werden  wir  uns  vielfältig  noch  bescheiden  müssen  vorerst 
nur  die  thatsachen  sicher  zn  stellen  und  von  den  Ursachen, 
aus  denen  sie  hervorgingen,  so  lange  abzusehen  als  nicht 
neue  thatsachen  uns  denselben  näher  führen. 

Der  ganze  abschnitt  über  die  entstehung  der  nominal- 
und  Verbalflexionen  der  indogermanischen  Ursprache  bei 
Scherer  hätte  daher  nach  unserer  ansieht  nach  inhalt  und 
form  noch  wohl  ungeschrieben  bleiben  können^  ohne  dafs 
des  verf 's  hauptzweck,  die  geschichte  der  deutschen  spräche 
zu  erhellen,  dadurch  beeinträchtigt  worden  wäre.  Wir 
glauben  sein  buch  hätte  dadurch  wesentlich  gewonnen. 
Aber  er  ist  nun  einmal  da  und  ich  bin  dem  wünsche  des 
Verfassers  selbst  eine  anzeige  desselben  zu  liefern  nur  nach 
längerem  widerstreben  gefolgt,  konnte  mich  aber  dieser 
aii%abe  nicht  entziehen,  da  Scherer  das,  was  wir  bisher 
für  gesicherte  resultate  hielten,  allzu  oft  als  falsch  und 
unbegründet  hinzustellen  bemüht  ist.  Die  gründe,  ans 
welchen  wir  seine  ansichten  f&r  irrthümer  halten,  werden 
wir  im  folgenden  darlegen,  aber  wir  werden  nur  auf  seine 
von  der  Ursprache  entworfene  skizze  eingehen,  da  unsere 

21* 


334  Kahn 

auseinandersetzQDg  so  schon  einen  umfang  gewonnen  hat, 
der  ffloh  nor  durch  die  bedeutnng  des  Verfassers  und  die 
geistreiche  art,  in  der  er  seine  ansichten  vertritt,  recht» 
fertigt. 

Noch  eins  aber  mQssen  wir  bemerken,  ehe  wir  zur 
prflfting  des  bnches  im  einzelnen  schreiten;  das  betrijEft  die 
darstellung  desselben.  Sie  ist  meist  eine  so  knappe,  dafs 
es  oft  schwer  hält  den  Verfasser  zu  verstehen;  er  verlangt 
femer,  auch  ohne  ausdrflcklich  auf  schon  dagewesenes  zu 
verweisen,  dafs  man  dasselbe  bis  ins  einzelnste  wie  er  im 
köpfe  trage,  während  es  ihm  doch  eine  geringe  mühe  ge« 
wesen  wäre  durch  Verweisung  auf  den  betrefienden  ort  den 
leser  zu  einem  sicheren  urtheil  in  den  stand  zu  setzen. 
Aber  noch  viel  schlimmer  steht  es  in  solchen  fUlen,  wo 
er  die  beweise  nicht  schon  in  früheren  theilen  des  buches 
gegeben  hat;  er  verweist  da  zur  Vervollständigung  derselben 
sehr  häufig  ohne  oder  doch  nur  mit  sehr  allgemein  gehaltener 
Ortsangabe  auf  die  späteren  theile  des  buches  und  macht 
dadurch  ein  mifsverständnifs  leicht  möglich.  Kommt  nun 
..  dazu,  dafs  der  Verfasser  sich  in  wesentlichen  punkten  ge- 
legentlich selbst  widerspricht,  was  er  in  der  widmung  s.  IV 
auch  selbst  sagt,  so  mflssen  wir  doch  billigerweise  den 
ansprach  erheben,  dafs  er  all  dergleichen  in  den  nachtragen 
hätte  berichtigen  mQssen.  Das  ist  aber  mehrfach  nicht 
geschehen.  Wir  bitten  deshalb,  wo  wir  ihn  mifsverstanden 
haben  sollten,  nicht  uns  die  schuld  aufzubürden,  sondern 
dem  eilenden  eifer,  der  ihn  drängte  dem  schon  dem  gipfel 
sioh  nähernden  freunde  naohzuklimmen,  um  einen  blick  in 
das  gelobte  land  zu  thnn  (widmung  s«  XIII  f.),  ehe  sich 
noch  die  nebel  völlig  zerstreut  hatten. 

Die  Untersuchungen  zur  formenlehre  beginnt  Seh.  mit 
6er  frage:  „Ist  die  Unterscheidung  der  verba  auf  ä  und  mi 
eine  ursprQngliche  oder  secundäre  in  den  arischen  spra- 
clien<<? 

,,Man  hat  bisher  unbedenklich  das  letztere  angenom- 
men. Mir  scheint  dagegen  das  erstere  kaum  einem  zweifei 
so  unterliegen^. 

Was  hier  zunächst  die  fragestellung  betrifft,  so  ist  der 


anaeig«.  3)5 

ausdnick  „verba  auf  ft^  ein  neuer,  an  dessen  stelle  ,|Terba 
auf  o^  verständlicher  gewesen  sein  wflrde;  femer  aber  er- 
wartet man,  dafs  nun  im  folgenden  die  frage  entschieden 
werden  solle,  ob  die  conjugation,  welche  gewöhnlich  die 
bindevocalische  genannt  wird,  oder  ob  die  bindevocaUose 
die  ursprflnglicbere  sei.  Darauf  kommt  es  aber  dem  yerf. 
hier  gar  nicht  an,  er  will  nur  nachweisen,  dafs  jene  in  der 
1.  sg«  ein  anderes  personalkennzeichen  habe  ab  diese,  näm- 
lich gar  keins. 

Er  behauptet  nämlich  (s.  173),  „dafs  jemals  ein  pro- 
nominales dement  mit  dem  nominalstamm  auf  fi  in  der 
1.  sg.  ind.  praes.  dieser  verba  zur  worteinheit  verbunden 
gewesen  sei,  läfst  sich  auf  keine  weise  erhärten,  wenn  auch 
ein  solches  pronomen  als  subject  des  satzes  einst  natflrlicb 
nicht  gefehlt  haben  kann^.  Diese  reine  nominalform  wird 
dann  als  ein  nominativ  ohne  s  erklärt. 

Zunächst  ist  es  denn  doch  eine  harte  zumuthung  an 
unsern  glauben,  dafs  wir  annehmen  sollen,  die  sogenannte 
bindevocalische  conjugation  im  sanskrit  habe  ihre  endung 
erster  pers.  sg.  mi  nicht  ursprQnglich  gehabt,  sondern  erst 
von  der  bindevocallosen  her  übertragen.  Damit  aber  kön- 
nen wir  freilich  nichts  beweisen.  Bedenklicher  ist  jedoch 
schon,  dafs  das  älteste  griechisch  bei  Homer  auch  in  der 
a>-conjugation  noch  die  eigenthümlichen  endungen  der  con- 
jugation in  ^ui  zeigt,  da  wir  in  ihm  sowohl  i&ilcDi^t,  xrei- 
VMfii  u.  s.  w.  als  id-khiCi,  kdß^ai  u.  s.  w.  finden.  Sollen 
diese  formen  auch  nur  spätere  bildungen  sein,  wie  Seh. 
mit  Hirzel  bei  den  äolischen  (piX^pLi  u.  s.  w.  annimmt?  Da 
beeret  ouh  geloube  zuo!  Also  die  geschichtliche  entwick- 
lung  wäre  gewesen  -ä,  -o;,  o/^i,  -(u?  Etwa  um  1.  sg.  ind. 
und  conj.  besser  scheiden  zu  können?  Warum  wurde  dann 
die  Scheidung  wieder  aufgegeben?  Scherer  scheint  gewicht 
auf  die  Übereinstimmung  der  westarischen  sprachen  in  be- 
zug  auf  diese  form  ohne  mi  zu  legen,  sowie  darauf,  dafs 
auch  das  ostarische  im  altbaktrischen  daran  theil  nehme. 
Wir  können  ihm  daher  selbst  noch  aus  dem  sanskrit  der- 
gleichen formen  beibringen,  nämlich  1.  sg.  von  conjunctjven, 
die  auf  ä  statt  äni  ausgehen,  so  z.  b.  stavä  R.  II,  11,6. 


326  Kahn 

X,  89,  1.  nirajft  R.  IV,  18,  2  (v^gl.  ebd.  gamäni,  anu  gSni, 
prMhfti,  judhjfti),  pr&  yoKfi  R.  VI,  59,  1.  pr4  bravfi  R. 
X,  39,  5  Q.  a«  Sie  verhalten,  sich  also  genau  za  den  regel- 
rechten formen  stavftni,  nirajäni,  prabravftni  wie  die  vedi- 
sehen  nom.  acc.  pK  n.  tft,  ja,  bhuvanft  zu  den  regelrechten 
tftni,  jäni,  bhavanäni.  Der  umstand,  dafs  auch  hier  zwei 
solche  formen  nebeneinanderstehen,  kann  uns  natfirlich  nicht 
dazu  bewegen,  die  kürzere  ftkr  die  ältere  form  anzusehen. 
Doch  f&r  Seh.  ist  es  vielleicht  ein  unerwartetes  troesteltn, 
wenn  es  nicht  etwa  durch  eine  dritte,  wieder  abbruch  er- 
leidet Neben  dem  eben  angefahrten  pra  vöKs  stehen  näm- 
lich einige  male  gleichbedeutende  conjunctivformen  1.  sg. 
auf  am,  nämlich  R.  I,  32,  1  indrasja  nü  vlijä'ni  pr4  völcam 
des  Indra  heldenthaten  will  ich  nun  preisen.  R.  I,  154,  1 
viänor  nü  kam  virjä'ni  pr&  voKam  des  V.  heldenthaten  will 
ich  nun  preisen.  R.  V,  31,  6  prä  te  ptirvfini  k&ranäni  vo- 
Kam  deine  früheren  thaten  will  ich  preisen.  Dazu  gehören 
auch  offenbar  die  formen  auf  am  nach  mä  wie  mä  riöam 
dafs  ich  nicht  schaden  leide  R.  X,  18,  13.  mä  tvä  nagnä 
dar^am  dafs  ich  dich  nicht  nackt  sehe  (^at.  br.  XI,  5,  1,  1 
und  nun  erklärt  sich,  denke  ich,  auch  weshalb  der  conjunc- 
tiv  in  2.  und  3.  sg.  bald  si,  ti,  bald  s,  t  zeigt;  jenes  sind 
präsentische,  dies  aoristische  conjunctive.  Aus  pra  vokam 
aber  wurde  pra  voKä  wie  aus  katham  ved.  kathä  u.  a.  So 
hatte  vermutblich  auch  das  perf.  in  1 .  sg.  einmal  am ,  fbr 
das  ä  eintrat,  denn  zweimal  finde  ich  eine  solche  form: 
bibhajä  R.  Vni,  45,  35.  gagrabhä  R.  X,  18,  14,  die  durch 
das  gr.  a  im  perf.  weitere  bestätigung  erhält,  denn  auslau- 
tendes a  ist  der  regelrechte  Vertreter  von  ä  oder  am,  vgl. 
das  a  (t;)  im  nom.  der  feminina  und  das  des  accus.  n68ct 
mit  skr.  ä  und  pädam.  Auf  die  form  mit  am  werden  auch 
die  perfecta  wie  dadhäu,  papäu  zurflckgehen. 

Uebrigens  ist  dem  scharfsinnigen  forscher  bei  der  be- 
hauptung  eine  kleine  bemerkung  ganz  entgangen,  dafs  er 
nämlich  von  der  ersten  sg.  auf  -ä  spricht,  während  er  die- 
selbe doch  fQr  den  reinen  nominalstamm  ohne  s  erklärt, 
dieselbe  also  auf  kurzes  a  ausgehen  mOrste.  Er  hat  diesen 
fehler  erst  später  bemerkt  (eine  erscheinung,  die  sich  grade 


anzeige.  327 

bei  sehr  wesentlicheo  punkten  im  buche  Afters  findet  und 
nicht  weiter  beurtfaeilt  zu  werden  braucht)  und  darum  auf 
8.  228,  wo  er  ein  neues  personalsuffix  der  1 .  sg.  auf  a  ge- 
funden zu  haben  glaubt,  hinzugef&gt:  ^Mit  diesem  a  muüs 
man  offenbar  das  &  der  ersten  hauptconjugation  im  west- 
arischen*) und  in  mehreren  formen  des  ostarischen  gäthä- 
dialekts  combiniren,  an  dessen  stelle  im  sanskrit  und  alt- 
baktrischen  durch  formübertragung  von  der  zweiten  haupt- 
conjugation das  mi  getreten  ist.  Ich  nehme  daher  die 
8.  173  darüber  geäufserte  ansieht  zurück^. 

Aber  selbst  wenn  man  dem  verf.  zugeben  wollte,  dafs 
nun  auch  diese  nicht  geringe  Schwierigkeit  hinwegger&umt 
sei,  bleibt  doch  noch  anderes.  Vor  allem  hält  es  Scherer, 
der  doch  sonst  so  streng  auf  beachtung  der  lantgesetze 
h&lt,  nicht  der  erwähnung  werth,  dafs  rein  auslautendes 
ä  der  Ursprache  nur  durch  griechisches  ä  oder  a,  lat.  a 
▼ertreten  werde,  wie  der  nom«  sg.  der  1.  decl.  der  feminina 
und  der  nom.  acc.  der  neutralen  a-stämme  (vedisch  &  statt 
des  Sni  des  klassischen  sanskrit),  ebenso  wie  die  endung 
cr^a  gegenüber  skr.  thä  oder  tha  zeigt.  Der  beweis  bleibt 
ihm  also  zu  f&hren,  dafs  griechisch  auslautendes  oi,  lat.  5 
irgendwo  unzweifelhaft  indischem  ä  im  ausfaut  entspreche, 
ohne  daCs  ein  danach  abgefallener  consonant  die  Ursache 
der  verdumpfung  zu  co,  o  gewesen  wäre. 

Endlich  hat  Seh.,  wie  schon  oben  gesagt,  offenbar  auf 
die  Übereinstimmung  der  westarischen  sprachen  in  betreff 
der  Unterscheidung  der  verba  auf  &  und  mi  besonderes  ge- 
wicht gelegt,  da  er  die  worte  gebraucht:  „die  westarischen 
sprachen  kennen  die  Unterscheidung  s&mmtlich  (über  die 
scheinbare  lettoslav.  ausnalime  s.  s.  189  '')^.  Wie  steht  es 
nun  mit  dem  thatsächlichen  verhalt  bei  den  lettoslavischen 
sprachen  und  in  wiefern  berechtigt  derselbe  von  einer 
scheinbaren  ausnähme  zu  sprechen. 

üeber  das  altslovenische  sagt  Miklosich  vgl.  gramm. 
der  slav.  sprachen  III, 88 f.:  »Wenn  man  die  altslovenischen 


*)   so  nennt  Scherer  die  europKischen  gUeder  der  indogermaniecheii  fa- 
niUie. 


338  Kubn 

personalendungen  mit  denen  des  sanskrit  vergleicht,  so  sieht 
man,  dafs  in  der  1.  sg.  praes.  aus  dem  ursprünglichen  mi 
regelrecht  Mk  entstanden  ist^  welches  nur  ausnahmsweise 
sich  erhalten,  in  der  regel  zu  u  abgeschwächt  mit  dem 
vorhergehenden  vokale  zu  &  sich  verbunden  hat^.  Im 
neuslovenischen  tritt  sowohl  in  der  sogen,  bindevocalischen 
als  in  der  bindevocallosen  conjugation  Qberall  m  ein  (Mi- 
klosich  ebd.  s.  198).  Im  bulgarischen  dagegen  erhält  siclj 
das  m  in  der  bindevocalischen  conjugation  nur  in  den  ver- 
ben  von  kl.  V.  1.  und  VI.,  in  allen  öbrigcn  fällen  schmilzt 
m  mit  dem  vorhergehenden  vokal  zu  %  oder  k  zusammen 
(ebd.  230).  Im  serbischen  erhält  sich  m  in  der  regel,  doch 
daneben  steht  auch  y  (ebd.  25")).  Im  kleinrussischen  geht 
das  m  der  ersten  sing,  mit  dem  vorhergehenden  bindevokal 
in  n  über,  die  verba  der  kl.  V.  1.  haben  aju  und  am  (ebd. 
294).  Im  russischen  bildet  die  persooalendung  der  l.sg. 
mit  dem  bindevokal  ein  y  in  allen  jenen  föllen,  in  denen 
im  aslov.  &  steht  (ebd.  342).  Im  cechischen  erbält  sich 
das  m  in  den  verben  der  kl.  III.,  IV.  und  V.  1.,  in  den 
übrigen  tritt  u  ein,  wofür  die  schrift  i  vorzieht  (ebd.  407). 
Im  polnischen  hat  sich  das  m  bei  den  verben  V.  1.  erhal- 
ten, bei  allen  übrigen  geht  es  mit  dem  vorhergehenden 
bindevokal  in  q,  altsl.  &,  über;  die  Volkssprache  zieht  auch 
hier  manchmal  m  vor  (ebd.  490).  Im  oberserbischeu  hat 
sich  das  m  im  praes.  der  verba  V.  1.  erhalten,  sonst  bildet 
es  mit  dem  bindevokal  o  den  vokal  u;  dialectisch  kann 
sich  m  überall  erhalten  (ebd.  532).  Das  gleiche  findet  im 
niederserbischen  statt  (ebd.  564).  In  den  wenigen  verben 
der  bindevokallosen  conjugation  dagegen  erhält  sich  das  m 
(mit  oder  ohne  folgenden  vokal)  durchweg. 

Das  litauische  zeigt  in  der  bindevokalischen  conjuga- 
tion ü,  in  der  bindevokallosen  mi,  doch  ist  die  letztere 
bedeutend  umfangreicher  als  in  den  slavischen  sprachen. 
Das  lettische  zeigt  im  ersten  falle  u,  im  zweiten  mu. 

Wir  finden  also  in  der  bindevokaliscben  conjugation 
überall  entweder  1)  das  m,  oder  2)  einen  aus  demselben 
hervorgegangenen  nasalen  nachlaut,  oder  3)  einen  vokal, 
der  aus  dem  bindevokal  mit  dem  nasalen  nachlaut  hervor- 


anzeige.  829 

gegangen  ist.  Wenn  wir  nun  auch  dem  verf.  zugestehen 
wollten,  dafs  die  verba  ad  1.  ihr  m  erst  einer  neubildung 
verdankten,  wie  sie  Hirzel  för  die  äolischen  (piXr/ui  u.  s.  w. 
angenommen,  sollen  denn  die  ad  2.  und  3.  erst  wieder  aus 
diesem  durch  neubildung  entstandenen  m  abgeschwächt 
sein?  Wir  werden  auf  s.  189*  verwiesen,  aber  da  findet 
sich  gar  keine  anmerkung;  dagegen  findet  sich  eine  solche 
auf  8.  190,  wo  von  einem  weiteren  Umsichgreifen  der  se- 
cundären  enduiigen  im  litauischen  gesprochen  wird.  Seh. 
sagt:  „3.  sg.  praes.  v^a  steht  ohne  zweifei  fbr  v4£at,  nicht 
für  veisLÜ.  Und  wenn  dieselbe  form  auch  fbr  den  plurai 
gilt,  so  sind  eben  veita  für  ve^at  und  ve^an  (welches  n  ja 
litauisch  nicht  gesprochen  wird)  für  veäan,  nicht  f&r  ve- 
äanti  zusammengeflossen.  Ebenso  steht  1.  sg.  veiä  ganz 
regelrecht  für  ve^am,  wäre  aber  doch  sehr  auffallend  für 
vezämi,  und  dies  gilt  auch  für  das  slavische:  vgl.  lit.  esmi, 
ksl.  jesmT.  Im  lit.  dualis  liegen  gleichfalls  die  secundären 
formen  vor  äugen  **. 

Hier  wird  also  behauptet,  dafs  die  litauische  3.  sing. 
v6£a  zunächst  ans  ve^at,  nicht  unmittelbar  aus  ve^&ati  her- 
vorgegangen sein  könne.  Ebenso  stehe  ve^ü  ganz  regel- 
recht für  ve^äm;  das  soll  doch  wohl  nur  heifsen,  an  die 
stelle  der  vollen  primärendungen  sind  die  secundären  ge- 
treten, mi  habe  sich  frühzeitig  zu  m  abgestumpft  und  dies 
sei  mit  dem  voraufgehenden  vokal  in  ü  Übergegangen,  und 
wenn  Seh.  dann  fortföhrt  „und  dies  gilt  auch  für  das  sla- 
vische^, 80  kann  man  das  doch  wohl  nur  so  verstehen, 
dafs  auch  &,  u,  y  aus  vorangegangenem  am  oder  am  ent- 
standen seien ,  dafs  sich  also  asl.  "pletämi,  plet^,  klr.  ""ple- 
tämi,  *plet^,  pletu  wie  *ve4ämi,  *veääm,  veiü  verhalten. 
Demnach  wird  doch  Überall  der  nasal  als  ursprünglich 
vorausgesetzt.  Wo  bleibt  denn  da  die  scheinbarkeit  der 
ausnähme?  erscheint  denn  nicht  überall  ein,  wenn  auch 
abgestumpftes,  personalkennzeichen?  Ist  denn  auch  nur  der 
schein  eines  beweises  in  den  werten  des  Verfassers  zu  fin* 
den,  dafs  dasselbe  erst  aus  einer  neubildung  entstanden 
sei,  dafs  das  reine  verbalthema  auf  a  in  der  1.  sg.  praes. 
der  slavischen  sprachen  das  ursprüngliche  sei?    Soll  etwa 


330  Kuhn 

die  entwicklung  veia,  veiämi,  vei&m,  veih  und  analog  in 
den  slavischen  sprachen  gewesen  sein?  Dann  yermissen 
wir  den  beweis  dafür  vollständig. 

Denn  die  blofse  Behauptung  s.  176,  dafs  nur  im  rus- 
sischen die  altkirchenslavische  mit  dem  altgermanischen 
und  griechischen  übereinstimmende  abscheidung  der  verba 
in  mi  bewahrt  sei,  kann  doch  für  einen  beweis  nicht  gel- 
ten. Man  sollte  nach  des  verf.  werten  meinen,  dafs  das 
russische  und  altslovenische  in*  der  ersten  person  reinen 
yokal,  wie  zend.  E  (griech.  o»),  goth.  a  zeigten,  während 
doch,  wie  wir  gesehen  haben,  Miklosich  altsl.  &,  russ.  y 
aus  älterem  am  hervorgehen  läfst  Oder  ist  Scherer  etwa 
gegen  Mor.  Haupt,  Miklosich  und  Schleicher  der  ansieht 
Kopitar's  gefolgt,  dals  a  nicht  nasalisch  sondern  reiner 
vokal  sei?  Dann  hätte  dies  doch  wohl  ausdrücklich  aus- 
gesprochen, resp.-  durch  neue  und  bessere  beweise,  der  von 
Miklosich  ausfQhrlich  bekämpften  ansieht  gegenüber,  dar- 
gelegt werden  müssen. 

Die  besprechung  des  m  in  der  1.  sing,  praes.  ind.  im 
althochdeutschen  führt  den  verf.  auch  zur  erwägnng  der 
neben  einander  stehenden  formen  gäm  und  g6m,  stäm  und 
stem;  über  die  letzteren  sagt  er,  dals  sie  die  f&rbung  des 
reduplicationsvokals  zu  e  voraussetzen.  Das  neben  einan- 
derstehen  von  gianc  und  genc  läfst  doch  wohl  auf  älteres 
giam  fQr  gern  schliefsen,  ebenso  auf  stiam  für  stem.  Da 
schon  in  den  veden  gigämi  und  tisthämi  auch  im  klassi- 
schen Sanskrit  das  i  in  reduplicationssilbe  zeigen  und  für 
älteres  gigämi,  stistämi  stehen,  kann  diese  bildung  schon 
aus  der  arischen  urzeit  herrühren. 

Für  die  1.  plur.  praes.  im  gothischen  nimmt  Scherer 
(s.  189)  an,  dafs  sie  ma  gewesen  und  aus  den  secundären 
endungen  eingedrungen  sei.  Dies  soll  bei  der  litauischen 
analogie  [das  lit.  hat  me]  wahrscheinlicher  sein  als  West- 
phals  deutung  aus  ms  für  mas.  Wir  werden  uns  natür- 
lich dieser  ansieht  nicht  anschliefsen  können,  sobald  wir 
das  conjunctivische  ma  nicht  mit  Scherer  aus'm-t-am 
oder  m  4-  äv  entstehen  lassen,  und  bei  der  bisherigen  er- 


anseige.  331 

kläniDg  verbleiben,    die  sieb  auf  die  sichere  analogie  von 
dat.  fiskam  aus  ^fiskamis,  ^fiskams  gründet. 

Bereits  bei  besprechung  der  gothischen  auslautgesetze 
(s.  106  ff.)  nämlich  hat  sich  der  verf.  gegen  die  anffassung 
Westphals  gewendet,  der  einen  hilfsvocai  (a)  im  gothischen 
als  stdtze  ftLr  indog.  t,  d,  n  im  auslant  angenommen  hatte; 
er  sagt  „dafs  ein  an  sich  bedeutungsloses  lautelement  eigens' 
dazu  geschaffen  wurde,  um  ein  anderes  zu  schützen,  läuft 
gegen  alle  erfahrung  und  bisherige  kenntnifs  des  spraoh- 
wesens^  u.  s.  w. 

Man  kann  vielleicht  Scherer  den  satz  in  dieser  form 
für  das  gothische  zugeben,  ohne  dafs  man  damit  gleich 
einräumte,  dafs  sich  überhaupt  im  auslaut  keine  vokale 
nach  ursprünglichen  consonanten  entwickeln  können  und 
so  gewissermafsen  doch  die  auslautenden  consonanten  vor 
abfall  schützen,  man  denke  z.  b.  an  das  e  im  zend,  wel- 
ches sich  hinter  r  entwickelt,  aq  die  niederdeutschen  stark 
betonten  icke,  d^tte  (welche  schwerlich  den  ahd.  ihha,  goth. 
thata  gleich  stehen);  aber  wenn  man  den  satz  auch  in 
WeAphals  fassung  nicht  zugibt,  wird  man  doch  kaum 
Scherer^s  eigene  erklärnng  dieser  erscheinung  glaublicher 
finden,  welche  in  dem  pronominalen  hilfs-a  die  anhänge- 
Partikel  am  wiederfinden  will,  wie  sie  sich  in  ita  gegen- 
über idam,  in  ina  gegenüber  imam  darstelle.  So  wie  wir 
über  diese  beiden  Wörter  hinausgehen,  verliert  der  antritt 
eines  am  alle  Wahrscheinlichkeit,  da  ja  dasselbe  nach  Sche- 
rers eigener  auffassung,  die  er  später  über  das  accusative 
m  entwickelt,  bereits  in  dem  hvan-,  than-  von  hvana, 
thana  steckte.  Hier  wird  also  gleichbildung  mit  der  de- 
clination  der  starken  adjectiva  anzunehmen  sein,  möge 
diese  nun  auf  welche  weise  immer  entstanden  sein.  We- 
nigstens wird  niemand  durch  eine  erklärung  befiriedigt  wer- 
den, welche  goth.  ina,  hvana  auf  andere  weise  entstehen 
läfst  als  ahd.  inan,  hvenan. 

In  diesem  falle  bietet  uns  Scherer  denn  doch  wenig- 
stens eine  anlehnung  an  das  sanskrit;  viel  weiter  geht  er 
nun  aber  bei  der  erklärung  des  a  im  conjunctiv  des  verbi 


332  Kuba 

(8.  111).  Hier  soll  das  au  der  1.  sing.,  das  a  der  i.  du. 
plur.  und  3.  plur.  aus  derselben  partikel  am,  die  hier  dem 
griech.  äv  gleichgesetxt  wird,  welche  sich  mit  den  endon- 
gen  verschmolz,  entsprangen  sein.  Der  widersprach,  in 
den  Scberer  mit  sich  selbst  geräth,  indem  er  das  am  oder 
äv  in  der  1.  pers.  sg.  in  u  übergehen,  in  den  flbrigen  su 
ä  d.  i.  goth.  a  werden  liefs,  hat  ihn  denn  auch  offenbar 
vermocht  diese  erklärung  der  1.  sing.  conj.  s.  472  in  den 
nachtragen  f&r  falsch  zu  erklären,  weshalb  er  auch  schon 
s.  206  goth.  sijau  als  fast  genaue  parallele  zu  skr.  sjftni  er- 
kannte. Allein  die  erkiftrung  des  a  der  übrigen  personen 
ist  beibehalten.  Diese  wird  niemand  glaublich  finden,  zu- 
mal wenn  man  sich  ähnliche  erscheinungen  anderer  spra- 
chen vergegenwärtigt.  Das  italienische  setzt  dem  lat.  ama- 
mus,  amant  amiamo,  amano  u.  s.  w.  zur  seite,  an  die 
stelle  des  lat.  sum,  sunt  treten  sono,  sono,  das  neugriechi- 
sohe  bildet  die  3.  pl.  ygdffovve  oder  yga^pow^  tiyQd<paif€ 
oder  Hygacpav  u.  s.  w.  in  offenbarer  nachbildang  zu  1«  pl. 
ygdcpouB^  T^ygccrpccfie^  ygdcpa^e^  das  nhd.  sie  sind,  wir 
sind.  Wir  werden  also  wohl  nicht  anstehen  dürfen^  auch 
nimaina,  nemeina  aus  der  analogie  von  nimaima,  nemeima 
entstanden  zu  erklären.  Nur  dürfen  wir  bei  der  ersten 
plur.  nicht  auf  das  ma  der  secundären  tempora  des  klas- 
sischen Sanskrit  zurückgehen,  sondern  auf  das  vielfach  er- 
scheinende mä,  dem  das  goth.  ma  der  regel  gemäTs  ent- 
spricht. —  Scbliefslich  möge  doch  übrigens  bemerkt  sein, 
dafs  der  hilfsvokal  anderen  bewährten  Sprachforschern 
nicht  ganz  so  ungeheuerlich  erscheint  wie  Scherer,  denn 
Miklosich  vergl.  gramm.  I,  85  sagt:  „  Dagegen  nimmt  die 
auf  T  auslautende  3.  sg.  und  plur.  aor.  und  imperf.  nicht 
selten  ein  i  an,  wodurch  das  vorhergehende  t  geschützt 
und  erhalten  wird^.  Er  läfst  dann  beispiele  folgen  and 
verweist  am  sohluis  s.  87  auf  die  ähnliche  eben  bespro- 
chene erscheinung  im  gothischen. 

Für  die  erklärung  der  althochdeutschen  endung  der 
ersten  pluralis  auf  mes  schlägt  Scherer  (s.  190f.)  einen 
ganz  neuen  weg  ein,  indem  er  zunächst  auf  die  unüber- 
steiglichen  lautlichen  Schwierigkeiten  hinweist,   welche  die 


anzeige.  333 

erklärang  von  mos  aus  skr.  masi  bietet.  Man  kann  das 
unbedenklich  zugeben,  ohne  doch  darum  die  noch  viel 
grö&eren  Schwierigkeiten  der  erklärung  Scherers,  nämlich 
aas  mansi,  zu  übersehen. 

Wenn  er  nämlich  zunächst  sagt,  dafs  es  sicher  aei^ 
dafs  mds  von  lat.  mtls  (Corssen  vokalismns  I',  360)  nicht 
getrennt  werden  könne  und  eine  deutung  der  1.  pl.  praes. 
gewifs  auch  auf  die  griechischen  doppelformen  fiag  und 
fisv  ihr  augenmerk  richten  mQsse,  so  ist  das  zu  unterlas- 
sen ja  wohl  auch  bis  jetzt  niemandem  eingefallen;  es  fragt 
sich  nur,  ob  die  auffassung  von  diesen  formen,  die  Scherer 
bat,  die  richtige  ist. 

Wenden  wir  uns  zuerst  zur  endung  mus,  so  weist 
uns  Corssen  a.  a.  o.  die  länge  müs  in  einer  plautinischen 
stelle,  einer  der  Aeneis  und  einer  der  metamorphosen  nach, 
in  den  letzteren  durch  metrische  gründe  gerechtfertigt  (vers- 
hebnng  vor  der  hauptcäsur);  da  nun  niemand  glauben 
wird,  dafs  das  u  in  myrtus  (metam.  9,  98),  laurus  (ib. 
15,  634)  wie  in  mehreren  anderen  fällen  (vergL  Corssen 
a.  a.  o.  362  —  363)  an  gleicher  stelle  jemals  lang  gewesen 
sei,  so  bleibt  nur  die  eine  plautinische  stelle  übrig,  die 
möglicherweise  auch  andre  deutung  zuläfst,  jedenfalls  aber 
zum  beweise  der  länge  des  u  doch  wohl  nicht  ausreicht. 
Wir  werden  also  das  u  von  müs  und  das  e  von  mos  wohl 
einstweilen  noch  zu  trennen  haben. 

Was  aber  die  doppelformen  fiBg  und  uev  betrifft,  die 
auf  ursprünglicheres  ^evg  zurückweisen  sollen  (verf.  ver- 
gleicht S^kq>iv  und  dek(pis  fbr  äskcptvg  und  ähnliches),  so 
wird  auch  diese  auffassung  sehr  bedenklich,  denn  die  laut- 
regel  ist  doch  im  griechischen  eine  andere,  wie  ut]v  und 
fiiig  ftr  *fztjvg  oder  *u6vg^  Big  für  ^ivg,  oiQQriv^  riQtjv,  not' 
jUJ/y,  Xif4i]Vf  nv&fiijpj  ctv^Tjv  für  *aggBvg,  tSQBvg^  nv&piBvg 
u.  s.  w.  zeigen.  Die  stamme  auf  -Ii/  und  -füv^  die  doch 
aber  hier  wegen  des  vokals  nicht  in  betracht  kommen  kön- 
nen, schwanken  allerdings  zwischen  v  und  g  im  nominativ. 
Wir  halten  deshalb  auch  hier  an  der  bisherigen  auffassung 
fest,  dafs  iibv  aus  i^g  hervorgegangen  sei  und  dafs  der 
nasal  sich  beim  schwinden  des  g  ebenso  entwickelt  habe, 


334  Kuhn 

wie  im  päli  die  optativendung  ü  aus  dem  skr.  us,  wie 
im  prskrit  instr.  -hl  aus  altem  -bbis  hervorging. 

In  betreff  der  althochdeutschen  endungeo  der  1.  plur. 
werden  zunächst  alle  bisherigen  erklärer  zurechtgewiesen, 
dals  sie  sich  nicht  weiter  umgesehen  als  das  paradigma 
ftihrte,  selbst  Graff  nicht,  dessen  materialien  doch  gerade 
auf  das  nach  Scfaerers  ansieht  richtige  hinleiteten.  Nun, 
unter  nmst&nden  ist  es  jedenfalls  gut,  sich  das  paradigma 
anzusehen  und  daran  festzuhalten,  damit  man  nicht  ver- 
schiedene formen  durcheinander  werfe,  wie  es  dem  verf. 
z.  b.  in  betreff  einiger  sanskritformen  begegnet  ist  (man 
vergl.  das  unten  zu  s.  228  bemerkte) ;  flßr  unsern  £bJ1  scheint 
denn  doch  auch  die  erwägnng  der  flbrigen,  nicht  im  pa- 
radigma Steheoden  formen  doch  wirklich  nicht  von  allzu- 
bedeutender  erheblichkeit. 

Die  Untersuchung  ergibt  nämlich  aufser  der  form  auf 
m^  noch  eine  solche  auf  mus.  Ihre  verhältnifsmäfsige  sei* 
tenheit  ergibt  wohl,  dafs  sie  nur  in  dialektischer  eigen- 
thümlichkeit  ihren  grund  haben  wird,  und  man  darf  sie 
daher  wohl,  wie  auch  Weinhold  bair.  gramm.  §.  283  an- 
nimmt, als  durch  verdumpfung  aus  mes  entstanden  anse- 
hen; jedenfalls  kann  sie  f&r  mansi  oder  maus  nichts  bewei- 
sen, da  wir,  wenn  sie  daraus  hervorgegangen  wäre,  doch 
wohl  statt  ihrer  muos  zu  erwarten  hätten. 

Eine  zweite  ganz  vereinzelte  form  (in  zwei  beispielen 
bei  Graff  II,  580)  ist  mas;  sie  beruht  offenbar  ebenfalls 
nur  auf  dialektischer  eigenthOmlichkeit,  welche  für  unbe- 
tonte vokale  a  eintreten  liefs.  Das  eben  besprochene  mus 
könnte  sich  übrigens  auch  leicht  ans  mas  entwickelt  haben. 
Jedenfalls  mQssen  diese  beiden  formen  auch  nach  Scherers 
eigener  ansieht  nichts  zum  beweise  der  ezistenz  eines  frü- 
heren mansi  beitragen,  da  er  sie  bei  seiner  beweisfllhrang 
nicht  weiter  herbeizieht. 

Von  einer  dritten  nebenform,  nämlich  der  auf  meo^ 
sagt  Scherer,  dafs  Graff  von  ihr  verhältnifsmäfsig  viele  bei- 
spiele  habe  und  zwar  aus  sehr  verschiedenen  quellen; 
darunter  die  von  ihm  ins  8.  jahrh.  gesetzte  und  daher  min- 
destens noch  aus  der  ersten  hälfte  des  9.  jahrh.  stammende 


anzeige.  335 

glossensamiulaDg  6c.  4.  „Und  so  geläufig,  fahrt  or  fort, 
war  dieses  men  neben  mas  den  sohreibern,  dafs  sie  es  auch 
im  lateinischen  gelegentlich  fbr  mus  setzten,  snbigamen 
z.  b.  schrieben  statt  subigamus^. 

Statt  „ yerhältnifsm&fsig  viele ^  zu  schreiben,  hätte 
Scherer  wohl  am  besten  gethan  zu  sagen,  dafs  es  im  gan* 
zen  nur  zehn  beispiele  in  zwölf  handschriften  seien,  welche 
Graff  beibringe.  Ebenso  schmilzt  die  grofse  Verschieden- 
heit der  quellen  etwas,  weun  man  sieht,  dafs  fünf  ftlle 
aus  den  gloss.  monsee.  stammen.  Dazu  kommt,  dafs  dem 
doch  sonst  so  gründlichen  gelehrten,  der  über  das  para- 
digma  hinausgehen  will,  entgangen  ist,  dafs  Graff  in  sei- 
nem Verzeichnisse  dieser  formen  (II,  589)  für  illemen  den 
codex  Gc.  4  als  quelle  angibt,  während  unter  dem  betref- 
fenden verbum  (1,  229)  dafür  Gh.  4  steht;  damit  wird 
das  8.  jahrh.  für  diese  form  zweifelhaft,  neue  Untersuchung 
mufs  erst  ergeben,  an  welcher  von  beiden  stellen  bei  Graff 
der  drnckfehler  steckt  Gewifs  läfst  sich  aus  dieser  ge- 
ringen zahl  von  beispielen  nicht  der  schlufs  ziehen,  dafs 
den  Schreibern  dieses  men  so  geläufig  gewesen  sei,  dafs 
sie  es  gelegentlich  auch  im  lateinischen  flQr  mus  setzten, 
sondern  es  wird  eben  ein  anderer  grund  flQr  den  Ursprung 
dieser  formen  zu  suchen  sein.  Vielleicht  gibt  die  notiz 
von  Graff,  Diutisca  III,  172,  dafs  die  von  ihm  verglichene 
bandschrift  der  monseeischen  glossen  aus  dem  9.  jahrh. 
abschrift  eines  älteren  codex  sei,  in  welchem  r  und  f  noch 
zu  verwechseln  war,  einen  fingerzeig  über  die  entstehnng 
des  n  in  men.  Wenn  nämlich  die  älteren  quellen,  aus 
denen  jene  glossen  stammten,  die  aufzeichnungen  irischer 
bekehrer  oder  ihrer  nachfolger  gewesen  wären,  so  wäre 
eine  Verwechselung  von  p  (r)  mit  p  (s)  ebenso  leicht  mög- 
lich gewesen  als  eine  solche  mit  n  (n),  um  so  mehr  als 
die  facsimiles  altirischer  handschriften  bei  O'Curry  (Lectu- 
rea  on  the  mannscript  materials  of  ancient  Irish  history, 
Dnblin  1861)  vielfältig  den  unter  die  linie  hinabgehenden 
strich  der  ersten  beiden  bnchstaben  fortlassen  und  nament- 
lich n  und  r  dadurch  fast  ganz  zusammenfallen.  Dazu  vergL 
man,  was  Zenas  in  der  vorrede  zar  gramm.  celtica  p.  XX 


336  Kuhn 

über  den  codex  Paulinus  der  Würzburger  Universitätsbi- 
bliothek sagt:  Atque  hie  codex  is  est,  caius  meminit  Eck- 
bartus  in  Commentariis  de  rebus  Franciae  orientalis  (I, 
272.  452.  847),  ex  quo  etiaro  quaedam  excerpsit,  sed  falao 
passim.  Nee  mirum;  magnum  enim  esset  praedito  ocnlis 
minus  acutis,  insuper  ignara  linguae,  minutissimas  istas 
literas,  pallidas  saepius  marginem  versus,  quarum  quaedam 
(e.  gr.  n,  r,  s)  sibi  valde  similes  apparent,  recte  legere 
et  reddere.  Dieselbe  ähnlichkeit  der  zeichen  für  n,  r,  8 
findet  sich  auch ,  wie  mir  mein  College  herr  dr.  G.  Wil- 
manns  mittheilt,  in  der  angelsächsischen  schrift.  Wer  da- 
nach suchen  wollte,  würde  bald  beispiele  solcher  verwech- 
selangen in  den  glossen  finden;  hier  nur  einige,  die  mir 
grade  zur  band  sind,  fiSr  r  aus  n :  in  den  strafsburger  alt- 
sächsischen  glossen  steht  kraru  (das  zweite  r  bei  GrafiT 
cursiv  zum  zeichen,  dafs  die  handschrift  deutlich  so  liest) 
von  Schmeller  unzweifelhaft  richtig  in  kranc  gebessert: 
eulogio,  benedictione  ofelene  Mart.  2,  der  Cod.  hat 
ofelere  Diut.II,  183;  für  r  aus  s:  in  den  merseb.  glossen  las 
Leyser  aerehiad,  Heyne  das  richtige  aeschiad*  (so  MS.I) 
=  exigunt.  Die  vergleichuug  der  fehlerhaften  Schreibwei- 
sen des  codex  Paulinus  (wie  sie  Zeuss  a.  a.  o.  XXI  an* 
gibt)  mit  den  gleichen  des  Sg.  913  (Vocabularius  S'.  Galli) 
zeigt  mehrfache  Übereinstimmungen.  Das  parietas  uuanti 
und  culmes  first  des  Vocabularius  und  ähnliches  könnten 
auch  die  mas  und  mus  der  1.  plur.  sehr  wohl  erklären 
helfen.  —  Eine  andere  möglichkeit  wäre  auch,  dafs  wenn 
die  ursprünglichen  Schreiber  der  glossen  Iren  waren,  sie 
die  ihnen  geläufige  irische  endung  der  ersten  pluralis  auf 
me  mit  dem  angehängten  pronomen  ni  (dessen  i  geschwun- 
den wäre)  an  die  stelle  des  deutschen  mes  gesetzt  hätten, 
zumal  drei  dieser  formen  aus  handschriften  stammen,  die 
mit  geheimschrift  geschrieben  sind,  wodurch  dann  die  les- 
barkeit  f&r  den  uneingeweihten  noch  weiter  erschwert 
wurde  als  durch  die  blofse  vertauschung  der  vokale  mit 
den  im  aiphabet  nächstfolgenden  consonanten.  Doch  wie 
auch  immer  der  Ursprung  dieser  räthselhaiten  form  zu  er- 
klären  sein   möge,  der  umstand,  dafs  sie  blos  in  glossen 


anzeige.  337 

vorkommt,  nirgend  in  den  ältesten  zasammenhängenden 
texten  zu  finden  ist,  läfst  doch  wohl  mit  recht  daran  zwei^ 
fein,  ob  sie  jemals  in  der  spräche  vorhanden  gewesen  sei. 

Aber  auch  wenn  diese  formen  auf  men  wirklich  rich- 
tig überliefert  wären,  so  wäre  ihnen  doch  für  begründung 
einer  form  ^mansi  nicht  mehr  oder  vielmehr  ebensowenig 
gewicht  beizulegen,  wie  dem  griechischen  fiev  neben  /neg^ 
deren  ableituug  aus  *mansi,  wie  wir  sahen,  in  den  lautge- 
setzen  erhebliche  Schwierigkeit  findet.  Scherer  nimmt 
Schwächung  des  a  von  mans  zu  mens  an  und  dafs  fbr  die- 
ses die  form  mes,  mit  6  als  ersatz  der  nasalirung,  einge- 
treten sei.  Hier  wäre  doch  der  nachweis  anderer  fälle 
nothwendig  gewesen,  wo  ahd.  ö  in  gleicher  weise  vor  s 
oder  andern  consonanten  durch  ersatzdehnung  für  vocal  + 
nasal  entstanden  wäre.  Mindestens  hätte  doch  Scherer 
auf  8.  104  zurückverweisen  müssen,  wo  er  die  entstehung 
der  ahd.  acc.  plur.  bespricht,  die  aus  den  formen  auf  ans, 
ins,  uns  durch  äs,  Is,  üs  hindurch  za  äs,  is,  fis  gewor- 
den und  dann  das  s  abgeworfen  haben  sollen,  wobei  in 
der  parenthese  kurzweg  bemerkt  wird,  „wie  aus  1.  plur. 
mansi  ahd.  mes  wurde  ^.  Selbst  wenn  man  zugibt,  dafs 
diese  erklärung  der  formen  der  ahd.  accusative  pluralis  die 
einzig  mögliche  sei,  so  müfste  doch  mansi  auf  germani- 
schem gebiet  schon  nach  dem  allgemeinen  gesetz,  das  die 
auslautenden  kurzen  vokale  vernichtete,  mans  geworden 
sein,  und  dies  mans  oder  das  daraus  geschwächte  mens 
hätte  doch  nach  analogie  der  acc.  phir.  althochdeutsch  zu 
mä  oder  me,  dann  zu  ma  oder  me  werden  müssen.  Ebenso 
wenig  beweisen  für  den  Ursprung  des  6  aus  en  die  in  der 
anmerkung  auf  s.  430  beigebrachten  fälle,  die  mit  m£s  zu- 
sammengestellt werden,  da  in  den  sicheren  darunter  ä  aus 
Vorangegangenem  ia,  wie  genc,  föne  aus  gianc,  fianc,  ent- 
standen ist,  abgesehen  davon,  dafs  es  sich  hier  um  be- 
tonte Stammsilben  nicht  wie  bei  mes  um  eine  tonlose  en- 
düng  handelt. 

Alles    dies    berührt    naturlich    nur    die    erklärung, 
welche  Scherer  von  der  endung  mes  gibt,  an  der  existenz 
derselben  sowie  daran,  dafs  das  e  lang  sei  (denn  es  wird 
Z«it8chr.  f.  vgl.  Bprachf.  XVIII.  6.  22 


338  Kuhn 

wiederholentlich  mees  geschrieben)  ist  damit  kein  zweifei 
ausgesprochen.  Wir  werden  daher  nach  einer  wo  möglich 
befriedigenderen  erklärung  suchen  mQssen. 

Den  weg  zu  einer  solchen  bahnt  uns  zunächst  die 
beobachtung,  dafs  schon  in  den  ältesten  quellen  die  form 
auf  blofses  m  neben  mes  erscheint  und  dafs  kein  den  Über- 
gang vermittelndes  mä  oder  me  neben  beiden  erscheint. 
Das  ^eht  doch  sehr  danach  aus,  als  sei  mes  keine  ur- 
sprQngliche,  sondern  erst  eine  später  angetretene  cndung 
und  für  diese  vermuthuug  sprechen  noch  lauter  die  na- 
mentlich im  perfectum  auftretenden  formen  mit  doppelter 
endung  wie  birunmös,  quamunmes,  comenra^s,  gisahuumes, 
gihalotunm^. 

Femer  erscheint  diese  endung  bei  Otfried  nur  im  im- 
perativen conjunctiv,  wie  Kelle  in  Haupt  zeitschr.  XII,  103 
nachgewiesen  hat.  Dazu  erwäge  man,  dafs  Mfillenhoff 
altd.  sprachproben  vorrede  s.  IV  sehr  wahrscheinlich  macht, 
dafs  suohhemös,  araughem^s  u.  s.  w.  sehr  wohl  die  der 
1.  plur.  praes.  indic.  gleichlautende  1.  plur.  des  imperativs 
sein  könne  und  auch  noch  andre  fälle  nachweist,  in  wel- 
chen eine  gleiche  auffassung  platz  zu  greifen  scheine. 

Von  diesem  gebrauche  aus  möchte  daher  wohl  das 
mes  auch  erst  in  andere  formen  eingedrungen  sein  und  das 
wird  um  so  wahrscheinlicher,  als  sich,  vorausgesetzt  dafs 
in  mes  ein  angetretenes  pronomen  erster  person  stecke, 
dieser  gebrauch  dann  in  den  mittelhochdeutschen  formen 
ohne  personalzeichen,  wie  heize  wir,  nemc  wir  gr.  I,  932; 
werde  wir,  schaffe  wir,  tribe  wir,  Weinhold  alem.  gramm. 
8.  337  (mit  weiterer  aufgebung  des  auslautenden  vokals 
verswlg  wir,  läz  wir  ebend.  341,  fuog  wir  366)  fortsetzt. 
Ja  im  bairischen  dialekt  tritt  dieser  gebrauch  noch  mit 
bewahrung  des  alten  m  in  der  form  auf  in  trage  mer,  gebe 
mer  oder  gemme',  segme^  stemme^  zuweilen  mit  doppeltem 
pronomen:  mir  gemme%  mir  segme^  oder  hamme'  mir, 
gemme'  mir,  Schmeller  bair.  gramm.  §.  909,  Weinhold  bair. 
gramm.  290,  so  dafs  schon  Schmeller  §.  912  vermuthete, 
dafs  das  alte  ro^s  dem  bairischen  angehängten  mer  ent- 
spreche. 


anzeige.  339 

Wenn  daher  unsere  voranssetzung  dnreh  die  ganze 
fernere  entwicklung  der  spräche  einige  stütze  erhfilt,  so 
entsteht  nur  die  frage,  in  wiefern  die  annähme  einer  form 
m6s  neben  gotb.  veis,  ahd.  wir  (daneben  noch  älteres  wer) 
sich  begründen  lasse.  Hier  zeigen  denn  nun  die  neueren 
Volksdialekte  vielfach  die  form  mir,  mir  an  stelle  des  wir, 
wir.  lu  den  nordischen  dialekten  findet  sich  die  prono- 
minalform mit  m  im  dual  und  plural  bereits  ums  jähr  1300 
als  mit,  m^r  und  heutzutage  ist  me  die  alleinherrscfaeado 
(Aasen,  norsk  gramm.  Christiania  1864  s.  179).  In  den 
slavolettischen  sprachen  lautet  der  nom.  plur.  des  pron. 
1.  pers.  mit  ausnähme  des  bulgarischen  durchweg  mit  m 
an,  altsl.  uu,  neuslov.  mi,  serb.  mi,  kleinruss.  my,  russ.  mu, 
£ech.  my,  poln.  my,  oberserb.  my,  niederserb.  my,  lit.  m^, 
lett.  mSs.  Im  päli  tritt  ebenso  majam  statt  skr.  vajam 
auf.  Da  ist  denn  doch  wohl  die  annähme  keine  allzu- 
kQhne,  dafs  auch  das  germanische  frfihzeitig  eine  form 
mit  gleichem  anlaut  entweder  neben  der  alten  form  mit 
w  gehabt  oder  neben  ihr  gebildet  habe.  Eine  dem 
8kr.  vajam  analog  gebildete  germanische  form  wQrde  daher 
mit  V  vajas,  mit  m  majas  gelautet  haben.  Jenes  hätte 
eigentlich  goth.  vais,  wie  ^habajasi  zu  habais,  werden  müs- 
sen, ist  aber  zu  veis  geschwächt,  majas  mufste  mais  wer- 
den, aus  dem  regelrecht  ahd.  mes  hervorging,  wie  aus 
goth.  habais  ahd.  habes.  Ich  bin  mir  wohl  bewufst,  dafs 
diese  ganze  entwicklung  nur  auf  einer  hypothese  beruht, 
aber  das  zusammentreffen  der  endung  mes  mit  dem  nom. 
plur.  des  selbständigen  pronomens  der  ersten  person  lit. 
m^s,  lett.  mes  spricht  doch  einigermafsen  für  die  Wahr- 
scheinlichkeit derselben,  eine  Wahrscheinlichkeit  die  noch 
erhöht  wird,  wenn  man  die  nahe  berührung  des  nom.  plur. 
des  pronomens  der  zweiten  person  zwischen  goth.  jus  und 
lit.  jus,  lett.  jus  mit  in  betracht  zieht. 

In  dem  abschnitt  über  das  personalpronomen  s.  213ff. 
ist  Scherer  durch  eine  Untersuchung  der  personalendungen 
zu  dem  resultat  gekommen,  dafs  man  bisher  durch  will- 
kührliche  annähme  grofsartiger  Verstümmelungen  klarlie- 
gende  dinge   in   Verwirrung  gebracht  habe.     Dies  resultat 

22* 


340  Kuhn 

ist  z\var  nicht  in  dieser  form  ausgesprochen,  aber  doch 
deutlich  genug  aus  den  werten  herauszulesen.  Scherer 
schlägt  daher,  wie  er  glaubt,  einen  richtigeren  weg  ein 
und  geht  bei  demselben  von  dem  satze  aus^  dafs  unbeton- 
tes a  einst  selbständiger  monosyllaba,  die  mit  ihrem  ver- 
bal- oder  nominalstamm  zur  worteinheit  verschmolzen  sind, 
oftmals  spurlos  verschwunden  sei  (s.  216). 

Wie  beweist  nun  Scherer  diesen  satz?  Mit  den  wer- 
ten: „die  belege  werden  im  verlauf  des  vorliegenden  auf- 
satzes  alle  zur  erwähnung  kommen.  Der  beweis  gegen  die 
Verstümmelungstheorien  wird  dadurch  geführt,  dafs  man 
auch  ohne  sie  auskommt^. 

Es  ist  denn  doch  erstens  eine  eigenthtimliebe  art  der 
beweisf&hrung,  dafs  man  dem  leser  versichert,  ein  8ats>  sei 
wahr  und  ihn  indirect  auffordert  sich  die  beweise  selber 
aufzusuchen  in  einem  aufsatze,  der  beinah  anderthalb  hun- 
dert Seiten  umfafst.  Zweitens  ist  es  doch  wunderbar,  dafs 
der  gegen  die  willköhrlichen  verstQmmelungstheore- 
tiker  auftretende  mann  des  gesetzes,  der  uns  wenige  zeilen 
vorher  gesagt  hat,  dafs  die  sprachen,  deren  leben  und  ge- 
schichte  wir  beobachten  können,  uns  lehren,  da&  feste 
gesetze  über  allen  Wandlungen  des  auslauts  wachen,  dafs 
derselbe  mann  des  gesetzes  uns  sagt,  die  von  ihm  bespro- 
chene erscheinung  zeige  sich  oftmals,  woraus  wir  doch 
wohl  schliefsen  sollen,  dafs  auch  ausnahnien  vorkommen. 
In  welchem  verhältnils  nun  diese  ausnahmen  zu  dem  ge- 
setze stehen,  wäre  doch  aber  gerade  nöthig  zu  wissen; 
wir  möchten  doch  gern  die  Überzeugung  von  der  gesetz- 
mäfsigkeit  der  erscheinung  wie  der  Verfasser  gewinnen  oder 
uns  überzeugen,  dafs  er  geirrt  hat.  Einstweilen,  ehe  wir 
von  dem  verhältnifs  der  zahl  der  beispiele  für  das  gesetz 
zu  der  der  ausnahmen  nicht  näher  unterrichtet  sind,  kön- 
nen wir  doch  in  dem  satze  auch  nur  eine  willkührliche 
annähme  und  kein  gesetz  sehen.  Wie  aber  der  Verfasser 
ohne  die  Verstümmelungstheorie  auskommt,  werden  wir  im 
folgenden  noch  mehrfach  zu  erkennen  gelegenheit  haben. 
/^  Im  folgenden  entwickelt  denn  Scherer  demgemäfs  seine 
Xneue  theorie  der  endungen  des  medii  und  passivi  im  gegen- 


anzeige.  341 

salz  ZU  den  bisherigen  auiFaseuDgeD,  sieht  sich  aber  gleich 
von  vorn  herein  genöthigt  zwei  ausnahmen  von  derselben 
hinzustellen,  nämlich  die  endungen  griech. /i?/2/  und  skr. 
thäs,  die  ihm  als  ,, versprengte  reste  einer  sonst 
gänzlich  verschwundenen  formation  und  zwar  eines 
eigentlichen  mediums  gelten^.  Nun,  bei  der  in  betracht 
kommenden  geringen  zahl  ursprönglicher  endungen 
—  es  sind,  wenn  wir  den  dual  bei  seite  lassen,  eben  nicht 
mehr  als  sechs  —  sind  denn  doch  zwei  endungen  von  eini- 
ger bedentung  und  es  wird  ein  starker  glaube  dazu  ge- 
hören, sie  als  solche  versprengte  reste  anzusehen.  Ja  der 
zweifei  wird  sich  noch  mehren,  wenn  wir  gleich  nachher 
erfahren,  dafs  die  dritten  personen,  die  ursprönglich  gar 
keine  verbalbildungen  waren,  in  des  Verfassers  darstellung 
gar  nicht  in  betracht  kommen  und  somit  nur  noch  vier 
ursprüngliche  endungen  übrig  bleiben. 

Scherer  läfst  nun  die  formen  des  activs  aus  denselben 
grundformen  wie  die  des  passivs  hervorgehen  und  läfst  sie 
uur  durch  den  accent  differenzirt  werden;  dvik  tva  gibt 
dv^käi  und  dvik  tvä  gibt  dviks^,  wobei  freilich  gleich 
wieder  ein  neues  dement  i  zur  erklärung  herbeigeholt  wer- 
den roufs.  Doch  sehen  wir  einstweilen  davon  ab,  und 
wenden  wir  uns  zu  einem  zweiten  beispiel  Scherers  s.219, 
wo  er  sagt:  „Setzen  wir  die  2.  sing.  aor.  Häiig^  so  zweifelt 
kein  mensch,  dafs  als  grundform  4  dhä  sa  anzunehmen  sei. 
Dem  liegt  passivisch  i&ov  d.  i.  d^eao^  vormals  a  dha  sk 
gegenüber.  Wir  sehen,  das  ursprünglich  unbetonte  active 
a  der  personalendung  hat  sich  verloren,  das  ursprünglich 
betonte  passivische  blieb  erhalten^. 

Wir  machen  erstens  darauf  aufmerksam,  dafs  hier 
ganz  stillschweigend  eine  Verschiedenheit  in  der  quantit&t 
des  wurzelvokals  angesetzt  wird,  über  die  man  doch  von 
Scherers  Standpunkt  aus  nicht  so  leicht  hinwegkommt, 
zweitens  darauf,  dafs  selbst  wenn  man  zugäbe,  dafs  der 
accent  im  medium  ursprünglich  auf  der  letzten  silbe  stand, 
man  doch  über  das  o  der  eudung  nicht  so  leicht  hinweg- 
eilen darf,  wie  es  Scherer  thut.  Ich  glaube  wenigstens  in 
dem    aufsatz  über   einige    medialendungen  (zeitschr.  XV, 


842  Kuhn 

406  ff.)  dargethan  za  haben,  dafs  auBlautendes  o  im  grie- 
chischen nicht  der  Vertreter  eines  ursprünglich  rein  aus- 
lautenden a  sein  könne.  Da  Scherer  diesen  aufsatz  ge- 
kannt hat,  denn  in  der  anmerkung  zu  oben  stehendem 
Satze  citirt  er  ihn,  so  durfte  er  meine  behauptung  doch 
nicht  mit  stillschweigen  ßbergehen,  sondern  er  mufste  sie 
wenigstens  widerlegen,  wenn  er  ihr  nicht  beistimmte.  Aber 
selbst  noch  wenn  wir  uns  auf  Scherers  Standpunkt  stellen, 
bleibt  das  o  von  ao  unerklärlich,  denn  das  aus  tva  ent- 
standene sa  soll  ja  accusativ  sein  (flexionslos  und  dem  no- 
minativ  gleichlautend)  und  der  flexionslose  accusativ  des 
selbständigen  pronomens  2.  pers.  lautet  doch  nicht  ao  son- 
dern cri,  selbst  noch  wenn  er  nicht  enklitisch  ist,  sondern 
seinen  vollen  ton  hat.  Und  hier  sollte  das  stärkere  o  ge- 
blieben sein,  selbst  nachdem  nun  der  accent  auf  die  an- 
lautende silbe  getreten  war?  Wir  werden  einstweilen,  ehe 
diese  Schwierigkeiten  nicht  gehoben  sind,  doch  noch  lieber 
an  der  alten  erklärung  festhalten.  Das  thun  wir  auch  in 
bezug  auf  die  erklärungen,  welche  Scherer  von  allen  an- 
deren medialendungeu  im  folgenden  gibt,  da  es  uns  nicht 
möglich  ist  in  voller  ausdehnung  darauf  einzugehen,  ohne 
ein  ebenso  umfangreiches  buch  wie  das  seine  zur  Wider- 
legung zu  schreiben.  Nur  einzelnes  wollen  wir  nicht  Qber- 
geben. 

Scherer  hat  nämlich  die  ansieht  dnrchgefQhrt,  dafs 
das  i  der  activendungen  des  praesens  sowie  das  im  me- 
dium hinter  dem  a  des  pronominalstammes  erscheinende 
ein  blos  deiktischer  zusatz  oder  vielmehr  die  zu  lediglich 
verstärkender  function  herabgesunkene  lokal  partikel  i,  l 
sei  (s.  219).  Die  medialendung  der  1.  sg.  praes.  ä  im  sans- 
krit  ist  ihm  daher,  da  er  a  als  personalsufBx  der  1.  pers. 
gefunden  zu  haben  glaubt,  aus  a  +  i  entstanden.  Diese 
entdeckung  hat  er  aber  erst,  wie  wir  bereits  oben  s.  327 
sahen,  auf  s.  228  gemacht  und  da  er  s.  219  gesagt  hatte, 
dafs  das  i  den  beruf  hatte  im  activum  praesens  und  futu- 
rum, im  passivum  praesens  und  perfectum  auszuzeichnen, 
so,  sagt  er  nun  s.  228,  finden  wir  das  personalsuffix  a  con- 


anzeige.  343 

sequenterweise  im  imperf.  and  aor.  medii  und  im  perf. 
activi  wieder. 

Scberer  handelt  hier  von  den  endungen  des  sanskrit 
und  da  sehen  wir  denn,  dafs  es  doch  manchmal  gut  ist, 
ein  spraehvergleicher  nach  der  yorstellung  mancher  hoch- 
gelahrten leute  zu  sein,  welche  glauben,  dafs  den  sprach- 
vergleichern das  Studium  von  lexikon  und  grammatik 
der  sprachen  genQge.  Jedenfalls  kann  man  das  Studium 
derselben  nicht  ohne  sie  treiben,  ohne  in  irrthOmer  zu 
gerathen,  wie  es  dem  verf.  begegnet  ist,  welcher  die  Lsg. 
imperf.  und  aor.  medii  auf  a  ausgehen  läfst  und  wenige 
Zeilen  weiter  sagt,  dafs  dieselbe  person  im  potentialis  und 
precativ  auf  i  ausgeht,  während  doch  das  umge- 
kehrte der  fall  ist.  Die  stellen  aus  Bopp's  sanskrit- 
grammatik  brauche  ich  wohl  nicht  herzusetzen. 

Den  schlufs  seiner  Untersuchungen  Ober  das  ich  am 
verbum  bilden  bei  Scherer  die  sätze  (s.  229).  „Nun  er- 
halten wir  die  reihe:  a,  ama,  ma.  Ich  meine:  das  prono- 
men  a,  seinen  Superlativ  ama  und  dessen  Verstümmelung 
[also  doch!  aber  freilich  nur  im  inlaut]  durch  aphärese 
ma.  Aus  der  Verstümmelung  [schon  wieder!]  stammt  das 
mi  des  praesens:  so  zeigt  sich,  wie  die  a- stamme  mit  ih* 
rem  ä  das  ursprungliche  bewahren^. 

Diejenigen,  welche  hier  das  i  des  imperf.  und  aor. 
vermissen  möchten,  mache  ich,  da  es  Scherer  nicht  ge- 
than  hat,  darauf  aufmerksam,  dafs  er  dies  erst  auf  s.  234 
bespricht.  Es  ist  ein  bisher  noch  nicht  bekanntes  pronomen 
der  1 .  pers.  i  und  gleich  dem  i  des  pronominalstammes 
3.  pers.,  welches  als  pronomen  1.  pers.  fungirt.  Wir  kom- 
men zu  s.  234  darauf  zurück.  —  Nach  Scherers  oben  hin- 
gestellter reihe  und  den  vorangehenden  entwicklungen  sind 
also  das  mi  der  mi-conjugation  und  das  am  der  praeterita 
aus  ama  hervorgegangen;  ehe  das  i  (hier  die  locativpar- 
tikel)  aber  antrat,  war  das  a  der  letzten  silbe  schon  ge- 
schwunden. Hier  wäre  erwünscht  gewesen  zu  erfahren, 
wie  sich  Scherer  die  entwicklung  bei  consonau tisch  aus- 
lautenden wurzeln  gedacht  bat.   Haben  sich  wirklich  admi 


344  Knhn 

und  dvesmi  nach  seiner  ansieht  in  der  reihenfolge  adma^ 
adm,  admi,  dvggma,  dv^m,  dveämi  gebildet?  Wir  vermis^ 
sen  hier  wie  überall  im  ganzen  buche  die  durchfQhrnng 
der  gewonnenen  theorie  an  beispielen,  die  Schleichers  dar- 
steHung  überall  so  klar  machen.  Man  fragt  doch  billiger^ 
weise,  worin  das  bedflrfnifs  gelegen  haben  solle,  dafe  die 
mi-conjugation  und  namentlich  die  consonantischen  wurzeln 
gleich  von  vom  herein  die  verstümmelte  endung  ansetzten, 
während  doch  ama  viel  bequemer  war?  Man  fragt,  welche 
absieht  hatte  die  spräche  dabei,  dafs  sie  im  praesens 
U.S.W,  der  sogenannten  a-conjugation  das  ich  durch  den 
bescheidenen  positiv  ausdrückte,  während  sie  es  in  der 
mi-conjugation  und  im  imperf.  und  aorist  als  „allerhöchst 
ich**  im  Superlativ  auftreten  liefs?  Doch  wir  haben  oben 
die  grofsen  bedenken,  welche  sich  der  annähme  einer  per- 
sonalendung  a  der  1.  person  entgegenstellen,  entwickelt 
und  sind  dadurch  der  nothwendigkeit  enthoben,  weiter  auf 
die  angeblich  daraus  hervorgegangenen  superlativentwick- 
lung  einzugehen.  Uebrigens  ist  es  Scherer  sowohl  hier 
als  bei  der  besprechung  von  amät,  amä(s.  231)  entgangen, 
dafs  das  sanskrit  den  pronominalstamm  ama  nicht  nur  in 
diesen  adverbien  sondern  auch  als  selbständiges  pronomen 
in  der  mehrfach  vorkommenden  formel  „amö  ^hä  sä  tvä 
der  (bin)  ich,  die  (bist)  dn^  besitzt,  vgl.  petersb.  wb.  s.  v. 

Wenn  Scherer  ferner  s.  231  auch  den  skr.  pronominal- 
stamm ana  mit  ama  identificiert,  der  aber  vom  *ana  jener, 
wie  es  im  litauischen  u.  s.  w.  auftritt,  zu  trennen  sei,  wenn 
er  sich  auch  in  der  Unmöglichkeit  befinde  für  jetzt  anzu- 
geben, was  zu  dem  einen  und  was  zu  dem  andern  gehöre, 
so  werden  wir  doch  wohl  thun,  auch  noch  ferner  beide 
auseinander  zu  halten,  zumal  das  sanskrit  mit  ana  immer 
das  hier  im  gegensatz  zum  dort  bezeichnet:  ijä  diese 
(die  erde),  asau  jener  (der  himmel,  die  sonne). 

Was  in  bezug  auf  das  I  als  pluralzeichen  mehrerer 
casus  von  asäu  auf  s.  232  gesagt  wird,  ist  für  den,  wel- 
cher s.  263  noch  nicht  gelesen  hat,  vollständig  unverständ- 
lich. Wir  kommen  darauf  bei  der  besprechung  von  Sche- 
rers acht  pluralformen  zurück. 


anzeige.  345 

Auf  8.  233  ff.  wendet  sich  der  verf.  nun  zur  betraoh- 
tUDg  des  selbständigen  pronomens  der  1.  person,  in  dessen 
a  (a-hä)  er  natQrlich  auch  hier  den  positiv  a  erkennt; 
dasselbe  a  auch  im  pluralstamm  asma  anzunehmen,  wie 
das  Petersburger  Wörterbuch  thut,  scheint  ihm  nur  vom 
speciell  sanskritischen  Standpunkt  aus  möglich.  Da  näm- 
lich das  germanische  in  un-sis,  un-s  noch  ein  n  zeigt,  so 
setzt  er  amsma,  ansma  (eigentlich  amasma,  anasma,  also 
der  superlativstamm  von  a+sma)  als  grundform  an.  Grade 
Ober  die  hauptfrage  aber,  wie  er  sich  den  Ursprung  von 
UQsis,  uns  aus  ansma  denke,  findet  sich  hier  so  wenig  wie 
später  (ausgenommen  einmal  eine  leise  andeutung  aufs.  249, 
wo  neben  ansma  in  parenthese  „ansva?^  gesetzt  wird  und 
noch  einmal  s.  265)  irgend  eine  erklärung*).  Sollte  seine 
annähme  flberzeugend  sein,  so  waren  doch  die  lautverhält- 
nisse  der  verglichenen  stamme  nicht  mit  so  vollständigem 
stillschweigen  zu  übergehen  und  die  griechischen  äfifAsg 
und  rijÄslg,  das  z.  ahma-  waren  denn  doch  auch  noch  in 
die  Untersuchung  hineinzuziehen.  Es  mufste  erklärt  wer- 
den, warum  unsis,  uns  das  aus  m  entstandene  v  aufgaben, 
izvis  es  dagegen  bewahrte.  —  Die  wahrscheinlichste  er- 
klärung  des  unsis,  uns  bleibt  immer  noch  die  von  Bugge 
zeitschr.  IV,  247  f.  gegebene,  wo  das  n  als  ein  nasaler  ein- 
Schub  erklärt  wird.  Das  päli  zeigt  in  der  3.  plur.  aor. 
Isu  statt  des  skr.  iäus,  in  der  declination  -amha  neben 
-asma  beliebig  wechselnd;  vielleicht  ging  dem  -amha  ein 
-amsa  voran,  das  dann  auch  unser  unsa  erklären  würde. 

Auf  s.  234  wird  auch  das  s.  228  unbeachtet  gebliebene 
personalkennzeichen  i  der  betrachtung  unterzogen,  ohne 
dafs  eine  Verweisung  auf  jene  stelle  geboten  würde.  „Ge- 
rechtfertigt wird  es,  sagt  Seh.,  durch  die  art  und  weise, 
wie  auch  in  der  3.  person  der  pronominalstamm  i  dem 
stamm  a  zur  seitc  steht^.  Das  wäre  ein  genügender  be- 
weis dafür,  dafs  das  i  jemals  pronomen  der  ersten  person 
gewesen  sei?  Eine  einfache  vergleichung  wirklich  histori- 
scher Vorgänge  auf  sprachlichem  gebiet  ergibt  wohl  eine 


*)  Ueber  das  verbttltnÜB  von  sma  zu  sva  wird  s.  269  gehaadelt. 


346  Kuhn 

natQrlicbere  erklärung.  Die  eodimg  6  der  1.  8g.  pf.  ätm. 
wird  im  päli  za  i  (vg].  die  formen  bei  Weber  in  d.  zeitschr. 
d.  d.  morgenl.  gesellscb.  XIX,  657),  ebenso  wird  auch  das 
i  des  imperf.  und  aorist  ätm.  schon  im  sanskrit  aus  vor- 
angegangenem ä  entstanden  sein.  Das  ist  freilich  verstQm- 
melungstheorie,  aber  wir  werden  ihr  sowohl  hier  als  noch 
mehrfach  im  folgenden  ihr  gutes  recht  wahren  mQssen; 
die  ideale  weit,  in,  welcher  die  identität  des  ich  und  nicht- 
ich  sich  vollzieht,  erleidet  natQrlich  auch  dadurch  ab* 
brach. 

Die  erklärung  des  prftsentischen  i  scheint  den  verf. 
in  bezug  auf  das  imperativische  dhi  der  zweiten  person 
etwas  in  Verlegenheit  gesetzt  zu  haben^  allein  er  fafst  sich 
bald  s.  237  und  sucht  in  dhi  nur  das  resultat  eines  neben 
tva  stehenden  Stammes  tvi,  wie  dvi  neben  dva,  die  pron. 
Stämme  ki,  di  neben  ka,  da,  die  partikel  hi  neben  ha  ste- 
hen, wie  auch  in  der  ersten  person  i  und  a  nebeneinander 
gefunden  seien. 

Dafs  das  letztere  richtig  sei,  haben  wir  eben  bestrit- 
ten, ob  die  übrigen  analoga  nicht  vielleicht  anders  zu  er- 
klären seien  als  durch  ursprünglichen  doppelstamm,  bleibt 
doch  fraglich,  dvi  z.  b«,  das  als  erstes  glied  in  compositis 
auftritt,  verhält  sich  zu  dva,  wie  der  vokal  der  reduplica- 
tionssilbe  in  gigämi,  tiäthämi  zum  vokal  der  Wurzelsilbe. 
Ferner  sind  doch  die  partikeln  hi  und  ha  nicht  etwa  iden- 
tisch, so  dafs  die  vokaldififerenz,  vorausgesetzt  sie  seien 
reine  wurzeln,  in  der  begri£Plichen  ihren  grund  hätte,  also 
f&r  unsern  fall  gar  nicht  pafste. 

An  dies  glücklich  gefundene  tvi  „knüpfen  sich  noch 
weitere  beobachtungen^  s.  237. 

„Wir  finden  dha  resp.  tva  wieder  in  der  i .  plur.  med. 
skr.  praes.  perf.  mähe  (zend.  maidhe),  imper.  mahäi,  was 
auf  secundäres  maha  schliefsen  läfst,  welches  das  griech. 
fiB&a  in  der  that  darbietet.  Als  urform  müssen  wir  matva 
aufstellen.  Daneben  läfst  das  skr.  secundaire  mahi  auf  al- 
tes matvi  schliefsen  mit  dem  i-stamm  der  zweiten  person. 
Das  wir  ist  als  ich  und  du  gefafst  und  durch  ein 
dvandva- compositum   gegeben,    wie   sie    in  den  zahlwör- 


aDseig«.  347 

tern,    z.  b.  quattuor-decim,  fidvör-taihun  aus  uralter  zeit 
vorliegen.* 

Also  mabe,  maidbe,  mahäi  steben  ftlr  ursprOnglicbes 
madbe,  mabi  flQr  madbi.  Das  6  des  praes.  ist  nacb  der 
daröber  aufgestellten  erklärung  Scherers  ganz  in  der  Ord- 
nung, da  madba  +  i  madbe  ergab;  aber  wie  kommt  es 
denn  in  den  imperativ,  von  dem  der  Verfasser  eben  noch 
gesagt  hat,  dafs  in  ihm  an  das  präsentisebe  i  nicht  ge- 
dacht werden  könne.  Und  das  secundaire  maha  soll  wirk- 
lieb durch  griech.  fjie&a  sieb  darbieten?  Soll  griechisch 
auslautendes  a  etwa  der  regelrechte  Vertreter  von  sanskrit 
auslautendem  a  sein,  so  hätte  Scherer  das  erst  beweisen 
mflssen. 

Aber  die  form  tvi  fQbrt  noch  zu  weit  grofsartigeren 
entdecknngen.  Scherer  sagt  nämlich  weiter  s.  237:  „Ging 
das  verständnifs  fQr  den  eigentlichen  sinn  von  matvi  ver- 
loren, so  konnte  sie  leicht  als  mat-vi  aufgefafst  und  mat 
fbr  einen  ganz  Qberflflssigen  ablat.  sing,  gebalten  wer- 
den, so  dafs  vi  sich  als  stamm  des  plurals  ergab,  den  wir 
im  skr.  vaj-äm,  germ.  *vaj-as  (goth.  veis)  in  der  that  vor- 
finden*. 

Nun  in  der  that  ohne  die  alte  verstümmelungstbeorie 
kommt  der  verf.  bei  seinen  erklärungen  aus,  aber  nur  in- 
dem er  eine  neue  noch  viel  gewaltsamere  an  ihre  stelle 
setzt.  Er  beruft  sieb  freilieb  ftkr  seine  ansiebt  auf  eine 
ähnliche  Verstümmelung  des  anlauts,  die  im  pronominal- 
stamm khäma  der  gätbäs  gegen  jüäma  vorliege,  aber  die 
verstflmmlung  durch  fortfall  der  silbe  jü  ist  ja  erst  seine 
erklärung,  f&r  die  er  erst  ein  hypothetisches  jugb  oder  jug 
ansetzen  mufs,  während  alle  anderen  forscher  bei  erklä- 
rung dieser  schwierigen  form  ein  anderes  verfahren  einge- 
schlagen haben.  Jedenfalls  sind  die  seltenen  formen  des 
gätbädialekts,  zumal  bei  dem  zweifelhaften  zustande  des 
textes  und  seiner  erklärung,  nicht  sebr  geeignet  um  an 
sich  gewaltsame  combinationen  zu  atOtzen.  Als  probe,  wie 
bedenklich  es  noch  mit  der  erklärung  dieser  zendform 
überhaupt  aussieht,  wollen  wir  nur  bemerken,  dafs  Hang 
ihr  firüber  die  bedeutung  y,jou^  gab,   später  aber  ange- 


348  Kuhn 

nommen  hat,  dafs  sie  „that,  such^  pluralisch  bedeute, 
welches  aus  Y.  46,  10  deutlich  hervorgehe  (Essays  p.  107). 

Auf  s.  218  hatte  der  verf.,  uachdem  er  die  formen 
dvekSi  und  dvikS^  beide  aus  dvik  tva  durch  differenzirung 
aus  verschiedenem  accent  erklärt,  weiter  gesagt:  „Diese 
bemerkungen  gelten  für  das  ganze  passiv  [=  medium 
8.  217].  Die  personal bezeichnuDg  war  dieselbe  wie  im 
activum,  nur  der  ton  ein  anderer".  Nun  war  aber  bereits 
6.  1 93,  wie  wir  gesehen  haben,  als  endung  der  I .  plur.  act. 
mansi  angesetzt  und  danach  hätten  wir  dieselbe  endung 
auch  im  medio-passivum  erwarten  sollen;  wir  haben  be- 
reits oben  gesehen  (zu  s.  237),  dafs  flir  dies  eine  andere 
endung  angesetzt  wurde.  So  führt  der  verf.  seinen  leser 
stets  in  die  irre,  während  er  doch  mit  leichter  mühe  gleich 
hätte  auf  die  ausnähme  hinweisen  können.  Doch  hören 
wir  den  verf.  Qber  die  form  mansi!  Sie  soll  aus  dem  ge- 
nitiv  mama,  z.  mana  mit  dem  pluralen  s  gebildet  sein;  so 
entstand  mamas,  manas,  mit  verlust  des  a  mans.  Die  for- 
men mama  und  tatva,  titvi  (die  letzteren  werden  der  2.  pl. 
medii  zu  gründe  gelegt  s.  237)  sind  durch  reduplication 
entstanden.  „Es  sind  genitivformen,  heifst  es  s.  239,  de- 
ren Zusammenhang  mit  dem  plural  sich  später  aufklären 
wird."  Wichtig  wäre  doch  bei  der  begründung  einer  von 
der  bisherigen  so  abweichenden  erklärung  gewesen,  schon 
hier  darzulegen ,  wie  die  formen  des  gen.  sing,  zu  pinra- 
lischen  werden;  allein  wir  werden  auf  die  zukunft  verwie- 
sen. Da  erfahren  wir  denn,  vorausgesetzt  dafs  ich  die 
richtige  stelle  gefunden  habe,  auf  s.  260,  dafs  Scherer  acht 
verschiedene  arten  des  pluralausdrucks  kennt,  welche  der 
arischen  Ursprache  zugeschrieben  werden  müssen  und:  „der 
plural  wird  erstens  durch  reduplication  bezeichnet  in 
*mama  (aus  mansi  gefolgert,  oben  s.  239)  und  tatva  (s.  237). 
Ueber  reduplication  als  ausdruck  der  mehrzahl  Pott  etym. 
forsch,  n,  67.  Doppelung  s.  176  —  205.  275.  299f.  302. 
Dafs  der  plural  matva  „wir^  nicht  unter  den  pluralbildan- 
gen  aufgeführt  werden  kann,  versteht  sich  nach  dem  dar- 
über bemerkten  von  selbst".    Dazu  vergl.  man  noch  8.267. 

Also  der  zusammenbang  der  genitivform   mama    mit 


anzeige.  349 

dem  plural  sollte  sich  doch  später  aufklären,  und  wie  ge- 
schiebt das?  Dadurch  dafs  wir  wieder  auf  die  hypothese 
von  s.  239  zurückverwiesen  werden.  Die  Verweisungen  auf 
Pott  waren  doch  hier  wohl  überflussig,  denn  dafs  in  meh- 
reren sprachen  pluralbildnng  durch  reduplication  entsteht, 
ist  doch  eine  allzubekannte  thatsache.  Hier  war  doch 
nachzuweisen,  wie  dies  genitivische  mama  in  den  plural 
gekommen  ist  und  warum  sich  die  spräche  nicht  mit  der 
reduplication  zum  pluralausdruck  begnügt,  sondern  noch 
ausdrücklich  einen  plural  auf  s,  wie  sich  Scherer  ausdrückt, 
daraus  gemacht  hat.  Einen  nom.  pl.  auf  s,  der  doch  sonst 
nicht  erscheint,  denn  das  s.  239  verglichene  z.  jus  vom 
stamme  ju  zeigt  ja  noch  längung  des  vocals  vor  dem  s, 
also  nach  Scherers  auffassung  symbolische  pluralität  durch 
Verlängerung  -H  s  (vgl-  s.  260). 

Aber  wir  wollen  einmal  zugeben,  dafs  mansi,  maus, 
die  ursprünglich  dem  mas^  mus,  usg^  ^£i/,  mes,  m  vorherge- 
gangene endung  gewesen  sei.  Wie  wird  es  wahrscheinlich, 
dafs  das  n  in  masi,  mas,  ma  im  skr.  spurlos  verschwunden 
sein  soll?  Dem  sanskrit  ist  ja  eine  Verbindung  von  anu- 
svära  mit  s  eine  ganz  geläufige,  wie  zahlreiche  formen  zei- 
gen, häsi  (aus  hau  +  si),  häsa,  äsa,  däsu,  amäsi  (a-man-si), 
ja  amästa,  amästhäs  u.  s.  w.  Nur  auf  die  nomina  auf  an 
könnte  sich  Scherer  berufen,  welche  im  loc.  plur.  das  n 
vor  8  ausstofsen,  wie  rS^asn,  nämasu,  allein  das  kann  er 
auch  nicht  einmal,  da  er  fQr  diesen  fall  gar  keinen  an- 
-stamm  annimmt  (vergl.  s.  317  und  428),  sondern  einen 
a^stamm.  Aber  mansi  soll  ja  gar  nicht  die  ursprüngliche 
endung  sein,  da  das  i  erst  später  antrat;  die  ältere  en- 
dung soll  ja  maus  sein,  aus  dem  doch  nach  indischem  aus- 
lautgesetz  man  und  nicht  mas  werden  mufste,  wie  äsan 
f&r  äsans  (äsans  tatra)  u.  s.  w.  beweisen.  Also  nur  man 
oder  mus  (wie  in  der  3.  pl.  potent,  us  aus  ans)  hätten  aus 
maus  hervorgehen  können. 

Woraus  ebendaselbst  gefolgert  wird,  dafs  das  griech. 
f4.Bv,  fjieg  secundairsuffixe  seien,  welche  das  t  nie  besafsen, 
ist  mir  nicht  ersichtlich.  Ebenso  wenig,  warum  im  altir. 
ammin  (für  ammin  nach  Schleicher  comp.  s.  668),  dessen 


350  KuhD 

n  am  folgenden  wort  erscheint,  sich  noch  eine  spur  der 
alten  endung  mans  oder  mansi  erhalten  zu  haben  scheine. 
Abgesehen  davon,  dafs  die  eine  form  schwerlich  viel  be- 
weisen wftrde,  wird  sie  auch  von  Schleicher  ganz  anders 
erklärt;  indefs  ist  mir  auch  diese  erklärung  wegen  des 
ephelkystischen  n  bedenklich.  Sollte  sich  die  form  nicht 
einfach  aus  dem  angehängten  pronomen  ni  (nos)  erklären, 
dessen  auslautender  vokal  schwand?  Die  gebräuchliche 
form  ist  ja  ammi,  Zeuss  476. 

Auf  s.  241  schreitet  Scherer  zur  aufstellung  der  ari- 
schen grundformen  des  selbständigen  pronomens,  wie  er 
sie  erschlossen  hat;  wir  können  hier  nicht  in  der  ganzen 
ausdehnung  darauf  eingehen  und  beschränken  uns  auf  ei- 
nige kurze  bemerkungen. 

Ob  das  8.  242  mit  ^;  (J,  egö  unmittelbar  zusammenge- 
stellte ahd.  ihha  desselben  Ursprungs  sei,  ist  mir  zweifel- 
haft, da  es  Graff  Diut.  I,  146  durch  aegomet  glossirt 
wird.  Auch  Grimm  hat  sich  schon  aus  demselben  gtiinde 
gegen  die  von  Scherer  ohne  neue  gründe  aufgestellte  an- 
sieht erklärt  (gramm.  III,  12). 

Als  grundformen  des  accus,  sing,  werden  s.  242  ma, 
m4m,  tva,  tvam  angesetzt.  Dafs  skr.  mäm  in  den  veden 
ein  paarmal  ma-am  gelesen  werden  mQsse  (beitr.  IV,  182) 
ist  dem  verf.  wohl  entgangen,  dadurch  würde  wenigstens 
ma  neben  kf^e  eine  stütze  gewinnen.  Dafs  diese  formen 
auch  durch  das  lateinische  vorausgesetzt  werden,  läfst  sich 
von  Scherer's  Standpunkt  aus,  der  zwei  Stammformen  tva 
und  tvi  annimmt,  doch  wohl  nicht  behaupten,  umbr.  tiom, 
siom,  lat.  me,  ta  würden  doch  nach  ihm  auf  die  stamme 
mi,  tvi  zurückgehn. 

S.  243  wird  zum  ablativ,  der  im  paradigma  mat 
nach  dem  ostarischen  angesetzt  ist,  bemerkt:  „Doch  halte 
ich  auch  mamat  fQr  keine  neubildung^.  Sollte  man  nicht 
meinen  ein  skr.  abl.  mamat  wäre  eine  so  allbekannte  that- 
sache,  dafs  er,  offenbar  wegen  seiner  weitreichenden  Ver- 
wandtschaft in  den  übrigen  sprachen  gleiches  Stammes, 
nicht  als  eine  neubildung  angesehen  werden  dürfe?  Diese 
form    mamat   nun   kommt   f&nfmal    in   dem  zwiege^spräch 


anzeige.  351 

R.  IV,  18)8.  9  vor,  wo  sie  von  Säjana  durch  pramädjat, 
pramatta,  im  petersb.  wtb.  durch  modo-modo  erklärt  wird. 
Wie  Benfey,  der  sie  vollst,  skr.- gramm.  8.332  für  einen 
ablativ  genommen,  diese  form  aus  dem  Zusammenhang  der 
stelle  erklären  mag,  ist  mir  nicht  klar.  Jedenfalls  ist  sie 
als  abl.  1.  pers.  ganz  und  gar  zweifelhaft  und  das  petersb. 
wtb.  hätte  schon  darüber  anskunft  geben  können.  Aber 
sie  pafste  so  schön  zu  mancher  hjpothese  Scherers,  dafs 
er  noch  ein  paarmal  z.  b.  s.  267.  274  darauf  zurückkommt, 
um  sie  als  stütze  anderer  beobachtungen  zu  gebrauchen. 

S.  243  wird  bei  besprechung  der  formen  des  nom.  pl. 
1.  pers.  gesagt,  dafs  die  altpr.  mes^  lit.  m6s  (aus  mks  ge- 
dehnt), ksl.  my  durch  abfall  des  anlauts  (as*,  urspr.  ans-), 
der  durch  den  auf  der  endung  liegenden  ton  herbeigeführt 
sei,  zu  erklären  seien,  was  mir  wenig  wahrscheinlich  er- 
scheint, wenn  man  lit.  esmi,  altsl.  lecuik  vergleicht,  wo,  we- 
nigstens im  litauischen,  der  ton  auf  der  endung  ruht  und 
trotzdem  der  anlaut  bewahrt  ist;  man  würde,  wenn  diese 
formen  aus  ansma,  asma  entstanden  sein  sollten,  minde- 
stens die  bewahrung  des  anlautenden  s,  wie  bei  skr.  l.pl. 
smas,  zu  erwarten  haben;  vgl.  neuslov.  smo,  bulg.  smi.  Man 
wird  mit  Bugge  (zeitschr.  IV,  245  f.)  in  diesem  falle  an- 
bildung  an  den  singularstamm  anzunehmen  haben. 

Ebend.  werden  ansmä,  juämä  als  ursprüngliche  instr. 
plar.  angesetzt,  denn  in  asmäbhis,  juämäbhis  sei  das  bhis 
„offenbar  pleonastisch ^  angetreten,  „wie  mi  im  lit.  instr. 
sing,  tä-mi,  denn  auf  andere  weise  wäre  das  ä  hier  nicht 
za  rechtfertigen'^.  Verlängerung  von  vokalen  in  offener 
silbe  im  inlaut  ist  aber  auch  in  anderen  fallen  nachweis- 
bar, so  in  havlman,  bharlman,  saviman  neben  haviman 
u.  s.  w.,  so  in  den  intensiven  ganigam  neben  ganigam, 
Karlkr  neben  Karikr,  narnrt,  narinrt,  narinrt,  Kanlkas,  pa- 
nipat  u.  s.  w. 

S.  250  möchte  Seh.  beim  nom.  pl.  I  mundartlich  mir, 
II  altn.  ther  zunächst  an  das  dem  verbum  in  fragender 
Stellung  nachfolgende  pronomen  denken:  kallidh  ther  fär 
kallidh  er,  bringem  mer  für  bringen  wir.  Er  vergleicht 
indefs  den  anlaut  von  päli  majam  (neben  amhg)  „wir^  und 


352  Kuhn 

tamhe  »ibr^,  welche  Übertragung  vermutben  lassen.  — 
Scbon  oben  (s.  339)  ist  von  dem  früh  auftretenden  nord. 
mer  die  rede  gewesen.  Beide  auffassungen  verbindet  Aasen 
(norsk.  gramm.  s.  179):  Formerne  me  og  de  synes  frem- 
koQine  ved  en  tillempning  efter.  eentallet,  hvor  man  alle* 
rede  havde  et  paar  former  med  m  i  förste  og  d  i  anden 
person;  desuden  künde  de  ogsaa  bestyrkes  ved  den  til- 
svarende  endeise  i  verberne,  f.  ex.  er  um  ver  (s.  ere  vi)  og 
erudh  ^r  (ere  I).  Der  umstand  (s.  oben),  dafs  frühzei- 
tig auch  das  duale  mit  neben  vit  erscheint,  läfst  den  von 
Aasen  vorangestellten  grund  als  den  richtigen  erscheinen. 

Auf  s.  260  ff.  entwickelt  Scherer  seine  kenntnifs  von 
acht  verschiedenen  arten  des  pluralausdrucks ,  welche  der 
arischen  Ursprache  zugeschrieben  werden  müssen.  Dabei 
sei  zunächst  erinnert,  dafs  in  den  meisten  der  acht  Wie 
nicht  vom  plural  im  ganzen,  sondern  vom  nom.  resp.  auch 
acc.  plur.  gesprochen  wird,  mithin  doch  nur  pluralzeichen 
dieser  casus  und  nicht  pluralausdruck  im  allgemeinen  ge- 
handelt wird. 

Als  erste  bezeichnung  des  plurals  gilt  die  reduplica- 
tion,  wie  sie  angeblich  in  mama  (aus  mansi  gefolgert)  auf- 
treten soll.  Diese  annähme  ist,  denke  ich,  genügend  im 
obigen  beleuchtet. 

Als  zweite  wird  die  symbolische  bezeichnung  durch 
vokal  Verstärkung  des  ableitungssufSxes  genannt,  wie  sie 
sich  in  den  zendischen  neutris  auf  anh  (d.  i.  as),  an,  man, 
deren  nom.  acc.  plur.  auf  äo  (äs),  an  (an),  man  (man): 
man-äo,  däm-än,  dun-män  findet,  aufgeführt.  Die  frage  ist 
hier  nur  die,  ob  das  verstümmelte  oder  ursprüngliche  for- 
men seien;  bisher  hat  man  aus  vergleichung  mit  dem  sans- 
krit  gründe  für  die  bejahung  der  ersten  alternative  herge- 
nommen*) und  Scherer  stellt  eine  bloise  behauptung  ohne 
solche  auf. 

Die  dritte  formation  geschieht  mittels  eines  beigef&g- 


*)  z.  b.  Hang  p.  94:  anh.  The  nom.  and  acc.  plur.  is  So,  a  con- 
traction  of  a  fuUer  form.  p.  96:  an,  man.  The  nom.  and  acc.  plur.  is 
either  equal  to  the  sing,  or  i  is  added  to  an;  now  and  then  an  alone  re- 
mains  e.  g.  dSmSn. 


anzeige.  353 

ten  sma  in  a-sma,  ju-sma.  Hier  haben  wir  also  wirklich 
ein  dem  ganzen  plural  durchziehendes  sufSx,  welches  plu- 
ralität  bezeichnen  könnte,  denn  die  casuszeichen  treten  ja 
dahinter  an,  wenn  nicht  wieder  an  diesen  mehrfach  ein 
doch  wohl  ebenfalls  wieder  nach  Scherer  (s.  o.  maiis)  den 
plural  bezeichnendes  s  erschiene.  Und  nun  erscheint  dies 
sma  in  der  pronominal  -  declination  auch  im  singular,  so 
dafs  es  doch  jedenfalls  eine  andere  bedeutung  als  plurali- 
sche gehabt  zu  haben  scheint.  Das  naheliegende  sama, 
sima,  ahd.  sama,  engl,  same  scheinen  doch  eher  auf  die 
bedeutung  von  selb  zu  führen,  so  dals  es  wie  myself, 
thyself,  himself  u.  s.  w.  unser  derselbe  gebildet  wäre.  Wir 
kommen  mit  Scherer  weiter  unten  auf  dies  sma  zurück. 

„Viertens  ist  a  pluralzeichen.  Im  neutrum  allgemein, 
wie  bekannt^.  Aber  es  soll  auch  im  nom.  acc.  plur.,  wie 
das  zend  evident  lehre,  stattfinden,  wo  „vac-a,  ptar-a, 
vastär-a,  bhrftthr-a,  arshan-a,  hävanta^  beispiele  consonan- 
tischer  stamme  seien.  Sollen  denn  das  die  ursprünglichen 
formen  sein?  Neben  vada  steht  ja  vaöo,  neben  dastSra 
stehen  dätSro,  nipätfira^ka  Spiegel  gr.  144.  163.  Scherer 
sagt:  „dafs  nicht  etwa  s  abgefallen,  zeigen  ptaorSr-Ka, 
maäja-ka^.  Ist  denn  das  ka  so  eng  mit  den  formen  von 
anfang  verbunden  gewesen,  oder  kann  es  nicht  auch  noch, 
nachdem  eine  Verstümmelung  eingetreten  war,  angetreten 
sein?  und  gibt  uns  denn  der  zustand  der  zendtexte  irgend 
eine  gewähr,  dafs  wir  es  mit  einem  einheitlichen  sprach- 
typus  ^iner  zeit  zu  thun  haben? 

Dies  pluralische  a  soll  auch  noch  in  mehreren  anderen 
formen  erhalten  sein,  auf  die  wir  nicht  weiter  eingehen, 
da  wir  den  thatbestaud  im  zend,  wie  oben  gesagt  wurde, 
anders  erklären. 

Hervorzuheben  ist  nur,  dafs  auch  die  skr.  personal- 
endung  a  der  2.  plur.  perf.  dabei  herangezogen  wird.  Das 
a  „ist  Stammauslaut  und  das  personalpronomen  hat  sich 
damit  nicht  zur  worteinheit  verbunden,  sondern  ging  ver- 
loren *. 

Was  meint  der  verf.  hier  mit  stammauslaut?  Es  soll 
wohl  heifsen  pluralkennzeichen?    Soll  denn  das  a  von  ye- 

Zeitschr.  f.  vgl.  sprachf.  XVIII.  6.  23 


354  Knhn 

yovn-^rs,  das  das  ganze  perfect,  singiilar  und  plural  (mit 
ausnähme  'der  3.  sing.)  durchzieht,  einen  anderen  Ursprung 
haben,  als  das  von  tutuda  und  wie  denkt  sich  der  verF. 
das  yerhältnifs  z.  b.  bei  dadhä,  ist  davor  der  wurzelvokal 
abgefallen? 

„Endlich,  sagt  der  verf.,  gehören  hierher  die  personal- 
endungen  ma,  tha,  ta  des  plurals:  wenn  wir  die  Urformen 
ansetzen  ma  und  tva.  Sie  unterscheiden  sich  in  nichts 
von  der  reinen  Stammform  resp.  von  den  snfBxen  des  Sin- 
gulars. In  der  actuellen  spräche,  des  sanskrit  z.  b.,  findet 
thatsächlich  keine  lautgleichheit  statt:  neben  dem  plur.  tha 
des  praesens  steht  sing,  si ,  neben  dem  plur.  ta  des  imper- 
fects  sing.  s.  Aber  wenn  die  vorliegende  pluralbildung  ein- 
geftkhrt  wurde  als  noch  unverletzt  und  unverändert  im  sing, 
ma  und  tva  bestanden,  was  für  ein  mittel  stand  der  spräche 
zu  geböte,  um  plural  vom  singular  zu  unterscheiden?  Kein 
anderes  als  der  accent.  Und  dafs  er  thatsftchlich  so,  also 
wieder  differenzirend  (vgl.  s.  218)  verwendet  wurde,  dOr- 
fen  wir  dem  skr.  ton  der  zweiten  hauptconjugation  und 
des  perfects  wohl  glauben,  der  uns  im  ersten  aufsatze  die- 
ses buches  so  wichtige  dienste  zur  aufklärung  des  germa« 
nischen  ablautes  leistete.^ 

Also  ma  und  tva  waren  die  ursprünglichen  endungen 
des  Singulars  und  des  plurals  und  nur  durch  den  accent 
als  diese  oder  jene  characterisirt.  Worin  bestand  denn 
nun  die  einf&hrung  der  „vorliegenden  pluralbildung^,  wo 
zeigt  sich  denn  ein  neues  a  hinter  ma  und  tva  des  plu- 
rals? Ich  verstehe  den  Verfasser  wirklich  nicht.  Denn 
wenn  der  verf.  s.  219  den  Vorgang  im  sing,  so  dargestellt 
hat,  dafs  nach  seiner  ansieht  das  im  singular  unbetonte  a 
der  endung  schwand  und  erst,  nachdem  es  geschwunden, 
das  locale  i  antrat  und  wenn  man  nun  auch  annehmen 
wollte,  dafs  der  erste  Vorgang,  das  schwinden  des  a  der 
pronominalwurzel ,  hier  eingetreten  sein  soll,  so  ist  diese 
annähme  ja  durch  des  verf.^8  satz  vom  schwinden  des  a 
nur  in  unbetonten  silben  unmöglich  gemacht^  da  wir 
es  hier  mit  einer  betonten  silbe  zu  thun  haben.  Die  au- 
sätze Scherer's  lauteten  ja  2.  sg.  act.  dvik  tva,  2.  sg.  pass. 


anzeige.  '  355 

dvik  tvi,  folglich  mufs,  wenn  auch  die  2.  plur.  act.  dem 
Singular  gegenüber  durch  den  accent  difTerenzirt  werden 
soll,  diese  wieder  dvik  tva  lauten,  und  dies  betonte  a  kann 
nicht  verschwinden:  als  daher  die  angeblich  „vorliegende 
pluralbildung^  eingeführt  wurde,  konnte  diese  form  ntir 
dvik-tvä-a  d.  i.  dik-tvä  lauten.  Folglich  mufste  die  endung 
tbä  und  tä  lauten,  wovon  bei  Scherer  nichts  zu  finden  ist. 
In  den  veden  kommen  nun  dergleichen  formen  mit  ä  wirklich 
vor,  was  aber  gar  nichts  fdr  Scherers  annähme  beweist, 
namentlich  so  lange  nicht,  als  die  noch  daneben  stehenden 
vedischen  formen  auf  na:  tana,  thana  (sthana,  jathana, 
sjätana,  pipartana,  dadhatana,  aitana),  die  Scherer  gar  nicht 
zu  kennen  scheint,  sowie  vor  allen  das  lateinische  tis 
unerklärt  bleiben. 

Bemerkung  verdient  übrigens  doch  auch  noch,  dafs 
jeder,  der  Scherers  entwicklungen  Über  mansi  gelesen,  glatH 
ben  mufste,  er  halte  mansi  für  die  primäre  endung,  man« 
dagegen  für  die  secundaire,  denn  s.  239  hatte  er  ja  aus* 
drücklich  gesagt:  „Ja  wir  dürfen  nun  bestimmter  griech. 
fi€i/,  fzeg  als  secundairsufßxe  ansehen,  welche  das  i  am 
Schlüsse  nie  besafsen  ^.  Man  wird  daher  einigermafsen 
überrascht  sein  hier  abermals  ein  neues  snfBx  der  1 .  plur.^ 
und  zwar  doch  wohl  ein  secundairsuffix  angesetzt  zu  fin- 
den. Gegen  die  ansetzung  desselben  gilt  übrigens  derselbe 
grund,  der  gegen  tha,  ta  als  mit  pluralem  a  gebildet  vor* 
gebracht  wurde. 

Es  wird  gut  sein,  die  ansätze  des  Verfassers  für  die 
urzeit  einmal  durch  ein  beispiel  klar  zu  machen,  da  er 
dies,  wie  wir  schon  gesagt  haben,  nicht  zum  nutzen  seiner 
beweisi&hrung,  fast  durchgehends  unterläfst.  Da  würde 
also  z.  b.  von  wz.  dft  geben  1.  sg.  act.  lauten:  d&-ma  ge^ 
ben -f- ich  (s.  217  f.)  oder  geben  +  mein  (s.  259)  =  ich 
gebe,  1.  sg.  pass.  dä-m&  geben  +  ich,  geben  +  mein  aae  ich 
werde  gegeben,  1.  sg.  praet.  act.  dd-ma  oder  ä-dä-ma  (über 
die  unwesentlichkeit  des  augments  s.  231)  (da) -h  geben -+- 
ich  =c  ich  gab  s.  219,  1.  pl.  praet.  act.  dä-mä  geben -i- ich 
SB  wir  gaben  s.  262.  Nimmt  man  ftlr  unsern  fall  noch 
die    drei   gleichlautenden  formen  des  nom.  acc.  voc.  sing. 

23* 


a56  Kulm 

von  diman  das  geben,  Dämlich  dÄma  und  die  vedischen 
drei  gleichlautenden  des  plural.:  dima  sowie  die  sechs 
ebenso  lautenden  von  ddman  das  band,  die  fessel  hinzu, 
so  hat  man  ein  stattliches  contingent  von  ddma  oder  dfima, 
mit  dem  es  den  Urariern  schwer  geworden  sein  nmfs  sich 
verständlich  zu  machen. 

Die  fünfte  pluralbildung  zeigt  X  oder  i.  Scherer  sagt: 
„Die  länge  ergibt  sich,  wie  Friedrich  Müller  sitznngsben 
35,  60  hervorhebt,  aus  den  skr.  pronominalformen  ami, 
amiföm,  amXbhjas,  amibhis,  amiäu  (immer  der  ton  auf 
dem  l)^.  Hier  wie  bei  der  dritten  bildung  wäre  doch  die 
bemerkung  am  orte  gewesen,  dafs  die  pluralbildung  in  die- 
sen ftUen  nicht  erst  hinter  der  casusendung  sondern  am 
stamme  vor  derselben  auftrete.  Ferner,  warum  soll  das  i 
von  ami  u.  s.  w.  berechtigen  I  als  pluralzeichen  anzusetzen, 
ist  es  denn  so  unumstöfslich,  dafs  wir  es  mit  einem  plu- 
ralzeichen, nicht  mit  einer  blofsen  Stammvariation  zu  thun 
haben?  Warum  hat  denn  das  masc.  im  acc.  plur.  amün, 
neutr.  nom.  acc.  amüni  und  das  ganze  femininum  im  plur. 
amü,  wie  masc.  fem.  und  neutr.  im  sing,  ebenfalls  den 
stamm  mit  u  zeigen?  Wäre  es  da  nicht  consequent  gewe- 
sen, wenigstens  auch  eine  durch  vokalverlängerung  (no.  2) 
entstandene  pluralbildung  mit  ü  anzusetzen?  Nimmt  man 
das  oben  (s.  344)  besprochene  ama  hinzu,  so  erhält  man 
die  nebeneinander  stehenden  pronominalstämme  ama,  ami, 
amu,  denen  Benfey  vollst,  skr.-gramm.  s.  334  anm.  4  ka, 
ki,  ku,  auch  a,  i,  u  (?)  verglichen  hat.  Jedenfalls  sehe 
ich  danach  keine  berechtigung  grade  allein  das  I  heraus- 
zugreifen. 

Was  im  übrigen  das  i  als  pluralzeichen  betrifft,  so 
soll  es  natürlich  nicht  geläugnet  werden;  ob  es  in  allen 
den  fUlen,  die  Scherer  ansetzt,  anzunehmen  sei,  ist  eine 
weitere  frage,  deren  erledigung  uns  hier  zu  weit  fähren 
würde.  Wir  bemerken  nur,  dafs  wenn  Scherer  sagt:  „das 
allgemeine  skr.  i  des  nom.  acc.  voc.  plur.  neutri  pflegt  man 
als  Schwächung  von  a  aufzufassen.  Schwerlich  richtig. 
Denn  wenn  skr.  dhämäni,  vartmäni  neben  zend.  dämän, 
dunmän  stehen,   so  mufs  doch  wohl  i  einer  pluralbildung 


•DMife.  357 

Dach  der  zweiten  art  blos  hioasageaetst  seiD  u.8.  w«^,  so 
sieht  man  das  zwingende  doch  nicht  ein,  da  neben  skr. 
dhamäoi  ja  noch  formen  wie  dhfimä,  dhfima  stehen,  zend, 
dämän  also  die  mittelstufe  zwischen  dhämäni  und  dhftmli 
sein  kann,  gerade  wie  wir  im  conjunctiv  vokäni,  voKam 
und  Yoitä  nebeneinander  haben,  yergl.  s.  326.  Grade  da(s 
das  zend.  auch  näm^ni  und  ndmenl  zeigt,  könnte  doch 
wahrscheinlich  machen,  dafs  auch  dort  die  symbolische 
bildung  mittels  vocalverstftrkung  nur  die  zweite  stufe  einer 
einst  volleren  bildung  war«  Dazu  kommt,  dafs  es  sich 
mit  i-  und  u- stammen  im  sanskrit  Ähnlich  verhält,  indem 
sie  neben  purOni,  bhanni  noch  purQ,  bhün  (?),  puru, 
bhüri  aufweisen.  Aber  das  ganz  vereinzelte  nftmöni  im 
zend  läfst  kaum  Oberhaupt  einen  schlufs  auf  die  pluralbil*- 
düng  der  neutra  zu,,  da  daneben  noch  einige  male  nämä- 
nls  vorkommt,  was  eine  bildung  wie  von  einem  masc.  oder 
fem.  i-stamme  zu  sein  scheint,  da  diese  im  nom.  acc.  plur. 
mehrmals  mit  der  enduug  Is  auftreten.  Dieser  ansieht  nei- 
gen sich  wenigstens  Spiegel  und  Justi  zu;  der  erstere 
sagt  s.  153:  «Unregelmärsig  scheinen  die  formen  n&m^ni 
(Yt.  IV,  2)  und  nam^nls  (Yt.  I,  U.  16.  19);  es  scheint  ein 
erweitertes  thema  auf  i  gebildet  zu  sein^.  Der  letztere: 
§.511.  „Wörter  der  8.  decl.  gehen  über ....  in  die  zweite 
naman  (n&meni?)'^.  Wenn  daher  Scberer  fortfiihrt:  ,,Und 
eine  weitere  nebenform  desselben  'dialekta  näm^nls  belehrt 
uns  Qber  die  natur  dieses  i :  wir  finden  Is  selbstst&ndig  ab 
acc.  plur.  masc.  vom  pronominalstamm  i,  hier  neutral  wie 
auch  sonst  neutrale  nom.  acc.  plur.  auf  as  im  plural  be* 
gegnen'',  so  wird  er  doch  wohl  zugeben,  dafs  auf  eine  so 
einzeln  stehende  form  eines  einzelnen  wertes,  über  dereo 
Ursprung  wir  durchaus  nicht  in  entschiedener  klarheit  sind, 
die  entstehung  der  ganzen  kategorie  der  neutralen  nonu 
und  acc.  plur.  auf  ani ,  ini  u.  s.  w.  im  sanskrit  nicht  auf- 
gebaut werden  könne,  zumal  ja  die  endung  is  als  die  ur-* 
sprüngliche  angesetzt  wird  und  die  Verbindung  von  mas- 
culinen  und  femininen  formen  der  pronomina  mit  neutris 
offenbar  nur  eine  syntactische  eigenthümlichkeit  des  zend 
ist,  von  der  Spiegel  s.  262  f.  einige  beispiele  gibt*    Es  ist 


858  Kohn 

der  umgekehrte  fall  von  dem  uns  gelftufigen,  dafs  wir  das 
nentrum  setzen,  wenn  anch  masculina  und  feminina  folgen, 
wie:  das  sind  meine  freunde,  das  ist  eine  pracht  u.  s.  w., 
worQber  Grimm  gr.  IV,  275  ff.  ausftkhrlich  gesprochen  hat. 
Dagegen  das  zend.  täo^fiia  imäo  näm^nis  dies  (sind)  meine 
namen  Yt.  I,  16.  täo^ka  mS  näma  zbaja^a  bei  diesen  na- 
men  rufe  mich  an  Yt.  XV,  48;  wo  täo,  täo^ka  das  wenig« 
stens  im  letzteren  falle  mit  dem  neutrum  verbundene  pron. 
fem.  im  plural  ist.  Im  ersteren  falle  darf  man,  wie  oben 
▼ermuthet  wurde,  gradezu  Übereinstimmung  von  uomen 
und  pronomen  auch  im  verbum  annehmen.  Die  erschei- 
nung  bedarf  jedenfalls  erst  viel  eingehenderer  Untersuchung, 
ehe  man  kurzweg  aus  einem  angeblich  neutral  gewordenen 
18  die  endnng  i  der  neutra  ableitet. 

Die  sechste  bildung  (s.  265)  ist  nom.  voc.  plur.  skr. 
ftsas,  zend.  äoöhö,  altp.  ftha.  Es  soll  eine  combination  der 
dritten  und  vierten  bildungsweise  sein  (sma  und  a)  und 
zwar  indem  smas  =  dem  smas  des  nom.4>lur.  der  perso- 
nalpronomina  (ansmas,  jusmas)  sei.  Daraus  entstand  svas 
und  wie  sva  „du^  zu  sa,  so  wurde  svas  zu  sas.  Hier 
wird  also  wenigstens  eine  erklärung  über  den  Ursprung 
des  Schwindens  von  v  im  germ.  plural  des  pron.  1.  pers. 
sowie  desjenigen  der  endung  &sas  gegeben.  Aber  sie  ist 
eben  nur  eine  vermuthung,  die  keine  weitere  Unterstützung 
durch  die  sprachen  findet.  Erstens  liegen  die  falle  sich 
doch  nicht  ganz  gleich,  denn  nicht  sva  wurde  zu  sa  son* 
dem  tva,  ob  durch  sva  hindurch  ist  ja  von  dem  Stand- 
punkt des  verf.'s  selbst  aus  zweifelhaft,  da  er  auch  die  er- 
kl&rung  von  skr.  sva,  2.  sing.  imp.  med.  aus  dem  reflexiv 
f&r  möglich  hftlt  (vgl.  s.  223.  236).  Er  sagt  zwar  s.  223, 
dafs  tva  durch  sva  hindurch  zu  sa  gelangt  sein  müsse, 
aber  der  Übergang  von  tva  in  tha  liefse  doch  auch  den 
von  tha  in  sa  als  möglich  erscheinen,  wenn  sva  bei  der 
erklärung  wegfallen  sollte.  Zweitens  ist  die  lautverbin- 
düng  sm  im  sanskrit  sowohl  im  anlaut  als  im  inlaut  eine 
ganz  geläufige  und  nur  im  fem.  der  pronomina,  wo  die 
consonantenhäufung  smj  eintreten  würde,  ist  von  den  bei- 
den letzteren  consonanten    das  m  ausgestofsen  und  nichi 


anzeige.  369 

das  j ,  wohl  weil  dies  eben  der  das  fem.  cbarakterisirende 
coDSonant  war,  denn  sonst  wären  masc.  neutr.  und  fem.  in 
gemeinsamem  tasmäi  zusammenge&llen.  Ebenso  ist  nicht 
recht  wahrscheinlich,  dafs  m  oder  das  au  seine  stelle  ge* 
tretene  ▼  von  ^unsmis,  ^unsvis  neben  dem  beibehaltenen  ▼ 
von  izvis  ausgestofsen  sein  sollte,  denn  wollte  man  dies 
auf  grund  etwa  der  consonantenh&ufung  thun,  so  wird  das 
sehr  unwahrscheinlich,  da  das  gothische  ja  doch  andere 
consonantenhäufungen  ähnlicher  art  wie  taibsvs,  rohsns, 
haifsts  svumfsl  ohne  widerstreben  erträgt.  Scherers  neue 
erklärung  scheint  mir  nur  ein  neuer  milsglQckter  versuch, 
die  räthselhafte  form  zu  erklären;  „die  ursprünglichen  for- 
men der  personlichen  pronomina  sind  wohl  kaum  zu  er- 
schliefsen '^y  sagt  Schleicher  comp.  §.  266  s.  650  und  der 
vorliegende  versuch  erscheint  mir  wenigstens  als  ein  neuer 
belag  dazu. 

Schliefslich  bemerke  ich  Qber  die  fassung  des  schlufs- 
Satzes  von  no.  7  bei  Scherer,  dafs  sie  wohl  kaum  recht 
verständlich  sein  möchte;  sie  lautet:  „Dies  smas  folgte 
meiner  ansieht  nach  selbständig  dem  werte,  dessen  mehr- 
heit  es  bezeichnete,  als  die  neue  formation  aufkam:  ä  setzt 
sich  dazwischen,  wirkt  als  bindemittel,  Verschmelzung  fin- 
det statt  im  nominativ,  während  sma  in  anderen  casps 
verloren  geht^. 

Was  heifst  „die  neue  formation  mit  ä^?  unter  no.  4 
ist  doch  nur  vom  pluralzeichen  a  die  rede  gewesen,  also 
sollen  wir  hier  doch  in  dem  ä  die  Verbindung  des  stamm- 
haflen  und  pluralen  a  erkennen,  und  nun:  „ä  setzt  sich 
dazwischen^  zwischen  pivä  z.  b.  und  smas?  Also  pivä  + 
ä  +  smas?  Das  hat  Seh.  doch  wohl  nicht  gemeint,  er  sagt 
es  aber  mit  deutlichen  werten. 

Zur  Sache  endlich  ist  die  fast  an  zanber  gränzende 
auffassung  vom  verschwinden  des  sma  („während  sma 
in  allen  anderen  easus  verloren  geht^  sagt  Seh.) 
aus  allen  übrigen  casus  des  pluralis  doch  jedenfalls  zu  cha-* 
rakteristisch  für  des  Verfassers  ganz  willkflhrliche  auffas. 
sung  grammatischer  formen,  als  dai's  sie  mit  stillschweigen 
übergangen  werden  könnte. 


360  Kuhn 

^Siebentens:  fts^.  Dafs  hier  das  näo  des  gfithädia* 
lekts  ftkr  nö  grade  auf  nSs  d.  i.  na  +  as  zurfickgehen  soll, 
dfirfte  doch  nicht  so  obenhin  zu  behaupten  sein,  ohne  dea 
Ursprung  des  äo  im  allgemeinen  etwas  genauer  untersucht 
zu  haben  als  bisher  geschehen  ist.  Schon  lat.  nös  neben 
acc.  plur.  öS  dtt*  zweiten  könnte  ja  auf  ursprüngliches 
nans,  etwa  für  maus  (vgl.  äni  f&r  ämi)  führen,  zumal  da 
näo  auf  den  accusativ  beschränkt  ist.  Wenn  ferner  ange- 
nommen wird,  dafs  selbst  das  neutrum  auf  a  im  zend  die 
pluralbildung  mit  as  zeigen  solle  nnd  zwar  sowohl  beim 
nomen  als  beim  pronomen,  so  ist  schon  oben  zu  no.  5 
8. 357ff.  darauf  hingewiesen,  dafs  diese  erscheinung  zum  theil 
auf  syntactischer  eigenthfimlichkeit  beruhe,  andrerseits  wird 
das  fio  auch  hier  erst  nocli  näher  untersucht  werden  mfis- 
sen,  ehe  man  seine  identität  mit  äs  schlechthin  behaupten 
kann.  Die  wenigen  beispiele  mit  äop  beruhen  doch  wohl 
unzweifelhaft  auf  thematischen  nebenformen  von  mascu- 
linstämmen.  WOrde  Scherer  wohl  incesta  vom  masc.  in- 
cestus  ableiten  wollen,  oder  loca  von  locus? 

„Achtens:  Der  plural  bleibt  unbezeichnet  u.  s.w.**  Wir 
kommen  darauf  unten  ^l^  s.  319ff.  zurück. 

Es  wird  hier  am  schlufs  der  aufzählung  von  acht  arten 
des  plnralausdrucks  nicht  überflüssig  sein  noch  einmal  zo 
bemerken,  dafs  nur  die  dritte  ein  pluralzeichen  aufweist, 
welches  wirklich  den  ganzen  plural  durchzieht,  aber  dafs 
dadurch,  dafs  es  anderwärts  auch  im  Singular  erscheint, 
seine  pluralnatur  verdächtig  wird.  Aufserdem  erscheinen 
nur  noch  bei  no.  3  und  4  die  angenommenen  pluralzeichen 
hier  und  da  in  anderen  casus  als  im  nominativ  und  accu- 
sativ. Der  beweis,  dafs  wir  es  überall  mit  wirklichem 
pluralausdruck  zu  thun  haben  ist  also  gar  nicht  erbracht. 
Wenn  Scherer  daher  s.  26?  sagt:  „ üeberblicken  wir  nun 
sämmtliche  arten  des  plnralausdrucks  und  vergleichen  sie 
knit  den  übrigen  formen  der  dedination,  so  gewahren  wir 
bald,  dafs  sich  fast  alle  acht  irgendwo  mit  anderer  beden- 
tung  wiederfinden.  Wie  ich  jetzt  im  einzelnen  zeigen  will.^ 
so  brauchte  uns  das  um  so  weniger  in  erstaunen  zu. setzen, 
als  f&r  ihr  erscheinen  im  plural  nicht  die  pluralbedeatung 


anzeige.  361 

nacbgewiesen  ist,  die  andere  bedeutnng  mit  der  sie  im  sin- 
galar  auftreten  mithin  vielleicht  die  ursprfingliche  ist  und 
mit  plaralität  gar  nichts  zu  thun  hat. 

Betrachten  wir  diese  spukenden  wiedergänger  etwas  ge- 
nauer. Von  dem  angeblichen  zusammenhange  zwischen  re- 
duplication,  pluralität  und  genitiv  ist  schon  oben  die  rede 
gewesen  (s.  348). 

^Die  oben  nur  als  möglich  hingestellte  Verstärkung 
des  Wurzel vokals  gewähren  die  genitive  tava  und  sava.^ 
heifst  es  weiter  s.  267,  d.  h.  also  von  wz.  tu  z.  b.  wOrde 
mit  dem  unter  no.  2  au%esteilten  biidungsmittel  der  plural 
tau  lauten,  also  vom  stamme  tua  regelrecht  tava,  von  sua 
ebenso  sava.  Indefs  ist  dem  verf.  selbst  diese  erklärung 
nicht  ohne  bedenken,  er  verweist  daher  auf  Aufrecht-Kirch- 
hoff  I,  56  anm.  3,  die  ja  aber  vom  stamme  tu  und  nicht 
von  tua  wie  Scberer  ausgegangen  waren  und  den  guna  aus 
antritt  des  denselben  erfordernden  a  erklärten. 

Auch  die  erklärung  der  ostarischen  locative  auf  äa 
von  u- Stämmen,  wonach  die  vokalsteigerung  casusbildend 
sein  soll,  ist  nicht  zuzugeben,  sor  lern  es  ist  vokalsteige- 
rung des  themas  vor  dem  suffix,  das  auch  hier  ursprQng- 
lich  i  gewesen  sein  wird,  wie  die  vedischen  locative  viänavi, 
sünavi,  sänavi  (daneben  auch  sänö)  wahrscheinlich  machen. 
Erst  nach  abfall  des  i  scheint  als  ersatzdehnung  die  weitere 
Steigerung  von  ö  zu  äu  eingetreten  zu  sein. 

Die  Verwendung  von  sma  im  sing,  der  pronominalde- 
klination  weifs  Scherer  s.  268  nicht  anders  zu  begreifen 
als  wenn  es  selbst  ursprünglich  zum  ausdruck  des  dativs, 
ablativs  und  locativs  diente.  »Die  drei  casus  haben  die 
Vorstellung  des  beisammen,  der  Vereinigung,  der  nachbar« 
Schaft  mit  einander  gemein:  diese  liegt  zu  gründe,  ob  ich 
mich  aus  einer  gemeinschaf);  loslöse  (ablativ),  mich  zu  ihr 
hinwende  (dativ)  oder  in  ihr  verweile  (locativ)". 

Nun,  die  auf hebung  der  gemeinschaft  (ablativ)  so  all^^^ 
gemein  durch  einen  begriff  des  beisammen  auszudrücken, 
wäre  doch  jedenfalls  etwas  wunderbar,  aber  sie  ist  doch 
nicht  unerhört,  wie  das  englische  z.  b.  to  part  with  one 
sagt   und  das  vulgaire  deutsch  mit  ohne  zur  auf  hebung 


362  Kuhn 

des  zusammeDseins  verwendet  {z.  b.  kaffee  mit  ohne  milch). 
Aber  viel  auflalliger  ist,  dafs  der  eigentliche  socialis,  der 
instrumentalis,  grade  dies  sma  nicht  zeigt.  Scherer  fragt 
daher  mit  recht,  wie  es  komme,  dafs  er  in  dieser  gruppe 
fehle.    Doch  er  sagt,  er  fehle  wohl  nur  scheinbar. 

„Man  denke,  fahrt  er  fort,  an  die  skr.  präp.  smat  (z. 
mat,  griech.  fjLSzdy  goth.  mith)  und  das  im  stamm  unver- 
kürzte skr.  säm  (z.  ham,  preufs.  sen,  lit.  sü),  griech.  ä/na^ 
ahd.  samant.  Ich  zweifle  nicht:  alle  vier  genannten  casus 
wurden  einst  durch  die  postposition  sma  (sammt)  ausge- 
drückt: in  jenen  dreien  schwächte  sich  die  bedeutung,  das 
wort  verlor  seine  Selbständigkeit  und  schmolz  an  das  pro- 
nomen,  welchem  es  folgte;  im  sociativen  sinne  aber  hielt 
es  sich  lebendig,  blieb  freie  präposition  und  nahm  verschie- 
dene ableitungssufBxe  an.^ 

Da  das  gothische  und  griechische  den  socialen  instru- 
mental nicht  kennen,  so  kommen  hier  nur  sanskrit  und 
zend  in  betracht,  die  also  den  zweifei  des  Verfassers  ge- 
hoben haben  müfsten  durch  die  beobachtung,  dafs  der  in- 
strumental bei  pronominibus  oder  pronominaladjectivis,  denn 
um  diese  handelt  es  sich  ja  hier  nur,  häufig  mit  einer  prä- 
position, die  vom  stamme  sma  oder  sama  herstammte,  ver- 
bunden sei.  Davon  findet  sich  aber  bei  ihm  nichts.  Die 
hier  in  betracht  kommenden  präpositionen  smat  und  sam 
finden  sich  aber  gar  nicht  so  häufig  als  ,,freie^,  dafs  sich 
daraus  die  erscheinung  erklären  liefse.  Von  smat  habe 
ich  mir  einige  fälle  verzeichnet  R.  I,  51,  15;  V,  41,  15; 
ibid.  19.  VIII,  18,  4,  wo  es  dreimal  in  Verbindung  mit 
süribhis,  einmal  mit  nadibhis  auftritt.  Die  beispiele  wer- 
den gewiüs  noch  zu  vermehren  sein,  allein  der  umstand, 
dafs  es  sich  im  Sämaveda  gar  nicht  findet,  zeigt  doch 
wohl,  dgls  sein  gebrauch  kein  allzu  lebendiger  gewesen 
sein  könne.  Häufiger  ist  es  als  adverb  oder  in  compoaitis 
in  gebrauch  und  Säjana  gibt  ihm  da  gewöhnlich  die  be- 
deutung von  SU,  bhrpä,  pra^asja,  prapasta,  nitja.  Die  freie 
präposition  sam  mit  instr.  ist  ebenfalls  nicht  so  häufig; 
wenn  ich  nichts  übersehen  habe,  so  erscheint  sie  als  solche 
im  ersten   astaka  des  Bigv.  gar  nicht.     Häufiger  tritt  die 


anzeige.  363 

Präposition  sakä  mit  locativ,  genitir  and  instrumental  in 
gleicher  bedeutung  auf,  aber  der  instrumentalis  ohne  pr&- 
position  am  häufigsten,  doch  gehört  sie  nicht  zu  der  klasse 
der  nach  Scherer  mit  sama  zusammenhangenden  präposi- 
tionen.  Ich  bemerke  übrigens  auch  noch,  dafs  nach  Ben- 
fey  vollst,  skr.-gramm.  §.  785.  2,  6  smät  auch  den  accu* 
sativ  regiert;  beläge  hat  er  indefs  nicht  gegeben.  Mit  dem 
zendischen  mat  steht  die  sache  ziemlich  ebenso  wie  mit 
smat.  Der  instrumental  steht  bei  dem  worte,  sei  es  nun 
prä-  oder  postposition ,  in  der  mehrzahl  der  fälle,  dazu 
kommt  der  ablativ  (oder  dativ?)  und  der  genitiv,  ob  auch 
der  accusativ  ist  zweifelhaft,  Spiegel  gr.  s.  299,  Justi  wb. 
s.  224,  aber  Justi  gibt  im  ganzen  nur  zehn  f&Ue,  zu  denen 
sieh  vielleicht  noch  einige  finden  werden,  ohne  dafs  da- 
durch das  verhältnifs  wesentlich  anders  würde,  ham,  häm 
kommt  nur  als  adverb  und  verbalpräfix  vor,  nicht  als  freie 
Präposition.  Vgl.  Justi  wb.  s.  v.  s.  320.  Damit  erledigt 
sich,  wie  ich  denke,  die  vermuthung  Scherer^s  gänzlich 
und  das  hauptbedenken  gegen  seine  auffassung  von  sma 
bleibt  bestehen.  Dazu  kommt  aber  noch  ein  anderes: 
Benfey  hat  im  Or.  und  Occ.  III,  131  darauf  aufmerksam 
gemacht,  dafs  sma  auch  mit  anderen  casus  der  pronomina 
in  Verbindung  erscheint,  dafs  es  ihnen  nämlich  nachfolgt- 
wie  es  im  abl.  dat.  loc.  mit  ihnen  componirt  ist;  so  tä 
smä  R.  I,  102,  3.  tasja  sma  R.  I,  12,  8.  asmäkä  sma  R.  I, 
102,  5.  jena  sma  R.  HI,  62,  1.  äsu  ämä  R.  VI,  44,  18.  tä 
sma  Yaj.  S.  18, 59.  tasja  sma,  tä  ha  sma  Taitt.  Br.  III,  11,3. 
Da  ist  doch  wohl  der  gedanke  nicht  mehr  möglich,  dafs 
sma  ursprünglich  nur  zum  ausdruck  des  dativ,  ablativ, 
localis  gedient  habe.  Uebrigens  mag  bemerkt  werden,  dafs 
in  erklärung  dieses  suffixes  fast  alle  forscher  bisher  ihren 
eigenen  weg  eingeschlagen  haben.  Pott,  wie  bereits  ge- 
sagt, gibt  ihm  die  bedeutung  „selbst'^,  Bopp  sieht  darin 
ein  pronomen  der  3.  pers.  (vgL  gramm.II,  111.  421),  Ben- 
fey den  Superlativ  von  sa  (sa+ma)  „am  meisten  eins'' = 
„ganz,  all*^,  also  asma  „ich  all''  sss  wir,  juäma  „du  all''  as 
ihr  (vollst,  skr.-gramm.  §.773.111).  Schleicher  sagt  (comp. 
s.  627) :  „sma,  wohl  aus  sa-ma  einer  stammbildung  auf  ma 


364  Kahn 

von  der  pronominalwurzel  sa  (hie),  ist  ein  demonstrativuni, 
das  sicii  als  selbständiges  wort  im  altindischeo  nur  in  der 
Partikel  sma  (vielleicht  ursprQoglich  instrumentalis)  findet, 
welche  etwa  „damals,  einst^  bedeutet 

Auch  das  lokativsuffix  sva  des  zend  weifs  Scherer  in 
sehr  künstlicher  weise  mit  sma  in  Zusammenhang  zu  brin* 
gen  (s.  269  f.)*  Aus  dem  physiologisch  und  durch  beispiele 
nachgewiesenen  Übergang  von  m  zu  y  folgert  er:  ,,e8 
müsse  ein  dem  sinne  nach  von  ma  nicht  unterschiedenes 
Suffix  va,  es  müsse  namentlich  ein  superlativsuffix  va  in 
der  arischen  Ursprache  gegeben  haben  ^.  Die  folgerung 
könnte  doch  höchstens  die  sein:  da  m  oft  in  v  übergeht 
und  ein  saperlativsQffix  va  mit  derselben  bedeutung  wie 
ma  existirt,  so  wird  auch  va  aus  ma  hervorgegangen  sein. 
Scherer  aber  schlieist,  da  ma  superlativsufBx  ist  und  m 
in  V  übergeht,  so  mufs  va  ein  superlativsufBx  sein.  Kanu 
denn  das  va  nicht  eine  vom  ma  unabhängige  existenz  ha- 
ben? In  dem  oben  angeführten  äsu  ämä  R.  VI,  44,  18,  das 
ffir  äsma  sma  stehen  müfste,  wäre  also  das  suffix  doppelt. 
Es  wird  wohl  mit  z.  sva,  skr.  su  auch  eine  andre  bewandt« 
nifs  haben,  als  Scherer  annimmt. 

„Ausfall  des  v  wie  im  plur.  sas  f&r  svas,  smas  möchte 
ich  auch  in  dem  sanskrit  secundairsuifix  sät  annehmen^, 
s.  270.  Da  der  ausfall  von  v  bei  äsas  (s.  oben  s.  3ö8) 
nicht  bewiesen  ist,  so  wird  er  auch  hier  zweifelhaft  blei* 
ben ;  Benfey  vollst,  skr.-gramm.  s.  244  erklärt  sät  als  abla- 
tiv  des  pronominalthemas  sa.  Da  auch  der  davon  gebil- 
dete locativ  sasmin  in  den  veden  vorkommt,  sät  auch  dem 
griechischen  dig  gleich  steht,  thut  man  wohl  besser  dabei 
stehen  zu  bleiben.  Dabei  möge  beiläufig  bemerkt  werden, 
dafs  neben  -sät  auch  sä  vorkommt  (Yv.  1 1 ,  80  sarvä  ta 
bhasmasä  kuru),  worin  ich  nicht  etwa  einen  instrumental 
sehe,  sondern  einen  der  päliform  gleichstehenden  ablativ. 
Es  ist  entschieden  ein  irrthum,  alle  vedischen  formen  ohne 
unterschied  als  die  ältesten  anzusehen,  wie  dies  auch  Sche- 
rer mehrfältig  thut;  wir  haben  es  mehrfach  mit  formen 
verschiedener  epochen  zu  thun,  die  in  einer  Sammlung  bei* 
samm^en  stehen. 


anzeige.  365 

An  die  betrachtang  der  vier  casus,  welchen  ema  dient, 
reibt  Scherer  eine  solche  der  casosformen,  in  welchen  bhi 
als  grundform  erscheint  und  man  wird  seinen  entwicklun- 
gen,  die  manches  in  den  verschiedenen  indogermanischen 
sprachen  erst  in  das  rechte  licht  setzen,  im  ganzen  zu- 
stimmen können,  wenn  man  auch  schwerlich  die  ansieht 
von  der  grundbedentung  des  bhi  theilen  sowie  die  weitere 
entwicklung  zugeben  wird,  welche  diese  wurzel  gar  in  den 
wurzeln  bandh,  bhid,  bhi  wiederfinden  will. 

Wenn  Scherer  s.  283  beweisen  will,  dafs  das  instru- 
mentalsuffix  &  im  sanskrit  auch  im  locativ  erscheine,  so 
scheinen  mir  die  thaisachen,  auf  die  er  sich  beruft,  nicht 
dazu  zu  berechtigen.  Er  sagt:  „der  locativ  sg.  der  stamme 
auf  a,  ä  lautet  im  veda  bisweilen  ä,  die  stamme  auf  I,  ü 
scheinen  gar  keine  sing,  locativendun^  anzunehmen,  d.  h. 
ihre  einstigen  locative  ja,  vä  wurden  contrahirt". 

Es  wäre  erstens  gegenfiber  der  gewaltigen  zahl  der 
locatiye  auf  6  von  a-stämmen,  die  kleine  zahl  von  beispie- 
len  bei  Benfey  vollst,  skr.-gramm,  s.  301  §.  3T0  I.  1.  b, 
welche  das  locative  ä  beweisen  sollen;  gnhä,  madhjä,  sa- 
manä  sind  adverbia,  die  sich  entschieden  ebenso  gut  als 
instrumentale  fassen  lassen,  wie  es  die  herausgeber  des  Pe- 
tersburger Wörterbuchs  bei  den  beiden  ersten  thun;  madhje 
und  guhäjäm,  die  wirklichen  locative  kommen  ja  oft  genug 
vor.  ja^nä-jagnä  Sämav.  I.  1.  4.  1  =  R.  VI,  48,  1  ist  un- 
zweifelhafter instrumental,  wie  schon  der  parallelismus  mit 
girä  in  demselben  verse  ergibt.  Ebenso  ist  in  der  stelle 
ja^nä-ja^nä  va:  saman4  tuturvdni:  R.  I,  168,  1  der  instru- 
mental anzunehmen:  „mit  jedem  opfer  tritt  alsbald  euereifer 
ein^.  vasantfi  ftir  vasante  gibt  der  scholiast  zu  Pä.  VII, 
1.  39  (vasantft  jageta).  Es  findet  sich  öfter  in  der  spräche 
der  brähmanas  (Weber  theilt  mir  10  stellen  mit,  darunter 
acht  aus  dem  Käthakam)  und  ist  mehrmals  mit  locativen 
(prävräi,  grldm^,  ^aradi)  verbunden,  so  dafs  die  locativbe- 
deutung  nicht  zweifelhaft  sein  kann;  aber  auch  hier  wie 
bei  ja^&  wird  die  bedeutnng  des  socialis  „mit  dem  frflh- 
ling^  =  „im  frühling^  die  ursprüngliche  sein  und  die  alte 
form  auf  fi  wurde  dann  neben  dem  locativ  auf  e  auch  lor 


366  Knhn 

cativiscb  verwandt,  nachdem  der  instrumental  seine  neue 
gestalt  auf  -ena  angenommen  hatte.  Die  letztere  findet 
sich  (ob  zuerst?)  Yagurv.  21,  23.  —  rasa  (Sä.  IL  6.  3.  16.  1 
=  Rv.VlIL72.  13  Müll.)  nimmt  Benfey  für  rasäjäm,  wäh- 
rend Säjana  es  durch  rase  (also  von  rasa  m.)  also  wie 
jagnä,  yasantä  erklärt.  Der  instrumental  wäre  auch  hier 
wohl  denkbar,  obwohl  die  gewöhnliche  construction  den 
locativ  erfordert.  —  Was  aber  die  stamme  auf  l  und  a 
betrilS^,  so  zeigen  wenigstens  die  letzteren  allerdings  mehr- 
fach eine  locativendung,  aber  nicht  das  spätere  am  son- 
dern i,  so  tanvi,  kamvi  und  aus  denen  erklären  sich  die 
daneben  stehenden  tanü,  Kamü  (man  berOcksichtige  na^ 
mentlich  die  formen  mit  aus  ü  entwickeltem  uv  wie  tanuvi) 
grade  wie  sänau  aus  sänavi.  Bei  den  l- stammen  konnte 
natürlich  durch  antritt  des  i  aus  älterem  *iji  ebenso  nur  l 
hervorgehen. 

Scherer  fährt  fort:  „Man  findet  ferner  den  locativ 
näbhä  vom  stamme  näbhi,  und  aus  einem  solchen  ä,  das 
sich  an  die  stelle  des  Stammvokals  setzte,  ist  meiner  Über- 
zeugung nach  auch  das  skr.  äu  im  locativ  der  i*  stamme 
hervorgegangen^.  Nicht  blos  näbhi,  sondern  zahlreiche 
andere  stamme  auf  i  zeigen  diesen  locativ  auf  ä,  wie  ürmS, 
nßmadhita,  ^ätätä,  svarSätä  (Bf.  vollst,  skrgr.  s.  302  anm.  3)» 
sarvatätä,  devatätä,  jönä,  agnä  u.  s.  w.  Dais  aber  ä  aus  äu 
hervorgegangen,  nicht  äu  aus  ä,  machen  doch  wohl  die 
oben  (s.361)  schon  angefahrten  visnavi,  stlnavi  unzweifelhaft. 
Die  i- Stämme  hätten  analog  ürmaji,  jönaji  bilden  müssen 
und  da  mag,  wie  in  der  declination  aller  u-  und  i-stämme 
im  deutschen  sowohl  als  im  sanskrit  frühzeitig  eine  Ver- 
mischung eingetreten  sein  und  dann  aus  ürmavi,  jönavi, 
urmäu,  jönäu  und  ürmä,  jönä  wie  bei  den  u-stämmen  sich 
entwickelt  haben.  So  ist  auch  wohl  das  nebeneinanderste- 
hen der  gleichbedeutigen  stamme  ijant,  Ivant,  kijant,  klvant 
aus  dem  Wechsel  von  j  mit  v  zu  erklären,  worauf  wie  häufig 
vor  V  Verlängerung  des  vokals  eintrat. 

Im  auschlufs  an  den  so  vermeintlich  von  ihm  gefun* 
denen  locativ  auf  ä  erkennt  dann  Scherer  (s.  284)  auch  in 
den  formen  wie  ^iväjäm,  nadjäm,  vadhväm  locative  auf  ä. 


anzeige.  367 

die  nur  durch  das  aotreteo  der  partikei  am  weitergebildet 
sind.  Wir  können,  da  wir  die  grundform  nicht  zugeben, 
auch  diese  auffassung  nicht  theilen,  und  ohne  hier  eine 
andre  erklärung  aufstellen  zu  wollen,  erinnern  wir  nur  an 
die  scholien  zu  Pänini  (värtika  zu  Pä,  VII,  1.  39  bei  Böht- 
lingk  n,  310),  wo  "es  heifst:  dhuri  daksinäjäs  (R.  I,  164,  9) 
daksinäjäm  iti  loke.  Ob  diese  erklärung  richtig  ist,  lassen 
wir  dahingestellt;  es  genügt  hier,  dafs  die  indische  gram- 
matik  den  genitiT-ablativ  als  locativ  glaubte  auffassen  zu 
dürfen.  Man  vergleiche  übrigens  z.  gen.  loc.  a^tvaithjäo, 
a^tvaithjö  und  den  locativ  der  u-stämme  bei  Spiegel  s.  141. 

Die  im  folgenden  angefahrten  zendischen  locative  der 
i-stämme  auf  ä,  a,  o  und  der  u-stämme  auf  a,  ö,  vö  sind, 
wie  Spiegel  bei  der  declination  dieser  stfimme  gezeigt  hat, 
blofse  verstümmelungien  der  zum  theil  noch  daneben  ste- 
henden ursprünglichen  formen  (Spiegel  gr.  132.  141). 

Dafs  übrigens  der  instrumental  auch  locativbeziehungen 
ausdrücken  könne,  wollen  wir  durchaus  nicht  läugnen,  vgl. 
auch  Spiegel  s.  133;  sein  gebrauch  als  socialis  mufste  schon 
von  selbst  dazu  führen;  nur  dafs  im  sanskrit,  wie  es  uns 
vorliegt,  der  locativ  mit  einer  ursprünglichen  enduug  auf  ä 
oder  a  sich  finde,  bestreiten  wir*).  Wenn  auf  s.  285  lat. 
ac  vermuthungsweise  („gleichsam  ä  Ica^)  zur  skr.  partikei 
ä  gezogen  wird,  so  müfste  dann  atque  davon  getrennt  wer- 
den, wozu  sich  kaum  jemand  verstehen  möchte. 

Das  locativsuffix  i  leitet  Scherer  von  der  enclitischen 
skr.  partikei  I,  Im  ab.  Diese  ist  freilich  ihrer  bildung  und 
bedeutung  nach  etwas  unfafsbar,  aber  eine  lokale  bedeutung 
könnte  man  ihr  ja  wohl  bei  ihrem  vermuthlichen  Zusammen- 
hang mit  dem  pronominalstamm  i  zuschreiben.  Da  in  den 
veden  und  im  zend  neben  der  locativendung  i  auch  l  vor- 

*)  Diese  anzeige  war  bereits  zam  dmck  fertig,  als  mir  das  letzte  heft 
des  XXII.  bandes  der  Zeitschrift  der  deutschen  morgenländischen  gesellschaft 
znging,  in  welchem  Bollensen  s.  617  ff.  bei  den  a,  i,  n-stämmen  das  zusam- 
menfallen von  locativ  und  instrumental  im  veda  behauptet  und  femer  antritt 
von  ä  zur  bezeichnung  beider  casus  nachzuweisen  sucht.  Mir  scheint  auch 
diese  ansieht  nicht  haltbar,  doch  würde  eine  ins  einzelne  gehende  prUfnng 
hier  zu  weit  ftlhren;  nur  das  sei  bemerkt,  dafs  man  in  den  meisten  der 
letztgenannten  fälle,  die  B.  aufiftthrt,  mit  der  instrumentalbedeutung  vollstän- 
dig ausreicht  und  dafs  sie  in  mehreren  absolut  nothwendig  ist 


368  Kuhn 

kommt  (wenn  auch  in  den  veden  sehr  selten,  dhmätarl, 
etarl,  kartari,  vaktan,  sarasi),  so  könnten  diese  locative  sich 
aus  dem  antreten  der  partikel  erklären  lassen.  Weiter 
können  wir  aber  dem  Verfasser  nicht  folgen.  Denn  wenn 
er  nun  gleich  als  älteste  form  i  m  ansetzen  möchte,  so  steht 
dem  doch  das  überlieferte  im  entgegen  und  wenn  dies  im 
nun  gar  in  tasmin  u.  s.  w.  stecken  soll,  so  wäre  aus  den 
lautgesetzen  erst  zu  beweisen,  dafs  sanskrit  auslautendes  m 
io  n  übergehen  könne.  Aufserdem  bliebe  auch  immer  noch 
das  sogenannte  euphonische  s  nach  tasmin  u.  s.  w.  vor  t 
zu  erwägen,  das  in  analogen  fällen  auf  ursprünglich  aus- 
lautendes ns  oder  nt  hinweist  (äsans  tatra,  asmäns  tatra). 
Soblie/slich  wird  die  vermuthung  ausgesprochen,  dafs  im 
neutral*  oder  accusativbildung  vom  pronominalstamm  i  sei; 
QDS  liegt  nur  kein  im  vor.  Ueber  die  bildung  von  Im 
aber  gehen  die  ansichten  noch  sehr  auseinander:  Rosen  zu 
Rv.  1,4,7  läfst  es  aus  imam  entstehen,  Bopp  vergl.  gr.^ 
8.  522  anm.  und  Lassen  anthoL^  s.  137  lassen  es  aus  ijam 
contrahirt  oder  aus  dem  accusativ  ^im  durch  Verlängerung 
entstanden  sein.  Jedenfalls  scheint  es  wie  auch  im  zend 
(Spiegel  375)  noch  mehrfach  als  accusativ  des  masculini 
aufzutreten  und  dafs  es  auch  (vgl.  zend  Im)  den  nominativ 
des  fem.  vertreten  könne,  ist  wohl  daraus  abzunehmen,  dafs 
es  R.  VII,  66,  8  aus  metrischen  gründen  zweimal  einsilbig, 
also  doch  wohl  Im  zu  lesen  ist. 

Ueber  die  zendische  locativform  ja,  die  litauische  je 
zu  entscheiden  ist  schwer;  die  femininformen  auf  -taitja 
könnten  Verkürzungen  des  oben  erwähnten  gen.  loc.  jäo 
sein;  Spiegel  s.  116  sagt:  „Einige  male  scheint  jedoch 
auch  die  vollere  endung  ja  statt  i  vorzukommen^,  vergL 
8.  151.  Schleicher  sagt  über  das  lit.  je  comp.  569:  „Die 
Stämme  auf  u  und  i  und  die  feminina  auf  ä  (10)  haben 
die  endung  -je,  die  vielleicht  zu  skr. -j-äm  zu  stellen  ist, 
aber  auch  eben  sowohl  anderen  Ursprungs  sein  kann^. 
Läugnen  läfst  sich  nicht,  dafs  wenn  die  endung  ja  des 
zend  durch  die  wenigen  beispiele  vollkommen  sicher  gestellt 
wäre,  sie  die  beste  erklärung  fQr  den  goth.  dativ  gibai  aus 
gibä-ja  liefern  würde. 


anzeige.  S6^ 

Der  Vokativ  der  feminina  aaf  ä  im  sanskiit,  welcher 
bekanntlich  auf  €  aasgeht,  soll  mit  der  inteijection  i  oder 
I  zusammengesetzt  sein  (s.  288);  aber  diese  ist  bis  jetzt 
blos  aus  lexikalischen  and  grammatischen  Schriften  Qber^ 
liefert,  kann  also  möglicher  weise,  eine  sehr  späte  onomato- 
poetische bildung  sein,  so  dafs  sie  zur  erkldrung  so  alter 
formen  nicht  herbeigezogen  werden  darf.  Äufserdem  wäre 
es  doch  sonderbar,  dafs  nur  die  feminina  auf  ä  mit  solcher 
„herbei^  iy,d»**  würde  jedenfalls  passender  sein,  weil  all« 
gemeiner)  bedeutenden  partikel  angerufen  würden,  während 
die  übrigen  feminina  auf  langen  Stammvokal  im  vocativ 
Verkürzung  ohne  antretendes  i  zeigen  und  auch  kurzvoka* 
lische  stamme  aller  genera  zwar  guna  annehmen,  aber  i^n 
der  interjection  frei  bleiben.  Dafs  ein  mechanischer  laut- 
wechsel  von  ä  in  6  stattgefunden,  ist  daher  immer  noch 
die  wahrscheinlichere  erklärung,  zumal  da  vedisch  auch 
das  noch  schwächere  a  in  einigen  fallen  daneben  steht. 

Auch  die  Vereinbarkeit  des  gothischen  s4i,  ahd.  se  mit 
dem  imperativ  goth.  saihv,  ahd.  sih  wird  s.  288  bestritten, 
da  sie  den  lautgesetzen  widerstreben,  „am  nächsten  bietet 
sich  gleichfalls  ein  pronominalstamm  sa,  etwa  im  locativ 
auf  I,  im  sinne  von  »da**.  Vergl.  Pott  präpos.  s.  414^. 
Der  Verfasser  nimmt  freilich  diese  erklärung  s.  475  wieder 
zurück,  da  auch  sie  den  lautgesetzen  widerspreche,  aber 
die  zunächst  liegende,  wenn  man  das  durch  sai  übersetzte 
iSov  vergleicht,  will  er  doch  nicht  anerkennen !  Dem  nieder- 
deutschen s^  mal  steht  sich  mal  zur  seite,  latzteres  beson- 
ders zum  ausdruck  der  Verwunderung,  ähnlich  scheiden 
schon  die  alten  sprachen  vom  gothischen  abwärts  (gramm. 
ni,  246),  so  dafs  man  doch  wohl'  eine  ausnähme  von  den 
lautgesetzen  wird  statuiren  müssen.  —  Wir  bemerken  übri- 
gens, dafs  sich  das  citat  ans  Pott  wohl  nur  auf  das  „da*^ 
beziehen  soll,  denn  auf  derselben  Seite  sagt  Pott:  „ahd* 
se-nu  tho,  ecce  eig.  sieh  nun  jetzt^. 

Nachdem  der  Verfasser  so  f&r  die  interjectionen  a,  ä  und 
i,  I  die  bedeutung  „herbei"  geftinden  hat,  wendet  er  sich 
zum  zend,  wo  sich  die  inteij.  ai  (in  der  bedeutung  ol  Spie- 
gel s.  225)  und  die  präposition  äi  „zu"  finden,  und  da  die 

Zeitochr^  f.  rgl.  sprachf.  XVni,  5.  24 


370  Kuhn 

vedischcn  Infinitive  auf  -tavai  einen  accent  auf  der  wurzel 
und  auf  der  endung  zeigen,  so  erscheint  es  ihm  unzweifel- 
haft, dafs  das  dativsuffix  da  her  seinen  Ursprung  habe 
(s.  289).  Nur  in  der  Voraussetzung,  dafs  die  interjection 
ursprünglich  gleich  der  präposition  gewesen  wäre  und  das- 
selbe wie  diese  bedeutet  hätte,  könnte  diese  doch  hierher 
gehören;  bei  anrufung  der  guten  wesen,  die  um  ihre  hülfe 
angefleht  werden,  könnte  das  wohl  passen,  wie  aber  ist  es, 
wenn  auch  die  bösen,  wie  Agro  Mainjus  (Vd.  19,32)  da- 
mit angerufen  werden?  Doch  lassen  wir^die  interjection! 
Wenden  wir  uns  zur  präposition,  die  ja  mit  ihrem  sinne, 
vergleichbar  dem  frz.  ä ,  dem  engl,  to ,  eine  sehr  passende 
bedeutung  f&r  den  dativ  gäbe,  so  ist  ihre  existenz  nur  in 
einem  falle  (eigentlich  in  zweien  Vend.  in,  14.  78,  von  de- 
nen aber  der  eine  aus  dem  andern  geflossen  scheint)  nach- 
weisbar, also  immerhin  etwas  zweifelhaft.  Spiegel  führt 
sie,  soviel  ich  sehe,  gar  nicht  an,  Justi  setzt  hinzu  ^^gL 
aiti?".  Eine  nähere  betrachtung  der  stelle  (sie  lautet  Jat 
vä  anäpem  fii  äpem  kerenaoiti  jat  vä  äpem  ai  anäpem  ke- 
renaoiti  Oder  wer  trocknes  (land)  mit  wasser  versieht 
(wörtl.  zu  wasser  macht)  oder  wer  wasser  zu  trocknem 
(lande)  macht)^  sseigt,  dafs  sie  nicht  eben  geeignet  ist,  die 
dativnatur  des  äi  sehr  klar  zu  machen,  da  andre  verwandte 
sprachen  ftkr  diesen  fall  den  accusativ  verwenden.  Dabei 
möge  die  von  Justi  angedeutete  möglichkeit  der  unur- 
sprünglichkeit  von  äi  doch  auch  nicht  ganz  unberücksich- 
tigt bleiben.  Wenn  nun  auf  dies  einmal  vorkommende  äi 
hin  daraus  der  zweite  accent  auf  den  infinitivformen 
-taväi  erklärt  wird,  so  hat  das  auf  den  ersten  blick  schein- 
bar viel  ansprechendes,  berücksichtigt  man  aber,  dafs  nach 
dieser  infinitivform  auch  die  partikel  u  häufig  eintritt,  so 
wird  die  erklärung  Benfey's,  welcher  (kl.  skrgr.  s.  235 
§.  402  III.  1)  die  form  aus  pätave  hi  erklärt,  allen  an- 
Spruch  des  Vorzuges  verdienen,  sobald  man  nur  nicht  pä- 
tave,  sondern  pätavai  hi  als  ursprüngliche  form  ansetzt; 
jedenfalls  kann  der  Verlust  des  h  kein  bedenken  machen, 
da  er  auch  aus  dem  instr.  plur.  auf  äis  unzweifelhaft  (wo- 
von unten  mehr)  hervorgeht.   Dagegen  wäre  es  doch,  wenn 


anzeige.  371 

man  Scherer's  annalime  folgen  wollte,  sehr  aufftUig,  dafs 
das  bewufstsein  des  Ursprunges  von  tavai  aus  tav  +  äi, 
welches  sich  durch  das  festhalten  des  doppelten  accentes 
kund  geben  soll,  nicht  mindestens  auch  bei  den  übrigen 
dativen  auf  äi  bei  den  diaskeuasten  des  Bigr.  (denn  diese 
haben  ja  erst  die  accente,  und  nicht  selten  irrthümlich, 
gesetzt)  noch  fortgedauert  hat.  Und  warum  sollten  denn 
nur  die  feminina  das  äi  festgehalten,  die  masculina  und 
neutra  es  zu  6  geschwächt  haben?  So  ganz  unberöcksich- 
tigt  darf  doch  auch  nicht  bleiben,  dafs  in  der  nominalde« 
clination  in  den  brähmana^s  die'  form  mit  äi  als  entschie- 
dener genitiv  und  ablativ  neben  äs  auftritt.  Rücksichtlich 
der  entstehung  des  äi  aus  ä  oder  a  +  i  oder  l  ist  ferner 
noch  zu  bemerken,  dafs  nach  sanskritischen  lautgesetzen 
in  beiden  fällen  hätte  e  daraus  werden  müssen,  im  zend 
aber  entsteht  äi  aus  a  +  e  z.  b.  vehrkäi  aus  Tchrkag,  Spie- 
gel gramm.  s.  29.  Ich  will  allen  diesen  bedenken  gegen- 
über nicht  verschweigen,  dafs  die  ezistenz  der  präposition 
ai  einige  Unterstützung  durch  das  in  den  brähmanas  nicht 
seltene  et,  aus  ä  +  it,  mit  der  bedeutung  „zu,  hinzu*^  (mit 
dem  accusativ  und  einem  zu  ergänzenden  verbum  der  be- 
wegung)  erhalten  könnte,  vgl.  B.-R.  wtb.  I,  582  und  Weber 
ind.  Studien  IX,  249 ;  doch  würde  skr.  &  im  zend  entweder 
durch  ae  (ai)  oder  öi  vertreten  sein  müssen. 

Der  verf.  fährt  dann  fort:  ^^Dafs  dann  in  der  regel 
ai  (nämlich  skr.  e,'  das  aus  a+i  entsteht)  den  dativ  be- 
zeichnet, thut  nichts  zur  sache,  trifft  man  doch  im  veda 
die  themen  auf  l  (ja)  mit  der  dativendung  j&  flir  jäi  d.  i. 
jä-ai  [doch  wohl  jä  +  äi?].  Guna  und  vrddhi  können  für 
die  älteste  zeit  nicht  strenge  getrenot  werden,  gleich  das 
e  der  feminina  auf  ä  im  vokativ  [für  ä-Hi  oder  ä-l-l] 
kann  es  lehren,  nicht  minder  die  medialendungen^. 

Dagegen  ist  zu  bemerken,  dafs  das  e  in  vrkj6  für 
vrkjäi  u.  a.  doch  nur  eine  seltene  ausnähme  und  äi 
durchaus  die  regel  ist;  das  e  ist  in  den  meisten  fallen 
durch  formübertragung  aus  dem  masculinum  auf  ä  ent^ 
standen,  wie  die  faJle  bei  Benfey  vollst,  skr.-gramm.  §.  726 
in,  2  klar  machen.     Was   ferner  die  ausdrücke  guna  und 

24* 


372  Knhn 

vrddhi  hier  sollen,  igt  nicht  zu  verstehen,  da  es  sich  um 
einfache  vokalverschmelzung  von  ä+i  handelt. 

Die  ganze  folgende  entwicklung  von  s.  290 — 294  ober 
ÜB  des  instrumentalis  geht  wieder  vom  zend  aus,  es  mag 
daher  genOgen  auf  Spiegel  gramro.  s.  375  zu  verweisen, 
welcher  sagt:  „Im  plural  ist  äis  [nämlich  das  selbständige 
pronomen]  ziemlich  zweifelhaft  und  wird  von  der  tradition 
ganz  anders  gefafst,  doch  spricht  XLIII.  1 1  für  diese  auf- 
fassung^,  und  s.  378,  wo  er  von  den  partikeln  des  gathftr. 
dialekts  spricht,  sagt  er:  „Ueber  das  zweifelhafte  äis  ha- 
ben wir  schon  oben  §.  47  gesprochen,  die  bedeutung  ist 
äniserst  unsicher ''.  Das  ist  denn  doch. wohl  keine  basis, 
um  darauf  weiter  zu  bauen!  Das  ganz  einzeln  stehende 
nadjäis  für  nadibhis  kann  doch  auch  nichts  weiter  als  eine 
formübertragung  beweisen.  Wenn  Scherer  schliefsUch  auf 
s.  293  sagt:  „die  jetzt  beliebte  erklärung  mflsse  nicht  nur 
die  Verdünnung  des  labialen  reibungsgeräusches  zum  blo- 
fsen  hauch  für  die  urzeit  behaupten,  sondern  auch  über 
die  Schwierigkeit  hinwegsehen,  dafs  aus  a-bhis  nach  Schwund 
des  bh  nur  ais,  nimmermehr  äis  werden  konnte^,  so  ist 
doch  nicht  einzusehen,  warum  nicht  auch  schon  in  der  ur- 
zeit die  Verdünnung  des  labialen  reibungsgeräusches  zum 
blofsen  hauch  stattgefunden  haben  solle,  wenn  man  den 
begriff  urzeit  nur  nicht  gleich  bis  dicht  an  die  eisperiode 
ausdehnt;  hat  doch  das  dentale  reibungsgeräusch  unzwei- 
felhaft mehrfach  ungemein  früh  eine  solche  Verflüchtigung 
erfahren,  z.  b.  in  der  imper.  endung  hi  neben  dhi,  und 
wenn  sich  aus  vedischem  ebhis  präkr.  ehi  entwickelt,  warum 
soll  nicht  in  einer  noch  früheren  zeit  äis  aus  äbhis  durch 
ähis  hindurch  entstanden  sein;  wenn  asmäbhis  und  judmä- 
bhis  ä  vor  dem  bh  zeigen,  kann  doch  dasselbe  ursprüng- 
lich allen  a-stämmen  zugekommen  sein;  in  ^ivöbhis  kann 
ja  das  3  ebenso  wohl  Schwächung  aus  älterem  ä  sein  wie 
in  präkr.  siväS  aus  älterem  (iväjäi,  dem  giväjäs  voranging; 
^ivebhis  und  ^iväis  sind  eben  nur  verschiedene  entwicke- 
lungen  aus  einer  gemeinsamen  form  ^iväbhis. 

Aus  den  hypothetischen  ausätzen  eines  mittels  redupli- 
cation  und  sma  gebildeten  pluralis  werden  dann  verschiedene 


anxeige.  373 

chronologische  folgerungen  gezogen,  die  wir,  so  lange  die 
hypothesen  nicht  besser  begründet  werden,  als  oben  s.  348  ff. 
353  gezeigt  ist,  nicht  anerkennen  können.  Es  soll  z.  b* 
die  deklination  der  a-stämme  älter  als  die  der  übrigen  sein« 
Das  läfst  sich  vielleicht,  auch  wenn  man  von  anderen 
grundlagen  ausgeht,  wahrscheinlich  machen;  daher  wollen 
wir  es  nicht  bestreiten.  Wenn  der  verf.  am  schlnfs  sagt: 
„Ebenso  fanden  wir  im  verbum  bei  den  a-st&mmen  die  äl- 
testen flexionsverhältnisse  s.  222.  229^,  so  fragt  man  doch 
billig,  ob  das  noch  ein  flezionsverhältniis  zu  nennen  sei, 
wenn  der  blofse  stamm  verwandt  wird,  um  z.  b.  nach 
des  verf.^8  ansieht  die  2.  sg.  imper.  act.  zu  bilden ;  über  die 
zweite  älteste  flexion  nämlich  das  s.  229  f&r  ursprünglicher 
als  mi  gehaltene  ä  der  l.ps.  sg.  ist  oben  s.  324 ff.  ausi&hr- 
lich  gesprochen  und  seine  existenz  bestritten  worden. 

Das  ablativsuffix  at,  das  genitivsuffix  as,  der  nom. 
sing,  des  pronomens  3.  pers.  sa,  werden  in  rein  hypotheti- 
scher weise  auf  einen  stamm  atva,  der  seinerseits  wieder 
ein  superlativstamm  für  atma  sein  soll,  zurückgeführt. 
Mit  der  endung  oder  vielmehr  dem  „element^  as,  das  sei- 
nem ablativ-genitiv-locativischen  sinne  nach  adverbien  z.  b. 
von  Zahlwörtern  dvis,  tris,  katur  (f.  Katurs,  z.  Mathrus) 
bilde,  sollen  dann  auch,  wie  der  verf.  annimmt,  die  formen 
skr.  avas-,  uparis-,  paris-,  zd.  vis,  paitis,  pairis,  altp.  abis, 
patis,  griech.  afAcpig^  gr.  lat.  e|,  ex,  ciip,  abs  u.  s.  w.  gebil- 
det sein.  In  der  anmerkung  dazu  werden  ansichten  ande- 
rer über  dies  s  angeführt  und  auch  die  zendische  form 
der  adverbia  auf  äa  beigebracht,  die  Windischmann,  dem 
Spiegel  folgt,  mit  griechischen  verglichen  hat  (frada,  apaäa^ 
mit  ngoacD,  nooctfoi  und  oniöCu)  u.  s.  w.).  Scherer  sagt: 
„das  leuchtet  auch  mir  ein:  als  grundform  des  Suffixes 
wäre  zunächst  svä  anzusetzen.  Anders  Curtius  etymologie 
s.  256".  Warum  svä  anzusetzen  wäre,  wird  nicht  gesagt, 
jedenfalls  ist  es  durch  die  zendformen  nicht  wahrscheinlich 
gemacht.  Und  soll  denn  nun  die  im  text  stehende  erklä- 
rnng  über  das  -s  daneben  bestehen  bleiben? 

Ueber  die  s.  315  besprochene  singularform  des  zendi- 
sehen  Personalpronomens  auf  bjas  (vgl.  auch  s.  276)  ver- 


374  Kahn 

dient  doch  aufser  dem,  was  Spiegel  s.  183  beibringt,  auch 
das  8.  369  von  ihm  beigebrachte  berücksichtigt  zu  werden ; 
jedenfalls  steht  diese  casusendung  des  zend  einmal  unter 
den  verwandten  sprachen  allein,  dann  vor  allen  dingen  in 
ihrer  erklärung  noch  nicht  unumstöfslich  fest. 

Auf  8.  3 1 6  geht  Scherer  zur  behandlung  des  nomina- 
tivs  über  und  sagt:  „Es  gibt  für  den  nominativ  dreierlei 
bezeichnungsweisen:  erstens  vokal  Verstärkung  des  bil- 
dungssuffixes,  zum  theil  mit  Veränderung  des  thema's; 
zweitens  beigefügtes  am;  drittens  anfaängung  von  s^. 

„Unbezeichnet  bleibt  der  nominativ  im  plural;  im 
neutrum,  gleichviel  ob  es  mit  einem  neutralzeichen  (d,  m) 
versehen  sei  oder  nicht;  im  femininum  auf  ä,  l  (ja),  ü  (vä), 
in  den  pronominalsufSxen  ma,  tva  des  verbums,  sofern  ist 
als  subjecte  anzusehen.  Aufserdem  im  demonstrativum  sa. 
Das  zend  regclmäfsig  und  das  sanskrit  in  gewissen  fällen 
verwenden  zwar  allerdings  die  grundform  sas,  aber  dem 
gewöhnlichen  skr.  sa  entspricht  goth.  sa,  griech.  6,  im 
gäthadialekt  einmaliges  he  (vgl.  k6,  je)  u.  s.  w.^ 

Wenn  Scherer  hier  sagt,  dafs  der  nominativ  im  plu- 
lal  unbezeichnet  bleibe,  so  ist  oben  s.  352  ff.  zu  260  ff.  schon 
gezeigt  worden,  dafs  er  die  meisten  seiner  pluralformen 
nur  am  nominativ  nachgewiesen  hat,  es  bleibt  also  viel 
wahrscheinlicher,  dafs  sie  bezeichnungen  des  nominativs 
und  des  pluralis  zugleich  enthalten.  Ferner  ist  die  allge- 
meine fassung,  dafs  der  nom.  im  fem.  auf  a,  I,  ü  unbe- 
zeichnet bleibe,  da  doch  damit  wohl  der  sing,  gemeint  ist, 
ungenau,  denn  das  lateinische  zeigt  ja  in  der  5.  decl.  noch 
ein  ies  fQr  altes  iäs  auf.  Darauf  dafs  feminina  auf  ä  in 
compositis  im  skr.  nom.  sing,  auch  s  zeigen,  will  ich  kein 
gewicht  legen,  da  dasselbe  aus  dem  masculinum  einge- 
drungen sein  könnte  (vergl.  das  paradigma  bei  Benfey  kl. 
skr.-gramm.  §.  487),  aber  auch  gnä  zeigt  es  vedisch  und 
die  einsilbigen  stamme  der  feminina  auf  l,  ü  im  sanskrit 
zeigen  es  ja  ebenfalls,  vedisch  auch  mehrere  mehrsilbigen 
(vgl.  Benfey  a.  a.  o.  §.  497 ).  Solche  thatsachen  darf  man 
doch  nicht  mit  stillschweigen  übergehen  I  Und  das  prono« 
men  sa  soll  auch  zu  den  unbezeichneten  nominativen  ge- 


anzeige.  375 

hören?  trotz  des  sas  padläta,  sas  tava  and  ähnlicher  for-' 
mein  und  trotz  des  so  und  z.  bö?  Und  zeigt  denn  nicht 
auch  das  griechische  noch  das  alte  g  in  ^^  ö*  og  und  weist 
nicht  das  o  in  6,  welches  ja  aus  a  im  auslaut  s  geworden 
sein  inQfste,  darauf  hin,  dafs  das  g  noch  lange  bestanden 
haben  niufs,  als  die  griechischen  anslautgesetze  bereits 
Festigkeit  erlangt  hatten?  Und  diese  ältesten  formen  sas, 
Bö,  hö  (ha^kit),  og,  die  uns  in  Sprachdenkmälern^  die  zum 
theil  mindestens  tausend  jähre  älter  sind  als  die  gothischen, 
überliefert  sind,  die  sollen  wegen  des  Qbereinstimmenden 
skr.  sa,  goth.  sa,  griech.  6  filr  nichts  gelten  in  der  sprach- 
lichen entwicklung?  Und  das  einmalige  he  im  gäthädialect 
(bei  Justi  unter  ta  finden  sich  noch  ein  paar  beispiele), 
soll  denn  das  auch  för  die  urspranglichkeit  des  einfachen 
sa  zeugen,  trotzdem  dieser  vokal  i  doch  aller  wahrschein« 
lichkeit  ans  ursprünglichem  ä  hervorgegangen  ist  (vergl. 
Spiegel  §.  18)?  So  findet  sich  ja  auch  im  vedischen  Sans- 
krit noch  einmal  sä  fQr  sa  oder  sas  R.  I,  145.  1  (vgl.  Bol- 
lensen  zeitschr.  d.  d.  morgen],  ges.  XXII,  638). 

Nach  dieser  auseinandersetzung  Ober  unbezeichnete 
nominative  wendet  sich  Scherer  dann  zu  den  bezeichneten 
und  zwar  zuerst  zu  denen,  welche  vokal  Verstärkung  des 
bildungssuifixes  zeigen.  Er  nimmt  diese  art  des  nomina- 
tivausdrucks  in  mehreren  fallen  an,  „in  denen  man  unbe- 
rechtigt einstiges  s  und  verschiedene  andre  consonanten 
abfallen  zu  lassen  pflegt.  Man  legt  sich  die  lautgesetze 
der  Ursprache  nach  willkührlichen  hypothesen  zurecht  ^. 
Auf  diese  weise  sollen  rägä,  pitä,  balavän,  durmanäs  ge- 
bildet sein. 

Was  hier  zunächst  die  willkührlichen  hypothesen  be- 
trifft, nach  denen  man  sich  die  Ursprache  zurechtlegen 
soll,  so  verweisen  wir  auf  das,  was  wir  oben  s.  3409".  über 
sein  gesetz,  welches  das  a  bedroht  (s.  216),  gesagt  haben 
und  könnten  fast  hier  schon  zu  der  vermuthung  kommen, 
wenn  dem  verf.  jenes  als  gesetz,  dies  als  hypothese  er- 
scheint, so  stelle  sich  das  vielleicht  nur  in  dem  geiste  des 
verf.'s  so  dar,  während  in  der  Wirklichkeit  die  Sache  sich 


876  Ktihtt 

umgekehrt  verhalte.    Doch  wir  wollen  die  weitere  daretel- 
long  des  Terfassers  prQfeo. 

Er  sagt:  ^Zu  dürmanäs  stimmt,  abgesehen  vom  ac^ 
eent^  griech.  Svafievfig  genau  ^.  Soll  das  fQr  seine  aufFas- 
SüDg  sprechen?  Doch  wohl  nicht^  denn  eben  darauf  stützt 
sich  ja  auch  die  entgegenstehende. 

Femer  heifst  es  bei  dem  nominativ-fi  von  stammen 
auf  -an,  da£s  mit  ihm  ,,im  lateinischen  gleichfalls  ä  (hom6) 
oorrespondire^.  Hier  tritt  dieselbe  falsche  auffassung  des 
auslautenden  (aus  a  oder  ä  +  nasal  hervorgegangenen)  ö 
hervor,  die  wir  schon  bei  der  1 .  sg.  praes.  kennen  gelernt 
haben  (s.  327).  Das  fi  soll  nun  symbolische  vokalverstfirkung 
eines  Stammes  auf  -a  statt  -an  sein,  wie  er  auch  im  nom. 
aoc.  sing,  der  neutra  (vartma)  und  vor  consonantisch  an- 
lautenden Casusendungen  sowie  als  zweites  glied  der  com- 
posita  hervortrete. 

Es  werden  also  zwei  verschiedene  stfimme  in  der  de- 
clination  dieser  Wörter  angenommen,  aus  denen  sich  die 
flexion  zusammensetzen  soll,  der  eine  mit,  der  andre  ohne 
nasal,  rä^an  und  rä^a,  aus  letzterem  entsteht  durch  Sym- 
bolik rä^ä  als  nominativ,  sowie  rägabhjas  u  s.  w.  Der 
verf.  sagt  das  auch  noch  an  einem  andern  orte,  n&mlich 
s.  428,  wo  er  das  auftreten  dieser  doppelstämme  im  ger- 
manischen bespricht  und  sagt:  „in  der  regel  tritt  vor  m 
ein  a-stamm  fQr  den  an-stamm  ein  wie  im  sanskrit: 
hanam  grundf.  bana-bhjas  wie  skr.  rä^a-bhjas^.  Wie  gut 
es  doch  manchmal  ist,  wenn  man  blos  das  paradigma  be- 
fragt! rfi^a,  als  a- stamm,  müfste  ja  rSg^bhjas  bilden  und 
so  bildet  er  ja  wirklich  als  zweites  glied  eines  compositi! 
Es  wird  doch  also  ftkr  räga-bhjas  dabei  bleiben  müssen, 
dafs  es,  wie  das  auch  immer  geschehen  sein  möge,  vom 
thema  r&gan  stamme,  dafs  dagegen  mahärägebhjas  Ton 
mahärä^a  gebildet  sei.  Wenn  man  aber  wirklich,  wie 
Scherer  will,  zwei  so  geschiedene  stamme  annehmen  könnte, 
dann  mQfste  ja  noch  ein  dritter  in  r^ü-e  und  ein  vierter 
in  rä^&n-am  angenommen  werden.  Will  das  Scherer  wirk- 
lich annehmen,  glaubt  er,  dafs  nämn-as  und  das  aus  dem 
metrum  der  ved^n  sicher  erschliefsbare  nämanas  (vgl.  no- 


anzeige.  377 

tninis,  goth.  narains)  von  zwei  verschiedenen  themen  abge- 
leitet sind?  Wir  glauben  es  kaum.  Selbst  wenn  man  also 
zugeben  wollte,  dafs  die  an -stamme  das  nominativ-s  nie 
gehabt  h&tten,  so  würde  doch  wenigstens  die  symbolische 
Tokalverstärkung  höchst  problematisch  bleiben  und  ersatz- 
dehnung  f&r  ausfall  des  n  die  viel  natQrlichere  annähme 
sein. 

Scherer  fährt  fort:  „Gegenüber  b&lav&n  bezeugen  die 
griechischen  adjectiva  auf  oetg  den  nom.  auf -vants,  also 
eine  nebenform  mit  s".  Also  die  annähme  ist:  in  alter 
zeit  bestanden  von  diesen  stammen  zwei  nominative,  ein 
symbolischer  und  ein  unsymbolischer  balav&nt  und  bala- 
vants.  Fiel  ihm  denn  nicht  ein,  dafs  das  freilich  im  pa- 
radigma  stehende  balavSn  doch  oft  genug  vor  dental  oder 
palatal  mit  dem  zischlaut  erscheine  (balaväns  tatra,  bala- 
vän^  Ka)  und  dafs  diese  zischlaute  sich  fast  ausnahmslos 
als  reste  älterer  flexionen  erweisen  ?  Hier  war  also  das  alte 
nominativ-8  gerettet.  Und  daneben  doch  die  vokalverstär- 
kung?  wird  Scherer  einwenden.  Kann  sie  anderen  grund 
haben  als  ersatzdehnung  ftkr  den  ausfall  des  t  zu  sein? 
Oder  wäre  das  (a  von  rvnrwv  auch  blos  symbolische  Stei- 
gerung, während  in  diSovg  die  sigmatische  form  hervor- 
träte und  müfste  man  f&r  jenes  einen  nebenstamm  rvnrov 
ansetzen?  Unter  allen  umständen  behalten  wir  in  balaväns 
die  beiden  angeblichen  bildungsmittel  des  nominativs,  vo- 
kal Verstärkung  and  s,  von  denen  doch  eins  jedenfalls  über- 
flüssig wäre. 

Von  den  stammen  auf  tar  sagt  Seh.  endlich ,  *  dafs  er 
sie  oben  s.  96  noch  falsch  beurtheilt  habe  und  schliefslich, 
dafs  sie  noch  nicht  völlig  aufgeklärt  seien;  um  so  mehr 
können  wir  uns  wohl  einstweilen  bei  der  bisherigen  an- 
nähme beruhigen. 

Aber  selbst  wenn  man  von  allen  diesen  gründen  ab- 
sehen wollte,  so  erhält  die  „wiUkührliche  hypothese^  von 
der  vokalverlängernng  nach  weggefallenen  consonanten  doch 
auch  noch  von  anderer  Seite  her  eine  glänzende  Unter- 
stützung. Es  sind  dies  einige  vedische  aoristformen  der 
2.  und  3.  sing.,  die  den  vollen  beweis  liefern,  dafs  die  bis- 


378  Kuhn 

herige  ansieht  in  ihrem  rechte  ist.  Sie  gehören  der  f&nf- 
ten  bildung  bei  Bopp  (der  ersten  bei  Benfey)  an  und  sind 
von  consonantisch  auslautenden  wurzeln  gebildet,  während 
das  spätere  sanskrit  diese  aoriste  nur  bei  Tokalisch  aus- 
lautenden bewahrt  hat.  In  der  2.  und  3.  sg.  act.  trat  nun 
hier  der  fall  ein,  dafs  die  personalkennzeichen  unmittelbar 
an  den  auslautenden  consonanten  treten  mufsten  und  dafs 
dies  einst,  als  die  späteren  auslautgesetze  des  sanskrit  noch 
nicht'  zu  voller  geltung  gekommen  waren,  wirklich  gesche- 
hen sei,  beweist  das  aus  jener  periode  noch  Qbrig  geblie- 
bene dart,  3.  sg.  aor.  von  wz.  dar.  (R.  VI,  27,  5}.  Als  aber 
die  sanskritischen  auslautgesetze  zur  ausbildung  kamen, 
mufsten  s  und  t  abfallen  und  nun  trat  Verlängerung  des 
wuizel Vokals  ein,  als  deutliches  zeichen  wirklicher  ersatz- 
dehnung.     Ich  lasse  einige  beispiele  folgen: 

WZ.  k dar:  „somo  akää:  (padatezt:  akäär  iti)  der  soma 
strömte«  für  akSart.  R.  X,  89,  7.  IX,  107,  9.  VergL  Nir. 
V,  3  und  dazu  Roth  erl.  s.  54« 

WZ.  tsar:  ^löpd^a:  slham  pratjdnKam  atsä:  —  der  fuchs 
beschlich  den  löwen  von  hinten«.    R.  X,  28,  4. 

WZ.  bhar:  „mät^va  putram  prthivf  purlsjäm  agnf  sve 
jönäv  abhär  ukhä  wie  die  mutter  erde  den  söhn  puilsja, 
so  trng  die  schOssel  den  Agni  in  ihrem  schoofs«.  Väg.  S. 
12,  61,  vgl.  R.  X,  20,  10.  Dazu  1.  sg.  abharam:  ,Jam4d 
aha'  väivasvatdt  subändhör  mäna  äbharam  Von  Yama,  Vi- 
vasvats  söhn,  brachte  ich  des  Subandhu  geist  herbei^.  R. 
X,60,  10. 

WZ.  sr^9  sar^:  „pr4  bähii  asräk  saviti  sdvimani,  Sa- 
vitar  streckte  die  arme  aus  beim  schaffen«  und:  „prisräk 
bahti  bhüvanasja  pragäbhja:  —  er  streckte  die  arme  aus 
für  die  geschöpfe  der  weit«.  R.  IV,  53,  3.  4.  Vgl.  dazo 
3.  sg.  pass.  asargi. 

WZ.  drp,  dar 9:  „tasmäd  äkakdänam  ähur  adrag  iti 
sa  jadj  adar^am  itj  ähä  'thä  'sja  ^raddadhati  —  deshalb 
sagen  sie  zu  einem  der  etwas  berichtet:  „„sahst  du  es«« 
und  wenn  er  sagt:  „„ich  sah  es««,  so  glauben  sie  ihm«. 
Alt.  Br.  I,  6.  —  „KakSur  väi  satjam  |  adrä  3  g  itj  äha  | 
ädar^am  iti  |  tat  satjäm  —  das  äuge  (sieht)  ja  die  wahr- 


anzeige.  379 

heit;  ^^sahst  du  es"**  sagt  man.  »„Ich  sah  es***.  Darum 
(ists)  die  Wahrheit.     Taitt.  Br.  I,  1,  4,  2. 

WZ.  prKh,  praKh:  „&kä€travit  käetravfdä  hj  apr&t 
der  ortsunkundige  fragt  den  ortskundigen".  R.  X,  32,  7. 

WZ.  kr  and:  binvän6  vikam  iSjasi  p&vamäna  Tidhar- 
mani  |  äkrän  dev6  nä  siirja:  —  getrieben  lassest  du  die 
stimme  ertönen,  du  der  sich  läuternde  rauschest  in  dem 
gefäfs  (vidharman)  wie  der  göttliche  Sürja ".  R.  IX,  64,  9 
vgl.  ebend.  69,  3  und  97,  40.  Daneben  steht  akran  ohne 
Verlängerung,  wie  dar  neben  dart,  ebenso  nur  abibhar  im 
imperf.  u.  s.w.  Von  wz.  kar  findet  sich  neben  akar  auch 
akat  im  patapatha  Brähmana,  vergl.  das  petersb.  wb.  s.  v., 
von  WZ.  var^  findet  sich  vark,  parävark  vergl.  auch  P&. 
11,4,80  und  Comment.  s.  107. 

WZ.  jam:  „siirjara9mir  härike^a:  pur&stät  saviti  ^6tir 
üd  ajän  Ä^asram  —  der  sonnenstrahlige,  goldhaarige  Sa- 
vitar  brachte  im  osten  das  ewige  licht  herauf".  R.  X, 
139,  1.  „tan  no  mahdn  üd  ajän  dev6  aktübhi:  —  das  brachte 
uns  der  grofse  gott  (Savitar)  mit  strahlen  herauf".  R.  IV, 
53,  1,  Von  demselben  aorist  stammen  auch  der  imper. 
jandhi,  jantam,  janta  und  der  conjunctiv:  jaman. 

WZ.  vah:  „tv4m  agna  llitö  ^ätavedö  'väd  dhavjäni 
surabhfni  krtvf  du  gepriesener  Agni  G'ätavedas  f&hrtest 
die  opfer,  sie  duftig  machend".  R.  X,  15,  12. 

Auch  das  mehrfach  vorkommende  äräik  (w.  riK)  R.  I, 
113,  1.  2.  III,  31,2,  zu  dem  die  entsprechende  2.  sg.  aor. 
ätm.  rikthäs  lautet,  R.  III,  6,  2  gehört  dieser  biidung  an, 
sowie  das  häufig  erscheinende  adjäut  (w.  djut)  und  mänk 
(w.  muK):  Jo  'smän  dv^ti  ja  Ka  vajä  dviämas  tam  ato 
mä  mäuk  —  wer  uns  hafst  und  wen  wir  hassen,  den  löse 
nicht  von  dort ".  Väg.  S.  I,  25.  Ueber  die  biidung  vergl. 
noch  Pä.  VII,  2,  97  und  VIH,  2,  62.  ßopp  skr.-gramm. 
374  b,  Benfey  vollst,  skr.-gramm.  §.  840. 

Hier  sehen  wir  also  in  akäär,  atsär,  abhär,  asräk, 
adräk,  aprät,  akran,  ajä,  aräik,  avät,  adjäut,  amäuk  für 
akäart,  atsart,  abhart,  asrakt,  adraks,  aprakt,  akrands, 
ajamt,  avahs,  ar^ßs,  adjött,  amökt  die  vokalverlängerung 
als  ersatz  fCkr  den  abgefallenen  schlufsconsonanten  eintre- 


380  Kuhn 

ten,  denn  wenn  man  auch  mit  Scherer,  was  unten  noch 
weiter  zu  besprechen  sein  wird,  die  dritten  persoüen  als 
ursprünglich  flexionslose  ansehen  wollte,  so  haben  wir  doch 
an  adrUk,  akr&n,  av3t,  aräik  die  2.  ps.  sing«,  bei  der  Sche- 
rer selbst  das  s  als  ursprOngliches  personalkennzeichen  an- 
sieht und  diese  sind  von  um  so  grdfserer  bedeutung  als 
sie  mit  der  nominativbildung  auf  s  bei  consonantischen 
Stämmen  in  vollständiger  analogie  stehen.  Von  einer  sym- 
bolischen vokal  Verlängerung  aber,  um  damit  verschie- 
dene personen  am  verbum  zu  bezeichnen,  wird  doch  hier 
unter  allen  umständen  nicht  die  rede  sein  können.  Wenn 
aber  Scherer,  wie  wir  oben  anf&hrten,  in  bezug  auf  die 
annähme  der  vokalverlängemng  als  ersatzdehnung  sagte, 
dafs  man  sich  die  lautgesetze  der  Ursprache  nach  willkflhr- 
lichen  hypothesen  zurecht  lege,  so  fragen  wir,  ob  er  die- 
sen grundsatz  überhaupt  etwa  nicht  anerkennen  will?  Wie 
erklärt  er  dann  z.  b.  das  ä  von  punä  ramate  für  punar 
ramate,  das  X  von  ravi  ramate  f&r  ravir  ramate  u.  s.  w.? 
Ist  das  nicht  ganz  analog  dem  falle,  dafs  aus  durmanass 
(etwa  mit  der  durchgangsstufe  durroana:s)  durmanäs  wurde? 
Und  weisen  nicht  zahlreiche  vedische  auslaute  wie  -mä 
der  l.ps.  plur.  und  anderes  auf  gleichen  Ursprung?  Beru- 
hen nicht  di«  aor.  pass.  wie  aläbhi  neben  alambhi,  abhält 
neben  abhanji  auf  demselben  vorgange?  Vor  allen  dingen 
darf  man  aber  nicht  übersehen,  dafs  diese  lautregel  kein 
durchgreifendes  gesetz  geworden  ist,  darum  sehen  wir  ne- 
ben akrSn  noch  akran,  neben  abhär  noch  abibhar  und 
ebenso  sehen  wir  bei  stammen  auf  -ant  tudan,  brhan  ne- 
ben balavän,  mahan  und  rti^rrwi/,  ri&Biq^  SiSovq^  aiyaXouq 
neben  balaväns,  ebenso  im  griechischen  noiuim  für  ^noi- 
lAtvet  neben  noifirjv^  im  skr.  rägasu  neben  rä^  und  ähn- 
liches. Ein,  wie  ich  meine,  recht  überzeugendes  beispiel 
dieser  doppelten  art  der  bildung  bei  einer  und  derselben 
würzet  sind  das  masc.  nom.  sing,  avajäs  von  ava+jag 
und  msc.  nom.  sing,  upajad  von  upa+jag,  vgl.  das  pe- 
tersb.  wb.  s.  vv.  und  die  dazu  citirten  stellen  aus  Pänini. 
So  lange  daher  der  verf.  nicht  beweist,  dafs  es  überhaupt 
keine  ersatzdehnung  gebe,    werden  wir   unsrerseits  seine 


anzeige.  381 

annähme  von  der  nominativbildung  durch  blof'se  vokalver- 
Stärkung  des  bildungssufBxes  als  eine  willkübrliche  hypo- 
these  ansehen  müssen. 

Doch  dürfen  wir  zum  schlofs  eine  ansieht  nicht  mit 
stillschweigen  übergehen,  mit  der  Scherer  unsere  ansieht 
über  die  obige  aoristbildung  vielleicht  zu  widerlegen  su* 
chen  möchte.  Es  ist  dies  die  von  Benfey,  Orient  und  oc- 
cident  III,  248  f.,  ausgesprochene  ansieht  über  die  bildung 
der  in  rede  stehenden  zweiten  und  dritten  personen  sing, 
aor.  Benfey  nimmt  an,  dafs  sie,  wie  abbärält  aus  abhar-H 
Sfilt  entstand,  so  abhär  f&r  abhärs,  abhärt  aus  2.8g.  da 
für  äss,  3.  sg.  äs  fär  äst  (diese  alterthfimliche  form  äs  3.sg. 
findet  sich  bekanntlich  noch  in  einigen  vedischen  stellen, 
vgl.  petersb.  wb.  s.  v.)  gebildet  seien,  dafs  sie  also  nur  äl- 
tere bildungs weisen  zu  der  gemeinsamen  1.  sg.  abhäräam, 
mit  einem  werte  sigmatische  aoriste  seien.  Dagegen  spre- 
chen nun  aber  jene  beiden  oben  angeführten  stellen  der 
brähmanas,  in  denen  adar^am  augenscheinlich  als  die  l.sg. 
desselben  aorists  erscheint,  ebenso  wie  das  oben  angeführte 
fibharam,  ferner  der  ganz  analog  gebildete  aor.  pass.  med. 
adar^i  u.  s.  w.,  von  dem  noch  unten  zu  reden  sein  wird, 
endlich  auch  die  conjunctivformen  ohne  s,  die  neben  dem 
indicativ  ohne  s  stehen,  wie  1.  sing,  darpam  (mö  sma  tvä 
nagnä  darpam  Qat.  br.  II,  5.  1.  1  *)))  2.  sg.  jamas,  3.  plur. 
jamao  (Sä.  II,  4,  1,  16,  2.  R.  VII,  69,  6.  III,  45,  1),  neben 
denen  die  formen  vom  sigmatischen  aorist  wie  jäsat  u.  s.  w. 
stehen,  welche  zu  dem  indic.  act.  ajäsit,  med.  ajästa  ge- 
hören. 

Scherer  wendet  sich  s.  319  ff.  zum  nominativ-  oder 
subjectivzeichen  -s  der  masculina  und  feminina  und  sagt: 
„Es  mufs  dem  todten  neutnim  gegenüber  das  lebendige 
bezeichnen*^.  Und  dies  leben  findet  er  deutlich  ausgedrückt 
im  demonstrativ  asäü,  welches  er  GXr  identisch  erklärt  mit 
dem  locativ  Äsäu  von  4su  „lebenshauch,  leben  ^.  „Wie 
wenn  einst,  fährt  er  fort,  dies  asäu  „im  leben ^  d.h.  „im 


*)  Doch   koonie  darf  am  aach  indicativ  sein,    da  auch  dieser  nach  mi 
folgt 


382  Kahn 

leben  befindlich,  lebendig"  den  Wörtern,  die  wir  jetzt  mit 
nominativ-s  finden,    anstatt  des  -s  nachfolgte?"    Also  es 
wird  angenommen,  dafs  es  eine  zeit  gegeben  haben  könne, 
wo  man  sagte  putra  asäu  söhn  +  lebendig  statt  des  spft^ 
teren  putras  der  söhn.     Wer  aber  den  gewöhnlichen  ge- 
braach  des  asfiü  kennt,   wird  sagen,  das  bedeute  ja  wohl 
grade  das  gegentheil,  da  asäu  im  gegensatz  zu  ajam,  ijam, 
dieser  weit  hier,  die  jenseitige,  den  himmel,  und  alles  was 
ihr  angehört  bezeichnet,   as&u  lokas,  asäu  äditjas,  ami  je 
rksäs  jene  weit,  jene  sonne,  jene  Sterne,   folglich  müsse 
putra  asäu  wohl  den  todten  und  nicht  den  lebendigen  söhn 
bezeichnet  haben.     Und   dies  asäu,   welches  einst  so  ge* 
waltigen  umfang  gehabt,    dafs  es  vor  dem  -s  alles  leben- 
dige im  nominativ  bezeichnete,  das  sollten  nur  die  arischen 
sprachen  bewahrt  haben,  in  allen  übrigen  sollte  es  spurlos 
verschwunden  sein?  Doch  wir  wollen  vom  pronomen  asaü 
absehen,  obwohl  wenn,  wie  Scherer  vermuthet,  in  ihm  die 
lösung  des  räths^els  vom  Ursprung  des  *8  stecken  soll,  doch 
wohl  angenommen  werden  mufs,  er  halte  sie  beide  filr  ui> 
sprünglich   identisch  und   nehme   nur  an,    dafs  sie  später 
durch  den  accent  differenzirt  seien  (s.  321).     Wir  wollen 
annehmen,  asäu  habe  ursprünglich  nur  im  leben  bedeutet 
und  sei  masculinis   und  femininis  nachgefolgt,    das  prono- 
men asäd  sei  erst  auf  arischem  boden  daraus  entwickelt, 
obwohl  es  schwer  wird  zu  begreifen,  wie  die  spräche  vom 
begriffe  „im  leben"  zu  dem  von  ,Jener,  jene"  fortgeschrit- 
ten sei,  wie  kam  nun  aber  die  spräche  dazu  an  stelle  des 
asäu  -s  zu  setzen?    Folgendermafsen :    asu  kommt  einem 
nomen  actionis    von  wz.  as  „verweilen,  existiren ,*  sein " 
gleich,  jede  nackte  wurzel  kann  als  nomen  actionis  flectirt 
werden,  neben  asäu  war  daher  ein  gleichbedeutender  loca- 
tiv  asa  möglich.     „Aus  dem  letzteren  kann  in  ansehung 
der  laute  das  nominativ -s  sehr  wohl  entstanden  sein:  mit 
aphärese  sa  und   nach   geschehener  Verschmelzung  verlust 
des  a  der  letzten  silbe.     Die   bedeutung   stimmt,    wie  es 
scheint,  ganz  genau.     Grade  der  begriff  eines  lebens  hö- 
herer art  bildet  sich  in  asu  und  seinem  derivat  asura  all- 
mählich immer  mehr  heraus,   einerseits  im  zend  der  herr, 


r 


anzeige.  383 

der  höchste  herr,  andrerseits  im  sanskrit  die  geister,  die 
götter,  der  höchste  himmelsgeist.  Spiegel  beitr.  IV,  326^. 

Also:  ^die  bedeutung  stimmt,  wie  es  scheint,  ganz 
genau".  Doch  die  von  as&n  und  asa,  fragen  wir?  Wie 
wäre  es  möglich,  dafs  sie  nicht  stimmten,  wenn  sie  der 
Verfasser  erst  zu  seinem  zwecke  macht!?  Dafs  ein  nomen 
actionis  von  as  so  schlechthin  leben  bedeuten  könnte,  wenn 
es  sich  gebildet  hätte,  werden  freilich  andere  bezweifeln, 
nnd  dafs  asu  geeignet  sei,  das  sinnliche  leben  zu  bezeich- 
nen, ebenso,  wenn  sie  sich  an  R.  X,  15,  1  erinnern,  wo 
von  den  vätern  gesagt  ist,  asü  ja  ijus  „die  ins  geisterleben 
gingen**. 

„Aber  damit  ist  noch  nicht  alles  erklärt.  Wie  kommt 
der  determinative  locativ  in  den  nominativ  eines  demon- 
strativums.** 

Neben  dem  pronominalstamm  sa,  sagt  Scherer,  scheint 
die  nebenform  as  existirt  zu  haben.'  Die  lichtspnren  die- 
ses Scheins  sollen  in  der  lateinischen  conjunction  ast  so- 
wie in  lat.  iste  und  seinen  verwandten  auftreten.  Daraus 
wird  auf  einen  nominativ  asa  geschlossen  (der  seinerseits 
erst  wieder  aus  atva  entstanden  sein  soll  S.  312):  „Dies 
asa,  glaube  ich,  vermischte  sich  im  Sprachgefühl  mit  dem 
determinativen  locativ  von  wz.  as.  Im  locativ  asa  wie  im 
locativ  äsäu  wurde  nur  mehr  ein  pronomen  empfunden, 
demgemäfs  wohl  asäü  nach  dem  muster  von  as4  accen- 
tuirt,  und  dem  sa,  sä  sowie  dem  asäü  nach  maafsgabe  der 
determinativa  vorzugsweise  (nicht  ausschliefslich  was  den 
stamm  sa  betrifiFt)  der  nominativ  masculini  und  feminini 
als  provinz  zugewiesen:  wenn  auch  damit  f&r  die  stamme 
sa  und  as  nicht  der  anderweitige  gebrauch  abgeschnit- 
ten war*. 

Also  nachdem  zwischen  asa  er  und  as&  im  leben 
Vermischung  im  sprachgefQhl  eingetreten  war  und  in  asä 
im  leben  nur  noch  ein  pronomen  empfunden  wurde,  trat 
der  Wandel  zu  sa,  s  ein.  Vermischung  des  sprachgef&hls 
konnte  doch  aber  nur  eintreten,  wenn  die  eine  dieser  for- 
men ihren  begriff  verloren  hatte,  das  soll  „asÄ  im  leben" 
gewesen  sein,   in  der  man  nur  noch  das  pronomen  „asa 


384  Kuhn 

er^  empfand,  folglich  war  doch  der  begriff  ,,101  leben ^ 
daraus  entwichen,  ob  konnte  also  nicht  mehr  geeignet  sein, 
das  lebendige  auszudrücken,  wie  doch  Scherer  beweisen 
wollte. 

Auf  grund  solcher  problematischen  locativ*nominative 
werden  dann  die  formen  der  sogenannten  achten  pluraU 
form,  in  welcher  der  stamm  ganz  unverändert  bleibt,  eben- 
falls als  alte  locative  erklärt.  Aber  nur  bei  den  Stämmen 
auf  an  fehlt  ja  das  locativzeichen  oft  in  den  veden  und 
sie  lauten  auf  n  aus,  aber  nicht  die  auf  as  auch  auf  blo- 
fses  s.  Aufserdem  lautet  ja  aber  der  nom.  acc.  plur.  der 
neutr.  an-stämme  weder  vedisch  noch  im  klassischen  Sans- 
krit auf  an  aus,  sondern  dort  auf  a  (auch  ä),  hier  auf  äni, 
was  auch  die  veden  oft  zeigen.  Was  aber  die  neutra  auf 
as  betrifft,  so  ist  bei  ihnen  flexionslosigkeit  eine  ganz  ver- 
einzelte und  seltene  erscheinung,  f&r  die  Scherer  (nach 
Benfey  kl.  skr.-gramm.  s.  306)  die  beispiele  duvas  und 
fldhas  angegeben  hatte  (s.  266).  Nun  findet  sich  duva: 
allerdings  flexionslos  R.  1,34,  14:  sänti  kanvesu  vo  düva:, 
also  das  verbum  im  plural  beim  neutrum  im  Singular,  ganz 
wie  sich  im  zend  bei  collectiven  oft  dieselbe  erscheinung 
zeigt,  Spiegel  gramm.  §.319  s.  327f.  *).  Ebenso  erscheint 
ß.  I,  64,  5  neben  dem  singularen  üdhar  das  adjectiv  div- 
jäni  im  plural,  aber  in  derselben  weise  wird  öfter  bei 
verbundenen  adjectiven  und  Substantiven  die  flezion  nur 
an  einem  derselben  ausgedrückt**).  Man  kann  also  hier 
nicht  von  flexionslosen  pluralen  reden  und  am  allerwenig- 
sten von  locativ-nominativen.  Denn  wenn  Scherer  auch 
an  ragas,  was  nach  Benfey  vollst,  skr.-gramm.  s.  301 
anm.  1  für  ragasas  stehen  soll,  erinnert,  so  wird  dies  wohl 
fortfallen  müssen,  da  Benfey  es  schon  in  die  kleine  skr.- 
gramm.  s.  306  nicht  mehr  aufgenommen  und  in  seiner 
Übersetzung  (orient  und  occident  III,  146)  als  regelrechten 
accusativ  gefafst  hat. 


*)  Vergl.  auch  Jetzt  noch  BoUensen   zeitschr.  d.  d.  morgenl.  ges.  XXII 
B.   618. 

**)  Auch  bierza  vgl.  Bollensan  a.  a.  o. 


aiueige.  385 

Auf  die  kühne  skizze  der  stammbildung,  welche  der 
verf.  im  folgenden  entwirft,  können  wir  nicht  weiter  ein- 
gehen; sie  enthält  unzweifelhaft  manchen  fruchtbaren  g^ 
danken,  aber  der  grundgedanke ,  auf  dem  sie  ruht,  dais 
alle  sprachformen  aus  locativausdruck  entstanden  seien, 
muthet  doch  der  arischen  Ursprache  eine  allzu  grofse  ein- 
seitigkeit  zu,  als  dafs  wir  ihn  für  richtig  halten  könnten. 
Nur  auf  die  bildung  der  3ten  verbalpersonen  müssen  wir 
noch  etwas  näher  eingehen. 

Aus  dem  präpositionalstamme  an  (ursprünglich  ana 
ftlr  a-ma  mit  der  bedeutung  „an,  in,  auf,  bei^  (s.  340) 
wird  nach  dem  Verfasser  durch  antritt  des  ablativischen 
Suffixes  t  ant,  durch  antritt  Von  as  anas  oder  ans  gebil- 
det. „Als  stammbildungssufBz,  fährt  Scherer  fort,  ist  ant 
aus  dem  part.  praes.  act.  hinlänglich  bekannt;  ans  trafen 
wir  in  ähnlicher  function  im  compardtivsuffix  »jans  und 
im  lettoslavischen  vertritt  es  unter  gewissen  bedingungen 
das  yane  des  part.  perf.  act.  (Schleicher  ksl.  formenlehre 
6.  166  f.).  Dieses  v-ans,  ebenso  wie  v-ant,  m-ant  enthält 
natürlich  gleichfalls  unser  sufSx.  Die  demente  v  und  m 
dürfen  wir,  falls  die  obige  deutung  (tf.  323 f.)  richtig,  auf 
die  WZ.  av  und  am  zurückführen:  „gesättigt  mit,  gefüllt 
mit^  giebt  einen  passenden  sinn,  die  suff.  vant  und  mant 
sind  also  participia  praes.  beider  wurzeln  intransitiv  ge- 
nommen'^. 

Danach  wäre  also  z.  b.  tudant  gebildet  aus  tud-an-t 
und  hieise  „schlagen -J- an  (in,  auf,  bei)-)- aus  (von  her)" 
oder  etwa  „vom  im  schlagen  her",  oder  falls  das  ablati- 
viscbe  Suffix,  wie  nach  Scherer  oft,  rein  lokativisch  zu 
fassen  wäre  „schlagen -h  an  (in,  auf,  bei) -hin,  also  etwa 
„im  im  schlagen".  So  unverständlich  die  ablativische  auf- 
fassung  des  Suffixes  ist,  so  überflüssig  scheint  die  doppelte 
lokativische  bezeichnung,  doch  wir  wollen  sie  einmal  gel- 
ten lassen.  Kommen  wir  denn  auf  diesem  wege  zur  deut- 
lichen bezeichnung  eines  nomen  agentis,  bleibt  diese  dar- 
stellung  nicht  bei  dem  nomen  actionis  stehen,  fehlt  es  nicht 
an  der  bezeichnung  des  subjects,  an  dem  die  handlung 
zur  erscheinung  kommt?    Doch  wir  haben  ja  an  den  no- 

Zeitflchr.  f.  vgl.  sprachf.  XYni.  5.  25 


886  Kuhn 

Qiinibus  agentis  auf  k  ein  analogoii ;  auch  das  sind  ja  nach 
Scherer  (8.331  f.)  zu  nominativen  gewordene  locative  auf  a. 
Von  ihnen  sagte  er  ja  (s.  332):  ^Und  nun:  bedenkt  man, 
dafs  das  verbum  substantivnm  im  satze  ebensowohl  stehen 
als  fehlen  kann,  so  wird  man  sich  unsere  nomina  agentis 
leicht  zurechtlegen  als  lokative  neben  denen  das  partic. 
praes.  der  wurzel  as  fehlf^.  Also  zu  dem  gefundenen  be- 
griff der  participia  praesentis  auf  ant  müfsten  wir  den  des 
fehlenden  partic.  praes.  der  wz.  as  ergänzen.  Kommen 
wir  damit  weiter?  Ist  denn  das  part.  praes.  von  wz.  as 
nicht  eben  solcher  locativbegriff,  bei  dem  es  an  der  be- 
zeichnung  des  subjects  fehlt? 

Ein  zweites  suffix  soll  ans  sein,  da  es  aber  nur  in 
der  form  jans  oder  ijans  des  comparativs  und  in  vans  (nur 
durch  Verstümmelung  in  ans)  auftritt,  so  sind  wir  jeden- 
falls nicht  berechtigt  eine  form  ans  anzusetzen,  denn  dafs 
jans  eine  participiaie  bildung  von  wz.  i  sei,  ist  doch  nur 
Scherers  vennuthung  (s.  224).  In  ganz  anderer  weise 
könnte  man  aber  ijans,  jans  als  participialbildung  fassen, 
nämlich  so,  dafs  es  f&r  ijant  stände,  s  also  aus  t  hervor- 
gegangen wäre  wie  in  vans  aus  vant  (griech.  -or),  ijant 
ist  wörtlich:  „in  dies  gehend^  =  soviel.  Das  scheint  mir 
eine  passende  grundlage  sowohl  des  comparativs  als  der 
lat.  zahladverbia  auf  iens,  ies  zu  bilden.  Damit  fiele  dann 
die  Scherersche  annähme  von  dem  participialsuffix  ans 
gänzlich.  Ebenso  ist  doch  auch  nur  vermuthung,  dafs 
vant  und  mant  participia  praesentis  von  wz.  av  und  am 
seien.  Bei  vant  fOr  avant  könnte  die  annähme  noch  eini- 
germafsen  wahrscheinlich  scheinen,  doch  würde  die  bedeu- 
tung  eigentlich  sein:  „sich  freuend  an,  sich  sättigend  an", 
also  z.  b.  dhanavant  „sich  an  schätzen  freuend,  sättigend^ 
und,  da  man  sich  in  der  regel  nicht  an  fremden  sondern 
an  eigenen  zu  freuen  oder  sättigen  pflegt:  „damit  begabt, 
versehen^.  Die  wurzel  am  dagegen  mit  der  bedeutung 
„anfüllen  mil^  ist  wieder  blofse  hypothese,  man  vergl.  das 
8.  323  bei  Seh.  darüber  gesagte  mit  dem  petersb.  wörterb. 
I.  336;  V,  1030.  Aus  ihr  kann  also  die  bedeutung  nicht 
abgeleitet  werden,   höchstens   könnte    man  Übergang   von 


anzeige.  387 

vant  iD  maut  durch  Übergang  von  v  in  m  annehmen,  ob* 
wohl  der  umgekehrte  Vorgang  der  gewöhnliche  ist  und 
vant  sonst  regelrecht  in  vielen  fallen  an  die  stelle  von 
mant  tritt,  vgl.  Benfey  vollst,  skr.-gramm.  s.  239.  —  Uebri- 
gens  darf  doch  nicht  unbemerkt  bleiben,  dafs  die  suffixe 
vans  und  vant  jedenfalls  ursprünglich  identisch  sind,  wie 
sowohl  die  declination  von  skr.  vans  (plur.  vad-bhis,  vad* 
-bhjas,  vat-su,  du.  vad^bhjäm,  neutr.  sg.  vedisch  mehrfach 
-vat)  als  die  des  griech.  tag,  og^  gen.  orog  u.  s.  w.  ergibt. 
Umgekehrt  zeigen  mant  und  vant  den  Übergang  in  den 
s-stamm  im  vocativ  auf  mas,  vas. 

Wir  wenden  uns  nun  zu  Scherer's  ansieht  von  den 
dritten  personen  des  verbums,  von  denen  er  s.  342  sagt, 
dafs  in  ihnen  den  raumpartikeln,  wortpartikeln  gleichfalls 
das  wichtige  geschäft  grammatischer  formung  übertra* 
gen  sei. 

Er  beginnt  mit  einer  kritik  der  bisherigen  ansieht,  in- 
dem  er  sagt:  „Dafs  in  der  3.  sing.,  sofern  sie  ein  t  ent- 
hält, das  demonstrativ  ta  stecke,  hat  man  bisher  einstim- 
mig angenommen.  Ich  will  nicht  erst  untersuchen,  was 
man  bei  dieser  erklärung  stillschweigend  voraussetzte  und 
was  man  zu  erwägen  und  zu  bedenken  sich  ersparte.  Selbst ' 
wenn  man  als  bewiesen  annimmt,  dafs  der  prädicative  ver- 
baltheil  ein  nomen  agentis  sei,  so  mufs  man  von  den  drit*- 
ten  personen  des  participialfuturums  lernen,  dafs  die  spräche 
hier  keines  personalausdrucks  bedurfte.  Der  neupersische 
aorist,  der  aus  dem  alteranischen  participialperfect  (vergl. 
Schleicher  comp.  s.  387 f.  [wo  aber  nichts  davon  steht], 
Pott  Zigeuner  I,  386)  stammt,  flQgt  an  die  erste  und  zweite 
person  ein  personalsuffix,  die  dritte  läfst  er  unbezeichnet 
(Fr.  Müller  Sitzungsberichte  XLIV,  240)«. 

Statt  gerade  herauszusagen,  worin  denn  nun  der  feh- 
ler der  bisherigen  auffassung  stecke,  was  man  stillschwei- 
gend voraussetzte  oder  zu  erwägen  und  bedenken  sich  er- 
sparte, verdächtigt  Scherer  blos  die  bisherige  ansieht; 
das  ist  doch  keine  kritikl  Aus  den  folgenden  werten  scheint 
hervorzugehen,  dafs  er  wenigstens  das  eine  damit  meine, 
dafs  es  zweifelhaft  sei,  ob  der  verbaltheil  ein  nomen  agentis 

25* 


388  Kahn 

nach  der  bisherigen  aafTassung  oder  nicht  etwa  ein  locativ 
auf  a  eines  nomen  actionis  nach  der  seinigen  sei,  in  bei« 
den  fällen  wfirde  doch  aber  bei  der  bisherigen  auffassung 
des  ti,  t  aus  ta  der  begriff  derselbe  bleiben,  denn  tuda-ti 
fQr  tuda-ta  wäre  in  jenem  falle  „schlagend  +  er'',  in  die- 
sem „im  schlagen  +  er ^^9  worip  ich  doch  keinen  wesent* 
liehen  unterschied  sehen  kann.  Man  erwog  und  bedachte 
aber  auch,  nach  den  ferneren  worten  des  Verfassers  zu 
schliefsen,  offenbar  nicht,  dafs  die  spräche  hier  keines  per- 
sonalausdrucks  bedurfte,  was  man  aus  den  dritten  personen 
des  participialfuturums  lernen  mufste.  Fehlt  denn  nun 
aber  der  personalausdruck  bei  den  dritten  personen  dieses 
tempus  wirklich,  oder  ist  er  nicht  immer  durch  das  sub* 
jeot  des  betreffenden,  resp.  vorigen  satzes  gegeben  und 
kann  er  darum  nicht  wie  auch  in  anderen  f&Uen  am  prä- 
dicativen  theile  des  satzes  fehlen?*)  Die  congruenz  mit 
dem  subjecte  wird  ja  durch  den  casus  und  numerus,  ja 
selbst  einmal  durch  das  genus  ausgedrQckt  (vgl.  Bopp  vgl. 
gr.II,539)  und  aufserdem  ist  die  auslassung  von  wz.  as  doch 
auch  aufser  der  3.  ps.  nicht  ganz  unerhört  (Bopp  skr.-gn 
§.  422).  Ferner  hat  der  Verfasser  auch  vielleicht  das  noch 
*  andeuten  wollen,  dafs  man  hier  eine  reine  nominalforn», 
einen  uncharakterisirten  nominativ  vor  sich  habe,  wie  ja 
im  folgenden  die  dritten  personen  durchweg  als  solche  no«> 
minalformen  aufgewiesen  werden  sollen  und  schon  früher 
bei  der  1.  sing,  auf  angebliches  ä  diese  theorie  der  reinen 
nominalform  aufgestellt  wurde  (s.  173).  Wir  haben  dort 
gesehen,  wie  hinf&llig  die  ganze  auffassung  war,  mQssen 
aber  hier  noch  einmal  näher  darauf  eingehen.  Scherer 
bat  sich  dort  auf  das  factum  berufen,  dafs  verschiedene 
sprachen  den  nominativ  ohne  s  noch  bewahren  und  auf 
den  folgenden  aufsatz  verwiesen.  Damit  ist  doch  wohl 
der  Über  das  personalpronomen  gemeint,  in  welchem  s.  316 
von  solchen  nominativen  gehandelt  wird;  wir  haben  oben 
8.  374f.  gesehen,  dafs  der  Verfasser  die  noch  daneben  ste- 

*)  Dabei  sei  beraerict,  dafs  diese  bildung  docli  entschieden  eine  ver- 
httltnirsmäfaig  junge  ist  nnd  Bollensen  Orient  and  occident  11,  488  ihr  vor- 
kommen im  Bigv«d»  gans  Uognet. 


uuseige.  889 

benden  bezeichneten  nominativformen  unbeachtet  liefs  oder 
entgegenstehendes  wegzudemonetriren  sachte.  Derselbe 
sagte  dann  in  der  angefahrten  stelle,  dafs  diese  reine  no- 
minalform in  verbaler  Function  manches  vergleichbare  zur 
Seite  habe  und  fbbrtc  als  solches  den  gebrauch  des  part« 
perf.  passivi  und  der  davon  abgeleiteten  form  auf  -vant 
zur  bezeichnung  des  activä  im  sanskrit  an,  bei  welchen 
asmi  sowohl  stehen  als  fehlen  könne.  Er  berief  sich  da- 
bei zugleich  auf  meine  recension  von  Böhtlingks  sanskrit- 
Chrestomathie  (H.  A.  L.  Z.  1846  s.  1076).  Aber  von  rei- 
ner nominalform  kann  doch  in  diesem  falle  nicht  die  rede 
sein,  sondern  nur  von  auslassung  oder  nichtvorhandensein 
der  copula  bei  einer  nach  numerus  und  genus  flectirten 
participial-  oder  von  einem  particip  abgeleiteten  adjeotiv- 
form,  wie  ihm  die  beispiele  „kim  arthä  ^aptavän  tväm 
warum  (hat  er)  dich  verflucht?^  „tata:  kenaKid  aham  adi- 
dta:  darauf  ward  ich  von  einem  angewiesen^,  „majä  'pi 
dbarmapastränj  adbltäni  auch  von  mir  (wurden)  die  rechts- 
bflcher  gelesen^  zeigen  mufsten.  Dafs,  wenn  das  subject 
die  redende  oder  angeredete  person  sei,  das  entsprechende 
pronomen  hinzugefügt  werde,  hatte  ich  damals  ausdrück- 
lich bemerkt,  wie  ich  auch  jetzt  noch  glaube,  dafs  der 
personalausdruck  für  die  dritte  person  nur  dann  fehlen 
könne,  wenn  er  sich  unabweislich  von  selbst  ergibt.  Sche- 
rer hatte  dann  ferner  das  eranische  participialperfect  ver- 
glichen, mit  dem  es  eine  ähnliche  bewandtnifs  zu  haben 
scheint,  da  fast  nur  die  3.  sing,  davon  vorkommt  Spiegel 
gramm.  §.  225  s.  253 ;  doch  läfst  die  geringe  zahl  der  bei- 
spiele kaum  ein  sicheres  urtheil  zu.  üebrigens  möchte 
doch  zu  erwägen  sein,  ob  in  diesem  sogenannten  participial- 
perfect nicht  alte  aoristi  medii  stecken  (man  vgl.  die  oben 
8.  378  f.  besprochenen  aoriste  consonantisch  auslautender 
wurzeln  und  die  weiter  unten  zu  besprechenden  mediopassiv- 
formen  derselben  auf  i  und  ta).  Endlich  hatte  Scherer 
auch  dort  schon  auf  die  3.  sing,  des  periphrastischen  fu- 
tumms  hingewiesen,  bei  dem  die  weglassung  des  asti  regel 
sei.  Dieser  gebrauch  fallt  nun  aber  ganz  mit  dem  obigen 
gebrauch   des  participii  perfecti  oder  des  participialen  ad- 


390  Kufan 

jectivs  zusammen,  indem  bei  den  dritten  personen  aller 
numeri  die  copula  fehlt,  der  numerus  aber  ausgedrückt 
wird,  während  das  masculinum  (man  könnte  auch  sagen 
Femininum,  da  das  sufiBx  tar  ja  in  beiden  fällen  nom.  *tä 
hat:  pitä,  mätä)  die  beiden  anderen  genera  vertritt.  Also 
auch  hier  keine  reine  nominalform,  sondern  ein  flectirtes 
verbalnomen,  dessen  beziehung  auf  das  subject  der  inhalt 
des  Satzes  oder  der  Zusammenhang  der  rede  ergibt.  Schon 
in  den  veden  tritt  diese  form  auf,  doch  einmal  meist  mit 
Zurückziehung  des  accents  auf  die  Wurzelsilbe,  dann  auch 
meist  mit  präsensbedeutung  (vgl.  Bopp  vgl.  gramm.  §.814. 
111,192)*).  Die  verbale  natur  dieses  nomen  agentis  of- 
fenbart sich  aber  in  dem  davon  abhängigen  accusativ,  wie 
er  auch  in  Verbindung  mit  einigen  anderen  verbalen  no« 
minibus  erscheint.  Wir  lassen^  einige  beispiele  des  gebrau- 
ches  aus  den  veden  folgen,  die  über  den  Ursprung  des  par- 
ticipialfuturi  keinen  zweifei  lassen  werden,  aber  auch  zu- 
gleich zeigen  mögen,  was  man  aus  dieser  ausdrucksweise 
für  den  personal  ausdruck  der  3.  person  in  ältester  zeit  ler- 
nen mufs. 

I.     Ohne  Copula: 

Rv.  1,86,3:  sä  gantä  gömati  vra^^  —  er  schreitet 
einher  (oder:  wird  einherschreiten)  im  rinderreichen  stalle. 

R.  II,  9,  6 :  SÄ  ...  .  jäätä  devän  Äjagiätha:  svasti 

rev&d  didihi  —  du  ...  .  die  götter  verehrend,  am  besten 
heil  schaffend leuchte  reichlich. 

R.  11,41,  12:  indra  ^^äbhjas  pari  sarväbhjo  äbhaja 
karat  |  ^dtä  p4trün  viliaräani:  —  Indra  schaffe  uns  von 
allen  selten  her  Sicherheit,  er  besiegt  (möge,  wird  besiegen) 
die  feinde,  der  weise. 

R.  III,  13,  3:  s4  jantä ....  agnf  tä'  vo  duvasjata  ditä 
jö  vanitä  maghä'  —  er  wird  spenden den  Agni  ver- 
ehret, der  geber  der  gäbe  verleiht. 

R.  V,  30,  1 :   kvä  sja  vira:  ko  apa^jad  indra j6 

räjä  va^ri  sutasomam  ikhän  täd  öko  gantä  —  wo  ist  der 
held?  wer  sah  den  Indra?  ....  der  mit  reichthum,  der  don- 


*)  Man   sieht,    dafa   das   participialfUturum   verhftltDifsm&rsig  jung  sein 
mufs  (vgl.  oben  s.  888). 


anzeige.  391 

nerer,    nach   dem  gepre&ten  soma  yerlaogend   zu   diesem 
hause  kommen  wird. 

R.  III,  26,  6:  marütäm  Öga  imahe  pfäada^vaso  an- 
avabhrarädhaso  gäntaro  jagnäm  —  der  Maruts  kraft  rufen 
wir  an,  die  mit  bunten  rossen,  bleibenden  lohn  verleihen, 
die  zum  opfer  kommen. 

K.  IV,  29,  4:  äkhä  jö  g4ntä  nädbamänam  Qtf  —  der 
zum  flehenden  mit  hülfe  kommt  (kommen  wird). 

R.  II,  23  9  13:  bharesu  hävjo  namaso*  pasädjo  g&ntä 
vagesu  sänitä  dhanam-dhanam  —  der  im  kämpf  anzurui» 
fende,  mit  Verehrung  zu  ehrende  kommt  in  den  schlachten, 
spendet  schätz  um  schätz. 

R.  VI,  45,  2:  anä^ünä  kid  arvatä  indro  ^ätä  bita  dh&- 
nam  —  mit  langsamem  rosse  selbst  ersiegt  Indra  erfreu«' 
Jrchen  reichthum. 

R.  X,  1 07,  1 1 :  bhogä:  ^atrünt  samaniköäu  g^tä  —  der 
freigebige  besiegt  in  den  schlachten  die  feinde. 

R.  I,  129,  2:  ja:  ^tiräi:  svä:  sanitä  j6  viprair  vägä 
tarutä  i.  ä.  —  der  durch  beiden  den  bimmel  gewährt,  der 
durch  Sänger  nahrung  ersiegt,  den  u.  s.  w. 

R.  II,  9,  2:  tva  vasja  ä  vrsabha  pranetä  —  du  leitest 
(wirst  leiten)  o  segenspender  zum  reichthum. 

R.  VIII,  16,  9 — 10:  indrä  vardbanti  käitaja:  |  pran&» 
tarä  vasjo  akhä  kartärä  gjoti:  samatsu  —  den  Indra  er- 
heben die  menschen,  der  da  zum  reichthum  leitet,  der  licht 
schafft  in  den  schlachten. 

R.  VII,  57,  2 :  nikStiro  hi  marüto  grn&ntam  pran^tiro 
jagamänasja  manma  —  die  Maruts  merken  auf  den  sänger, 
sie  leiten  den  gedanken  des  opfernden. 

R.  V,  61,  15:  jüjam  martam  vipanjava:  pranetära  itthi 
dhijä  prötäro  jdmabtstiän  —  ihr  nach*  preis  begierigen  (Ma* 
ruts)  leitet  den  sterblichen  durch  rechte  andacht,  ihr  hört 
(ihn)  in  den  anrufungen  der  opfer. 

n.    In  Verbindung  mit  as  oder  bhü: 
R.  II,  41,2:  nijütvän  väjav  ägahi  ajä'  ^ukrö  ajämitej 
gantäsi    sunvatö    grbä'   —   mit    deinem    vielgespann   Väju 
komm  herbei,  der  klare  soma  wurde  dir  geprefst,  du  wirst 
(mögest)  zum  hause  des  opferers  kommen. 


89$  Kohn 

R.  I,  17,  2:  gantfträ  hi  8thö  Vase  haTam  viprasja  mA- 
vata:  —  denn  ihr  beide  kommt  auf  den  ruf  eines  Bänger» 
wie  ich  zu  helfen. 

R.  Vn,  60,  5 :  ime  ketiro  anrtasja  bhtlrer  mitro  ar- 
jnmk  T&runo  hi  santi  —  sie  sind  die  rächer  vieles  Unrechts, 
Mitra,  Aijaman,  Varuna. 

R.  VIII,  36, 1 :  avitisi  sunvat6  —  du  bist  ein  f3rderer 
des  opfernden. 

R.  IV,  16,  8:  bhüvo  aviti  —  mögest  du  ein  förde- 
rer  sein. 

R.  VII,  96,  2 :  s&  no  bödhj  avkrf  —  sei  du  uns  hei- 
ferin. 

R.  VIII,  46,  13:  s4  nö  tS^^t  avitd bhuTat  — 

er  möge  uns  in  den  schlachten  helfer  sein. 

R.  III,  19,  5:  84  tvä'  no  agne  \it^'  h&  bodhi  —  so 
sei  du  Agni  uns  hier  ein  helfer. 

R.  I,  27,  9:  8&  v^ä  yi^väkaräanir  4rvadbhir  astu 
t4rutä  I  viprebhir  astu  sanitä  —  er  der  weise  möge  nah- 
rung  durch  rosse  ersiegen,  durch  s&nger  gewähren. 

R.  IV,  37,  6 :  sä  dhlbhir  astu  sanitä  —  er  sei  ein  Spen- 
der mit  gebeten  (er  sp.  g.). 

R.  I,  40,  8:  n^ja  varti  na  taruti  mahädhane  nirbhe 
asti  va^rfna:  —  nicht  gibt  es  einen  wehrer  des  donnerers, 
nicht  einen  sieger  im  grofsen  noch  im  kleinen  kämpf. 

R.  VI,  66,  8:  ndsja  varti  n&  taruti  nv  ästi  märuto  j&m 
avatha  y^asätau  —  nicht  gibt  es  einen  wehrer  noch  einen 
meger  dessen,  dem,  ihr  Maruts,  im  kämpfe  beisteht. 

R.  VI,  23,  3  —  4:  pÄtä  sutäm  indro  astu  sömam  pra- 
nenfr  ugr6  ^aritdram  Xlti  |  kartä  vlräja  süävaja  u  lokä'  ddtä 
Tasu  stuvat^  kiräje  Icit  |  gänt^'  jänti  s&vanä  häribhjäm  ba- 
bhrir  y%ram  papi:  sömä  dadir  gä:  |  kärtä  virä'  n4rjä  s4r- 
vavlrä  ^rötä  havä  grnata:  stomavähä:  —  Indra  möge  den 
geprefsten  soma  trinken,  er,  der  mächtig  den  Sänger  mit 
seiner  hülfe  leitet,  er  möge  räum  schaffen  dem  trankopfer 
spendenden  manne,  gut  verleihen  dem  preisenden  Verehrer; 
er  kommt  auch  zu  so  kleinen  spenden  mit  den  falben,  den 
donnerkeil  führend,  den  soma  trinkend,  kühe  verleihend; 
er  macht  den  mann  zu  einem  tüchtigen  mit  reicher  schaar 


anzeige.  398 

umgebenen,  er  hört  die  annifung  des  preisenden  und  nimmt 
das  loblied  an. 

R.  VI,  36,  1 :  satrd  vagänäm  abbavo  vibhakti  —  stete 
warst  du  ein  vertheiler  von  nahrung. 

R.  X,  61,  27:  j^  sthA  niKetäro  amürä:  —  die  ihr  un- 
trfiglicbe  merker  seid. 

Noch  mögen  einige  andre  beispiele  verbaler  nomina 
folgen,  die  mit  dem  aceusativ,  bei  verbis  der  bewegung 
auch  mit  dem  locatiy,  verbunden  werden.  Vgl.  die  oben 
ans  R.  VI,  23,  4  schon  angeftkhrten  babhri,  papi,  dadi. 

R.  I,  89,  7:  vidätheäu  ^&gmaja:  —  die  zu  den  opfern 
kommenden. 

.  R.  II,  23,  11:  vräabhö  gagmir  ähavä'  niätaptfi  pdtmm 
—  der  stier  (starke),  der  zum  kämpfe  kommt,  den  feind 
vernichtet. 

R.  IX,  61,  20:  ^aghnir  vrtr4m  amitrijä  sÄsnir  vd^a 
div^-dive  I  göS4  u  a^vasi  asi  —  den  feindlichen  Vrtra  triffst 
du,  nahrung  spendest  du  tag  f&r  tag,  kühe-  und  rosse- 
spender  bist  du. 

R.  VI,  50,  13:  Uta  sja  deva:  savit4  bh&go  nö  p&'  n&päd 
avatu  ddnu  p&pri:  —  und  der  gott  Savitar,  der  glückliche, 
schütze  uns,  der  wasser  sprofs,  der  den  thau  spendet. 

R.  II,  17,  8:  bhögä'  tväm  indra  vajä'  huv^ma  dadiä 
tvam  indr4'  pftsi  vä^än  —  dich  Indra,  den  freigebigen, 
wollen  wir  rufen,  du  verleihst,  Indra,  heilige  werke  und 
kräfte. 

R.  IV,  24,  1:  dadir  hi  vir6  grnat^  v4süni  —  er  der 
beld  verleiht  dem  sänger  schätze. 

R.  VIII,  21,  6:  &lchä  Ka  tvaind  n&masä  v&dfimasi  kirn 
mühu^  Md  vidhidhaja:  j  s&nti  kimäso  harivö  dadis  tvä' 
smö  vajä'  sÄnti  nö  dhija:  (  —  herbei  rufen  wir  dich  mit 
dieser  Verehrung;  warum  zögerst  du  nur  einen  augenblick? 
wir  haben  wfinsche,  o  H.,  du  (bist)  ein  gewährer,  wir  sind 
da,  das  (sind)  unsre  gebete. 

R.  Vin,  21,7:  fndrö  vä  gh^d  ijan  maghä'  särasvati 
vä  subhagä  dadir  vasu  |  tvä'  vä  Ijritra  däpüd^  —  entweder 
verleiht  Indra  dem  opfernden  so  groCse  gäbe  oder  die  reiche 
Sarasvati  (so  grofses)  gut  oder  du  o  K'itra. 


394  Kahn 

R.  I,  15,  10 :  jät  tvä . . . .  jÄgämahe  &dha  sma  oo  dadir 
bhava  —  weil  wir  dich  verehren,  darum  sei  ans  auch  ein 
Spender. 

R.  II,  14,  1:  kämt  hi  vira:  sÄdam  asja  pitim  —  denn 
immer  ist  der  held  (Indra)  ihn  zu  trinken  begierig. 

R.  IX,  88,  4:  indro  n4  j6  mah4  karmani  kakrir  hanti 
vrtrinäm  asi  soma  pürbhft  —  der  wie  Indra  grofse  thaten 
thut,  der  feinde  vernichter  bist  du,  soma,  Städtezerstörer. 

Taitt.  brähm.  I,  1,  2,  2:  agninakäatram  itj  apakajanti  | 
grhdn   ha  dahukö   bhavati  —  es  ist  des  Agni  gestirn,   so 
(sagen  sie  und)  verwerfen  es,  das  haus  wird  er  verbrennen. 

Taitt.  br.  I,  4,  4,  7 :  rudro  'sja  pa9ün  ghätuko  sjät  — 
Rudra  wird  sein  vieh  erschlagen. 

Die  beispiele  werden  genQgen,  um  den  Sprachgebrauch 
in  das  rechte  licht  zu  stellen.  Wir  sehen  also  die  nomina 
agentis  ohne  verbale  form  in  der  2.  und  3.  person  prädi- 
kativ gebraucht,  wo  dem  subjecte  eine  bleibende  eigen- 
Schaft  beigelegt  wird,  daher  wird  auch  von  der  beschrän- 
kung  auf  eine  bestimmte  zeit  durch  einen  entsprechenden 
verbalen  ausdruck  abstrahirt;  soll  die  eigenschaft  aber  erst 
zur  erscheinung  kommen,  so  wird  bei  der  2.  sowohl  als 
3.  person  ein  verbaler  ausdruck  von  wz.  as  oder  bhü  bei- 
gefOgt,  ebenso  wenn  die  Vergangenheit  ausgedrückt  wer- 
den soll;  doch  steht  er  auch  zuvt^eilen  beim  ausdruck  der 
gegenwart  und  zwar  sowohl  bei  der  2.  als  3.  person,  vor- 
zugsweise aber,  wie  es  scheint,  nur  dann,  wenn  die  nomi- 
nalnatur  des  bezüglichen  wertes  vorwiegt,  was  durch  die 
Verbindung  mit  dem  genitiv  statt  der  mit  dem  casus  des 
verbi  hervortritt  (R.  VII,  60,  5;  I,  40,  8;  VI,  66,  8;  VI, 
36,  1).  Jedenfalls  ist  aber  die  beobachtung  von  vnchtig- 
keit,  dafs  die  dritte  person  überhaupt,  wenn  auch  seltener, 
mit  der  copula  erscheint  und  wenn  man  dazu  berücksich- 
tigt, dafs  der  knappe  ausdruck  der  lieder  den  wegfall  der- 
selben sehr  begünstigt,  so  wird  man  sich  dem  Schlüsse 
nicht  entziehen  können,  dafs  die  spräche  des  lebens  wahr- 
scheinlich auch  in  diesem  falle  den  vollen  personalausdruck 
in  weit  gröfserem  umfang  gehabt  haben  werde,  dafs  mit- 
hin der  schlufs  auf  abwesenheit  alles  personalausdrucks  in 


anzeige.  395 

der   arepracbe   in   diesem    falle    wenig    Wahrscheinlichkeit 
habe. 

Der  verf.  wendet  sich  darauf  zur  3.  person  pluralis 
und  wie  er  die  bisherige  erklärung  der  3.  sing.,  wie  wir 
sahen^  blofs  verdächtigte,  so  sagt  er  hier:  „dafs  Ober  die 
form  der  3.  plur.  welche  nt  enthält  irgend  etwas  annehm- 
bares aufgestellt  sei,  wird  niemand  behaupten  wollen^. 
Jedenfalls  lag  ihm  ob  nachzuweisen,  worin  die  nnannehm- 
barkeit  der  bisherigen  erklärungen  bestand,  um  damit  die 
nothwendigkeit  einer  neuen  und  besseren  darzuthun.  Aber 
mit  einem  so  allgemeinen  satze,  wie  der:  „Wer  mit  mir 
die  strenge  beobachtung  der  lautgesetze  fUr  den  grnnd- 
pfeiler  aller  sprachlichen  Wissenschaft  hält,  der  mnfs  u.s.w.^ 
kann  er  doch  im  ernst  nicht  meinen,  die  irrthOmer  in  den 
bisherigen  ansiohten  bewiesen  zu  haben.  Es  lag  ihm  um 
so  mehr  ob,  die  etwanigen  verstöfse  gegen  die  lautgesetze 
darzulegen,  als  er  selbst,  wie  wir  mehrfach  gesehen  haben, 
z.  b.  bei  der  hcrleitung  von  vajam  aus  einem  thema  matvi, 
sich  sehr  eigenthtkmliche  ansichten  von  denselben  gebildet 
zu  haben  scheint.  Wenn  er  strenge  beobachtung  der  laut* 
gesetze  von  andern  verlangt,  dann  durfte  er  doch  das  von 
ihm  selbst  aufgestellte  über  den  schwnnd  des  a  im  aus- 
laut  nicht  blos  „oftmals^  wirken  lassen.  Er  kommt  also 
auch  hier  Ober  die  blolse.  insinuation  der  willkOhr  nicht 
hinaus,  ohne  sie  zu  beweisen.  Doch  gehen  wir  weiter. 
Scherer  verlangt  nun,  dafs  fOr  die  endung  dritter  person, 
den  plural  mit  eingeschlossen,  eine  erklärung  zu  suchen 
sei,  welche  auf  alle  verschiedenen  gestalten  des  sufSzes 
gleichmäfsig  anwendung  leidet. 

Er  geht  dann  weiter  zur  erwägung  „sämmtlicher  for- 
men^ d.  h.  es  kommen  doch  vorzugsweise  nur  die  des 
sanskrit,  zend  und  altpersischen,  einmal  auch  die  des  grie- 
chischen und  umbrischen  zur  erwägung.  Und  zwar  wer- 
den nun  die  folgenden  aufgestellt: 

„In  der  3.  sing.  perf.  act.  erscheint  a,  und  skr.  zend.  e 
der  3.  sing.  perf.  (vedisch  auch  praes.)  med.  ist  davon  in- 
nerlich nicht  verschieden.^ 

Darauf  dafs  weder  die  gothische  noch  die  griechische 


396  Kuhn 

act  eodung  erwähnt  werden,  legen  wir  kein  gewicht,  da 
sie  auf  ehemaliges  a  zurückweisen ,  aber  das  lateinische  t 
soll  unbeachtet  bleiben  und  wir  sollen  glauben,  dafs  tudu- 
dit  nach  anderem  princip  gebildet  sei  als  tutöda?  Wenn 
ferner  gesagt  wird,  dafs  skr.  zend.  6  im  ätm.  erscheinen, 
ebenso  vedisch  auch  im  praesens,  so  ist  an  der  ersehe!- 
nung  allerdings  nicht  zu  zweifeln,  es  fragt  sich  nur,  ob 
sie  nicht  Übertragung  aus  der  1.  sing,  sind?  Soll  man  glau- 
ben, dafs  bei  der  Übereinstimmung  von  968^,  petä  mit  xe«« 
(Tttf,  xeJrai  das  neben  ^ete  stehende  ^aje  ursprünglicher 
als  96te  sei,  oder  das  e  von  tutüde  älter  als  das  rai,  Ton 
titxmzai^  Wenn  man  auf  diese  weise  der  eignen  erklä- 
rung  entgegenstehendes  ignorirt,  dann  ist  es  leicht  schliefs- 
licfa  alles  auf  eine  form  zurückzuführen. 

Ferner:  „In  der  3.  sing.  aor.  pass.  erscheint  im  skr. 
und  zend.  i:  z.  b.'skr.  a-tod-i  von  wz.  tud.^ 

Auch  das  richtig ;  aber  dies  atödi  wäre  eine  alte  pas- 
sivform?  In  älterer  zeit  fielen  doch  die  functionen  des  me- 
dii  und  passivi  zusammen  und  die  bildungen  der  allgemei- 
nen tempora  im  sanskrit  und  griechischen  sind  ja  deutlich 
selbständige  entwickelungen  dieser  sprachen;  also  mufs 
diese  form  als  passive  relativ  jung  sein;  daneben  stehen 
auch  in  den  veden  mehrfach  noch  die  regelrechten  formen 
auf  ista,  wie  agani  und  gäni  (s.  petersb.  wb.  s.  v.  gan) 
neben  a^aniäta  u.  a.  (vgl.  Benfey  vollst,  skr.-gr.  §.  878—883). 
Man  wird  nun  schwerlich  mit  Bopp  (skr.-gr.  §.  458)  an- 
nehmen dürfen ,  dafs  die  form  auf  -i  aus  der  auf  iäta  ge- 
kürzt sei  und  ein  blick  auf  die  oben  besprochenen  aoriste 
wie  akdär  u.  s.  w.  zeigt,  wenn  man  sie  mit  diesen  passi- 
vischen vergleicht,  dafs  sie  aoristi  medii  sind,  die  sich  hier 
in  passivischer  bedeutung  erhalten  und  zuletzt  die  sigma- 
tische  bildung  in  dieser  person  vollständig  verdrängt  hal- 
ben. Zu  jenen  aoristis  activi  mufste  aber  die  regelrechte 
mediale  form  der  l.sing.  auf  i  auslauten,  und  so  findet 
sieh  wirklich  von  act.  ädäm  (ä  +  wz.  da),  ved.  ädam,  med. 
ädi*)  (Benfey  vollst,  skr.-gramm.  §.  840  n.  1  und  petersb. 


*)  Wenn  wir  hier  statt  der  sigmatischen  form  die  nncomponirte  mediale 


anseige.  397 

wb.  0.  V.  da +  5),  Ton  wz.  vr  avri,  was  aber  R.  IV,  55,5, 
wie  das  metrum  ergibt,  avari  zu  lesen  ist;  so  würde  zu 
adarpam  adarpi,  zu  ajamam  ajami,  zu  a^anam  agani  als 
mediale  form  gehören,  und  so  entsprechen  mit  Übertragung 
der  endung  der  ersten  person  auf  die  dritte  (vgl.  das  ve- 
disch  so  häufige  e  der  dritten  für  t6)  die  dritten  personen 
ajämi  (jam),  akäri  (kr),  adar^^i  (df^),  asargi  (srg)  u.  s.w. 
den  activen  ajän,  akar,  adräk,  asräk  u.  s.  w.,  wobei  die 
Übertragung  der  kürzeren  endung  auf  die  dritte  person 
um  so  leichter  platz  greifen  konnte,  als  die  entsprechende' 
person  des  activs  ihre  personalendung  in  folge  der  aus^ 
lautgesetze  ganz  verloren  hatte. 

Ferner  wird  von  Scherer  bezweifelt,  dafs  in  den  alt- 
pers.  imperfecten  ak'unaus  (wz.  kar)  und  adarsnaus  (wz. 
dars)  das  s  der  endung  aus  t  hervorgegangen  sei,  da  man 
für  diesen  phonetischen  Übergang  keinen  hinlänglichen  an- 
hält besitze.  Wir  wollen  vom  bisherigen  Standpunkt  aus 
nur  bemerken,  dafs  da  ak'unavatä  im  medium  daneben 
steht,  ak'unaut  für  akunaus  sich  als  die  regelrechte  form 
ergibt.  Femer  gibt  doch  die  Verwandlung  eines  t  in  s, 
die  in  ein  paar  anderen  flUen  vorkommt  (Spiegel  §.  29 
8.  147  f.),  einigen  anhält  zu  der  vermuthung,  dafs  sie  auch 
hier  eingetreten  sei,  zumal  da  s  nach  i  und  u  bleibt  (Sp. 
§.  24  s.  146),  während  es  nach  a  verschwand.  So  ist  auch 
zu  vermuthen,  dafs  das  t  der  secundairen  tempora  und  des 
ablativs  im  altpersischen,  da  ihm  a  vorherging,  vorher  zu 
8  geworden  war,  ehe  es  ganz  abfiel.  Man  vgl.  das  griech. 
ovT(o  aus  ovrwQy  das  aus  -tat  hervorging  und  ähnliches  und 
berücksichtige,  dafs  dieser  t-laut  im  zend  nicht  die  reine 
unaspirirte  tenuis  ist,  sondern  (gewöhnlich  t  umschrieben, 
von  Spiegel  durch  S)  ein  dem  dh  mit  einem  vokalischen 
nachschlage  ähnlicher  laut,  wozu  man  das  ff  der  ags.,  th 
der  mittelengl.  und  s  der  neuenglischen  3.  sing,  praes.  ver- 


wurzelform  auftreten  sehen ,  so  wird  auch  adithäs,  adita  derselben  bildung 
angehören,  also  in  dieser  aoristbildang  (der  vierten  bei  Benfey)  auch  wohl 
in  andern  formen  (akithäs,  akjta  n.  s.  w.)  eine  mischung  ans  zwei  bildon- 
gen  anzunehmen  sein. 


398  Kahn 

gleiche;  auch  Benfey  fafst  dies  punktirte  t  aU  den  Zisch- 
lauten sehr  nahestehend  auf  (pluralbild.  s.  24). 

Diese  beiden,  ganz  einzeln  stehenden  formen,  deren  s 
ja  möglicherweise  ganz  anderen  grund  haben  kann,  dienen 
dem  yerf.  auch  nur  als  brücke,  um  damit  die  paar  formen 
der  3.  pl.  impf,  auf  sa  für  san,  sant  in  Verbindung  zu  brin- 
gen, welche  sich  den  griechischen  auf  aav  wie  iSidoaay 
anschliefsen.  Der  Zusammenhang  zwischen  beiden  wird 
aber  doch  erheblich  durch  die  Wahrnehmung  gelockert,  dals 
*dem  ak'unaus  die  3.  plur.  act.  ak'unava  (für  -vant)  und 
keine  form  mit  sa  zur  seite  steht.  Die  altpersischen  for- 
men auf  sa  sowie  -aav  und  "Caai  (in  laaai)  werden  des- 
halb wohl  noch  vorläufig  ohne  Vermittlung  mit  einem  sin- 
gularen  s  bleiben  müssen. 

Die  endung  us  im  plur.  act.  des  perf.,  potent.,  preca- 
tiv  und  der  secundairformen  der  3.  klasse  im  sanskrit  hatte 
Pott  etym.  forsch.  II,  657  f  an  das  suff.  vas  des  perf.  act., 
nach  dem  verf.  „sehr  glaublich'^  angeknüpft.  Da  aber  das 
su£Pl  vas  selbst  erst  aus  vat,  vant  hervorgegangen  ist,  wie 
das  griech.  und  skr.  partic.  perf.  unwiderleglich  darthun, 
so  könnte  diese  annähme  wohl  das  u  erklären,  aber  der 
Ursprung  des  t  aus  s  würde  doch  bleiben.  Offenbar  darum 
scheint  denn  auch  dem  verf.  „die  annähme  der  grundform 
ans  (Aufrecht- Kirchhoff  I,  107),  gleichfalls  ein  perf.  parti- 
cipialsufSx ,  näher  zu  liegen^.  Wer  das  liest,  sollte  mei- 
nen. Aufrecht  und  Kirchhoff  hätten  die  endung  ans  der 
3.  plur.  auf  ein  particip  perfecti  zurückgeführt,,  während 
doch  dort  die  erklärung  derselben  aus  nt  gegeben  wird 
und  der  satz  „mehrfach  ist  das  umbrische  s  aus  t  her- 
vorgegangen^ die  ganze  auseinandersetzung  einleitet.  In 
dieser  den  leser  irre  führenden  weise  citirt  der  verf.  oft, 
weshalb  wir  auf  diese  stileigenthümlichkeit  besonders  auf- 
merksam machen;  bei  Scherer  heifst:  y^vergL  Pott,  Bopp 
u.  s.  w. '^  ofl  nicht:  „die  autorität  dieser  roänuer  stützt 
meine  ansieht  ebenfalls^,  sondern  „Pott,  Bopp  und  andere 
haben  über  denselben  gegenständ  gesprochen,  sind  aber 
vollständig  anderer  ansieht  als  ich^.  —  Wenn  übrigens  die 
secundairen  formen  auf  an  für  ant  (mit  dem  sogenannten 


anzeige.  399 

euphonischen  s:  auf  ans)  sohon  das  us  als  aus  ans  ent- 
sprangen auf  das  natürlichste  darlegen,  da  ä  oft  zu  u 
wird,  so  weisen  die  griechischen  imperf.  und  aoriste  üSiSov^ 
ißap,  Jiatav  neben  skr.  adadus,  agus,  asthus  aufs  deutlich- 
ste auf  den  gemeinsamen  Ursprung  aus  der  einen  form  auf 
ant  hin.  Wenn  Scherer  etwa  meinen  sollte,  das  spreche 
ja  fbr  seine  annähme  eines  ursprünglichen  ans,  da  die 
lautgesetze  des  sanskrit  keinen  wandel  von  t  zu  s  kennen, 
wie  er  zu  glauben  scheint,  so  weisen  wir  ihn  auf  den  vo- 
cativ  der  nomina  auf  mant  und  vant,  der  vedisch  auf 
mas  und  vas  ausgeht,  sowie  auf  das  neutrum  des  part. 
perf.  auf  vat,  später  vas  hin  (vgl.  oben  s.  387). 

Soherer  fährt  s.  344  fort:  „Aus  der  dritten  plur.  perf. 
med.  re  des  sanskrit  ergiebt  sich  ein  sufHx  ra,  im  potential 
und  precativ  ran,  d.  h.  r(a)  durch  aut  vermehrt  wie  oben 
8  in  grundf.  saut.  Wz.  91  zeigt  dasselbe  suflSx  mit  der  ver* 
mehrung  in  praes.  ^^rate,  imperf.  a^^rata,  imper.  9eratäm. 
Und  so  nocji  ähnliches  bei  Benfey  ausf.  gramm.  s.  366: 
vedische  formen  auf  ram  enthalten  vielleicht  die  partikel 
aiD.  Im  zend  finden  wir  beide  suffixgestalten  und  dazu 
das  active  re,  das  ist  r.  Vermehrt  durch  s  oder  is;  res, 
ris,  worin  i  wohl  blos  e  vertritt  wie  Justi  s.  361  §.37.  1". 

Beginnen  wir  hier  mit  dem  zend,  so  bleibt  zunächst 
unverständlich,  was  Seh.  mit  den  beiden  suffixgestalten, 
die  sich  im  zend  finden  sollen,  meint,  da  darunter  doch 
wohl  nur  (das  aus  r6  erschlossene)  ra  und  ran  verstanden 
sein  könnten,  während  doch  re  und  r^  erscheinen.  Ver- 
mehrt sollen  sie  durch  s  oder  is  zu  res  und  ris  sein.  Nun 
hatte  aber  Spiegel  bereits  gramm.  s.  250  §.219  gesagt, 
dafs  die  formen  der  3.  pl.  pot.  med.  auf  &res,  äris  auch  als 
Spielarten  der  endung  an  im  activum  und  zusammenhän- 
gend mit  der  endung  us  im  sanskrit  aufgefafst  werden 
könnten,  was  Benfey  (pluralbild.  s.  26  n.  1),  dem  Spiegels 
buch  erst  während  des  druckes  seiner  arbeit  zugegangen 
war ,  übersehen  hat.  Dieser  erklärt  nun  (a.  a.  o.  s.  20  ff.) 
are  und  ares  für  active  und  aus  ursprünglichem  ans  für 
ant  entstandene  formen,  und  wer  den  eintritt  des  are  Dir 
an  in  nominalthemen  im  zend  anerkennt,  wird  sich  unbe- 


400  Kuhn 

denklioh  dieser  ansieht  aoschliefsen.  Dafs  dann  aber  die 
bisherige  auffassung  der  indischen  endungen  rö  und  rao,  * 
die  bisher  mit  dem  zendisehen  are,  ar^  verglichen  wurden, 
eine  wesentliche  stütze  verliert,  mufs  man  mit  Benfey 
(s.  27  f.)  anerkennen.  Nichts  destoweniger  glaube  ich,  dais 
die  bisherige  erklärung  aus  formen  der  wz.  as  festgehalten 
werden  müsse,  da  die  erklärung  des  unregelm&fsigen  laut- 
wandels  von  s  zu  r  im  sanskrit  doch  nicht  so  ganz  uner- 
klärlich ist,  da  agnir  atra  für  agnis  atra,  agner  asi  flQr  agnes 
asi  und  alle  derartigen  anderen  fälle  sich  doch  auch  nur 
aus  der  innigen  Verbindung,  in  die  auslaut  und  inlaut  tra- 
ten, erklären.  Dafs  dann,  nachdem  der  Übergang  einmal 
allgemein  geworden,  das  rä,  rate  auch  in  einzelnen  fällen 
an  consonantischen  auslaut  trat,*  wie  in  vidrate  u.  a.,  kann 
mich  nicht  von  der  Unrichtigkeit  der  erklärung  überzeu- 
gen. Ueberdies  finden  wir  bei  der  wurzel  as  ein  lautlich 
sehr  nahestehendes  beispiel  eines  ungewöhnlichen  Übergan- 
ges, indem  das  participialfutnrum  im  ätm.  ja  bekanntlich 
die  1.  pers.  sing,  auf  he  statt  se  (dätihe)  bildet.  Und 
wenn  so  der  Übergang  des  s  in  h  in  ganz  analogem  Ver- 
hältnisse möglich  war,  so  kann  auch  der  von  s  in  r  in 
unserem  falle  nichts  bedenkliches  haben.  Ferner  habe  ich 
schon  bei  früheren  gelegenheiten  darauf  aufmerksam  ge- 
macht, dafs  das  nebeneinanderstehen  von  perate,  a^^rata 
und  xeiarai^  xiarai,  xsiaxo^  xiavo^  dem  man  noch  äsate 
liaraij  ^arav  hinzufüge,  sowie  vidrate  und  iCaCi^  in  denen 
das  griechische  ursprüngliches  (T  in  seiner  weise  behandelt 
hat,  doch  eine  so  auffällige  erscheinung  ist,  daia  es  doch 
mehr  als  wunderlicher  zufall  wäre,  wenn  beide  sprachen 
grade  in  denselben  verbis  zu  nicht  identischen  ausnabms- 
formen  gegriffen  hätten.  Der  vereinzelt  stehende  lautwan- 
del  von  s  zu  r  im  inlaut  des  sanskrit  hat  sein  analogen 
im  altr-  und  mittelhochdeutschen,  wo  er  zwar  etwas  weiteren 
umfang  gewonnen  hat,  aber  dann  ein  stillstand  eingetreten 
ist,  so  dafs  er  nicht  durchgreifendes  gesetz  wurde. 

Eine  fernere  unregelmäfsigkeit  bildet  der  scheinbar 
active  ausgang  des  potentialis  und  precativ  auf  ran;  Bopp 
hatte  diese  endung  (vgl.  gramm.  II,  312  §•  468)  f&r  eine 


anceige.  401 

veretflmmelung  aus  ranta  erklärt;  wenn  daftkr  schon  ap^rata 
fQr  a^eranta  sprach,  so  hat  sich  jetzt  dafür  eine  weitere 
bestätigung  in  einigen  andern  potentialformen  des  ätm.  ge- 
fanden, so  z.  b.  bharSrata  fQr  urspr.  bhar^ranta,  aus  dem 
einerseits  die  geläufige  sanskritform  bhareran,  andrerseits 
eben  dies  bharerata  wurde,  das  sich  R.  X,  36,  9  findet: 
brahmadvisö  yiävag  ^nö  bharerata  —  die  gottlosen  mögen 
das  unglQck  überallhin  mit  sich  fortnehmen.  Dabei  mag 
denn  doch  bemerkt  werden,  dafs  die  sogenannte  verstOm-  ^ 
melungstheorie  bei  betrachtung  solcher  formen  nicht  so 
ganz  im  unrecht  zu  sein  scheint.  Das  zeigt  auch  noch 
die  form  auf  rä,  ram,  die  sich  zuweilen  neben  ran  findet, 
namentlich  bei  wz.  sr^  und  drp;  die  form  auf  ram  tritt 
vor  vokalen  auf,  die  auf  ran  vor  vokalen  und  consonanten, 
im  ersteren  falle  natürlich  mit  Verdoppelung  des  n.  Da 
beide  formen  sich  nur,  soviel  ich  weiis,  in  passiver  bedeu- 
tung  finden,  aber  passiva  in  medialer  form  sind,  so  sind 
sie  natürlich  durch  dieselbe  Verkürzung  wie  in  dem  eben 
betrachteten  falle  aus  ranta  hervorgegangen,  welches  z.  b. 
noch  in  der  form  avavrtranta  B.  IV,  24,  4  erscheint  (da- 
neben vavrtran  mehrfach  vgl.  Benfey  Orient  und  occident 
m,  240) ;  das  nn  vor  vokalen  ist  durch  assimilation  von 
nt  oder  ns  nach  abwurf  des  auslautenden  a  entstanden, 
das  m  aber  ist  aus  äs  hervorgegangen,  nachdem  auch  das 
auslautende  s  abgeworfen  war,  vergl.  Bopp  vergl.  gramm. 
n,  497  §.613;  Benfey  a.  a.  o.  231,  wo  übrigens  adr^ran 
als  B.  1,50,  3  stehend  angefahrt  ist,  während  der  text 
adr^ram  hat,  wozu  aber  Säjana  bemerkt,  dafs  eine  andere 
^äkhä:  „ädr^rann  asja  k^tava:^  lese*).  Nach  darlegung  die- 
ses thatbestandes  der  formen  ranta,  rata,  rann,  ran,  ram 
wird  wohl  Scherers  geduldiger  nothnagel,  die  partikel  am, 
der  mehrfach  herhalten  mufs,  wo  kein  anderes  mittel  mehr 
verschlagen  will  und  den  er  selbst  hier  nur  als  „vielleicht^ 
angetreten  bezeichnet,  fallen  müssen.  Als  äufserste  Schwä- 
chung des  ursprünglicheren  ranta  erscheint  übrigens  noch 
das  vedische  aduhra  (3.  plur.  vergl.  petersb.  wb.  s.  v.  duh: 

*)  Ebenso  ist  sUtt  VII,  62,  6  ebenda  VII,  76,  2  zu  lesen. 
Zeitechr.  f.  vgl.  sprachf.  XVIU.  6.  26 


409  Kuhn 

gandharvä  apsarasö  adnhra  =  adubata  Pft.  VII,  1,  8.  4  t ), 
das  also  auch  den  auslautenden  nasal  verloren  hat. 

Was  endlich  die  3.  pl.  perf.  med.  auf  rß  oder  irS  be- 
triffl;,  die  nach  Scherer  mit  dem  nominalsuffix  ra  gebildet 
sein  soll,  so  kann  diese  nach  unserer  auffassung  von  ranta, 
rata,  ran,  rate  nicht  getrennt  werden,  sie  scheint  durch 
falsche  analogie  gebildet  und  wie  stave  fQr  stavate,  pinve 
fbr  pinvate  eintritt,  so  scheint  rß  fQr  ursprüngliches  rate 
zu  stehen  und  auch  hier  r  fdr  älteres  s  eingetreten.  Die 
regelrechte  Verbindung  mit  der  reduplicirten  wurzel  mittels 
i  bat  dann  wohl  hier  wie  bei  ran  scbliefslich  die  unmittel- 
bare Verbindung  des  cousonantischen  auslauts  der  wurzel 
mit  r6  herbeigeftkbrt.  Die  nicht  seltenen  vedischen  formen 
des  perfects  auf  rirö  erklären  sich  aus  rirat^  für  *si$ant^ 
siäate,  wie  das  mediale  asthiran  von  wz.  sthä  aus  dem 
daneben  stehenden  asthiäata  fikr  asthiSanta.  Scherer  hat 
von  ihnen  gar  keine  notiz  genommen. 

Scbliefslich  sei  bemerkt,  dafs  alle  diese  formen  mit  r 
der  älteren  Volkssprache  eigenthflmlich  gewesen  zu  sein 
scheinen  und  daher  im  klassischen  sanskrit  nur  da  erschei- 
nen, wo  sie  sich  wie  im  perfect  und  in  den  einzelnen  fäl- 
len wie  ^erat^  u.  s.  w.  schon  gan?  festgesetzt  hatten.  In 
den  dialekten  mtkssen  sie  aber  noch  Ober  den  erheblichen 
umfang  hinaus,  den  sie  schon  in  den  veden  zeigen,  sich 
ausgedehnt  haben,  denn  im  pali  treten  sie  auch  in  der  . 
bindevocalischen  conjugation  mit  bewahrung  des  themati- 
schen a  auf,  so  stehen  im  Dhammap.  (ed.  FausböU  s.  365) 
soKare,  upapag^are,  la^^are  fQr  pö^ante,  upapadjant^  lag- 
^ante  (vgl.  dissante  neben  dissare  Mahäv.  bei  Spiegel  Kam- 
mav.  VIII  nota;  nisevare  Five  Jät.  s.  7,  samakKhare 
ebd.  S.48). 

Nachdem  nun  Scherer  in  der  angegebenen  weise  die 
formen  der  3.  sing,  und  plu'r.  aufgezählt  hat,  fahrt  er  fort: 
„Auf  welche  weise  finden  alle  die  aufgezählten  formen  ihre 
einheit?  Sind  nicht  ant,  ans,  ra,  ta  participialsufHxe?  Sind 
nicht  a,  i,  ra,  ta,  s  (as)  locativ-  und,  was  dasselbe  besa- 
gen will,  ablativsuffixe?  Werden  wir  nicht  demgeroäfs  auch 
ant,  ans  im   sinne  unserer  obigen  erörterungen  flQr  solche 


anzeige.  403 

erklären  müssen?  Was  haben  wir  demnach  an  ihnen  allen, 
wenn  nicht  locativendungen  und  deren  combinationen  oder, 
anders  gesagt,  postponirte  raurapartikeln  ?  " 

Glaubt  Scherer  mit  dresen  kurzen  fragen,  nach  vor- 
anstellung  der  „sämmtlichen^  formen,  wirklich  seine  neue 
theorie,  dafs  die  dritten  personen  locative  von  participien 
seien,  bewiesen  zu  haben?  Das  ist  doch  wohl  nicht  anzu- 
nehmen, denn  es  kann  ihm  doch  nicht  entgangen  sein, 
dafs  demjenigen,  der  vom  bisherigen  Standpunkt  aus  z.  b. 
bödhati  analog  wie  bödhämi,  bödhasi  aus  einer  Verbindung 
des  Verbalthemas  mit  einem  pronominalstamm  erklärte, 
diese  erkläruog  ungemein  viel  wahrscheinlicher  erscheinen 
mQsse,  als  wenn  die  Ursprache  nun  auf  einmal  den  in  den 
beiden  ersten  personen  eingeschlagenen  weg  verlassen  ha- 
ben und  in  der  dritten  mit  dem  locativ  eines  participii  bei 
genau  entsprechender  handlung  und  nur  veränderter  per- 
8on  eingetreten  sein  sollte.  Wenn  das  wirklich  glaublich 
gemacht  werden  sollte,  konnten  nicht  solche  allgemeinen 
andeutungen  genügen,  sondern  der  volle  beweis  .für  jeden 
einzelnen  fall  war  zu  liefern.  Bleiben  wir  einmal  bei  der 
3.  pers.  sing,  praes.  stehen:  hier  soll  also,  wenn  wir  den 
verf.  recht  verstehen,  z.  b.  bödhati  aus  einem  partic.  praet. 
bödhata  entstanden  sein,  das  mit  verlust  des  auslautenden 
a  zum  thema  bödhat  wurde,  an  welches  dann  das  locative 
i  trat.  Diese  form  sollte  also  wohl  „im  erkennen  (er)*^  ss 
^er  erkennt^  heifsen.  Wie  kam  denn  aber  die  Ursprache 
dazu,  das  part.  perf.  pass.  als  praesentisches  nomen  ab- 
stractum  der  handlung  zu  verwenden,  oder  gab  es  zu  der 
zeit,  wo  diese  form  sich  gebildet  haben  soll,  noch  keinen 
unterschied  zwischen  part.  praes.  act.  und  part.  perf.  pass., 
existirten  nur  verschiedene  formen  von  participien  mit  noch 
nicht  ausgebildeter  temporalbedentung  und  ohne  unter- 
schied von  actiy  und  passiv?  Trotzdem,  dafs  fast  alle  ari- 
schen sprachen  die  form  auf  ta  übereinstimmend  zum  tbeil 
bis  heute  in  der  bedeutung  eines  part.  perf.  passivi  bewahrt 
haben?  Und  wie  kam  die  spräche  dazu,  selbst  wenn  man 
eine  solche  unterschiedslosigkeit  der  participialthemen  zu- 
geben wollte,  das  nomen  agentis,  das  particip,  zum  nomen 

26* 


404  Kuhn 

actioDis  umzuwandeln?  Warum  griff  sie  nicht  zu  dem  viel 
einfacheren  mittel,  das  reine  nomen  actionis,  bödha,  das 
sie  ja  auch  in  den  ersten  und  zweiten  personen  verwandte, 
in  den  locativ  zu  setzen.  War  nicht  bödhe  „im  erkennen 
(er)**  eine  viel  natürlichere  bezeichnung?  Wie  erklärt  Sche- 
rer femer  die  nichtübereinstimmung  zwischen  dem  voraus- 
gesetzten part.  bödhata  und  der  wirklich  existirenden  form 
buddha?  Oder  haben  wir  nur  Scherer  mifsverstanden  und 
legt  er  für  unseren  fall  die  participialform  bödhant  zu 
gründe  und  wäre  bödhati  davon  der  regelrechte  locativ? 
Dann  hiefse  also  bödhati  etwa  „im  erkennenden  (er)^  und 
bödhat,  etwa  neutrum  „das  erkennende  %  wäre  „dem  er- 
kennen^ gleichgesetzt.  Wie  steht  es  dann  mit  dvesti,  des- 
sen participialstarom  doch  dvisant  ist,  wonach  also  dviäati 
erwartet  werden  mflfste?  Wie  mit  krnöti  fQr  welches 
krnvati,  wie  mit  junakti  fQr  welches  jungati,  wie  mit  lunäti 
för  welches  lunati  stehen  mOfste?  Und  wie  steht  es  nun 
mit  den  verwandten  sprachen,  die  keine  schwache  form 
des  participii  kennen?  Wären  also  z.  b.  lat.  amat,  docet, 
legit,  audit  =  amanti,  docenti,  legenti,  audienti,  griech. 

TVTITBI   =s    TVTlTOVTl^    Ttt^tjÖC   =    Tl&ivTl^    goth.  glbaudiu    = 

gibith?  Oder  ist  auch  diese  auffassung  nur  mifsverständnifs 
unsrerseits?  Fast  scheint  es  so,  nach  dem  zu  urtheilen, 
was  Scherer  Aber  die  Unterscheidung  des  numerus  s.  345  f. 
und  s.  359  sagt.  Danach  war  das  erste:  unterschiedsloser 
gebrauch  der  3.  Singular,  fbr  das  subject;  sei  es  singular 
oder  {Jural,  dann  trat  eine  differenzirung  der  Suffixe  (s.  359) 
f&r  die  lebenden  ein,  während  bei  den  leblosen  die  ur- 
sprünglich gemeinsame,  nun  nur  dem  singular  angehörige 
form  bestehen  blieb  („die  construction  des  plur.  neutri  mit 
dem  singular  des  verbums  dürfte  der  arischen  Ursprache 
zuzuschreiben  sein^,  sagt  der  verf.  s.  346).  Unsere  erste 
annähme,  dafs  aus  dem  partic.  perf.  die  3.  sing,  hervorge- 
gangen sei,  wäre  also  doch  richtig,  aber  dafs  die  form 
nicht  stimme,  haben  wir  schon  gesehen;  doch  das  war  nur 
ein  beispiel  der  a-conjugation,  in  der  mi-conjugation 
stimmt  es  vielleicht  besser:  asti,  hari  wäre  ein  beispiel, 
aber  von  as  gibt  es  ja  kein   part.  perf.,    also  etwa  dviä 


anzeige.  405 

partic.  dvista,  3.  sing.  act.  dvöSti,  med.  dviÖtS,  das  würde 
stimmen  bis  auf  den  guna  im  activ,  der  wobi  nur  durch 
die  analogie  der  beiden  anderen  formen  des  Singulars  her- 
vorgerufen wurde.  Sehen  wir  weiter  zu:  bibharti,  bhrta 
stimmt  nicht;  junakti,  jukta  stimmt  nicht;  krnöti,  krta 
stimmt  nicht;  tanöti,  tata  stimmt  nicht;  junftti,  juta,  lunäti, 
luna  stimmt  nicht.  Also  mit  dem  singular  scheint  es 
nicht  zu  gehen ;  die  diffcrenzirung  der  suffixe,  die  fllr  sin- 
gular und  plural  eintrat,  ist  nun  aber  wohl  so  zu  verste- 
hen, dafs  für  den  letzteren  das  praesenssuffix  verwandt 
wurde;  da  stimmt  freilich  alles,  also  santi,  partic.  sant; 
dvisau^i,  dviäant;  bibhrati,  bibhrat;  jun^anti,  jungant; 
krnvanti,  krnvant;  tanvanti,  tanvant;  junanti,  junant,  lu- 
iianti,  lunant.  Diese  Übereinstimmung  der  3.  plur.  praes. 
mit  dem  part.  praes.  ist  nun  aber  auch  der  bisherigen  for- 
scbung  nicht  entgangen  und  Benfey  z.  b.  (kl.  skr.-gramm. 
8.  2ü4  §.  355)  sieht  den  participialstamm  als  identisch  mit 
dem  der  3.  plur.  praes.  an,  indem  diese  das  i  aufgab  und 
nooiinalstamm  wurde.  Er  hat  also  den  umgekehrten  weg 
wie  Scherer  eingeschlagen,  indem  er  das  nonien  aus  dem 
verbum  entstehen  liefs.  Der  Zusammenhang  zwischen  bei- 
den formen  ist  wohl  unläugbar,  aber  der  versuch  Scherers 
nun,  danach  alle  dritten  verbalformen  för  nominalformen 
ZU  erklären,  scheint  mir  als  vollständig  gescheitert  ange- 
sehen werden  zu  müssen. 

Und  wie  stände  es  denn  nun,  von  all  dem  abgesehen^ 
mit  der  begriffsentwicklung  der  form  nach  Scherer?  Er 
hat  ja  das  partic.  auf  ant  als  aus  dem  locativischen  an 
(s.  340  f.)  mit  angetretenem  ablativ  d.  i.  nach  ihm  wieder 
locativsuffix  erklärt;  soll  die  Ursprache  „er  erkennt^  wirk- 
lich durch  „erkennen -t- in  +  in  +  in^  ausgedrückt  haben? 
Wenden  wir  uns  zu  den  modis,  wie  steht  es  da  mit  der 
hypothese,  „in  welcher  alle  au%ezählten  formen  ihre  ein- 
heit  finden?^  Im  ä  resp.  a  des  conjnnctivs  will  Scfa.  eine 
locativendung  mit  der  bedeutung  des  „wohin^  erkennen, 
da  wäre  also  etwa  bödhäti  aus  ursprünglichem  bödha+a 
-H  an  H- 1 H-  i  =s  „erkennen  -f-  auf  hin  +  in  -|-  in  -H  in  ?  ** 
Soweit  konnte  man  sich  also  noch  ungefähr  eine  vorstel- 


406  Kuhn 

luDg  von  dem  wege  machen,  auf  dem  sich  der  begriff  ent- 
wickelt hätte,  beim  potential  und  vielen  der  anderen  for- 
men, die  hier  unberührt  geblieben  sind,  wüfste  ich  in  der 
that  nicht,  wie  die  entwickelung  vor  sich  gegangen  sein 
sollte.  Wir  werden  also  erst  eine  bis  ins  einzelnste  durch- 
geführte  darlegung  Scherer's  abwarten  müssen,  ehe  wir 
auf  eine  weitere  Widerlegung  eingehen  können.  Nur  das 
sei  dazu  bemerkt,  dafs  das  locative  a,  welches  auch  hier 
seine  rolle  spielen  soll,  nach  unserem  obigen  nach  weis 
dieselbe  hoffentlich  ausgespielt  haben  wird. 

Auf  alle  die  folgerungen,  welche  Scherer  aus  seiner 
erkl&rung  zieht,  weiter  einzugehen,  wäre  müssige , arbeit, 
so  lange  die  erklärung  selber  noch  so  mangelhaft  ist.  Nur 
auf  eins  möchten  wir  noch  aufmerksam  machen;  wenn 
Seh.  nämlich  s.  346  sagt:  „Die  Verwendung  des  locativs 
für  die  blofse  wurzel  in  der  dritten  person  kann  nach  al- 
lem, was  vorausgegangen^  nicht  mehr  auffallen.  Ein  paar 
analogieen  mag  man  aus  M.  Müiler^s  vorles.  II,  13 — 17 
entnehmen^,  so  hätte  er  auch  Müller  noch  weiter  citiren 
sollen,  der  s.  24  (der  engl  ausgäbe  von  1864)  sagt:  „Mr. 
Garnett,  however,  after  establishing  the  principle  that  tfae 
participle  present  may  be  expressed  by  the  locative  of  a 
verbal  noun,  endeavours  in  bis  excellent  paper  to  show 
that  the  original  Indo-European  participle,  the  Latin 
amans,  the  Greek  typtön,  the  Sanskrit  bodhat,  were 
formed  on  the  same  principle:  —  that  they  are  all  in 
flected  cases  of  a  verbal  noun.  In  thi^,  I  believe,  he  häs 
failed,  as  many  have  faiied  before  and  after  him,  by  ima- 
gining  that  what  has  been  found  to  be  true  in  one  portion 
of  the  vast  kingdom  of  speech  must  be  equally  true  in 
all.  This  is  not  so,  and  cannot  be  so.  Language,  thoagh 
its  growth  is  governed  by  intelligible  principles  throughout, 
was  not  so  uniform  in  its  progress  as  to  repeat  exactly 
the  same  phenomena  at  every  stage  of  its  life.^  Scherer 
folgt  hier  wieder  der  weise  des  citirens,  auf  die  wir  schon 
oben  aufmerksam  gemacht  haben;  hier  war  eine  auf 
Müller^s  abweichende  ansieht  hinweisende  bemerkung  doch 
wohl  sehr  am  orte,  um  nicht  den  schein  zu  erwecken,  als 


anseige.  407 

solle  Malier  mit  der  von  Garnett  und  Scherer  vertretenen 
ansiebt  einverstanden  sein. 

Scbliefslich  geht  Scherer  in  seiner  Schwärmerei  für 
den  verbalen  locativ  so  weit,  zu  vermothen,  dafs  im  aor. 
auf  im  (vedisch  fQr  iäam),  is,  It*)  auch  ein  locativ  auf  I 
mit  angehängter  personalendung  stecken  möge.  Dafs  der 
locativ  auf  i  nur  eine  sehr  seltene  erscheinung  in  den  veden 
sei  (tanvi,  dhmätarl,  €tarl)  und  der  dual  und  plural  dieses 
aorists  durchweg  das  s  der  wurzel  as  zeigen,  scheint  ihn 
dabei  gar  nicht  zu  stören.  Mich  wundert  dabei  nur  das 
eine,  dalis  Scherer  nun  nicht  auch  das  praesens  und  im- 
perfectum  der  bindevocalischen  conjugation  auf  dieselbe 
weise  erklärt  hat,  denn  nach  seiner  auffassung  ist  ja  a  lo- 
cativendung,  folglich  konnte  doch  mit  viel  gröfserem  rechte 
bödhämi  (aus  bödha  +  am  -H  i)  bödha  +  s  +  i  u.  s.  w.  als 
„im  schlagen  ich  hier,  im  schlagen  du  hier^  u.  s.  w.  erklärt 
werden. 

Der  sechste  und  letzte  aufsatz  dieses  abschnittes  ver^ 
sucht  es,  nach  den  vorangegangenen  Untersuchungen  die 
grundlinien  der  geschichte  der  arischen  Ursprache  zu  ziehen. 
Da  wir  vieles  in  jenen  bekämpft  haben,  können  wir  natür- 
lich auch  hier  den  daraus  gezogenen  resultaten  in  den 
wenigsten  punkten  beistimmen.  Dazu  kommt,  dafs  Scherer 
auch  hier  wie  in  dem  ganzen,  buche  im  ausdruck  oft  so 
kurz  und  dunkel  ist  und  es  selbst  mehrfach  nicht  einmal 
für  nothig  hält  auf  den  ort,  wo  er  die  jeweilig  besprochene 
sprachliche  erscheinung  behandelt  hat,  zurückzuverweisen, 
dals  man  sein  buch,  wie  die  Inder  Pänini's  sfltras,  aus- 
wendig gelernt  haben  müfste,  um  sicher  zu  sein,  dafs  man 
ihn  auch  richtig  verstehe. 

Die  erste  periode  kennt  nach  Scherer  die  blofse  juzta- 
position  materieller  wurzeln,  in  der  sich  feste,  formelhafte 
Verbindungen  von  solcher  macht  und  bedentung  bilden,  dals 
sie  beibehalten  wurden,  als  jene  periode  ihr  ende  nahm, 
und  dergestalt  innerhalb  einer  Sprachentwicklung,  die  von 


^)  Es  gibt  ftlr  die  erste  penon  wohl  nur  die  beiden  beiepiele  vadhim« 
kramlm.     Man  vgl.  jedoch  die  paiiformen  auf  i  wie  Ssi  u.  s.  w. 


406  Kuhn 

gams  andera  mftcbten  bewegt  wurde,  dae  vorbild  and  mo- 
8ter  Ar  neue  formationen  abgaben  (s.  349). 

Das  sind  die  composita,  die  älteste  sprachliche  Urkunde, 
die  wir  besitzen  (s.  350). 

Wo  sind  denn  nun  diese  Urkunden?  Der  verf.  gibt 
uns  hier  auch  nicht  ein  einziges  beispiel  davon  und  wir 
sollen  ihm  an  dies  adelsgeschlecht  (s.  349)  ohne  die  adels- 
diplome  willig  glauben?  Es  ist  doch  eine  allseitig  bekannte 
thatsache,  dafs  die  composita,  die  aDen  oder  auch  nur 
mehreren  der  indogermanischen  Völker  gemeinsam  sind 
(wenn  man  von  der  Stammbildung,  nominal-  und  verbal- 
flexion  absieht,  die  schliefslich  auch  eomposition  ist),  eine 
▼erschwindend  kleine  zahl  sind,  und  aus  diesen  wenigen 
resten  soll  man  die  gesetze  der  altarischen  Wortfolge  cor 
zeit  der  wurzelperiode  abstrahiren  können?  Dazu  geht 
Seh.  wirklich  muthig  vor,  aber  er  beschränkt  sich  auf  das 
Sanskrit  und  selbst  hier  scheint  ihm  der  vorhandene  bestand 
nicht  in  seinem  ganzen  umfang  bekannt,  oder  ignorirt  er 
nur,  was  seinen  resul taten  widerspricht?  Sein  resultat  näm- 
lich ist:  „Object,  prädicat,  subject:  dies  die  ahe  Wortfolge' 
(s.  353). 

Hier  wäre  doch  zunächst  zu  untersuchen  gewesen,  ob 
die  tatpuruäabildungen,  deren  erster  theil  ein  im  accusativ 
gedachtes  thema  bildet,  sich  wirklich  Aber  ihre  sechzehn 
ahnen  ausweisen  können.  Und  sagt  nicht  Scherer  selbst: 
„Wie  jung  sind  die  accusative  auf  am!**  (s.  348  vgl.  s.  299) 
und  diese  accusativbildungen  finden  sich  doch  in  den  veden 
gar  nicht  selten  in  der  eomposition  (vergl.  einige  beispiele 
bei  Benfey  vollst,  gr.  s.  265  §.  653 ;  ihre  zahl  ist  viel  grö- 
fser,  mir  fallen  nur  eben  noch  dhijäginva,  vi^vaminva,  ag- 
nimindha,  purädara,  a^vamiäti  ein,  vgl.  noch  Pän.  VI,  3,  70 
und  die  värttika's  dazu).  Diese  möchten  doch  also  verhält- 
nifsmäfsig  jung  sein,  zumal  sie  offenbar  aus  blofser  anrQk- 
kung  entstanden  sind.  Erwägen  wir  daher  vä^ambhara 
neben  bharadväga,  so  möchte  doch  die  entscheidung  für 
das  höhere  alter  des  letzteren  ausfallen,  und  um  so  mehr 
als  das  zend  und  das  griechische  diese  bildung  ebenfalls 
in  ziemlicher  ausdehnung  zeigen,  vgl.  Justi  zusammens.  d. 


anzeige.  409 

nomina  8.  42 — 45.  106 — 7.  Jedenfalls  geht  daraus  hervor, 
dafs  die  Stellung  des  objects,  als  die  bilduog  der  com- 
posita  aus  stammen  und  nicht  aus  wurzeln  stattfand,  keine 
feste  gewesen  sein  könne.  Um  stftmme  handelt  es  sich 
nun  aber  freilich  hier  nicht,  sondern  um  wurzeln;  nur  aus 
ihnen  liefse  sich  ein  beweis  herholen;  Wörter  wie  bhüpa, 
göpa  würden  den  ausschlag  zu  gunsten  von  Scherers  an- 
sieht geben,  wenn  man  nur  sicher  wSre,  dafs  der  erste 
theil  im  accusativ  und  nicht,  was  wahrscheinlicher  ist  im 
genitiv,  gedacht  wäre,  denn  neben  ihnen  stehen  bhüpati, 
göpati  und  bhuvaspati,  gay&mpati.  Ehe  also  keine  that- 
sfichlichen  beweise  aus  der  spräche  vorliegen,  können  wir 
Scherer's  vorangestellten  satz  nur  f&r  eine  hypothese  gelten 
lassen  und  zwar  fOr  eine  solche,  der  seine  eigne  autoritftt 
entgegensteht,  denn  s.  217  hat  er  ja  dvikS^  aus  dvik  tv4  i 
ss=  „es  hafst  dich^  erklärt,  mithin  selber  dem  object  seine 
stelle  hinter  dem  prädicat  angewiesen.  Welchem  Scherer 
soll  man  nun  glauben,  dem  von  s.  217  oder  dem  von  s.  353? 

Einen  analogen  fall  des  Widerspruchs  haben  wir  auf 
8.  331  und  340,  wo  die  bildung  der  a-conjugation  fbr  jün- 
ger als  die  übrigen  erklärt  wird  und  an  letzterer  stelle 
drei  perioden  der  verbalbildung  aufgestellt  werden,  von 
denen  die  erste  durch  die  verbalklassen  7,  9,  8,  5,  2,  3,  die 
zweite  durch  1,  ß,  die  letzte  durch  4  und  10  vertreten  ist. 
Aber  s.  222  hatte  der  verf.  gesagt:  „Keineswegs  aber  dürfen 
wir  annehmen,  es  [nämlich  das  dhi  des  imperativsj  sei  wo 
der  reine  präsensstamm  als  2.  sing,  imper.  fnngirt,  abgefal- 
len oder  mit  dem  stamme  nicht  verschmolzen.  Hauptsäch- 
lich die  a-stämme,  die  sog.  erste  hauptconjugation  des  Sans- 
krit, zeigen  diese  ausdrucksweise,  und  wir  werden  im  ver- 
bum  noch  ein  beispiel  haben,  besonders  aber  beim  nomen 
beobachten,  dafs  die  flexion  der  abstamme  sich  zu- 
erst abgeschlossen  hat  und  einen  älteren  zustand 
repräsentirt  als  die  flexion  der  übrigen^.  Wenn 
wir  es  hier  nicht  etwa  mit  einer  jener  oben  s.  398  bespro- 
chenen stileigenthümlichkeiten  zu  thun  haben,  so  möchte 
der  Widerspruch  allerdings  etwas  stark  erscheinen  und  die 
ganze  Chronologie  etwas  unzuverlässig  machen. 


410  Kahn 

Scherer  sagt  ferner,  dafs  er  für  das  älteste  gramma- 
tische mittel  nächst  der  geordneten  Debeneinanderstellang 
die  reduplication  halte.  ^Ihre  entstehung,  fährt  er  fort, 
dörfle  in  eine  zeit  zurückreichen,  in  welcher  nar  erst  die 
wurzelform  consouant  mehr  vocal  existirte.  Was  damals 
Wiederholung  der  wurzel,  war  später  Wiederholung  des  an- 
lautenden consonanten  mit  dem  wurzelvokal^. 

Die  möglichkeit  dieser  auffassung  kann  man  wohl  zu- 
geben, doch  kann  die  wurzelbildung  mit  auslautendem  con- 
ßonanten  auch  schon  vorher  eingetreten  sein  und  jedenfalls 
hat  es  eine  zeit  gegeben,  wo  wurzeln  aus  consonant  +  vo- 
cal +  con8onant,  die  volle  wurzel  rednplicirten,  wie  dies 
die  intensiva  dardar,  kankal  käkal  fQr  kallbtl  (älteres  kar- 
kar),  badbadbäna,  jamjamiti,  nannamiti,  namnamäna  u.  s.  w. 
zeigen,  und  die  vedische  länge  im  pf.  dädhära  u.a.  (bei- 
spiele  bei  Bf.  vollst,  gr.  s.  373  n.  8)  macht  wahrscheinlich, 
dafs  auch  die  perfecta  noch  längere  zeit  dieser  bildnng 
gefolgt  seien. 

Wenn  wir  nun  aber  zugeben,  dafs  die  reduplication 
eins  der  ältesten  grammatischen  mittel  für  die  verbalflexion 
sei,  so  können  wir  dasselbe  doch  nicht  für  die  nominal- 
flexion  zugeben  (s.  355),  da  wir  das,  was  s.  260  dafikr  bei- 
gebracht ist,  nicht  flQr  richtig  halten;  ein  plural  mamaoder 
mamas  hat,  wie  wir  glauben,  nie  existirt.  Ueberdies  läTst 
sich  vermuthen,  dafs  die  spräche  das  bedürfnifs  die  plura- 
lität  concreter  dinge  auszudrücken  viel  früher  gehabt  habe 
als  den .  ausdruck  mathematischer  werthe  f&r  dieselben,  wie 
es  die  pronomina  sind. 

Gegen  die  annahmen,  auf  welche  die  folgenden  ent- 
Wickelungen  basirt  sind,  haben  wir  mehrfach  im  vorherge- 
henden Widerspruch  erhoben  und  können  daher  auch  die 
hier  darüber  vorgetragene  historische  entwicklung  nicht 
anerkennen. 

Wenn  Scherer  ferner  sagt  (s.  358),  dals,  nachdem  die 
a-stämme  sowohl  des  nomens  als  des  verbums  gebildet 
waren,  der  kreis  möglicher  verbalbildungen  geschlossen  sei, 
„d.  h.  keine  neu  entstandenen  nomina  konnten  durch  blofte 
Vorsetzung  vor  die  pronominalsufBxe  verbale  präsenastämme 


anzeige.  411 

werden^,  so  widerspricht  dem  das  sanskrit,  welches  eine 
ganze  zahl  derartiger  Bildungen  aufweist,  die  wie  z.  b. 
krsnati,  er  bandelt  wie  Kräna,  erst  nach  dieser  periode  ent- 
standen sein  mfissen,  da  es  in  ihr  noch  keinen  Kräna  gab; 
das  griech.  Iqivvvhv^  durch  welches  man  bekanntlich  den 
namen  der  Demeter  Erinnys  zu  erklären  suchte,  steht  doch 
wohl  auch  auf  derselben  stufe  und  die  skr.  participialbil- 
düngen  wie  bhrgaväna,  takaväna  ebenfalls.  Weitere  bei- 
spiele  findet  man  bei  Benfey  vollst,  gr.  §.  212  s.  98;  kl.  gr. 
§.  180  f.  und  Vopadeva  XXI,  7—9,  wo  z.  b.  noch  pitarati 
(▼OD  pitar),  löhitati  neben  löhitäjati,  löhitäjate  (von  löhita) 
rotb  werden  sich  findet. 

Am  Schlüsse  seiner  skizze  der  vier  epochen  des  alta- 
rischen sagt  Scherer:  „Wie  wenig  in  dieser  flQchtigen 
skizze  und  im  vorliegenden  aufsatze  auch  geleistet  sein 
mag  gegenüber  der  aufgäbe,  die  wir  —  dank  den  fort- 
schritten  der  vergleichenden  linguistik  —  schon  ins  äuge 
fassen  dOrfen,  gegenüber  der  aufgäbe  einer  geschichte  der 
arischen  Ursprache:  die  grundlinien  der  flexionsgeschichte 
scheinen  mir  doch  gezogen'^. 

Diese  Selbstkritik  harmonirt  freilich  nur  in  ihrem  ersten 
theile  mit  der  unsrigen,  aber  sie  bewegt  sich  selbst  in  nur 
zu  unvereinbaren  gegensätzen,  wie  sie  nur  zwischen  all  und 
nichts,  hochmuth  und  bescheidenheit  gefunden  werden  kön- 
nen, als  dafs  sie  nicht  schon  dadurch  als  nicht  ganz  un- 
parteiisch und  daher  nicht  ganz  das  richtige  treffend  er- 
scheinen sollte.  Jedenfalls  empfiehlt  es  sich  mehr,  das  nr- 
theil  der  mitforscher  abzuwarten  als  ihm,  wenn  auch  schein- 
bar noch  so  bescheiden,  vorzugreifen.  Wir  können  daher 
uDsern  lesern  die  entscheidung  darüber,  ob  sie  auch  dem 
zweiten  theile  von  Scherer's  obigem  satze  zustimmen  wollen 
oder  nicht,  überlassen. 

A.  Kuhn. 


412  Fick 

lira  und  porca  das  ackerbeet;  fieUvrj  die  hirse, 
malva  die  malve. 

1.  Lira  f.  das  ackerbeet  ist  meines  Wissens  bis  jetzt 
den  etymologen  noch  TöUig  dunkel  geblieben,  und  doch  ist 
es  ein  uraltes,  wenn  auch  nicht  indogermanisches,  so  doch 
den  europäischen  sprachen  gemeinsames  wort,  das  für  die 
frühe  ausbildung  des  ackerbaus  in  Europa  einen  weiteren 
beleg  giebt. 

Es  steht  nämlich  lira  f&r  Itsa  und  läfst  sich  in  dieser 
form  in  den  meisten  sprachen  Nordeuropas  nachweisen. 
Betrachten  wir  zunächst  die  bedeutung  des  worts.  lira 
heifst  der  zwischen  zwei  furchen  aufgeworfne  boden  eines 
ackers,  das  beet,  ackerbeet,  sodann  auch  mit  leichter  Über- 
tragung die  ackerfiirche;  lirätim  furchenweis,  Ur-äre  den 
samen  in  die  fiirchen  bringen.  Dd-liru-s  bedeutet  eigentlich 
^aus  der  furche  gerathend  beim  pflügen'^,  sodann  überhaupt 
^entgleisend^,  endlich  (und  diese  bedeutung  ist  allein  über- 
liefert) „aus  dem  (richtigen)  gleise  (im  denken  und  handeln) 
gerathen,  yerrflckt,  wahnsinnig^.  Das  denominativ  von 
delirus,  delirare,  ist  dadurch  interessant,  dafs  es  noch  hier 
und  da  die  ursprüngliche  bedeutung  „entgleisen,  aus  der 
richtigen  bahn  kommen^  zeigt.  So  in  „nil  ut  deliret 
amussis^  freilich  erst  bei  dem  späten  Ausonius.  Von  de- 
lirus stammt  dann  noch,  um  die  ableitungen  des  worts  alle 
zu  nennen,  dSlir-iu-m  n.  Wahnsinn. 

Unter  den  reflexen  des  worts  in  andern  sprachen  ist 
der  altpreufsische  der  grundgestalt  lts&  am  nächsten.  Wir 
lesen  nämlich  in  dem  deutsch -preufsiscben  vocabular,  her- 
ausgegeben von  Nesselmann,  Königsberg  1868  unter  no.  242: 
Bete  lyso  unter  einer  gruppe  von  Wörtern,  die  auf  den 
ackerbau  bezug  haben,  zwischen  reen  (rain)  und  pflüg. 
Richtig  giebt  daher  Nesselmann  in  der  alphabetischen  Ord- 
nung an:  lyso  beet  auf  dem  acker.  j  ist  hier  einfach  zei- 
chen für  langes  i,  das  auslautende  o  f&r  altes  femininales  ä 
ist  eine  eigenthümlichkeit  des  pomesanischen  dialects  der 
preufsiscben  spräche,  deren  übrige  quellen  in  diesem  fiedle 
a  zeigen.   So  lesen  wir  im  vocabular  menso  fleisch,  crauyo 


miscellen.  413 

blat,  im  katechismus  mensa,  krawia  s.  Nesselmano,  voca- 
bolar  8.  6.  Der  dialect,  in  welchem  der  katechismus  ver- 
fafst  ist,  würde  demnach  bieten:  lisa  f.  ackerbeet,  oder 
geradezu  die  unveränderte  grundform  des  wort.  Eine  ab- 
geleitete form  zeigt  das  litauische  nämlich:  lys-e  f.  das  ist 
lys-ja,  als  dessen  bedeutung  Nesselmann  angiebt  „garten- 
beet,  auch  ein  beet  im  roggenfelde ''.  Im  altbulgarischen 
lautet  das  wort:  l^cha  f.  ackerbeet,  beet  {noaaid^  area  bei 
Miklosich)  mit  dem  bekannten  übergange  von  ursprüngli- 
chem 8  zwischen  vocalen  in  eh.  Die  weiteren  reflexe  in 
den  übrigen  slavischen  sprachen  sehe  man  bei  Miklosich 
unter  lecha. 

In  der  etwas  weiteren  bedeutung  furche,  geleise,  der 
wir  auch  bei  Itra  begegneten,  finden  wir  endlich  unser  wort 
im  ahd.  leisa,  mhd.  leise  f.  geleise,  spur,  auch  im  ahd.  fora- 
-leiso  m.  der  die  spur  vorher  tritt,  Vorgänger,  Wegweiser. 
Im  neuhochdeutschen  ist  nur  die  composition  ge-leise,  g^leis 
erhalten.  Xri'iov  saat,  feld  läfst  sich  wohl  nicht  mit  \hk 
combiniren.  Dagegen  erhält  ein  anderes  lateinisches  wort, 
das  ebenfalls  ackerbeet  bedeutet,  aus  der  griechischen  pa- 
rallelform  sein  licht.     Nämlich 

2.  porca  f.  hat  aufser  der  bedeutung  ^sau^  als  femi- 
nin zu  porcu-s,  noch  die  ganz  verschiedene  „das  zwischen 
zwei  furchen  hervorragende  erdreich,  ackerbeet^.  Dafs 
nun  die  alten  Latiner  das  ackerbeet  „sau'^  genannt  hätten, 
wer  möchte  das  glauben?  Vielmehr  liegt  hier  ein  ganz 
verschiedenes  wort  vor,  das  sich  durch  herbeiziehung  eines 
griechischen  worts  aufhellen  läfst.  Es  bedeutet  nämlich 
im  griechischen  ngaaid  f.  das  beet,  allerdings  nur  das 
gartenbeet,  allein  dies  wird  man  doch  nicht  als  wirkliche 
differenz  auffassen.  Nun  wird  das  so  ähnliche  nQaaov  n. 
lauch  reflectirt  durch  lai  porru-m  f&r  porsu-m,  parsu-m. 
Ist  die  annähme  nun  zu  kühn,  dafs  ngaa-ia  oder  vielmehr 
sein  Stammwort,  etwa  ngaoo-  lautend,  reflectirt  sei  durch 
ein  lat.  porro-  f&r  parso  mit  derselben  bedeutung:  beet? 
An  dieses  porro-  beet  trat  nun,  wie  im  griechischen  das 
secundärsuffix  -<a,  so  im  lateinischen  -ca,  und  so  ward  aus 
porr-ca  por-ca  ackerbeet. 


4U  Pick 

3.  Da  wir  einmal  auf  die  alterthQmer  des  ackerbaos 
gerathen  sind,  mag  hier  noch  der  möglichkeit  gedacht 
werden,  eine  getreideart,  von  der  man  das  sonst  nicht  ge- 
glaubt, als  gemeinbesitz  aller  europäischen  Völker  des  in* 
dogermanischen  Stammes  nachzuweisen.  puXivt]  f.  hirse 
begnOgte  man  sich  bis  jetzt  mit  lat.  mil-iu-m  n.  hirse  zu- 
sammenzustellen; allein  das  wort  findet  sich  auch  im  li- 
tauischen. Hier  heifst  malnos  pl.  f.  hirse,  Schwaden.  Der 
Singular  malna  f.  ist  zuftllig  nicht  gebräuchlich,  er  würde 
nach  analogie  von  sora  f.  hirsekorn,  pl.  soros  hirse,  das 
einzelne  hirsekorn  bedeuten.  Dieses  lit.  mal-na  ist  nun 
genau  mit  uikivtj  identisch,  indem  das  sufBx  -iua  im  litaui- 
schen nicht  selten  zu  -na  verkürzt  erscheint,  wie  z.  b.  in 
szlov-na-s  berühmt  verglichen  mit  ksl.  slov-ifnü.  Freilich 
Uefse  sich  auch  an  entlehnung  denken;  bis  diese  jedoch 
nachgewiesen,  haben  wir  ein  recht  als  europäische  grund- 
form  malin&  f.  hirse  aufzustellen. 

4.  Bin  an  fifMvfj  malna  anklingender  pflanzenname, 
das  lat.  malva  f.  die  malve  läfst  sich  als  allgemein  indo- 
germanisch nachweisen  durch  die  folgenden  reflexe.  Im 
Sanskrit  bezeichnen  maruva  und  maruvaka  m.  verschiedene 
pflanzen,  besonders  eine  art  majoran  und  ocimum,  die  in 
ihrem  habitus  den  malven  nicht  unähnlich  sind.  Dafs  auch 
das  gr.  fjiaXaxfj  f.  die  malve  hierher  gehöre,  dafs  ^talaxri 
ftr  piaXfaxfi  stehe,  wird  bewiesen  durch  fidXßaxa^  einen 
accusativ  entweder  sg.  von  piaXßai,  oder  pl.  von  uakßaxov. 
Die  bedeutung  wird  sein:  die  weiche  pflanze,  vergt.  verf. 
Wörterbuch  unter  marva. 


Allerlei. 


xafoio^^  Titpa^,  TiXarViS  salzig,  nXijofia  same,  UQ^^ua^ 
cpUog^  küoäo^'l  hairto,  fon,  fani. 

Bei  einer  erneuten  durchmusterung  des  Wortschatzes 
derjenigen  sprachen,  aus  deren  vergleichuog  ich  das  lexikon 
der  indogermanischen  grnndsprache  zu  reconstruiren  unter- 
nommen, fiel  mir  ein  allerlei  an  parallelen  in  die  bände, 


miscellen.  415 

das  ich  hier  in  bunter  folge  veröffentliche,  wenn  auch  eini- 
ges nicht  ganz  neu  und  nicht  sehr  bedeutend  sein  sollte. 

1.  xdqaio-g  quer,  schräg  scheint  auf  ein  älteres  xagao- 
zu  gehen,  das  im  lit.  skersa-s  quer,  schräg  erhalten  scheint; 
dazu  gehört  die  ksl.  praeposition  cresü  quer  durch;  femer 
lat  cerron-  für  cerson-  ein  querkopf,  cerr-itus  verrückt. 
Wegen  lit.  skersa-s  mufs  man  wohl  skarsa  als  grundform 
ansetzen. 

2.  niva^  brett,  tafel  kann  nicht  getrennt  werden  vom 
skr.  pinäka  m.  n.  stock,  stab;  keule.  In  der  bedeutung  ist 
eine  kleine  differenz;  sie  liefse  sich  ausgleichen  durch  an- 
setzung  der  grundbedeutung:  holzstück,  latte. 

3.  nXarvg  hat  aufser  „  breit  ^  noch  die  bedeutung 
scharf,  salzig,  bei  Herodot  heifst  nXarv  vSwg  salziges  was- 
ser;  in  unsem  lexicis  wird  dies  nXarvq  mit  nXarvg  breit 
herkömmlich  zusammengeworfen.  Natürlich  ist  es  ein  an- 
deres wort;  im  sanskrit  entspricht  genau  patu  scharf,  ste- 
chend von  geschmack,  patu  n.  salz,  patu  steht  fQr  partu; 
man  hat  demnach  anzusetzen  ein  indogermanisches  partu 
scharf  von  geschmack. 

4.  TtX-^a^a  n.  heifst  fbllung,  sodann  aber  „same^  wie 
nif4nXi]ui  füllen  und  schwängern,  neTilfja&aL  voll  und 
schwanger  sein,  nkrjöfia  steht  natürlich  ilQr  *nXrj^a^  und 
diesem  wort  entspricht  ksl.  plem^  n.  same,  das  nicht  etwa 
entlehnt  ist  und  in  reichen  ableitungen  in  allen  sl  avischen 
sprachen  erscheint.  Lat.  pl^men-,  plSmentu-m  in  compo- 
sitis  hat  blofs  die  bedeutung  „füllung^. 

5.  nQTJaua  n.  brand,  ngrjfiaivu)  für  7iQ9]^aV'ioi)  heftig 
wehen,  von  ni^Ttgtjui  brennen,  wehen.  Dem  entspricht  ksl. 
plamy,  gen.  plamen-e  ro.  brand,  wie  denn  das  ganze  verb 
Tigrj-  brennen  sich  im  slavischen  sehr  schön  entwickelt 
nachweisen  läfst. 

6.  cpiXo-q  ein  vielversuchtes  wort  scheint  mir  am  er- 
sten folgender  combination  sich  zu  fügen.  Skr.  bhävaja 
das  causale  von  bhfi  heifst  bekanntlich  auch  pflegen,  för- 
dern, bhävajämi  ich  fordere,  pflege  ist  =  lat.  faveo  fSrdere, 
pflege,  skr.  bhävajitar  m.  gönner  entspricht  fautor,  alt  favi- 
tor  m.  gönner.    Von  bhü  in  diesem  sinne  stammt  bhavila. 


416  Fick,  misceUen. 

welches  günstig,  hold  bedeutet  wie  bhayja.  Hiermit  scheiot 
q>iXo-Q  identisch  und  demnach  för  (f^iXo-g^  cpifiXo-g  zu 
stehen.  Aus  (pifiko-q  f&r  (psfiko-g  erklärt  sich  denn  auch 
die  länge  des  7,  hier  und  da  bei  Homer,  Mit  (filo^g  o^er 
vielmehr  ursprünglichem  bbavila  identificire  ich  ferner  mhd. 
buole  m.  f.  buhle;  geliebter,  geliebte,  ursprünglich  wie  be- 
kannt keineswegs  mit  übler  nebenbedeutung. 

7.  logSo-g  gekrümmt,  gebogen  sieht  sehr  seltsam  aus; 
ich  stelle  dazu  das  ebenso  seltsame  ahd.  lerz,  lurz  link, 
ohne  über  den  Ursprung  beider  Wörter  eine  vermuthung 
zu  wagen. 


8.  Das  thema  *(s)kardan  n.  herz,  das  im  goth.  hatrto, 
stamm  hairtan  n.  herz  vorliegt,  findet  sich  auch  im  zend. 
zarezdan  n.  herz,  wo  z  eingeschoben  ist. 

9.  Goth.  fon  feuer  ist  in  meinem  Wörterbuch  unrichtig 
zu  skr.  pavana  feuer  gestellt,  da  doch  goth.  o  regelrecht 
altes  k  reflectirt.  Vielmehr  gehört  es  zu  altpreufsisch  (vö- 
cabular)  panno  f.  feuer,  panu-staclan  feuerstahl,  und  zum 
griechischen  nävo-g  m.  brand,  fackel;  herzuleiten  vom  vb. 
skr.  pä  trocknen.  Das  altpreufsische  vocabular  enthält 
überhaupt  eine  fblle  schöner  alter  themen  und  verdiente 
eine  sorgfältige  behandlung.  Ich  nenne  hier  nur  lauxno-s 
pl.  f.  gestirne,  das  ich  mit  zend.  raokhsna  glänzend,  subst. 
m.  glänz  zusammenstelle,  kirsna-n  schwarz  =  skr.  krsna 
schwarz,  pannea-n  moosbruch  sss  goth.  fani  thema  fanja- 
koth,  ags.  fenn,  fen,  an.  fen  n.,  ahd.  fenna  und  fenni  f. 
sumpf.  In  meinem  Wörterbuch  sind  unter  panka  goth.  fani 
und  ndaxo-g  unrichtig  zu  skr«  panka  gestellt,  womit  sie 
doch  nur  die  wurzel  gemein  haben;  vielmehr  gehören  nd- 
cxo-g  und  lit.  pöska  f.  sand  und  ksl.  pesükü  m.  sand  zu 
skr.  pSsu,  p&suka  m.  sand,  staub. 

Göttingen,  14.  decbr.  1868.  A.  Fick. 


3m  SJctlagJ^SWagajin  in  Sürid^  ijl  crfd^tencn  unb  but^  aUe 
.53xc 

im(id)tbttrfn  ^Ifaberte 

bcr 

iptt^tnUn  3Äettf^^eit 

©erfaffct  Tlnonymns. 
I.  X^eil:  1.  u.  2.  JBcfl  ^  12  ©gr. 

S)ur(l^  atte  ^ud^l^anblmtgen  ju  beate^en: 

^er  ^almtub 

(Smaniul  i^eutfc^^ 

«ibHot5«fat  am  »rüift^n  SRufeum  in  Sonbon,    SWitglieb  ber  «.  «fiatifc^en  ©efeafd^aft, 
b«  2)e«tf(^en  8»x>rfl«iläiibff«ien  ©efeUfd^aft,  bet  Boyal  Society  of  Litoratnre  u.  \.  »- 

^\a  bcr  ficbentcn  englifd^cn  Auflage  in'8  SDcutfd^c  übertragen, 
^ntorifirte  Ausgabe, 
gr.  8.    ge^.  12  @gr. 
£)iefe  Heine  Schrift  giebt  eine  unbefangene  2)arfteaung  beS  ^onmx 
Söeniaen  gcfannten  unb  »on  f o  SHelen  gef dbm&^ten  merfwürbigen  S3u*e|. 
©iefelbe  ^at  in  euglonb  ungeheures  ^uffel^n  erregt  unb  ift  m  m 
atte  ©pxa^tn  (guro»a'ö  überfe^t  worben.    S)ie  öorlicgenbe  Ueberfejung 
^at  ber  löerfaff«  felbft  an  toielen  <SteUen  ergSnjt  unb  toerbejfert. 
gerb.  Tümmler*«  ©erlag«bu(b^anblunfl  in  SöcrUn. 


3m  SJcrIagc  bcr  (Srcu^'f^cn  ©u(^b«nblung  in  SWagbcburg  ip 
crfi^icncn  unb  bur4  atte  l^ud^banblungen  gu  beatcbcn: 

Altgriechische  Märchen 

der  Odyssee. 

Ein  Beitrag  zur  vergleichenden  Mythologie 

von 

Dp.  G.  Gerland. 

geh.    lOSgr. 
!Dur($  alle  8u(^baublungen  ifl  unentgeltlid^  ju  ermatten: 

^fqeid^tti^  »Ott  ^itd^ern  unlk  Jfttfd^nflen 

aus   bcm  ®ebietc   ber   ©^jra^forfd^ung   fototc  ber  Stteratur* 
gefdötd^te,  SDiptl^oIogte,  @t\ä)i6)k  unb  SSülfertunbe. 

2)affer6c  ent^SIt  äffe  auf  <^]pracbe  unb  Literatur  (ctafrtf($e,  orientaüfd^c 
unb  mobemc  V^ilologic)  \iäf  bcaie^cnbcn  ©d^riftcn  unb  ßeilfd^riftcn  unferc« 
9erlage9,  ^nffinbigung  neuer  Unterne(^mungen,  foivic  eine  Siflc  ber  bereite 
t>ergrtffencn,  unb  enbltd^  bcr  im  greife  ermägigtcn  Sttd^er  aud  bcn  genannt 
ten  Gebieten.    2)a9  i^crjcid^nig  umfogt  fafl  200  9lummem. 

8er(in.  %tth.  £&mtttlet*^  Setla^^Bui^^anbluno» 

((^arrtoig  unb  ©pgmann.) 


Preisermässignng. 
Jetzt  I  Thaler  baar  (früher  3  Thaler). 
Libri  ludicum  et  Ruth  seC.  versionem  Syriaco-Hexa- 
plarem   ex    codice  Musei   Britannici   nunc  primum    editi^ 

Saeoe  translati  notisque  illustrati.   Ed.  Th.  S.  Kordam. 
avniae  1859. 

Bestellungen   bitte    mir    über  Leipzig   durch   Herrn 
K.  F.  Köhler  zukommen  zu  lassen. 

Kopenhagen.  j8tto  3(^nKtr^. 

3n  ptxh.  jDttmmler^ft  iüerlogebn^l^anhlung  ((^amDi^  ttnb  (Sogmonn) 
in  ©crlin  jinb  crfdi^icncn: 

2Frfnjtl(^arl),  9icuc  (gtubtcn.    1868.   a3eUrn>a|)ter.   gr.8. 

@c^.     1  S^lr.  20  ©gr. 

3n^ialt:  2)a«  „SWobctne*'  in  bet  Äunfl.  —  ©tctor  ^Ußo'ö  fogialc 
aiomanc.  —  (gbgar  iUan  55oe.  —  2)er  ^iflorifd^c  8loinan.  —  2)1«  Siöonb» 
gemälbc  Äaulbad^'«  im  ?Rcue«  SWufeum.  —  2)cr  \>olitifdJe  9?oman.  —  a>ic 
Briefe  bed  3uniu9.  —  XadtaS  nnb  bie  d^aren.  —  (Srnfl  ä^encm'd  9^>oßeI. 
—  a)ic  ©orläufcr  ©ariBalbi*«.  —  (Spoäftn  ber  bcutfdjcn  ©efd^ic^tc  —  »itf* 
flabcn  bct  (ScWidJtfdJrciBung.  — 

M^on  bem  gei^Doden  f^euiUetomflen  ber  9{attonaI«3cttvng  Hegt  ein 
S3anb  „wiener  €5tubten"  t)or,  weld^e  wir  auf  ba«  «ngelcgenttid^fle  OTen 
cntpfe^fen,  bie  für  fiunfl  unb  ffiiffenfd^aft  ein  ©ilbangStntercffe  babcn.  — 
S)ie  lebendt}oIl[e  gönn  ber  (Snttoicflung  aller  %n[i(l^ttn,  tottdft  {tet6  in  bie 
tootte  ©irfltt^feit  hineingreift,  ip  nic^t  ber  geringflc  SJorgng  be«  ©ndjefl  unb 
mirb  tl^re  Sngie^ungdfraft  auf  einen  gebilbeten  £eferlreid  beioä^ren.'* 

Siterar.  (EentralBIatt. 


In  Ferd.  Dümmler's  Verlagsbuchhandlimg  (Harrwiu  and  Gois- 
mann)  in  Berlin  ist  im  vorigen  Jahre  erschienen: 

Sobler  (Dt.  Ifubmi^f  Professor  an  der  Hochschule  zu 
Bern),  Ueber  die  Wortzusammensetzung  mit  einem  Anhang 
über  die  verstärkenden  Zusammensetzungen.  Ein  Beitrag 
zur  philosophischen  und  vergleichenden  SprachwissenschafL 
1868.    gr.  8,    geh.     1  Thir. 

Hl,  Prof.  Stein thal  spricht  sich  im  Eingange  einer  längeren  Be- 
urtheilong  (Zeitschrift  für  Völkerpsychologie  nnd  Sprachwissenschaft  VI.  3.) 
dieser  Schrift  wie  folgt  aus:  «Der  Verfasser  ist  durch  manchen  sprach- 
wissenschaftlichen Aufsatz  in  dieser  wie  in  andern  Zeitschriften  schon 
längst  vortheilhaft  bekannt.  In  der  vorliegenden  ausgeführten  Monographie 
tritt  der  Charakter  seiner  Bestrebungen  noch  deutlicher  hervor,  als  dies 
schon  in  den  kleineren  Arbeiten  der  Fall  war.  Indessen,  wie  sorgfaltig 
er  auch  um  die  relative  Vollständigkeit,  noch  mehr  um  die  richtige  und 
genaue  Darstellung  der  Thatsachen  bemüht  ist:  nicht  hier  liegt  der  eigen- 
thümliche  Weräi  seiner  Bestrebungen.  Der  ist  vielmehr  in  der  begrifflidien 
und  idealen  Durchdringung  und  Verknüpfung  des  Bestandes  der  "Diät- 
Sachen  zu  erkennen.  —  Sprechen  wir  nun  nach  der  einen  Seite  hin, 
nämlich  nach  Seiten  der  Kenntnifs  und  Aufnahme  der  Thatsachen  kurz 
und  schlechthin  unsere  Anerkennung  aus,  und  prüfen  wir  nun  nach  der 
andern  Seite  hin,  inwiefern  ihm  nach  der  Ueberschan  auch  die  Durch- 
schau der  Thatsachen  gelungen  isf  Die  Benrtheilung  schliefst  mit  den 
Worten:  „Wer  die  angedeutete  Aufgabe  übernehmen  wollte,  würde  in 
des  Verfassers  Buch  eine  vortreffüche  Grundlage  finden.*     — 

A.W.  Schade's  Bochdrack«rei  (L.  Schade)  ia  Berlin,  Stallaehrelbentr.  47. 


'•i     .-.     ,s  I 


ZEITSCHRIFT 

FÜR 

VERGLEICHENDE 

SPRACHFORSCHUNG 

AUF  DEM  GEBIETE  DES 

DEUTSCHEN,   GRIECHISCHEN  UND 
LATEINISCHEN 

HERAUSGEGEBEN 

VOM 

Dr.  ADAXiBBaT  KUHN, 

PROFB880R  AV  CdLKISORBN  OTlUrASIUM  ZU  BBBLDf. 


BAND  XVm. 

SECHSTES  HEFT. 


^  BERLIN, 

FERD.  DÜMMLER'S  VERLAOSBUCHHANDLUNO 

(HABHWITZ  UND  GOSSMANN) 
1869. 


Inhalt.  Seite 

Lateinisches  nnd  romaniscbes.  IV.  Von  G.  I.  As  coli .  .  .  .  417 
Ans« ige:  Revue  de  lingaittique  et  de  philoIogie  comparee,  recueil 

trimestriel  de  docameote  poar  servir  i  la  science  positive  des 

langaes,  i  IVthnologie,  k  la  mythologie  et  k  Thistoire.  1, 1  et  2. 

Aneezeigt  von  Johannes  Schmidt 446 

Miscellen:  Za  den  secand&rsuffizen  -an,  -ina,  -inja,  -tä,  -tva,  -vant. 

Von  A.  Fiok ; 453 

Nimif.    Von  Michel  Br^al 456 

Sach-  nnd  Wortregister.    Von  £.  Kahn 457 


Antiq.   Yerzeichn.   No.  88.    Bibliotheca  philolog. 
3300  Nummern.    Preis  2^  Sgr. 

J.  A.  Stai^^dty  in  Berlin,  Jägerstr.  53. 

Bei  A.  Franck  (F.  Vieweg)  in  Paris  erschien: 

Oppert,  J.,  älöments  de  la  grammaire  assyrienne. 

Seconde  Edition  considerablement  augmentöe. 

1  Vol.  in  8  de  XXH  et  128  pages.    br.    Preis  1  Thlr.  21\  Sgr. 

Bei  A.  Franck  (F.  Vieweg)  in  Paris  erschien; 

M6moireB  de  la  Sociötö  de  linguistique  de  Paris. 

Tome  Premier,  premier  et  deuxi^me  faocicules. 
Gr.  in  8^  de  XX  et  192  pages.    br.    Preis  jeder  Lief.  1  Thlr.  12]^  Sgr. 

Gontenn  dn  pi^emier  fascicnle:  I.  Statuts,  r^glement,  liste 
des  membres  au  31.  d^cembre  1867.  —  11.  £.  Egger,  De  T^tat  actnel 
de  la  langue  grecqae  et  des  r^formes  qa'elle  sabit  —  III.  F.  Mennier, 
De  quelques  anomalies  que  präsente  la  d^clinaison  de  certains  pronoms 
latins.  —  rV.  D*Arbois  de  Jubainville,  £tude  sur  le  verbe  auzi- 
liaire  breton  Eaout  avoir.  —  V.  M.  Br^al,  Les  progrbs  de  la  gram- 
maire compar^e.  —  VI.  G.  Paris,  Vapidus  fade.  —  VII.  B.  Mo- 
wat,  Les  noms  propres  latins  en  atius. 

Contenu  da  deaxieme  fascicnle:  I.  E.  Renan,  Sur  les  formes 
du  verbe  s^mitique.  —  II.  C.  Thnrot,  Observations  sur  la  significa- 
tion  des  radicaux  temporeis  en  grec.  — III.  L.  Gaussin,  Un  mot  snr 
le  Bhotacisme  dans  la  langue  latine.  ~  IV.  D'Arbois  de  Jubain- 
ville, :6tude  sur  le  futur  auxiliaire  en  breton  armoricain.  —  V.  P. 
Meyer,  Phon^tique  proven9ale.  O.  —  VI.  M.  Br^al,  Les  donblets 
latins.  —  Vn.  R.  Mowat,  De  la  d^formation  dans  les  noms  propres« 
VIII.  G.  Paris,  gens,  giens. 

Troisi^me  fascicnle  sons  presse: 
Br^al,  Le  th^me  pronominal  da. 
Plois,  Le  dieu  Janus. 
Thurot,  La  n^gation  non. 

Mowat,  Sur  les  noms  k  signlfication  hypocoristique. 
P.  Meyer,  Les  finales  an  et  en. 
G.  Paris,  Le  peUt  Poncet. 
Vari^t^s,  Thalassio  par  M.  Robiou, 

La  racine  ose,  par  d'Arbois  de  Jubainville. 
Necesse,     avayxrj  par  Michel  Br^al. 


Ascoli,  lateinisches  und  romanisches.  417 

Lateinisches  und  romanisches. 
IV. 

Die  Corssen'sche  beurtheilnng  meiner  aDsichten  über  die 

lateinischen   fortsetzer    der  indogermanischen    und  gr&ko- 

italischen  aspirateo« 

Die  im  vorigen  artikel  (zeitschr.  XVII,  241 — 281, 
321 — 354)  von  mir  vorgeschlagene  theorie  über  die  latei- 
nische Vertretung  der  indogermanischen  aspiraten  hat  Cors- 
sen  in  den  nachtr&gen  zu  dem  eben  erschienenen  er^n 
bände  der  zweiten  ausgäbe  seines  buches  über  ausspracne, 
vokalismus  und  betonung  der  lateinischen  spräche  (802  ff.) 
aufs  entschiedenste  verworfen.  Ein  anderer*  sich  eng  daran 
anschliefsender  aufsatz  von  mir  (Le  figure  latine  del  de- 
rivatore  originario  di  nomi  dMstrumento),  der  mit  etwas 
verschiedenem  titel  in  De  Gubernatis^  Rivista  Orientale 
erschien  (vgl.  Schweizer -Sidler  zeitschr.  XVII,  }46 — 150), 
und  zugleich  als  dritter  bogen  des  zweiten  bandes  meiner 
Studj  critici,  woran  ich  nicht  weiter  drucken  liefs,  einigen 
mitforschern  mitgetheilt  wurde ,  erfährt  natürlicherweise 
das  nämliche  loos  (a.  o.  166ff.).  Die  fQr  die  vergleichende 
lautlehre,  und  nicht  för  sie  allein,  so  erhebliche  Wichtig- 
keit des  gegenständes  läfst  es  nun,  bei  der  autorität  mei- 
nes gegners,  zweckmäfsig  erscheinen,  die  Streitfrage  so- 
fort in  diesen  blättern  etwas  näher  zu  beleuchten.  Dabei 
werde  ich  mir  die  möglichste  bflndigkeit  und  die  reinste 
objectivität  zur  strengen  pflicht  machen. 

Gegen  die  gangbare  ansieht,  da(s  der  ursprünglichen 
anlautenden  media  aspiVata  die  lateinische  Spirans*),  der 
ursprünglichen  inlautenden  media  aspirata  hingegen  die 
einfache  lateinische  media  durch  entziehung  der  aspi- 


*)  Lat.  und  osk.-nmbr.  h  ond  /,  ferner  orlat.  k,  p,  f  wurden  im  vorigen 
artikel,  und  werden  anch  im  gegenwärtigen,  als  Spiranten  qnalificiert.  So 
erscheinen  anch  s.  b.  bei  Schleicher  italisches  h  nnd/  nnter  den  Spiranten; 
und  so  gelten  spätgriech.  ;^,  &^  <p  u,  dergl.  als  Spiranten,  im  gegensata« 
an  den  eigentlichen  aspiraten  (vgl.  Arendt,  Cnrtins,  Ebel  u.  a.).  Bei  Corssen 
heifst  es  hingegen  (a.  o.  98,  185  f.,  vergl.  189):  «spirans,  also  hauch- 
laut-. 

Zeitschr.  f.  vgl.  spracht  XVni.  6.  27 


418  Ascoli 

ration  entspreche,  und  zwar  so,  dafs  z.  b.  lat.  f  in  fer-o 
das  ganze  alte  AA  (bhar),  lat.  b  in  nubes  hingegen  blofs 
die  erste  hälfte  des  alten  bh  (nabbas)  fortsetze,  habe 
ich  erstens  geltend  gemacht,  dafs  dadurch  eine  inco- 
härenz  in  der  unmittelbaren  lateinischen  Fort- 
setzung der  alten  mediae  aspiratae  angenommen  wird 
(bh-,  ph-,  f-;  -bh-,  -b-;  u.  s.  w.),  woflQr  keine  analogie  aus 
irgend  einer  indogermanischen  spräche  aufgestellt  werden 
kann,  da  man  sonst  nirgends  findet,  dafs  die  regelmä- 
fsige,  in  gerader  linie  sich  fortentwickelnde  Ver- 
tretung eines  gegebenen  ursprünglichen  lautes 
ihrem  genus  und  ihrer  species  nach  verschieden  ausfalle, 
je  nach  der  stelle,  die  derselbe  laut  im  worte  einnimmt 
(a.  o.  246),      - 

Dieser  einwand  ist  nach  Corssen  von  keiner  bedeo- 
tung.  „Wenn  aus  kt>  im  anlaut  (entgegnet  er)  sowohl  p 
als  Oy  aus  a  sowohl  e  als  o  geworden  ist,  so  kann  im  la- 
teinischen auch  bh  sich  verschieden  gestaltet  haben  zu  f 
und  zu  6.  Auch  Ascoli  läfst  seine  angeblichen  urlateini- 
schen Spiranten  sich  auf  geschichtlich  lateinischem  sprach- 
boden  in  doppelter  weise  gestalten,  nämlich  urlateinischen 
Spiranten  h  zu  lateinischem  h  und  g  und  urlateinischen 
Spiranten  f  zu  lateinischem  f  und  6.^  a.  o.  802  f. 

Corssen  meint  also,  dafs  andere  fälle  im  lateinischen 
selbst  vorliegen,  welche  zu  der  von  mir  gerügten  inco- 
härenz  eine  passende  analogie  darbieten,  und  dais  die  von 
mir  aufgestellten  lautübergänge  ihrerseits  einer  gleichen  in- 
cohärenz  anheimfallen.  Weder  das  eine^  noch  das  andere. 
Uro  vom  letzteren  anzufangen,  so  habe  ich  auf  die  deut- 
lichste weise  die  doppelheit  einer  normalen  sich  direkt 
fortentwickelnden  Vertretung  gerügt,  die  sich  durch 
folgende  figur  darstellen  läfst: 


Jjasse  ich  hingegen  aus  urspr.  bh  (um  uns  der  kürze  halber 
auf  dieses  zu  beschränken)  einzig  urlateinischee  f  entstehen, 
wofbr  der  thatsächliche  bestand  des  oskischen  und  des 


lateinisches  und  romanisches.  419 

umbrischen  noch  immer  zeugt,  später  aber  dies  italische 
f^  je  nach  der  Stellung  im  worte,  nach  anderweitigen  la- 
teinischen nnd  auiseritaUschen  analogien  («um,  eram  a.  s.  w.), 
entweder  als  lat.  f  fortleben  oder  aber  sich  zu  lat.  fr  ge- 
stalten, wodurch  man  die  folgende  figur  erhftlt: 

bh 

I 

f-  -b- 
so  ist  dies  augenscheinlich  keine  sich  direkt  fortentwik- 
kelnde  doppelte  Vertretung  eines  gegebenen  ursprüng- 
lichen lautes.  So  kommt  beispielsweise  im  gotischen:  abu 
neben  af  (a^o),  im  angels.  sveger  neben  got.  svaihro 
(socrus)  u.  s.  w.  vor;  dies  bedeutet  aber  nicht,  dafs  man 
f&r  die  gotische  lautstufe: 

urspr.  p  urspr.  k 

anzusetzen  habe,  Bondern,  wie  jedermann  zugibt: 

urspr.  k 


h 

f         b  hg 

Gesetzt  femer,  aus  altem  ko  entstehe  sowohl  lat.  p  als  lat.  v 
so  würde  anerkanntermafsen  in  solchen  sporadischen  fül- 
len entweder  eine  einfache  aphärese  (*kvarmi-,  vermi») 
oder  eine  besondere  wechselwirkuDg  zweier  benachbarten 
laute  (torqv-,  trep-;  osk.  pod  =  quod)  vorliegen;  dies 
hfttte  aber  wahrlich  mit  einer  regelmäfsigen,  je  nach  der 
Stellung  im  worte  in  gerader  linie  sich  entwickelnden  dop- 
pelten Vertretung  eines  gegebenen  ursprünglichen  lautes 
nichts  gemein.  Auch  wird  sich  jeder  unbefangene  dar- 
über wundem,  wenn  man  der  von  mir  gerügten  incohärenz 
die  verschiedenen  schattierangen  der  lat.  refleze  des  urspr.  a 
entgegenstellt. 

Zweitens  habe  ich  gegen  die  gangbare  ansieht  über 
die  lateinische  Vertretung  der  ursprünglichen  mediae  aspi- 
ratae  eingewendet,  dafs  durch  die  früher  berührte  incoh&- 

27* 


420  Aacoli 

renz  ein  bedeutender  spalt  zwischen  lateinischer  zunge 
einer-  und  griechisch-oskiscb-umbrischer  zunge  andererseits 
entsteht^  der  in  jene  Sprachperioden  hinaufreichen 
mflfste,  in  denen  wir  gewöhnlich  eine  vollkom- 
menere  Obereinstimmung  der  bezüglichen  laut- 
systeme  suchen  und  finden,    a.  o.  246  f. 

Auch  dieser  einwand  ist  nach  Corssen  hinfällig,  in- 
dem er  sich  darQber  folgendermafsen  ausspricht  (a.  o.  803): 
„Zweitens  soll  durch  die  obige  lehre  ein  spalt  entstehen 
zwischen  der  lautgestaltuog  im  lateinischen  und  im  um- 
brisch-oskischen.  Das  ist  gar  nicht  befremdlich;  ein  sol- 
cher spalt  zeigt  sich  mehrfach  zwischen  diesen  sprachen^ 
z.  b«  darin,  dafs  das  relativpronomen  im  lateinischen  mit 
c,  qu  anlautet:  quis,  quod,  im  umbrisch-oskischen  mit 
p:  pis,  pod.  Ein  spalt  soll  auch  durch  jene  lehre  in  der 
lautentwicklung  zwischen  der  lateinischen  und  der  griechi- 
schen spräche  angenommen  werden.  Ein  solcher  findet 
•ich  aber  thatsächlich  vielfach  zwischen  diesen  beiden  spra* 
chen,  z.  b.  auch  darin,  dafs  viele  griechische  Wörter  die 
tenuisaspiraten  (ft  Xt  "^  enthielten,  aber  kein  einziges  in 
der  spräche  wirklich  bestehendes,  einheimisches  altlateini- 
sches wort  eine  spur  von  einem  dieser  laute  zeigt,  dals  im 
griechischen  9  zwischen  vokalen  in  zahlreichen  f&llen 
schwindet,  wo  es  im  lateinischen  zu  r  wird,  t>  im  griechi* 
sehen  ausf&Ut,  wo  es  im  lateinischen  erhalten  bleibt,  aue- 
lautendes ifi  im  griechischen  zu  n  wird,  wo  es  im  lateini- 
schen sich  h&It,  und  so  in  zahlreichen  anderen  f&llen.  Und 
ebenso  liegt  zwischen  der  umbrisch-oskischen  sprachsippe 
und  der  griechischen  spräche  ein  so  tiefer  spalt,  dafs  es 
verfehlt  ist,  von  einer  griechisch-umbrisch-oskischen 
zunge  zu  reden ^. 

Die  unter  sich  verschiedenen  lautgestalten,  wodurch 
auch  sonst  das  lateinische  vom  oskisch- umbrischen  oder 
das  griechische  vom  lateinischen  u.  s.  w.  auseinandergehen 
(befremdlich  genug  zählt  indefs  Corssen  als  sonstiges 
beispiel  eben  die  tenuisaspiraten),  hat  gewifs  kein  Sprach- 
forscher weder  übersehen  noch  geläugnet,  indem  niemand 
daran  denkt,  lateinisch,  griechisch,  oskisch  u.  s,  w.  als  eine 


lateiniflches  und  romaniflohea.  421 

und  dieselbe  spräche  auszugeben.  Dafs  aber  hierdurch  ir- 
gend etwas  gegen  meinen  einwand  gewonnen  werde,  mufs 
ich  aufs  entschiedenste  in  abrede  stellen.  Denn  wenn  z.  b. 
der  Lateiner  nutus  sagt,  und  der  Grieche  vvog^  so  gibt 
jedermann  zu,  dafs  durch  die  beiderseitigen  allgemein  an- 
erkannten Vorstufen:  *nu8us,  *vvkog  *vvaogj  die  lauteinheit 
noch  diesseits  irgend  einer  indogermanischen  unitfttspe- 
riode  wiederhergestellt  wird.  Ebenso  wird  auch  Corssen 
Dicht  umhin  können,  lat.  quod  und  oskisch  pod  diesseits 
der  indogermanischen  einheit  auf  kfood  oder  kooi  als  auf 
ihre  gemeinsame  quelle  zurfickzufübren ,  denn  sonst  w&re 
ja  selbst  seine  italische  muttersprache  (vgl.  z.  b.  krit. 
nachtr.  197,209)  nicht  mehr  da.  "Wenn  wir  hingegen,  bei 
der  lateinischen  Vertretung  der  ursprünglichen  aspiraten, 
uach  der  gangbaren  ansieht  folgende  figur  annehmen; 


so  steigt  lat.  b  unmittelbar  zu  bh  hinauf,  d.  h.  es  steigt  die 
besondere  lateinische  lautgestalt  (als  halbiertes  bh)  bis  zur 
ursprünglichen  hinauf,  ohne  derjenigen  iautstufe  zu  begeg- 
nen, die  das  oskisch-umbrische  nebst  dem  griechischen  ein- 
nimmt. Da  aber  insbesondere  der  oskisch-umbrische  con- 
sonantismus  sonst  mit  dem  lateinischen  in  der  regel  durch- 
weg übereinkommt,  so  ist  die  kraft  dieses  von  mir  vorge* 
brachten  und  keineswegs  erschütterten  einwandes  sehr 
hoch  anzuschlagen. 

Drittens  habe  ich  gegen  die  gangbare  ansieht  über 
die  lateinische  Vertretung  der  indogermanischen  aspiraten 
eingewendet,  dafs  die  annähme:  lateinische  media  ss  alter 
aspirata  nach  abzug  der  aspiration,  bei  lat.  b  =  ursprüngl. 
dh  (über  üdhar  u.  s.  w.),  wozu  noch  gewifs  lat.  6  »s  altem 
th  kommt,  so  viel  als  reine  Unmöglichkeit  ist,  da  es  ein 
wirklieh  verzweifeltes  mittel  wäre,  wenn  wir  noch  dafbr, 
wie  es  Curtius  fQr  lat.  f  und  b  =  urspr.  dh  gewagt  hat, 
zu  einem  umsprunge  von  dh  und  <A,  oder  genauer  von  i% 
zu  &A,  unsere  Zuflucht  nehmen  wollten,    a.  o.  247. 

Auch  dieser  einwand  ist  nach  Corssen  nicht  stich- 


422  Aseoli 

haltig,  indem  er  eDtgegnet:  „Wenn  de  in  6,  g  in  b^  c 
in  p  amscblng,  wie  thatsächlioh  feststeht,  so  sieht  man 
nicht  ein,  weshalb  denn  die  folgerang,  bh  könne  in  ähnli- 
cher weise  ans  dh*)  umgelautet  sein  (s.  olf.  s.  160),  so  ver- 
zweifelt sein  soU.^  ausspr.  u.  s.  w.  1%  803. 

Mein  kritiker  beruft  sich  dabei  auf  eine  von  ihm  a.  o. 
160  aufgestellte  vermuthung,  wonach  f  aus  dh  und  gh  durch 
dhv  und  ghv  entstanden  wäre,  so  wie  6  aus  dD  und  gv 
oder  p  aus  ko.  Hier  mufs  nun  vor  allem  bemerkt  werden, 
dafs  es  etwas  ganz  verschiedenes  ist,  ob  man  z.  b.  bei  ru- 
ber (radhir&)  das  lat.  6  als  die  direkte  fortsetzung  des 
ersten  dementes  eines  aus  dh  umgelauteten  bh  auffalst,  wie 
man  nach  der  von  mir  beanstandeten  und  von  Corssen 
a.  o.  802  f.  vertheidigten  ansieht  zu  thun  hat,  oder  aber 
nach  Corssen  a.  o.  160  dh  durch  dhe  zu  f  umlauten  lälst. 
Dais  übrigens,  meiner  meinung  nach,  f  aus  dhv  keine  laut- 
parallele zu  b  aus  de  und  dergl.  ausmachen  würde,  will 
ich  hier  der  kürze  halber  nicht  weiter  verfolgen;  mufs  aber 
ferner  hervorheben:  dais  es  sich  bei  b  aus  gv  u.  s.  w.  um 
sporadische  f&Ue  handelt,  wof&r  sich  im  lateinischen  selbst 
die  ursprünglichere  lautgestalt  mehrmals  vorfindet  (duo 
bis),  während  sich  hingegen  anl.  tat.  f  an  der  stelle  von 
urspr.  dh  als  ausnahmslose  regel  ergibt  und  ftlr  lat.  b  ur- 
sprünglichem dh  gegenüber  eine  ganze  reihe  dem  inlaute 
zukommender  falle  sich  aufstellen  läfst,  ohne  dafts  ein  ein- 
ziges lateinisches  beispiel  für  die  dto-gestalt  nachgewiesen 
werden  könne;  ferner  aber,  dafs  bei  italischem  oder  latei- 
nischem p  aus  uro,  b  aus  ge^  das  v  auch  sonst  auf  indo- 
germanischem gebiete  zum  Vorschein  kommt  (pod  *kvod 
neben  got.  h  va;  be-n-  *gve-n-  neben  got.  qva-m-  u.s.w.), 
während  für  das  von  Corssen  ersonnene  dhv  nicht  die  ge- 
ringste stütze  irgendwo  zu  finden  ist. 

Also  von  meinen  drei  einwänden  gegen  lat.  6  als  hal- 


*)  Bei  Corssen  aus  versehen:  dh  könne  in  ähnlicher  weise  aus  6Ä.  — 
So  steht  bei  ihm  aus  versehen,  s.  802  letzte  zeiie:  /  zu  lat.  k  und  ^  (statt: 
k  SU  lat.  h  und  <7). 


lateinisches  und  romanifiches.  423 

biertes  bh  u.  8.  w.  ist  kein  einziger  auf  irgend  eine  weise 
durch  Corssen's  entgegensteliungen  entkräftet  worden. 

Lat.  f  wollte  Corssen  ausspr.  I\  68,  krit.  nachtr.  209  f. 
als  eine  labiale  aspirata  mit  starkem  hauche  (also  wahr- 
scheinlich nicht  als  eine  blofse  fricativa,  als  eine  blofse 
Spirans)  gelten  lassen;  und  es  sollte  nach  ihm  entweder 
das  vorwiegende  A-element  dieser  aspirata,  sowohl  im  an< 
laute  als  im  inlaute,  deren  labialen  bestandtheil  verdrängen, 
oder  aber  das  labiale  element  den  sieg  davon  tragen.  Da- 
gegen bemerkte  ich  (a.  o.  248  f.):  1)  dafs  wir  somit  zwi- 
schen zwei  entgegengesetzten  lautgestalten  schwanken,  die 
sich  etwa  auf  folgende  weise  veranschaulichen  iiefsen:  bhh 
bbh^  ohne  übrigens  zu  solcherlei  annahmen  durch  die  über- 
lieferte beschreibung  der  ausspräche  auf  irgend  eine  weise 
berechtigt  zu  sein;  —  2)  dafs  wenn  wir  sagen,  von  f  bleibe 
entweder  h  oder  b  zurück,  wir  entweder  eine  lautchemische 
Operation  ansetzen,  die  gewifs  zu  den  erwiesenen  dingen 
keineswegs  gehört,  oder  aber  die  ausspräche  von  f  jener 
von  skr.  bh  gleichstellen;  —  3)  dafs  die  Schwierigkeit  in  be- 
treff der  lateinischen  labialen  Vertretungen  der  alten  den- 
talaspirateu  dadurch  nicht  beseitigt  wird. 

Corsseu^s  erwiederung  lautet  jetzt  zu  1):  dafs  ein  sol- 
ches schwanken  sich  auch  *darin  zeige,  dafs  kv  im  lateini- 
schen sich  einerseits  zu  p,  andrerseits  zu  v  gestaltet,  aus- 
lautendes s  bald  abfällt,  bald  zu  r  wird,  ursprüngliches  a 
sich  einerseits  zu  e,  andrerseits  zu  o  abschwächt,  a.  o.  803. 
Ich  kann  aber  wahrlich  zwischen  den  beiden  unter  sich 
streitenden  aussprachen  und  der  daraus  folgenden  zwiefa- 
chen halbierung  einer  und  derselbeu  aspirata  einerseits,  und 
den  jetzt  zu  nennenden  lautlichen  erscheinungen :  verschie- 
dene nüancierungen  des  grundvocals,  Wechselwirkung  oder 
apbäresis  bei  der  lautgruppe  Ar,  ekthlipse  eines  urlatein.  s 
Cspeses  spes)  und  spätere  regelmäfsige  Umgestaltung  des 
urlat.  s  zw  r  (*genesis  generis)  andrerseits,  gar  keine  pas- 
sende analogie  erblicken.  So  war  im  prakrit  die  reine 
einheit  des  ursprüngl.  und  skr.  a  gewifs  nicht  erhalten; 
dals  aber  daselbst  aus  skr.  gh  sowohl  h  als  g  entstehen 
könne,  ist  mir  nicht  bekannt.     Und  es  bleibt  noch  immer 


424  Ascoli 

der  absolute  maogel  irgend  einer  traditionellen  stütze  zu 
Corssen's  annähme  übrig,  worauf  wir  später  zurückkom- 
men. —  Zu  2)  aber  entgegnet  Corssen  ebendaselbst: 
^Zweitens  nähme  (nach  Ascoli)  jene  ansieht  eine  lantche- 
mische  Operation  an.  Dieser  nicht  glücklich  gewählte 
bildliche  ansdrnck  kann  nur  bedeuten:  trennnng  der 
beiden  bestandtheile  eines  durch  einen  buchsta- 
ben  bezeichneten  lautes.  Die  trennbarkeit  der  aspi- 
rierten verschlufslaute  haben  schon  die  indischen  gramina* 
tiker  erkannt.  Jede  mediaaspirata  besteht  aus  zwei  in  der 
ausspräche  auf  einander  folgenden  und  deutlich  wahrnehm- 
baren lautbestandtheilen ,  dem  durch  Sprengung  des  ver- 
schlusses in  der  mundhöhle  entstehenden  anlautenden,  gnt- 
toralen,  labialen  oder  dentalen,  tönenden  platzlaut  oder  ex- 
plosivlaut  und  dem  nachstürzenden  also  auslautenden  star- 
ken hauche.  Dafs  dieser  hauch,  der  asper,  sich  abschwä- 
chen kann  zu  einem  lenis,  wird  doch  niemand  bestreiten 
wollen;  und  aus  dieser  abschwächung  der  energie  bei  der 
ausspräche  ist  doch  die  entstehung  der  medien  </,  6,  d  in 
fast  allen  indogermanischen  sprachen  aus  den  ursprünglichen 
mediaaspiraten  ghj  6A,  dh  eben  so  erklärlich  wie  andere 
lautschwächungen^.  Diese  entgegnung  gränzt  ans  unglaub- 
liche. Denn  meine  worte  lauten:  „dafs  wenn  wir  sagen,  von 
f  bleibe  entweder  h  oder  b  zurück,  wir  entweder  eine  laut- 
chemische Operation  ansetzen,  die  gewifs  zu  den  erwiesenen 
dingen  keineswegs  gehört,  oder  aber  die  ausspräche 
Ton  f  jener  von  skr.  bk  gleichstellen'^.  Ich  habe 
also  nie  in  abrede  gestellt,  dals  aus  altem  bh  irgendwo  ein 
einfaches  b  zurückbleiben  könne,  habe  eben  in  der  von 
Corssen  gewürdigten  arbeit  (a.  o.  258  ff.)  über  die  trenn- 
barkeit der  aspirierten  ezplosivae  gehandelt,  und  nur  das 
bestreiten  wollen,  was  ich  noch  immer  getrost  bestreiten 
kann,  dafs  aus  einem  lat.  f,  nach  extrahierung  eines  h  ein 
b  zurückbleiben  solle,  et  viceversa.  Dies  und  blofs  dies 
habe  ich  auf  die  deutlichste  weise  als  eine  unglückliche 
lautchemische  Operation  zurückgewiesen.  Wenn  jetzt  Cors- 
sen (a.  o.  135, 171,  803  f.)  seine  ansieht  oder  ausdrucksweise 
dabin  modificiert,  dafs  lat.  f  ein  reibelaut  ist,  der  inlautend 


lateinisches  und  romanisches.  425 

durch  die  mittelstufe  eines  weichen  dem  gr.  ß  ähnlichen 
labialen  lautes  zu  6  wird  (wodurch  er  onbewufst  mit  mir 
völlig  Qbereinstimmt),  ferner  aber  lat.  f  noch  immer  aus 
einem  anlautenden  labiodentalen  tonlosen  laut  und  dem 
nachdringenden  starken  hauche  bestehen  läfst,  und  meine 
in  rede  stehenden  einwände  noch  immer  hartnäckig  bekämpft, 
so  führt  er  wahrlich  dadurch  weder  in  der  Sache  selbst, 
noch  in  seiner  Stellung  als  polemiker  eine  glückliche  ände- 
ruDg  herbei.  Er  besteht  unter  anderem  hartnäckig  darauf^ 
dafs  man  h  aus  f  als  den  zweiten  bestandtheil  seines  dop- 
pelreibelautes  einzuräumen  habe;  und  man  weifs  nur  nicht, 
ob  er  h  aus  f  auch  im  spanischen,  im  armenischen,  im 
rumunischen  u.  s.  w.  auf  eben  diese  weise  erklärt  wissen 
will.  Wenn  er  endlich  (zu  3)  wegen  f  (6)  aus  ursprüng- 
lichem dh  a.  o.  804  bemerkt:  „gerade  weil  f  eben  ein  la- 
biodentaler oder  dentallabialer  laut  war,  wenn  auch  mit 
vorwiegend  labialem  lantbestandtheil ,  lag  er  ja  in  der  mitte 
zwischen  dentalen  und  labialen  lauten,  ist  also  ganz  vor- 
züglich geeignet  als  mittelstufe  den  Übergang  von  dh  durch 
f  zu  b  zu* erklären",  und  dabei  auch  seine  eigene  hypo- 
tbese  von  f  (b)  aus  dh  oder  von  f  aus  gh  durch  dhv  gho 
(s.  oben)  gänzlich  vergifst,  so  erachte  ich  dagegen  jeden 
einwand  als  überflüssig. 

Nachdem  mein  gegner  auf  diese  weise  „Ascoli^s  sämmt- 
liühe  einwände  als  hinfällig  und  unerheblich  erwiesen  hat", 
die  jedoch  sämmtlich  in  ihrer  vollsten  kraft  noch  fortbe- 
stehen, greift  er  die  von  mir  vorgeschlagene  theorie  über 
die  lateinische  Vertretung  der  indogermanischen  mediae  aspi- 
ratae  an,  die  ich  durch  folgende  tabelle  veranschaulicht 
habe: 

indogerm.  aspir.  gh 

urit.  und  urgr.  asp.         x 

urlat.  Spirant.  h 

lat.  Vertretung  h-  g-    -g-     • 

Diese  aufstellung  mit  ihrer  vierfachen  Stufenfolge  er- 
klärt nun  Gorssen  (a.  o.  804)  als  eine  künstliche  vom 
boden  der  sprachlichen  thatsachen  auf  dem  gebiete 


dh 

bh 

f 
f-      -b- 

f 
f-     -b- 

426  Ascoli 

der  alten  italischen  sprachen  ganz  loBgerissene  theo- 
retische hypothese. 

Was  aber  zuerst  das  vierfache  in  meiner  stafenfolge 
anbelangt,  so  sind  die  erste  und  vierte  stufe  (z.  b.  indog. 
nnd  skr.  AA,  lat.  f^  b)  weiter  nichts  als  wirklich  in 
spräche  und  schrift  vorhandene  thatsachen;  und 
die  beiden  dazwischen  liegenden  stufen,  also  z.  b.  bei  der 
iabialaspirata  die  lautstufen  tp  (als  gr.  und  urit.  tenuis  asp.) 
und  f  (als  iirlat.  spirans)  besagen  eigentlich  blofs  dies:  dais 
z.  b.  der  stunjme  italische  reibelaut  f  (ein  solcher  ist  lat.  f 
fQr  Corssen  selbst,  s.  dessen  lauttabelle  a.  o.  32)  aus  der 
ursprünglichen  media  aspirata  bh  durch  die  mittelstufe  der 
tenuis  aspirata  pA,  die  im  altgriechischen  (und  zigeuneri- 
schen) fortlebt,  entstanden  ist;  was  schwerlich  von  anderen 
Sprachforschern  wird  bestritten  werden.  Uebrigens  ist,  von 
urlat.  p  abgesehen,  selbst  die  dritte  stufe  (A  f  als  oskisch- 
umbr.  und  urlat.  Spiranten)  durchaus  historisch,  und  somit 
stellt  sich  einer^its  meine  künstliche  vierfältigkeit 
als  etwas  in  der  that  überaus  einfaches  und  natür- 
liches heraus,  andrerseits  wird  aber  der  Corsstfn'sche  Vor- 
wurf, meine  hypothese  sei  vom  boden  der  sprachlichen 
thatsachen  auf  dem  gebiete  der  altitalischen  sprachen  los- 
gerissen, schon  weit  über  die  hälfte  widerlegt.  Sehen  wir 
nun  die  positiven  einwände  an,  die  Corssen  vom  altitalischen 
Standpunkte  gegen  meine  theorie  vorzubringen  vermag. 

Folgende  thatsachen  wären  also  nach  ihm  gegen  die- 
selbe geltend  zu  machen:  „Es  gibt  kein  achtes,  altla- 
teinisches wort,  das  den  laut  einer  der  tenuisaspiraten 
Xi  tV-  oder  cp  enthielte.  Die  älteren  Kömer  konnten  daher 
diese  laute  in  den  aus  dem  griechischen  entlehuten  Wörtern 
nur  durch  c,  (,  p  in  der  ausspräche  wiedergeben;  erst  seit 
Cicero^s  Zeitalter  umschrieben  sie  diese  laute  durch  die 
schriftzeichen  cA,  f A,  pA.  Die  griechischen  buchstaben 
für  jene  laute  X,  ft^,  0  sind,  als  die  Römer  das  griechische 
aiphabet  der  unteritalischen  Griechen  aufnahmen,  und  auch 
später  nicht  in  dieser  geltung  in  das  lateinische  ai- 
phabet mit  aufgenommen  worden,  weil  die  altlateini- 
sche  spräche  die  tenuisaspiraten  gar  nicht  kannte.  Es  gibt  fer- 


lateiBisches  und  romanischcB.  427 

Der  kein  ombrischcs,  oskisches,  sabelliscbes,  toIs- 
kiscbes  oder  faliskisohes  wort,  so  weit  unsere  bis- 
herige kenntnifs  dieser  dialekte  reicht,  in  welchem  ein  den 
griechischen  tenuisaspiraten  ;^,  \^  oder  (p  gleicher  con- 
sonantischer  laut  bezeichnet  oder  erweislich  wäre.  Die 
alphabete  dieser  italischen  volksstämme,  die  ebenfalls  ans 
dem  griechischen  stammen,  haben  daher  auch  die  griechi- 
schen schriftzeichen  X,  &,  4>  niemals  bei  sich  eingo« 
bürgert;  sie  weisen  dieselben  nirgends  auf  in  wortformen 
an  gleicher  stelle  mit  verwandten  griechischen  Wörtern. 
Daraus  folgt  der  schlufs,  dafs  die  italischen  sprachen 
seit  der  zeit,  wo  sie  das  griechische  aiphabet  aufnahmen, 
die  tenuisaspiraten  nicht  kannten.  Die  folgerung: 
laute,  die  in  keiner  der  italischen  sprachen  als 
\Tirklich  vorhanden  zur  erscheinuug  kommen,  sind  trotz- 
dem uritalisch  gewesen,  kann  kein  unbefangener 
für  folgerichtig  ansehen*,  a.  o.  804f. 

Die  Sachlage  ist  aber  nun  diese:  wir  haben  die  altita* 
liechen  fricativae  (bestimmter  Spiranten)  h  und  f  vor  uns; 
es  gilt  die  art  und  weise  zu  bestimmen,  wie  diese  stummen 
fricativae  aus  den  ursprfknglich  tönenden  aspirierten  explo- 
sivae  entstanden  sind;  die  Qbergangsstufen  müssen  natOr- 
lieber  weise  vorhistorisch  sein,  denn  sonst  wäre  kein  pro- 
blem  mehr  da*).  Die  italischen  sprachen  haben  aber  die 
griechische  schrift  zu  einer  zeit  angenommen,  wo  ihr  laut- 
bestand im  allgemeinen,  und  speciell  in  betreff  der  Vertre- 
tung der  ursprünglichen  aspiraten,  anerkanntermafsen  der-, 
jenige  war,  dessen  entstehung  man  eben  erforschen  will. 
H  und  f  waren  also  anerkanntermafsen  reibelaute  (Spi- 
ranten) als  man  zur  darstellung  der  altitaliscben  laute  das 
griechische  aiphabet  annahm;  folglich  konnte  man  weder 
fQr  h  und  f  die  griech.  doppellautigen  aspiraten  (x  d.  i.  kb, 
cp   d.  i.   ph)   gebrauchen,    noch   später  x   und  cp   durch  h 

*)  Solche  vorhistorische  mittelstafen  kann  natürlich  Corssen  selbst  nicht 
entbehren.  Vorhistorisch  wären  beispielsweise  dessen  oben  gewürdigte  lant- 
ansetzungen  dhv  und  ghv.  Weiter  hoifst  es  a.  o.  140:  „Dafs  zwischen  dem 
ursprttngl.  labialen  verschlufslant  bh  und  zwischen  dem  italischen  labioden- 
talen reibolaut  /  einmal  die  mittelstufo  eines  labialen  aspirierten 
reibe!  au t CS  gelegen  hat,  davon  wird  weiter  unten  (wo?)  noch  die  rede 
sein  <*. 


428  Ascoli 

und  f  umschreiben.  Hiermit  wird  aber  nicht  im  minde- 
sten die  theorie  erschüttert,  nach  welcher  z.  b.  f  aus  bh 
durch  ph  entsteht,  folglich  die  zolässigkeit  einer  urita- 
lischen  tenuis  aspirata  nicht  im  mindesten  geffthrdet.  Dem 
fehlschlusse,  den  Corssen  gegen  mich  construiert,  mufs  ich 
daher  den  folgenden  entgegenstellen:  ,,Um  beispielsweise 
den  übergangslaut  zwischen  urspr.  hh  und  altit.  f  aufzu- 
decken, mufs  man,  dem  Corssen'schen  kriterium  zu  folge, 
nach  dem  fremden  buchstaben  fragen,  wodurch  die  Italer 
ihr  /*,  nachdem  es  f  ward,  schriftlich  bezeichnet  haben^. 

Auf  der  von  mir  aufgestellten  theorie,  die  Corssen  als 
künstlich,  haltlos  und  willkürlich  kennzeichnet,  mufs 
ich  jetzt  folglich,  bei  der  nichtigkeit  der  dagegen  vorge- 
brachten einwände,  umsomehr  bestehen.  Sie  empfiehlt  sich, 
wie  mich  dünkt,  durch  ihre  strenge  consequenz,  durch  ihre 
allseitigen  geschichtlichen  stützen  und  durch  die  einleuch- 
tende einfachheit  der  dadurch  erzielten  physio-etymol.  er- 
kl&rungen.  Denn  wenn  wir  so  überaus  deutlich  (selbst  nach 
Corssen:  -6-  aus  f)  von  der  lat.  media  -6-  durch  die  frica- 
tiva  f  zu  urspr.  bh  hinaufsteigen  (tibi,  tefe,  tubhjam), 
weiter  zwischen  urital.  f  und  urspr.  bh  die  griech.  tenuis  aspi- 
rata uns  begegnet  (amf-r,  aucfi^  abhi),  und  man  folglich 

-b-,  f,  <3r,  bh 
erhält,  so  ergibt  sich  als  nothwendige  parallele  dazu  (z.  b. 
bei  mingo,  *meiho  [mejo],  6-/a;^-^(ö,  migh): 

und  weiter,  z.  b.  bei  arduo-,  *arpuo,  6q&6(;^  wz.  ardh 
vardh: 

-d-,  p  (d.  i.  fricatives  &\  &  (d,  i.  th),  dh; 
endlich  wird  durch  die  stufe  des  fricativen  &  (p),  das  sich 
bald  zu  einem  (i-laut,  bald  zu  einem  /-laut  auch  in  anderen 
sprachen  gestaltet,  der  lateinischen  doppelvertretung  von 
urspr.  dh  (über,  üdhar;  beide  Vertretungen  neben  einan- 
der: arf-  [arb-]  neben  ard-,  wz.  urspr.  ardh): 

b  '  f  I  ^  ^^'  *•  ^"^***  ^^'  *  ^^'  ^'  **^^'  ^^ 
jede    Schwierigkeit  entnommen,    und   z.  b.   urlat.  mepio- 
(medius)   mit    osk.  mefio-  ohne   allen   zwang   vereinbart. 


lateinisches  nod  romaniscbes.  429 

Das  heifst  weder,  nach  Corssen^s  beliebtem  ausdrucke, 
synkretisieren,  noch  die  heiligkeit  des  lateinischen  indi- 
viduums  antasten;  noch  weniger  heifst  dies  eine  einheitliche 
gräkoitalische  grundsprache  voraussetzen,  indem  man  als 
bewiesen  annimmt,  was  vielleicht  durch  fernere  sorgsame 
Untersuchungen  einmal  erwiesen  werden  wird  (a.  o.  805), 
oder  ein  sprachliches  dogma  auf  dem  irrglauben  eines  grä- 
koitalischen  th  weiterbauen  (a.  o.  167);  sondern  es  heifst 
einfach,  die  mit  zwingender  consequenz  gewonnenen  resul- 
tate  unbefangener  und  gewissenhafter  forschung  an  den  tag 
legen.  Kein  lautphantom,  wie  sich  bei  einer  weiteren 
bald  zu  berührenden  frage  mein  gegner  ausdrückt,  ist  da- 
bei erdichtet  worden;  wohl  aber  sind  Corssen's  *dhf)  *ghv 
zwischen  urspr.  dh  gh  und  ital.  f  (s.  oben)  reine  lautphan- 
tome;  ein  sehr  furchtbares  und  schadenbringendes  lautphan- 
tom ist  ferner  Corssen^s  /*,  das  kein  /*,  kein  pA,  auch  kein 
bh  sein  soll,  und  mit  seiner  mysteriösen  ausspräche  so  vie- 
les zu  erklären  und  so  vieles  umzustofsen  sich  anmafst. 
Auf  dieses  einbildungsprodukt  zu  verzichten,  wäre  es,  wie 
mich  dünkt,  hohe  zeit,  da  weder  die  bereits  erörteten  laut- 
geschichtlichen facta,  noch  die  traditionellen  und  epigra- 
pbischen  andeutungen,  die  Corssen  geltend  macht  und  die 
wir  jetzt  berühren  wollen,  f&r  sein  lautliches  monstrum  ein 
einziges  wort  sprechen. 

Die  traditionelle  hauptstütze  f&r  sein  doppellautiges  f 
(stummer  labiodentalreibelaut  mit  nachstürzendem  starken 
hauche)  glaubt  Corssen  in  Quintilian's  bekannter  stelle  ge- 
funden zu  haben:  nam  et  illa,  quae  est  sexta  nostrarum, 
paene  non  humana  voce,  vel  omnino  non  voce  potius,  in- 
ter  discrimina  dentium  efflanda  est:  quae,  etiam 
quum  vocalem  proxime  accipit,  quassa  quodammodo, 
utique  quoties  aliquam  consonantem  frangit,  ut  in  hoc 
ipso  frangü^  multo  fit  horridior.  Aus  Quintilian's  Wor- 
ten soll  nach  Corssen  a.  o.  137  zweierlei  erhellen:  „einmal, 
dafs  bei  der  bildung  der  enge  in  der  mundhöhle  zur  aus- 
spräche des  lateinischen /"  die  zahne  betheiligt  waren,  und 
'das  können  nach  dem  oben  gesagten  nur  die  oberzähne 
gewesen  sein,  zweitens,  dafs  bei  der  ausspräche  desselben 


430  AieoU 

sich  eiD  starker  rauher  hauch  durch  die  gebildete  enge 
hindurohdrängte,  besonders  rauh,  wenn  dem  anlautenden  f 
ein  consonant  folgte  wie  in  frangit^.  Der  starke  hauch, 
der  dem  labiodentalen  bestandtheile  nachstürzen  soll,  wSre 
also  aus  Quintilian^s  efflanda  est  zu  folgern,  denn  aus 
quassa  und  horridior  wird  doch  Corssen  wohl  die  hor- 
ribilit&t  des  hauches,  nicht  aber  den  hauch  selbst  angedeu- 
tet wissen  wollen.  Wirklich  heifst  es  auch  bei  ihm  a.  o. 
138:  ^Quintilian's  aussage,  dafs  es  ein  starker  hauch  war, 
mit  dem  f  gesprochen  wurde,  wird  bestätigt  durch  die 
äufserung  des  Terentius  Scaurus  über  f  und  h:  ^jUtraque  ut 
flatus  est^.  Efflare  könnte  nun  buchstäblich  sowohl  her- 
ausblasen als  heraushauchen  bedeuten;  dafs  aber  der 
hauch  im  grammatikalischen  sinne  (die  aspiratio)  durch 
flare,  efflare  ausgedrückt  werde,  finde  ich  nirgends;  es 
erhellt  im  gegentheil,  eben  aus  des  Scaurus  werten  (utraque 
ut  flatus  est),  dafs  unter  flatus  unmöglich  die  aspiratio 
verstanden  werden  konnte,  sonst  würden  sie  ja  heifsen, 
dafs  h  und  f  eins  und  dasselbe  ist;  vielmehr  ergibt  es  sich 
entschieden  aus  denselben,  dals  ihm  flatus  als  eine  gene- 
rellere benennuDg  gilt,  worunter  sowohl  ein  blase-  oder 
wehuDgslaut  wie  unser  modernes  /*,  als  ein  leiser  hauchlaut 
mitbegriflen  werden  kann,  eben  wie  unter  spirans  bei 
modernen  Sprachforschern.  Keinem  unbefangenen  wird  es 
daher  in  den  sinn  kommen,  dafs  inter  discrimina  den- 
tium  efflanda  est  bedeute:  zwischen  den  Schei- 
dungen der  zahne,  und  zugleich  behaucht,  sondern 
es  wird  jedermann  ein&tch  darunter  verstehen:  durch  die 
Scheidungen  der  zahne  herauszublasen,  heraus- 
zustofsen.  Was  aber  weiter  die  horribilit&t  der  aus- 
spräche betrifit,  so  mufs  man  den  context  der  in  rede  ste- 
henden quintilianischen  stelle  wohl  beachten.  Sie  befindet 
sich  nämlich  unter  eigentlich  grammatikalischen  betrach- 
tungen  nicht;  sondern  es  ist  dort  von  der  den  Lateinern 
unerreichbaren  gratia  sermonis  attici  die  rede  (XII,  10,  35), 
und  es  heifst  unmittelbar  davor  (XII,  10,  27.  28):  Latina 
mihi  facundia,  ut  inventione,  dispositione,  consilio,  ceteris* 
hujus  generis  artibus  similis  graecae,  ac  prorsus  discipula 


lateinisches  und  romanisches.  431 

ejQS  videtur;  ita  circa  rationem  eloquendi  vix  habere  imi- 
tationis  locum.  Namque  est  ipsis  statim  sonis  durior: 
quando  et  jucundissimas  ex  graecis  literis  non  babemus, 
vocalem  alteram,  alteram  condonantem,  quibus  nullae  apnd 
eos  dalcius  spirant:  quas  mutuari  solemas,  quoties  illorum 
nominibuB  atimur.  Quod  cum  contingit,  nescio  quomodo 
bilarior  protinus  renidet  oratio,  ut  in  Epbyris  et  Ze- 
phyris.  Qoae  si  nostris  literis  scribantnr,  surdum  quid- 
dam  et  barbamm  efficient,  et  velat  in  locum  earum  succe- 
dent  tristes  et  horridae,  quibus  Graecia  caret.  Mithin 
schrieb  der  römische  rhetor,  fQr  dessen  ohr  das  griech.  ^ 
als  jucundissima  litera  klang,  dem  vaterländisohen  {c  oder) 
u,  griech.  i;  gegenüber,  eine  ausspräche  zu,  die  tristis  und 
horrida  war,  so  wie  die  des  vaterländischen  f  griech.  (p  ge- 
genüber.  Man  vergl.  weiter  unten  des  Mar.  Victorinus  er» 
schreckende  beschreibung  des  so  leise  lautenden  römischen  h. 
Weder  in  Quintilian's  noch  in  des  Scaurus  aussage 
ist  also  fQr  das  doppellautige  Corssen'sche  f  irgend  eine 
stütze  vorhanden ;  die  bestimmungen  der  späteren  gramma- 
tiker  stehen  aber  eqtschieden  dagegen.  Nach  Marius 
Victorinus  ist  lat.  f  weiter  nichts  als  ein  leiser  blaselaut 
(F  literam  imum  labium  supremis  imprimentes-  dentibus 
reflexa  ad  palati  fastigiam  lingua  leni  spiramine  pro-* 
feremus,  wobei  spiramen  wohl  wie  in  ventorum  spi- 
ramina  [soffio]  zu  fassen  ist;  und  stünde  es  auch  in  der 
bedeutnng  eines  grammatikalischen  Spiritus,  d.  h.  sollte 
auch,  was  mir  unmöglich  scheint,  durch  leni  spiramine 
blofs  ein  besonderer  zug  und  nicht  die  gesammte  ausspräche 
des  f  angedeutet  sein,  so  wäre  jedenfalls  spiramen  lene 
kein  Spiritus  asper  sondern  ein  spiritus  lenis,  d.  h. 
so  viel  als  null,  was  leicht  zugegeben  werden  kann)*);  und 
aus  Priscian's  werten  (hoc  tantum  scire  debemus,  quod  non 
fixis  labris  est  pronuntianda  f  quomodo  ph  [^],  atque  hoc 
solum  interest)  ist  keine  doppellautige,  sondern  bestimmt, 
eine  einlautige  ausspräche  für  lat.  f  zu  entnehmen,  da  ge- 

*)  Macrobins  (ed.  Keil  V,  606):  ...fallo,  fefelli.  F  enim  apnd  Latinos 
Saau  non  est,  qnia  non  habent  consonantes  Saaeiaq^  et  F  digammon  est 
AioXimv,  quod  Uli  solent  magis  contra  vim  aspirationis  adhibere:  taotam 
abest  Qt  pro  «^  habendum  sit. 


432  Ascoli 

wifs  zu  Priscian^s  zeit  gr.  ^,  das  schon  zu  Quintilians  zeit 
anter  die  „süfsesten^  laute  gerechnet  werden  konnte,  längst 
keine  wirkliche  aspirate  mehr  war,  sondern  eine  einfache 
Spirans  (vergl.  Cnrtius  grundz.  2.  ausg.  s.  370).  Uebrigens 
weifs  ich  nicht,  ob  in  Corssen's  auseinandersetzung,  die 
a.  a.  o.  dahin  zielt,  die  labialit&t  des  f  zu  beweisen,  die  Zeug- 
nisse der  beiden  letzteren  grammatiker  zur  eigentl.  feststel- 
lung  eines  doppellautigen  f  mit  angewendet  sein  sollen. 

Es  bleiben  noch  die  epigraphischen  Zeugnisse  Qbrig. 
Dafs  der  labiale  bestandtheil  des  f  im  altlateinischen  noch 
entschieden  kräftig  war,  soll  sich  daraus  ergeben,  „daüs 
er  in  den  formen  [tic^  com-fluont  das  labiale  m  der 
Präposition  com-  erhalten,  in  den  Schreibungen  im  fronte 
und  imfelix  das  n  von  in,  in-  zum  labialen  m  sich  assi- 
miliert haf.  a.  o.  138.  Dagegen,  dafs  im  altlateinischen 
eine  kräftigere  labialaussprache  des  f  als  z.  b.  die  des  heu- 
tigen italienischen  f  anzunehmen  sei,  hätte  ich  principiell 
nichts  einzuwenden.  Den  ganz  vereinzelten  Schreibungen: 
com-fluont,  im  fronte  und  imfelix  (bei  comfluont  und 
im-fronte  ist  übrigens  die  doppelconsonanz  /I  fr  in  erwä- 
gung  zu  ziehen)  kann  ich  indefs  eine  lautgeschichtliche 
Wichtigkeit  eben  aus  dem  umstände  nicht  beimes- 
sen, den  weiter  Cors^en  daf&r  geltend  machen  will.  Es 
heifst  nämlich  bei  ihm  (a.  o.  ebend.):  „So  hat  auch  der 
labiodentale  reibelaut  t?,  der  sich  vom  f  nur  dadurch 
unterscheidet,  dafs  bei  jenem  die  stimme  mitt&nt,  bei 
diesem  nicht,  jener  tönend,  dieser  tonlos  ist,  das  m  der 
Präposition  com-  erhalten  in  den  altlateinischen  formen 
com-vovisse,  com-valem^.  Sowohl  bei  com-valem 
als  bei  im- fei  ix  werden  wir  vielmehr  ganz  entschieden 
vor  schwachem  labial-  oder  labiodentallaut  ausnahmsweise 
statt  f»  geschriebenes  m  erblicken.  Wie  dem  auch  Übri- 
gens sein  mag  (denn  die  geringere  oder  gröfsere  labial- 
krafl  des  f  oder  des  f)  ist  bei  gegenwärtiger  frage  von 
keinem  gewichte),  so  muis  jetzt  auf  ein  neues  monstrum 
hingewiesen  werden,  das  uns  hier  durch  die  angäbe  ange- 
kündigt wird,  t>  unterscheide  sich  von  dem  doppellautigen 
f  nur  dadurch,  dafs  jenes  tönt  und  dieses  tonlos  ist  (vgl. 
a.  o.  173).     Also  auch  t?,  woftkr  sich  das  lateinische  von 


latemischefl  und  romanisches.  433 

anfaog  ao  mit  einer  yokalischen  buehstabenvertre- 
tung  begnügt  hat,  ein  doppellautiger  stark  gehauchter 
reibelaut,  wie  wir  noch  ausdrücklicher  sogleich  erfahren 
werden,  d.  i.  etwas  bis  zu  Corssen's  krit.  nachtragen  (200) 
ganz  unerhörtes  und  allen  etymologischen  betrachtungen 
trotz  bietendes,  wovor  Corssen  selbst  zurückzuschrecken 
scheint,  indemiyjte»-ir-nicht  nur  kein  wort  mehr  darüber 
verlautet,  solWern  auch  durchaus  richtige  sätze  aufgestellt 
werden,  die  natürlicher  weise  der  annähme  eines  doppel- 
lautigen stark  gehauchten  v  aufs  grellste  widersprechen 
(„das  lat.  f>  lautet  im  allgemeinen  wie  das  deutsche  ir,  das 
griechische  ^'^  u.  s.  w.  ausspr.  323).  Man  höre  aber  endlich, 
wie  es  nach  Corssen  geschehen  soll,  dafs  in  der  regel  m-^ 
oder  m-t?  im  lateinischen  nicht  vorkömmt:  „'W'enn  dagegen 
in  Zusammensetzungen  wie  con-fero,  an-fractus  n.  a. 
m  vor  f  zu  n  geworden  ist  und  in  in-fero,  in-fectus 
das  n  vor  f  sich  nicht  zu  m  assimiliert  hat,  so  konmit  das 
nicht  daher,  weil  f  an  d  (?)  angeklungen  hätte.  Es  war 
hier  vielmehr  derselbe  lautliche  grund  wirksam,  der  in 
con-venire,  con-vehi,  con-vocare  u.  a.  das  m  iFon 
com-  vor  v  zu  n  schwächte  und  schon  in  altlateinischen 
formen  co-ventionid  und  co-venumis  ganz  schwinden 
liefs.  Der  hauch,  mit  dem  der  tönende  labiodentale  reibe- 
läut  V  gesprochen  wurde,  hat  hier  die  Schwächung  des  m 
zu  n  und  das  schwinden  desselben  bewirkt; 'der  hauch,  mit 
dem  der  tonlose  labiodentale  reibelaut  f  gesprochen  wUjrde, 
hat  trotz  des  entschieden  labialen  lautbestandes 
des /"  vorhergehendes  n  in  in-fero^  in-fectus  u.a.  nicht 
in  den  labialen  nasal  m  übergehen,  ihn  in  der  form  iferos 
ganz  schwinden  lassen*^,  a.  o.  138.  Wir  haben  also,  nach 
Corssen,  z.  b.  in  con-voco  oder  con-fero  folgende  com- 
bination  vor  uns: 

m  +  fester  labialbestandtheil  +  h, 
und  k  soll  durch  transsultorische  Wirkung  das  m  auf 
eine  weise  modificieren,  wogegen  sich  der  da- 
zwischen liegende  lautbestandtheil  entschieden 
sträubt.  Damit  wird  von  Corssen's  doppellautigen  reibe- 
lauten  der  höchste  gipfel  des  unglaublichen  erreicht. 

Zeitechr.  f.  Tgl.  sprachf.  XYm,  6.  28 


434  Ascoli 

Lat.  f  bat  gewifs  vom  italieniscben  und  deutschen  f 
kaum  verschieden  gelautet,  und  dadurch  erklärt  es  sich, 
warum  das  lateinische  zu  dessen  schriftlicher  darstellung 
das  gr.  digamma  dem  gr.  (p  (ph)  vorgezogen  hat.  Eine 
genaue  lautcorrespondenz  bot  freilich  weder  das  eine  noch 
das  andere  schriftzeichen  dar;  wäre  aber  das  lat  f  ein 
stummer  stark  gehauchter  labiodentaler  reibelaut  gewesen, 
wie  es  Corssen  will,  so  hätte  doch  das  lateinische  eher  zu 
(p  (ph)  als  zum  digamma  (leises  e)  seine  Zuflucht  genommen. 
Es  griff  das  lateinische  ftkr  sein  ziemlich  leises  f  zum  di- 
gamma und  nicht  zum  gr.  9),  so  wie  es  für  sein  leises  h 
nicht  zum  gr.  x»  sondern  zu  dem  Spiritus  asper  (H)  griff  *). 

Es  darf  zuletzt  bei  diesem  abschnitte  die  bemerkong 
nicht  unterlassen  werden,  dafs  Corssen,  der  so  wiederholt 
und  hartnäckig  sämmtliche  tenues  aspiratae  den  italischen 
sprachen  überhaupt  abspricht,  mit  sich  selbst  in  einige 
Verlegenheit  geräth.  Denn  es  heifst  bei  ihm  a.  o.  96  ff.: 
„Die  italischen  alphabete  haben  den  laut  der  gutturalen 
oder  palatalen  aspirata  ch  und  den  blofsen  hauch- 
lau t  h   nicht    durch    besondere  schriftzeichen  geschieden 

Diese  thatsache  weist  darauf  hin,  dafs  der  laut 

ch  in  der  lateinischen  spräche  und  den  ihr  zunächst  ver- 
wandten dialekten  eine  geringe  rolle  spielt,  dafs  er  schon 
in  der  zeit,  als  die  Italiker  ihre  alphabete  von  den  Griechen 


*}  Welche  gefahren  man  ttbrigens  l&uft,  wenn  man  nicht  bei  einzelnen 
angaben  der  lat.  grammatiker  die  gesundeste  kritik  su  rathe  zieht,  kann  man 
beispielsweise  ans  der  jetzt  anzuführenden  steUe  des  Mar.  Victorinos,  wovon 
bei  Corssen  unter  h  nichts  verlautet,  leicht  ersehen.  Latein,  h  ist  natürlich 
auch  nach  Corssen,  schon  in  der  augusteischen  zeit  und  frilher,  überaus 
flttditig  und  unstät  (a.  0.  103,  107,  vergl.  108,  109,  112  f.);  also  je  jünger 
Marius  Yictorinus  ist,  desto  leiser  sollte  von  ihm  die  ausspräche  des  h  an- 
gegeben werden.  Nun  schreibt  er  sie  hingegen  folgendermafsen  vor:  H. 
qnoque  inter  litteras  otiosam  Grammatici  tradidenint,  eamque  aspirationis 
notam  conjunctis  vocalibus  praefici,  ipsi  autem  consonantes  tantum  quataor 
praeponi,  quotiens  Graecis  nominibus  Latina  forma  est,  persuaserunt,  id  est, 
c.  t.  r.  p.  ut  Chori,  Thymos,  Phyllis,  Rhombus,  quae  proAindo  spiritu,  an- 
helis  fkncibna,  ezploso  ore  fundetur  (Mar.  Vict.  grammatici  et  rhetoris  d» 
orthographia  etc.  [Genevae].  Apud  Petrum  Sanctandreanum  CIO.  10.  LXXXLIV, 
p.  11 — 18).  Aus  diesen  Worten  könnte  man  eine  so  voluminöse  aspirata  ber- 
auspressen,  die  selbst  ein  Hottentote  nicht  auszusprechen  im  stände  wtoe.  — 
Beiläufig  mag  hier  bemerkt  werden,  dafs  es  nicht  richtig  ist,  mit  Corssen 
a.  o.  96  dem  phdnikischen  alphabete, die  Unterscheidung  zwischen  h  und  eh 
abzusprechen. 


lateiniscbes  und  romanisches.  435 

überkameD,  im  verschwinden  begriffen  war  und  sich 
vielfach   zu   dem   hauchlaute   h  verflQchtigt   hatte 

Da  auch   die  Latiner  das  schriftzeichen  des  do- 

Tischen  alphabets  von  Cumae  M^  zur  bezeichnung  der  gut- 
turalen oder  palatalen  aspirata  nicht  in  ihr  aiphabet 
aufnahmen,  so  folgt  schon  aus  dieser  thatsache,  dafs  dieser 
laut  schon  frühzeitig  im  altlateinischen  im  ver- 
schwinden begriffen  war,  und  dafs  das  schrifltzeichen  H 
vorwiegend  den  blofsen  hauchlaut  bezeichnete^. 
Nun  weifs  man  jetzt  zwar,  dafs  der  ausdruck  aspirata 
bei  Corssen  nicht  wie  bei  allen  anderen  Sprachforschern 
die  aspirierte  explosiva  noth wendig  zu  bedeuten  hat,  und 
wirklich  erscheint  altlatein.  ch  in  der  lauttabelle  auf  s.  32 
unter  den  stummen  fricativlauten.  Wir  haben  jedoch  mit 
einem  italischen  und  altlateinischen  laute  hier  zu  thun, 
wofiir  Corssen  im  griech.  x  ^^^  passendes  äquivalent  er» 
blickt  und  der  jedenfalls  zwischen  kh  und  h  die  mittelstufe 
einnimmt.  Ist  aber  mit  einem  solchen  cA,  das  man  doch 
etymologisch  neben  urspr.  gh  und  gr.  x  wird  stellen  müssen 
(vagh,^6;^*,  vech-,  veh-)>  die  stufe  der  tenuis  aspirata 
und  überhaupt  die  tenuis  aspirata  für  das  uritalische  nicht 
zugegeben?  Sollte  es  auf  diesem  wege  nicht  leicht  sein, 
den  beweis  zu  fahren,  dafs  mein  gegner  mit  meinem  ganzen 
Systeme  unbewufst  einverstanden  ist? 

Uebrigens  stehe  ich  schon  jetzt,  von  Corssen^s  un» 
willkürlichen  concessionen  abgesehen,  wegen  der  von  mir 
vertretenen  lautentwickelungen  auch  in  bezug  der  lat.  fort- 
setzung  der  indogerm.  mediae  aspiratae  nicht  so  verlassen 
da,  wie  er  es  (a.  o.  802)  meint ;  denn  es  hat  Ebel  vor  mir, 
wie  ich  an  den  betreffenden  orten  angedeutet  habe  (ebend. 
252,  278),  h  als  Vorgänger  des  inlautenden  einem  ursprüng- 
lichen gh  entsprechenden  lat.  g  aufgestellt,  indem  er  z.  b. 
lat.  g  in  ango  mit  dem  got.  g  in  juggs  neben  juhiea 
zeitscbr.  VI,  205  physiologisch  vergleicht,  und  es  hat  weiter 
derselbe  gelehrte  (was  freilich  an  und  fQr  sich  minder  entr 
scheidend  wäre)  urlat.  ah-jo  mih-jo  zeitschr.  XIII,  280 
angesetzt,  wie  dies  auch  Fick  gleichzeitig  ipit  mir  in  seinem 
wörterb.  der  indog.  grundspr.  durcbgef&hrt   hat  —  Nim 

28* 


436  Asooli 

mflssen  wir  aber  einen  heiklicheren  boden  betreten,  indem 
wir  zu  dem  kapitel  der  italischen,  resp.  lateinischen  fort- 
aetzang  gräkoitalischer  (d.  h.  einstweilen  zugleich  altgrie- 
chischer und  uritalischer)  oder  selbst  indogermanischer  von 
hause  aus  stummer  aspiraten  fibergehen. 

Wenn  also,  wie  einstimmig  anerkannt  wird,  italische 
fortsetzer  der  alten  mediae  aBpiratae  vorhanden  sind,  in 
denen  das  hauchelement  jener  laute  fortlebt,  und  wenn  sich 
folglich  das  italische  auch  hierdurch  an  das  griechische 
näher  anschliefst,  vom  keltischen,  germanischen  und  litu- 
slavischen  aber  charakteristisch  unterscheidet,  so  ist  nicht 
zu  ersehen,  warum  man  principiell  der  italischen  zunge 
die  analogen  correspondenzen  alter  von  hause  aus  stummer 
aspiraten  (tennes  aspiratae)  absprechen  soll.  Vielmehr  ist 
a  priori  die  sparsame  anwesenheit  alter  von  hause  aus 
stummer  aspiratae,  so  wie  im  indischen  und  griechischen, 
auch  fbr  das  italische  einzuräumen,  und  deren  Vertretung 
oder  fortsetzung  mit  jener  der  alten  mediae  aspiratae,  so 
wie  im  griechischen,  zusammenfallen  zu  lassen.  Also  wie 
im  griechischen  sowohl  aus  altem  bh  als  aus  altem  ph  oder 
aspiriertem  p  anerkanntermafsen  einzig  (p  wird,  folglich 
g>iQia  (bhar),  xBtpaltj  (kapäla),  a(pdH(a  =  fallo  (sphal), 
wodurch  man  neben 

bh,  gr.  <jp,  altit.  f 
auch  die  reihe 

ph,  gr.  97,  altit.  f 
erhalten  wQrde,  so  ist  femer  neben 

dh,  gr. .»,  altit.  f  (lat.  -fc-) 
auch  die  parallele 

th,  gr.  ;5^,  altit.  f  (lat.  -6-), 
endlich  neben 

S^9  P'X^  altit.*  (lat. -J-) 
auch  die  parallele 

kh,  gr.  ;f ,  altit.  h  (lat.  -g-) 
theoretisch  anzusetzen.    Factisch  lassen  sich  aber  f&r 
die  labiale  von  hause  aus  stumme  altitalische  aspirate  we- 
nigstens fallo   und    fungus,    neben    a(fdlho,    ünoyyoq^ 
a(p6yyoe^  nicht  so  leicht  aus  dem  wege  räumen.   Will  jetzt 


UteiniacheB  und  romanisches.  437 

Gorssen  a.  o.  100  f.  eroteres  aus  eineoi  monstrum  herleiten, 
das  er  sbhal  schreibt,  so  vergifst  er  unter  anderm  dabei, 
daTs  falljen  auf  ursprflnglicbo  tenuis  (spal,  sphal,  cTigpaA) 
hindeutet;  und  wegen  fungus  cnoyyog  u.  s.  w.  (so  wie 
auch  wegen  der  von  Corssen  a.  o.  123  beanstandeten  Zu- 
sammenstellung spes-  u.  s.  w.,  gr.  cß^q^^  indog.  svas)  werde 
ich  mir  erlauben,  auf  meine  erörterung  zeitschr.  XVII,  354 
zu  verweisen.  Hier  wQrde  also  die  nothwendig  auch  im 
lateinischen  lautzustande  unversehrt  erhaltene  stumme  Spi- 
rans aus  alter  stummer  aspirate  vorliegen,  die  auch  bei 
frans  u.  s.  w.  neben  gr.  dQav(o  vorhanden  ist,  falls  Curtius, 
wie  mir  scheint,  recht  hat,  9Qav  aus  tgav  durch  einflufs 
des  f)  zu  deuten.  FOr  die  regelmäfsig  nach  den  theoreti- 
schen Schemen  alterierte  lat.  Vertretung  der  urital.  tennis 
aspirata  liefsen  sich  femer  mit  grösserer  oder  geringerer 
Wahrscheinlichkeit:  congius  *conhio-  xoyxos  ^ankha, 
unguis  *onhui-  ovvx-  nakha  (a.  o.  329 ff.),  hordeum 
*hor(s)p-  ^gharsth-  (gerste  xgi&ij  a.  o.  341  f.)  aufstellen. 
Daran  schliefst  sich  weiter  die  von  anderen  forschem  vor- 
geschlagene Vereinbarung  des  lat.  -tro  mit  ital.  -fro,  lat. 
-bro  (d.  h.  urspr.  -tra,  griech.  -tqo  und  zugleich  -i9-(^o, 
ital.  -tro  und  zugleich  *-thro  -fro),  die  ich  unter  den 
eben  angedeuteten  betrachtungen  theoretisch  zu  be- 
gründen und  durch  Vermehrung  solcher  beispiele,  in  de- 
nen beide  lautgestalten  auf  italischem  boden  nebeneinander 
vorkommen  und  eine  doppelte  bildung  anzunehmen  schon 
a  priori^  ihrer  logischen  beschaffenheit  wegen,  höchst  be- 
denklich erscheint,  facti  seh  zu  sichern  gesucht. 

Nun  spricht  sich  Corssen  a.  o.  167  f.  (vgl.  ebend.  805) 
über  solche  versuche  dahin  aus,  es  habe  „Ascoli  nichts 
gethan,  als  Kühnes  annähme,  dafs  in  manchen  fUlen  die 
suffixformen  -bro,  -bra,  -bri,  -ber  aus  ursprünglichem 
-tra  entstanden  sein  können,  die  mit  vorsieht  und  zurQck- 
haltung  ausgesprochen  war,  verallgemeinert  und  auf  die 
spitze  getrieben^;  breitet  sich  seinerseits  über  das 
nichtVorhandensein  eines  lA  in  den  italischen  sprachen,  wie 
sie  uns  vorliegen,  und  über  anderes  aus,  das  ersp&ter 
wiederholt  und  worüber  er  bereits  oben  antwort  erhalten 


4B8  ^  Asooli 

hat*);  läfst  ferner  auch  hier  auf  die  behaaptuog,  die  aspira- 
tion  der  tenuis  eei  dem  lateiDischen  fremd,  die  notiz  noch 
einmal  folgen  über  die  art  und  weise  wie  x^  ^9  <^  '^^  den  von 
den  Romern  aufgenommenen  griech.  Wörtern  gestaltet  oder 
umgeschrieben  wurden  (vgl.  a.  o.  8ü4  und  krit.  nachtr.  187), 
so  dafs  es  wirklich  den  schein  hat,  es  solle  auch  diese 
notiz  einen  besonderen  einwand  ausmachen  oder  wenigstens 
dem  vorangehenden  satze  eine  kräftige  stOtze  verleihen. 
Meinerseits  kann  ich  nicht  umhin  darauf  zu  bestehen,  dai'ä 
dies  alles  auf  folgende  nichtssagende  tautologie  hinansgeht: 
bei  der  annähme  des  griechischen  alphabetes  hat  sich  das 
lateinische  die  drei  griechischen  buchstaben  Xi  ^%  V  i^i^bt 
angeeignet,  weil  es  die  durch  dieselben  dargestellten  laute 
nicht  mehr  besals  (wohl  aber  deren  gesetzmäfsige  fortsetzer); 
und  bei  der  Umschreibung  griechischer  Wörter  fehlten  folg- 
lich später  dem  latein.  alpbabete  so  wie  der  lateinischen 
Sprache  die  genauen  correspondenzen  zu  ;^,  ^,  if.  Es  laug- 
net  aber  ja  niemand,  dafs  den  italischen  sprachen,  wie  sie 
uns  jetzt  vorliegen^  die  tenues  aspiratae  fehlen,  indem  sie 
uns  eben  daher  h  und  nicht  kh  oder  das  von  Corssen  selbst 
zugestandene  ch  u.  s.  w.  darbieten ;  und  es  fordert  ja  nie- 
mand, dafs  der  Römer,  um  der  etymologischen  lautcorre- 
spondenz  willen,  gr.  Xt  <p  durch  h  und  f  hätte  umschreiben 
sollen. 

Auch  dagegen  mufs  sich  unsere  disciplin  verwahren, 
dais  man,  insbesondere  vor  laien  und  halblaien,  wie  Corssen 
es  bei  dieser  gelegenheit  und  sonst  gethan,  das  eigentliche 
lautproblem  auch  nur  im  vorbeigehen  aus  seinen  fugen 
bringt.   So  spricht  er  sich  a.  o.  I67f.,  indem  er  *fro  (-bro) 


*)  Was  Corssen  sagt,  dafh  ich  ihm  in  den  scbnh  schiebe,  er  hätte  still- 
schweigend ein  italisches  -thro  angenommen,  beruht  auf  einem  mifsversttad- 
nifs.  Ich  wiederhole  nämlich,  an  der  angegebenen  stelle,  mit  Corssen's  eigenen 
werten,  dafs  er  weder  lat.  th  noch  irgend  eine  lat.  aspiration  der  tenuid  oder 
tenuis  aspirata  zugibt;  und  füge  hinzu,  dafs,  wie  mir  scheint,  Corssen's 
wiederlegung  (und  zwar  folgender  satz  in  derselben:  »das  lateinische/,  das 
sich  im  inlaute  gewohnlich  zu  b  gestaltet,  ist  nur  aus  den  media -aspiraten 
bh,  dhf  gh  entstanden,  nicht  aus  den  tenuis-aspiraten  ph,  <A,  ch  oder  ans  den 
tenuis  p,  f,  c**)  auch  dahin  lautet,  dafs  selbst  wenn  man,  als  blofse  hypo- 
these,  ein  italisches  -thro  zugeben  wollte,  dies  noch  nicht  zu  lat. -bro  füh- 
ren wttrde,  indem  lat.  /,  woraus  -6-,  nur  aus  bh  u.  s.  w.  entstehe. 


Uteiniflches  and  romanisches.  489 

ao8  -tro  bestreitet,  folgeDdermafseD  aus:  ,, AngenommeD, 
diese  drei  Wörter  (fallo,  fongus,  funda)  wären  ursprlbiglich 
lateinische,  nicht  aus  dem  griechischen  übertragene,  so 
wOrde  aus  ihnen  doch  nichts  weiter  folgen,  als  dafs  der 
ursprüngliche  tonlose  labiale  verschluTslaut  p  sich  durch 
den  einfluls  eines  anlautenden  s  zu  dem  tonlosen  labio- 
dentalen reibelaut  /'gestaltete;  es  würde  daraus  nicht  folgen, 
dafs  jedes  p  in  jeder  lautverbindung  zum  labiodentalen  reibe» 
laut  werden  konnte,  nicht  folgen,  dafs  jede  tenuis,  d.  h.  jeder 
labiale,  gutturale  oder  dentale  verschinfslaut  im  lateinischen 
zur  tenuisaspirata  oder  zu  dem  entsprechenden  stark  ge- 
hauchten verschinfslaut  habe  werden  können,  also  auch 
nicht  folgen,  dafs  t  zu  th  und  dieses  dann  weiter  zu  f  ge- 
worden sei^.  Niemand  hat  aber,  meines  wissens,  so  vieles 
behauptet;  wie  ja  auch  niemand  aus  der  ähnlichkeit 
der  bedeutung  die  einerleibeit  von  -tro  und  -bro  hat 
schlieisen  wollen,  so  dafs  die  vielen  worte,  die  Corssen 
weiter  gegen  diesen  eingebildeten  fehlschlufs  vergeudet, 
blofs  dazu  dienen  können,  ihn  selbst  und  andere  zu  ver- 
wirren. Die  frage  ist  nur  die:  ob  wie  im  griechischen 
^ß-Qo  neben  -r(>o,  mit  blofs  sporadisch  auftretender,  durch 
die  nachfolgende  liquida  bewirkter  aspiration  der  dental- 
tenuis,  so  auch  nrital.  -thro  neben  -tro  zugegeben  werden 
kann,  aus  welchem  -thro  sich  dann  regelmäfsig  -fro  und 
lat.  -bro  ergibt;  und  auf  lat.  f  (*sf)  =  griech.  cyqp,  ur- 
sprünglichem oder  wenigstens  vorausgegangenem  sp  gegen- 
über, wird  dabei  als  auf  einen  analogen  fall,  d.  h.  auf  einen 
fall  gräkoitaliscber  behauchung  einer  tenuis  in  einer  dazu 
besonders  geeigneten  lautverbindung,  verwiesen.  Mag  nun 
Corssen,  gegen  Ebel,  L.  Meyer,  Kuhn,  Schweizer -Sidler, 
J.  Schmidt  und  mich,  diese  lautentwickelung  nicht  einräu- 
men; mag  ihm  ferner  natürlich  erscheinen,  dafs  in  pal- 
pebra  und  palpetra,  libra  und  litra,  pablo-  und 
patlo-  u.  s.  w.  immer  zwei  grundverschiedene  bildungen 
vor  uns  liegen;  mag  er  endlich  uraltes  *pä-kara  oder 
pä-bhara  (d.  i.:  wurzel  +  nom.  agent.)  fdr  eine  unbedenk- 
lich annehmbare  morphologische  combination  erachten, 
—  das  kann  man  alles  sehr  leicht  auf  sich  beruhen  lassen; 


440  Aacoli 

aber  eine  karikatur  der  in  rede  siehenden  fragen  wQnschte 
man  in  einem  ernsten  bnche  niemals  zu  treffen. 

Aehnlich  spricht  sich  Corssen  a.  o.  ebend.  wieder  aus: 
„Wenn  nun  Aseoli  sogar  die  sufHxformen  -cro,  -cra, 
-cri,  -cer  ebenfalls  auf  -tra  zurückfähren  will,  so  thut  er 
dies  ebenfalls  lediglich  auf  grund  der  ähnlicbkeit  der  be- 
deutung;  den  beweis,  dais  in  der  lateinischen  spräche  der 
Üteren  und  der  klassischen  zeit  oder  in  den  verwandten 
italischen  dialekten  jemals  c  aus  t  entstanden  sei,  bleibt  er 
schuldig,  natürlich,  weil  dieser  lautwechsel  niemals  stattfand^. 

Der  wirkliche  thatbestand  ist  nun  aber  folgender  (vgl. 
zeitschr.  XVII,  149):  Aus  urspr.  -tra  ist  wie  im  griechi- 
schen (-TQOj  -rAo,  '&ko)  so  auch  im  uritalischen:  -tlo 
entstanden;  gegen  die  lautverbindung  il  hat  aber  wenigstens 
das  lateinische  eine  entschiedene  abneigung;  folglich  habe 
ich  die  frage  hingestellt,  ob  man  nicht  annehmen  dürfe, 
dafs  aus  dieser  besonderen  gestalt  unseres  snffixes,  nämlich 
aus  -tlo,  sich  altes  -clo  ergebe,  d.  h.  auch  im  altitalischen 
die  nämliche  Wandlung  stattfinde,  die  im  späteren  Italien 
zur  regel  wird  (vetlo-,  veclo-),  daf&r  femer,  immer 
versuchsweise,  auf  das  inschriftliche  sclis  neben  stlis  und 
auf  umbr.  pers-klo-  neben  osk.  pes-tlo-  hingewiesen, 
endlich  die  lexikalischen  begegnungen  (po-cIo  pa-tra 
u.  s.  w.)  verzeichnet,  die  fär  eine  solche  gleichung  das  wort 
f&hren  möchten.  Daran  hätte  ich  anch  jetzt  kein  wort 
zu  ändern.  Indem  ich  ausdrücklich  eine  eigentliche  beweis- 
fthrung  weiteren  Studien  vorbehielt  (s.  46)  und  deren 
Schwierigkeiten  ausdrücklich  hervorhob  (s.  45.  47),  bin  ich 
also  auch  bei  der  erwägung  dieser  schon  früher  von  Ebel 
und  L.  Meyer  vorgeschlagenen  lautgleichung  beflissen  ge- 
wesen, dem  wissenschaftlichen  ernste  treu  zu  bleiben,  und 
habe  keineswegs  lediglich  aufgrund  der  ähnlichkeit 
der  bedeutung  zwei  verschiedene  lautgestalten  verein- 
baren wollen.  Bei  spätlat.  cl  neben  tM  (veclus  neben  ve- 
tulns  u.  8.  w.)  ist  Corssen  seinerseits  (a.  o.  39  gegen  Schu- 
chardt)  auf  die  sonderbare  hypothese  gekommen,  dafs  diese 
Sprech-  und  Schreibweise  durch  suffizver mengung, 
nicht  durch  phonetischen  lautübergang  entstanden 


lateinisches  ond  romanisches.  441 

sei.  Und  auch  hier  irrt  er  ferner,  indem  er  seinem  leser 
(a.  o.  168)  ohne  weiteres  sagt,  man  wolle  c  aus  t  entstehen 
lassen.  Auch  im  späteren  Italien  wäre  z.  b.  ca  aus  ta 
etwas  ganz  unerhörtes,  während  hingegen  cl  aus  tl  als 
r^elmäTsige  Umwandlung  daselbst  vorkommt.  Ebenso 
wflrde  niemand  lat.  t  aus  p  oder  o  (k)  ohne  weiteres  be- 
haupten wollen,  während  doch  selbst  Corssen  lat.  st  aus  sp 
und  sc  (sk)  aufstellen  mufs  oder  will  (a.  o.  278). 

Nachdem  also  eine  ruhige  und  gewissenhafte  Würdigung 
der  Corssen^schen  kritik  mich  zu  gar  keiner  änderung  in 
meinen  theoretischen  aufstellungen  und  den  damit  zusammen- 
hängenden etymologischen  salzen  bat  bewegen  können,  die 
übrigens  nach  Corssen's  aussprach  sammt  und  sonders  reine 
irrthümer  oder  haltlose  und  irrige  folgerungen 
sind  a.  o.  168,  805,  811*),  ich  zugleich  auch  einen 
weiteren  ziemlich  wichtigen  beitrag  zur  beur- 
theilung  seiner  eigenen  hier  einschlägigen  hypo- 
theseii,  und  überhaupt  seiner  art  und  weise  die 
geschichte  der  lateinischen  consonanten  zu  hand- 
haben geliefert  zu  haben  glaube,  bleibt  es  mir  noch  übrig, 
die  einwände  zu  erwägen,  die  in  seinem  neu  erschienenen 
buche  gegen  meine  behandlung  einzelner  Wörter  zu  finden 
sind. 

1.  hordeum  .  friare.  Die  von  mir  a.  o.  342,  nach 
Schleicher's  und  Euhn's  Vorgang,  vertretene  grundform 
hörst- (*/£()(Ti^a)  soll  mit  der  hypothese  der  tenuisaspi- 
raten  zusammenstürzen  (a.  o.  796).  Da  aber  diese  hy- 
pothese, wenigstens  f&r  mich,  immer  fortbesteht,  so  mufs 
ich  mich  einstweilen  mit  der  bemerkung  begnügen,  dafs 
hordeum  nach  Corssen  anfangs  (a.  o.  100)  aus  skr.  wz. 
ghars  (ghars),  später  aber  auf  einer  urspr.  wz.  ghard 
(a.  o.  159,  unter  berufung  von  s.  100),  endlich  (a.  o.  514) 
wieder  aus  skr.  wz.  ghars  (gharä)  stammt.  —  Was  Cors- 
sen's  hypothetisches  ghar,  reiben,    anbetrifft,  woraus  er 


*)  Auch  einleuchtende,  keinem  principiellen  anstände  aasgesetzte  ety- 
mologieen  scheinen  keine  gnade  geftinden  zn  haben;  so  s.  b.  skr.  tarh  = 
lat  trahere.  Es  läfst  Corssen  seine  von  mir  a.  o.  272  verworfene  got  pa- 
rallele noch  immer  (a.  o.  99)  nnwidermfen  bestehen. 


442  Aflooli 

friare  u.  s.  w.  herleiten  will,  so  mufs  ich  auf  dem  ebend. 
344  f.  von  mir  bemerkten  bestehen.  Dem  versuche,  friare 
u.  8.  w.  aus  einem  vermeintlichen  ghar  zu  erklären,  steht 
ferner  das  endergebnifs  der  Untersuchung  Qber  lat.  f  =  or- 
spr.  gh  entgegen ,  wonach  diese  lautcorrespondenz  der  lat. 
Schriftsprache  so  viel  als  fremd  bleibt.  ^ 

2.  fames.  Skr.  bhas,  worauf  ich  fames  ab  „die 
fressende^  a.  o.  346  zurückf&hre,  heifst  nach  dem  petersb. 
worterbuche:  kauen,' zerkauen,  zermalmen,  verzehren  (vgl. 
bhasita,  bhasman),  und  bei  dessen  lautgerechter  neben- 
form  psä  tritt  der  hunger  (psäta,  hungrig*))  bestimmt 
hervor.  Die  „zusammeogehörigkeit^  der  wz.  bhas  mit  wz. 
psä  wird  gewifs  kein  kundiger  bestreiten  (s.  z.  b.  petersb, 
wtb,  IV,  1194.  V,  227;  Benfey  vollst  gr.  s.  73,  gloss.  z. 
ehrest.  210;  Pott  wurzelwörterb.  I,  s.  2);  Corssen's  Willkür 
mufs  sie  aber  a.  o.  80t  „mindestens  in  frage  stellen^  und 
räumt  fQr  bhas  nur  die  bedeutung  essen  nach  Benf.  gloss. 
z.  ehrest,  ein,  so  dafs  er  dabei  verharren  kann,  „dafs  eine 
Wurzel,  die  essen  bedeutet,  am  wenigsten  geeignet  ist,  den 
zustand  zu  bezeichnen,  der  entsteht,  wenn  man  nichts  zu 
essen  hat  oder  lange  nichts  gegessen  hat^. 

3.  longus.  Ffir  die  Vereinbarung  von  lat.  longus 
mit  skr.  dirgha  und  altpers.  draiiga  ist  jetzt  Corssen 
a.  o.  211  gezwungen,  den  nämlichen  grad  von  Wahrschein- 
lichkeit zuzugeben,  den  ich  daflQr  (zeitschr.  XYI,  122, 
XVII,  280)  annehme;  dabei  wirft  er  mir  indefs  vor,  dafs 
ich  ihm  einen  blofsen  druckfehler  zur  schuld  anrechne. 
Wenn  man  aber  bei  der  besprechung  von  longus  neben 
dirgha  einwirft,  wie  Corssen  beitr.  148  es  that,  dafs  Wur- 
zel dhar  bei  longus  zu  blofsem  /  einschrumpfen  wfirde, 
und  folglich  bei  dem  vermeintlichen  dhirga  (statt  dirgha) 
an  WZ.  dhar  denkt,  so  hat  man  nicht  im  mindesten  das 
recht,  das  arge  versehen  dem  setzer  in  die  schuhe  zu 
schieben. 


*)  [Freilich  reicht  die  im  petersb.  wtb.  dafür  angeführte  aneicht  Hali- 
jndha's  schwerlich  daau  aas  diese  bedeutung  genügend  zn  sichern. 

Anm.  der  red.] 


lateinisches  und  romaniscbea.  443 

4.  WZ.  fa-  neben  «da-.  Wegen  der  doppelgestalt 
(fa- neben -da-),  die  nach  anderer  Sprachforscher  Vorgang 
auch  ich  fQr  die  wz.  urspr.  dha  im  lateinischen  annehme, 
spricht  sich  Corssen  a.  o.  800  f.  folgendermafsen  aus:  „Für 
die  angebliche  wurzelgestalt  fa-  neben  da-,  skr.  dha-  fahrt 
Ascofi  an,  dafs  ja  auch  im  lateinischen  ruf-us  neben 
ru(dh)-tilas  stände  nach  meiner  ansieht.  Dagegen  ist 
zu  sagen,  dafs  in  ru(dh)-tilu8  der  dental  dh  durch  den 
folgenden  dental  t  verhindert  wurde  in  f  umzuschlagen. 
Die  wortform  ru-tilu-s  beweist  also  gar  nicht,  dafs  im 
lateinischen  ursprüngliches  anlautendes  dh-  ein  und  derselben 
Wurzel  sich  zugleich  zu  f  und  zu  d  gestaltet  habe^.  Cors- 
sen vergifst  aber  seltsamer  weise  dabei,  dafs  ich  an  eben 
der  von  ihm  citierten  stelle  (zeitschr.  XVII,  337 f.)  auch 
von  einem  dritten  beispiele  rede,  wo  die  doppelgestalt 
dadurch  noch  auffallender  wird,  dafs  sie  nicht, 
wie  gesetzmäfsig  bei  fa-  neben  -da-  (fa-c-ere,  con- 
-de-re),  durch  die  verschiedene  Stellung  im  worte 
bedingt  ist,  nämlich  von  arf-  (arb-)  neben  ard-  aus 
urspr.  ardh,  eine  doppelgestalt,  die  er  in  Überein- 
stimmung mit  mir  ohne  irgend  ein  bedenken  a.  o. 
170f.  angenommen  hat.  . 

5.  triticum.  Ich  habe  zeitschr.  XI,  451  die  mög- 
lichkeit  angedeutet,  triticum  auf  wz.  tra  „erhalten^  zu- 
rückzuführen, die  auch  „erhalten^  als  „nähren^ 
bedeutet    haben    könne.     Dagegen    bemerkt    Corssen 

4||.  o.  514:  „Ja  möglich  ist  das  freilich.  Aber  so  wenig 
servare  „erhalten^  jemals  die  bedeutung  „ernähren^  hat, 
so  wenig  mufs  tra-,  weil  es  „erhalten^  bedeutet,  deshalb 
auch  „ernähren^  bedeuten.  Diese  letztere  bedeutung  ist  nir- 
gends erweislich  fbr  wz.  tra-  und  wortformen  von  dersel- 
ben, kann  also  auch  nicht  in  tri-ti-cu-m  ohne  weiteres 
vorausgesetzt  werden^.  Nun  werde  ich  es  mir  nicht  erlauben, 
meinen  gegner  wegen  der  bedeutungen  von  wz.  tra  auf  eine 
andere  schrift  von  mir,  wovor  er  gcwifs  zurückschrickt,  zu 
verweisen;  aber  Justins  orthodoxes  Wörterbuch  (vgl.  Pott  wz. 
wb.  1,104)  sagt  ihm  doch:  „thrä(=8kr.  trä),  schützen,  er- 
nähren, thräiti,  nahrung,  thrätar,  beschützer,  emährer, 


444  Ascoli 

th räj  a,  ernäbrung  ( th r äj  öd r i gh u~,  die  bettler  ernährend)^. 
Uebrigens  lassen  sich  zu  gunsten  der  etymologje  des  Varro 
Tiel  bessere  aoalogieen  als  die  Ton  bor  de  um  anfthren, 
aaf  die  sich  Corssen  hat  beschrSnken  müssen. 

6.  plebes.  Ob  ich  unrecht  gehabt  habe,  die  that^ 
Sache  hervorzuheben,  dafs  Corssen  in  einem  und  demselben 
buche  plßbes  auf  zwei  verschiedene  arten  erkl&re,  ohne 
bei  dem  zweiten  versuche  auf  den  ersten  ausdrücklich  zu 
verzichten  oder  durch  irgend  eine  andeutung  darauf  zu 
verweisen,  mögen  andere  entscheiden.  Meinerseits  setzte 
ich  lat.  p  leb  es  mit  anderen  forschem  dem  gv.TtX'^d'og  gleich, 
indem  der  dentalaspirate  in  nlrj&og  (über  deren  ursprüng- 
liche gestalt,  ob  dh  oder  th,  niemand  ein  endgiltiges  urtheil 
bei  dem  jetzigen  zustande  der  forschung  zu  f&Ilen  vermag) 
nach  mir  und  anderen  Sprachforschern,  sei  es  nun  urspr. 
dh  oder  lA,  im  ersteren  falle  auch  nach  Corssen,  lat.  -6- 
eben  so  wie  in  über  ovd-ag  (-bro  '&qo)  u.  s.  w.  regelmälsig 
entspricht  Nun  lautet  der  Corssen'sche  speciell  gegen 
mich  gerichtete  einwand  wie  folgt  (a.  o.  165):  „Ascoli 
kommt  neuerdings  auf  die  gleichsetzung  von  ple-b-es  mit 
gr.  nMj'&O'Q  {7t?Si-&-og)  zurück  (zeitschr.  XVI,  120).  Da 
aber  sonst  der  griechischen  neutralen  suffixform  ^og  im  la- 
teinischen neutrales  -os,  -us  entspricht,  so  würde  jenem 
griechischen  werte  ein  lateinisches  neutrum  *ple-b-08 
entsprechen,  aber  nicht  das  femininum  ple-b-es^.  Das 
gestehe  ich  wiederholt  gelesen  zu  haben,  bevor  ich  meinen 
äugen  glauben  zu  schenken  vermochte.  Denn  ersten^ 
sollte  eine  solche  gräkoitalische  betrachtung  gegen  meines 
gegners  grundsätze  sein,  und  ihm  plebSs,  in  grammatika- 
lischer hinsieht,  zu  urspr.  neutr.  prathäs  oder  pradhäs 
eben  so  gut  gefallen  als  z.  b.  dies  zu  urspr.  neutr.  diväs 
(vgl.  z.  b.  a.  o.  233);  —  zweitens  aber  verhält  sich  plö- 
bes,  der  form  und  dem  genus  nach,  genau  so  zu  7tXrj9og 
wie  sedös  zu  fiSog  (sadas)  oder  nubös  zu  vicpog  (nabhas). 

Somit  sind,  wie  es  mir  scheint,  s&mmtliche  stellen  er- 
ledigt, worin  in  Corssen's  buche  irgend  eine  von  mir  her- 
rührende ansieht  bestritten  wird,  und  ich  sehe  dem  urtheile 
unbefangener  mitforscher   mit  voller  Zuversicht  entgegen. 


lateinisches  and  romanisches.  445 

Meinem  Tersprechen,  bei  dieser  antikritik  ganz  objectiv 
za  verfahreD,  bin  ich  übrigens,  wie  ich  mir  schmeichle, 
möglichst  treu  geblieben.  Nur  eine  persönliche  bemerkung 
will  ich  mir  jetzt  zum  Schlüsse  erlauben.  Die  achtung  und 
die  dankbarkeit,  zu  denen  ich  mich  prof.  Corssen  gegenOber 
verpflichtet  fQhle,  werden  gewifs  durch  unsere  lautgeschicht- 
lichen differenzen  nicht  geschmälert.  Jedoch  wfirde  ich 
der  aufrichtigkeit  eintrag  thun,  wenn  ich  läugnen  wollte,, 
dafs  die  widerlegungsversnche,  die  meine  ansichten  durch 
diesen  gelehrten  erfahren  haben,  mich  s&mmtlich,  sowohl 
dem  Inhalt  als  der  form  nach,  in  nicht  geringes  erstaunen 
versetzen  mufsten. 

Mailand,  10.  november  1868.  6.  I.  Ascoli. 


Anm.  (1869).  Ueber  die  abhandlang,  die  Corssen  so  leichten  Spieles  ab- 
gefertigt zu  haben  glaubt,  welcher  jedoch  die  der  indogermanischen  Chresto- 
mathie beigegebenen  nachtri^^e  nnd  berichtigangen  manches  verdanken,  sprach 
sich  Schleicher  ebendas.  862  folgendermafsen  aas:  »Vgl.  hierftber  Ascoli  in 
Kahns  zeitschr.  XVII,  241  flg.  Der  dort  entwickelten  theorie  steht  jedoch  das 
keltische  im  wege*.  Da  Inders  die  in  diesen  worten  gerUgte  Schwierigkeit 
dem  hingeschiedenen  meister  selbst  keineswegs  anUberwindlich ,  ihm  femer 
mein  Schema  im  wesentlichen  als  za  recht  bestehend  vorkam,  so  mag  es  mir 
erlaabt  sein,  dessen  eigene  worte  darttber  ans  einem  vom  19.  november  1868 
datierten  brief  an  mich  hier  mitzatheilen,  nnd  zagleieh  die  bemerkang  daran 
anzaknttpfen,  dafs  ich  bei  der  geschichte  der  lateinischen  fortsetzer  von  nxspr. 
gh,  dh,  bh  aasdrtteklich  von  urital.  und  urgriech,  asp.  (XVU,  254),  oder 
von  entwickelangen,  die  sowohl  in  Italien  als  in  Griechenland  stattfinden 
(eb.  327),  spreche,  folglich  das  frühere  oder  spätere  scheiden  des  italischen 
oder  keltoitalischen  vom  griechischen  für  mich  im  grnnde  bei  gegenwärtiger 
firage  dorchaas  gleichgiltig  ist.  Ich  lasse  nan  Schleicher's  worte,  vielleicht 
sein  letztes  wort  in  der  Wissenschaft,  folgen: 

»Soll  ich  ganz  offen  sprechen,  so  mnfs  ich  bekennen,  dafs  ich,  eben 
weil  mir  jetzt  die  zeit  feit  dise  äofserst  schwinge  fhige  reiflich  za  verfol- 
gen, zn  einer^  klaren,  entschidenen  ansieht  noch  nicht  gekommen  bin. 
Meiner  kelto-italischen  gnmdsprache  mafs  ich  wol  die  alten  aspiraten  noch 
zn  schreiben,  die  frage  nach  der  vertretnng  der  aspiraten  in  der  italischen 
grandsprache  stellt  sich  für  mich  also  so:  was  ist  hier  ans  dem  gh,  dh, 
bh  der  italo-keltischen  spräche  geworden?  Hier  kann  nnn  immer  noch  die 
antwort  in  Irem  sinne  anfs  fallen,  nnr  kommt  das  griechische  längst  nicht 
mer  in  betracht,  da  dises,  nach  meiner  ansieht,  schon  längst  als  besondere 
spräche  seine  eigene  wege  c^eng,  ehe  es  nnr  eine  italische  grandsprache 
gab  (vgl.  das  schema,  comp.  s.  9).  Um  fttr  dise  die  Vertretung  der  aspi- 
raten zn  ermitteln  haben  wir  ans  anfsschliefslich  an  die  altitalischen  spra- 
chen zn  halten,  aUe  ans  dem  griechischen  her  geholten  analogieen  haben, 
meiner  meinnng  nach,  hier  gar  keine  bedentung.  Hier  gehen  wir  also 
weit  anfs  einander.  Dennoch  glanbe  ich  vor  der  band  entschiden,  dafs  wo- 
nigstena  ir  schema:  indogermanisch  (ich  sage  italokeltiach) 


.44C  Schmidt 

bk 
I 
itAliach  f 

Uteiniscb    f        b 

KD  recht  besteht.    Dts  scheinen  mir  die  tatsacben  an  die  band  za  geben*'. 


Revue  de  lingnistiqne  et  de  philologie  compar^e,  recaeil  trimestriel  de 
docameiitfl  ponr  serrir  )^  la  science  positive  des  langnea,  k  Vethnolo- 
gie,  h  la  mythologie  et  k  Thistoire.  Tome  premier  I  et  n,  Fasci- 
cule,  loillet  et  Octobre  1867.     Paris.     Maisonneuve  et  C'«. 

Jeder  deutsche  Sprachforscher  wird  mit  befriedigang 
die  ausbreitung  unserer  Wissenschaft  —  und  keine  darf 
wohl  mit  mehr  recht  eine  deutsche  genannt  werden  als 
gerade  die  sprachwissenBchaft  —  auch  aufserhalb  Deutsch- 
lands wahrnehmen.  Als  ein  erfreuliches  zeichen  dieses 
immer  wachsenden  interesses  im  auslande  begrQfsen  wir 
das  erscheinen  der  Revue  de  linguistique,  deren  zwei  er- 
sten hefte  uns  vorliegen.  Sie  beginnt  mit  einem  artikel 
von  H.  Chavöe:  La  science  positive  des  langues  indo-eu- 
rop^ennes,  son  präsent,  son  avenir.  Der  verf.  gibt  zunächst 
eine  darstellung  der  indogermanischen  Ursprache,  welche 
sich  im  wesentlichen  an  Schleichers  compendium  anscbliefst. 
Allein  er  Iftfst  sich  auch  auf  selbständige,  leider  nicht  sehr 
glückliche  nenerungen  ein.  So  heifst  es  p.  12:  Mais  il  (Par- 
yaque)  avait  en  outre  la  voyelle  de  la  force  par  ex- 
cellence,  une  yoyelle  que  garde  le  sanskrit,  mais  qae  nons 
n'avons  plus  en  Europe,  la  yoyelle  R  . . . .  Assez  souvent 
ce  R  se  change,  soit  en  'A,  soit  en  ü,  mdme  sur  le  ter- 
rain  de  la  langue  m^re;  et  c'est  ainsi  que  Bhrg  fl^cbir, 
rompre,  devient  Bhag  et  Bhug.  Mais  le  plus  souvent, 
au  Heu  de  s^afifaiblir  ainsi,  le  R  se  renforce  en  R  demi- 
consonne  dans  les  groupes  Ra,  Ri,  Ru,  Ar,  Ir,  Ux. 
Vous  trouverez  par  exemple,  k  c6tä  de  Rdh,  s'ätendre 
fortement,  crottre,  s^älever  non-seulement  Ardh  etUrdh, 
mais  encore  Rudh,  avec  la  meme  origine  et  la  mdme  si- 
gnifioation.  A  son  tour,  la  demi-consonne  R  s'afFaiblit  (?) 
parfois  en  JK  vocal.  p.  13  La  diphthonge  ai  est  d*or- 
dinaire    un  renforcement  de  i,    comme  dans  la  proDOQ- 


anzeige.  447 

ciation  de  Vi  anglais  terminant  uoe  syllabe  ou  la  coneti- 
tuant  ä  lui  seol,  tandis  que  fti  est  souvent  une  pure  aug- 
mentation  de  ai,  äquivalent  k  a+ai. 

Im  allgemeineD  richtiger  ist  der  consonantenbestand 
der  Ursprache  erörtert.  Was  sollen  wir  aber  von  mediae 
aspiratae  denken  ^tenant  le  milieu  de  Taxe  entre  B  et  P,  . 
entre  D  et  T,  entre  G  et  K«  (p.  18)?  Wie  der  verf.  in 
dem  vocalsystem  der  Ursprache  eine  iQeke  gefunden  zu 
haben  glaubt,  welche  er  durch  den  vocal  r  ergänzt,  so 
sieht  er  auch  eine  lücke  in  den  consonantischen  lautge- 
setzen  (p.  20):  Et  pourtant  le  code  des  lois  positives  des 
▼ariations  phoniques  präsente  encore  9a  et  lä  quelques 
lacnnes.  Ainsi  la  loi  de  polaritä  ou  d^echange  par  appel 
du  son  contrastö  (F  rempla^ant  V,  Z  prenant  la  place  de 
S  etc.),  loi  d'une  application  de  tous  les  instants  dans  les 
idiomes  germaniques,  n^a  pas  mSme  ^te  soup^onnöe 
par  les  Allem  an  ds.  Ainsi  encore  la  loi  du  passage  de* 
y  (j  allemand)  initial  ä  g  (pron.  gue)  devant  les  voyelles, 
dans  un  grand  nombre  de  mots  germaniques  (YAbh  de- 
venant  gab;  YUt  devenant  guth  et  goth;  YAs  deve- 
nant  gas,  ges  et  gos  etc.).  C'est  k  combler  ces  lacunes 
que  la  Revue  mettra  d'abord  tous  ses  soins. 

Uns  armen  DeutiBchen  werden  noch  mehrfache  zurecht* 
Weisungen  zu  theil.  Nach  erörterung  des  lautsystemes  geht 
der  verf.  nämlich  auf  die  Stammbildung  ein  und  verkündet 
mit  greisem  pompe:  De  lä  trois  Clements  dans  le  substantif 
anssi  bien  que  dans  ses  fr^res  le  participe  et  Tadjectif:  1^ 
un  verbe  (?),  2^  un  pronom,  3^  nn  signe  du  rapport  que 
le  pronom  soutient  avec  le  verbe.  Ce  n'est  pas  le  lieu 
(warum  nicht?)  de  dire  en  quelles  graves  erreurs  est 
tombee  T^cole  allemande  de  linguistique  pour  n^avoir  pas 
aper^u  cette  loi  fondamentale  de  la  derivation.  Eine  in 
der  that  bewundernswürdige  Unbefangenheit!  Die  wurzeln 
werden  als  verba  betrachtet,  alle  nomina  von  den  verbis 
abgeleitet  (hingegen  lat.  donatus  direct  von  donum  ab- 
geleitet s.  26) ;  die  conjugation  ist  auch  nur  une  mani^re  de 
därivation.  Und  diese  Verwirrung  von  wurzeln  und  verben, 
Wortbildung  und  Stammbildung  gibt  d^n  verf.  die  berech- 


448  Schmidt 

tigang  die  deutsche  Wissenschaft  schwerer  irrthömer  zu 
zeihen  I  Herr  Chav^e  v^ermifst  femer  la  reconstitution  des 
familles  natnrelles  des  vocables  et  la  Classification  physio- 
logique,  de  leurs  racines  ou  chefs  de  famille.  La  cause 
en  est,  si  je  ne  me  trompe,  dans  Tabsence  (tomplMe,  chez 
les  fondateurs  de  la  science  nouvelle,  de  toute  ideologie 
positive  (s-  32). 

Diese  ideologie  positive  wird  dann  in  einem  zwei* 
ten  artikel  (p.  138  ff.)  vorgetragen.  Sie  besteht  darin,  dafs 
alle  indogermanischen  wurzeln  auf  zwei  grundbedeutungen 
presser  und  tendre  zurückgeführt  werden,  und  um  dem 
allerdings  sehr  gerechtfertigten  argwohne,  dais  dies  eine 
sehr  leichte  mühe  ist,  zu  begegnen  versichert  uns  herr 
Chavöe,  dafs  es  un  long  travail  de  v^rification  gewesen 
sei;  mais  j'acquis  enfin  la  certitude  que  mon  hypoth^e 
n^^tait  qu^une  anticipation  de  la  loi.  Dafs  den  gründem 
unserer  Wissenschaft  diese  ideologie  positive  fehlt,  ein  Vor- 
wurf, welcher  in  den  anzeigen  am  Schlüsse  der  beiden 
fascikel  Curtius  und  Pott  noch  ausdrücklich  insinuiert  wird, 
halten  wir  ftkr  keinen  mangel.  Zum  tröste  möge  Übrigens 
dem  verf.  gereichen,  dafs  er  nicht  der  erste  erfinder  solcher 
ideologie  ist.  Schon  im  jähre  1833  hat  Karl  Ferd.  Becker 
(das  wort  in  seiner  organischen  verwandelung  s.  94  ff.)  als 
den  urbegriff  aller  wurzeln  den  der  bewegung  angenommen 
und  aus  diesem  alle  übrigen  herzuleiten  versucht  Was 
davon  zu  halten  sei,  haben  Pott  (ungleichh.  menschl.  ras^ 
sen  212 f.,  etymol.  forsch.  11%  238)  und  Heyse  (syst,  der 
spr.  132)  genügend  erklärt 

Wenden  wir  uns  nun  zu  einem  anderen  artikel:  Snr 
la  declinaison  indo-europ^enne  et  sur  la  d^clinaison  des 
langues  classiques  en  particulier  par  M.  de  Caix  de  Saint- 
Aymour.  Von  einem  gründlichen  eingehen  auf  den  gegen- 
ständ ist  auch  hier  wenig  zu  bemerken,  desto  mehr  aber 
von  Unrichtigkeiten  und  kühnen  behauptungen.  So  erfah- 
ren wir  (p.  52):  que  certains  cas  etaient  form^s  par  des 
verbes,  on  plut6t  par  un  seul  verbe.  Ces  cas  sont  Tin- 
strumental,  le  dativ  et  Pablatif  du  pluriel,  et  le  Suffixe 
verbal  qui  sert  k  les  former  est  bhi.   Ce  bhi ...  est  issu 


anzeige.  449 

d'un  verbe  aryaque  bha  briller,  luire  etc.  Neu  wird  den 
lesern  dieser  Zeitschrift  auch  sein,  dafs  skr.  -ös  (suffix  d. 
gen.  loc.  du.)  bei  einigen  stammen  in  ö  „contrahiert^  ist 
z.  b.  manas-ö  (p.  57),  dafs  im  gotischen  der  dual  nur 
bei  den  verben  erhalten  ist  (ib.),  dafs  skr.  man-as  iui  voc. 
sein  nominatW'S  ni(;ht  abwirft  (p.  58),  dafs  der  nom.  plur. 
▼on  altbaktr.  vak  vaksö  lautet  (p.  205),  dafs  in  osk.  cen- 
8t-ur  (so  wird  p.  207  getheilt)  das  -ur  endung  des  nom. 
plur.  sei,  dafs  l  in  skr.  ^iras-l  und  ü  in  skr.  sunü  (nom. 
acc.  du.)  aus-as  contrahiert  seien  (p.  209),  dafs  conso- 
nantische  stamme  im  griechischen  den  nom.  acc«  du.  auf 
'Sg  oder  -17  bilden  (p.  210),  dafs  die  accusative  piras  und 
bbarat  fQr  pirasam  nnd  bharatam  stehen  (p.  212)  u.a. 
Höchst  ergötzlich  und  zugleich  charakteristisch  für  die 
grOndlicbkeit,  mit  welcher  der  verf.  die  von  ihm  citierten 
werke  benutzt,  ist  die  auseinandersetzung  Aber  den  nom. 
plur.  der  griech.  a-stämme.  Schleicher  (comp.  ^  s.  534)  sagt 
darüber  wörtlich:  yfinnot  und  ^evxral  sind  gebildet  wie  ol 
und  a/,  älter  voi,  Tai.  Diese  bildung  ist  schwer  zu  deu- 
ten, wahrscheinlich  ist  z.  b.  roi  aus  ta-j-as,  fem.  ra/ aus 
tä-j-as  zu  erklären,  d.h.  stamm  ta-,  tä-  wie  oft,  durch 
j  erweitert  und  suffix  -as;  durch  abschleifung  blieb  von 
diesem  tajas,  täjas  nur  tai,  täi,  d.  i  roi^  taL  Mög- 
licherweise hat  hier  streben  nach  dissimilation  von  den 
locativformen  -o/^,  -aiq  aus  -oicTi,  -aiai  mitgewirkt^.  Hö- 
ren wir  nun  hm.  de  Caix  de  Saint-Aymour  (p.  206):  ces 
genres  ont  un  nominatif  pluriel  fortement  contractu  en  -oi 
et  -tti  [sie!]  9, plus  anciennement  'toi  et  -tai^  selon  M. 
Schleicher  (op.  cit.  p.  534).  „Cette  forme  est  difficile  ä 
Interpreter",  ajoute  aussitöt  le  m^me  auteur,  „et,  vraisem- 
blablement,  on  doit  expliquer  le  masculin  to/  par  ta^j-as, 
et  le  feminin  tat  par  tä-j-as?  Puis  trouvant  sans  doute 
cette  explication  insuffisante,  il  se  tourne  d'un  autre  cöt6, 
et  propose  de  faire  venir  „avec  efFort"  et  par  dissimila- 
tion 'Ol  et  -ai  de  la  forme  de  locatif  oig  et  aig,  Nous 
sommes  de  Tavis  du  savant  professeur  d'I^na  quand  il  re- 
jette  sa  premiöre  explication  de  roi  venant  de  ta-j-as. 
Cette  explication  serait  ä  poine  süffisante  pour  les  th^mes 

Zeitschr.  f.  vergl.  sprachf.  XVIH.  6.  29 


450  Schmidt 

oonsonnantiques  en  -r;  mais  que  seraient  devenus  koy^^roi^ 
'AB(pah^ou  etc.?  —  Nou8  ne  pouvons  non  plus  accepter 
la  seconde  explication  de  Tauteur  du  Compendium  etc. 
Risum  teneatis  amicil  Nach  dem  verf.  ist  die  sache  höchst 
einfach:  Les  noms  qui  se  declinent  comme  rosae,  do- 
rinini  et  pueri  ont  perdu  Ts  par  contraction:  rosae  := 
rosft-«,  domini  ==  domini-es  ou  domiat-s.  Das  i 
des  umbrischen  aco.  plur.  ist  aus  s  entstanden  d^apr^s  une 
habitude  constante  de  cet  idiome  (p.  213).  Jeder  leser  wird 
gewifs  mit  dem  referenten  bedauern,  dafs  kein  einziges 
weiteres  beispiel  dieser  neu  entdeckten  gewohnheit  mitge- 
theilt  ist.  Verf.  fahrt  dazu  als  beleg  aus  der  Lex  Julia 
municipalis  eafdem  omnia  an,  einen  offenbaren  Schreib- 
fehler, welcher  daher  auch  C.  I.  L.  I,  p.  120  z.  2  in  ea» 
dem  emendiert  ist.  Bien  que  ce  soit  un  neutre  (wo  also 
ein  s  niemals  vorhanden  war!),  il  est  hon  de  remarquer 
cette  forme  de  provincialisme.  Ich  bemerke  zum  Schlüsse, 
dafs  ich  nur  einen  sehr  kleinen  theil  der  gröbsten  ver- 
stöfse,  welche  jedem  leser  auch  bei  flüchtiger  durchsiebt 
auffallen  werden,  gerügt  habe. 

Sehen  wir  nun  das  inhaltsverzeichnifs  an,  ob  sich 
nicht  ein  artikel  finden  läfst,  welcher  uns  der  traurigen 
pflicht  des  ewigen  tadelns  entbebt.  Wir  erblicken  den 
namen  des  herrn  Oppert.  Ein  geborener  Deutscher,  er 
wird  also  doch  von  den  arbeiten  deutscher  Wissenschaft 
notiz  nehmen!  Les  variations  du  v  aryaque.  Als  einlei- 
tung  werden  uns  einige  allgemeine  bemerkungen  mitge- 
theilt,  die  von  vorn  herein  dem  leser  eine  grofse  acb- 
tung  einfiöfsen  müssen,  da  sie  nur  als  ausflufs  sehr  gründ- 
licher und  umfassender  Studien  begreiflich  sind:  On  ne 
peut  plus  nier  que,  si  la  seienee  doit  admettre  des  langues 
indo-europeennes,  eile  doit  ögalement  declarer  qu'il  n'y  a 
pas  de  nations  indo-europeennes.  Höchst  überraschend! 
Die  indogermanischen  sprachen  sind  mischsprachen ,  der 
Sprachschatz  des  lateinisehon  besteht  nur  zu  40  proc.  aus 
arischen  werten,  60  proc.  sind  aufser-indogermanisch  und 
5  proc.  semitisch ;  von  den  griechischen  werten  sind  65  proc. 
arisch,  20  proc.  semitisch  (15  proc.  sonst  reconnus).   In  der 


anzeige.  451 

that  man  weifs  nicht,  was  man  mehr  bewundern  eoU,  die 
grofsartigen  resultate  der  Studien  des  brn.  Oppert  oder  die 
beispiellose  bescheidenheit  und  selbstverläugnung,  in  wel- 
cher er  sich  versagt  auch  nur  den  geringsten  beweis  für 
seine  bebauptungen ,  nur  die  kleinste  kleinigkeit  aus  dem 
ihm  ohne  zweifei  zu  geböte  stehenden  ungeheuren  mate* 
riale  beizubringen,  fiinigermafsen  erschüttert  wird  diese 
bewnnderung  indes  durch  die  folgenden  mittheihingen, 
welche  die  forsch ungsmethode  Opperts  darthun.  Hr.  Oppert 
belehrt  uns  nämlich,  dafs  im  lateinischen  oft  v  in  m  über- 
gehe: mare  s=  skr.  vari  (siel),  maritus  =  skr.  va- 
rita,  mas  hingegen  =  skr.  vräa,  mederi  und  mirus 
f&r  midrus  kommen  von  wz.  vid,  morari  von  wz.  vas, 
mos  von  vasa  ce  qui  est  etabli,  minnere  von  wz.  van^ 
clamare  von  pru,  amita  von  avus,  promulgare  von 
vulgus,  caminus  au  Heu  de  cavinus  de  kav  (s^miti- 
que)  u.  8.  w.  Dafs  dieser  lautwandel  in  Deutschland  schon 
von  Bopp  und  anderen  behauptet  und  zum  theil  mit  den» 
selben  beispielen  belegt  ist,  dafs  diese  annähme  aber  auch 
schon  längst,  zuletzt  von  Corssen  verworfen  ist  (krit.  beitr. 
237 ff.;  vgl.  auch  Breal  Mem.  de  la  soc.  de  linguistique 
de  Paris  I,  p.  75 :  nous  n'avons  pas  un  seul  exemple  cer- 
tain  d'un  v  sanscrit  representä  en  latin  par  un  m),  davon 
weifs  oder  sagt  wenigstens  der  „persönliche  schüler  von 
Bopp^^)  kein  wort.  Weiter:  Le  v  aryaque  se  condense 
en  p  apr^s  s  dans  les  mots:  sponte  de  sva  suus,  de 
svante  sorte  d'ablatif  (!!)  **),  spirare  de  svas,  skr. 
^vas,  spe-s  (sie!)  de  la  m^me  racine,  sperno  de  svar, 
skr.  svrnämi.  Woher  ist  dies  svrnämi  geschöpft?  Bei 
Westergaard    findet  sich    nur  svaratil)  sonare,    2)  in 


*)  8o  nennt  sich  Oppert  in  seinem  Discours  fait  k  la  bibliothöque  Im- 
periale le  28.  d^cembre  1865  (L'Aryanisme  et  de  la  trop  grande  part  qa'on 
a  füt  h  Bon  inflnence) :  Bopp . .,  dont  j'ai  TbonneuT  d'dtre  T^^ve  personnel- 
lement  (p.  7).  Den  werth  dieses  disconrs  hat  Whitney  in  einem  vortreff- 
lichen artikel  »Key  and  Oppert  on  Indo- European  Philology''  gebührend 
gewürdigt.  Diesem  an  mehrere  deutsche  gelehrten  versandten  artikel  fehlt  lei- 
der die  angäbe  des  Journals,  in  welchem  er  erschienen  ist,  er  trügt  die  pa- 
ginimng  621 — 564  (vielleicht  North-American  review). 

**)  Merkwürdiger  weise  findet  sich  genau  dieselbe  herleitung  von  sponte 
bei  Friedr.  Schlegel,  spräche  und  weish.  der  Indier.  Heidelb.  1808,  s.  16. 

29* 


458  Schmidt,  anzeige. 

Vedis:  laudar^,  cantare,  3)  vexari  dolore,  flere?  4)  ire,  sc 
movere  Nigb.;  ebenso  bei  Benfey  (S.-V.  gloss.)*).  Un- 
begreiflich ist,  wie  ein  in  Deutschland  geborener  gelehrter, 
ein  „persönlicher  schQler  von  Bopp'^,  aller  deutscher  arbeit 
zum  trotz  dergleichen  für  Wissenschaft  ausgeben  kann. 
Nur  zu  begreiflich  aber,  wenn  derselbe  versichert,  dafs 
die  resultate  der  Sprachwissenschaft  nicht  dürfen  pretendre 
ä  prendre  place  parmi  les  grandes  r^veiations  de  Thistoire 
(Discours  p.  6),  femer  que  la  philologie  comparee  ne  sau- 
rait  fitre  la  science  de  Pavenir  (p.  10),  endlich  que  la  sci- 
ence  n'avancera  plus  notablement  (p.  8).  Wenn  man  un- 
ter Sprachwissenschaft  solche  arbeiten  versteht,  wie  sie 
Oppert  hier  vorlegt,  so  darf  die  selbsterkenntnifs,  welche 
sich  in  obigen  urtheilen  ausspricht,  allgemeiner  Zustimmung 
versichert  sein. 

Doch  der  räum  ist  gemessen  und  ewiges  tadeln  ein 
trauriges  geschäft.  Wir  brechen  also  hier  die  erörterung 
der  einzelheiten  ab  und  sprechen  zum  Schlüsse  noch  unser 
bedauern  aus,  dafs  die  in  den  verschiedenen  abhandlungen 
aufgef&hrten  worte  oft  in  so  incorrecter  form  gegeben  sind. 
Schon  den  griechischen  werten  widerfahren  sonderbare 
Schicksale,  noch  weit  mehr  aber  den  indischen  und  alt- 
deutschen. 

Durch  Untersuchungen  wie  die  vorliegenden,  welche 
mehr  geistreiche  theorien  als  gediegene  detailforschung  bie- 
ten, mag  vielleicht  ein  zahlreiches  publicum  bestochen  wer- 
den, dem  kleineren  kreise  der  gelehrten  wird  wenig  damit 
gedient.  Hoffen  wir,  dafs  die  Übersetzung  der  meister- 
werke  deutscher  Sprachwissenschaft  in  Frankreich  anregung 
zu  gründlicheren  Sprachstudien  geben  werde.  Wer 
heutzutage  sprachliche  Untersuchungen  veröftentlicht,  mufs 
sich  gefallen  lassen,  dafs  man  sie  mit  dem  mafse  heutiger 
Wissenschaft  mifst.  Diese  aber  kennt  kein  verschiedenes 
maafs  f&r   verschiedene   länder.     Wenn   daher  unser  will- 


*)  Whitney  sagt  a.  a.  o.  p.  654:  M.  Oppert  has  done  nothing  on  the 
score  of  which  he  can  lay  claim  to  repute  as  a  Sanskritist,  nor  is  he  known 
88  «  comparative  philologiat.  —  [svfQftti  findet  sich  bei  Westergaard  s.  v. 
syf  laedere,  occidere.     Anm.  der  red.] 


Fick,  miflcelUD.  453 

komiiieusgrors  der  neuen  Zeitschrift  unfreundlich  erscheinen 
mag,  ungerecht  ist  er  sicher  nicht.  Auch  ist  der  tadler 
keineswegs  der  schlechteste  freund. 

Johannes  Schmidt. 


Zu  den  secundärsuffixen  -an,  -ina,  inja,  -ta, 
-tva,  -vant. 

1)  Das  secund&rsufüx  -an,  -an  zeigt  sich  am  dent- 
lichsten  im  zend.  Hier  haben  wir  folgende  bildungen  die- 
ser art:  puthran  m.  einen  söhn  habend,  von  puthra  m. 
söhn,  dat.  puthräne;  mäthran  m.  Vorleser,  verkündiger  Ton 
mäthra  m.  wort,  gen.  mätbränö,  plur.  nom.  mäthrana^-ca; 
hazanhan  m.  räuber  von  hazanh  n.  gewalt,  raub;  bävanan 
m.  titel  des  Mobed,  der  das  Hom  im  mörser  zerstölst, 
eigentlich  der  mörser- versehene  von  hävana  m.  mörser; 
endlich  das  adjectivische  vi^an  einen  hansstand  besitzend 
von  VI9  haus.  Diese  zendwörter  sind  so  bedeutsam,  weil 
sie  zugleich  auf  ein  weitverbreitetes  suf&x  im  sanskrit  licht 
werfen.  Es  ist  nämlich  dies  suiBx  -an  identisch  mit  dem 
skr.  suf&x  -in.  Zend.  putbr-an  m.  familienvater  ist  as  skr. 
putr-in  einen  söhn  habend,  zend.  mäthr-an  m.  Vorleser  = 
skr.  mantr-in  spruch  kennend,  rath  habend;  endlich  ha- 
zanb-an  m.  räuber  steht  parallel  dem  skr.  sähas-in  m.  räu- 
ber, von  skr.  sahasa  n.  gewalt.  Auf  europäischem  bodeu 
entsprechen  lat.  -ön  und  griechisch  -coy,  gen.  -wv-oq^  wo 
diese  suffixe  von  bereits  fertigen  nomen  neue  bilden.  So 
entspricht  ydcxQ-wv  ro.  dickbauch,  starken  bauch  habend 
dem  skr.  jathar-in  starken  bauch  habend,  der  monalsname 
'YÖQ'WV  m.  wassermonat  dem  skr.  udr-in  wasserreich,  und 
der  eigennamc  l^lvSqwv  für  'J^viqwv  von  a-v^Q-  mann  deckt 
sich  mit  dem  sabinischen  namen  Ncron-  Nero  von  ner 
mann.  Das  lange  ö  kann  uns  nicht  befremden,  da  wir  ja 
im  zend  neben  -an  die  starke  form  -an  in  der  flexion 
finden. 

2)  Das  secundärsuffix  -ina,  welches  besonders  gern  an 
stoffuamen  tritt  und  aus  ihnen  adjective  bildet  mit  der  be- 


456  Bn^al,  miscellen. 

affiz  an  dieselben  Wörter  getreten,  hier  noch  einen  platz 
finden.  Dem  skr.  pivas-vant  strotzend  von  plvas  n.  fett 
entspricht  nirj-eig  für  nift^'^evT-^  Tiifea-jrepv-  fettreich  von 
nJ^aa-  fett  in  nif((S'TB()0'g,  mia-regog  und  sonst;  ferner 
decken  sich  wenigstens  in  der  form  skr.  kakra-vant  mit 
rädern  versehen  und  xvxlozfBVT-  kreisförmig;  ebenso  zend. 
vläa-vant  giftig  von  viäa  gift  und  ioetg  {fir  j:i(fO'j:e\T',  das 
beiwort  des  eisens  bei  Homer,  wohl  mit  recht  von  den 
alten  „dem  roste  log  ausgesetzt^  erklärt;  endlich  skr. 
Ichäjft-vant  schattig,  schattengebend  und  axio-jr^vr-^  axioetg 
schattig,  schattengebend. 

Göttingen,  14.  decbr.  1868.  A.  Fick. 


Nirnis. 

Dafs  nimis  eine  comparativbildung  wie  magis,  po- 
tis,  pris  (in  pris-cus,  pris-tinus)  ist,  darf  als  ausge- 
machte Sache  gelten  (Zeitschrift  III,  278).  Auch  hat  prof. 
Pott  schon  in  der  ersten  ausgäbe  seiner  etymologischen 
forschungen  (I,  194)  richtig  erkannt,  dafs  die  anfangssilbe 
die  negativpartikel  ne,  nr(ne-scius,  ni-si,  ni~hil)  ent- 
hält.    Wie  sollen  wir  aber  mis  erklären? 

Ein  wort  wie  nimis,  dessen  gesammtbedeutung  „viel, 
zu  viel**  ist,  und  dessen  erste  Silbe  die  negation  ausdrückt, 
mag  wohl  als  zweiten  theil  ein  wort  enthalten  haben,  wel- 
ches „wenig,  zu  wenig ^  bedeutete.  Nun  aber  kann  das 
griechische  fieiov  im  lateinischen  nicht  anders  als  meios, 
mios  lauten.  Die  zusammenziehung  von  mios  zu  mis  ist 
dieselbe  wie  bei  satis,  potis.  Nimis  heifst  demnach 
wörtlich:  „nicht  wenig,  viel%  und  daraus  entwickelte  sich 
wie  beim  griechischen  ayav  der  begriff  „zu  viel".  Aus 
nimis  entsprang  das  adjektiv  nimius,  wie  aus  pris  sich 
priscus,  pristinus  weiter  gebildet  haben. 

Neben  /jslov  besteht  im  griechischen  der  comparativ 
nkeiov:  so  mag  es  auch  früher  neben  mis  im  lateinischen 
ein  plis  gegeben  haben.     Festus  p.  204:   plisima,  plu- 
rima. 
Paris,  den  27.  april  1869.  Michel  Breal. 


inbceUen.  455 

sehe  zeigt  ueben  dem  alten,  stark  zusauimeogeschwunde- 
nen  -yua-8,  -inä-s  massenhaft  das  suffix  -ini-s  d.  i.  inja-s, 
und  so  entspricht  z.  b«  zemini-s  dem  zend.  zemaenja  irden, 
jilyvini-s  von  (Qbrigens  entlehntem)  alyva  Ölbaum  ge- 
nau dem  griechischen  klaheo-g.  Ob  nun  aber  das  sufl^x 
-ainja  sich  schon  vor  der  Sprachentrennung  aus  -aina  ent- 
wickelt, oder  ob  die  entstehung  von  -ainja  aus  -aina  sich 
in  den  einzelsprachen  selbständig  und  von  einander  unab- 
hängig vollzogen  habe,  darüber  soll  hier  nichts  aufgestellt 
werden. 

4)  Das  secundärsuffix  -tä  bildet  abstracta  im  sinne 
unseres  -heit  von  adjectiven,  und  war  bereits  der  Ursprache 
eigen,  denn  es  findet  sich  im  sanskrit,  im  latein,  im  deut- 
schen und  slavischen,  wenn  auch  z.  b.  im  latein  nicht  sehr 
häufig.  Dort  haben  wir  z.  b.  juven-ta  f.  identisch  mit 
goth.  jun-da  f.  jugend;  dagegen  entsprechen  sich  skr.  ^ün- 
ja-tä  f.  und  ksl.  sujeta  f  leere;  skr.  dirgha-tä  und  ksl. 
dlügo-ta  f.  länge,  skr.  püriia-tä  f.  vollheit,  fülle  und  ksl. 
plüno-ta,  ahd.  fullida,  mbd.  vullede  f.  fülle,  vollheit,  für 
fuluida,  indem  goth.  full-a-  voll  bekanntlich  für  fuln-a- 
steht. 

5)  Das  suffix  -tva,  im  sanskrit  so  überaus  häufig  ver- 
wandt, um  abstracta  aus  adjectiven  zu  bilden,  ganz  wie 
-tä,  scheint  sich  in  den  übrigen  sprachen,  wenn  überhaupt, 
nur  sehr  sporadisch  zu  finden.  So  wäre  es  z.  b.  sehr  ver- 
lockend das  goth.  frijathva,  besser  friathva  f.  liebe  mit 
skr.  prijatva  n.  das  liebsein,  liebhaben  zu  identificiren.  Al- 
lein während  das  skr.  wort  aus  prij-a  lieb  (für  pri-a  von 
pri  durch  a)  und  tva  zusammengesetzt  ist,  möchte  goth. 
friathva  eher  eine  primärbildung  und  fri-athva  zu  trennen 
sein.  Dem  gothischen  salithva  f.  nur  im  plural  salithvos, 
herberge,  wohnung,  ziromer  entspricht  das  ksl.  selitva  f. 
Wohnung  (habitatio  Miklosich)  und  scheint  tva  in  diesem 
Worte  allerdings  secundäres  affix  zu  sein. 

6)  Das  griechische  affix  -^€i'r-  entspricht  so  völlig 
dem  skr.  -vant,  dafs  es  fast  überflüssig  scheinen  möchte, 
sich  deckende  bildungen  dieser  art  in  beiden  sprachen  auf- 
zusuchen.    Doch  mögen  die  wenigen  beispiele,  wo  dieses 


458 


Sachregister. 


bedeutung  des  a,  a  des  conjunctivs 
Dach  Scherer  405.  406. 

Consonanten.  Aalaat.  idg.  bh  im 
lat.  dnrch  f  oder  h,  nicht  durch  b 
vertreten  14;  altidg.  b  19;  die  lant- 
Terbindung  uv  im  lat.  und  ihre  Um- 
gestaltungen 106 — 108,  namentlich 
ihr  Übergang  zu  üb  107  f.;  Vertre- 
tung von  altem  v  durch  qt  212,  in 
ff^öq  nicht  durch  «r  bedingt  212, 
ist  nur  dialektisch  und  local  218; 
i-ähnliche  uatnr  des  1  bewirkt  um- 
lant  im  ostfränk.  281 ;  Übergang  von 
n  in  1  für  das  griech.  und  lat.  we- 
nig gesichert  289;  Übergang  von 
inlaut.  lat.  h  zu  g  wohl  immer  mit 
nasaliertem  vocal  verbunden  289; 
Übergang  von  m  in  n  860;  Übergang 
von  j  in  V  im  skr.  866;  Übergang 
von  -t  in  -s  im  iranischen  und  seine 
beziehnng  zu  dem  zendlaute  (  897 f., 
Übergang  von  -t  in  -s  im  skr.  399 
(cf.  887);  sporadischer  lautwandel 
vun  inlaut.  s  zu  r  im  skr.  und  hoch- 
deutschen 400.  — .ausspräche  des 
lat.  f  429 — 434,  im  besonderen:  die 
Zeugnisse  der  grammatiker  429 — 432, 
epigraphische  Zeugnisse  (lautverbin- 
dnng  mf  und  deren  Verhältnis  zu 
nf)  432.  438.  —  Vgl.  auch  noch 
unter:  Aspiraten. 

Consonanteneinschub.  Einschub 
von  d  zwischen  n — r,  1 — r  288. 

Copula.  Auslassung  derselben  888 
—391.  894. 

Dativ.  Bedeutung  und  gebrauch  des 
indogerm.,  speciell  vedischen  dativs 
mit  besonderer  berücksichtigung  der 
dativischen  infinitivformen  81 — 105. 

—  Ursprung  des  dativsuffixes  äi,  8 
870  f.  (cf.  101). 

Denominativa.  Yerba  auf  latein. 
-erare,  got.  -izon,  ahd.  -isdn  und 
ihre  verwandten  in  den  übrigen  in- 
dogerm. sprnchen  52  ff.  —  lat.  de- 
nominativa auf  -io  25  ;  spuren  einer 
abgeleiteten  -o  -  conjugation  im  lat. 
und  osk.  205  f.;  denominativa  in 
der  dritten  lat.  conjugation  808.  — 
denominativa  des  sanskrit,  durch 
blofsen  antritt  der  personalendnngen 
an  den  nominalstamm  gebildet  411. 

Deutsche  dialekte.  Dialekt  von 
Job.  Pauli's  Schimpf  und  Ernst  40 

—  51:  lautverhältnisse  4 1 ;    beroer- 


kenswerthe  Wörter  42 — 51.  —  Vo- 
calverhiütnisse  des  ostfrttuk.  dialekts : 
Umstellung  der  diphthonge  mhd.  ie, 
uo,  Üe  (nhd.  ie,  ü,  U),  im  ostMnk. 
dialekt  und  deren  analoga  in  ande- 
ren älteren  und  neueren  mundart«n 
268 — 276;  Verengung  ursprünglicher 
und  secundärer  diphthonge  und  de- 
ren analoga  in  andern  dialekten 
277—288. 

Dual.  Entstehung  des  dualen  au 
290.  291. 

Ersatzdehnung  im  nom.  sg.  875 ff.; 
in  vedischen  2.  und  8.  pers.  des 
activs  von  aoristen  der  5.  bildung 
(nach  Bopp,  der  ersten  nach  Benfey) 
bei  consonantisch  auslautenden  wur- 
zeln 878  ff.  (Beufe/s  ansieht  von 
diesen  aoristformen  und  die  gründe 
gegen  dieselbe  881).  —  Eraatzdeh- 
nung  ist  kein  durchgreifendes  gesetz 
geworden  380. 

Erweichung  Von  consonanten.  Er- 
weichung von  tennes  im  wurzelan»- 
laut  im  griech.  2;  diese  erweichung 
durch  nebeneinanderatehen  von  wux^ 
zeln  mit  auslaut.  k  und  g  schon  för 
die  indogerm.  zeit  wahrscheinlich 
gemacht  241.  —  erweichung  von 
aulaut.  lat.  p  zu  b  nicht  unbedenk- 
lich 15.  —  erweichung  inlaut  te- 
nues  im  lat  sehr  häufig  20.  —  er- 
weichung von  anlaut.  c  im  lat  21, 
89.  —  erweichung  von  anlaut  p 
vor  1  im  litauischen  80. 

Fränkisch.  Spuren  des  altfränk.  in 
der  vocalisation  der  von  den  Römern 
überlieferten  deutschen  namen  183. 
184. 

Gemination.  Gemination  der  tenuis 
im  lateinischen  1  —  40  (übersieht 
sämmtlicher  lat.  wortformen  mit  ge- 
minierter  tenuis  39.  40).  —  gemi- 
nation  in  der  lat.  Orthographie  über- 
haupt in  Verwirrung  gcrathen  8.  — 
Vgl.  auch  noch:  Oskisch. 

Genitiv.  Genitiv  sg.  der  a- stamme 
151.  genitivsufßx  -as  373.  geni- 
tiv-ablativ  auf  äi  fUr  -äs  in  den 
brähmaya  371. 

Genus  150—153.  Scharfe  begriff- 
liche Scheidung  der  drei  genera  sehr 
mifslich  152.  —  Verbindung  ma»- 
culiner  und  femin.  formen  der  pro- 


Sachregister. 


459 


noin.  mit  DeatrU  im  zend  und  ihre 
Analoga  im  deutschen  857.  858. 

Germanisch.  Spaltungen  der  deut- 
schen gmndsp räche  in  ihrem  ver- 
bältnis  zu  den  uns  erhaltenen  sprach- 
zweigen 168  ff.  —  Charakteristik 
der  einzelnen  abzweignngen :  altur- 
deutsch  169 — 172;  mittelurdeutsch 
178  — 177  (beziehungen  der  Skan- 
dinavier zu  den  Sudgermanen  177, 
zu  den  Goten  178.  179);  neuui^ 
deutsch  178 — 184.  —  verschiedene 
arten  der  Übereinstimmung  zwischen 
den  einzelnen  german.  dialekten  und 
ihre  gründe   186. 

Hilfsvocal  a  in  gotischen  flexions- 
formen,  seine  analoga  im  italieni- 
schen, neugriech.  und  slawischen, 
seine  theilweise  entstehung  aus  ana- 
logie  881  f. 

Imperfectum.  Vedische  3.  und  8. 
pers.  des  imperfects  auf  -iis,  -äit 
68.  54. 

Indogermanisch.  Methodische 
gmndsfttze  für  die  aufütellung  indo- 
germ.  formen  74—77.  —  verschie- 
dene beziehungen  der  einzelnen 
indogerm.  hauptzweige  zu  einander 
(„ancipität  der  sprachen**)  168. 

Infinitiv.  Infinitivsuffix  -taväi  870. 
—  Weiteres  ttber  den  Infinitiv  siehe 
unter  Dativ. 

Instrumental  pl.  der  -a-  und  -&- 
Stämme  im  skr.  872. 

Lautverschiebung.  Hohes  alter 
der  beiden  letzten,  dem  deutschen 
allein  eigenthttmlichen  stufen  der 
lautverschiebnng  bewiesen  durch  die 
von  den  Römern  überlieferten  namen 
166  ff. 

Locativ.  Locativ  sing.  865  —  868: 
angeblich  vedische  locative  auf  ä 
von  -a-  und  -a-stämmen  865  f. ;  loc. 
der  -i-  und -ü -stamme  866;  locativ 
der  -i- Stämme  auf  ä  und  Su  866, 
der  -u- Stämme  auf  &u  361,  866; 
locativ  der  fem  in.  auf  -§m  867 ; 
locativformen  mit  -i,  -i  867,  868 
(cf.  407);  locativ  sg.  des  zend  867. 
368,  des  litauischen  368;  fehlen 
des  locativzeichens  bei  stammen  auf 
-an  in  den  reden  884.  —  Locativ 
pl.  auf  -SU,  zend.  *-8va  864. 

Medium.  Die  endungen  des  mediums 
nicht    aus    denselben    grundformen 


hervorgehend  wie  die  des  acttvums 
841.  842. 
Mythologisches.  Mythus  von  Zeus 
-Semele  und  sein  Zusammenhang 
mit  dem  mythen-  und  märchenkreis 
von  Purüravas-Urva^i,  Amor-Psyche 
und  den  schwanenjungfrauen  56 — 66. 

—  beziehungen  in  diesen  märchen, 
die  auf  die  Vorstellungen  von  donner 
und  blitz  hinweisen  57.  58.  61.  68. 

~  aufsteigen  zum  himmel  56.  59. 
60.  62  f.  —  fraglich,  ob  die  Melusi- 
nensage   zu  derselben  grnppe  64. 

Namen.  Erklärung  einiger  neudeut- 
scher familiennamen  79.  80.  159. 
222  f.  229.  281.  282.  —  germani- 
sche kosenamen  216 — 286. 

Nasal.  Nasal  im  auslaut  eintretend 
fUr  schwindendes  -e  im  grtech.  und 
den  indischen  dialekten  888.  884. 
einschnb  eines  nasals  845. 

Neugriechisch.  Abwerfhng  und 
ausstofsung  von  vocalen,  consonan- 
ten  und  ganzen  Silben  in  der  neu- 
griech. Volkssprache  114.  —  accent- 
regeln  des  altgriech.  im  neugriech. 
fifters  verletzt  117.  —  paragogische 
formen  im  neugriech.,  namentlich 
tzakon.  verbum  147.  —  ausfall  von 
a  zwischen  vocalen  in  flexionaen- 
dungen  des  neugriech.  verbums  147. 

—  Weiteres  s.  unter  Tzakonisch. 
Nominativ.   Bezeichnnngsweisen  des 

nominativs  nach  Scherer  874  ff.: 
unbezeichneter  nominativ  874,  875 
(dagegen  nominativzeichen  -s  auch 
bei  femininis  874);  angebliche  no- 
minativbezeichnung  durch  vocal Ver- 
stärkung des  bildungssufBxes  875 ff.; 
das  nominativzeichen  -s  881 — 884. 
Oskisch.  Altoskische  inschriften  in 
griechischer  schrift:  1)  grabschrift 
von  Sorrento  187.  188.  2)  grab- 
schrift von  Anzi  189— 210,241— 250 
(alter  derselben  245.  249;  Übersicht 
ihrer  besonders  alterthümlichen  for- 
men, darunter  namentlich  mangelnde 
erweichung  eines  auslautenden  t) 
246 — 248.  8)  weiheinschrift  eines 
helmes  zu  Palermo  250—258. 

Vocale:  irrige  bezeichnung  kurzer 
osk.  e  und  o  durch  rj  und  w  191; 
if  im  oskischen  zur  bezeichnung 
eines  langen  I  194.  209;  parasiti- 
sches i   hinter  t,  d,  n,  I  im  oski- 


460 


Sachregister. 


sehen  und  volskiscben  und  dessen 
•naloga  im  roman.  nnd  albanes. 
208  f. 

Consonanten:  gemination  zur  be- 
Zeichnung  gesch&rfter  ansspracbe  in 
bochbetonter  silbe  188;  bedentang 
des  Zeichens  f-  als  eines  zirischen 
getrennt  gesprochenen  vocalen  ein- 
tretenden baacblaates  and  seine  ana- 
log« (h,  /- )  in  den  Übrigen  italischen 
dialekten  192  f. 

Declination:  altoskische  (wie  alt- 
lat.)  nom.  sg.  auf  -as  von  mttnnli- 
chen  a-stämmen  242,  ef.244;  gen. 
sg.  dieser  stAmme  242 ;  verschiedene 
nominativformen  der  stamme  anf 
-io  255.  266. 

Umbrisch  -  oskisch-volskische  infi- 
nitive  auf  -om,  -am  205.  —  classen 
der    abgeleiteten    conjagation    im 
08k.    248.  249.  —   griech.  worter 
und  namen  im  oskischen  200. 
Participialfutarum  388.  390. 
Participialperfect     des     alterSni- 
schen    ist   vielleicht    eher  ein   aor. 
medii  889. 
Participium  auf  -ant  (and   v-ans) 

885  ff. 
Perfectum.     Bildung   der  italischen 
perfectformen  808.^811  (vgl.  207). 

—  vedische  1.  pers.  sg.  perf.  auf 'ä 
weist  nebst  griecb.  a  und  den  for- 
men mit  -&u  auf  älteres  -am  826. 

Personalausdruck.      Fehlen     des- 
selben  bei   der  dritten  person   388 

—  896. 
Personalendungen.  Erster  person : 

1.  pers.  plor.  auf  .m  im  got  praes. 
entstanden  aus  *ms,  maa,  nicht  aus 
"^-ma  (lit.  -me)  830.  ahd.  -mds, 
seine  nebenformen  und  seine  ent. 
stehuDg  383  —  889;  angebliche  lat. 
1.  pl.  auf  mds  888;  die  griecb.  for- 
men -^if;  und  -/fCK  388.  884.  — 
-mah§,  z.  -maidhS,  giiecb.  ^ftix7a 
und  die  verwandten  endungen  346. 
847. 

Zweiter  person :  -dhl  des  impera- 
tivs  346.  —  vedisches  -thä,  -thana 
des  plurals  im  präsens,  -tä,  -tana 
des  plurals  im  imperativ  356.  — 
•sva  des  medialen  imperativ»  358. 

Dritter  person  387  ff.  396—407: 
endung  -e  396;  endung  -i  des  sg. 
aor.  pass.  396 f.;  altpers.  -sa,  griech. 


-aar,  -ffaffft  898 ;  skr.  -us,  hui898  f. 
—  formen  der  8.  pL  mit  r  (-r§,  -ran 
u.  s.  w.)  899—402:  die  skr.  formen 
-rS,  -ran  n.  s.  w.  sind  von  den  zend- 
formen  -are,  -ar^  u.  s.  w.  zn  trennen ; 
jene  gehören  zn  wz.  as  400;  form 
-ran(n),  -rata,  -ram,  -ra  400  ff. ;  form 
-rS,  -rire  des  peifects  402;  form  -are 
im  plli  402.  —  Zusammenhang 
zwischen  8.  pL  anf  -anti  und  part. 
anf  -ant  405.  —  Scherers  theorie 
Über  die  formen  der  8.  person  402 
—407. 

Personalpronomen:  formen  des 
selbstAnd.  Personalpronomens  850  ff. 

Plural.  Acht  arten  des  plaralaua- 
dmcks  nach  Scherer  852 — 860,  im 
besonderen:  endung  'i  (-Sni,  -ini, 
-&ni)  der  nentra  und  ihre  neben- 
formen 3  56  ff.,  endung -iSas  858;  an- 
geblich flexionslose  plorale  der  neu- 
tralen -as-stämme  884. 

PositionslKnge.  Wesen  derselben 
285  f. 

PrKsens.  Das  i  in  den  flexionsen- 
dungen  des  präsens  842  f 

Präsensstämme  mit  -to  im  lat.  36. 

Pronominaldeclinatlon:  sma  in 
der  pronominaldedination  353.  861 
— 864.  locatlvendung  (sm)in  368. 

Reduplication.  Contraction  redu- 
plicierter  formen  im  skr.  und  deut- 
schen 308  f.  (cf.  806.  807).  —  volle 
reduplication  von  wurzeln  aus  con- 
schant  +  vocal  +  conson.  410. 

Runen.  »  Aelteste  **  runeninschriflen 
153—  157.  —  Charakter  der  darin 
vorliegenden  spräche  z.  th.  alter- 
thUmlicher  als  das  gotische,  jeden- 
falls aber  nordisch,  nicht  deutsch 
(bewahrung  der  thematischen  vo- 
cale,  epenthetisches  und  paragogi- 
sches  a,  nominativzeichen  r)  155. 
166.  —  Inschrift  des  steine  von 
BjGrketorp  157. 

Snffixa.  Lat. -it  12;  sufBx  -ka  in 
primärei  bildung  selten  13;  neutra- 
les suff.  lat.  -tus,  skr.  -tas  23;  lat 
-uUo  meist  deminutiv  von  -ön  80; 
laU  -tur  38 ;  skr.  adj.  auf  -aja  = 
slav.  -ij ,' verkürzt  i  54.  55;  -wXo 
71;  lat.  -ivo  im  verhältnifs  zu  -uo 
106;  lat.  -vo  201;  osk.  und  lat. 
adj.  auf  -ito  durch  vermxttelnng  de- 
nominativer verba   auf  -io  von  -i 


SachregiBter. 


461 


stummen  nnd  consonantischen  stam- 
men 202;  -at  nnd  -as,  -vat  und 
-vas  als  dialektische  nebenfurmen 
211;  vedisch  -at  (-vat)  auch  -an  I 
(-van)^  vertretend  211;  suff.  -ist«,! 
-isfha  mitunter  Steigerung  der  wur- ' 
zelsilbe  bewirkend  213;  ital.  -aiio,  j 
-aio,  -ejo  und  skr.  Sja  802;  skr. 
-BÄt,  -sä  864;  -mant  und  -vant 
885  ff.;  ijis  886;  Verwandtschaft 
von  Suffix  -väs  und  -vant  387; 
Wechsel  von  -are  und  -an  zendischer 
nominalthemen  899;  -ina  lit.  nicht 
selten  zu  -na  verkamt  414;  lat. 
-bro,  -bra,  -bri  487  —  440,  -cro, 
-cra,  -cri  440.  —  Uebereinstim- 
mende  bildungen  in  verschiedenen 
indogerm.  sprachen  mit  folgenden 
sufifixen :  secund.  suff.  zend.  -an,  -Sn, 
skr. -in,  lat.-ön,  ^tar,  gen.-w)'o;458; 
secund.  suff.  *-ina,  *aina  {-iroq,  ksl. 
-inu,  -inü  —  lat.  -inus,  got.  -eina-, 
ksl.  ^nü  454 1  seine  Weiterbildung 
•inja,  *ainja  (zend.  nom.  aeni-s, 
-»ffo;,  lit.  nom.  ini-s)454f.;  secund. 
suff.  -tä  und -tva455;  -vant,  -J^tii 
455  ff. 
Tzakonisch.  Bisherige  arbeiten 
Über  diesen  dialekt  185.  —  tzakon. 
worter,  die  sich  bei  Hesychius  wie- 
derfinden 186.  187;  die  auch  im 
albanesischen  vorkommen  138.  189. 
—  Yocale:  Übergang  von  anlaut.  t 
in  a  140;  von  ;,  a»  in  i,  140;  von 
au  in  01/  141  ;  von  anlaut.  a  in  f 
142,   von  (  und  ij   in  ov    145.  — 


Gonsonanten : 


dem  lakon.  p  für  <t 


entsprechend,  fällt  tzakon.  meist  ab, 
erscheint  aber  wieder  vor  vocalen 
186;  Übergang  von  rp  in  &  140;  der 
laut  seh  häufig  im  tzakon.,  wie  im 
epirotischen  und  makedon.  neugrie- 
chisch und  im  albanesischen  148, 
entsteht  aus  q  nach  dentalen  148. 
—  tzakon.  -iyyov  =  gemeingriech. 
-tvut  (mit  dieser  endung  gehen  ital. 
verba  in  die  griech.  dialf^kte  Süd- 
italiens  über)  141;  -Uxov  bildet 
tzakon.  transitiva  141.  —  Declina- 
tion:  acc.  und  nom.  pl.  nur  durch 
den  artikel  unterschieden  144 ;  dativ- 
formen  von  Thiersch  für  das  tzakon. 
mit   unrecht    angesetzt    145.    146; 


gen.  sing,  der  fem.  in  a  impurum 
endigt  tzakon.  theils  auf  c,  theils 
auf  Ti  146.  -  Verbum  146  f.  — 
Stellung  des  tzakon.  zum  altdorischen 
und  lakonischen  148.  149. 

Verba,  abgeleitete.  Siehe  Deno- 
mi  nativa. 

Vocale.  Schwächung  des  wurzelvo- 
cals  im  zweiten  gliede  von  compositis 
im  lat.  6,  unterbleibt  zuweilen  6, 
findet  sich  nicht  im  osk.  6 ;  i  und 
u  im  Wechsel  im  lat.  12;  Schwä- 
chung von  a  zu  1  vor  doppelcon- 
sonanz  im  lat.  37.  —  entstehung  von  o 
aus  u  im  lat.  258 — 268  :  entstehung 
von  6  durch  synizese  von  ou  258. 
259;  Verkürzung  dieses  o  zu  $  305; 
unmittelbarer  Übergang  von  ü  in  5 
gehört  der  Volkssprache  an,  in  der 
Schriftsprache  kein  sicheres  beispiel 
260,  268  (cf.  298);  lat.  o  =:  griech. 
i;  (durch  Übergang  von  a  in  v  vor 
q)  260,  261.  —  ahd.  o  einigemal 
Schwächung  aus  a  266;  Schwächung 
von  skr.  a  zu  u  vor  r  286;  Über- 
gang von  a  in  i  im  zweiten  crliede 
lat.  composita  durch  u  vermittelt 
287;  vocalkürze  im  altlat.  vor  spä- 
terer, z.  th.  et^rmologisch  begründe- 
ter doppelcon8onauz294;  ouslaut.  -ä 
der  Ursprache  durch  griech.  -a,  lat. 
•a,  kaum  durch  griech.  -w,  lat.  -ö 
vertreten  827  (cf.  876);  ahd.  S  aus 
ia  durch  zusammenziehung  redupli- 
cierter  formen  880  (cf.  887);  zend. 
h  aus  a  875. 

Vocalreihen.  üebergang  deutscher 
wurzeln  aus  der  a-  in  die  i-reihe  10. 

Vocal Verlängerung  in  offener  silbe 
im  inlaut  (sufi*.  -iman  neben  -iman 
u.  ä.)  851 ;  vocalverlängeruDg  vor  v 
866. 

Vocativ  der  fem.  auf  ä  869. 

Wu  r  z  e  1  n.  Weiterbildung  von  wurzeln 
durch  g  21,  durch  labiale  21,  durch 
k  22,  durch  x  '^^t  d^^'c^  ^  ^^i 
durch  bh  24. 

Zahladverbia  des  latein.  auf -iens, 
-ies  886. 

ZahlwOrter.  Ursprüngliche  form 
der  Zahlwörter  für  5,  7,  8,  9,  10 
in  den  indogerm.  sprachen  290. 


462 


Wortregister. 


IL    Wortregister. 
A.    OermaiuBche  sprachen. 


l)  fiotlsch. 

basi  16. 

bellaginea  806. 

fana  6. 

fani  416. 

foa  416. 

friathva,  frijathva  455. 

gasuljan  262. 

gavigan  26. 

giiita  88. 

bairto  416. 

hlains  28. 

hlaiv  28. 

hvana  381. 

ioa  881. 

iU  831. 

izvia  845,  859. 

JQDda  455. 

JOB  839. 

leibvan  207. 

mitb  862. 

eueb.  Kasna  174. 

nehva  160. 

qitbus  88. 

reikfl  806. 

riqis  78. 

ea  874  f. 

sai  869. 

sakan  804. 

galithvoB  455. 

sauls  262. 

eibja  804. 

sigU  804. 

sulja  262. 

thana  381. 

thata  831. 

tlilaihan  804. 

nnSi  uDsis  845,  859. 

varjan  206^ 

vegs  26. 

reis  389,  847. 

▼ens  807. 

vigs  26. 

yindan  22. 

2)  Althochdeutsch. 

paccho  18. 

parran,  parmnga  815. 

bfböz  279. 


pl&an  27. 
pmob  8. 
egida  35. 
egju  35. 
eihhon  802. 
fedara  28. 
Hehan  304. 
fttllida  455. 
gäm,  gern  330. 
gSnc,  gianc  380. 
gramizon  818. 
grint  318. 
gröz  180. 
hl€o  23. 
hlin^n  28. 
hlosdn,  hlosdn  803. 
hraban  21. 
bruoh  21. 
hwenan  881. 
ihha  881,  850. 
inan  331. 
kelä  24. 
kliban  10. 
koufön  802. 
leisa  418. 
lerz,  lurz  416. 
matt&  4. 
reibhan  207. 
riuzan  276. 
saf  20. 
sama  853. 
samant  862. 
skivero  11. 
scoz  802. 
scritescuoh  158. 
sS  869. 
Blim  28. 

stören,  storran  261. 
8t4m,  stSm  330. 
sügan  20. 
swelli  262. 
taoUa  281. 
uoberon  52. 
wafsa  31. 
Tvag&  26. 
wäga  26. 
wagan  26. 
wagdn  26. 
wari  206. 
wegan  26. 


,  weban  288. 
I  wibil  80. 
t  wini  807. 
wir,  wer  889. 

3)  Hittelhochdentsch. 

blaewen,  blaejen  27. 

buole  416. 

genieten  267. 

gruonen  271. 

hüren  280. 

klembem  10. 

krSgen,  kriegen  267. 

krSnwel,  krewel  279. 

küle  280. 

loben  111. 

manger,   mangaere,  men- 

gaere  159. 
matte,  matze  4. 
Mennor  174. 
muoder  274. 
pfdcben  19. 
Bcbiech  266. 
schritescbuoch ,  scbrittel- 

schnocb  158. 
Bihte  17. 
toum  279. 
triel  281. 
tücbe  277. 
viehte  266. 
vroot  274. 
waberen  81. 
w&gen   26. 
waege  26. 
wücbz   13. 
wuor  274. 

4)  Meahochdevtsoh. 

bttben  268. 
barsch  315. 
blatt  261. 
börste  315. 
derselbe  853. 
ergroffen  267. 
faUen  487. 
fischmenger  159. 
fleischmenger  159. 
frag  272,  274. 


Wortregister, 


463 


gerate  487. 
herbst  211. 
karst  211. 
kehren  211. 
kleister  23. 
lache  79,  80. 
laub  112. 
mieder  274. 
machen  19. 
machig,  mafflg  19. 
pfUtze  79. 
rttuchern  108. 
Schlittschuh  158. 
schrittschuh  158. 
steigern  108. 
stochern  108. 


5)  Oberdeutsche  dia- 
lekte. 

NB.    Die  unbezeichneten 
Wörter  sind  ostfränkisch. 

alem.  ausser,  aunser  48. 

bftb&z  279. 

mcht-n  266. 

g-groff*m  267. 

g-nfei*n  266. 

alem.  gvetterlen  45. 

sttdhess.  gritib  270. 

gr^uD,  grkuna  271. 

hAl-n  280. 

kftl  280. 

krftl  279. 

krbign  267. 

alem.  krüssen  48. 

l^ttg'ln,  loug-ln  274. 

Upfel  50. 

bair.  schwäb.  maden  42. 

sOdhess.  mKich  270. 

alem.  matte  42. 

m^ttda'   274. 

mir  {=  wir)  889,  851. 

nMlara'   281. 

bair.  rechbrett  42. 

ruifs'n  276. 

schM',  sehöich  266. 

siOg-n  274. 

Schweiz,  sinnen  (signare) 

802. 
wetterauisch    schtraiten 

168. 
tAmisch  279. 
tÄk^n  277. 


t^U-n  281. 

alem.  todtenbaum  41.  42. 

trWl-rl  281. 

wä  280. 

wöüa    274. 


6)  Alts&chsisch. 

darth  272. 

7)  Hittelnieder- 

deutsch. 

vadderspel  45. 

8)  Heoniederdentsch. 

bäwe'n  108. 
preufs.  broidesch  276. 
dette  381. 
westmi.  donrt  272. 
fraug  272,  274. 
aachen.  bausch   275. 
icke  831. 
westfftl.jaug  272. 
klibe  10. 
l&ke  79. 
laven  112. 

hiuterpomm.  mank  274. 
puchen,  pochen  19. 
sap  20. 
striden  158. 

stridscbo,  stridschau  158. 
mecklenb.  unfraadig  274. 

9)  Miederlindisch. 

lak  79. 


10)  Angeüächsisch. 

bl&van  27. 
broc  8. 
greit  180. 
grimetan  318. 
grindan  318. 
grist,  grest  818. 
meatta  4. 


IDEngUsch. 

to  blow  27. 
monger  159. 
niyself  u.  s.  w.  353. 
same  353. 
stride  158. 


12)  Altnordisch. 

brök  3. 
bust  315. 
grand  318. 
granda  818. 
greuna  818. 
hli5  28. 
hrdkr  21. 
hurt$  261. 
kall  233. 
lids  259. 
log  306. 
lysa  259. 
Nanri   174. 
rökr  58. 
svalir  262. 
svoli  262. 
sylla  262. 
ther  851. 
v&fa  31. 
vafrlogi  81. 
V&fu6r  31. 
Vit  853. 


13)  Norwegisch. 

de  852. 
roe  339,  352. 
mar  339,  852. 
mit  839,  352. 


14)  Schwedisch. 

löftesmann  112. 

15)  Dinlsch. 

kttlling  238. 


464 


Worti«gister. 


l )  Altgrieohuch. 

ayav  456, 

a<y^o^  187. 

lakoD.  annvQ   IS 6. 

akriTor  (Hes.)  137. 

Hol.  ähnna  10. 

ä^a  862. 

dftfttq  845. 

a^7/?  878. 

aia;iAi7<rirw  140. 

dm<rkX(X)oq  72. 

dnoftvaatü  19. 

an:7^7a  (Hes.)   189. 

ä^oi^^oraiui;?  71. 

da/alua)  52. 

a<r/ aililo)  52. 

ai^»or  (Hes.)  187. 

avödv  54. 

at^dctf  54. 

djff  878. 
^«xAa  15. 
ßaxTijg(a  15. 
ßdxTQOv  15. 
^arycta  (Hes.)  187. 
ßotqvq  286. 
Ukon.  ßiQxioq  186. 
/9A,;^i7  22. 
ßQd^ßo^ra^iq  70. 
ßotturriffiq  (Hes.)  19. 
ßf^dxou  8. 
Hol.  /9^aico?  813. 
ßvndrti  18. 
^i/xii7?  (Hes.)  19. 
ßtaTidvtiQa  70. 
^aoTi;^  88. 
;^Z^a  24. 
^'A/yij  24. 
^'IftTToi^  (Hes.)  28. 
7^1040$  24. 
/Vi7<rtnno?  71. 
yoyyi'A^C  141. 
yvivia   140. 
lakon.  daßfXoi  186. 
^o^a  78. 
^;^«  350. 
fSaipof:  262. 
ViTo;  444. 
«i^Tat,  farai  400. 
^laui'«  188. 
»xfir  108. 
ifii  850. 
dor.  ^|U^w  146. 


B.    Griechisch. 

ffiOQtfv  (Hes.)  141. 

n  878. 

roc,  o;  218. 

*Enafivv6SoToq  71. 

^;r^  81,  263,  297. 

fnoyxoq   140. 

iQivi'vttv  411. 

f^xaros  (Hes.)  187. 

Evddfnnnoq  71. 

r/fi»'  804. 

^i?,,  212. 

lyuet;  845. 

f/Tiioloq  80. 
^Hii.at<rtoq  21 2  ff. 

^otir^iöi;  261. 

0-{}avio  437. 

^w^ia  260. 

^i';a>  262. 

Xdfiivai  108. 

if^bf;  808. 

^ofK  (beiw.  d.ei8eii8)456. 

^o;  (rost)  456. 

fffCMT»  400. 

nalvui  71. 

xaxdc  84. 

achftisch  xocXaC«»  140. 

£ai'Jalo9  72. 

KdvS»Xoq  71. 

xa^Ti'O^  9. 

xa^noc  211. 

xa^ü'i'Of  415. 

Kaaadvd{^a  70. 

JiCaa^i^neta  70. 

Xa<7rMxy€ft^a  70. 

xai'lo;  141. 

xc^ara»,  xfaraft  400. 

xe^aio,  xiaxo  400. 

xiAci/^oc  307. 

xclfi/crraviu^  70. 

xtXtvatMia  70. 

Xei-Tai'^o?  71. 

xiiixoq  (Hes.)  21. 

xaAi£  137. 

xXUfü  23. 

xUru«  28. 

XO;';|fOC  487. 

xoxxoq  4. 

X0|ii«ir   112. 

X0|M1/    112. 

xö^al  21. 

xo^cui-i;  21. 

Koqxo(joq  21. 

xoirxrl/taTta  261. 


xoTTara  5. 

XOT1U17  89,  188 

lakon.  xoirai'a  (manuscr. 
xovafia)  186. 

xgdl^Wi  xixQaya  21. 

xf^dfißif   138. 

x^f'ac  140. 

x^«/TTa>r  287. 

x^i^i7  487. 

XQtal^ia  21. 

xt-^TOf,  xr^Tjj  261. 

Xayaf^oq  811. 

ia/cMTcrow  811. 

Xayytvii  811. 

Aa^ro?  811. 

Aax^?  818. 

U7€»r  118. 

A«»i5  10. 

Xinoq  118. 

%»  311  ff. 

lijror  413. 

XkTiagriq  10. 

A/äo?  10. 

XCq,  XiToq  23. 
Ätaffo«  23. 
X^Toq  28. 
lo^do;  416. 
At;/aio$  78. 
AvTt^Qffaq  70. 

üfatjuaxTi/s  71. 
/ia^fidaao»  71. 
Mcufid/ffq  71. 
/uouexoar,  ftaxodr 
ftaXax'^  414. 
fidXßcuta  414. 
fidcffta  5. 

^aTTi;a,  ^aTTt'i;  5. 
fiaxTifiq  5. 

^act'a»,i/arTt'a»(Hes.)  7. 
/uci^wv  287. 
fiflov  456. 
^a^ii;  414. 
^fia  362. 

/i6i)<TifiO&  (Hes.)  141. 
^0^6?  (Hes.)  141, 
lakon.  ^ot'ia  189. 
fivxjiq,  /ivxfiros  19,  20. 
fiVKoq  19,  20. 

^t'XTl)^    19. 

|Mi)£a  19. 
fjivqfirfi  261. 
lakon.  ^v^Toiil^  136. 
fiuxdoficu  14. 


xir  14. 


Wortregifiter. 


465 


fl^KO^    14. 

fumHOQ  14. 
v4fntw  805. 
irflqpof  444. 
90fA0^   805. 
rvfttf^fi  889. 
eJ90c  11. 
6  874  f. 
0|7ri7(»oc  140. 
oyMoq  140. 
o/xi<Ao9  140. 
oifo;  88. 
opv^  487. 
ol^rij  85. 
o^vq  35. 
on(a9m  878. 
ono«  20. 
09x17  (Hes.)  187. 
^OgaCXoxoqr  70. 
*0^»Tao;ro?  70. 
oc  (demonstr.)  875. 
oifiaii  262. 
ovKtf,  oiiTo»?  897. 
navoq  416. 
ncMTxoc  416. 
n*Q  87. 
Hi^iiAcoic  71. 

nni'^w  6. 
ffi}vo$  8. 
ntitiq  415. 
9i^y(s|  456. 
tcAaTv?  (salzig)  415. 
nXiiav  456. 
nXfja/ia  (same)  415. 
3il^4>o«  299,  444. 
noXvq  286. 
n^our*»  418. 
9iMu<a*ya>  415. 
ngtifffta  415. 

TT^lrOQ    188. 

n^oat»,  9r^o<r<rM  878. 
n^ontalXaoq  72. 
nQtmrvia  72. 
ffTf^oi'  28. 
^yrvfn  811  ff. 
pijyo;  818. 
<ya/ij  2. 
eayfiu  1»  2. 
aayoq  2.    . 
iraxxoc  2. 
<rrc«oc  2. 
kaiyst.  aaqfAoi  187. 

(TOTTW    1|  2. 

WZ.  a/7c^  487. 

Zeitacbr.  f.  ygl.sprachf. 


(riV»  262. 

lakon.  anqfioi  187. 

«riyjTw  12. 

«r/lfii'^o?  72. 

ünalXi»  261. 

<r»cvn{c<i'  259. 

tfir/9>o«  (Hes.)  11. 

^»i^XiliM  261. 

<rxi/loir  261. 

«ro^o;  199  ff. 

<r:i/ilc^o;  261. 

Oitoyyoq  486  f. 

<rnoAa;  261. 

<rnvga&oq  261. 

aff^Lpw  6. 

(Ti^o^oc  5. 

irrvnfi,  avvnnfi  12. 

<rTt;9c;rcu>v  12. 

ffTV9/9a2;«i  261. 

«riv^w  12. 

avyxv^la  140. 

«rvxoy  21.  ^• 

iFvXdw  261. 

<n'9/?i}  261. 

aq>aXXw  486  f. 

tf^cdayo;  815. 

Offiirdorri  299. 

aqioyyoq  486. 

oqiodqtq  815. 

ir^of  212. 

«rw^R^tt»!'  71. 

ttol.  Ta/i;  (^  TaO  ^46. 

Toila/^^^aH'  69. 

ToXaufltpqw»  69. 

T/rd«  261. 

tU^i;  80. 

1^9)17  80. 

T»'fOC  80. 

ttol.  rolq  (s=3  TOuO  ^^5. 

ttol.  dor.  %vKOP  21. 

vanivB-oq  18,  14. 

1/A17  262. 

lUa  262. 

tfjid  29,  81. 

vntuiq  29. 

vmtgala  140. 

WZ.  vo)  288. 

9)a90(,  qpci^o?  6. 

i^lXoq  415. 

^o^ci^Q  261. 

q>0(fvpw  261. 

909 v;  261. 

^lUZor  261. 

q>vQto  261. 

(pvcxfi  187. 

xvni.  6. 


j^ooc  160. 

j^icui  160. 

Xttd  160. 

jlf^o^Jo^  818. 

urv/1}  (sohmetterling)  187. 

iixviviv^C  27. 

«XVJSTCOOC   S7« 

«»VC  85« 
«c  864. 

2)  levKrieohiieh. 

NB.  Die  Wörter,  bei  de- 
nen der  dialekt  nicht  be- 
flonders  angegeben  ist. 
Bind  mit  ananahme  der 
mit  einem  steme  bezeich- 
neten tzakoniech. 

n6tqi  187«^ 
aS(fd  187,  188. 
kypr.  adf^oq  188. 
d&fi  (i.  e.  1x^0  ^89, 140. 
dd-vui  (i.  e.  d&uk)  189, 

140. 
axxo  186. 

aXifza  187.  ^-^*»*v. 

dporavla  140. 
dnouxaXi  140. 
/SSnyyf   187. 
ßaUdov  189. 
ßt^döi  186. 
ßividffMa  142. 
^ot)l<  188. 
T'a^o  188. 
maked.  ^«'ai'to  140. 
VovAa  141. 
*rovX(  141. 
^^'ttiWa  140. 
da/?€l<  186. 
Si  fii  146. 
V^'xaTC  187. 
fyxov  189. 
^{oxa  189. 

*(txyw  («=■  Sfix^v)  114. 
^/u/ov  146. 
^naM^ttxa  141. 
^aT^e  142. 
V^^o«  114. 
*f(lXOVfiak  115. 
•Ea^Jo«  188. 
CatKxov  189. 
Caot;   189. 
itfifidQwa  142. 
♦,5  (altgr.  aO  145. 
*'^4  (=  ^^Ae»>  114. 

30 


466 


WortetgiMer. 


&IU  UO. 
""BiaXooq  114. 
nafixat  189. 
♦xaT^iic*  189. 
naxctvov  189. 
sttdit  gr.  ktcei   189. 
niXXa  142. 
xxtooiiila  188. 
•noqSi^v»  188. 
xo^Jovxxot'  188. 
Kovßapt  18(* 
xovJUUxa  137. 
xouTOulc  188. 
ugafißvvPi  188. 
kiet.x^a^TKOi/Tfffsi'a  13$. 
»«/<   140. 
*idfjiv^   188. 
Aa<po^a  142. 
*lttonQiPoq  188. 
♦A/«   114. 
n/^a  188. 
n«^aC«i  188. 
n»  114. 
*^«iT*  114. 
/<eli}^xoii'»  189. 
^i  146,  146. 
^wC«  188,  189. 
sttdit.  gr.  finiidSi,  189. 
kypr.  ^iT^^?  188,  189. 
^ov^a  188. 


I  ftoitrdov   188. 
'  */ioi'rev;|ro?   188. 
fAOvyrciXia  186. 

^>  flOVf^lxKOV    141. 

ftnXfyyov  140. 

finoQTixf  188. 
I  fiinovaC,  (Anal   139. 
I  *ftvya  188. 
I  yarvaxa   142. 

^yaroi'p^w   142. 

W  146. 
I  fO*oi;   189. 
l*ol/o«  114. 

ooxo  187. 

ov^*    140. 

7xa*il^ayoi'   141. 

Tioumxxov   141. 

*n^«  (=  «tjioiy«»?)   114. 

7ff()atxxoi>   141. 

7lt(^OV    141. 

*7f(^7raia^  114. 
^TTcrailor'Ja  187. 
*nov(fvaQ^  138. 
*nQaftfiaja  116. 
♦Wväia   113—118. 
n^t»*«^»  188. 
^rr^ivoxoxxta   188. 
*n^6aJov  114. 
*^turacu    114. 
*aaytorf  «rcc/ceix»  142. 


,  <Fäyo   142. 

*axovTiXa  188, 
I  (Tx^^tti  avxQla  140. 
'*ff/ilyw  114. 
'  ffoftain  137. 
I  sUdit.  gr.  suspirevo  141. 

♦ffÄir»  142. 

*<r/«^^x»a  114. 

*<r/ctf^^M    114. 

xa^?  (altgr.  •ni<j)  145. 

T^axwr^a,  TCaxoiFf « 148. 

*i}i^  144. 

Tf/,  Ti}(»  144  f.  (i»t  loi^i 
zu  achreiben  145). 

alUthen.  117;  144. 

ror,  TOi«^  144. 

10 V  (altgr.  Tor)   146. 

kret.  Tiri;   144. 

ral  139. 

*9a;t«v  (=3  7  di/itf/ic»»)  1 14 . 

ifovxxa  137. 

*90v<rxa  187. 

90i;Tirfa  139,  140. 

Xa/ieXi  138. 

*;|ra^i7lb<;   138. 
.  */a/iffijlo?  138. 
I  ifftovxuQovda   187. 
!  *^ffvxot(f-  137. 
1  ^i/zi/jt^^^ov^'»  137. 


C.    Albanesisch. 


bi]]Jdka   142. 
bitsi  139. 
borige  188. 
eigjent  142. 
^  etseig  139. 
grabii  138. 


guli   188. 
kapsoig  189. 
katsi,  ketsi   139. 
raelingore ,  meiingone  189. 
ment  138. 
mft«    189. 


miza   138. 
morti   141. 
njo  139. 
stjegula  188. 
tse,  tsi  139. 
wajtoig  189. 


D.    Italische  sprachen. 


1)  Uteipisch. 

abies  299. 
abB  378. 
ac  82,  867. 
accipiter  27,  28. 
acervns  291. 
acidoB  86. 
acie«  201. 


:  acutnen  28. 

,  acuo  28. 

'  acapedins  28. 

acoB  (schneUigkeit)  28. 
i  acas  (nadel)  IB. 
,ad  81. 

Adauta  88. 

adgrettus,  adgretus 32,  H6, 

aegrotns  205. 


aequuB  303. 

af  298. 

WZ.  ag  241;  in  composi- 

tis  210,  vgl.  815. 
ancora  259. 
apere  160. 
apinda,  apploda   12. 
apud  160. 
aquifolin.«!  28. 


Wortregister. 


467 


aquila  28. 

aqiiipenser  28. 

arca  200. 

arcere  200. 

Argen tin US  454. 

arguo  25,  288. 

argtttos  26. 

arx  200. 

ast  888. 

atqae  82,  867. 

atU  (Väterchen)  7. 

atta  (der   auf  den   fufs- 

sohlen  geht)  89. 
attegia  82. 
uutor  38. 
baca,  bacca  14. 
baccalia  16. 
bacc(h)ar  8. 
baccina  16. 
baculum  15. 
balo  22. 
beccuB  4. 
Beneditus  38. 
blatero  22. 
blatta  (schabe)  86. 
blatta  (purpnr)  89. 
blattio,  blatio  22. 
Bonifacius ,      Bonifatius 

297. 
bracca,  braca  8,  9. 
bubile  108. 
Bubona  108. 
bubsequa   108. 
Buca  18. 
bncca   18,  19. 
bucco  18. 

bucina,  buccina  18. 
callis  307. 
candeo  72. 
Candidas  72. 
calere  211,  260. 
capis  202. 
catU  26. 
catnlus  26. 

catns  (i.  e.  acutus)  248. 
catus,  cattus  26. 
caulis  141. 
causa  287. 
cavea  160. 
cera  807. 

Ceres,  Cercris  211. 
cerroy  cerritus  415. 
cette  82. 

CipuSy  Cippas  1 1 . 
cippus  10. 


clino  23. 

coccum  4. 

coctana  5,  24,  84. 

codex  802. 

colina  260. 

commingo  20. 

comperco   160. 

conctos  258. 

condnmnari  287. 

confestim  815.    0 

conforio  261. 

congins  487. 

connus  259. 

consnl  287. 

consulo  287. 

corayeront  259. 

comix  21. 

corrupio,  corripio  287. 

corvus  21. 

cosniitto  86. 

cotidie,  cottidie  25. 

cotonea  259. 

cottana,  co(t)tona  5,  34. 

cotnmium  89. 

cracca  16. 

cracentes  16,  21. 

cras  140. 

crates  261. 

crocatio  21. 

crocio  2t. 

crocito  21. 

cujus  802. 

culina  260. 

cupio  II,  12. 

cuppes,  cuppedo    1 1  f. 

custo.s  205. 

WZ.  -da  (condere  u.  s.  w.) 

443. 
DEDA  300. 
delicare  207. 
delirus,  delirare  u.  b.  «r. 

412. 
diee  294. 
dies  444. 
dissipat  '29. 
diu  301. 
dins  300. 
dives  12. 

domos  (gen.  sg.)  260. 
duuDiTinim  801. 
ecastOT  27. 
ecce  27,  87. 
eccere  27. 
ecquis  u.  s.  w.  87. 
ego  350. 


emnngo  19. 
'  enim   196. 

Epona  160. 

eqairine  27. 
1  erodiU  259. 

ex  878. 

exfociont  258. 
;facere  448. 

fallo  298,  486  f. 
'fames  442. 
!famuluB  298. 
i'fastidiom  315. 
j  fastigium  315. 

Tastigo  816. 
'fasttts  815. 

fateri  205,  248. 

fatisco  160. 

t'aveo  415. 

favissae  160. 

♦feo  298. 

festino  316. 

ilacctts  16,  17,  26. 

flagro  16. 

flare  261. 

flavns  16. 

ilecto  36. 

flexumines  802. 

fiexuntes  302. 

flocces  26,  27. 

floccns  26,  27. 

ilnere  288. 

focue  262,  805. 

folium  261. 

fons  260. 

fore  260,  298,  805,  810. 

forem  260,  298. 

fores  260. 

foria  261. 

Tormica  261. 

Fortona  260. 

fovea  160. 

foveo  305. 

fraceo  26. 

fraces  26' 

fragesco  26. 
'  fraus  437. 

frendo  813. 

friare  442. 
!  friguttlo  7. 
Ifrundes  260. 
Ifhinte  260. 

funda  299. 

fungus  436  f. 
Ifunte  260. 
jftirfur  313. 

30* 


468 


Wortregiiter. 


lüuimias  801. 
glis,  glitis  28. 
glittiu  (Paul,  gilttis;  rar. 
glutis,  gUctis)  S8,  24. 
I^oria  11. 
gluo  S4. 
glas  24.      * 
glnten  24. 
C^atinum  24. 
glatio,  ginttio  24,  25. 
gltttns,  glattes  24. 
gncilis  16,  21. 
gimeillo  21. 

gracaltts,  gracculus  21. 
grandit  180. 
grocoio  21. 
groma  289. 
gabemator  89, 
gola  24. 
gorgnlio  89. 
gntto  88. 
gutta  88. 
gattttr  88. 
gnttnniiiun  89. 
guttBS  89. 
habere  249. 
hice^  hicce  8,  27. 
hoc  82. 
homo  282. 
hordeum  487,  441. 
ht^ns  802. 
illnstris  268. 
imiteri  808. 
Imperator  195. 
mfestttB  814. 
inglayiea  24. 
insipat  29. 
interdla  801. 
interdins  800. 
invitare  297. 
invitua  296,  297. 
iste  888. 
jacio  806. 

jociu  288,  298«  805. 
jogalis  259. 
jonbere  109. 
juba  109. 
jubar  108,  109. 
jabeo  109  ff.,  160. 
jangere  160. 
Juppiter  8. 
javare  109  ff. 
jayenta  465. 
jiixta'160. 
labor  289. 


laedere  808. 

lamentem  28. 

laDgneo  811. 

lappa  10. 

latus  28. 

laurea  142. 

laus  28. 

lex  806. 

libet  12., 

lioeri  i07. 

licet  207. 

limas  28. 

lippoa  10,  28. 

lira  412. 

llttera,  litera  28. 

litoB,  liUoB  22,  28. 

locus  210. 

loDgns  442. 

prftnest.  losna  259. 

labet  12. 

InpuB  159. 

lympha,  lumpa  289. 

maccas  14. 

macistratoB  258. 

mactea  4,  24,  84. 

macto  5. 

madeo  86. 

inadldos  86. 

maWa  414. 

mango  169. 

manifestas  315. 

mappa  5. 

inatta  4. 

mattea,  mattya  4,  88. 

mattici  6. 

mattas,  matos  86. 

mavolo  804. 

Mavora  804. 

me  850. 

memoria    (  grabdenkmal ) 

198. 
milium  414. 
miseret  808. 
mitto  86. 
molocrum  259. 
moneta  (appellativ)  806. 
mucor,  maccor  19,  20. 
mucos,  macctis  19. 
moscerda  25. 
(g)nascor  25. 
necessarios  160. 
necessitedo  160. 
necto  86,  160. 
Nero  458. 
nimis  456. 


Dimios  456. 

nitor  22. 

nizns  22. 

Nodotns  205. 

DOS  860. 

nubes  444. 

nacquam  87. 

nomenu  805. 

nammos  805. 

nuper  87. 

ob  81,  268,  297. 

obsipat  29. 

occa  85. 

occo  85. 

ocior  28,  86. 

ocalas  85. 

ostendo  86. 

padsci  241. 

pango  241. 

pannas  6. 

pappa  7. 

Parca  160. 

pario  6. 

paro  6. 

pavere  808. 

pecco  84,  85. 

pecto  36. 

pectos  28. 

peUo  141. 

pejor,  peaaimas  84,  86. 

pendere  299. 

-per  87. 

perdo  84. 

pessum  dare,  p.  ire  85. 

pinus  12. 

pios  198. 

placare  804. 

plango  241. 

plaado  12. 

plebes  299,  444. 

plecio  86. 

plisima  456. 

pluueram  810- 

polliceri  207. 

Poloces  259. 

popina  159. 

populos  805. 

por  260. 

porca  (ackerbeet)  418. 

porcere  160. 

porricere  207. 

Posilla  259. 

precari  804. 

prisciu  466. 

pristiniu  466. 


promellere  297. 
promnlcum  297. 
promulgare  297. 
prope  159,  160. 
propinqnaB  160. 
Proaerpina ,     Prosepnais 

801. 
prozimns  169,  160. 
pndet  808. 
pnlex  80. 
piuus  189. 
pnteuB  79. 
qaattaor  26. 
qnicqiiam  82. 
quippe  82. 
quippiam  82. 
qaisquiliae  261. 
qaot  25. 

qnotannis  299,  800. 
qnotidie  25,  299,  800. 
recddi  8. 
religio  806. 
remnlcnm  297. 
repperi  8. 
rettali  8. 
rez  806. 
robigo  258. 

Roma,  Boama  259,  294. 
rofiis  448. 
rutilns  448. 
Saccus  1 — 8,  88. 
saeculcm  804. 
sagitta  294. 
sagum  1,  88. 
salpicta,    salapitta,    eal- 

pitta  88  f.,  89. 
salvus  200. 
sapa  12,  20. 
sapinns,  sappinus  12. 
8apo  12. 
sarcire  200. 
sarte  900. 
Satnrniis,   8AIITVRNVS 

806. 
Bclis  440. 
scloppns  7. 
Bcortam  262. 
scQtella  188. 
Becare  804. 
secQS  296. 
sedeB  444. 
seUa  262. 
semper  87. 
seruB  807. 
sesconciam  260. 


Wortregister. 

469 

setitis  296. 

unguis  487. 

siccuB  17. 

▼acca  18. 

Silva  262. 

vaccinium  13,  14. 

soboles  260. 

vacillo,  vaccillo  25. 

vafer  288. 

solea  262. 

vagio  18. 

solidus  200,  262. 

Valium  206. 

solitim  200,  262. 

valvoluB  206. 

soUistimiim  200. 

vapidus  9. 

Bollna  200. 

vapor  9. 

BOlam  262. 

vappa  9. 

sortns  269. 

vappo  80. 

spes-  487. 

Venus  807. 

Bpoliare  261. 

venustus  807. 

spolium  261. 

verus  807. 

stipa  12. 

vespa  81. 

Btipo  12. 

vincio  22. 

stliB  440. 

vinculnm  22. 

süoppus  7. 

vis  (du  willst)  801. 

Btodia  269. 

vita  28. 

stolidüB  86. 

vitare  297. 

stroppns  5. 

viUs  22. 

struppuB  5. 

Vitorius,  -a  38. 

stultas  86. 

vitta  22. 

Btupa,  Btuppa  12. 

vocatio  (==  vacatio)  286 

saad  244. 

vocivus  286. 

sab  29,  31. 

volva  206. 

snccerda  26. 

voto  (=s  veto)  286. 

saccidia  81. 

Vulcanus  215. 

sucala  25. 

sacns,  succns  20. 
sncinnm,  snccinnm  21. 

2)  ItaUenisch. 

sugo  20. 

crai  140. 

snpat  29. 

calabr.  nacare  142. 

super  29. 

nannare  142. 

superos  29. 

pescrai,  pescherai  140. 

supinus  29. 

sajo  142. 

snppiis  (wurf  im  Würfel- 

scodella 188. 

spiel)  29. 

suppus  (rttckgeneigt)  29. 

3)  franxSfUeh. 

snpparus,  -um  5,  6. 

chou  141. 

snstineo  86. 
taedet  808. 

sept  84. 
sous  84. 

tarn  87. 

tappula,  tapulla  7. 
Tappulus,  -a  8. 

4)  Umbrisch. 

te  850. 

enem,  eine  196  f. 

tip(p)ula  29,  80. 

habe,  habetu  249. 

Tities  802. 

beriiei  248. 

topper  37. 

kapire,  capif  202. 

tondeo  261. 

nesimo  160. 

triticum  448. 

persklo-  440. 

tugurium  82. 

pihatu  u.  s.  w.  198. 

tum  87. 

siom  850. 

turbare  261. 

tiom  860. 

470 


Wortregister. 


5)  Oskisch.  Sabellisch. 
Yotekisoh. 

NB.    Die  unbezeichneten 
vrörter  sind  oskisch. 

acum  241. 

sab.  aisos  808. 

amfret  248. 

ArAv<rxh[rofi]l9%l9B. 

ßqarwfi  194  f. 

dlumpa  289. 

ftvlttfil  196  f. 

eftans  249. 

embratur  196. 

iffot  191. 

fatiom  248. 

fefaeust  811. 

Genetaf  249. 


heriiad  248. 
hipid,  hipust  249. 
{nfm,  in|im|   196  f. 
{dU  inf  196  f. 
ITo/a;  194,  242  f. 
xaniäicinft   202  f. 
xw  .  axfQfi^  241. 
kuxfix   207  f. 
IHatud  <207. 
lioxaxf^r  241. 
LucetiuB  249. 
Maiiof,    Mahiis   u.  s 

244. 
Harai  242. 
Maraiicis  242. 
Maraies  242. 
Maras  194,  243. 
Meiaian[ai]  243. 
memnim  197. 


ola  198. 
patensins  297. 
altsab.  peien  198. 
pestlo-  440. 
piibiof  198. 
volsk.  pihom  198. 
alUab.  pio  198. 
nur  191. 

potiad,  potfana  248. 
Puntols  242. 
Salavs  200. 
Sestes  255,  256. 
aororom  199  ff. 
svam  244. 
Tanas  194,  248. 
Trebs,  Treblts  264. 
F^Q^re^<;   187  f. 
Vfrrfis  188. 
J^oXkof-mfi  204  ff. 


E.    Arische  sprachen. 


1 )  Sanskrit. 

akar,  akat  879. 

akrthSe,  akfta  397. 

aksi  85. 

äti  31. 

aditbäs,  adita  397. 

adahra  401. 

adf^raro  401. 

ana  844. 

apadran  89. 

äpf^it  64. 

api  268,  297. 

abhä^i,  abhan^i  880. 

ama  344,  366. 

amS  844. 

amSt  844. 

arai,  araüa  u.  s.  w.  356. 

ajam,  ijam  344,  382. 

WZ.  ardh  299. 

alfbhi,  alambbi  380. 

avajss  880. 

avavftranta  401. 

avas-  373. 

avri  (wz.  var)  897. 

a^arSit  58. 

äfvamisti  70. 

WZ.  as  882  f. 

äsaparjiit  58. 

isa  881  ff. 

asora  882. 


asSa  344,  381  ff. 

asUvIt  54. 

asthiran  402. 

asma  845,  368. 

asmäbhis  351,  872« 

aham  345. 

ahraja  65. 

adam  396. 

Sdi  (wz.  dS)  396. 

S9Dpdtvan  27. 

äs  iwz.  as)  381. 

Ssate  400. 

1,  i  (interjection)  869. 

itjSi  81. 

idam  331. 

imani  381,  368. 

ijant  866. 

ijam  868. 

isira  803. 

istäje  81. 

WZ.  iks  88. 

im,  I  367  f. 

ivant  866. 

uksan   18. 

upa  263,  297. 

upaja4  380. 

uparis-  873. 

Q pilaris  54. 

ulkfi  215. 
,  usädbbis  211. 
'  us^ar  18. 


et  871. 

eUri  368,  407. 

WZ.  Sdh  299. 

edhi  287. 

eva  (gang)  303. 

kati  25. 

katbs  (ved.  für  kath&m) 

826. 
WZ.  kar  85. 
WZ.  kart  261. 
kartan  868. 
WZ.  kars,  kfs  211. 
karava  21.^ 
kSrfja,  kSrsja  16. 
kijant  866. 
kivant  366. 
kiipjSmi   12. 
krkana  21. 
kpkara  21. 
krkavska  21. 
kryd  16. 
kf9JSmi   16. 
krsna  416. 
k^^ati  411. 
krakara  21. 
kramim  407. 
gadgada  35. 
gala  24. 
g^vis^i  70. 
girati,  giUti  24. 
gum  286. 


Wortregister. 


471 


guhS  (adv.)  865. 

gÖsSti  70. 

WZ.  ghars  441. 

WZ.  gbus  88. 

katur  373. 

WZ.  Itand  72. 

WZ.  Kar  S07. 

ItSrijSi  85. 

Kira  807. 

^thara  88. 

iigSmi  880. 

gisi  81. 

^sSmi  88. 

takav&na  411. 

taksan  18. 

tanvl  407. 

tava  361. 

tiHliSmi  880. 

turvi^e  82. 

WZ.  trS  443. 

tris  878. 

WZ.  tvar  261. 

tras^r  18. 

dar,  dart  878,  879. 

dftivara  70. 

dsdhsra  410. 

dimane  82. 

diranS  82. 

dirgha  218,  442. 

WZ.  du  (gehen)  y07. 

dfira  807. 

drfijS  81. 

drSghijas,  drSghistha  218. 

drSvaka  307. 

dvi-  346. 

dvis  878. 

dhSnnanS  82. 

WZ.  dhan  814. 

dhArya96  82. 

dhinStari  868,  407. 

WZ.  dhvar  261. 

nakha  487. 

nadjsia  872. 

WS.  nabh  305. 

nabhas  444. 

niprijSjitS  58. 

nira^ajit  58. 

panka  416. 

pa(a  415. 

patra  28. 

p^jatS  35. 

pirifarit  54. 

pariB-  878. 

WZ.  parK  160. 

WZ.  pi  (trocknen)  416. 


p&Bu,  päsuka  416. 

pSpd  34. 

pitarati  411. 

pinfika  415. 
<  pitttje  81. 

puru,  paln  286. 
I  purüravas  58. 

\  pUBJ^g    81. 

WZ.  pü   193. 

pliban  80. 

WZ.  psS  442. 

psfita  442. 

bäkura  15. 

WZ.  bandh  365. 

bSkiirä  15. 

WZ.  bukk  18. 

bukkana  18. 

bukkSra  18. 

WZ.  bhaks   14,  18. 

WZ.  bhag  14,  18. 

bharerata  401. 

bhärma^e  82. 

bhavila  415. 

WZ.  bhas  442. 

bhasita  442. 

bhasman  442. 

bhasmasiS  864. 

bhSTajSmi  (pflegen,  f5r- 
dem)  415. 

WZ.  bhid  365. 

WZ.  bhl  366. 

WZ.  bbu^  18. 

bhrgaväna  411. 

bhrsti  815. 

bhSridhrat  78. 

bbra'9at9  16. 

bhrd9jati,  bh^^'ati   16. 

mattä  86. 

mathnSmi  86. 

madhjS  (adv.)  865. 
I  mamat  850,  851. 
I  mamva,  mamvaka  414. 
I  mSm  850. 
.milkha  18. 

I  WZ.  muK,  munkfimi   19. 
;meghä  20. 
•  m^hämi  20. 
I  WZ.  mraks  38. 
ija^ithsja  82. 
IjäviBtha  212  ff. 
Ijavisthja  214. 
Ijavijaa  218. 
Ijndhäje  81. 

jdvan  212  ff. 

jnsma  868. 


jnsmfibhis  850,  372. 
'  ra^s  78. 
I  ratharjftmi  53. 
'  rantidiva  70. 

WZ.  rabh  289. 

rasa  366. 

rä^an  306. 

retas  28. 
,  WZ.  labh  289. 
I  WZ.  likh  22,  28. 
<lipi  23. 
]  WZ.  11  22. 
Hepa  10. 
jlöhitati  411. 
j  WZ.  vak  (vfivakre)  26. 
I  vaktari  368. 
I  vatea  18. 
I  WZ.  vad  55. 
I  vadhim  407. 
I  vajim  847. 

WZ.  var  (bedecken")  206, 
I      307. 

vara94a  206. 

varkas  215. 

vavftran  401. 

WZ.   vaB  (bleiben,   eein) 
807. 

vasants  (im  frUhling)865. 

väfä  13. 

yS9ati  13. 

vS9rä  13. 

vftudsjasi  54. 

Vidmdne  82,  103. 

vidrate  400. 

visjgiayi  361,  866. 

Vita  (geliebt,  erwttnscht) 
296. 

vit^'S  81. 

9ankha  487. 

9arid  211. 

9arSit,  v{  9ärai8  58. 

9iprä  11. 

9U8ka  17. 

9eratS,  a9Srata  400. 

9rtd  211. 

9^pa  11. 

WZ.  9rath  261. 

wz;  9rä,   9räi,  9x5  (9ar) 
211. 

9röta8  28. 

ea  (pron.  itamm)    864, 
878,  388. 

sa  (nom.  sg.)  874  f. 

sakS  868. 

WZ.  sad  (gehen)  88. 


472 


Wortregister. 


ftadaa  444. 
WZ.  sap  88. 
aapAfjSmi  68. 
Mbhi  804. 
Mbh^ja  212. 
aain  863. 
868. 
(adv.)  866. 
WS.  aar  807. 
■arasi  868. 
Murva  200. 
Bavitar  806. 
aas,  80  (st.  Ba)  874  f. 
sasmin  864. 
WZ.  sah  804. 
sahas  62. 

sä  (sss  sa,  sas)  876. 
sätäye  81. 
sänavi  861,  866. 
sSd5  861. 
sikaU  17. 
sima  868. 
ridati  806. 
sfinaW  861,  866. 
WZ.  skfi  261. 
sthavljas,  sthaviafha  218. 
sthfUa  218. 
WZ.  spand  299. 
sma  868,  862  f. 
smil  862. 
smaa  861. 
WZ.  am  106. 
srötas  28. 


sTa  212. 
ha  846. 
hi  846. 
WZ.  hu  88. 

hrviji^  ^^• 

hrvisS  (flu  hvpfii^)  66. 

h6  (wz.  aa)  400. 


2)PUi. 

amhe  861. 
tamhe  862. 
majam  889,  861. 


3)  Altpenisch. 

ak'unaoa  897. 
adarsnans  897. 
abis  878. 
drafiga  442. 
patis  878. 


4)  AltbaktriselL 

apasa  878. 
ahma  846. 
ti  869  f. 
ftis  872. 
Im  869. 
ufbaSlbijSnii  17. 


khsma  847. 

Kathrus  878. 

sarezdan  416. 

WZ.  tns  261. 

WZ.  thrf  448. 

thrüU  448. 

thrftar  448. 

thrija  444. 

thräjödrighn  444. 

Dlo  860. 

nfm^ni,  nSm^  867. 

nfoi^nls  867. 

paitis  378. 

pairis  878. 

frasa  878. 

maf  862  f. 

javan  212. 

jfisma  847. 

jfis  849. 

raokhsna  416. 

vaeti  22. 

via  878. 

Vita,  evita  296. 

ftlraSaU  218. 

haXia  17. 

hakho  88. 

harn,  häm  862  f. 

hikn  17. 

highnu  17. 

hasko  17. 

h^  874  f. 

faS,  haflUt  876. 


F.    Lita- slawische  sprachen. 


1)  AltprenTsUolL 

kirsnan  416. 

lanxnos  416. 

iyso  418. 

mes  861. 

pannean  416. 

panno,  panustaclan  416. 

sen  862. 


2)  LtUnUch. 

ake  ja  86. 
akö'czoa  86. 
alyya  466. 


blak«  86. 
bluak  80. 
bluinia  80. 
eaml  861. 
gUtha  28. 
jtia  889. 
kitaa  26. 
krökiu  21. 
kvdpaa  9. 
lapaa  118. 
limph  10. 
lipüa  10,  28. 
lyae  413. 
malnoa  414. 
m^a  839,  861. 
86. 


pakTimph  9. 
paraz^na  464. 
parazinia  464. 
pöska  416. 
plakh  241. 
pnazinia  464. 
aakaf  12,  20. 
akeraaa  416. 
ah  362. 
Bunkh  20. 
sünkti  20. 
auph  29. 
teph  80. 
Umaoja  68. 
t&mi  861. 
▼ibalaa  80. 


▼apsä  81. 
v^tis  22. 
Zemina  454. 


3)  Lettisch. 

blaktifl  86. 
glist  28. 
glläts  28. 
gmds  24. 
jQfl  889. 
ni§8  889. 


4)  KireheiiBlawisclL 

bogomoli  66. 
bozij  65. 
bu6ati  18,  19. 
cresii  415. 
dlugota  466. 


Wortregister. 

4 

glina  24. 

SQsati  20. 

glibati  24. 

sfisicT  20. 

glutiti  26. 

svinü  464. 

jesmi  861. 

viti  22. 

kolesati  68. 

voidi  56. 

kotnka  26. 

vrabij  66. 

Ucha  418. 

vametf  86. 

ISpü  10. 

vüdodö  66. 

metn§  86. 

zeminü  464. 

mravij  65. 

my  889,  861. 

pad§  86. 
peaükü  416. 

5)  Serbteeh. 

plamy,  plamene  416. 

glib  24. 

plemf  415. 

plünota  466. 
povarij  66. 

6)  leuloYenlsch. 

sapogu  88. 

emo  861. 

Belitva  466. 

slav^  66. 
sokti  12,  20. 

7)  BBhmiBCli. 

B^jeta  465. 

Inpen  118. 

473 


O.    Keltische  sprachen. 


1)  GallUcli. 

ßi^arovdt    194  f. 
tnatara  86. 


2)  Altiri8€h. 

ammi  850. 
ammiD  849. 
br^th  194. 
ni  (nofl)  850. 


3)  Gaeltecli. 

bächar  8. 
briogais  8. 

4)  Altwetech. 

sych   17. 


A.  W.  Schade's  Bncbdrnckerei (L.  Schade)  in  Berlin,  StaUschreiberstr  47. 


Verbe88eruogeD. 

8.  17  z.  5  V.  u.  lia:  mhd. 

8.  85  z.  14  V.  u.  lia:  ega. 

0.  88  K.  10  V.  u.  lis:  ^a^haras. 

8.  54  z.  7 — 6  T.  a.  lis:  vftndsjasi. 

8.  55  s.  8  lis:  frfvajatpati. 

»..55  z.  14  Hb:  CAOBRS  11^0^%. 

8.  55  z.  2  V.  u.  lia:  Kor^n*. 

$•76  z.  9  V.  u.  lia:  parnt. 

8.  78  z.  16  V.  n.  lia:  ra^. 

8.  83  z.  18  lia:  torvifS  und  dbörvapi. 

8.  108  anm.  z.  7  v.  u.  lis:  tremolare. 

8.  191  z.  14  lis:  JSraiTifiKi. 

8.  192  z.  12  lis:  geaprochen  (statt:  geschrieben). 

8.  192  z.  l  ▼.  u.  lis:  jiv/- viTxli[voft'], 

8.  207  z.  7  ▼.  a.  setze  ein  komma  hinter:  I,  559f.). 

8.  282  z.  10  ▼.  Q.  lia:  mhd.  no. 

8.  288  z.  7  ▼.  u.  tilge  den  stem  vor:  dgyo^, 

8.  818  z.  10  lis:  Xaxic 

8.  868  z.  15  hintei:  nom.  acc.  pL  aetze  hinzn:  der  andern  genenu 

8.  858  z.  11  lis:  im  genns. 

8.  859  z.  21  hinter:  formation  aetze  hinzu:  mit  I. 

8.  861  z.  17  ▼.  o.  and  s.  866  z.  18  v.  n.  lis:  visvavi. 

8.  868  z.  15  T.  a.  lis:  ijam  tfkr:  es. 

8.  878  z.  15  ▼.  n.  lis:  paris-. 

8.  874  z.  15  lis:  sofern  sie. 

8.  875  z.  16  vor:  aus  setze  hinzn:  nach. 

8.  880  z.  15  ▼.  n.  Us:  abhad^. 

8.  896  z.  5  IIa:  perf.  itm. 

8.  898  z.  22  lis:  s  ans  t. 

8.  407  z.  16  lis:  «im  erkennen  ich  hier,  im  erkennen  dn  hier*.' 


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